Skip to main content

Full text of "Geschichte der deutschen Sprache"

See other formats


HANDBOUND 
AT  THE 

UNTVERSITY  OF 


"2 


GESCHICHTE 


DER 


DEUTSCHEN  SPRACHE 


VON 


JACOB  GRIMM. 


ERSTER    BAND. 


VIERTE  AUFLAGE. 


#' 


LEIPZIG 

VERLAG  VON  S.  HIRZEL. 

1880. 


Druck  von  Hundertstund  &  Pries  in  Leipzig. 


AN  GERVINÜS. 


Auszer  unsrer  landsmannscliaft ,  auf  die  ich  immer  noch  ein 
gutes  stück  gebe,  die  ich  jetzt  sogar  enger  geschürzt  wünsche,  hat 
in  vielen  dingen  gemeinsame  forschung  und  Sinnesart,  zu  Göttingen 
gleiches  Schicksal  uns  verbunden,  seit  Reinhart  Fuchs  nahmen  Sie 
an  meinen  arbeiten  beständig  theil  und  hielten  da3  streben  alles 
ernstes  in  unsre  spräche,  sage  und  geschichte  zu  dringen  für  ein 
unmittelbar  der  gegenwärtigen  und  künftigen  zeit  zu  gute  kommendes 
unaufschiebbares  geschäft. 

Das  buch,  mit  dessen  Zueignung,  wie  niemand  als  Ihre  liebe 
frau  weisz,  ich  mich  schon  lange  umtrug,  war  gerade  fertig,  als  die 
Verhängnisse  dieses  jahrs  herein  brachen,  die  mich,  wären  sie  vor 
dem  druck  eingetroffen,  bewogen  haben  würden  damit  ganz  zurück- 
zuhalten; jetzt  habe  ich  Ihnen  anderes  auszusprechen  als  was  mir 
sonst  angelegen  hätte,  und  den  etwas  übermütigen  ton  meiner  doch 
mit  einer  düsteren  ahnung  schlieszenden  vorrede  musz  ich  herab- 
stimmen.  denn  es  kann  kommen,  dasz  nun  lange  zeit  diese  Studien 
danieder  liegen,  bevor  das  wühlende  öffentliche  geräusch  ihnen  wie- 
der räum  gestatten  wird;  sie  müssen  uns  dann  wie  ein  edler  und 
milder  träum  hinter  uns  stehender  Jugend  gemuten,  wenn  ans  ohr 
der  wachenden  ein  roher  wahn  schlägt,  alle  unsere  geschichte  von 
Arminius  an  sei  als  unnütz  der  Vergessenheit  zu  übergeben  und  blosz 
am  eingebildeten  recht  der  kurzen  spanne  unserer  zeit  mit  dem  hef- 
tigsten ansprach  zu  hängen,  solcher  gesinnung  ist  im  höchsten  grade 
einerlei,  ob  Geten  und  Gothen  jemals  gewesen  seien,  ob  Luther  in 
Deutschland  eine  feste  macht  des  glaubens  angefacht  oder  vor  hun- 
dert Jahren  Friedrich  der  grosze  Preuszen  erhoben  habe,  das  sie  mit 
allen  mittein  erniedrigen  möchten,  da  doch  unsrer  stärke  hofnung 
auf  ihm  ruht,  gleichviel,  ob  sie  fortan  Deutsche  heiszen  oder  Polen 
und  Franzosen,  gelüstet  diese  selbstsüchtigen  nach  dem  bodenlosen 
meer  einer  allgemeinheit,  das  alle  länder  überfluten  soll. 


Wie  verschieden  davon  war  Ihre  von  jeher  politische,  aber  für 
die  herlichkeit  des  lebendigen  Vaterlandes  streitende  richtung.  Ihre 
geschichte  der  poesie  legt  immer  den  maszstab  an  die  dichter,  ob 
sie  es  auferbaut  und  des  volks  geistigen  fortschritt  in  der  seele  em- 
pfunden und  gepflegt  haben,  sogar  für  die  thierfabel  geht  das  sitt- 
liche beispiel  oder  auch  die  satire  Ihnen  über  das  weichere  epische 
leben,  wobei  ich  doch  beherzigte,  dasz  es  im  gegensatz  zum  offenen 
bekenntnis,  auch  eine  stille,  alles  epimythiums  entrathende  förderung 
des  volks  gibt,  und  einige  Ihrer  urtheile  über  Göthe  schienen  mir 
ungerecht,  in  dessen  Jugend  und  blute  kein  deutscher  aufschwung  fiel, 
dessen  alter  die  politik  müde  sein  muste,  und  der  doch  so  gesungen  hat, 
dasz  ohne  ihn  wir  uns  nicht  einmal  recht  als  Deutsche  fühlen  könnten, 
so  stark  ist  diese  heimliche  gewalt  vaterländischer  spräche  und  dichtung. 

Jetzt  haben  wir  das  politische  im  überschwank,  und  während 
von  des  volks  freiheit,  die  nichts  mehr  hindern  kann,  die  vögel  auf 
dem  dach  zwitschern,  seiner  heiszersehnten  uns  allein  macht  verleihen- 
den einheit  kaum  den  schatten,  o  dasz  sie  bald  nahe  und  nimmer 
von  uns  weiche. 

In  wie  ungelegner  zeit  nun  mein  buch  erscheine,  das  vom  vor- 
gesteckten ziel  sich  nicht  abwandte,  ist  es  doch,  wer  aus  seinem  inhalt 
aufgäbe  und  gefahr  des  Vaterlandes  ermessen  will,  durch  und  durch 
politisch,  es  lehrt,  dasz  unser  volk  nach  dem  abgeschüttelten  joch 
der  Römer  seinen  namen  und  seine  frische  freiheit  zu  den  Romanen 
in  Gallien,  Italien,  Spanien  und  Britannien  getragen,  mit  seiner  vollen 
kraft  allein  den  sieg  des  christenthums  entschieden  und  sich  als  un- 
durchbrechlichen  dämm  gegen  die  ungestüm  nachrückenden  Slaven  in 
Europas  mitte  aufgestellt  hat.  Von  ihm  zumal  gelenkt  wurden  die 
Schicksale  des  ganzen  mittelalters,  aber  welche  höhe  der  macht  wäre 
ihm  beschieden  gewesen,  hätten  Franken,  Burgunden,  Langobarden  und 
Westgothen  gleich  den  Angelsachsen  ihre  angestammte  spräche  behauptet. 


Mit  deren  aufgeben  giengen  sie  uns  und  groszentheils  sich  selbst 
verloren;  Lothringen,  Elsasz,  die  Schweiz,  Belgien  und  Holland  sind 
unserm  reich,  wir  sagen  noch  nicht  unwiderbringlich  entfremdet,  viel 
zäher  auf  ihre  muttersprache  hielten  die  Slaven  und  darum  kann  uns 
heute  ein  übermütiger  slavismus  bedrohen;  in  unserer  innersten  art 
lag  je  etwas  nachgibiges,  der  ausländischen  sitte  sich  anschmiegendes, 
sollen  wir  von  dem  fehler  bis  zuletzt  nicht  genesen? 

Der  sich  zunächst  dem  forscher  in  der  spräche  enthüllende  grund- 
satz,  dasz  zwischen  groszen  und  waltenden  Völkern  (neben  welchen 
es  jederzeit  unterwürfige  und  bewältigte  gab)  auf  die  dauer  allein  sie 
scheide,  und  anders  redende  nicht  erobert  werden  sollen,  scheint  end- 
lich die  weit  zu  durchdringen,  aber  auch  die  innern  glieder  eines 
volks  müssen  nach  dialect  und  mundart  zusammentreten  oder  geson- 
dert bleiben;  in  unserm  widernatürlich  gespaltnen  Vaterland  kann 
dies  kein  fernes,  nur  ein  nahes,  keinen  zwist,  sondern  ruhe  und  frie- 
den bringendes  ereignis  sein,  das  unsre  zeit,  wenn  irgend  eine  andere 
mit  leichter  hand  heranzuführen  berufen  ist.  Dann  mag  was  unbe- 
fugte theilung  der  fürsten,  die  ihre  leute  gleich  fahrender  habe  zu 
vererben  wähnten,  zersplitterte  wieder  verwachsen,  und  aus  vier 
stücken  ein  neues  Thüringen,  aus  zwei  hälften  ein  starkes  Hessen 
erblühen,  jeder  stamm  aber,  dessen  ehre  die  geschichte  uns  vorhält, 
dem  groszen  Deutschland  freudige  opfer  bringen. 

Mein  blick  sucht  in  lichte  zukunft  einzudringen,  wenn  auch  noch 
über  uns  schwer  ein  wölken  bedekter  himmel  steht,  und  nur  am  säum 
der  berge  die  helle  vorbricht,  vielleicht,  bevor  einige  menschenalter 
vergangen  sind,  werden  sich  nur  drei  europäische  Völker  in  die  her- 
schaft theilen :  Romanen,  Germanen,  Slaven.  Und  wie  aus  der  letzten 
feindschaft  zwischen  Schweden  und  Dänen  der  schlummernde  trieb 
ihres  engen  Verbandes  erwacht  ist,  wird  auch  unser  gegenwärtiger 
hader  mit  den  Scandinaven   sich  umwandeln  zu  brüderlichem  bunde 


zwischen  uns  und  ihnen,  welchen  der  spräche  gemeinschaft  laut  be- 
gehrt, wie  sollte  dann,  wenn  der  grosze  verein  sich  binnenmarken 
setzt,  die  streitige  halbinsel  nicht  ganz  zum  festen  lande  geschlagen 
werden,  was  geschichte,  natur  und  läge  fordert,  wie  sollten  nicht  die 
Juten  zum  alten  anschlusz  an  Angeln  und  Sachsen,  die  Dänen  zu 
dem  an  Gothen  wiederkehren?  sobald  Deutschland  sich  umgestaltet 
kann  Dänemark  unmöglich  wie  vorher  bestehn. 

Frankfurt  11.  juni  1848. 


JACOB  GEIMM. 


VORREDE  ZUR  ERSTEN  AUFLAGE. 


So  hat  es  mich  denn  betroffen,  wie  Adelung  (dem  ich  fast  nie 
nacheiferte)  gegen  seines  lebens  ende  eine  geschichte  der  deutschen 
spräche  abfaszte,  dasz  auch  ich  meine  grammatik  feiern  lassend  vor 
dem  beginn  des  angekündigten  Wörterbuchs  ein  solches  werk,  frei- 
lich in  anderm  sinn  aufgenommen  und  ausgeführt  an  das  licht  gebe. 
Als  ich  in  unsrer  academie  über  den  bei  neueren  Schriftstellern  ohne 
hinreichenden  grund  verworfnen  namen  Jornandes  zu  lesen  unter- 
nahm und  mir  fast  alle  blätter  dieses  geschichtschreibers  seine  an- 
sieht von  Gothen  und  Geten  vor  das  äuge  führten,  lag  es  nahe  ein- 
mal darauf  einzugehn.  Es  gibt  alte  durch  die  historische  critik  in 
acht  und  bann  gethane  meidungen,  deren  untilgbarer  grund  sich 
immer  wieder  luft  macht,  wie  man  sagt  dasz  versunkne  schätze  nach- 
blühen und  von  zeit  zu  zeit  im  schosz  der  erde  aufwärts  rücken,  da- 
mit sie  endlich  noch  gehoben  werden,  seine  hand  davon  ab  lasse  wer 
der  lösenden  worte  unkundig  ist.  Mir  begann  einzuleuchten,  wenn 
die  namens  form  Jornandes  durch  sich  selbst,  dem  beglaubigten  Jor- 
danes  der  handschriften  zum  trotz  haltbar  bleibe,  müsse  noch  vielmehr 
die  innere  Wahrscheinlichkeit  des  geleugneten  Zusammenhangs  unserer 
Gothen  mit  älteren  Geten  über  lähmende  zweifei  siegen  und  gegen  den 
sie  uns  eine  weile  lang  verleidenden  machtspruch  aufrecht  bestehn. 
Bald  aber  regte  sich  lust  in  mir  die  flüchtig  niedergeschriebne  und 
schon  lebhaft  angefochtne  abhandlung  (obgleich  sie  noch  nicht  einmal 
ausgegeben,  vorläufig  nur  an  freunde  und  bekannte  vertheilt  ist)  zu 
einem  bedächtigen  buch  umzuarbeiten,  in  welchem  die  geschichte  aller 
deutschen  Völker,  nicht  blosz  der  Gothen,  tiefer  als  es  bisher  geschah 
getränkt  werden  sollte  aus  dem  quell  unsrer  spräche,  den  zwar  die 
historiker  als  ausstattung  ihres  gartens  gelten  lassen,  dem  sie  doch 
kaum  zutreten  um  die  lippe  daran  zu  netzen. 

Jede  Wissenschaft  hat  ihre  natürlichen  grenzen,  die  aber  selten 
dem  äuge  so  einfach  vorliegen,  wie  das  Stromgebiet  des  bachs,  in  des- 


VIII  VORREDE 

sen  mitte  nach  unsern  weisthtimern  ein  schneidendes  schwert  gesteckt 
wird,  damit  das  wasser  zu  beiden  Seiten  abfliesze.  willige  forscher 
sollen  also  den  verschlungenen  pfaden  folgen  und  bald  leichteres  bald 
schwereres  geschühe  anlegen,  um  sie  betreten  zu  können.  Wer  nichts 
wagt  gewinnt  nichts  und  man  darf  mitten  unter  dem  greifen  nach  der 
neuen  frucht  auch  den  mut  des  fehlens  haben,  aus  dem  dunkel  bricht 
das  licht  hervor  und  der  vorschreitende  tag  pflegt  sich  auf  seine  zehen 
zu  stellen,  von  der  groszen  heerstrasze  abwärts  liebe  ich  es  durch 
enge  kornf eider  zu  wandeln  und  ein  verkroch  enes  wiesenblümchen  zu 
brechen,  nach  dem  andere  sich  nicht  niederbücken  würden. 

Wage  ich  nun  allzuviel?  meine  gleichsetzung  der  Gothen  und 
Geten  war  an  sich  nicht  kühner,  als  dasz  ich  in  unserm  hielt  die 
gothische  reduplication  haihald,  oder  in  dem  Wunsch  der  dichter  des 
dreizehnten  Jahrhunderts  den  heidnischen  Wuotan  wieder  erkannt 
habe,  und  weite  folgerungen  greifen  aus  dem  einen  wie  dem  andern, 
jene  reduplication  erzeigt  sich  als  zweite  stufe  und  Wiedergeburt  einer 
grammatischen  form,  sie  läszt  eine  ältere  ihr  vorangegangne,  den 
lateinischen  und  griechischen  reduplicierenden  Wörtern  entsprechende 
ahnen,  barg  sich  aber  deutliche  spur  des  heidenthums,  nachdem  es 
schon  lange  getilgt  war,  unerkannt  noch  in  der  poesie  einer  späteren 
zeit,  so  musz  es  früher  breite,  ja  allgemeine  wurzel  geschlagen  haben. 
Nicht  anders  scheint  der  Gothen  volksname  aufzugehn  in  den  der 
Geten  und  damit  plötzlich  unsrer  geschichte  ein  reicher  hintergrund 
eröfnet,  der  uns  die  abkunft  der  Deutschen  aus  dem  osten  anschau- 
licher als  es  sonst  geschah  gewahren  läszt. 

Die  bisher  geltende  ansieht  kann  sich  nicht  entbinden  davon, 
dasz  Geten  und  Daken  bei  den  Römern  als  ungermanisch  erscheinen, 
sie  erblickt  in  der  seit  dem  vierten  Jahrhundert  vorbrechenden  ver- 
mengung der  Geten  und  Gothen  bloszen  irthum  und  in  der  namen 
ähnlichkeit  höchstens  spiel  des  Zufalls.  Nothwendigen  Zusammenhang 
zwischen  Geten  und  Germanen,  wie  sie  bereits  Strabo,  Plinius,  Tacitus 
darstellen,  erweisen  aber  bedeutsam  die  Bastarnen,  Peukinen  und 
Lygier,  vielleicht  auch  Roxolanen;  jener  irthum  nähert  sich  einer 
historischen  Wahrheit,  jenes  ähnliche  wird  zum  grammatisch  gleichen. 

Wie  mag  hierwider  der  einwand  bestehn,  dasz  kein  fortgang  sei 
von  gebildeten  Geten  zu  wilden  Teutonen,  zu  wandernden  Sueven,  von 
halbchristlichen  Gothen  zu  rohen  Scandinaven  ?  auch  nicht  ein  einziges 
dieser  beiwörter  als  bezeichnung  eines  wirklichen  unterscheidenden  um- 
standes  lasse  ich  mir  gefallen.  Für  der  Geten  Wildheit  hat  Ovid  nicht 
ausdrücke  genug  zu  einer  zeit,  wo  die  Römer  schon  mehr  als  einen 
maszstab  ansetzen  konnten  an  die  barbarei,  aber  auch  vorragende  tu- 
gend  der  Germanen,  will  denn  immer  der  wahn  nicht  schwinden  von 
der  roheit  eines  volks,  dessen  spräche  uns  vollendeter  scheinen  musz 
als  die  seiner  nachkommen  und  welchem  sattsame  Zeugnisse  altherge- 
brachten glauben  und  bestbewahrte  einrichtungen  beizulegen  gestatten 
wie  nöthigen?  was  für  einen  sinn  überhaupt  haben  soll  die  aus  ihrer 
Sprache  unwiderlegbar  hervorgehende  abkunft  indogermanischer  stamme, 


VORREDE  IX 

sobald  wir  den  auszöglingen  nicht  auch  anhaltende,  wenn  schon  ge- 
schwächte theilnahme  an  der  cultur  und  sittigung  ihrer  heimat  einräu- 
men? Die  sicher  schon  vor  ihrer  bekehrung  für  alles  menschlich  bil- 
dende empfänglichen  Gothen  erst  von  der  Weichsel  und  Ostsee  herzu- 
leiten fruchtet  gar  nichts,  indem  es  nur  die  frage  zurückschiebt,  von 
wannen  und  zu  welcher  zeit  sie  in  jene  gegenden  vorgedrungen  seien? 
musz  eine  antwort  darauf  doch  wieder  nach  dem  osten  hinweisen,  so 
gelangt  man  unvermeidlich  zu  dem  standpunct,  welchem  ausgewichen 
werden  sollte  und  die  wege  werden  sich  dennoch  berühren  mit  denen, 
die  einfach  von  Geten  zu  Gothen  führen,  war  nun  die  wilde  natur  in 
den  Geten  unbändig  wie  in  Teutonen  und  Scandinaven,  der  Wandertrieb 
nicht  unmächtiger  in  Sueven  als  in  Gothen  oder  jedem  andern  deutschen 
volk ;  so  sehe  ich  gar  keine  Ursache  die  erfolge  der  Untersuchung  von 
ganz  allgemeinen  und  im  gründe  nichts  sagenden  einwürfen  abhängig 
zu  machen,  mir  wiegt  ein  kleiner  fund,  und  sei  dessen  beweiskraft 
noch  so  geringfügig,  fern  vorüberziehende  wölken  solcher  zweifei  auf. 

Waitz  hält  mir  vor,  der  Geten  deutsche  abstammung  sei  neu- 
lich erst  von  Wirth  und  fast  mit  bessern  gründen  behauptet  wor- 
den, ich  kann  mich  des  Zusammentreffens  mit  jedem  unabhängigen 
forscher  nur  erfreuen,  bin  aber  gerade  durch  jenen  ausspruch  zu 
dem  Vorsatz  bewogen  worden,  das  wirthische  buch  jetzt  noch  unge- 
lesen  zu  lassen,  um  meiner  ansieht  ihren  vollen  freien  lauf  zu  bewahren. 

Das  gelehrteste  was,  meines  er  achtens,  gegen  diese  bis  jetzt  vor- 
gebracht worden  ist,  findet  sich,  wo  man  es  gar  nicht  suchen  sollte, 
in  Cassels  magyarischen  alterthümern,  deren  Verfasser  auch  die  schöne 
entdeckung  gemacht  hat,  dasz  Jornandes  bischof  von  Croton  war.  er 
glaubt  groszes  gewicht  legen  zu  müssen  auf  die  stellen  des  Stephanus 
von  Byzanz,  welcher  ich  cap.  XXX  gedenke,  über  diesen  schrift- 
steiler haben  wir  aber  nunmehr  den  belehrenden  Untersuchungen 
Meinekes  entgegenzusehn,  der  so  viel  ich  weisz,  ihn  bereits  in  das 
dritte  Jahrhundert  zu  versetzen,  jedoch  in  allem  was  uns  von  seinem 
werke  übrig  bleibt  verschiedenartige  einschaltungen,  nicht  allein  von 
Hermolaus  zu  Justinians  zeit,  sondern  noch  viel  spätere  anzunehmen 
geneigt  ist.  dem  gewicht  der  stellen  des  Stephanus  wird  also  auf  der 
einen  seite  zugefügt,  auf  der  andern  dürfen  abgezogen  werden. 
Einiges  von  dem,  was  ich  von  Cassels  Untersuchungen  glaube  in  meinen 
vortheil  verwenden  zu  können,  musz  ich  hier  unerwogen  lassen.  Über 
Krito  (s.  816)  ist  eine  glosse  zu  Lucians  Icaromenippus  cap.  16  (ed. 
bipont.  7,  25)  einzusehn,  welche  ihn  nach  Trajan  zu  setzen  zwingt 
und  der  angeblichen  Vernichtung  der  Geten  bis  auf  vierzig  männer 
unter  diesem  kaiser  fast  wie  Eutropius  (s.  181)  gedenkt. 

Ich  habe  auch  über  andere  Völker  des  deutschen  alterthums  an- 
sichten  aufgestellt,  die  keinen  geringern  anstosz  geben  werden  als  die 
behauptete  gleichheit  der  Geten  und  Gothen.  dahin  rechne  ich  die 
mir  glaublich  gewordne  herleitung  des  namens  der  Franken  aus  der 
waffe  und  der  Sueven  aus  der  slavischen  spräche,  die  angenommne 
Verwandtschaft  zwischen  Lygiern  und  ßurgunden,  Mattiakern  und  Nas- 


X  VORREDE 

sauern,  Einlösen  und  Jtiten,  welche  letztere  in  unsrer  gegenwart  leb- 
haften einsprueh  dänischer  gelehrten  hervorrufen  wird,  die  mir,  was 
sie  auch  davon  denken,  doch  die  gerechtigkeit  widerfahren  lassen  müs- 
sen, dasz  ich  das  alterthum  und  den  rühm  ihres  volks  nicht  herabzu- 
setzen, sondern  zu  erhöhen  gestrebt  habe,  indem  ich  ihn  mit  dem  aller 
übrigen  Deutschen  enger  als  bisher  geschehn  ist  zu  verknüpfen  trachte. 

Die  älteste  geschichte  der  Deutschen  und  Slaven,  deren  geschicke 
sich  von  jeher  eng  berührten,  ist  durch  zwei  gleichzeitig  erschienene 
werke  wahrhaft  bereichert  und,  wie  niemand  verkennen  kann,  frucht- 
bar gefördert  worden.  Bei  Zeusz  verdient  die  fast  vollständige,  rein- 
liche und  kritische  quellenangabe  uneingeschränktestes  lob  und  man 
lernt  aus  dem  buche,  wo  man  es  nur  aufschlägt;  eine  neue  ausgäbe 
würde  zeigen  dasz  dem  der  schon  viel  hat  immer  noch  mehr  ver- 
liehen wird,  weil  reichthum  dahin  flieszt,  wo  schon  alle  behalte r  offen 
stehn  ihn  in  sich  aufzunehmen,  mir  scheint  der  gehandhabte  unter- 
schied zwischen  alterthum  der  Völker  und  ihrer  Umgestaltung  auf  die 
klarheit  der  dadurch  zerrissenen  Verhältnisse  ungünstig  einzuflieszen ; 
schon  das  frühste  alterthum  war  umgestaltend  und  die  Umgestaltungen 
sind  meistentheils  auch  alt.  für  Ptolemäus,  dessen  angaben  ihren 
groszen  werth  behalten  und  noch  zu  wichtigen  entdeckungen  leiten 
werden,  aber  aus  der  lebendigen  geschichte  der  Völker  nicht  entsprungen 
sind  [Haupt  7,  384.  9,  231.  232],  hegt  der  Verfasser  all  zu  starke 
Vorliebe.  Schafariks  gelehrte  und  scharfsinnige  arbeit  tritt  ihrer  rich- 
tung  nach  der  meinigen  völlig  entgegen,  insofern  er  die  seither  fast 
allgemein  zugestandne  identität  der  Sarmaten  und  Slaven  leugnen 
will,  ich  die  geleugnete  der  Geten  und  Gothen  wieder  zu  gestehe,  mir 
sind  die  Sarmaten  so  wenig  auf  dem  boden  verschwunden  als  die 
Geten,  Markomannen,  Lygier,  Chauken  und  Cherusker,  während  ich 
das  Verhältnis  zwischen  Germanen  und  Thrakern  in  der  geschichte 
wieder  anzufachen  strebe,  folgt  der  belesene  Böhme  dem  geleise  unserer 
historiker  und  sucht,  wie  diese  den  deutschen  stamm  von  allen  andern 
absondern  und  beinahe  als  einen  autochthonischen  aufstellen,  auch 
den  slavischen  von  uralter  zeit  an  eigenmächtig  und  ungemischt  zu 
schildern,  wider  alle  Verwandtschaft  der  Litthauer  mit  Thraken  und 
Geten  drückt  er  sich  aufs  stärkste  aus*;  doch  seltsam  erdacht  kann 
es  nicht  heiszen,  wenn  wir  in  der  geringen  zahl  überlieferter  dakischer 
Wörter  gleich  einem  zur  litthauischen  spräche  entschieden  stimmenden 
begegnen,  also  die  zwischen  litthauischer  und  deutscher  zunge,  ander- 
wärts noch  mehr  die  zwischen  slavischer  und  deutscher  waltende  be- 
rührung  schon  im  hohen  alterthum  zwischen  Sarmaten  und  Geten  auf 
dem  bisher  dunkeln  thrakischen  gebiet  mannigfach  bestätigt  sehn, 
dasz  sarmatische  an  medische  Wörter  gemahnen  darf  nicht  verwundern. 

Ukerts  Schriften  über  Germanien  und  Skythien  sammeln  dankens- 

*  s.  363:  nechtjce  sem  tahati  nektere  diwcke  w)'myslky  a  sny  starsjch 
cmarykafüw  powozugjcich  Litwany  gindy  od  Getuw  a  Thraküw.  [Scha- 
farik  stellt  die  Äsen  den  Alanen  gleich  und  hält  das  asische  für  ein  un- 
deutsches medisches  element.l 


VORREDE  XI 

werthen  stof,  nur  dasz  ihnen  meistentheils  die  kunst  critischer  Schei- 
dung und  fast  aller  leim  schöpferischer  combination  entgeht. 

Keltische  etymologie  wird  in  unsern  tagen  wieder  mit  neuer  Vor- 
liebe getrieben,  aber  von  jeher  folgt  ihr  das  unheil,  dasz  bei  der 
ungemeinen  leichtigkeit  der  Zusammensetzungen  und  des  consonant- 
wechsels  in  diesen  sprachen  die  forscher  auf  gefährliche  abwege  ver- 
leitet werden  und  nachdem  sie  sich  eben  mühsam  glauben  bereitet 
hatten,  alsobald  ihn  neuerdings  verscherzen;  dies  sei  weniger  gesagt 
gegen  Leo,  dessen  dreiste  auslegung  der  malbergischen  glosse  mich 
hin  und  her  bewegt  hatte,  als  gegen  Hermann  Müller,  der  begabt  schien 
in  die  Verhältnisse  unsrer  vorzeit  einzudringen,  allein  durch  maszlose, 
ungeregelte  wortdeutungen  (während  die  von  Leo  wolthätig  sich  eine 
regel  bildeten)  und  was  daraus  nun  gefolgert  wird  seine  gäbe  selbst 
zu  gründe  richtet,  sogar  vorsichtige  prüfer  unsers  alterthums,  wie 
Heinrich  Schreiber,  können  sich  der  keltischen  einwirkungen  nicht  er- 
wehren und  lassen  ohne  scheu  dem  einheimischen  das  fremde  über- 
wiegen. 

Sprachforschung  der  ich  anhänge  und  von  der  ich  ausgehe,  hat 
mich  doch  nie  in  der  weise  befriedigen  können,  dasz  ich  nicht  immer 
gern  von  den  Wörtern  zu  den  Sachen  gelangt  wäre;  ich  wollte  nicht 
blosz  häuser  bauen  sondern  auch  darin  wohnen,  mir  kam  es  ver- 
suchenswerth  vor,  ob  nicht  der  geschichte  unsers  volks  das  bett  von 
der  spräche  her  stärker  aufgeschüttelt  werden  könnte,  und  wie  bei 
etymologien  manchmal  laienkenntnis  fruchtet,  umgekehrt  auch  die 
geschichte  aus  dem  unschuldigeren  standpunct  der  spräche  gewinn 
entnehmen  sollte. 

Wol  empfinde  ich,  dasz  das  buch,  weil  es  meiner  angewöhnung 
nach,  vor  dem  anheben  des  drucks  nur  begonnen,  nicht  vollendet 
war,  hin  und  wieder  an  seinem  ebenmasz  eingebüszt  hat,  namentlich 
ist  das  neunzehnte  capitel  keineswegs  mit  der  ausführlichkeit  behan- 
delt, die  ich  ihm  hätte  angedeihen  lassen,  wäre  ich  nicht  damals 
darauf  bedacht  gewesen  mir  engere  grenzen  abzustecken,  im  verlauf 
schöpfte  die  arbeit  hernach  wieder  freieren  athem. 

Bedarf  nächstdem  noch  etwas  anderes  ausdrücklicher  entschul- 
digung  so  ist  es  das  wagnis  deutsche  und  europäische  völkernamen 
geradezu  nicht  allein  mit  skythischen,  sondern  auch  tiefasiatischen  zu 
verbinden,  zwar  mag  ein  solcher  Zusammenhang  an  sich  unverwerf- 
lich scheinen;  man  wird  ihn  weder  für  bewiesen,  noch  einmal  für 
glaubhaft  halten,  so  lange  nicht  eine  kette  von  mittelgliedern  auf- 
gefunden ist,  deren  ringe  jetzt  noch  einzeln  und  lückenhaft  vortreten, 
es  pflegt  eine  enge  gemeinschaft  aller  indogermanischen  sprachen  bis 
in  eine  grosze  zahl  von  wurzeln  und  gestalten  der  Wörter  zugestan- 
den zu  sein ;  ich  sehe  keinen  grund  volksnamen  von  dieser  reihe  aus- 
zuschlieszen  und  nicht  auch  ihnen  uralte  und  zähe  Überlieferung  zu- 
zutrauen. Gewis  aber  habe  ich  vielfach  unterlassen  manches  von  dem 
geltend  zu  machen,  was  schon  gegenwärtig  diese  vergleichungen  ins 
licht  zu  setzen  geeignet  ist.     Dürfen  die  asiatischen  Massagetae  und 


XII  VORREDE 

Dahae  den  thrakischen  Geten  und  Daken  an  die  seite  gestellt  wer- 
den, wer  wollte  vor  einer  gemeinschaft  der  Sacae  und  Tectosagen 
(in  welchem  namen  selbst  Dacosacae  anklingen  könnte)  erschrecken? 
Gedrosien,  2Jaxzuyvdoa  würden  mahnen  an  die  thrakischen  Gaudae, 
in  welchen  wir  nordische  Gautar,  wie  in  den  Saken  Sachsen,  in  den 
Daken  Dänen  wiederfinden,  es  kommt  doch  der  Daken  und  Dänen 
namensgleichheit  seltsam  zu  statten,  dasz  die  indischen  Asuren  nach 
ihrer  Stammutter  Danu  Dänavas  heiszen  (s.  734),  Danu  aber  tochter 
des  Dakschus  ist  (Bopps  gloss.  167a),  hier  also  beide  formen  wiederum 
nebeneinander  stehn.  Die  geschichte  der  Skythen  kann  noch  manchen 
hier  einschlagenden  räthseln  gewachsen  sein;  hat  nicht  der  name 
Xvsy%iXQayx  in  Lucians  Alexander  auffallend  deutsches  ansehn?  [s. 
Varianten  in  Bekkers  ausg.  2,  88.] 

Do.ch  ich  darf  nicht  auf  gegenstände  zurückkommen,  die  im 
buche  selbst  mehrmals  angeregt,  lange  nicht  erschöpft  wurden,  es 
mag  manchem  zweifelhaft  erscheinen,  ob  sie  in  diese  geschichte  über- 
haupt gehören,  deren  begrif  gleich wol  von  mir  nirgend  so  einge- 
schränkt worden  ist,  dasz  ich  jenen  weiten  gesichtspunct  von  ihr  aus- 
zuschlieszen  brauchte,  man  kann  sich  von  dreien  aus  eine  geschichte 
der  deutschen  spräche  behandelt  denken. 

Im  engsten  sinn  wäre  sie  nur  auf  das,  was  wir  heute  in  Deutsch- 
land herschende  spräche  nennen,  auf  die  hochdeutsche  angewiesen, 
deren  gegenwärtige  erscheinungen  sie  nicht  nur  vollständig  zur  schau 
bringen,  sondern  auch,  soweit  die  quellen  reichen,  aus  allen  frühern 
grundlagen  erläutern  würde,  solch  eine  noch  lange  nicht  einmal 
angemessen  begonnene,  geschweige  gelöste  arbeit  könnte  nicht  anders 
als  zu  bedeutenden  ergebnissen  führen,  welchen  sogar  die  enggesteckte, 
darum  leichter  zu  erfüllende  schranke  zu  statten  käme.  Es  war  längst 
mein  vorsatz,  die  regel  neuhochdeutscher,  d.  h.  der  ganz  in  unsre 
gegenwart  gerückten  deutschen  spräche  vollständig  und  überall  auf 
die  geschichte  gestützt  hinzustellen,  ich  weisz  aber  nicht,  ob  es  mir 
vergönnt  sein  wird  hand  an  ein  werk  zu  legen,  das,  wenn  es  ge- 
länge, einer  reinlich  und  scharf  umrissenen  Zeichnung  grau  in  grau 
sich  vergleichen  könnte. 

Höhere  färbung  empfangen  würde  eine  geschichte  der  deutschen 
spräche,  welche  diesen  ausdruck  in  seiner  allgemein  umfassenden  be- 
deutung  genommen,  deren  wir  bedürfen,  auf  alle  einzelnen  zweige 
des  groszen  stamms  gerichtet  wäre  und  sich  dadurch  hellere  lichter, 
so  wie  stärkere  schatten  zu  wege  bringen  könnte,  aus  der  wechsel- 
seitigen Zuneigung  oder  dem  abstand  dieser  deutschen  sprachen  müste 
ein  lebendiges  gemählde  entspringen,  das  in  streng  entworfnen  und 
günstig  beleuchteten  gestalten  jedes  Verhältnis  unserer  sprachver- 
astung  überschauen  liesze.  nach  solcher  richtung  hin  ist  meine  gram- 
matik  ausgearbeitet,  welche  den  übergroszen  reichthum  zu  bewältigen 
angefangen  hat,  aber  ihr  ziel,  je  mehr  sie  ihm  auch  zu  nahen  wähnt, 
immer  noch  in  ungemessene  weite  sich  entrückt  wahrnimmt. 

Wie  nicht  Sicherheit,  allein  fülle  und  gewicht  der  Sprachgesetze 


VORREDE  XIII 

durch  aufnähme  aller  mundarten  und  dialecte  in  den  kreis  der  Unter- 
suchung sich  steigern,  musz  es  diese  noch  in  höherm  grade  fördern, 
wenn  auch  die  sprachen  der  uns  benachbarten  und  urverwandten 
Völker  zugezogen  werden,  erst  damit  erlangt  jenes  bild,  in  welchem 
uns  sämtliche  deutsche  sprachen  die  vordere  bühne  einnehmen,  seinen 
grund  für  die  in  der  tiefe  aufgestellten  ausländischen  und  eine  rechte 
perspective  thut  sich  unsern  blicken  auf.  von  solchem  stand  aus  habe 
ich  mich  nicht  enthalten  können  diesmal  die  geschichte  unserer  spräche 
zu  unternehmen,  und  ihr  wenigstens  eine  reihe  von  wechselnden  aus- 
sichten  zu  eröfnen,  im  bessern  fall  haltepuncte  zu  gewinnen,  an  wel- 
chen fortgesetzte  Untersuchungen  haften  und  indem  sie  auswüchsiges 
wieder  abstreifen  aller  wahren  fortschritte  sich  bemächtigen  können. 
Es  scheint  mir  insgemein  eine  löbliche  eigenschaft  deutscher  arbeiten, 
dasz  sie  nicht  alles  abthun  noch  vorschnell  zu  Schlüsse  bringen  wollen, 
sondern  sich  auch  unterwegs  gefallen,  an  unvorhergesehner  stelle 
niederlassen  und  beete  anlegen,  die  noch  fortgrünen  nachdem  das 
hauptfeld  schon  in  rüstigere  hände  übergegangen  ist;  französische 
und  selbst  englische  bücher,  welchen  an  sorgsamer  ausgleichung  des 
inhalts  mit  der  form  allzuviel  liegt,  pflegen,  wenn  sie  veralten,  leicht 
entbehrlich  zu  werden. 

Ich  arbeite  zwar  mit  ungeschwächter  innerer  lust,  aber  ganz 
einsam,  und  vernehme  weder  beifall  noch  tadel  sogar  von  denen  die 
mir  am  nächsten  stehend  mich  am  sichersten  beurtheilen  können. 
ist  das  nicht  ein  drohendes  zeichen  des  Stillstands  oder  gar  der  ab- 
nähme gemeinsam  sonst  froh  gepflogner  forschungen,  für  die  fast 
kein  ende  abzusehen  schien?  was  ich  zujüngst  in  der  deutschen  gram- 
matik  geleistet  habe  und  der  gröszten  erweiterung  allenthalben  fähig 
wäre,  ist  nur  lässig  und  kalt  aufgenommen  und  von  keinem  fort  ge- 
führt worden;  darum  versuche  ich  in  vorliegendem  werk  schwierige 
hauptstücke  dieses  fachs,  wie  sie  mir  bei  wiederholtem  nachsinnen 
sich  gestalten,  neuerdings  auf  die  bahn  zu  bringen,  mein  capitel 
XXXV  lehrt  augenscheinlich,  dasz  man  bei  den  Wörtern  auch  ohne 
die  Sachen  nicht  abkomme. 

Berlin  7.  merz  1848. 


ZUR  ZWEITEN  AUFLAGE. 


Während  ich  bis  an  die  schultern  ins  deutsche  Wörterbuch  ver- 
graben bin,  und  davon  nicht  ablassen  darf,  wurde  mir  eine  neue 
ausgäbe  der  geschichte  der  deutschen  spräche  angetragen,  mit  un- 
geschwächter, ich  kann  sagen  mit  ge wachsner  lust  am  gegenständ 
würde  ich,  hätte  ich  freie  hand,  bestrebt  gewesen  sein,  sowol  die 
fehler  und  mängel  des  rasch  geschriebenen,  aber  stets  in  den  äugen 
behaltenen  buches  zu  tilgen,  als  es  auch  mancher  wesentlichen  er- 
weiterung  theilhaft  zu  machen,  jetzt  aber  war  kein  anderer  rath, 
als  dieser  für  mich  kaum  wiederkehrenden  gunst  lohnender  Um- 
arbeitung zu  entsagen,  und  das  werk  nun  in  seiner  vorigen  gestalt 
nochmals  sein  heil  versuchen  zu  lassen,  es  steht  also  alles  wie  es 
stand,  selbst  die  in  bewegtester  zeit  abgefaszte  vorrede  und  Zueig- 
nung sind  unangerührt  geblieben,  weil  es  mir  unwürdig  scheint,  nach 
fehl  geschlagenen  edlen  hofnungen  die  gesinnung  zu  verleugnen,  mit 
der  ich  ihnen  damals  angehangen  habe. 

Berlin  16.  September  1853. 


Die  dritte  aufläge  enthält  eine  anzahl  zusätze  und  Verbesse- 
rungen welche  nach  Jacob  Grimm 's  in  sein  handexemplar  eigen- 
händig eingeschriebenen  bemerkungen  herr  professor  Müllenhoff 
[in  eckigen  klammern]  nachzutragen  die  gute  gehabt  hat.  das  hand- 
exemplar selbst  wird  seiner  zeit  von  den  Grimmschen  erben  auf 
der  hiesigen  königlichen  bibliothek  deponiert  werden. 

Berlin  4.  februar  1867.  H.  G. 


INHALT. 

Seite 

I.  Zeitalter  und  sprachen 1 

IL  hirten  und  ackerbauer 11 

III.  das  vieh 20 

IV.  die  falkenjagd 31 

V.  ackerbau 38 

VI.  feste  und  monate 51 

VII.  glaube  recht  sitte 81 

VIII.  einwanderung 113 

IX.  Thraker  und  Geten       123 

X.  Skythien 152 

XI.  Urverwandtschaft 166 

XII.  vocalismus 191 

XIII.  die  spiration 206 

XIV.  die  liquation 217 

XV.  die  stummen 240 

XVI.  die  lautabstufung 251 

XVII.  die  lautverschiebung 275 

XVIII.  die  Gothen 305 

XIX.  die  Hochdeutschen 337 

XX.  die  Franken 358 

XXI.  die  Hessen  und  Bataven       393 

XXII.  Hermunduren 414 

XXIII.  die  Niederdeutschen 423 

XXIV.  Friesen  und  Chauken 464 

XXV.  Langobarden  und  Burgunden 474 

XXVI.  die  übrigen  oststämme 493 

XXVII.  Scandinavien 505 

XXVIII.  die  edda .  528 

XXIX.  Germanen  und  Deutsche 537 

XXX.  rückblick 553 


XVI 

Seite 

XXXI.  deutsche  dialecte 574 

XXXII.  der  ablaut 584 

XXXIII.  die  reduplication 598 

XXXIV.  schwache  verba 608 

XXXV.  verschobnes  praeterituin 619 

XXXVI.  die  vocale  der  declination 633 

XXXVII.  der  instrumentalis 644 

XXXVIII.  schwache  nomina  .    : 652 

XXXIX.  der  dualis 670 

XL.  recht  und  link 680 

XLI.  milch  und  fleisch 692 

XLII.  schlusz 706 

register 719 


I. 

ZEITALTER  UND  SPRACHEN. 


Weder  das  in  unermessener  zeit  von  den  höchsten  sternen  auf  1 
uns  niederfunkelnde  licht,  noch  die  am  gestern  der  erde  lagernden 
schichten  unvordenklicher  Umwälzungen  geben  unsre  älteste  geschiente 
her,  welche  erst  anhebt  wann  menschen  auftreten,  was  vor  den  men- 
schen geschah,  so  erhaben  es  sei,  ist  unmenschlich,  und  erwärmt 
uns  nicht. 

Um  des  menschengeschlechts  anfange  spielt  mythus.  bald  steht 
im  Vordergrund  ein  seliges  paradies,  wo  milch  und  honig  flieszen,  die 
erde  ungepflügt  und  unbesät  fruchte  trägt*  und  noch  die  thiere  reden, 
bald  musz  was  alle  thiere  gleich  der  menschlichen  spräche  entbehren 
sogar  das  lebendige  feuer  den  menschen  erst  errungen  werden. 

Ein  goldnes  silbernes  ehernes  eisernes  Zeitalter  folgen  auf  einan- 
der; unter  Kronos  herschaft  heiszen  die  langlebigen  menschen  selbst 
noch  goldne**,  der  nordische  Fruoto  liesz  gold  und  friede  malen, 
amrita,  der  unsterblichen  trank,  wurde  aus  flüssigem  gold  und  milch 
bereitet,  an  des  friedens  stelle  trat  sodann  krieg  und  der  mensch 
brauchte  statt  goldes  eisen,  auf  den  duft  und  glänz  der  vorzeit  gefolgt 
ist  farblosere  Wirklichkeit,  wie  wir  für  alte  poesie  der  prosa  bedürfen.  2 
Es  wird  dadurch,  nach  unverrückbarer  stufe,  ein  herabsinken  vom  gipfel 
früher  Vollendung  wehmütig  ausgedrückt,  im  scheinbaren  Widerspruch 
zu  dem  ewig  steigenden  aufschwung  der  menschheit,  die  sich  jenes 
göttliche  Feuer  nimmer  entreiszen  läszt. 

Eine  andre  sage,  indem  sie  von  den  menschen  als  jetzt  lebenden 
einheimischen  geschlechtern  ausgeht,  setzt  ihnen  früher  geschafne  fremde 
von  riesen  und  zwergen  entgegen,  in  den  riesen  scheint  unmittelbar 
das  steinalter  dargestellt,  da  sie  auf  felsen  hausen,  ungeheure  mauern 
thtirmen,  steinkeulen  führen  und  durch  kein  metall  zu  erlegen  sind, 
während  mit  den  schmächtigen  aber  kunstfertigen  zwergen  die  zeit  des 
erzes  beginnt,  das  sie  unter  der   erde  schürfen   und  schmieden:    aus 


*  Lucians  Saturnal.  7,  20:  otioxe  aanoQa  xal  äffjQOTcc  navta 
**  daselbst  8,  20. 

Grimm,  geschiehte  der  deutschen  spräche.  1 


2  ZEITALTER 

ihrer  hand  empfängt  der  mensch  köstliches  geschmeide  und  leuchtende 
waffe.  Auf  beide,  riesen  und  zwerge,  fällt  aber  ein  doppeltes  licht, 
günstig  oder  ungünstig,  bald  wird  den  riesen  uralte  treue  und  Weis- 
heit beigelegt,  sie  sind  milchesser,  säen  und  ernten  nicht,  sondern  wei- 
den ihre  herden,  kämmen  der  rosse  mahne,  legen  ihren  hunden  gold- 
bänder  an;  die  zwerge  bilden  das  stille  friedliche  volk,  das  von  ein- 
facher speise  lebt  und  mit  den  menschen  gute  nachbarschaft  hält,  bald 
stehn  jene  unbeholfen,  steinkalt  und  grausam  da,  diese  tückisch  und 
feindselig,  und  des  menschen  ausharrende  kraft  trägt  am  ende  den  sieg 
davon  über  des  riesen  leiblichen  Vorzug,  den  sie  mit  dem  geist,  über 
des  zwergs  geistigen,  den  sie  mit  dem  leib  bezwingt,  jedesmal  wider- 
fährt aber  den  riesen  und  zwergen  gemeinschaftlich,  dasz  sie  zuletzt 
dem  andrang  der  menschen  weichen  und  das  land  räumen  müssen*. 

So  verschieden  sie  gewendet  sind,  greifen  diese  Vorstellungen  von 

den  vier  altern  und  drei  geschlechtern  ineinander,  und  der  mensch  des 

3eisenalters  gleicht  dem  besieger  der  riesen  und  zwerge.    beide  sagen 

erreichen   zuletzt  den  boden  der  Wirklichkeit,  allein  rückwärts  sind  sie 

undeutbar  auf  die  geschichte :  sie  können  nur  dumpfen  anklang  geben. 

Der  menschliche  geist  hat  andere  wege  eingeschlagen  nach  den 
geheimnissen  der  vorweit  und  ist  beinahe  wieder  auf  dieselbe  spur 
gerathen. 

Wie  das  messer  in  leichname  schneidet,  um  den  menschlichen 
leib  innerst  zu  ergründen,  ist  in  verwitterte  erdhügel  eingedrungen  und 
die  lange  ruhe  der  gräber  gestört  worden,  von  schnee  eingeschneit, 
von  regen  geschlagen,  von  thau  durchtrieben  muste  die  todte  völva  dem 
mächtigen  gott  rede  stehn;  was  in  staub  und  asche  übrig  geblieben 
war,  fragt  unermüdliche  neugier  nach  dem  zustand  der  zeit,  aus  wel- 
cher es  abzustammen  scheint,  beschaffenheit  der  gräber,  gestalt  der 
morschen  schädel,  art  und  weise  des  eingelegten  geräths  sollen  ant- 
wort  geben,  alle  diese  zeugen  sind  beinahe  stumm,  nur  inschrift  und 
deutliche  münze  haben  noch  kraft  des  wortes,  Samenkörnern,  die  unsre 
geschichte  befruchten,  gleicht  das  in  unendlicher  menge  durch  alle 
europäischen  felder  und  hügel  zerstreute  römische  geld. 

Nach  den  allenthalben  unternommnen  ausgrabungen  hat  man  drei 
verschiedne  Zeitalter  ermittelt,  die  jenen  mythischen  zu  begegnen 
scheinen,  zuerst  angesetzt  wird  ein  steinalter,  aus  welchem  mächtige 
felsengräber  mit  unverbrannten  leichen  und  steinernen  waffen  übrig 
sind;  das  volk  welches  sie  baute  und  brauchte,  soll  nur  jagd  und 
fischerei  getrieben,  aller  metalle  entbehrt  haben,  hierauf  sei  die  eherne 
zeit  oder  das  brennalter  gefolgt**,  dem  gold  und  erz  [Lisch  jahrb.  25, 228] 


*  daher  fallen  benennungen  der  riesen  und  unterirdischen  zusammen 
mit  namen  besiegter,  zurückgedrängter  volkstämme  (mythol.  s.  493.  1035). 
die  pixies,  das  stille  volk  in  Devonshire,  sind  die  Ficten,  Peohtas. 

**  ipsum  cremare  apud Romanos  non  fuit  veteris  instituti ;  terra  condeban- 
tur.  at  postquam  longinquis  bellis  obrutos  erui  cognovere,  tunc  institutum.  et 
tarnen  multae  familiae  priscos  servavere  ritus  Plinius  7,  54.  sicher  ward  auch 
bei  den  Griechen  begraben,  eh  das  schönere  verbrennen  allgemein  eingang  fand. 


ZEITALTER  3 

zu  waffen  und  schmuck  eigen  waren,  das  im  feuer  schmiedete  und  durch 
dasselbe  element  seine  leichen  zerstörte,  deren  asche  in  irdnen  krügen  4 
beisetzte,  ackerbau,  weberei  und  schiffart  kannte,  endlich  ein  eisen- 
alter, welches  wieder  unverbrannte  leichen  in  hügel  begrabend  eiserne 
waffen  und  schrift  besessen  habe.  Diesen  kennzeichen  gemäsz  pflegt 
man  die  aufgefundnen  denkmäler  zu  ordnen  und  sorgsam  zu  be- 
trachten ;  es  scheint  einleuchtend  dasz  jene  steingrüfte  den  riesenbetten 
der  sage  entsprechen  und  der  Volksglaube  versetzt  die  unterirdischen 
schmiede  des  zwergstamms  mit  ihren  schätzen  unmittelbar  in  die  grab- 
hügel  der  ehernen  zeit*,  so  dasz  mit  der  eisernen  das  treiben  und 
die  kraft  des  menschlichen  geschlechts  eingetreten  wäre. 

Als  oberste  frage  erhebt  sich  aber  nun  hierbei,  inwiefern  die  ge- 
wonnene Unterscheidung  auf  bestimmte  Völker  der  geschichte  anwen- 
dung  leide,  ob  sie  stufen  eines  und  desselben  stamms  zusage,  oder  bei 
dem  unablässigen  Wechsel  vieler  hintereinander  von  verschiednen  gel- 
ten müsse?  jene  mythischen  Zeitalter  gründeten  sich  auf  wiederholte 
Schöpfung  und  die  goldnen  menschen  waren  nicht  einer  abkunft  mit 
den  eisernen,  riesen  zwerge  menschen  jede  für  sich  besonders  entspros- 
sen. Wenn  aber  auch,  und  dafür  streitet  manches,  das  historische 
steinalter  einem  eignen  volkschlag  überwiesen  werden  darf,  scheint  es 
desto  bedenklicher  erzalter  und  eisenalter  auf  ungleiche  volkstämme  zu 
beziehen  und  nicht  nach  dem  fortschritt  eines  und  desselben  auszu- 
legen, mag  man  immer  befugt  sein  zu  der  annähme,  dasz  gebrauch 
des  erzes  und  goldes  dem  des  silbers  und  eisens  vorausgehe  und  nach 
dieser  folge  die  Waffenschmiedekunst  sich  ausgebildet  habe;  es  wird 
schwer  bleiben  zu  erhärten,  dasz  in  einzelnen  ländern  das  erz  nicht 
länger  gedauert,  das  eisen  nicht  früher  begonnen  haben  könne. 

So  lange  diese  zweifei  dauern,  so  lange  nicht  sichere  merkmale 
aus  der  form  der  waffen,  des  Schmucks  und  aller  geräthe  gewonnen 
werden,  die  den  ausschlag  gäben,  scheint  die  älteste  geschichte  der 
europäischen  Völker  hier  keine  eigentliche  aufklärung  zu  erlangen,  wie 
manches  willkommne  für  sitten  und  gebrauche  daraus  hervorgehn  mag. 
Andern  ehernen  Zeitalter  (Lindenschmitt  153)  scheitert  alle  mühe  der  5 
forscher ;  sie  haben  sich  um  die  reihe  berechtigt  zu  der  annähme  gehalten, 
bald  dasz  es  den  Kelten,  bald  den  Deutschen  gehöre,  und  es  scheint, 
Slaven  hätten  gleich  starke  ansprüche  darauf  zu  erheben,  wer  Deutschen 
steinhämmer,  Kelten  eherne  waffen  beimiszt,  musz  die  riesengräber 
von  dem  gebrauch  der  stein  waffen  absondern  und  unser  volk  aus  der 
mitte  und  dem  vorschritt  seiner  entwicklung  reiszen;  weit  naturge- 
mäszer  ist  es  das  eherne  Zeitalter  Kelten,  Deutschen,  Slaven  und  allen 
übrigen  Völkern  auf  ähnliche  weise,  wenn  auch  nicht  zugleich  einzu- 
räumen und  aus  ihm  für  jedes  einzelne  volk  den  Übergang  in  die  zeit 
zu  finden,  wo  das  eisengeräth  sich  verbreitete.  Ein  neulicher  anziehen- 
der fund  in  Schwaben  hat  sogenannte  todtenbäume,  d.  h.  zur  leichbe- 
stattung  ausgehölte  eichstämme  an  den  tag  gebracht,  die  nicht  unwahr- 


Müllenhoffs  sagen  no.  384.  385  und  Lisch  jahrb.  11,  366. 


4  SPRACHEN 

scheinlich  noch  dem  alamannischen  heidenthum  angehören*;  wer  aber 
möchte  feststellen,  dasz  zu  gleicher  zeit  nicht  schon  die  übrigen 
Deutschen  und  selbst  Alamannen  auch  aus  brettern  sarge  zimmerten? 

Es  gibt  ein  lebendigeres  zeugnis  über  die  Völker  als  knochen, 
waffen  und  gräber,  und  das  sind  ihre  sprachen. 

Sprache  ist  der  volle  athem  menschlicher  seele,  wo  sie  erschallt 
oder  in  denkmälern  geborgen  ist,  schwindet  alle  Unsicherheit  über  die 
Verhältnisse  des  volks,  das  sie  redete,  zu  seinen  nachbarn.  für  die 
älteste  geschichte  kann  da,  wo  uns  alle  andern  quellen  versiegen  oder 
erhaltne  überbleibsei  in  unauflösbarer  Unsicherheit  lassen,  nichts  mehr 
austragen  als  sorgsame  erforschung  der  Verwandtschaft  oder  abweichung 
jeder   spräche  und  mundart  bis   in  ihre  feinsten  ädern  oder  fasern. 

Aus  der  geschichte  der  sprachen  geht  zuvorderst  bedeutsame 
6bestätigung  hervor  jenes  mythischen  gegensatzes:  in  allen  findet 
absteigen  von  leiblicher  Vollkommenheit  statt,  aufsteigen  zu  geistiger 
ausbildung.  glücklich  die  sprachen,  welchen  diese  schon  gelang  als 
jene  nicht  zu  weit  vorgeschritten  war:  sie  vermählten  das  milde  gold 
ihrer  poesie  noch  mit  der  eisernen  gewalt  ihrer  prosa. 

Seien  alle  über  den  ganzen  erdball  gebreiteten  menschen  ausge- 
gangen von  dem  ersten  paar,  folglich  die  manigfalten  zungen  geflos- 
sen aus  einer  einzigen,  oder  nicht;  sei  die  weisze  braune  oder 
schwarze  race**  unter  den  himmelstrichen  von  einander  ausgeartet 
oder  ihre  abweichung  unvereinbar ;  die  meinung  zählt  nur  noch  geringe 
gegner,  dasz  Europas  gesamtbevölkerung  erst  im  laufe  der  zeiten 
von  Asien  eingewandert  sein,  dasz  die  meisten  europäischen  sprachen 
in  unverkennbarer  Urverwandtschaft  stehn  müssen  zu  einem  groszen 
auch  noch  heute  in  Asien  wurzelnden  sprachgeschlecht,  aus  welchem 
sie  entweder  fortgezeugt  sind,  oder,  was  weit  mehr  für  sich  hat, 
neben  dem  sie  auf  gleichen  urquell  zurückweisen,  einzelne  europäische 
sprachen  scheinen  aber  von  ihnen  abzurücken  und  auch  ihre  be- 
sondere wurzel  an  anderer  statte  Asiens  zu  begehren,  so  dasz  ihr 
Zusammenhang  mit  jenen  ungleich  ferner  und  dunkler  aussieht. 

Ehmals  hat  man  gestrebt,  wie  alle  alte  geschichte  auf  die  Über- 
lieferungen der  heiligen  Schrift  zu  beziehen,  so  der  neueren  sprachen 
Ursprung  in  der  hebräischen  zu  erspüren;  seitdem  die  kenntnis  des 
sanskrits  geöfhet  wurde,  ist  volle  einsieht  aufgegangen,  dasz  zu  ihm 
und  dem  zend  unsere  europäischen  zungen  in  engem  band  stehn,  von 
den  semitischen  weiter  abliegen.  Viel  härter  hält  es  eindrücke  zu 
verwinden,  die  wir  von  Jugend  auf  empfangen  haben,  es  ist  wahr,  die 
gesamte  europäische  bildung  gründet  sich,  seit  dem  Christenthum,  auf 
die  unsterblichen  werke  der  Griechen  und  Römer ;  aber  weit  über  die 


*  sie  gemahnen  an  die  schiffe  aus  holen  bäumen  und  an  den  gebrauch 
leichen  auf  schiffe  zu  setzen  (rnythol.  s.  790).  Germaniae  praedones  singulis 
arboribus  cavatis  navigant.  Plin.  16,  40;  cavatum  ut  illis  mos  est  ex  materia 
conscendit  alveum.    Vell.  Paterculus  2,  106. 

**  schief  wäre  hier  die  vergleichung  des  edlen  metalls,  erzes  und  eisens 
fortzusetzen,  denn  wo  hat  sich  jemals  in  Negern  die  kraft  des  eisens  gezeigt? 


SPRACHEN  5 

ihrem  einflusz  gebührende  gerechtigkeit  hinaus  hat  man  sich  allzulange  7 
gewöhnt  den  maszstab  griechischer  und  lateinischer  sprachen  an  alle 
übrigen  zu  legen,  beinahe  jede  germanische  slavische  keltische  eigen- 
thümlichkeit  zu  verkennen  und  als  blosze  trübung  jener  lauteren  quelle 
anzusehn.  wie  wenig,  für  sich  erwogen  und  den  gehalt  ihrer  denk- 
mäler  redlichst  angeschlagen,  unsere  sprachen  jene  mit  vollem  recht 
classisch  genannten  erreichen ;  so  hat  in  der  geschichte  alles,  auch  das 
geringere  sein  recht  und  seinen  reiz,  und  erst  eine  ernsthafte  bekannt- 
schaft  mit  den  einheimischen  angeblich  neueren,  an  sich  aber  gleich 
alten,  der  lateinischen  oder  griechischen  blosz  verschwisterten  sprachen 
und  mit  der  frischen,  unbillig  verachteten  roheit  ihres  alterthums 
unsern  forschungen,  wenn  sie  von  allen  Seiten  her  gedeihen  sollen, 
die  rechte  freiheit  verliehen,  da  die  spräche  mit  dem  glauben,  dem 
recht  und  der  sitte  jedes  volks  von  natur  eng  zusammenhängt,  so 
werden  dem,  der  seinen  fleisz  diesen  zuwendet,  über  die  spräche 
selbst  unerwartete  aufschlüsse  daher  entspringen. 

Jeder  spräche,  welche  sie  auch  sei,  stehn  auszer  ihren  heimischen 
Wörtern  auch  fremde  zu,  die  der  verkehr  mit  den  nachbarn  unausbleib- 
lich einführte  und  denen  sie  gastrecht  widerfahren  liesz.  sie  nach 
langer  niederlassung  auszutreiben  ist  eben  so  unmöglich,  als  es  die 
reinheit  der  sprachsitte  gefährdet,  wenn  ihr  zudrang  leichtsinnig  ge- 
stattet wird,  für  die  geschichte  der  sprachen  leisten  diese  lehn  Wörter 
guten  dienst,  weil  sie  bei  ihrer  wurzellosigkeit  leicht  ins  äuge  fallen  und 
als  ausnähme  die  regel  der  spräche,  gegen  welche  sie  sich  allenthalben 
sträuben,  hervorheben.  Die  einheimischen  Wörter  sind  wiederum  dop- 
pelter art,  je  nachdem  sich  ihre  wurzel  in  kraft  und  fülle  frisch  erhalten 
hat  oder  abgestorben  ist  und  nur  noch  in  einzelnen  formen  fortdauert, 
jene  regen  wurzeln  verleihen  der  spräche  sinnliche  stärke  und  gewähren 
die  günstigste  entfaltung  aller  ihrer  grammatischen  eigenheiten;  in 
deutscher  spräche  wird  sie  durch  das  vermögen  abzulauten  kennbar. 

Hiernach  kann  nun  alle  gemeinschaft  zwischen  sprachen  theils  auf 
jenem  zufälligen  äuszeren  anstosz  beruhen,  der  hier  und  dort  einzelnes  8 
aus  der  fremde  borgen  liesz,  theils  auf  einer  langsam  fortwirkenden 
wesentlichen  Urverwandtschaft,  die  vorhanden  gewesen  sein  musz,  als 
die  sprachen  von  einander  sich  abtrennend  jede  ihren  eigenthümlichen 
weg  einschlugen,  auf  dem  sie  sich  mehr  oder  minder  entfremdeten, 
als  deutlichstes  zeichen  solcher  Urgemeinschaft  werden  einstimmige 
persönliche  pronomina,  Zahlwörter  und  das  verbum  substantivum  aner- 
kannt; sie  wird  zumal  in  jenen  lebendigen  wurzeln,  von  welchen  das 
innere  gewebe  der  spräche  abhängt,  vorbrechen,  aber  auch  in  einer 
groszen  zahl  von  abgestorbnen  aufzusuchen  sein,  deren  wahrer  keim 
gerade  in  der  andern  spräche  haften  kann.  Bei  Sprachvergleichungen 
überhaupt  glaube  ich  den  grundsatz  aufstellen  zu  dürfen,  dasz  zwischen 
den  Wörtern  verschiedner  Völker  zwar  gleichheit  der  buchstaben  wie 
der  begriffe  obwalten,  dennoch  für  jedes  volk  eigenthümliche  beziehung 
auf  ihm  vertraute  wurzeln,  formen  und  Vorstellungen  eintreten  könne, 
nothwendigkeit  und  freiheit  sind  auch  in  den  sprachen  ewiges  gesetz. 


6 


METALLE 


Zur  allgemeinen  Übersicht,  deren  ich  hier  bedarf,  führe  ich 
zehn  Völker  auf,  von  denen  alle  hauptsprachen  dieses  welttheils  ab- 
stammen: Iberer  Kelten  Römer  Griechen  Thraker  Germanen  Litthauer 
Slaven  Finnen  Skythen,  die  letzten  als  blosz  hinüberreichend  nach 
Europa  und  eigentlich  in  Asien  eingesessen.  Von  der  iberischen  ist 
noch  die  baskische  in  solcher  fülle  übrig,  dasz  anziehende  Untersuchung 
gepflogen  werden  kann,  ob  sie  den  kaukasischen  sprachen  verwandt, 
oder  ihre  berührung  nur  äuszerlich  sei.  Trakische  und  altskythische 
Sprache  sind,  zum  unheil  der  geschichte,  beinahe  ganz  verschollen. 
Keltische  lateinische  griechische  deutsche  litthauische  und  slavische 
liegen  alle  einander  urverwandt  in  vielfacher  stufe  der  nähe  oder 
ferne,  also  zugleich  dem  sanskrit  und  zend,  aus  welchen  die  heutige 
Sprache  Indiens  samt  der  persischen  flieszt.  Unverwandt  ihnen  allen 
scheint  die  finnische,  lappische  und  über  den  Ural  nach  Asien  weit- 
wuchernde spräche,  deren  innere  structur  bedeutend  abweicht,  so  wirk- 
9  samen  einflusz  von  frühe  an  das  finnische  auf  das  gothische  und  nor- 
dische geübt  und  umgekehrt  erfahren  haben  mag.  zwischen  iberischem 
keltischem  und  latein  ist  das  Verhältnis  noch  nicht  genügend  aufgeklärt. 
Es  wird  in  alle  diese  gesichtspuncte  treffen,  dasz  ich  die  euro- 
päischen namen  der  vier  metalle  zusammenstelle  und  daraus  folge- 
rungen  schöpfe. 


griech. 

%cdKog 

XQvöog 

agyvQiov 

öiöfjQog 

latein. 

aes,  raudus 

aurum 

argentum 

ferrum 

ital. 

bronzo 

oro 

argento 

ferro 

span. 

bronze 

oro 

argen 

hierro 

franz. 

bronce 

or 

argent 

fer 

roman. 

irom 

aur 

argient 

fier 

walach. 

aram 

aur 

ardshint 

feru 

alban. 

£/As 

UQQ 

8qFsvt 

%sxovqs 

irisch 

umha 

or 

airgjod 

jaran,   eabradh 

welsch 

.   ' . 

aur 

arian 

haiarn 

armor. 

. 

aour 

argan 

houarn 

bask. 

urraida 

urrea 

cilarra 

burdina  burnia 

preusz. 

... 

ausis 

sirablas 

litth. 

waras,  ruda 

auksas 

sidabras 

gelezis 

lett. 

warsch 

selts 

sudrabs 

dselse 

slav. 

bron,  rud 

zlato 

srebro 

sheljezo 

russ. 

bronza,  ruda 

zoloto 

serebro 

sheljezo 

poln. 

bronc 

zloto 

srebro 

zelazo 

böhm. 

ruda 

zlato 

strjbro 

zelezo 

wend. 

ruda 

zloto 

sljebro 

zelezo 

goth. 

ais 

gulj) 

silubr 

eisarn 

ahd. 

ör,  chuphar 

kold 

silapar 

isarn,  Isan 

nhd. 

erz,  kupfer 

gold 

silber 

eisen 

ags. 

är,  bräs 

gold 

seolfor 

isern,  iron 

engl. 

ore,  brass 

gold 

silver 

iron 

nnl. 

koper 

goud 

zilver 

ijzer 

METALLE 

eir,  bras 

5 

gull 

silfr 

iarn 

koppar 

guld 

silfver 

järn 

kobber 

guld 

sölv 

jern 

kasari,  ^ 

faski 

kuld 

hopia 

rauta 

werrew, 

wask 

kulda 

höbbe 

raud 

air 

golle 

silb 

roude 

ertz 

arany 

ezüst 

vas 

altn. 

schwed. 

dän. 

finn. 

est.  werrew.   wask  kulda.  höbbe  ra,ud 

läpp. 

ungr. 

Diese  Wörter  lehren,  dasz  in  benennung  des  goldes  und  silbers 
alle  deutschen  und  slavischen  sprachen  nahe  zusammentreffen  den  latei- 
nischen und  keltischen  gegenüber,  bei  erz  und  eisen  ist  Übereinkunft 
der  deutschen,  lateinischen  und  keltischen  merkbar,  das  litthauische 
hält  die  mitte,  so  durchgreifende  einstimmungen  können  nicht  durch 
bloszen  verkehr,  nur  durch  ursprüngliche  gemeinschaft  veranlaszt  sein. 

Aes  aeris  steht  für  aes  aesis,  wie  goth.  ais  aizis  zeigt,  und  in 
ßr  eir  är  ore  schreitet  die  Wandlung  des  S  in  R  noch  weiter  vor; 
nhd.  erz,  mhd.  erze,  ahd.  aruzi  scheint  blosze  Weiterung  von  er  mit 
vocalkürzung  und  dem  vorwiegenden  sinn  von  rudus  erzschlacke,  trad. 
juvav.  132:  ad  flatum  ferri  quod  aruzi  dicitur;  in  diesem  sinn  bedeu- 
tet uns  erz  jedes  metall  (ir.  men,  mianach).  aes  und  ais  sind  aber  das 
skr.  ajas  mit  der  bedeutung  ferrum,  welche  nicht  zweifeln  läszt,  dasz 
aus  goth.  ais  im  ablautsverhältnis  auch  die  fortbildung  eisarn  hervor- 
gieng,  ein  fingerzeig,  bei  den  Deutschen  müsse  bronze  allerdings  früher 
im  gebrauch  gewesen  sein  als  eisen ;  umgekehrt  ist  das  lateinische  ferru- 
men  (junctura  metalli,  erz?)  entsprossen  aus  ferrum.  wie  nun  ahd.  isan, 
mhd.  isen,  nhd.  eisen  ihr  R  der  zweiten  silbe,  stoszen  iron  und  iarn 
das  vordere  S  aus,  so  dasz  iarn  den  keltischen  formen  iaran,  haiarn 
an  die  seite  tritt.  Schwerer  scheint  ein  urtheil  über  ferrum,  das  im 
sp.  hierro  gleichfalls  dem  haiarn  und  iarn  ähnlich  wird,  sonst  ent- 
springt lat.  RR  aus  RS :  turris  tvQQLg  aus  xvQOigy  porro  tzoqqg)  aus 
7t6g6w,  torreo  aus  torseo  goth.  pairsa,  erro  aus  erso  goth.  airzja, 
ccqqtjv  aus  aQörjv,  curro  aus  curso,  terra  wahrscheinlich  aus  tersa, 
trockenland  gegenüber  dem  wasser.  ferrum  für  fersum  =  fesrum  würde 
eisarn  Isarn  (isran  bei  Graff  1,  490)  erreichen  und  der  anlaut  F  schiene 
erklärbar  aus  H  in  haiarn  houarn,  oder  im  ahd.  hisin  für  isin,  wobei 
wieder  sp.  hierro  in  anschlag  kommt,  vielleicht  alban.  chekure.  selbst 
die  zweiten  silben  des  roman.  irom,  walach.  aram  fordern  auf  ferrum  11 
heranzuziehen,  doch  das  bask.  burnia  liesze  an  ferrum  f.  fernum  den- 
ken, wer  aber  beide  deutungen  verwirft  könnte  in  ferrum  das  F  wie 
in  M=%ofo]  galle  nehmen  und  gar  auf  sl.  sheljezo  gelangen,  bask. 
urraida  scheint  fortgebildet  aus  urrea  aurum,  ähnlich  dem  eisarn  aus 
ais,  was  durch  ciraida  stannum  aus  cirarra  cilarra  bestärkt  wird. 

Denn  gar  nicht  zu  verkennen  ist  unmittelbare  Verwandtschaft  zwi- 
schen aes  und  aurum,  das  für  ausum  steht*,  wie  aeris  für  aesis. 
ganz  zu  ausum  stimmt  preusz.  ausis,  litth.  auksas  f.  ausas ;  alle  kel- 
tischen Wörter  gleich  den  romanischen  haben  R,  nicht  anders  ungr. 


*  Sabini  ausum,  Auselii  f.  aurum,  Aurelii. 


g  METALLE 

arany,  alban.  arr,  ba#k.  urrea.    die  vocalreihe  AI  schlägt  um  in  AU, 
der  begrif  des  erzes  in  den  des  goldes. 

Gold  und  zlato  sind  eins,  kehllaut  zum  zischlaut  verhält  sich  wie 
in  humus  und  hiems  %ei[i(6v  zu  sl.  zemja  zemlja  zima,  oder  in  ahd. 
chnähan,  ags.  cnävan  zu  sl.  znati.  die  vocalumstellung  in  gold  und 
zlato  bestätigen  zahllose  analogien :  halm  slama,  valdan  vladiti,  kalt 
chlad,  dulg  dlug,  milch  mleko,-  fold  pluk,  elbe  labe,  karl  krol,  bart 
brada,  fürt  brod,  birke  breza,  wo  der  Russe  doppelvocal  liebt:  zoioto, 
cholodnyi,  moloko,  golova,  boroda,  bereza,  gleich  lat.  calamus,  ahd. 
halam,  miluh,  charal,  piricha.  aber  lett.  selts  folgt  deutscher  Stellung, 
wie  salds,  litth.  saldus  sl.  slady,  litth.  galwa  sl.  glawa,  preusz.  malds 
sl.  mlad,  litth.  waldyti  sl.  vladiti,  litth.  parszas  sl.  prase  lat.  porcel- 
lus  ferkel.  das  finn.  kulda  scheint  dem  deutschen  ausdruck  ent- 
nommen. 

Silber  und  srebro  werden  vermittelt  durch  wend.  sljebro,  dessen 
L  und  R  im  preusz.  sirablas  ihre  stelle  tauschen,  während  L  und  D 
in  silubr  und  sidabras  sich  verhalten  wie  in  levir  docijg,  lingua  dingua, 
lautia  dautia,  lacrima  dacrima,  filius  fidius.  läpp,  silb  mag  wieder  aus 
dän.  sölv  rühren,  auffallender  ist  die  Verwandtschaft  zwischen  silabar 
und  bask.  cilarra  (dessen  ci  wie  si  lautet)  und  mag  man  noch  west- 
goth.  einflusz  glauben?  berührt  sich  aber  sogar  alb.  zile  eisen,  so  darf 
12  vielmehr  öidrjQOg  an  sidubras  mahnen,  und  die  litth.  form  gewinnt 
gegen  die  deutsche  und  slavische  an  echtheit;  Pott  2,  414  vergleicht 
skr.  sitäbha  weiszglänzend  und  litth.  swidus  blank,  argentum  und  alle 
romanischen  Wörter  begegnen  den  keltischen  wie  dem  gr.  agyvQiov, 
desto  einsamer  steht  das  finn.  hopia,  das  kaum  aus  cuprum  entsprang, 
wofür  auch  finn.  kupari  gilt.  ungr.  ezüst  ist  das  syriän.  ezys,  und 
wahrscheinlich  noch  anderwärts   an  nordasiatischer  grenze  zu  haus. 

Auf  den  grund  der  gefundnen  einstimmung  zwischen  ais  und  eisarn 
haiarn  ferrum  mag  %cdx6s  zu  sheljezo  gehalten  werden,  gr.  X  und 
sl.  Hl  (das  ich  durch  SH  ausdrücke,  es  entspricht  auch  skr.  §)  be- 
gegnen sich  wie  in  %6kos  und  shltz  sheltz  galle.  Einer  wurzel  mit 
bräs  brass  scheint  mir  bronze  bronce,  mlat.  bronzium  bronzina,  russ. 
serb.  bronza,  poln.  bronc,  die  nasalis  eingeschaltet  oder  ausgestoszen 
wie  in  ans  äs,  gans  gas,  litth.  szwentas  sl.  svety.  nicht  steckt  bras 
in  sidabras,  dessen  S  flexi visch  ist,  und  im  gen.  sidabro,  im  adj.  sida- 
brinnis  =  goth.  silubreins  schwindet,  da  altn.  bras  ferrumen,  jun- 
ctura  qua  ferrum  ferro  jungitur  ausdrückt,  wäre  an  bask.  burnia  zu 
denken,  und  es  könnte  sich  zum  vermuteten  fersum  =  ferrum  verhal- 
ten wie  beran  zu  ferre,  mit  umgesetztem  consonant  wie  in  gras  und 
gras.  Ir.  credh  the  ore  of  any  metal,  credhumba  the  ore  of  brass; 
umha  nicht  unähnlich  dem  skr.  udumbara  audumbara  =  aes.  Sl.  und 
litth.  ruda  im  sinn  des  lat.  raudus,  rudus*  nehmen  im  finn.  rauta, 
läpp,  roude  wieder  deutlich  den  begrif  des  eisens  an,  also  auch  hier 


*  rudus  unbearbeitetes  erz,  glarea,  goth.  malnia  arena,  ahd.  melm,  altn. 
mälmr,  schwed.  malm  und  daher  finn.  malmi  metallum. 


METALLE  9 

scheint  gebrauch  der  bronze  voranzugehn  dem  des  eisens.  nicht  an- 
ders gehört  ungr.  vas  eisen  zum  finn.  vaski,  est.  wask;  wer  erinnert 
sich  dabei  nicht  aus  deutscher  heldensage  des  Schwertes  Waske?  an 
dasselbe  vas,  glaube  ich,  schlieszen  sich  waras  warsch  werrew. 

Aber  sehr  auffallend  gleicht  finn.  kasari  aes  dem  skr.  kesara  aurum, 
ein  neues  zeugnis  für  aes:   aurum,  die  beide  gelb   sind,     nach   Pott 
2,  410  bezeichnet  kesara  fulvum,  löwenfarbe,  und  ist  entnommen  von  13 
kesara  juba  leonis   und  leo   selbst,   vgl.  lat.  caesaries;   soll  auch  an 
xaöoiTSQog  zinn  gedacht  werden? 

In  den  gehalt  der  wurzeln  zu  dringen  ist  überhaupt  kein  leich- 
tes geschäft,  und  hier  liegen  lauter  allgemeine,  auf  die  Wörter  bald 
zu  übertragende  begriffe  des  glanzes,  der  färbe  nah.  zwar  ccQyvgiov 
und  argentum  führen  sich  bestimmt  zurück  auf  aQyog,  ir.  arg,  wie 
skr.  rad^ata  und  andere  namen  des  silbers  weisz,  des  goldes  gelb  aus- 
drücken, bedenklicher  scheint  die  versuchte  herleitung  von  sidubras 
aus  skr.  äveta  abhra  (weisz  goldj  oder  von  öldrjQog  aus  skr.  sved  su- 
dor,  obgleich  wir  schweiszen  für  schmieden  des  eisens  (jenes  ferru- 
minare)  verwenden  und  ein  mythus  eisen  aus  blut  entstehen  läszt. 
doch  äveta  albus,  zend  äpenta,  slav.  svent  leuchtend  mag  immer  ver- 
wandt liegen,  auch  sidus  sideris  leuchtendes  gestirn.  %Qvöog  (für 
%8QvGöq)  wird  gestellt  zu  skr.  hiranja  [Benfey  Pantsch.  1,  6],  zend. 
zara  zaranja,  pers.  zer,  wogul.  zorni,  syriän.  zarni*,  die  alle  gold  be- 
deuten und  dazu  skr.  hari  gelb,  harit  grün  verglichen;  ich  zaudere 
goth.  hairus,  alts.  heru  (ensis)  in  betracht  zu  nehmen,  auch  lett.  selts 
kann  neben  seit  virere,  sl.  zlato  neben  zelen  viridis  zu  stehn  kommen, 
lat.  viridis  für  quiridis  unmittelbar  harit  und  XP  in  %QVöog  erreichen, 
wären  %Qv6og  und  %k(jOQog  verwandt,  so  dürfte  %aK%6g  herantreten, 
wie  zwischen  selts  und  dselse  nähe  vorbricht;  für  unser  gold  aber 
böten  sich  deutsche  Wörter  mit  GL  und  dem  begrif  des  glanzes  dar**. 
Läge  die  nämliche  Vorstellung  in  der  wurzel,  welcher  aes  aurum  eisen 
entstammen  (und  unser  is,  eis  glacies  verbürgt  es),  würde  ich  mich 
sträuben  wider  die  deutung  von  ajas  aus  ajamas  unzähmbar. 

Nach  allen  diesen  beispielen  leuchtet  gleich  an  der  schwelle  mei-  14 
ner  Untersuchungen  ein,  wie  tief  sich  alle  europäischen  sprachen 
durchdringen,  erz  und  gold,  erz  und  eisen  wechseln  ihre  namen; 
silber  und  gold  nicht  unmittelbar,  allein  silber  mag  sich  in  öidrjQog  mit 
eisen  berühren.  Deutsche  Slaven  und  Litthauer  müssen  zuletzt  in  ge- 
meinschaft  gestanden  haben,  dann  aber  tritt  das  litthauische  wieder 
unmittelbar   nah   dem   latein,   welches  uns  näher  liegt  als  das  grie- 


*  Reinhart  fuchs  s.  CCVIII  sarn  f.  isarn;    aber  damit  gienge  eisarn: 
ais  verloren. 

**  edda  Saem.  187b  it  gialla  gull,  das  klingende,  aber  giallr  stimmt  nicht 
unmittelbar  zu  gulf)  und  gleich  schwach  sind  die  ansprüche  von  gelb  oder 
galle.  Miklosich  stellt  zlato  zu  zrjeti  videre,  das  ursprünglich  splendere 
bedeutet  habe,  jenem  zara  vergleicht  er  zarja  aurora  und  auch  aurora  fällt 
zu  aurum,  litth.  auszra  fast  zu  auksas.  steht  aurora  für  ausosa  skr.  uschas,  gr. 
tfwq  für  r{o(6q?  noch  unser  spruch  legt  der  morgenstunde  gold  in  den  mund. 


10  METALLE 

einsehe;  doch  die  Slaven  scheinen  einigemal  an  das  griechische  zu 
streifen,  auch  die  keltischen  sprachen,  da  wo  sie  sich  an  lateinische 
und  griechische  schlieszen,  weichen  von  uns  ab;  für  alle  nimmt  das 
sanskrit  oft  den  hintergrund  ein.  fern  steht  finnische  zunge,  denn 
was  ihr  mit  uns  gemein  ist,  hat  sie  erborgt,  nur  kasari:  kesara, 
vielleicht  hopia:  cuprum  wird  bedeutsam,  gern  vernommen  hätte  man 
die  skythischen,  thrakischen,  getischen  namen  der  vier  metalle. 


IL 
HIRTEN  UND  ACKERBAUER. 


Hat  die  ansieht  von  den  Zeitaltern  grund,  so  musz  sie  noch  15 
mit  einem  andern  durchgreifenden  gegensatz  zusammentreffen,  den  wir 
auf  dem  boden  der  geschichte  wahrnehmen,  die  menschen  des  stein- 
altem waren  hirten,  die  des  ehernen  ackerleute  und  der  milchessende 
riese  weidete  herden;  bedeutungsvoll  scheint  die  weitbekannte  sage 
von  der  hünenjungfrau ,  die  verwundert  auf  einen  ackernden  stiesz 
und  ihn  samt  pflüg  und  rindern  in  der  schürze  als  artiges  Spielzeug 
heimtrug:  doch  der  alte  hüne  schalt  und  hiesz  sie  die  erdwürmer 
schnell  zurückbringen,  deren  andränge  das  riesengeschlecht  bald  werde 
weichen  müssen.  Hier  sind  aber  riesen  und  menschen  als  verschiedne 
stamme  aufgefaszt,  während  die  geschichte  lehrt,  dasz  bei  jedem  ein- 
zelnen volk  dem  hirtenleben  der  ackergang  nachfolge. 

Jenes  unaufhaltsame  einrücken  der  Völker  aus  Asien  in  Europa 
setzt  kühne  kampflustige  stamme  voraus,  die  sich  zuweilen  ruhe  und 
rast  gönnten,  im  drang  der  fortbewegung  von  ihrer  herde,  jagd  und 
beute  lebten,  bevor  sie  sich  friedlichem  ackerbau  ergaben,  müssen 
sie  Jäger  hirten  und  krieger  gewesen  sein  und  erst  auf  der  grund- 
lage  beider  zustände  konnte  ein  höherer  aufschwung  des  geistes  wie 
der  sitte  gedeihen,  der  den  begabtesten  und  glücklichsten  unter  ihnen 
zu  theil  ward. 

Ich  will   ausführen  wie  dieser  unterschied  in   alle   Verhältnisse  16 
des  lebens  greift. 

Den  tapfern  stand  die  weit  offen:  sie  ziehen  aus  der  heimat,  wo 
es  ihnen  zu  enge  geworden  war,  von  hungersnoth  und  miswachs*,  von 
feindschaft  der  stamme  oder  Wanderlust  und  drang  nach  abenteuer 
getrieben,  das  losz  und  der  götter  rath  geleitet  sie,  vögel  fliegen 
voraus,  eine  hindin  zeigt  die  fürt  über  den  ström,  ein  bär  oder  wolf 
weist  den  pfad  durch  wald  und  gebirge.  sie  reisen  samt  frauen 
kindern  verwandten  freunden,  vor  allem  heilig  sind  ihnen  die  bände 
der  brüderschaft  und  das  gastrecht;  in  Lucians  Toxaris  findet  man 
mit  treffenden  zügen,  durch  ergreifende  beispiele  skythischer  nomaden 
feste  treue  und  unerschütterlichen  mut  dem  gesittigten  aber  schlaffen 
leben  der  Griechen  gegenüber  gestellt. 

*  [sage  von  der  hungersnoth:  Paul  Diaconus. Saxo Gramm.  Macchiavelli. 
Goldast.  schwedische  sage,  Afzelius  1,  15.  ein  theil  davon  Gest.  Roman. 
124.  altd.  blätt.  1,  149  ff.  sage  bei  Wittechind.  Hervara  saga  p.  453.  454.] 


12  HIRTEN 

Dieser  wandernder  Völker  habe  sind  wagen  und  vieh,  waffen  und 
schmuck,  den  Griechen  hieszen  sie  a^ia^oßioi,  ein  reicher  unter  ihnen 
besitzt  zehn  goldschalen  und  achtzig  vierlagerige  wagen,  cc^id^ag 
TStQccxXlvovg,  ein  armer,  dem  weder  wagen  noch  herden  gehören,  ist 
reich  an  blutsbrüdern.  wagenhäuser  legt  Plinius  8,  40  noch  aus- 
drücklich den  wandernden  Cimbern  bei  und  eine  Wagenburg  ums 
lager  zu  führen  gegen  nächtlichen  Überfall  blieb  bis  in  die  späten 
zeiten  kriegsbrauch.  anschaulichstes  bild  solcher  wagen  geben  uns  die 
holzhäuser  der  schäferkarrn*;  wo  aber  länger  gerastet  wird,  treten 
waldhütten  und  erdhölen  an  deren  stelle. 

Pferde  rinder  schafe  und  hunde  sind  das  vieh  der  hirten  und 
jäger.  der  hund  schützt  pferde  und  wagen,  seine  treue  überdauert 
den  tod  des  herrn:  canes  defendere  Cimbris  caesis  domus  eorum  plau- 
stris  impositas ;  beim  gefallnen  held  liegt  noch  sein  hund,  steht  trau- 
rig nickend  sein  ros,  denn  beide  hatte  er  oft  mit  namen  gerufen 
und  zwischen  ros  und  reiter  waren  gespräche  gewechselt  worden.  Der 
rinder  und  schafe  folgt  eine  gröszere,  schon  minder  zutrauliche  schar. 

Auch  das  schwert  wird  benannt  und  angeredet,  es  ist  des  man- 
nes  grösztes  kleinod,  das  nur  auf  seinen  nächsten  männlichen  erben 
übergeht;  frauliche  habe  sind  schmuck  und  ringe,  den  ganzen  un- 
terschied zwischen  hergewäte  und  gerade  darf  man  auf  heilige  Vor- 
stellungen des  hirtenlebens  zurückleiten.  Nie  legt  der  mann  sein 
schwert  ab,  bei  jedem  anlasz  treten  hirten  Völker  bewafnet  auf,  was 
noch  Tacitus  an  den  Germanen  beobachtete:  nihil  autem  neque  pu- 
blicae  neque  privatae  rei  nisi  armati  agunt.  schwert  und  speer  war 
den  kriegern  ein  hehres  wesen,  bei  dem  sie  feierlichen  eid  schworen, 
das  sie  als  göttliches  zeichen  aufrichteten  und  verehrten,  von  allen 
göttern  stand  ihnen  der  gott  des  Schwertes  zunächst,  oder  der  des 
hammers,  dessen  wagen  donnernd  durch  die  lüfte  rollt;  ihm  fallen 
blutige  opfer  zumal  von  pferden  und  der  wald  ist  sein  tempel:  wie 
wollte  ihr  gott  zwischen  wände  gedrängt  werden,  so  lange  sie  selbst 
nicht  in  festen  häusern  wohnen? 
17  Aller  kauf  scheint  noch  tausch    und   wird  mit  vieh,   pelz  oder 

ringen  unterhandelt,  selbst  die  münze  war  ursprünglich  zierrat.  alle 
buszen  sind  kriegerisch,  der  ausgehaune  knochen  soll  im  schild  er- 
klingen. 

Das  ganze  treiben  dieser  Völker  ist  freies  waldleben,  zwischen 
zügen,  weide  und  krieg  getheilt;  der  kämpf,  den  sie  begierig  suchen, 
führt  sie  gleich  der  jagd  zur  beute**,  schlacht  und  jagd  ist  was  sie 
ergetzt***.  weida  in  unsrer  alten  spräche  bedeutet  sowol  pastio  als 
venatio  und  piscatio,  weidman  den  hirt  und  jäger;  noch  heute  ist 
der  alpenhirt   auch  der  kühnste  gemsen jäger.     In   den   wandernden 


*  an  dem  von  Pallas  gebauten  haus  wird  getadelt:  ixt]  tqoxovq  öiöij- 
Qsiovq  iv  xolq  ^SfieXioiq  yeyovevai.   Babr.  59,  13. 
**  vneg  vopTjq  rj  Xetaq  fiaxofie^a.    Toxar.  36. 

***  man  verband  wonne  und  weide;  vinja,  wunna  geht  über  in  den  uns 
heute  allein  bleibenden  begrif  der  freude,  und  augenweide  drückt  wonne  aus. 


HIRTEN  13 

rittern*,  die  nach  kämpf  und  sieg  durstig  durch  die  weit  zogen,  ist 
noch  nomadischer  anklang. 

Speise  war  milch  und  fleisch  der  herde,  wildobst  und  wildbret:  18 
cibi  simplices,  agrestia  poma,  recens  fera  aut  lac  concretum  (Tac. 
Germ.  23),  woher  der  name  ycdccxronotca.  weder  Stutenmilch  wurde 
verschmäht  noch  pferdefleisch ,  dessen  genusz  nach  der  bekehrung 
allen  Christen  für  heidnischen  greuel  galt,  einzelne  nomaden  hieszen 
den  Griechen  iitn-quofayol. 

Da  sie  blosz  am  gewinn  von  der  herde  und  an  kriegsbeute  hän- 
gen, fast  keine  frucht  aus  dem  boden  erzielen  und  die  waldtrift 
wechseln,  hat  grundeigenthum  noch  keinen  werth  und  leicht  verstän- 
digen sie  sich  über  den  nieszbrauch  solcher  eine  Zeitlang  dem  ge- 
meinbesitz  einzelner  geschlechter  und  horden  belassenen  gebiete,  die 
nach  deren  abzug  andern  einzunehmen  freisteht,  zwischen  diesen 
waldbezirken  mag  die  grenze  nicht  durch  mühsame  messung  bestimmt 
worden  sein,  sondern  ganz  in  weise  der  späteren  markgemeinden 
durch  raschen  hammerwurf  oder  andere  friedigende  zeichen. 

Dem  unstäten  aufenthalt,  der  ungebundenheit  des  hauses,  das 
der  hirt  auf  rädern  nach  gefallen  an  andere  stellen  versetzen  kann, 
scheint  auch  Vielweiberei  zu  entsprechen,  der  wir  bei  allen  aus  dem 
nomadenstand  tretenden  Völkern  noch  begegnen,  krieger  und  hirten 
streben  schönen  weibern  nach**,  dem  ackermann  genügt  die  einzige 
ehfrau,  welcher  er,  wenn  ihn  feldarbeiten  rufen,  sein  haus  zu  ordnen 
überläszt.  für  die  polygamie  werde  ich  im  verfolg  das  beispiel  der 
Geten  anführen;  da  sie  sich  bei  den  alten  Slaven  und  Scandinaven 
vorfindet,  darf  sie  in  ältester  zeit  auch  unter  den  übrigen  Germanen 
nicht  befremden,  das  blosze  dasein  eines  worts  in  frühster  spräche 
diene  zum  erweis:  dem  ahd.  chepisa  pellex,  mhd.  ke'bese,  ags.  cifese 
würde  ein  goth.  kibisa  kibiza  zur  seite  stehn,  altn.  bedeutet  kCfsi 
oder  kefsir  servus  molestus,  wie  auch  ndlkat,  nalkccKig  TCalXaxrj  so- 
wol  magd  als  kebse  bezeichnen,  sicher  wurden  die  kebsen  meisten- 
theils  geraubt  oder  aus  unfreien  mädchen  gewählt***. 

Vorzugsweise  werden  unter  nomaden  anführ  er  im  krieg,  könige,  19 
edle  geschlechter  und  ein  priesterstand  sich  entfaltet  haben,    wie  bei 
Homer  der  fürst  noch  noiftrjv  kaäv  heiszt  oder  anderwärts  noifxcivcoQ 
7iOL[iävtG)Q,  bedeutet  auch  im  sanskrit  gopa  zugleich  kuhhirt  und  fürst. 


ein  dichter  des  mittelalters  sagt:  „ich  wolte  uwer  freude  sehen"  d.  i.  was 
ihr  gejagt  habt. 

*  span.  caballeros  andantes,  mnl.  wandelende  ridders.  Lanc.  3509.  6579. 
8704.  8740. 

**  Tox.  26  von  den  Skythen:  cflye  xav  xaq  naXkaxccg  äxQißüq  tag  xal- 
Xlaxaq  ixleyeo&cu  keyovzai. 

***  chepisa  scheint  mit  chupisi  tugurium  (Graff  4,  359)  unmittelbar  ver- 
wandt, sie  wurde  in  einer  schlechten  hütte  (xvtzij,  xalvßrj)  gehalten,  im 
gegensatz  zur  frau.  lieblicher  ist  ein  andrer  name,  ahd.  friudila,  altn. 
fridla,t  frilla  und  den  glossen  friudilinna  gerade  pellex,  concubina  (Graff  3, 
788),  'amica  mea  Ellinsuind'  in  einer  urk.  bei  Meichelbek  no.  132  aus  dem 
beginn  des  9.  jh.    ebenso  ist  die  gr.  stcciqcc  gegensatz  zur  ehfrau. 


14  ACKERBAUER 

Lucian  nennt  die  bloszen  freien  buTanoStg,  für  sie  wird  zweier  rin- 
der  besitz  und  eines  wagens  gefordert,  welch  ein  abstand  von  jenen 
achzig  wagen  des  vornehmen!  freie  scheinen  durch  lockentracht,  edle 
und  priester  durch  hüte  ausgezeichnet.  Mit  edlen  und  königlichen 
geschlechtern  im  Zusammenhang  mnsz  aber  ein  heroencultus  gedacht 
werden,  der  es  wahrscheinlich  macht,  dasz  diese  Völker  die  gräber 
ihrer  helden  und  könige  heilig  hielten,  nach  Herodot  4,  127  wollen 
Skythen  nur  für  die  gräber  ihrer  vorfahren  streiten. 

Unter  solchen  menschen,  die  ihre  tage  und  jähre,  aufgeregt  aber 
auch  still  und  ruhig,  über  wonne  und  weide  (rechtsalt.  s.  521)  in 
der  Sommerfrische*  oder  vom  engen  wagendach  geschützt  verbrachten 
und  die  heimliche  natur  belauschten,  musz  glaube  an  einen  verkehr 
mit  thieren  gewurzelt  und  die  thierfabel  begonnen  haben,  die  sich 
in  spätere  zeiten  forttrug,  auch  die  aufnähme  muthiger  thiere  in 
menschliche  eigennamen,  ihre  abbildung  auf  heim  und  schild,  und  der 
bezug  vieler  kräuternamen  auf  thiere  scheint  mir  damals  entsprungen**. 
2Q  Die  spräche  der  nomaden  enthält   einen  reichthum  manigfacher 

ausdrücke  für  schwert  und  waffen  und  für  die  Viehzucht  in  jeder  läge, 
welche  dem  gebildeten  zustand  hernach  lästig  oder  überflüssig  er- 
scheinen; das  begatten,  trächtig  sein,  gebären,  sterben,  schlachten 
wird  fast  bei  jedem  vieh  anders  und  eigens  benannt,  wie  der  Jäger 
am  verschiedenen  wild  den  gang  und  einzelne  glieder  des  leibs  mit 
abweichenden  Wörtern  zu  bezeichnen  pflegt,  dieser  in  freier  luft 
lebenden  hirten  äuge  sieht  weiter,  ihr  ohr  hört  schärfer,  wie  sollte 
nicht  überall  ihre  rede  sinnliche  anschauung  und  fülle  gewonnen  haben? 

Ihnen  gegenüber  läszt  sich  nun  leicht  auch  ein  bild  der  zum 
ackerbau  übergegangenen  Völker  entwerfen. 

Jene  bewegung  ist  zur  ruhe  gelangt  und  friedliche  niederlassun- 
gen  an  glücklich  erkämpfter  fester  stelle  sind  erfolgt,  zu  der  habe 
an  beweglichem  gut,  die  ehmals  genügte,  tritt  sicheres  erbliches  grund- 
eigenthum  und  der  ackerbau  verbreitet  seinen  segen;  statt  des  viehes 
wird  jetzt  getraide  in  tausch  und  kauf  gebraucht,  theilbarkeit  der  fel- 
der  durch  geregeltes  masz  geheiligt,  für  die  blutigen  opfer  der  hir- 
ten bringen  ackerleute  ihre  fruchte  dar,  und  milderen  göttern  oder 
göttinnen,  die  im  pflüg  und  der  spindel  unterwiesen  haben,  statt  des 
Schwerts  auf  dem  reisig  ist  ein  pfähl,  eine  herme  und  bald  unter  ge- 
wölbtem dach  errichtet,  die  bewegliche  wagenwohnung  durch  ein  fest 


*  so  nennt  noch  heute  der  Tiroler  die  landlust  (villeggiatura).  die  altn. 
spräche  hat  sei  (tugurium  aestivum). 

**  die  slavische  spräche  besitzt  eine  menge  lieblicher  frauennamen,  die 
von  waldkräutern,  blunien  und  wilden  thieren  entnommen  sind,  z.  B.  serb. 
Smilja,  Smiljana  von  smil' gnaphalium  arenarium,  Kaiina  ligustrum,  Peru- 
nika  iris,  Koschuta  hindin,  feokolitza  falkin;  ebenso  litthauisch  Smulke  = 
Smilja,  lettisch  selta  maggonite  goldner  mohn,  leipu  lappa  seebl innen blatt. 
maii  denkt  an  die  gleichschönen  hetärennamen  bei  Lucian:  ^Aßgöxovov, 
MvQTtov,KX(ovaQiov,Xsli6öviov.  mhd.  seltner,  doch  rnusz  sumertocke,  sumer- 
töckel  MS.  2,67a  Schmetterling  oder  libelle meinen;  mines  herzen  kleMSH.3,445a. 


ACKERBAUER  15 

im  grund  gemauertes  und  gebautes  haus  ersetzt:  an  einander  reihen 
sich  die  häuser. 

Inwendig  waltet  die  spinnende  webende  frau,  den  Angelsachsen 
fridovebbe  (friedeweberin)  geheiszen;  ihre  gerade  (radewant)  wenn 
ärmer  an  goldschmuck  ist  reicher  an  gewand  und  tüchern,  die  ehe 
rein  und  streng  geworden,  und  des  hausvaters  macht  und  ansehn  hat 
vieles  zu  schlichten,  was  sonst  dem  priester  zustand.  Entschiedner 
zur  freiheit  als  zum  königthum  scheint  sich  die  sitte  hinzuneigen.  21 
verliert  das  leben  an  geräusch,  so  hat  es  an  wiederkehrenden  festen, 
Zusammenkünften,  gerichten gewonnen;  die  spräche  verarmend  an  sinn- 
licher fülle  und  behendigkeit  beginnt  sich  mehr  an  geistige  Verknüpfung 
der  gedanken  zu  gewöhnen,  knechte,  deren  vorfahren  auf  heerzügen 
gewonnen  waren,  sind  schon  durch  viele  geschlechter  vererbt,  und 
führen,  blosz  im  recht  unterschieden,  namen  und  spräche  der  freien. 

Indem  sich  überhaupt  an  der  stelle  des  gefälligen,  leichten, 
schmucken  ein  nützliches  geltend  zu  machen  weisz  und  den  Wechsel 
des  unstäten  schweifens  ein  behaglicher  dauernder  wolstand  zu  ver- 
treten beginnt,  behält  der  unansehnliche  ackermann  über  den  ge- 
wandten krieger  und  hirten  allmählich  die  überhand*. 

Von  dem  hirtenleben  zum  ackerbau  müssen  aber  langsame,  viel- 
fache Übergänge  angenommen  werden**,  es  gibt  nirgend  steife  gleich- 
zeitige grenze  zwischen  beiden,  und  da  die  hirten  an  alter  voraus- 
gehn,  kann  es  nicht  wundern  dasz  manche  ihrer  brauche  und  ein- 
richtungen  auch  noch  unter  einzelnen  stammen  haften,  die  längst 
des  ackers  pflegen,  umgekehrt  dürfen  entschiedne  nomaden  schon  im 
voraus  feldwirtschaft  versucht  haben;  es  lebte  vielleicht  kein  hirten- 
volk  völlig  ohne  ackerbau,  und  bei  allen  ackerbauenden  erhalten  sich 
geraume  zeit  hindurch,  obschon  in  stäter  abnähme  und  schmälerung, 
weide  und  Viehtrift. 

In  den  gesängen  des  Rigveda,  welche  uns  frühe  nachricht  von 
den  zuständen  eines  urverwandten  volks  überliefern,  sind  bereits 
ackerbau,  dörfer  und  städte  erwähnt;  daneben  aber  wird  noch  deut- 
lich auf  das  umherziehen  nach  grasreichen  weiden  bezug  genommen***, 
handmüle  (mola  trusatilis,  manuaria)  und  brotbacken  war  den  hirten  22 
lange  schon  bekannt,  bevor  in  dauernder  niederlassung  wassermülen 
erfunden  wurden. 

Man  kann  nicht  krieger  Jäger  und  hirten  absondern  und  die  hir- 
ten als  mittelstufe  zwischen  krieger  und  ackerbauer  stellen,  denn  alle 
wandernden  hirten  waren  kriegerisch,  alle  krieger  führten  herden  mit, 
ohne  deren  milch  und  fleisch  sie  das  leben  nicht  gefristet  hätten,  wo- 
für fisch  und  wildbret  unzureichend  gewesen  wäre ;  rindes  bedarf  der 


*  nach  dem  serbischen  lied  hat  der  ratar  schwarze  hände,  aber  weiszes 
brot  (tschrne  ruke  a  bjela  pogatza).  Yuk  1  no.  273. 

**  wenn  Adams  söhne  alsogleicn  ackerer  und  hirte  sind,  so  würde  dem 
älteren  die  weide,  dem  jüngeren  der  feldbau  besser  zusagen  und  Abels 
weicher  gemütsart  das  unblutige  opfer. 
***  Adalb.  Kuhn  zur  ältesten  geschichte  indogerm.  Völker  s.  12. 


16  HERTEN 

steppendurchziehende  wagen  so  gut  als  der  erdwühlende  pflüg.  Auch 
ist  ackerbau  ein  friedlicher  stand,  kein  sanfter  zu  nennen,  weil  er 
schwerere  arbeit  kostet  als  weidgang,  zu  dem  nach  bestandner  kriegs- 
gefahr  der  hirte  wiederkehrt*,  aber  selbst  unter  den  hirten  steht  der 
rinderweidende  dem  ackerbauer  näher  als  der  wildere  freiere  schäfer. 

Mir  scheint  unzweifelhaft  dasz  bei  ihrem  ersten  eintritt  in  die 
geschichte  die  Germanen  noch  überwiegend  dem  hirtenleben  anhiengen, 
während  die  ihnen  voraus  gegangnen  Kelten  bereits  ackerbauer  waren, 
die  Cimbern  ziehen  auf  ihren  wagen  einher  und  Caesar  versichert  all- 
gemein von  den  Germanen:  agriculturae  non  student,  indem  er  sie 
Kelten  entgegensetzt,  einige  menschenalter  können  viel  ändern,  spä- 
terhin findet  Tacitus  zwar  germanische  feldbestellung ,  doch  frauen 
und  knechten  überlassene ;  männer,  wo  sie  nicht  kriegen,  pflegen  no- 
madischer ruhe  fort,  gartenbau  und  Obstzucht  scheinen  bald  nachher 
erst  ihrem  römischen  nachbar  die  Deutschen  abzulernen**.  Den  ge- 
meinsamen, wechselnden  ackergang,  wie  ihn  schon  Caesar  den  Sueven, 
Horatius  den  Geten,  Tacitus  mehr  im  ganzen  den  Deutschen  beilegt, 
23 hat  man  eben  als  seine  einfachste,  unmittelbar  für  die  gewohnheit 
der  hirten  sich  ergebende  anwendung  zu  betrachten;  noch  unfest  an 
die  schölle  gebunden  musten  sie  von  selbst  darauf  verfallen  ihren 
triften  jährliche  frucht  abzugewinnen,  diesen  ersten  betrieb  des  ackers 
unter  hirten  hat  bis  auf  uns  herab  den  markgenossen  ein  von  alther- 
gebrachter weidesitte  ungern  ablassender  feldbau  vergolten***,  tiefe 
wälder  nährten  die  angestammte  lust,  kein  andres  volk  in  Europa 
hat  diese  uralte  hirtengemeinschaft  so  lange  festgehalten  wie  unsre 
markgenossen,  und  erst  allmählich  legte  der  freie  mann  seine  waffen 
ab.  Auch  dasz  die  Germanen  nur  langsam  städte  gründeten,  ihre 
häuser  und  bürgen  zerstreut,  wo  es  ihnen  auf  der  flur  gefiel,  anleg- 
ten, darf  für  nachwirkung  ihres  festwurzelnden  nomadensinnes  gelten. 

In  andern  zügen,  oft  noch  dauernder  und  zäher,  läszt  sie  sich 
bei  Slaven  und  Finnen  spüren,  deren  spräche  später  ausgebildet  aus 
der  hirtenzeit  jugendliche  eindrücke  treuer  bewahrt. 

Jene  durch  ganz  Europa  verbreitete,  nach  Asien  zurückgreifende, 
unter  Deutschen  episch  erblühte,  unter  Slaven,  Litthauern,  Finnen  noch 
heute  im  volk  wache  thierfabel  liefert  uns  hier  überraschende  belege, 
der  vorgeschrittnen  bildung  sagt  die  natürliche  Unschuld  dieser  mythen 


*  noch  die  casus  sancti  Galli  schildern  uns  hirten  aus  dem  j.  913  so: 
magistri  pastorum  duo,  homines  utique  silvestres,  hirsuti  et  prolixis  bar- 
bis,  ut  id  genus  multum  videri  solet.    Pertz  2,  85. 

**  die  meisten  obstfrüchte  führen  undeutsche  namen,  aber  zu  Karls  des 
groszen  zeit  waren  sie  schon  Jahrhunderte  lang  allgemein  gültig;  wie  alt 
mögen  Ortsnamen  sein,  die  von  der  Obstzucht  herrühren,  z.  b.  Pirapalzinga 
in  Baiern  (Meichelb.  no.  1077)  vom  impfen  (pelzen,  palzian)  der  birnreiser. 
.  ***  wie  die  markgenossen  den  umgrif  des  ackerbaues  erschwerten,  finden 
sich  noch  heute  im  Bregenzerwald  thäler,  wo  nur  Viehzucht  und  sennerei 

Setrieben  wird,  kein  getraide  zu  schauen  ist.    (drei  sommer  in  Tirol  von 
udwig  Steub  s.  44.) 


HIRTEN  17 

nicht  mehr  zu,  und  ihr  reicht  hin  einen  gedrungenen  auszug  für 
das  sittliche  beispiel  zu  bewahren,  aber  zu  welchen  folger ungen 
berechtigt  nicht,  wenn  Simsons  angezündete  fuchsschwänze  im  korn- 
feld  sich  auch  bei  Babrius  oder  das  auf  Väinämöinens  knie  gelegte 
ei  im  Aesop  wiederfinden? 

Ich  hebe  noch  einiges  aus  den  sprachen  was  mir  zuerst  im  wald 
unter   hirten    entsprossen   scheint,    nahe    liegende   benennungen    ein- 
facher zustände,    sie  könnten  Jüngern  Ursprung  haben,  weil  das  ge- 
meine volk  immer  die  natur  beobachtet,  doch  ihre  weite  Verbreitung  24 
räth  an  ihn  tief  rückwärts  zu  stellen. 

Das  jüngste  kind,  den  Griechen  vrjTtiog,  den  Römern  infans  vom 
mangel  der  rede  geheiszen,  nennt  Ulfilas  niuklahs,  altn.  nyklakinn, 
nach  dem  im  nest  ausgeschlofnen  jungen  vogel.  ich  weisz  nicht  ob 
das  lat.  pipio  auf  ein  kind  angewandt  wurde,  aber  mlat.  hiesz  der 
junge  im  nest  überraschte  sperber  nidasius,  woher  das  franz.  allge- 
meiner gebrauchte  niais,  sp.  niego  stammt;  noch  poetischer  klingt 
unser  gelbschnabel,  und  das  franz.  bejaune  wird  aus  bec  jaune  er- 
klärt, wo  es  nicht  zu  bCer,  beare  gehört,  weil  der  junge  vogel  den 
Schnabel  sperrt,  vgl.  Ducange  s.  v.  beanus.  unsern  volksmundarten 
steht  eine  fülle  lebhafter  ausdrücke  zu  für  das  jungte  im  nest 
hockende  unerfahrne  vöglein:  nestling  nestquak  (das  ist  pipio)  nest- 
quaklein  nesthocker  nesthöckerli  nestblutter  nestblüttling  nestblütterli 
nestkitterle  nestkuiterlein  nestscheiszer  (im  pentamerone  cacanidolo) 
nestkiken  nestkükel  nestbatz.  in  englischen  dialecten  nestcock  nest- 
lecock  nestchicken  nestlebub  nestletrip  nestgulp  nestledraft.  die 
Polen  sagen  gniazdosz,  die  Böhmen  hnezdnjk*. 

Uns  reicht  trächtig,  dem  Römer  feta,  praegnans,  inciens  (fyxvog)  25 
von  allen   thieren    der  herde  aus,   doch  gilt  ihm  für   die  kuh  horda 


*  ein  neugebomes  kind  ist  die  freude  der  mutter.  mey  er  munud  fceddi, 
delicias  peperit  =  filium.  Ssem.  149  b;  maniger  muoter  froude=kind.  Maria 
209,  30;  nie  herzeliep  mit  kinde  gewan:  Maria  153,  15;  thiu  kinde  nio  ni  fa- 
geta.  0.  IV.  26, 36  noch  heute  heiszt  unter  dem  volk  erfreut  werden:  einleben- 
des kind  gebären,  keine  freude  bringen:  eintodtes  zur  weit  bringen,  ungefreut: 
todtgeboren  (Schindler  1,  599.  601.  4,  192.  Stald'.  2,  516);  nachfreude  nach- 
geburtSchmid schwäb. id. 203).  Inder  aegypt.  hieroglyphe  drückt  ein  nest  mit 
jungen  vögeln  freude  aus  und  koptisch  bedeutet  meh  junge  vögel,  mih  freude 
(dingbilder  no.  437  bei  Bunsen  1,  663).  ein  minnesinger  frohlockt  MS.  2,  91a 

endelich  daz  herze  nun 

wepfet  in  dem  übe. 

sam  ez  habe  funden 

ein  nest  vollez  vögellin. 
Hoch  poetisch  ist,  dasz  den  Griechen  der  plural  von  sporj  und  öqoooq  die 
neugebornen  thiere  bezeichnet:  SQoai  Od.  9,  222.  öqoool  Aesch.  Agam.  141, 
der  thau  liegt  noch  auf  ihnen  wie  auf  frischen  blumen.  Sophocl.  fragm.  962 

ipccxakovxoi 
fitjTEQsg  diyiq  r'  inißaatiöiov 
yovov  dprakivcov  avacpalvoisv, 
wozu  man  die  von  Dindorf  beigebrachten  stellen  aus  Eustathius  nehme. 

Jväxakov  von  ipaxaq,  und  der  thau  kann  auch  die  lanugo  an  thieren  oder 
rüchten  sein,  finn.  utu  ros  und  pluma  mellissima. 

Grimm,  geschickte  der  deutschen  spräche.  2 


18  HIRTEN 

oder  forda  vgl.  hordicidia  fordicidia.  Die  Slaven  verfahren  aber  so, 
dasz  sie  ans  der  praep.  s  und  dem  namen  des  jungen  thiers  ein 
eignes  wort  für  die  tragende  mutter  bilden,  russ.  heiszt  die  trächtige 
kuh  stute  sau  hündin  stel'naja  bereshaja  suprosaja  tschennaja,  d.  i. 
die  mit  dem  kalb  telja,  füllen  sherebja,  ferkel  porosja  gehende  korova, 
koblyja,  svinja.  ebenso  böhm.  stelnä,  shrebnä,  sprasnä,  skotnä  von 
tele  hrjbe'  prase  kote\  Der  Litthauer  fügt  dem  namen  des  jungen 
die  endung  -inga  hinzu  und  bezeichnet  damit  das  trächtige  weibchen : 
werszinga  karwe,  parszinga  kiaule,  eringa  awis,  kummelinga  von 
werszis  kalb,  parszas  ferkel,  eris  lamm,  kummelis  füllen.  Auf  ähn- 
liche weise  wird  mit  dem  namen  des  jungen  thiers  auch  das  werfen 
desselben  bezeichnet,  wir  sagen:  die  stute  fohlt,  die  kuh  kalbt,  das 
schaf  lammt,  die  geisz  zickelt,  die  sau  frischt  (von  frisching  frisch- 
ling),  die  hündin  weift  (mhd.  erwirfet  daz  weif);  nicht  anders  heiszt 
es  franz.  la  chevre  chevrote,  la  brebis  agnele,  la  truie  porcele,  la 
louve  louvete;  bei  Marie  de  France  2,  86  lisse  qui  vuleit  chaeler 
(von  chaiax  weif),  bei  Meon  2,  347  truies  qui  essouent  (von  soue 
ferkel).  das  ags.  eanian,  engl,  yean  lammen  setzt  einen  namen  des 
lamms  voraus,  der  von  eov  ovis  abweicht.  Auch  in  den  slav.  sprachen 
geschieht  dasselbe,  z.  b.  böhm.  gilt  von  der  kuh  oteliti  se,  von  der 
stute  ohrebiti  se,  von  der  sau  oprasiti  se,  von  der  katze  okotiti  se. 
unsrer  heutigen  spräche  klingen  solche  verba  gemein,  wir  sagen  lie- 
ber: junge  werfen,  die  Franzosen  mettre  bas. 
26  Für  das  schlachten  der  thiere,  weil  es  nicht  auf  gleiche  weise 

bewerkstelligt  wurde,  galten  wiederum  verschiedene  wörter.  Luc.  15, 
23  verdeutscht  Ulfilas  xbv  \l6<5%ov  %v<5axe.  stiur  ufsneipip,  und  15,  27 
nochmals  ed'vöev  ufsnaij),  die  vulg.  hat  für  &veiv  occidere,  ufsneijmn 
ist  mehr  succidere;  Joh.  10,  10  wiederum  ufsneipai  für  ftvörj,  vulg. 
mactet,  vom  dieb  der  die  schafe  schlachtet,  ich  finde  noch  im  16  jh. 
rein  lamb  mustu  auch  schneiden  ab',  wie  es  nhd.  heiszt  ein  huhn 
abschneiden,  gemeint  wird  das  durchschneiden  der  kehle,  gleichviel 
nhd.  abthun,  mhd.  abnemen,  Berthold  47.  weisth.  1,  313.  Schmid 
schwäb.  id.  405.  nhd.  das  Schwein  stechen,  abstechen,  ahd.  arslahan 
mactare,  mhd.  ein  swin  slahen  Ls.  1,  285;  vihe  slahen,  nhd.  einen 
ochsen  schlagen,  mhd.  ein  chalp  bestroufen,  zwei  chitzi  bestroufen, 
Diut.  3,  65,  73,  eigentlich  die  haut  abziehen,  abstreifen?  ahd.  wurgan 
mactare  Diut.  1,  260b  würgen,  strangulare.  altn.  skera  mactare: 
Thörr  'skar  hafra  Sn.  49,  schor,  schnitt  den  bocken  das  haupt  ab. 
mhd.  den  wolf  klüben?  fragm.  14b;  tüben  knüllen  MS.  2,  192a; 
hüner  pflücken  (rupfen)  Fichards  aroh.  3,  318;  zerbrechen  als  ein 
huon,  Eracl.  5482;  den  visch  vellen  Greg.  3054;  nhd.  ist  fällen  er- 
legen prosternere.  Den  Böhmen  heiszt  poräzeti  wola  den  ochsen 
schlachten,  zaklati  prase  das  schwein  stechen,  zabiti  ob^t  das  opfer 
schlachten,  zabiti  gelena  den  hirsch  fällen.  Am  reichsten  scheint  hier 
die  litth.  spräche  [Donaleitis  155J:  vom  stier  gilt  pamuszti,  vom 
schwein  skersti,  vom  schaf  papjauti,  von  der  gans  pjauti,  vom  widder 
smaugti,  und  diese  Wörter   haben    entweder  den  sinn   des   stoszens, 


HIRTEN  19 

stechens  oder  erdrosselns.  Wahrscheinlich  stammen  solche  unter- 
schiede schon  aus  der  zeit  der  opfer  und  das  alte  blötan,  pluozan 
sacrificare  war  ursprünglich  mactare. 

Dem  sterbenden  thier  misgönnt  unsre  heutige  Volkssprache  den 
gemeinen  ausdruck*  und  braucht  verächtlich  entweder  crepieren  ber- 
sten, nach  dem  ital.  crepare,  franz.  crever,  oder  darauf  gehn  (engl.  27 
go  off)  abstehn  (vom  fisch)  und  verrecken,  gleichsam  die  glieder 
strecken,  erstarren;  edler  die  Jäger  vom  hirsch  und  wild:  verenden, 
mhd.  gilt  sterben  und  tot  ligen  auch  vom  thier.  von  der  geisz  die 
schweizerische  mundart:  sie  vergagert,  vergibelt  Stald.  1,  413.  442; 
verzwatzeln  heiszt  sich  todt  zappeln**,  böhm.  pokapati,  pozcypati 
verrecken,  vom  hund  zcypnauti,  zcepenSti,  vom  schaf  zkapati,  zkap- 
nauti.  litth.  nustipti  erstarren,  gaiszti  iszgaiszti  verderben,  iszdw&sti, 
padwesti.    lett.  sprangt,  nosprahgt  bersten. 

Aus  der  alpenhirtensprache  würde  sich  diese  samlung  erweitern 
lassen  und  viel  anderes  wäre  auszerdem  erwägenswerth,  eigennamen 
die  der  hirt  seinem  hund  oder  rinde,  der  held  seinem  pferde  beilegt, 
rufe  des  lockens,  scheuchens,  antreibens,  zurückhaltens,  wie  sie  sich 
ohne  zweifei  in  hohes  alterthum  verlieren,  von  noch  gröszerem  ge- 
wicht für  den  Sprachforscher  wird  die  allgemeine  unter  den  urver- 
wandten Völkern  umgehende  benennung  dieser  thiere  sein. 

*  goth.  divan  und  daufman,  altn.  deyja;  goth.  sviltan,  alts.  sueltan, 
ahd.  sterpan,  nhd.  sterben ;  goth.  usanan  =  expirare,  ausathmen,  spiritum 
effundere,  ebullire  animam. 

**  sehr  eigen  heiszt  den  Basken  die  lebendige  ziege  auntza,   die  todte 
auntzquia. 


2* 


III. 

DAS  VIEH. 


28  Was  gezähmt  zur  weide  getrieben  wird  heiszt  vieh,  im  gegen- 
satz  zu  dem  wilden  ungebändigten  thier.  beide  ausdrücke  erstrecken 
sich  durch  die  sprachen:  goth.  faihu,  ahd.  fihu,  alts.  fehu,  ags.  feoh, 
altn.  fe,  schwed.  fä,  nnl.  vee,  nhd.  vieh,  lat.  pecu,  preusz.  pecku,  gr. 
Ttav  für  tcokv  Ttmv,  zend  und  skr.  paäu.  litth.  ist  übrig  piemü,  dem 
gr.  7tOLH?]v  entsprechend,  den  begrif  pecus  drückt  aber  galwijas  aus 
von  galwa  caput,  wie  capitale,  engl,  cattle  und  unser  bestehaupt, 
ßowv  nccQ7]va.  pecunia,  faihu  fihu  feoh,  des  hirten  vornehmste  habe, 
peculium,  Ktrjvog,  bezeichnen  zugleich  das  älteste  tauschmittel,  geld. 
das  sl.  wort  für  vieh  lautet  skot  und  scheint  entweder  umgekehrt  aus 
goth.  skatts,  altn.  skattr,  ags.  sceat,  ahd.  scaz,  nhd.  schätz  entsprun- 
gen, welche  bereits  geld  bedeuten,  oder  es  bewahrt  den  sinnlichen 
begrif,  den  jene  deutschen  Wörter  fahren  lieszen ;  doch  auch  fries.  sket 
drückt  vieh  und  geld  aus,  und  mhd.  werden  rscaz  und  vihe'  verbun- 
den Diut.  3,  87.  man  erwäge  lat.  opes  und  ovis,  wobei  opilio  für 
ovilio  vermittelt  und  hernach  beim  pferd  maij>ms  und  mädm. 

Unser  thier,  goth.  dius,  ags.  deor,  engl,  deer,  altn.  dyr,  nnl.  dier, 
ahd.  tior,  mhd.  tier  ist  sichtbar  das  gr.  friJQ  %'rjQiov,  aeol.  <prJQ,  lat. 
fera  (vgl.  ferus  wild),  sl.  zvjer,  böhm.  zwer,  zwjre,  poln.  zwierz,  litth. 
zw£ris,  lett.  swehrs,  pr.  swiris;  für  den  Übergang  des  &  in  ZV  ver- 

29  gleiche  man  skr.  dhvan  sonare,  ags.  Jranor,  ahd.  donar,  sl.  zvon,  litth. 
zwanas  sonus  sonitus  und  das  S  dieser  lat.  Wörter  neben  tonitru.  das 
thier  ist  der  Jäger  vieh,  das  vieh  der  hirten  thier. 

Vieh  weiden  hiesz  goth.  haldan,  ahd.  haltan  (0.  V.  20,  32.  I. 
12,  1)  mhd.  halten  (Griesh.  pred.  1,  10.  fundgr.  2,  90.  Helbl.  8, 
524)  tenere,  custodire,  in  gewahrsam  halten,  und  ganz  ähnlich  ent- 
springt gr.  vefiEiv  weiden  aus  der  bedeutung  habere,  tenere,  sortiri, 
=  goth.  nimau,  ahd.  ne'man  capere,  tenere;  vo[iij  ist  weide,  Weide- 
platz wie  captura  praeda  und  mlat.  locus  praedae  =  ahd.  bifang,  lat. 
nemus  wald  und  weide,  alts.  nimid  (mythol.  s.  614).  goth.  vinja  vopij, 
ahd.  winßn  pascere,  mhd.  wünne  pascuum,  eigentlich  gaudium,  volup- 
tas,   aus  der    wonne    des    weidens,    den    lachenden    wiesen    zu    deu- 


VIEH  21 

ten*?  auch  vinja  und  winen  darf  ich  zu  venari  ziehen,  dessen  langer 
vocal  auf  dem  wege  des  ablauts  leicht  vermittelt  wäre.  ahd.  weida 
pascuum,  pabulum,  venatio,  ags.  väde  vagatio  (weil  die  nomaden 
schweifen)  altn.  veidi  captura  venatio,  veida  venari,  schwed.  veda 
venari.  altn.  beita  pascere,  schwed.  beta,  dän.  bede,  mhd.  beizen, 
das  vieh  fressen  machen  und  jagen;  schwed.  gä  i  bet  pastum  agere, 
gä  i  vall  auf  die  weide  gehn,  von  vall,  altn.  vallr  campus.  lat. 
pascere,  gr.  ßvöxeiv  (B  wie  in  lat.  bibere  und  TtieZv,  sl.  piti)  sl.  pasti. 

Für  pastor,  vo{izvg,  ßoöxcov,  goth.  hairdeis,  ahd.  hirdi,  altn.  hir- 
dingi,  nul.  herder,  von  hairda  herta  hiörd  grex  geleitet,  wahr- 
scheinlich verwandt  mit  goth.  huzd  opes,  thesaurus,  ahd.  hord,  altn. 
hoddr  und  mit  lat.  custos,  custodia;  doch  bleibt  auch  ahd.  chortar 
grex,  ags.  corder,  mhd.  korder  zu  berücksichtigen,  sehr  bezeichnend 
ags.  dräf,  engl,  drove,  was  getrieben  wird,  Viehherde**. 

Die  hauptthiere  der  herde  müssen  erwogen  werden. 

Für  pferd  läszt  sich  goth.  aihvus,  ahd.  ihu  mutmaszen,  die  alts.  30 
form  lautet  ehu,  altn.  ior,  lat.  equus,  gr.  tnnog  für  'faxog,  ir.  each, 
welsch  osw,  skr.  asvas,  zend.  aäpa,  litth.  aszwa,  vanog  zu  deuten  aus 
'löTiog  ?  doch  mahnen  auch  finn.  hepo  gen.  hevon,  est.  hobbo,  fries. 
hoppa,  schw.  hoppa,  dän.  hoppe,  engl,  hoppy,  falls  letztere  nicht  aus 
hoppe,  hüpfen,  vom  zeltenden  gang  des  rosses.  Ahd.  hen- 

gist,  ags.  beugest,  altn.  mit  ausgestosznem  N  hestr,  wie  es  scheint, 
dem  sl.  kon',  böhm.  kün,  poln.  kon,  litth.  kuinas  verwandt,  deren 
abkunft  schwierig  bleibt,  merkwürdig  steht  im  altruss.  Igor  stets  ko- 
moni  für  kon',  und  so  galt  altbohm.  komon  für  equus  [mater  verb.],  noch 
heute  bedeutet  den  Böhmen  komonstwo,  den  Polen  komonnik  comitatus 
equitum,  wobei  nicht  an  die  Kumaner,  eher  an  mlat.  communis  cohors, 
exercitus  zu  denken  ist,  wiewol  ich  kein  communis  für  gemeines  schlech- 
tes pferd  finde ;  aber  kon'  war  schon  altslavisch  und  kon'  aus  komon' 
ist  stark  gekürzt.  Miklosich  will  kürzen  aus  kobn'  (woher  leicht  komn) 
und  vergleicht  kobyla  stute,  kobyla  aber  fügt  sich  zu  caballus,  uaßccX- 
Irjg,  die  ursprünglich  verschnittnes  pferd  (vgl.  Kav&rjfaog  saumesel) 
bedeuten  sollen,  im  roman.  cavallo,  franz.  cheval,  ir.  caball  allgemeine 
bedeutung  gewinnen.  Ags.  vicg,  alts.  wigg,  altn.  vigg  Ssem. 

233 a  zumal  streitros,  vgl.  gal.  oigeach,  ir  aigeach,  die  auch  an  equus 
rühren.  Ags.  mädm,  wie  goth.   maiJDms   cimelium    donum, 

episch  aber  oft  mit  mear  verknüpft  (meara  and  mädma  Beov.  4327. 
exon.  475,  7.  mearum  and  mädmum  Beov.  2089.  2792.  exon.  339,  2), 
so  dasz  pferd  des  worts  ursprünglicher  sinn  sein  könnte,  zumal  mhd. 
meiden  genau  nur  ihn  behielt;  leicht  nahm  das  hauptstück  des  heer- 
gerätes  jene  abstraction  an.  Mlat.  warannio,  ahd.  reinneo, 

reinno,   alts.   wrenno,    mnd.   wrene    admissarius,   nnl.   ruin    castratus 


*  der  hirt  freut  sich   seiner  herde,  wie   die  mutter  des  neugebornen 
kinds  (s.  24);  sp.  gaxiado  herde  und  glück,  vermögen. 

**  für  einzelne  thierarten  noch  besondere  namen  der  herde:    sonesti, 
sunor,  stuot,  sueiga,  avej)i,  ouwiti,  vrijms,  vräd  u.  s.  w.  (gramm.  3,  475). 


22  VIEH 

equus,  vgl.  ags.  vrsene  lascivus.  ahd.  scelo  admissarius,  nhd.  beschä- 
ler;  da  jedoch  scelo  zugleich  onager  und  tragelaphus  ausdrückt,  in 
einer  urk.  von  943  elo  und  schelo  gerade  zusammenstehn  wie  Nib. 
880  eich  und  schelch,  eich  und  elo  aber  den  altn.  elgr,  die  lat.  alce, 
gr.  afonj  meinen;  so  mutmasze  ich,  dasz  im  hohen  alterthum  auch 
wreineo  reineo  das  rennthier  bezeichneten,  dem  lat.  rheno  gleichka- 
men und  erst  später  aufs  pferd  gewandt  wurden.  Ahd  hros,  ags. 
hors,  altn.  hros,  nhd.  ros  für  alle  geschlechter;  man  vergleicht  skr. 
hresh  hinnire  ;  wie  wenn  lat.  Cursor  in  betracht  käme  ?  Kelt. 

marka  (Pausan.  X.  19,  4)  ir.  marc,  welsch  march,  ags.  mear,  altn. 
marr,  ahd.  marah  equus,  mericha  equa;  nhd.  mähre;  abliegt  der  mhd. 
pl.  mcere,  dessen  sg.  mör  fordert  und  schwarzes  pferd  bedeutet,  nhd. 
mohr,  rappe  (rabenschwarzes)  vgl.  ags.  blonca,  blankes  pferd,  Schim- 
mel. Nhd.  pfage,  westf.  page  equus,  pagenstecher,  der  ein  pferd  er- 
sticht. Lat.  veredus,  paraveredus,  mlat.  parafredus  paredrus 
paledrus,  franz.  palefroi,  ahd.  parefrit,  parvrit,  pherit  (wie  Sigfrit 
Sigurd,  Sivert),  mhd.  pfärit,  nhd.  pferd,  nnl.  paard,  serb.  parit. 
Litth.  arklys  equus  scheint  unnomadisch,  erst  aus  der  ackerzeit,  offen- 
bar das  pflügende  pferd,  von  arklas  aratrum,  gerade  wir  ir.  ardhamh 
den  pflügenden  ochsen  bezeichnet.  Bask.  zaldia  equus,  zal- 
duna  eques,  vgl.  ahd.  zeltari  equus  tolutarius,  nhd.  zeiter,  ags.  teal- 
tian,  altn.  tölta.  tolutim  incedere.  Bask.  beorra  equa,  span. 
burro  asinus.     altn.  tia  equa,  ir.  lair  equa,  finn.  tamma  equa. 

jTttiolog,  lat.  pullus,   goth.   fula,   ahd.  folo,   ags.    fola,   altn.   foli, 
schwed.  fäle,  it.  puledro,   span.  pollino,  franz.  poulain,  ursprünglich 
allgemein  junges  hausthier,  sp.  pollino  vorzugsweise  eselsfüllen. 
Sl.  shrebja,  russ.  sherebja,  poln.  zrieb^,  böhm.  brjbe.  Litth. 

kummelukas,  etwa  jenem  sl.  komon'  verwandt,  oder  darf  an  gromel 
grömlein  bei  Fischart  und  Keisersberg  gedacht  werden? 

Allgemein  bezeichnet  wird  jumentum  (jugmentum,  das  jochthier) 
durch  ahd.  hrind,  nhd.  rind,  nnl.  rund,  ags.  hrider  hryder  und  ahd. 
nöz,  ags.  neät,  altn.  naut,  schwed.  not,  woher  finn.  nauta  entlehnt, 
epicoena  sind  ßovg  und  bos,  doch  it.  bove,  sp.  buey,  franz.  boeuf. 
altsl.  poln.  byk,  böhm.  byk  beykaufs  masc.  eingeschränkt,  ir.  bo  (gen. 
boin,  dat.  pl.  buaibh  =  lat.  bobus)  aufs  fem.  Nur  das 

männliche  rind  bezeichnen  goth.  auhsa  und  auhsus,  ahd.  ohso,  mhd. 
ohse,  ags.  oxa,  nnl.  os  pl.  ossen,  altn.  oxi,  läpp,  wuoksa  (norw. 
32  läpp,  uafsa),  wozu  skr.  uksan  und  vaksas  für  bos  und  equus  stimmen, 
von  der  wurzel  vah  vehere?  gal.  agh,  welsch  ych.  Goth.  stiur  {iÖ6%og, 
ahd.  stior  juvencus  taurus,  nhd.  stier,  ags.  steor  juvencus,  engl,  steer, 
skr.  sthaurin  sthörin,  zend.  ätaora  lastthier,  woraus  gr.  tavQng,  lat. 
taurus,  it.  toro,  altn.  Jrior,  schwed.  tjur,  dän.  tyr,  sl.  tour,  böhm. 
tur,  die  aphaeresis  wie  zwischen  goth.  stairno,  skr.  tarä,  gr.  opLLKQog 
und  fJiiKQÖg,  ahd.  smal  und  sl.  mal';  bei  stiur  scheint  stiurs  firmus, 
ahd.  stiuri  fortis  nah.  altn.  tarfr  weicht  im  anlaut  von  Jrior  und  scheint 
geborgt  aus  ir.  tarbh,  welsch  taru,  tarw,  armor.  taro,  die  sich  wieder 
an  taurus  schlieszen. 


VIEH  23 

Altn.  boli  bauli,  ags.  bulluca,  engl,  bullock,  nhd.  bulle,  ir.  bolog 
bolan,  litth.  bullus,  sl.  vol",  böhm.  wole,  poln.  wo!.  Ahd.  far  taurus 
pl.  farri,  mhd.  var,  ags.  fear  gen.  fearres,  scheint  entspringend  ans 
fars  fears,  nach  fersa  vacca,  gr.  noggig  ndgrig  juvenca,  lett  wehrsis 
bos.  altn.  grädüngr  taurus,  vgl.  grädr  admissarius.  litth. 

jautis  bos  zu  jungas  joch  gehörend,  finn.  härkä,  est.  härg  bos,  das 
läpp,  herke  aber  rennthier,  des  rindes  ersatz.  ir.  damh,  damhan  bos. 
bask.  idia  bos,  welsch  eidon*. 

rj  ßovg,  ahd.  chuo  pl.  chuowl,  mhd.  kuo  pl.  küeje,  nhd.  kuh, 
ags.  cü  pl.  ey,  engl,  cow  pl.  kine,  altn.  kü  pl.  kyr,  nach  Columella 
6,  24  auf  den  alpen  cevae  für  vaccae,  skr.  gaus,  acc.  gäm,  pl.  gä- 
vas,  zend.  gaus,  lett.  gohws,  übrig  in  sl.  govjado  herde  rinderherde, 
böhm.  howado,  serb.  govedar  bubulcus,  vielleicht  in  ydXa  ydlaxtog 
für  yd-lccxrog,  wie  Kuhn  aufstellt,  der  auch  in  gaus,  ßovg  dieselbe 
wurzel  annimmt,  wozu  gävas,  chuowi,  cevas  und  boves  passen;  einer 
merkwürdigen  analogie  zwischen  gaus  und  yY\  terra  ist  myth.  631  ge- 
dacht. Ags.  heahfore  heafore  vaccula,  engl,  heifer.  Sl.  krava, 
russ.  korova,  poln.  krowa,  litth.  karwe;  das  preusz.  kurwa  bedeutet 
ochs.  Lat.  it.  vacca  [aus  vacsa],  sp.  vaca;  franz.  vache,  skr.  33 

vaska.  Ir.  bol  vacca,  zu  bol  ochs  gehörig;  ir.  fearb;  finn.  lehmä,  est. 
lehm;   bask.  beia  vacca,  beigaya  vitulus. 

goth.  kalbö  Öd^taXig  juvenca,  ir.  colpa  vacca,  colpach  juvencus, 
ahd.  chalp  vitulus,  nhd.  kalb,  ags.  cealf,  altn.  kälfr,  wahrscheinlich 
sl.  krawa,  litth.  karwa,  mit  Wechsel  des  L  und  R,  dasselbe  wort. 
Altn.  qvigr  vitulus,  qviga  junix,  verwandt  mit  qius  vivus,  wie  junix 
juvencus  juvenis,  lat.  vitulus  für  cvitulus,  gr.  iraXog,  it.  vitello,  franz. 
veau;  sl.  tele,  russ.  telja,  poln.  ciele^,  litth.  tellyczia,  lett.  telsch,  viel- 
leicht mit  aphaeresis  des  anlautenden  vocals  für  itele  ?  **  Gr.  [id- 
6%og,  vgl.  kopt.  mes  kalb  und  skr.  vaska  kuh,  finn.  wasikka,  est.  was- 
sikas  kalb.  Ir.  gabhuin,  gambuin  und  laogh,  welsch  llo. 
sp.  ternero. 

TlgoßaTov  ist  ein  dichterisches  wort,  und  bezeichnet  das  vor- 
schreitende vieh  der  herde  insgemein,  wird  aber  allmählich  auf  schafe 
eingeschränkt,  auch  pfjXov  gilt  für  das  schmalvieh  überhaupt  und  für 
schaf  insonderheit,  altn.  smali  pecus,  smalamadr  opilio,  vgl.  smal  par- 
vus;  man  denkt  dabei  an  (.taXlog  wolle.  ebenso  bedeutet 

unser  schaf  das  thier  ohne  unterschied  des  geschlechts:  ahd.  scäf, 
alts.  sciep,  ags.  sceap,  engl,  sheep,  nnl.  schaap,  fries.  skep,  doch 
den  nord.  mundarten  fehlt  das  wort,  die  dafür  das  allen  jenen  abgeh- 
ende altn.  fser,  schwed.  far,  dän.  faar  besitzen,  dies  faer  scheint  mir 
sowol  ßdga  pecora,  ßdouov  ovis  bei  Hesych,  als  das  poln.  baran, 
böhm.  beran,  litth.  baronas  fürs  männliche  schaf,  ungr.  barany  agnus ; 


*  bezug  aufs  opfer  hat  das  altlat.  ambegnus,  ambiegnus:  ambegni  bos 
efc  vervex  appellabautur,  cum  ad  eorum  utraque  latera  agni  in  sacrificium 
ducebantur.    Festus. 

**  der  neapol.  dialect  setzt  Talia  Taleja  für  Italia. 


24  VIEH 

altn.  ahd.  F  entspricht  öfter  slavischem  B :  flö  pulex  sl.  blocha,  fürt 
vadum,  sl.  brod.  welsch  davad  ovis. 

*  Unser  ausdruck  für  aries  ist  goth.  viprus,  adh.  widar,  mhd.  wider, 
nhd.  widder,  alts.  wethar,  ags.  veder,  engl,  wether,  nnl.  wedder, 
altn.  vedr,  dän.  vädder,  schwed.  väder.  Hesych  gewährt  t&gig,  to{iiccg 
ngiog,  vielleicht  l'frotg  zu  bessern,  auch  widder  bezeichnet  uns  den 
verschnittnen,  wie  umgekehrt  hamal  mutilus  das  verschnittne  thier, 
den  hammel.  aus  mutilus  it.  moltone,  fr.  mouton,  prov.  molto,  mouto, 

34  widder  und  schaf.  Beim  lat.  aries  kommt  viel  in  betracht :  gr.  agyjv 
ägvog,  was  <x$grjv  agörjv  männliches  thier  sein  soll,  sggaog  zggag 
aries  oder  aper,  altlat.  arviga  bei  Varro  5,  98,  harviga  bei  Festus, 
Hesych  hat  &gi%u,  aggsv  ngoßatov,  ferner  bask.  aria  aries,  neben 
ardia  ovis,  finn.  jäärä,  est.  jäär  aries,  endlich  skr.  urana  urabhra  ovis, 
von  ura  lana  geleitet  =  laniger  wie  fiijkov  von  pakkog,  doch  kaum 
fallen  alle  dieser  wurzel  zu.  ahd.  mhd.  ram,  rammes  aries, 

vervex,  ags.  ram  rammes,  nnl.  ram  pl.  rammen,  woher  ahd.  rammi- 
lön,  nhd.  rammeln  coire;  steht  nun  ram  für  aram,  wie  gtjv  für  ägfjv? 
gr.  Kgtog,  vielleicht  verwandt  mit  altn.  hrütr?  oder  näher  mit  ir.  caor 
pl.  caoire  ovis?  noch  besser  sein  wird  an  usgccg  zu  denken,  da  auch 
altn.  hyrningr  cornutus  den  aries  bedeutet.  altn.  for  aries, 

gregis  obambulo,  vgl.  fär  ovis.  altn.  saudr  vervex,  altschwed. 

söd;  das  goth.  saups  bedeutet  ftvöia,  wie  harviga  bei  Festus  hostia* 
oder  ahd.  friscing  victima,  merkwürdig  auch  die  einstimmung  des  lap- 
pischen sauz,  sautsa  ovis.  lat.  ambidens  und  bidens  ovis  bima,  quae 
duos  habet  dentes,  apta  ad  sacrificium.  gr.  äfivog  vervex, 

altsl.  oven,  litth.  awinis,  lett.  awens,  auns,  finn.  est.  oinas,  sämtlich 
verwandt  mit  ovis.  lat.  vervex,  it.  berbice,  mlat.  berbix,  gl. 

cass.  pirpix,  berbica  ovis,  prov.  berbitz,  franz.  brebis  und  berger  opi- 
lio,  berbicarius.  böhm.  skop,  skopec,  woher   unser  schöps, 

das  verschnittne  thier,  sl.  skop'tz  eunuchus,  von  kopiti,  skopiti  evi- 
rare,  womit  jenes  deutsche  schaf,  skap   zu  vergleichen.  schwed. 

gumse  aries,  vervex.  dän.  bede  vervex,  westgötl.  baitaväre,  von  beta 
verberare,  percutere,  evirare.  franz.  belier  der  blockende 

von  beler  balare.     sp.  carnero. 

oig  und  ovis  sind  epicoena,  litth.  awis,  lett.  aws,  skr.  avis, 
altn.  ä,  ags.  eovu,  nnl.  ooi,  ahd.  ou  ouwl  gehn  aufs  weibchen,  ich 
vermute  goth.  aus  avais.  sl.  ovtza  ngoßatov,  böhm.  owce, 

poln.  owca,  finn.  uuhi  ovis  femina,  lett.  aita  ovis.  gr.  gr^v 

Sbgrjvog  für  ägtfv  oder  mit  rheno  verwandt?  ahd.  chilpurra  agna, 

Schweiz,  bair.  kilbe  ovis,  kilber  aries,  an  kalb  mahnend.  schwed. 

takka  ovis  femina,  litt,  tekis,  lett.  tekkis  aries. 

Das  junge  säugende  schaf  goth.  lamb,  ahd.  lamp,  ags.  engl,  lamb, 
altn.  lamb,  nnl.  lam,  nhd.  lamm,  finn.  lammas  gen.  lampaan  ovis, 
lampari  opilio,  welsch  llamp  agnus,  gal.  luan.  ags.  cilforlamb 

nach  jenem  chilpurra.  gr.  agviov,  so  wie  agveg  oft  allgemein 

*  für  harviga  auch  haruga,  wovon  haruspex,  qui  exta  victimarum  inspicit. 


VIEH  25 

lämmer,  litth.  eris,  lett.  jehrs,  jenes  finn.  jäärä,  bask.  aria  und  lat. 
aries.  lat.  agnus,  sl.  iagnja,  böhm.  gehne,  ir.  uan,  uaghn, 

uaghan,  welsch  oen,  pl.  vuan.  altn.  gimbill  agnus,  gimbla, 

gimbur  agna,  dän.  gimmer.  Schweiz,  und  bair.  spetti,  spettl 

(weisth.   1,  5.    Schm.  3,  581). 

Vir  gregis  ipse  caper  (sp.  cabron),  was  mit  ccqqtJv  zusammen- 
stimmt, ags.  häfer,  altn.  hafr  genau  dem  caper  gleich,  ein  ahd.  hapar 
habar  zu  erwarten,  und  noch  übrig  in  habermalch  bocksbart  (vocab. 
1482),  habergeisz,  dem  namen  einer  eule  oder  eines  insects  (Schm. 
2,   137).  lat.  hircus,  hirquus,  den  Sabinern  fircus.  gr. 

rgayog  und  ylficcQog,  den  Lakonen  hiesz  der  leitbock  tizvQog. 
litth.  ozys,  lett.  ahsis.  böhm.  kozel,  poln.  kozioi,  serb.  jaratz. 

mlat.  buccus,  prov.  boc,  sp.  boque,  franz.  bouc,  it.  becco,  ahd.  pocch, 
nhd.  bock,  ags.  bucca,  altn.  bokki,  dän.  buk,  ir.  poc,  welsch  bwch, 
finn.  pukki,  putti.  finn.  kauris  caper,  vgl.  ir.  caor  ovis. 

est.  sie.  bask.  aquerra.  Im  Eeineke  heiszt  der  Ziegen- 

bock Hermen  und  noch  heute  in  Niedersachsen,  Westfalen,  Hessen: 
Harm,  Herrn,  Hirm,  bei  Fischart:  Hermanstosznicht.  Thors  bocke 
aber  führen  Sn.  26  die  dichterischen  namen  tanngniostr  und  tann- 
grlsnir  d.  i.  dente  frendens  (von  gnista  stridere  dentibus,  ahd.  cris- 
crimmön)  weil  er  beim  fressen  knirscht  (also  auch  wieder  bidens), 
während  zicklein  und  ferkel  noch  nicht  knirschen,  d.  i.  nefrendes  sind, 
keine  harten  fruchte  zermalmen  können. 

Das  weibchen  gr.  alt,  gen.  alyog  von  atööco  salto  salio  ?  ir.  aighe, 
skr.  dschä,  litth.  osza.  goth.  gaitsa,  ahd.  keiz,  ags.  gät,  engl, 

goat,  nnl.  geit,  altn.  git,  schwed.  get,  dän.  ged,  ir.  gadhla,  schwäb.  36 
und  bair.  hettel*,  finn.  kuttu  kitti  est.  kits,  alb.  nerty,  vgl.  her- 
nach hoedus.  lat.  capra  capella,  sp.  cabra,  franz.  chevre,  ir. 
gabhar,  cabhar,  welsch  gavyr,  geivyr,  armor.  gavr.  sl.  koza 
(vgl.  kozel)  lett.  kasa.  gr.  %i^aiQa  vgl.  xl^iccgog.  ir.  seagha. 
finn.  wuohi,  wuohinen.               bask.  auntza. 

Das  junge  lat.  hoedus,  haedus,  sab.  fedus,  goth.  gaitei,  ahd.  kiz, 
chitzi,  nhd.  kitz,  altn.  kid.  ahd.  zigä  capella,  zikkin  hoedus, 

ags.  ticcen,  nhd.  zicklein.  gr.  EQccpog,  eglq)^,  tQiyiov. 

särb.  jarad  collectiv  zicklein. 

2Jvg  und  i)g,  wie  lat.  sus,  sind  epicoena;  auch  die  deutschen 
neutra  goth.  svein,  altn.  svin,  ahd.  suln,  nhd.  schwein,  russ.  svinja, 
böhm.  swine,  poln.  swinia  gehn  auf  alle  geschlechter. 

Dem  lat.  aper  entspricht  ahd.  e'par,  ags.  eofor,  altn.  iöfur  (held), 
nhd.  eber,  bezeichnet  aber  vorzugsweise  den  wilden;  gr.  KCC7Cgog  = 
lat.  caper,  übergehend  auf  den  bock.  sl.  vepr  aper,  böhm.  wepr, 
poln.  wieprz,  lett.  wepris,  verschnittner  eber.  Ahd.  per  verres, 

ags.  bar,  engl,  boar,   mhd.  ber,    die  goth.  form  wäre  bais.     nieder- 
rhein.  beir,  beier  in  einer  urk.  von  1201  bei  Lacomblet  2,   1. 
lat.  verres,  skr.  varäha,  dem  ahd.  varah  =  farah  unverwandt,  und 


*  in  Hessen  und  der  Wetterau  ruft  man  der  ziege  hitz!  hetz! 


26  VIEH 

wiederum  andrer  wurzel  ahd.  paruh,  parh  majalis  castratus,  nhd. 
barch  borch,  ags.  bearuh  bearh,    engl,  barrow.  wegen  fol,  ful, 

urful  vgl.  mythol.   s.  948.  altn.  ]arändr  aper,  wiederum  der 

wilde,  der  auch  sonst  bassi,  dän.  basse  heiszt,  was  jenem  bais  be- 
gegnen könnte,  vgl.  nhd.  watz  in  volksdialecten  nhd.  hagk,  haksch 
verres,  welsch  hwch  sus.  altn.  göltr  verres,  schwed.  dän.  galt, 

zumal  der  verschnittne.  böhm.  kanec  verres.  serb.  krmac  por- 
cus,  krmatscha  porca.  litth.  kuilys,  lett.  kuilis  verres  vgl.  nhd.  keu- 
ler aper.  das  poln.  odyniec  soll  hauer,  kämpfer  ausdrücken, 
wir  nennen  des  ebers  zahne  hauer  und  ihn  das  hauende  thier. 
finn.  oro,  oros,  orrikas  verres  exsectus,  woher  vielleicht  dän.  orne 
verres. 

37  Ahd.  sü  scrofa,  nhd.  sau,  ags.  sugu,  engl,  sow,  schwed.  dän. 
so.  altn.  syr  neutrum  (R  =  lat.  S  in  sus).  finn.  sika,  est.  sigga, 
skr.  sükara,  koptisch  saau.  ahd.  galza  sucula,  ags.  gute,  schwed. 
gylta,  vgl.  göltr  aper,  litth.  kiaule.  gr.  ypofiqpcfe,  yQO{icpLg,  die 
wühlende,  was  lat.  scrofa.  lat.  troja,  it.  troja,  franz.  truie, 
prov.  trueja*.  ir.  muc,  welsch  moch,  mochyn,  nhd.  mucke, 
nhd.  ränge,  ranze  schweinmutter ,  wie  der  eber  schweinvater.  ir. 
crain  sus  fem. 

Ahd.  farah,  varah  porcus,  farheli  porcellus,  mhd.  varch,  nhd. 
ferkel,  ags.  fearh,  die  lat.  ausdrücke  sind  dasselbe  wort,  nach  Varro 
war  auch  nogxog  altgriechisch,  litth.  parszas,  parszelis,  finn.  porsas, 
lett.  porsas,  syriän.  pors,  wogul.  boros,  russ.  porosja,  poln.  prosi^, 
böhm.  prase;  vielleicht  sind  auch  ahd.  friscing,  nhd.  frischling  dieser 
verbreiteten  wurzel.  Lye  hat  die  ags.  Wörter  för  und  förn  por- 

cus, porcaster,  wodurch  altn.  förn  victima  (wie  friscing)  aufschlusz 
empfängt,  schon  der  lange  vocal  gebietet  sie  vom  vorigen  wort  zu 
sondern.  Altn.  gris,    schwed.   dän.   gris  porcellus,    vgl.   skr. 

ghriävi,  wühlender  eber;  unfern  scheint  gr.  %oiQog  porcus,  porcellus, 
[verres  für  guerres],  bask.  cherria,  charria  porcus,    vgl.  litth.  szernas 
aper,  szernukas  frischling.     lat.  nefrens,  porcellus  nondum  frendens. 
gr.  dkXtpat,  porcus,    wozu  dslcplc  delphinus,  meerschwein.  sp. 

cochino  porcus,  franz.  cochon.  sp.  lechon  Spanferkel,  von  leche 

milch.  finn.  naski  porcus.  nnl.  big,  bigge  porcellus, 

engl.  pig.  mlat.  baco  bacco  bacho  bedeuten  porcus  saginatus  et  salitus, 
dann  perna,  petaso,  altfranz.  bacon,  ahd.  pacho  (Graff  3,  29);  unsre 
jäger  nennen  die  wilde  sau  bache,  den  wildeber  bacher,  becker. 

Das  treue,  wagen  und  herde  bewachende  thier,  der  lex  Bajuv. 
19  hovawart,  qui  curtem  domini  defendit,  nach  dem  Sp.  3,  51  hove- 
wart,  ebenso  den  mhd.  dichtem  (MS.  2,  146J),  unsern  Jägern  gesell- 
mann geheiszen,  hat  einen  fast  durch  alle  verwandten  sprachen  laufen- 
den namen,  doch  so,  dasz  vor  der  abweichung   die  gleicbheit  oft  zu 

38  schwinden  scheint,   skr.  ävä  gen.  äunas,  zend.  &pä  acc.  äpänem,  litth. 
szü  gen.  szuns,  lett.    suns,  gr.  xvwv  gen.  nvvog,   ir.  cu  gen.   con, 


*  Troja  sus.  Klausens  Aeneas  827.  828. 


VIEH  27 

welsch  und  armor.  ki,  lat.  canis,  it.  cane,  franz.  chien,  altfranz.  kiens, 
alban.  xtv,  goth.  hunds,  ahd.  hunt,  ags.  hund,  altn.  hundr.  wie 

ans  zend.  aäpa,  skr.  a£va,  litth.  aszwa,  goth.  aihvns,  alts.  ehu,  lat. 
eqnus,  wird  aus  spä  s>ä  deutsches  hva  hu  =  litth.  szü,  ir.  cu,  gr. 
xv,  lat.  ca  für  cva,  aber  die  genitive  sunas,  szuns,  xvvog,  con  zeigen 
das  schon  im  lett.  nom.  suns,  lat.  canis  vorstehende  N,  welchem  in 
unserm  hund  sich  noch  D  zugesellt,  vielleicht  um  den  namen  der  Wur- 
zel hinpan  capere  (vgl.  ags.  huntian,  engl,  hunt)  zu  nähern,  vielleicht 
aber  gleicht  dies  D  dem  lat.  T  in  catus  catellus.  auch  sl.  p's",  russ. 
pess",  böhm.  pes,  poln.  pies,  serb.  pas  sind  identisch,  wie  der  gen. 
psa  anschaulich  macht,  denn  dies  psa  kommt  überein  mit  zend.  äpä, 
PS  für  SP  (wie  dor.  tyk  iplv  statt  öcpe  öcpiv),  dergestalt  dasz  die 
zend.  skr.  nominativform  im  sl.  gen.,  die  zend.  skr.  genitivform  im 
lat.  deutschen  nom.  entfaltet  wird,  und  wie  das  sl.  wort  überhaupt 
gar  kein  N  zeigt,  die  übrigen  es  allenthalben  durchführen,  das  ir. 
cu  bekommt,  auszer  dem  gen.  coin,  im  nom.  pl.  cointe,  wo  nochmals 
der  deutsche  linguallaut  ausbricht. 

Der  schnelle  Jagdhund,  mythisch  von  winden  erzeugt,  heiszt  in 
unserer  spräche  wie  das  element  selbst  wind;  lat.  vertagus  vertraha 
(Gratii  cyneg.  203)  veltagra,  it.  veltro,  altfranz.  veltre  viautre  vaultre. 
sl.  chort,  böhm.  ehrt,  poln.  chart,  litth.  kurtas,  lett.  kurts,  est.  hurt, 
urt.  Der  molossus  ahd.  rudeo;  mhd.  nhd.  rüde,  ags.  rydda; 

engl,  dog,  schwed.  dogg;  böhm.  ohar,  wohar,  poln.  ogar,  ir.  ma- 
dradh.  Andere  allgemeine  benennungen:  finn.  koira,  est.  koer,  läpp, 
käire;  bask.  chakhurra,  zacurra;  ir.  gadhar,  gaighear.  läpp, 

sjowonja,  norw.  läpp,  shiuwon,  altn.  seppi  canis  catulus,  schwed.  sif 
canis  femina,  pers.  sipa,  vgl.  russ.  sobaka.  woher  das  span.  perro, 
perrazo,  perrica,  perilla,  perrita? 

Hündin:  ahd.  zöhä,  mhd.  zöche,  nhd.  zauke  zaupe.     altn.  schwed. 
tik,  läpp.  tiko.    mnl.  teve,  nnl.  teef,  nnd.  tefe  tiffe,  dän.  täve.    ags.  39 
bicce,    engl,  bitch,    altn.  bickja*,    nhd.   betze,   petze.      böhm.  fena, 
tista,  tistka. 

Das  junge:  ahd.  huelf,  weif,  ags.  hvelp,  engl,  whelp,  altn. 
hvalpr,  schwed.  walp  (woher  das  läpp,  vielpes  geborgt),  dän.  hvalp, 
bezeichnet  eigentlich  xvviölov,  gilt  aber  wie  catulus  auch  von  neuge- 
bornen  jungen  andrer  thiere.  nicht  anders  böhm.  st$ne,  poln.  szcze- 
ni^.  [finn.  peni.]  in  hvelp  aber  hat  sich  das  vorhin  vermutete  HVfürHU 
merkwürdig  erhalten  und  es  gehört  zu  hva  wie  catulus  zu  ca  für  cva; 
war  catus  für  feles  verwandt,  so  musz  es  ursprünglich  auch  den  hund 
bezeichnen,  ihm  ist  aber  langes  A  verliehen,  den  formen  catulus  ca- 
tullus  kurzes,  jenen  slavischen  Wörtern  mag  anlautendes  P  abgefallen 
sein,  so  dasz  sie  sich  wiederum  auf  PS   zurückführen,    den  lat.  und 


*  da  Bikki,  der  altn.  heldenname  dem  mhd.  Sibeche,  ahd.  Sipucho,  ags. 
Sifeca,  in  Vilk.  saga  Sifka  entspricht,  könnten  bikkja,  bicce  aus  sibikkja 
sibecce  gekürzt  scheinen,  man  erwäge  die  von  vorhin  angeführten  sif,  sipa, 
sobaka.    Benfey  2,  165  will  sobaka  =  sbaka,  das  er  zu  cva  stellt. 


28  VIEH 

deutschen  nah  liegen,  pse  =  hve,  cva.  hund  und  huelf  hätte  also 
Graft7  unter  dieselbe  wurzel  bringen  müssen;  ob  auch  önvlcd;  und 
öxvfivog  catellus  mit  zu  uvcov  fallen? 

Die  mühe  der  unternommnen  durchsieht  wird  nicht  verloren 
sein,  einmal  zeigen  die  meisten  appellativa  dieser  hausthiere  so  ent- 
schiedne  Übereinkunft  der  urverwandten  sprachen,  dasz  sie  mit  zur 
grundlage  aller  folgenden  forschungen  dienen  darf,  wer  überzeugt 
sich  nicht,  wenn  er  die  reihen  pecu,  fera,  equus,  pullus,  taurus,  gaus, 
ovis,  sus,  porcus,  canis  erwägt,  von  einer  durchdringenden  gemein- 
schaft  weit  erstreckter  Völker,  die  von  frühe  an,  ohne  einander  ab- 
zuborgen,  so  gleicher,  nur  nach  der  eigenthümlichkeit  ihrer  organe 
abgewichnen  namen  pflagen ;  es  will  zwar  gelernt  sein,  dasz  ior  und 
aspa  oder  pies  und  canis,  welp  catulus  und  szczeni^  dasselbe  wort 
sind,  doch  zwischentretende  stufen  vermitteln  ihre  scheinbar  schroffe 
abgelegenheit.  wo  aber  die  unentbehrlichsten  gegenstände  des  ein- 
fachen hirtenlebens  in  der  benennung  einstimmen,  musz  die  ganze 
übrige  spräche  stark  zusammentreffen. 
40  Dann  bestätigen  sich  hier  schon  bei  den  metallnamen  wahrge- 

nommne  ergebnisse  über  nähe  oder  ferne  einzelner  sprachen. 

ST  in  stiur  hat  die  unsrige  gemein  mit  zend  und  sanskrit  gegen- 
über dem  T  aller  andern,  zendisches  &pa  stimmt  zu  sl.  psa,  skr.  äva 
zu  litth.  szü,  skr.  gaus  zu  kuh,  uxan  zu  ochs,  sükara  zu  sus,  sü, 
varäha  zu  lat.  verres;  es  scheint  sehr  begreiflich,  warum  diese  fern- 
sten, ältesten  sprachen  ihre  analogie  in  keiner  europäischen  unbe- 
zeugt  lassen,  vielmehr  jeder  derselben  hier  oder  dort  sich  zuneigen, 
denn  auf  sie  in  frühster  zeit  beziehen  sich  alle  zurück,  während  die 
übrigen  ähnlichkeiten  und  Verschiedenheiten  sich  erst  unterwegs  all- 
mählich bestimmten,  nachdem  die  wandernden  Völker  Asien  verlassen 
hatten. 

Nähe  des  lateins  zum  deutschen  tritt  vor  in  venatio  vinja,  pecu 
fihu,  equus  ehu,  aper  epar,  caper  häfer,  ovis  eovu,  hoedus  geit,  por- 
cus farah,  pullus  fula,  vielleicht  Cursor  hros,  in  sus  sü,  catulus  huelp. 
Griechische  und  deutsche  spräche  scheinen  sich  etwas  ferner,  doch 
treffen  zu  vs^slv  niman,  &ijg  dius,  txxog  ehu,  jicdv  fihu,  o'Cg  eovu, 
Gvg  sü,  vermutlich  fögig  viprus,  noggig  ferse,  %i^agog  gimbill,  %[- 
{iccigct  gimbra,  %olgog  grls,  xgiog  hrütr,  hyrningr.  Kungog  weicht 
aus  in  den  begrif  aper,  zu  fera  stehn  drjg  dius  tior  wie  zu  fores 
ftvga  daurö  turi,  während  sl.  zvjer  und  dver  den  Übergang  lehren, 
bemerklich  ist  das  verhalten  des  sl.  beran  und  tur  zum  altn.  fseer  J)ior, 
da  doch  scäf  sceap  skopec  dem  Norden  fehlt.  Mit  den  Slaven  stim- 
men wir  in  skat  skot,  kuh  gowedo,  suln  svinja,  farh  prase,  vielleicht 
in  hengist  kon',  kalbö  krawa,  wogegen  pascere  pasti,  agnus  iagnja, 
ovis  ovtza,  taurus  tur,  vielleicht  caballus  kobyla,  vitulus  tele  treffen. 

Litth.  aszwa,  awis,  szü,  eris,  piemü  sind  skr.  aäva,  avis,  svä, 
gr,  dgvlov,  noi^iTJv  und  jautis  gleicht  lat.  jumentum,  öfter  stimmt 
die  litth.  zur  sl.  spräche:  baronas  beran,  owinis  oven,  karw&  krawa, 
parszas  prase,  teliuezia  tele,  kurtas  ehrt,  zw&ris  zvjer,  kasa  kozel. 


VIEH  29 

Den  Kelten  mangelt  pecu  fera  pullus  taurus  kuh  aries  ovis  caper 
sus  porcus,  wogegen  sie  besitzen  each  equus,  osw  asVa,  agh  ochs, 
bo  bos  ßovg,  uan  agnus  iagnja,  gabhar  capra,  cu  xvcov,  und  für  die  41 
deutsche  spräche  hervorzuheben  ist  marka  marah,  llamp  lamb,  colpa 
kalbö,  aigeach  vigg,  tarw  tarfr,  hwch  hog,  bol  bauli,  muc  mucke; 
wo  lautverschiebung  abgeht,  kann  geborgt  sein,  kaum  begegnet 
keltische  besonderheit  der  slavi sehen  und  litthauischen,  es  sei  denn  in 
bol  bolan  wole,  colpa  krawa  karwe,  deren  vergleichung  noch  unsicher 
bleibt,  offenbar  lag  das  deutsche  element  zwischen  Kelten  und  Sla- 
ven,  und  hat  mit  beiden  gemein,  das  nordische  mehr  mit  keltischem, 
das  hochdeutsche  mehr  mit  slavischem. 

Finnische  spräche  berührt  schon  in  diesen  thiernamen  sich  wenig 
mit  den  andern  und  scheint  unurverwandt ;  keins  jener  durchgreifen- 
den Wörter  kommt  vor  und  nur  einzelnes  gleicht;  wasikka  vaska 
[i6o%og,  jäärä  aries,  uuhi  ovis,  lammas  lamm,  sigga  sus,  porsas  par- 
szas,  oinas  awinis  und  wieder  mögen  einzelne  erborgt  sein,  wie  läpp, 
wuoksa  aus  nord.  oxi,  und  sauts,  sauz  ovis  aus  altn.  saudr.  Nicht 
zu  übersehn  bei  rindern  und  schafen  die  alten  auf  das  opfer  bezüg- 
lichen ausdrücke :  ambegnus,  arviga,  nidens,  bidental,  ambidens,  nefrens. 

Aufmerksamkeit  verdienen  bask.  aria  und  ardia  wegen  arviga  und 
finn.  jäärä,  cherria  wegen  %olgog;  diese  noch  zu  wenig  erforschte 
spräche  wird  vielleicht  aufschlüsse  über  lat.  und  gr.  mundarten  geben. 

Den  Doriern  hiesz  die  jährige  ziege  ii^iaQog  %l{icciqcc,  die  ältere 
ßd'£,  ich  halte  zu  jenen  ausdrücken  altnordische,  a%%  hat  gröszere 
Verwandtschaft;  zu  TQayog  aber,  das  durch  seinen  bezug  auf  die  tra- 
goedie  in  alle  neueren  sprachen  sich  ausbreitete,  läszt  sich  gar  nichts 
stellen. 

Wer  sagt  uns  wie  die  Römer  zwischen  hircus  und  caper  unter- 
schieden?* auch  ins  ital.  ist  irco  und  capro,  ins  span.  hirco  und  ca- 
bron,  ins  franz.  nur  chevreau  übergegangen,  doch  im  adj.  hircin  das 
erste  wort  erhalten,  ich  wage  zu  hircus  das  finn.  härkä  bos  zu  stel- 
len, weil  beides  hornstoszende  thiere  sind  und  läpp,  herke  vom  renn- 
thier  gilt,  auch  die  Griechen  TQaytkacpog  auf  stier  wie  gazelle  an-  42 
wandten,  zwischen  warannio  rheno  scelo  alces  gewahrten  wir  ähn- 
lichen Übergang;  bock  lassen  wir  heute  von  aries  und  caper  gelten, 
wie  tacka  agna,  ticcen  capra  zusammenfallen,  man  weisz  dasz  sich 
wolf  und  fuchs,  in  namen  und  fabel,  vertreten,  so  durfte  auch 
xdnQog  Griechen  den  eber,  caper  Römern  den  bock  bezeichnen  und 
zu  letzterm  stimmt  häfer,  hafr.  namen  wilder  thiere,  der  vögel  und 
insecten  greifen  noch  mehr  in  einander  über**. 


*  Ov.  fast.  2,  439  caper  hirtus,  dies  aber  =  hirsutus,  mit  hircus  kaum 
verwandt. 

**  aus  eXeqxxq,  elephantus,  den  man  altn.  fill  nach  dem  pers.  fil,  pilu 
nannte,  entsprang  die  benennung  des  andern  groszen  fremden  thiers,  des 
kamels:  goth.  ulbandus,  ahd.  olpentä,  mhd.  olbente,  ags.  olfend,  altn.  ül- 
faldi,  altsl.  velbjud,  böhm,  welblaud,  russ.  velbljud  verbljud,  poln.  wielblad, 


30  VIEH 

Die  alten  epicoena,  sobald  der  spräche  das  vermögen  beide  ge- 
schl  echter  an  demselben  wort  zu  bezeichnen  ausstirbt,  schränken  sich 
dann  auf  das  männliche  oder  weibliche  ein,  und  für  das  andere  musz 
sonst  rath  geschaft  werden. 

In  allen  deutschen  zungen  scheint  das  wort  bock  unheiraisch, 
so  früh  es  schon  eingang  fand,  unser  haber  verdrängte  und  auf  andre 
männliche  thiere,  widder,  rehbock,  Steinbock  erstreckt  wurde;  von 
uns  gieng  es  auch  zu  den  Finnen  über,  wir  empfiengen  es  aus  den 
romanischen  sprachen,  diese  wol  aus  den  keltischen*,  der  zuneh- 
menden abstraction  sagte  zu  für  ähnliche  thiere  einen  allgemeinen 
ausdruck  zu  besitzen  statt  der  älteren  besonderen.  Wie  geschah  es, 
dasz  wir  beim  edelsten  der  zahmen  thiere  uns  des  eignen  wortes 
entäuszert  und  das  gewaltsam  zusammengezogene  unschöne  pferd  er- 
borgt haben?  das  stattlichste  ros  war  der  geschmückte  paraveredus 
und  jedem  andern  sollte  allmählich  gleiches  ansehn  verliehen  werden, 
wie  vor  zahllosen  modewörtern  die  alten  einfachen  ausdrücke  wichen, 
auch  alle  romanischen  sprachen  haben  dem  ehrwürdigen  equus  ent- 
sagt, dafür  aber  das  vollautige  cavallo  gewonnen. 


littb.  werbludas.  daneben  gilt  böhm.  twaja  camelus,  dalmat.  deva,  ungr. 
teve.  der  elefant  heiszt  sl.  slon,  litth.  szlapis.  elephant  selbst  leitet  Pott 
aus  dem  semit.  aleph  hindi  =  taurus  indicus. 

*  kaum  darf  das  sl.  byk  taurus  verglichen  werden. 


IV. 
DIE  FALKENJAGD. 


Der  mensch,  wenn  er  thieren  nachstellt,  kann  dazu  des  thie-43 
res  selbst  nicht  entrathen.  dem  Jäger  gesellt  sich  sein  hund,  um  das 
wild  aufzuspüren,  behend  zu  erreichen  und  festzuhalten;  es  ist  als 
gehe  kein  geschlecht  zu  gründe,  gegen  das  nicht  aus  seiner  eignen 
mitte  helfer  dem  feinde  auferstehn.  Unser  alterthum  pflag  aber  nicht 
allein  hunde  abzurichten,  sondern  auch  raubvögel  zu  zähmen,  die  es 
in  die  luft  auffliegen  und  nach  der  beute  stoszen  liesz.  erst  dadurch 
erreichte  die  jagdlust  ihren  gipfel. 

Es  kann  keine  edlere  jagd  ersonnen  werden,  als  wenn  der  Jäger 
ausreitend  durch  die  wälder  den  falken  auf  der  hand  hielt  und  den 
hund  vor  sich  laufen  hatte,-  welches  thier  auf  dem  feld  oder  in  den 
lüften  mochte  ihnen  entrinnen?  durch  das  pulver  ist  wie  der  krieg 
grausamer  und  unmenschlicher,  die  jagd  tückisch  und  weniger  poe- 
tisch geworden :  ein  feiger  schusz  erlegt  das  stolzeste  thier  aus  wei- 
ter ferne,  das  gegen  speer  und  pfeil  noch  seine  letzte  kraft  aufbieten 
konnte.  Wie  wissen  die  dichter  den  kühnen  flug  des  falken  und 
seine  leuchtenden  äugen  in  ihre  bilder  und  gleichnisse  zu  ziehen: 

sie  liez  ir  ougen  umbe  gän 

als  der  valke  üf  dem  aste; 

ze  linde  noch  ze  vaste 

hsetens  beide  ir  weide.    Trist.  11000. 

ja  brinnent  ime  die  ougen  sin  44 

rehte  in  sime  houbet 

also  eime  wilden  falkelin.    Mor.  2166. 

li  oeil  estable  ne  seront, 

ains  tornent  plus  menuement 

quesperviers,  quant  laloe  prent.    Meon  2,  189. 
eis  huelhs  var  en  la  testa  coma  falco  mudat.    Ferabr.  1889. 
les  ieux  vers  en  la  teste  comme  faucon  ramage.    Maugis  52c, 

und  noch  in  Ettners  hebamme  s.  802:  die  äugen,  die  vormals  als  die 
falken  hier  und  dorthin  geflogen*,     augenweide,   das  oculos  pascere 

*  in  den  serb.  liedern  ist  oko  sokolovo  (falkenauge)  schmeichelname. 


32  FALKENJAGD 

scheint  ganz  nomadisch  aufgefaszt,  da  weiden  pascere  und  venari 
ausdrückt,  das  altn.  beita  pastum  agere  pecus,  das  schwed.  beta 
(mhd.  beizen)  venari. 

Wie  unsere  alten  gesetze  den  Zeigefinger  digitus  quo  sagittatur 
nennen,  ags.  scytefinger*,  hiesz  den  skalden  die  hand  haukströnd,  ac- 
cipitris  litus,  strand,  auf  den  der  vogel  seinen  flug  senkend  sich  nie- 
derläszt,  der  held  selbst  haukstaldr,  auf  dessen  hand  oder  Schulter 
der  habicht  sitzt,  gramr  oder  vinr  haukstalda  daher  der  könig  (Saem. 
220b.  240a).  unsern  Jägern  stand  habicht  oder  falke  auf  der  linken 
faust  (Döbel  2,  185),  ä  vinstri  hendi  hefr  hann  ein  hauk  (Vilk.  saga 
cap.  244),  und  in  allen  bildern  der  handschriften ,  die  ich  einsah, 
sitzt  er  auf  der  linken,  wie  in  den  rechtsbüchern  und  gedichten 
mit  abhauen  der  rechten  hand  und  des  linken  fuszes  gestraft  wird, 
heiszt  es  im  spanischen  lied  von  Gayferos 

cortenle  el  pie  de  estribo,  la  mano  del  gavilan, 
unter  sperberhand  musz  also  die  rechte  gemeint  sein;    Nlthart  aber 
sagt  umgekehrt  MSH.  2,  23 7b 

die  hant  die  muoz  er  mir  hie  län, 

da  der  sprenkelohte  vogel  oben  üfe  stat, 

und  dar  zuo  den  zeswen  vuoz, 

dar  an  der  sporn  erklinget, 

45  was  offenbar  dem  vogel  die  linke  hand  anweist,  beide  hände  wech- 
selten also,  kaiser  Friedrich  de  arte  ven.  2,  42  sagt  ausdrücklich: 
expedit  enim  quod  portitor  sciat  portare  falconem  super  utramque 
manum,  ut  si  ventus  fuerit  a  sinistris,  portet  super  dextram,  et  si 
a  dextris,    portet   super    sinistram,    quoniam   sie    semper    apponetur 

pectus  falconis  vento item  sunt  homines  quarundam  regionum, 

qui  consueverunt  portare  falcones  in  manu  dextra  et  tantum  suum 
modum  approbant  et  aliorum  modum  vituperant,  vgl.  2,  71.  Oft 
trugen  auch  frauen  auf  ihrer  hand  den  falken  und  die  jagd  empfieng 
dadurch  noch  köheren  reiz,  dasz  sie  an  ihr  theil  nahmen. 

In  den  alten  sagen  unsers  volks  spielt  der  habicht  eine  grosze 
rolle.  Sigurds  habicht  setzt  sich  in  ein  fenster  von  Brynhilds  thurm, 
und  leitet,  als  jener  ihn  «aufsucht,  den  bund  zwischen  beiden  ein 
(Völsungasaga  cap.  24**).  gleich  wichtig  erscheint  in  der  sage  von 
Irmanfrid  und  Iring  der  über  die  Unstrut  entfliegende  habicht  (Widu- 
kind  1,  10).  die  ags.  genealogien  überliefern  einen  göttlichen  stamm- 
helden  Vesterfalcna  und  die  alte  form  eines  sächsischen  volksnamens 
lautet  Westfalah.  Aus  des  heil.  Bonifacius  briefen  erhellt,  dasz  der 
könig  Aethelbert  von  Kent  falken  von  ihm  begehrte:  unam  rempraeterea 
a  vobis  desidero  exhiberi  .  .  .  hoc  est  duos  falcones,  quorum  ars  et 
artis  audacia  sit  grues  velle  libenter  captando  aeeipere  et  aeeipiendo 

*  ir.  ardog,    ordog  pollex  bedeutet  den  pflügenden  finger,  weil  der 
daume  den  pflüg  faszt,  und  stammt  aus  dem  ackerbauleben. 

**  Randver,  zum  galgen  geleitet,  rauft  einem  habicht  alle  federn  aus, 
damit  anzuzeigen,  dasz  er  aller  ehre  verlustig  gehe,  wie  der  vogel  des  ge- 
fieders.    Völsungasaga  cap.  40. 


FALKENJAGD  33 

consternere  solo,  und  dem  könig  Athebald  von  Mercia  schrieb  Boni- 
facius:  direximus  tibi  accipitrem  unum  et  duos  falcones.  Was  aber 
noch  mehr  bedeutet,  schon  in  den  volksrechten,  zumal  dem  salischen, 
steht  der  habicht  unter  den  werthvollen  gegenständen,  auf  deren 
diebstal  besondere  busze  verordnet  wird:  accipitrem  de  arbore,  de 
pertica,  de  intro  clavem  volare  (lex  sal.  7),  acceptorem  involare  (lex 
Burgund.  11),  unter  den  wergeldanschlägen  findet  sich  ein  acceptor 
non  domitus  und  ein  acceptor  mutatus  (jener  falco  mudat)  aufge-46 
führt  (lex  Ripuar.  36,  11)  und  was  hier  commorsus  gruarius,  heiszt 
in  der  lex  alam.  101  acceptor  qui  gruem  mordet,  neben  dem  qui 
aucam  mordet,  die  späteren  capitularien  verfügen :  clerici  accipitres 
et  falcones  non  habeant.  durch  das  ganze  mittelalter  hindurch  hielt 
diese  lust  der  könige  fürsten  und  ritter  in  Europa  an,  falkenmei- 
ster*  gehörten  zu  den  hofämtern  und  noch  bis  auf  unsere  Zeit  wur- 
den reiher  zur  falkenbeize  gehegt**. 

Alles  läszt  auf  tiefeingewurzelte,  schon  im  fünften  und  sechsten 
Jahrhundert  langbestehende,  nicht  erst  neueingeführte  volksitteschlieszen. 

Die  falkenjagd  gehört  zu  den  brauchen,  die  unsere  voreitern 
nicht  von  den  Römern  empfiengen,  sondern  bereits  vor  ihnen  kannten, 
und  mit  andern  rückwärts  im  osten  hausenden  Völkern  gemein  hatten. 

Weder  Römer  noch  Griechen  übten  falkenjagd,  so  bekannt  ihnen 
und  von  ihren  naturforschern  beobachtet  diese  raubvögel  waren,  sie 
verstanden  es  nicht  sie  zur  jagd  abzurichten  und  kein  römisches 
oder  griechisches  kunstwerk,  meines  wissens,  spielt  darauf  an. 

Eine  merkwürdige  stelle  ist  bei  Plinius  10,  8,  nachdem  er  die 
sechzehn  arten  des  habichts  aufgezählt  hat,  fährt  er  fort:  in  Thraciae 
parte  super  Amphipolim  homines  atque  accipitres  societate  quadam 
aucupantur.  hi  ex  silvis  et  arundinetis  excitant  aves,  illi  super- 
volantes  deprimunt,  rursus  captas  aucupes  dividunt  cum  iis.  tradi- 
tum  est,  missas  in  sublime  sibi  excipere  eos,  et  cum  tempus  sit  cap- 
turae,  clangore  ac  volalus  genere  invitare  ad  occasionem.  Simile 
quiddam  lupi  apud  Maeotin  paludem  faciunt.  nam  nisi  partem  a 
piscantibus  suam  accepere,  expansa  eorum  retia  lacerant.  bekannt- 
lich musz  auch  den  Jagdhunden  beim  zerwirken  des  gefällten  hirsches  47 
ihr  theil  hingeworfen  werden  und  so  geschah  es  noch  im  mittelalter 
bei  den  falken***. 

Amphipolis  lag  im  alten  Thrakien,  wo  der  Strymon  ausmündet, 
in  der  sogenannten  Macedonia  adjecta:  thrakische  sitte  wird  auch  un- 
ter Geten  und  von  da  weiter  unter  Germanen  einheimisch  gewesen 
sein.    Man  könnte  sagen,  dasz  Tacitus  und  Plinius  keines  falken  in  der 


*  Ducange  s.  v.  falconarius. 

**  in  den  weisthümern  wird  für  den  habicht  des  einziehenden  herrn, 
wie  für  seine  winde  gesorgt,  vgl.  2,  287.  3,  31.  826. 

***  wenn  Plinius  hinzufügt:  accipitres  avium  non  edunt  corda,  so  be- 
hauptet Albertus  Magnus  in  seinem  buch  über  die  falken  cap.  6  umge- 
kehrt, dasz  sie  zuerst  blosz  das  herz  des  geraubten  vogels  fressen  sollen. 

Grimm,  geschickte  der  deutschen  spräche.  3 


34  FALKENJAGD 

eigentlichen  Germania  gedenken ;  doch  in  ihren  nicht  einmal  vollstän- 
dig bewahrten  Schriften  sind  schwerlich  alle  beobachtungen  niederge- 
legt, die  ihnen  zu  gebot  standen,  und  von  den  östlich  wohnenden 
Völkern  bleibt  ihre  meidung  überhaupt  unvollständig.  Diese  ansieht 
ziehe  ich  einer  andern  vor,  auf  die  man  auch  verfallen  dürfte,  es  ist 
allerdings  glaublich,  dasz  von  Thrakien  aus  oder  von  Asien  her  die 
ergötzlichkeit  der  falkenjagd  zu  den  Byzantinern  drang  und  erst  von 
ihnen  wäre  sie  dann  im  vierten,  fünften  jh.  zu  den  Deutschen  gelangt, 
wie  viel  glaublicher,  dasz  es  früher  schon  geschah,  im  verkehr  der 
Sueven  mit  Geten,  Sarmaten  und  Skythen,  deren  grosze  wälder  wilde 
jagdlust  nährten.  Ducange  im  gloss.  med.  graec.  hat  tegaKagi  falco- 
narius  und  iagaKitai  fclconarii  aus  Theophanes  im  24  jähr  des  Leo, 
d.  h.  im  j.  740,  mit  merkwürdigem  bezug  auf  Damaskus,  diese  nach- 
richten  reichen  in  weit  spätere  zeit,  als  auf  die  es  hier  ankommt. 
Demetrius,  ein  arzt  aus  Byzanz,  dessen  lebensalter  ich  nicht  bestim- 
men kann,  schrieb  ein  griechisches  buch  über  die  falken*;  ein  Firmi- 
cus  schon  unter  Constantins  söhnen  ist  ihm  auf  jeden  fall  vorausge- 
gangen. Venantius  Fortunatus  nennt  einen  Vectius  rin  equis,  canibus, 
aeeipitribus  instituendis  nulli  seeundus',  auch  Beda  in  seinem  werk 
48  de  natura  rerum  gibt  darüber  lesenswerthe  nachricht.  Völlig  fabelhaft 
erscheint,  wenn  man  im  mittelalter  den  Ursprung  der  falkenjagd  auf 
Ulysses**,  oder  einen  aegyptischen  könig  Ptolemaeus  zurückleitet,  auf 
Ptolemaeus  beziehen  sich  einige  stellen  in  des  Albertus  Magnus  buch 
über  die  falken,  namentlich  cap.  7:  praeeeptum  est  Ptolemaei  regis 
Aegypti,  quod  raro  teneatur  in  manu  nisi  in  aurora;  die  vorgebliche 
epistola  Aquilae,  Symmachi  et  Theodotionis  ad  Ptolemaeum  regem 
(bei  Albertus  Magnus  und  Vincentius  Bellovacensis)  ist,  wie  man  be- 
greift, durchaus  verdächtig***,  die  Aegypter  richteten  keine  falken, 
auf  ihren  zahlreichen  bildwerken  wären  sie  sonst  gewis  oft  vorhanden. 
Desto  sichrer  scheint,  dasz  die  falkenjagd  von  früh  auf  unter 
Arabern  im  schwang  gieng.  kaiser  Friedrich  2,  77  legt  ihnen  aus- 
drücklich die  erfindung  des  capellus  (der  falkenhaube)  bei:  reges  Ara- 
bum  mittebant  ad  nos  falconarios  suos  peritiores  in  hac  arte  cum 
multis  modis  falconum.  Auszerdem  war  und  ist  sie  noch  heutzutage 
bei  Tataren,  Türken,  Persern,  Mongolen  und  Chinesen  in  Übung,  ara- 
bische und  zumal  persische  dichter  gedenken  ihrer  oft ;  reisende  schil- 
dern die  gewandtheit  und  menge  der  falken  in  den  steppen  f.  Hat 
im  Kriege  zwischen  zwei  stammen  ein  Beduine  etwas  unter  den  fein- 


*  herausgegeben  von  Petrus  Gillius  hinter  Aelians  hist.  animal.  Lugd.  1562.8. 
**  Joann.  Sarisberiensis  Policraticus  lib.  I  p.  11:  venatica  tarn  terrestris 
quam  aeria  quanto  solidior  tanto  fruetuosior  est.  auetorem  oecupationis 
suae  ab  antiquis  historiis  Ulixem  proferunt,  qui  primus  excisa  Troja  arma- 
tas  aves  attulit  Graeciae,  quas  suavi  quodam  et  grata  admiratione  viden- 
tium  in  eegnati  generis  exitium  animavit. 

***  dubiae  auetoritatis  est.  Schneiders  ausg.  des  buchs  von  kaiser  Friedrich 
de  venatione  2,  106. 

t  Klemms  eulturgeschichte  4,  213. 


FALKENJAGD  35 

den  zu  verhandeln,  so  ergreift  er  eine  lanze  oder  einen  falken,  und 
ruft  zeugen  aus,  dasz  er  dem  seheich  des  feindlichen  Stammes  ein 
geschenk  damit  mache;  dann  darf  er  im  feindeslager  so  lange  ver- 
weilen, als  es  das  geschäft  erfordert*. 

Sanang  Setsen  der  mongolische  geschichtschreiber  (s.  61  der  49 
schmidtschen  ausgäbe)  erzählt,  dasz  Budantsar,  eilfter  vorfahre  des 
Tschinggis  Chan  auf  einsamer  Wanderung  am  Ononstrom  sah,  wie  ein 
grauer  habicht  auf  eine  ente  stiesz;  diesen  fieng  er,  richtete  ihn  ab 
und  gebrauchte  ihn  zur  jagd.  Zu  Tschinggis  Chans  vater,  der  bei 
einem  mongolischen  häuptling  eingekehrt  war,  sagte  dieser:  heint 
erschien  mir  im  träum  ein  weiszer  falke  und  setzte  sich  auf  meine 
hand,  das  ist  euer  zeichen  oder  wappen  (daselbst  s.  63).  Wenn 
Tschinggis  Chan  1162  geboren  war,  darf  man  den  Budantsar  höch- 
stens 300  jähre  vor  ihm  setzen:  es  ist  aber  eine  unhistorische  sage. 
Im  15.  jh.  hiesz  ein  mongolischer  stamm  Schiwaghotschin ,  d.  i. 
vogler,  falkner,  ein  mythischer  königssohn  aus  Tibet  Schiwaghotschi, 
vogelsteiler  (tibetanisch  k'ra-pa).  dieser  stamm  scheint  derselbe, 
welcher  bei  Abulghasi  (s.  101  der  Kasaner  ausg.)  den  namen  Kuschtschy 
führt,  und  kuschtschy  ist  das  türkische  wort  für  vogler.  in  Kokand, 
Chiwa  und  Bochora  ist  es  titel  der  ersten  minister  geworden.  In 
chinesischen  Schriften  heiszt  der  falke  ing   oder  häi-tung-ts'ing. 

Im  sanskrit  begegnen  mehrere  namen  für  den  falken  oder  habicht: 
sjenas,  d.  i.  der  graue,  weisze,  wie  in  serbischen  liedern  der  soko 
siv  (canus)  heiszt;  patri,  eigentlich  blosz  vogel;  sasädanas,  hasenes- 
ser;  sakunas  oder  sakuntas,  wie  er  zumal  oft  als  Indras  vogel  dar- 
gestellt erscheint,  doch  der  abrichtung  des  falken  zur  jagd  gedenken 
die  quellen  nicht:  sjenampatä  scheint  eher  die  jagd  auf  den  falken 
als  mit  ihm  auszudrücken. 

Unser  deutscher  jagdvogel  ist  eigentlich  der  habicht,  unter  dessen 
benennung  aber  auch  falken  und  Sperber  begriffen  wurden;  ich  über- 
sehe nicht,  dasz  jene  meidung  des  Plinius  eben  vom  accipiter,  nicht 
falco  redet,  der  goth.  name  wird  habuks  gelautet  haben,  nach  dem 
ahd.  hapuh,  mhd.  habech,  ags.  hafoc,  engl,  hawk,  nnl.  havik,  altn. 
haukr,  schwed.  hök,  dän.  hög;  das  dem  nhd.  habicht  zugetretne  T 
ist  ungehörig,  die  Finnen  entlehnten  ihr  haukka,  havukka,  die  Esten 
haukas,  die  Lappen  hapak;  war  aber  auch  das  welsche  hebog  erborgt? 
dessen  irische  form  seabhac  gewährt,  es  hat  allen  schein,  dasz  ha-  50 
buks  von  haban,  hapuh  von  hapen  herstamme,  wie  accipiter,  mlat. 
acceptor,  ja  sogar  capus  (Ducange  s.  v.)  von  capere,  accipere:  es 
bezeichnet  den  fangenden,  oder  wie  Ssp.  3,  47  steht  krimmenden, 
klemmenden  vogel  (vgl.  erkrimmen,  ungulis  rapere  Nib.  13,  3).  diese 
einfache  ableitung  ziehe  ich  der  verführerischen,  von  Bopp  dargeleg- 


*  Kohls  Südruszland  2,  148.  230,  von  der  heutigen  falkenjagd  in  der 
Tatarei  ein  bericht  in  der  allg.  zeitung  1846  s.  1850.  lieblingsfalken  des 
chans  bei  Baktschisarai.    Kohl  1,  231. 


36  FALKENJAGD 

ten  vor,  er  hält  accipiter  zu  WKvntEgog  und  einem  skr.  aäupatra, 
dessen  bezug  auf  den  habicht  erst  zu  beweisen  wäre. 

Der  sl.  ausdruck  ist  jastreb,  poln.  iastrzab,  böhm.  gesträb,  serb. 
jastrijeb. 

Dem  litth.  wanagas,  lett.  wannags  für  habicht,  litth.  wanagelis 
für  sperber  scheint  das  ahd.  wannoweho,  wannunwechel  loaficus  ähn- 
lich, in  Schwaben  wannenwäher,  wanneweihe,  worunter  man  einen 
kleinen,  für  heilig  geltenden  raubvogel  meint,  dem  wannen  an  die 
häuser  ausgehängt  werden,  dasz  er  in  ihnen  niste :  das  haus,  an  wel- 
chem er  sein  nest  baue,  soll  vor  einschlagendem  blitz  sicher  sein 
(Mones  anz.  7,  429).  es  ist  der  röm.  tinunculus  (von  tina,  vas,  olla), 
welchen  Columella  8,  8  so  beschreibt:  genus  accipitris  tinunculum 
vocant  rustici,  qui  fere  in  aedificiis  nidos  facit.  ejus  pulli  singuli 
fictilibus  ollis  conduntur,  spirantibusque  opercula  superponuntur,  et 
gypso  lita  vasa  in  angulis  columbarii  suspenduntur,  quae  res  avibus 
amorem  loci  sie  conciliat,  ne  unquam  deserant.  etwas  anders  Plinius 
10, 37 :  ob  id  cum  columbis  habenda  est  avis,  quae  tinunculus  vocatur. 
defendit  enim  illas  terretque  aeeipitres  naturali  potentia  in  tantum, 
ut  visum  vocemque  ejus  fugiant.  hac  de  causa  praeeipuus  columbis 
amor  eorum,  feruntque,  si  in  quatuor  angulis  defodiantur  in  ollis  novis 
oblitis,  non  mutare  sedem  columbas.  der  kleine  sperber  scheucht  den 
habicht,  die  befreundeten  tauben  schützend.  Auch  das  litth.  wanagas 
scheint  von  wane  vannus  gebildet;  beachtenswerth  ist  aber,  dasz  die 
Letten  den  sperber  wehja  wannags  (heiligen  habicht?)  nennen,  und, 
ich  vermute,  unser  wio,  wiho  milvus  den  heiligen  vogel  meint,  wie 
in  den  altböhm.  liedern  der  krahug,  krahulec,  poln.  krogulec,  ungr. 
karoly  für  heilig  gilt  und  im  hain  gehegt  wird  (mythol.  s.  640). 
51  Hiernach  mag  glaublich  sein,  dasz  auch  das  gr.  legal;,  VqtjJ;,  mit 

der  bedeutung  accipiter  und  falco  zu  legog  gehöre,  obschon  Hesysch 
ein  verwandtes  ßeiQai~  und  ßsLQccxr]  ccQ7tccMLMi  anführt,  ja  xsqku% 
und  xiqxoq  nisus  nicht  allzuweit  abliegen,  um  so  wahrscheinlicher 
ist  es,  als  ein  bestimmter  falke  sacer  hiesz,  franz.  sacre,  engl,  saker, 
welchen  Friedrich  II  buch  2  cap.  22  beschreibt;  dieser  name  wird 
freilich  auf  das  arab.  saker  (avis  perspicax),  pers.  sonkor  =  falco 
zurückgeführt,  und  nähert  sich  jenem  skr.  äakunas ;  umgedreht  aber 
könnten  sie  aus  dem  lat.  wort  entspringen,  wie  dem  sei,  unzweifel- 
haft musz  dahin  auch  der  slavische  ausdruck  sokol",  böhm.  sokol,  serb. 
soko,  litth.  sakalas  für  falke  gestellt  werden,  der  kaum  dem  lat.  falco, 
it.  falcone,  span.  halcon,  franz.  faueon  verwandt  ist;  ein  späteres  gr. 
(paKutov  gewährt  erst  Suidas.  Im  russischen  Igorlied  entsenden  die 
neiden  zehn  falken  (sokolov)  gegen  die  schwane  und  in  den  serbischen 
gedichten  erscheint  der  falke  allenthalben,  an  sokol  gemahnt  in  der 
that  die  malbergische  glosse  sucelino  zu  sparvarius.    lex  sal.  7,  4. 

Die  falkner  unterscheiden  manigfache  arten :  für  den  vornehm- 
sten aller  galt  der  girofalco,  altfranz.  gerfaut,  ital.  grifagno,  ent- 
weder von  den  weiten  kreisen,  die  er  in  der  luft  nimmt  (gyrofalco 
a  gyrando),  oder  mit  dem  deutschen  geier,  ahd.  mhd.  gir  verwandt, 


FALKENJAGD  37 

geierfalk.  Albertus  Magnus  hält  den  sacer  falco  für  den  ersten  und 
läszt  dann  den  girofalco  folgen,  was  andere  umkehren.  Diesen  bei- 
den edelsten  falken  zunächst  stand  der  montanarius  und  peregrinus 
(pilgrimfalke,  faucon  pelerin),  der  lanerius,  nidasius  (vergl.  nisus), 
ramagius  (franz.  ramage)  und  terciolus  (mhd.  terze  terzel).  das  sp. 
gavilan  bezeichnet  sperber;  aber  auch  den  abgerichteten,  den  Angel- 
sachsen hiesz  der  pilgrim  vealhhafoc  von  vealh  peregrinus,  woher 
sich  das  altn.  valr  leitet,  weder  von  falco  noch  vultur.  der  lanerius 
kommt  auch  unter  dem  mhd.  namen  sweimsere  vor,  von  sweimen 
kreisen,  jenem  gyrare*. 

Leicht  geschah  es,    dasz  der  name   auf  das  ros  und  den  hund  52 
übertragen  wurde,  denen  gleiche  schnelle  und  stärke  zukam.  Dieterichs 
und   Wolfdieterichs   rosse  hieszen   Falke   und  noch  heute  heiszen  so 
Windspiele,  wie  sl.  sokol,  vgl.  canis  acceptoricius  in  der  lex  Fris.  4,  4. 

Sparva  bedeutet  dem  Ulfilas  ötgovftiov,  scheint  aber,  wie  ötqov- 
&6g  für  adler  und  strausz  gilt,  in  den  begrif  des  raubvogels  auszu- 
weichen, ahd.  sparo  passer,  ags.  spearva,  altn.  spörr,  engl,  sparrow, 
schwed.  sparf,  dän.  spurve,  nhd.  sperling;  dagegen  ahd.  sparawari, 
mhd.  sperwaere,  nhd.  sperber,  it.  sparviere,  franz.  dpervier  für  nisus, 
schwed.  sparfhök,  dän.  spurvehög,  engl,  sparrowhawk,  gleichsam  auf 
Sperlinge  jagend,  des  Sperbers  weibchen  ahd.  sprinzä  nisula,  mhd. 
das  sprinzelln. 

Den  Aegyptern  war  sperber  oder  habicht  (koptisch  bak)  einer 
der  heiligsten  vögel,  der  in  den  hieroglyphen  vielfach  wiederkehrt, 
ich  habe  schon  anderwärts  hervorgehoben,  dasz  das  den  wind  vor- 
stellende bild  eines  Sperbers  mit  ausgebreiteten  schwingen  bedeutsam 
mit  unsrer  altdeutschen  und  altnord.  anschauung  zusammentritt 
(mythol.  s.  600.  601);  hinzugenommen  die  Zeugnisse  für  die  heilig- 
keit  des  weihen,  wanneweihen  und  krahuc  wird  das  hohe  alterthum  der 
falkenjagd  bei  Deutschen  und  Slaven  kaum  dem  zweifei  unterliegen. 


*  mirotza,  den  bask.  namen  des  falken,  weisz  ich  nirgend  anzuknüpfen. 


V. 
ACKERBAU. 


53  Allmählich  beginnt  das  unruhige  schweifen  in  friedliche  nieder- 
lassung  überzugehn  und  ein  sattes  lachendes  grün  der  wiesen  und 
weiden  die  breiten  furchen  in  sich  aufzunehmen,  welche  die  goldne 
gäbe  der  göttin  zieht: 

thaz  fruma  thie  gibüra  fuaren  in  thia  scüra.  0.  II.  14,  108, 
wem  die  erdmutter  gnädig  ist,  dessen  acker  trägt  hundertfältige 
frucht  (furma),  wem  die  flur  versagt,  von  dem  hat  jene  den  blick 
abgewandt : 

ovo'  sidsv  avtov  ri}v  alcova  z/t^ut/t^o.  Babr.  11,  9.* 
zur  erntezeit,  sagt  eine  litthauische  Überlieferung,  hütet  sich  der 
Schnitter  die  letzten  halme  zu  mähen,  denn  in  ihnen  soll  die  Rugia 
boba  (kornmutter)  wohnen,  dasz  er  sie  nicht  schädige,  wie  das  volk 
in  Sachsen  der  guten  frau,  der  frau  Gode  oder  Harke  einen  büschel 
ähren  stehn  liesz.  die  mutter  war  auf  dem  wagen,  mit  dem  pflüg 
durch  die  felder  gezogen,  und  das  liebe  getraide  ist  ihr  heilig,  Tivgög 
(pttrjg  zJtj[i7}TQog.    Babr.  131,  6.   jener  erntegebrauch  hiesz  auch  c eine 

54  scheune  bauen  (mythol.  1211),  der  acker  steht  unter  gottes  ver- 
schluss, wer  auf  dem  felde  getraide  stielt,  von  dem  sagt  Östgötalag 
s.  43:  brytär  guzs  las  (frangit  dei  seram)  und  noch  heute  drückt 
sich  der  gemeine  mann  in  Schweden  so  aus.  in  Dänmark  heiszt  körn 
und  getraide  guds  gave,  wie  bei  uns  gottes  gäbe,  gottes  segen.  Hat 
anhaltende  dürre  die  Auren  ausgesogen,  so  rufen  die  ackerer,  indem 
sie  ein  naktes  mädchen  mit  wasser  besprengen,  ersehnten  regen  herab 
(mythol.  s.   560.  561). 

Der  ackerbau,  ackergang  (Conrads  troj.  kr.  9751)  ist  der  men- 
schen und  rinder  werk,  ßoav,  avdgtov  egya  bezeichnet  ackerland 
Od.  10,  98.    dygovg  io[iev  neu  fyy    uvüqcöiküv   Od.    6,    259,   egyov 


*  wo  die  götter  auf  der  erde  lagern,  entsprieszen  blumen  und  kräuter, 
Demeter  hatte  aber  bei  Iasion  auf  der  dreibrache  gelegen  ([ilyt]  (pikoxrjxt 
xal  evvq  vsiw  svt  TQi7i6k(p.  Od.  5,  127)  und  dem  acker  dadurch  höchste 
fruchtbarkeit  verliehen. 


ACKERBAU     '  39 

folglich  die  eigentliche  arbeit  Od.  14,  222%  obgleich  es  auch  vom 
geschäft  des  Spinnens  und  webens  gilt,  Od.  21,  350.  352,  die  der 
gottin  gleich  heilig  sind,  nicht  anders  war  unser  arbeit,  goth.  arbaips, 
ahd.  arapeit,  alts.  arbed,  ags.  earfod,  altn.  arvidi  labor  ursprünglich 
aratio,  agri  cultura,  welche  bedeutung  ausdrücklich  der  letztangeführ- 
ten mundart  verblieb :  nur  darf  man  arvidi  nicht  arvinni  erklären  von 
vinna  laborare,  vielmehr  B  in  arbaips  gleicht  dem  in  hvairban,  ahd. 
P  in  arapeit  dem  in  huerapan,  und  beide  entsprechen  dem  lat.  V  in 
arvum  terra  culta;  mit  goth.  arbi  hereditas  verhält  es  sich  ebenso, 
dessen  erste  bedeutung  nur  die  von  ager,  praedium  gewesen  sein 
kann :  das  grundeigenthum  aber  wurde  vererbt  und  dieser  ausdruck 
trat  in  den  begrif  des  erbes  über,  einfach  erscheint  die  wurzel  im 
altn.  ar  labor  und  aratio,  fast  alle  urverwandten  sprachen  stimmen 
in  ihr  für  den  sinn  des  ackerns  und  des  geräths  unverkennbar  zu- 
sammen, lat.  arare  aratio  aratrum,  gr.  ccqovp  ägofia  ccqozos  ccqovqcc 
ägotgov,  sl.  orati  oralo  und  mit  aphaeresis  ralo**,  poln.  orac  (arare) 
oracz  (ager)  radlo  (aratrum),  litth.  arti  arimmas  arklas,  lett.  art  arrajs  55 
arkls,  irisch  ar  (ploughing)  arach  (ploughshare)  ardhamh  (ploughox), 
oireamh  arator,  welsch  arad  (aratrum),  cornisch  aradar,  bretagn.  arazr 
alazr.  das  goth.  verbum  lautet  arjan  arida,  ahd.  erran  arta,  alts.  erian 
eride,  altn.  erja  ardi  und  yrja  urdi ;  zugleich  erscheint  noch  ahd.  die 
starke  form  aran  iar,  mhd.  arn  ier.  nur  im  sanskrit  und  zend  tritt 
die  wurzel  nicht  so  deutlich  vor,  man  müste  denn  skr.  irä,  altgr. 
epa,  ahd.  ero,  welche  terra  bezeichnen  (mythol.  s.  229)  unserm  erde, 
goth.  airjja,  ahd.  erada  erda,  ags.  eorde  (vgl.  yrdling  arator),  altn. 
iörd  gleichzustellen  und  alle  aus  dem  stamm  ar  zu  entleiten  befugt 
sein,  sicher  überweisen  darf  man  ihm  ahd.  art  aratio,  artön  arare 
colere  habitare,  woraus  mhd.  nhd.  die  abgezogene  bedeutung  von  cultus 
modus  indoles  natura  hervorgieng ;  ags.  eard  solum  habitatio  habitus, 
gesondert  von  eorde  im  vocalischen  wie  consonantischen  laut. 

Näher  zu  betrachten  sind  die  namen  des  geräths.  aratrum  und 
ciqotqov  stimmen  gänzlich,  zunächst  steht  das  welsche  und  cornische 
arad  aradar;  im  altn.  ardr  gehört  das  letzte  R  der  flexion  (gen.  ards, 
nicht  ardrs);  alts.  erida  aratrum;  dem  sl.  oralo  ralo  radlo  radlo  glei- 
chen litth.  arklas  arkls,  deren  K  ans  ir.  arach  reicht,  aber  die  litth. 
spräche  liebt  es  einzuschalten  (vgl.  auksas  f.  ausas).  wegen  des  altsl. 
vollen  oralo  läszt  sich  ralo  nicht  aus  rädere  leiten  (dies  entspringe 
denn  selbst  aus  aradere),  Ducange  hat  mlat.  ralla  für  radula  £i;0rpa, 
und  lat.  rallum  war  eisen  des  pflügers :  purget  vomerem  subinde  Sti- 
mulus cuspidatus  rallo.    Plin.   18,  19. 

Der  Rigveda  hat  aber  ein  wort  aritra,  welches  schif  und  rüder 
ausdrückt;  scharfsinnig  stellt  Kuhn  auf,  dasz  es  jenem  aratrum  ago- 


*  in  opere  faciundo  =  agro  colendo     Cic.  Verr.  II.  4,  24.  auch  das 

russ.  pachat',  böhm.  pachati,  poln.  pachac  bedeuten  arare  und  laborare. 

**  nicht   anders   serb.  ratar   f.    oratar    (arator),  böhm.  poln.   rolnik  f. 
orolnik,  böhm.  ratag,  poln.  rataj  ackerknecht. 


40  ACKERBAU 

tqov  entspreche  und  auch  altn.  är  remus,  ags.  äre,  engl,  oar,  schwed. 
ära,  dän.  aare  dahin  gehöre,  deren  aller  vocallänge  freilich  noch  zu 
rechtfertigen  wäre,  das  meer  wird  vom  schif  wie  die  erde  vom  pflüg 
gefurcht  (sulcus  ==  aqua  remigando  fissa,  sulcare  =  navigare),  im 
alterthum  geschehen  heilige,  feierliche  umzüge  mit  beiden  durch  das 

56  land,  der  erde  furch tbarkeit  zu  erflehen  (mythol.  5.  243).  Wenn  nun 
für  aratrum  ahd.  pfluoc,  nhd.  pflüg,  nnl.  ploeg,  altn.  plögr,  schwed. 
plog,  dän.  ploug,  engl,  plough  (altengl.  plow)  gelten,  und  man  weisz, 
dasz  die  anlaute  PF,  P  der  undeutschheit  verdächtig  sind;  so  schei- 
nen diese  Wörter  entlehnt  aus  sl.  ploug",  russ.  plug",  böhm.  pluh, 
poln.  p*ug,  litth.  plugas,  alban.  hIiovolq,  obgleich  sehr  früh,  da 
schon  die  lex.  Roth.  293  sagt:  si  quis  plouum  (al.  ploum  plonum) 
aut  aratrum  alienum  scapellaverit,  vgl.  Ducange  s.  v.  ploum  plovum : 
Gothen  und  Angelsachsen  blieb  der  ausdruck  noch  fremd,  aber  er 
schlieszt  sich  dem  skr.  plava  navis,  gr.  itkolov  an,  und  musz  ursprüng- 
lich schif  bedeutend  der  wurzel  plu  zufallen,  die  in  unsrer  spräche 
bereits  FL  annimmt.  Plinius  18,  18  vom  vomer  redend  überliefert: 
non  pridem  inventum  in  Rhaetia  Galliae,  ut  duas  adderent  alii  rotas, 
quod  genus  vocant  planarati,  wozu  man  jene  lesart  plonum  hält, 
berührt  sich  aritra  mit  skr.  ara  =  rota?  auch  das  franz.  charrue  geht 
über  in  den  begrif  des  wagens;  aber  planaratum  könnte  einfach  sein 
aratrum  planum? 

Das  goth.  wort  lautet  höha,  wofür  auch  ahd.  huoho  gemutmaszt 
werden  darf,  weil  sich  huohili  aratiuncula  vorfindet,  genau  wie  ahd. 
suoili  suoli  auf  suol  suhol  führen,  das  dem  ags.  syl  sul  sulh  —  ara- 
trum entspricht  und  noch  im  provinziellengl.  sull  fortdauert,  sulh  aber 
scheint  das  lat.  sulcus,  die  pfluggezogne  furche  und  sulhian  arare  fol- 
gert sich  aus  sulhung  aratio.  schwieriger  schien  die  abkunft  von  höha 
huoho ;  Kuhn  hat  das  skr.  köka  ermittelt,  welches  wolf  bedeutet,  weil 
in  den  veden  auch  vrka,  ein  andrer  bekannter  name  des  wolfs  (goth. 
vargs)  sich  auf  den  begrif  aratrum  angewandt  findet,  nemlich  vrka, 
wolf,  lupus  bezeichnen  zerreiszer  und  der  pflüg  zerreiszt  die  erde, 
ja  im  sanskrit  heiszt  er  ausdrücklich  noch  godarana,  erdzerreiszer. 
ein  lettisches  räthsel  sagt:  lahzis  tupp  tihrumä,  dselses  kurpes  kahjä 
(der  bär  sitzt  auf  dem  felde  mit  eisenschuhen  am  fusz)  und  meint 
wiederum  den  pflüg. 

Für  diese  ansieht,  sollte  sie  im  einzelnen  bedenklich  bleiben, 
streitet  mächtig,  dasz  auch  unser  alterthum  pflüg  und  schif  als  leben- 
diges wesen  dachte,  wie  das  schif  haupt,  hals  und  schnabel  (vgl. 
V()7tQG)QOQ)  empfängt  und  als  pferd  oder  schwan  die  flut  durchschnei- 

57  det,  darum  auch  angeredet  wird  (gramm.  3,  434),  tritt  ähnliches  ein 
beim  pflüg*,  so  ist  ahd.  die  rede  von  pfluoges  houbet  und  zagal, 
noch  heute  von  pflughaupt  und  pflugsterz,  schwed.  ploghufvud  plog- 
stjert,  dän.  ploughoved    plougstiärt,   engl,  ploughneck  (collum  aratri) 


*  wenn  Conrad  troj.  kr.  9742  sagt  'den  pfluoc  wisen',  so  gilt  dies  ver- 
bum  auch  sonst  von  personen,  nicht  von  Sachen. 


ACKERBAU  41 

ploughstilt  ploughtail,  nnl.  von  ploeghoofd  ploegstaart,  mnl.  von  Pdes 
ploeghes  staert'  Minnenlop  2,  666. 

Es  mag  aber  bald  ein  gehörntes,  bald  ein  wühlendes  thier  ge- 
meint sein.  MSH.  3,  213b  heiszt  es:  rden  pfluoc  begrifen  bl  dem 
hörn',  und  das  ahd.  geiza  keiza  für  stiva  gemahnt  an  geisz  oder  bock, 
noch  heute  soll  man  im  Aargau  die  pflughandhabe  nennen  geisz.  des 
erdwühlenden  ebers  erwähnen  unsere  sagen  (myth.  s.  632.  975)* 
und  die  serbische  thierfabel  läszt  das  seh  wein  mit  seinem  rüssel  ackern 
(Reinhart  CCXCI),  porca,  die  aufgewühlte  erde  scheint  nach  porcus 
oder  porca  genannt,  wie  furicha  nach  farah**;  des  Festus  deutungen 
taugen  nicht,  vielleicht  dasz  in  vollständiger  französischer  thiersage 
(Renart  branche  22)  der  wolf  pflügte,  dann  hätten  wir  vollends  den 
vrka  oder  köka.  den  Litthauern  bedeutet  plunksna  (feder)  des  pfluges 
gabel,  er  ist  also  vogel,  vielleicht  hahn,  der  wiederum  in  den  mär- 
chen  pflügt  (myth.  s.  929.  975),  im  Renart  dem  ackerbauenden  wolf 
zur  seite  steht.  Ich  will  mich  nicht  übereilen  und  sulcus  für  ver- 
wandt mit  sus,  gU£  avluh,  evXdyta  mit  vg  halten;  Varro  meint  von 
vomer :  ita  dictum  quod  terram  erutam  utrinque  vomat,  und  es  wäre 
nah  dabei  an  ein  thier  zu  denken,  doch  hat  vomer  ein  langes  0, 
vomere  kurzes,  aber  auch  Plutarch  leitet  vng  vvrj  vvvig  von  vg  ab: 
des  erdaufwühlenden  thieres  rüssel  habe  ersten  anlasz  zum  pflüg  ge- 
geben***, noch  jetzt  heiszt  bei  uns  in  einzelnen  gegenden  der  leichte  58 
pflüg  schweinsnase,  in  England  pigs  nose  und  sollte  nicht  das  altn. 
hali  cauda  sich  berühren  mit  skr.  hala  aratrum?  Ihres  dialectlexicon 
gibt  al  für  hal  cauda  und  aratrum  leve,  alä  =  halä  für  arare. 

Andere  benennungen  des  pflugs  und  seiner  theile  stehn  gramm. 
3,  415.  416  aufgezählt,  ihren  eigenthümlichen  pflüg  nennen  die 
Litthauer  zagre,  was  man  dort  zoch  verdeutscht,  haken  (uneus) 
poln.  böhm.  hak  ist  der  räderlose  pflüg,  mit  dem  man  hin  und  wie- 
der das  land  bearbeitet;  es  soll  wendischer  brauch  sein,  der  name 
klingt  deutsch,  den  Finnen  heiszt  der  pflüg  atra  (est.  adder)  ahra 
aura,  die  handhabe  auran  kurki,  auran  perä,  sonst  sahra,  das  pflug- 
eisen vannas  (wie  keula  vannas,  prora  navis).  ir.  ceachta  aratrum, 
vomer.     bask.  goldea  und  bostortza. 

Den  Skythen  war  ein  goldner  pflüg  und  joch  noch  glühend  vom 
himmel  niedergefallen  (Herod.  4,  5)  und  nach  der  reihe  nahten  ihm 
ihre  königssöhne.  In  einer  unsrer  volkssagen  läszt  sich  eine  glühende 
egge  vom  himmel   auf  die  erde,   und  an  der  stelle  wird  eine  kirche 


*  eine  malb.  glosse  diramni  für  porcus  deutet  Leo  1,  73  erdwühler. 
**  die  sl.  brazda,  russ.  borozda,  poln.  brozda  entfernen  sich  von  prase 
porosja  prosi^. 

***  der  eber  galt  unserm  alterthum  für  ein  tapferes  edles  thier,  dessen 
zeichen  heim  und  schilt  schmückten  (mythol.  195),  dem  Odinn  selbst  die 
Schlachtordnung,  die  svinfylking  (caput  porcinum,  acies  euneiformis)  abge- 
sehn  hatte  (mythol.  s.  122).  solchen  eberkopf  bildete  auch  der  Alamanne 
Butilin  (Agatnias  2,  8),  wie  die  röm.  kriegskunst  den  mauerbrecher  aries 
nannte,    krieg  und  ackerbau  weisen  thiere. 


42  ACKERBAU 

gebaut  (Emil  Sommers  sagen  no.  65).  viel  bedeutsamer  musz  jedoch 
erscheinen,  dasz  in  unsern  weisthümern,  wie  durch  sehwurf  oder 
kolterwurf,  d.  h.  wurf  mit  der  pflugschar  gesetzliche  weite  ermittelt 
wird  (1,  483.  2,  456.  587.  721.  3,  30.  309),  einigemale  ausdrück- 
lich mit  heiszer  pflugschar  geworfen  werden  soll,  im  Langenfelder 
weisthum  (2,  594)  heiszt  es:  und  wo  der  gefangne  des  dorfs  ein  ein- 
wohner  wäre,  sol  man  für  sein  thür  an  den  gatter  einen  heiszen 
kolter  legen  und  soweit  damit  könnte  geworfen  werden,  sol  man  das 
gericht  stellen  und  ihn  richten ;  diese  bestimmung  wiederholt  sich  im 
weisthum  von  Olzhem  (2,  597)  und  von  Scheuren  (2,  599).  sie  wäre 
sinnlos,    wenn  sie  sich  nicht  auf  uralte  Überlieferung  gründete,   die 

59  ich  unmittelbar  wage  mit  jener  skythischen  zu  verknüpfen,  glühend 
oder  heisz  gefordert  wird  die  schar,  das  will  sagen  funkelneu,  wie 
sie  eben  geschmiedet  wurde,  da  zu  allen  heiligen  dingen  neues  geräth 
nöthig  war,  weshalb  auch  1,  483  gesagt  ist:  mit  einem  neuen  seche. 
man  musz  aber  zugleich  an  das  gottesurtheil  denken,  nach  welchem 
barfusz  über  glühende  pflugscharen  geschritten  werden  soll  (rechts- 
alt, s.  914);  die  alte  heiligkeit  des  ackerwerkzeugs  bricht  allenthalben 
durch.  Noch  im  mittelalter  wurden  silberne  pflüge  und  schiffe  als 
abgäbe  dargebracht  (mythol.  s.  52.  243.  weisth.  1,  624.  2,  648.  659. 
730.  731.  3,  853),  ein  delphisches  orakel  sprach  von  aQyvgea  evldxa 
zvla&iv  (Thuc.  5,  16).  König  Hugons  goldpflug  stand  unentwend- 
bar  auf  den  ackern,  er  selbst  leitete  ihn  alljährlich  durch  die  nur 
(rom.  de  Charlemagne  p.  12,  13).  Wenn  das  volk  sich  seinen  heer- 
führer  oder  herrscher  auserwählt,  treffen  ihn  die  boten  auf  dem  felde 
pflügend,  damit  soll  angezeigt  sein,  dasz  des  landbauers  erste  arbeit 
auch  ihm  heilig  bleibe :  aranti  quatuor  sua  iugera  in  vaticano,  quae 
prata  quinctia  appellantur,  Cincinnato  viator  attulit  dictaturam,  et 
quidem,  ut  traditur,  nudo  plenoque  pulveris  ore.  Plin.  18,  4  [vgl. 
Cic.  de  senect.  56];  Quinctius  ab  aratro  ad  dictaturam  arcessitus. 
Liv.  3,  26  vgl.  Cic.  fin.  2,  4.  Den  Gothen  wurde  geweissagt,  dasz 
Vamba  (ventriosus  ?)  ihr  könig  sein  solle: 

y  lo  habian  de  hallar  arando  cerca  de  la  Andalucfa, 

con  un  buey  blanco  y  sereno,  y  un  prieto  en  su  compania, 

wie  um  die  neugegründete  stadt  furche  gezogen  ward ;  der  ackernde 
stier  gilt  für  heilig*.  Als  feierliche  gesandtschaft  dem  Premysl  das 
herzogsamt  in  Böhmen  übertrug,  lag  seine  hand  am  pflüg,  und  das 
feld  wo  er  ackerte  hiesz  seitdem  königsfeld ;  andere  melden,  er  habe 
auf  eisernem  tisch  der  pflugschar  eben  sein  mahl  eingenommen.  Auch 
Marko,  der  serbenheld,  ackert  und  festigt  den  pflüg  an  den  nagel 
(Vuks  gloss.  346,  neue  ausg.  309) 

uze  Marko  ralo  za  krtschalo. 

60  Bei  der  huldigung  in  Kärnten  muste  der  herzog  den  graurock  mit 
rauher  jägertasche,  worin  brot,  käse  und  ackergeräth  lag,    anziehen 


*  die  septem  triones  bilden  das  heilige  gestirn,  triones  für  teriones 
oder  nach  Varro  7,  74  terriones,  boves  arantes,  valentes  glebarii. 


ACKERBAU  43 

und  einen  hirtenstab  in  hand  halten  (RA.  253).  Unsern  Heinrieh 
überrascht  die  wahlbotschaft  beim  vogelstellen,  diese  sage  entstammt 
noch  der  hirtenzeit,  aus  der  ackerzeit  die  römische  von  Seranus: 
serentem  invenerunt  dati  honores Seranum,  unde  cognomen.  Plin.  18,4. 

Ich  lenke  wieder  ein.  das  gebaute  land  heiszt  mit  groszer  Über- 
einkunft lat.  ager,  gr.  ccygog,  goth.  akrs,  ahd.  achar,  ags.  äcer,  altn. 
akr,  schwed.  äker,  dän.  ager,  ohne  zweifei  aus  agere  ayuv  herge- 
leitet*, deute  man  von  der  bewegung  des  pflugs,  dem  antrieb  der 
rinder,  oder  dem  bloszen  thun,  das  ein  bauen  ist,  egyov  und  arbeit, 
den  deutschen  sprachen  mangelt  schon  das  verbum,  auszer  der  altn. 
aka  6k.  allen  romanischen  aber  fehlt  das  lat.  ager  und  wird  ersetzt 
durch  das  allgemeine  campo  camp  campus,  nur  im  landmasz  findet 
sich  mlat.  acra,  franz.  acre,  wie  die  tenuis  zeigt  aus  deutschem 
acker  geborgt,  eben  darum  scheint  ir.  acra,  gal.  acair  entlehnt, 
anders  urtheile  ich  vom  böhm.  auhor  uhor,  serb.  ugar,  die  brach- 
acker,  ager  proscissus  bedeuten  und  kaum  zu  ager  gehören,  vielmehr 
zu  uhoreti  abbrennen  (neugereutetes  land,  novale). 

Poln.  rola,  böhm.  role,  ich  denke  wieder  mit  abgeworfnem  an- 
laut  statt  orola  orala  von  orati.  sonst  gilt  pole,  ursprünglich  cam- 
pus, auch  für  ager.  ihm  entsprechen  finn.  peldo,  est.  pöld,  läpp, 
päldo,  vvalach.  holda,  alts.  folda,  ags.  folde,  altn.  fold,  die  deutschen 
Wörter  mit  dem  sinn  von  solum  terra  humus;  an  folda  reiht  sich 
aber  feld  campus.  daraus  wage  ich  zu  folgern:  den  Deutschen  ver- 
blieb der  nomadische  begrif  von  folda  und  feld,  während  Slaven  pole, 
Finnen  peldo  bereits  zu  gebautem  land  wurde,  die  Deutschen  haben 
also  früher  acker  gebaut  und  ir  wort,  das  ihnen  mit  Griechen  und  61 
Römern  gemein  war,  nicht  verloren. 

Wenn  die  Litthauer  den  acker  laukas  nennen,  lett.  lauks,  pr. 
laukas;  haftete  im  russ.  lug",  böhm.  luh,  ahd.  loh,  ags.  leäh,  engl, 
ley,  lat.  lucus  wieder  die  ältere  bedeutung  von  aue  wiese  wald  weide, 
und  ähnliche  Schlüsse  werden  statthaft,  neben  laukas  litth.  dirwa, 
lett.  druwa  für  ackerland. 

Wir  gelangen  zu  einem  merkwürdigen  ausdruck.  brache  brach- 
feld  ist  uns  das  in  ruhe  liegende  ackerfeld,  der  angebaute  acker, 
brach  liegen  heiszt  ungepflügt  liegen:  mhd.  sin  bti  in  brächa  lac. 
Diut.  2,250,  folglich  anger  ungebrächot,  der  angebaute  acker  (fundgr. 
2,  143.  149  auf  Maria  bezogen**),  ahd.  aber  bedeutete  präche  ara- 
tio,  prächön  proscindere  terram;  wie  ist  dieser  anscheinende  Wider- 
spruch zu  lösen?  prächa  war  nicht  volle  pflügung,  blosz  aratio  prima, 
wobei  der  acker  in  schollen  gebrochen  ward,  ohne  dasz  man  ihn  aus- 
stellte;   nachdem   er  zwei  jähre  getragen  hatte,  blieb  er  in  solcher 


*  wie  gleich  einstimmig  (mutmaszlich  goth.  vagns)  ahd.  wakan  currus, 
nhd.  wagen,  ags.  vagen,  engl,  wain,  altn.  vagn,  skr.  vahana,  lat.  veha  ve- 
hela  vehiculum,  gr.  ö'xog  Öx^ßcc,  litth.  wezimmas,  poln.  woz,  böhm.  wuz 
wozu,  sämtlich  von  vigan,  skr.  vah,  lat.  vehere,  gr.  3/etv,  litth.  weszti,  sl. 
vesti,  poln.  wiese,  derselben  wurzel  gehört  goth.  vigs,  ahd.  wec,  lat.  via. 
**  den  Skalden  ist  troda  terra  eulta,  subaeta  zugleich  femina. 


44  ACKERBAU 

ruhe  das  dritte  liegen,  ruhte  er  längere  zeit,  mehrere  jähre  hin- 
durch, dasz  ihn  unkraut  dorn  und  gesträuch  erfüllten,  so  kehrt  er 
wieder  in  weide  und  wald  zurück,  unsere  weisthümer  sagen:  er  trägt 
dorn  und  distel,  oder,  das  erste  jähr  soll  er  dorn  und  distel  tragen, 
das  ander  jähr  soll  man  den  wolf  darüber  laufen  lassen,  hub  neuer 
laubwuchs  sich  zu  baumes  höhe,  konnte  ein  joch  rinder  sich  im  ge- 
sträuch bergen,  so  wurde  das  land  wieder  markmäszig,  wie  es  vor 
dem  ersten  reuten  gewesen  war  (rechtsalt.  s.  92.  93.  525):  das  alte 
hirtenrecht  erwacht. 

bräche  stammt  her  aus  brechen  scindere;  auch  das  mlat.  rupti- 
tius  oder  fractitius  ager  sind  aus  rumpere  frangere  gebildet;  fracti- 
tius  kürzte  sich  ins  franz.  friche,  terre  friche.  brach  liegen  hiesz 
mhd.  auch  rin  egerden  ligen'  kindh.  Jesu  b.  Hahn  95,  62,  brach 
liegen  lassen  fen  egerde  län'  MS.  2,  229b,  agri  egerden  sind  agri 
inculti.  Oberlin  275  mlat.  agri  vegri.  egerde  scheint  ahd.  ägierida. 
62  gleichviel  ist  das  nhd.  driesch  liegen,  und  drieschen  bedeutet  brachen ; 
es  scheint  ahd.  drisk  ternus  oder  trimus,  was  auf  denselben  drei- 
jährigen umlauf  der  ackerzeit  weist*,  mich  dünkt,  brache  und  driesch, 
die  nach  zwei  jähren  anbau  im  dritten  eintreten,  hängen  zusammen 
sowol  mit  dem  uralten  jährlichen  Wechsel  der  äcker  (arva  per  annum 
mutant,  in  annos  singulos  gentibus,  quantum  eis  et  quo  loco  visum 
est,  attribuunt  agri  atque  anno  post  alio  transire  cogunt)  als  mit 
dreifelderwirthschaft,  die  alles  ackerland  in  drei  wechselnd  brach 
liegende  theile  absondert. 

Altn.  hiesz  brachland  träd  pascuum  (trieb  und  trat)  oder  troda 
(nicht  tröda)  terra  subacta,  tradarlsegi  ager  quiescens  a  cultura,  von 
troda  calcare,  conculcare,  goth.  trudan,  ahd.  tre'tan.  schwed.  träda 
ager  cessans,  vervactum,  träda  agrum,  qui  superiore  anno  quieverat, 
proscindere,  trädestock  aratrum  minus  (jenes  al  oder  hal),  weil  es 
zum  brachen  nur  leichteren  pfluges  bedarf. 

Franz.  auszer  jenem  laisser  en  friche,  laisser  en  jachere  (altfranz. 
ä  gaskiere.  Meon  1,  108),  en  repos.  älter  ist  das  lat.  vervactum, 
quod  vere  semel  aratum  est**,  der  ital.  ausdruck  lautet  maggese, 
maggiatica,  von  maggio,  wie  unser  brachmonat  den  juni  bezeichnet, 
sp.  tierra  baldia  oder  barbecho  (vervactum)  und  herial.  russ.  prilog, 
pol.  przyiog,  böhm.  prjloh;  auhor  ugar  wurden  vorhin  erwähnt, 
wendisch  smaha.     litth.  pudimas,  lett.  papuwa,  papua. 

Mit  allgemeinem  ausdruck  nennen  wir  die  ausgestellte  und  ge- 
erntete frucht  das  getraide,  ahd.  gitragidi,  mhd.  getregede,  gleichsam 
die  zahme,  in  des  menschen  hände  gekommene  frucht,  wie  die  zahmen 
thiere  den  wilden  entgegen  stehn.  lat.  frumentum,  fruges;  mlat.  bla- 
dum,  blavum,  it.  biada***,  biava,  franz.  bled,  h\6,  ags.  blsed,  sl.  plod; 

*  jene  veidg  tQinoXoq  (II.  18,  541)  war  den  Griechen  driska  und  brächa. 
**  gegensatz:    ager  restibilis,    qui   restituitur   ac  reseritur   quotannis, 
contra  qui  intermittitur  a  novando  novalis.    Varro  5,  39. 

***  und  gern  im  pl.  biade  oder  grani,  franz.  grains,  wie  finn.  jyviä  (die 
körner). 


ACKERBAU  45 

ir.  arbhar,  vgl.  lat.  arvum;   böhm.  obilj,  sl.  obilije  pinguedo,    abun-63 
dantia,  wie  arvina  zu  arvum  gehört;  lett.  labbiba,  von  labs  gut,  die 
gute,  das  liebe  getraide. 

Auch  hier  sollen  die  hauptarten  des  getraides  durchgegangen  wer- 
den, wie  bei  den  thieren  schwankt  der  ausdruck  zwischen  einzelnen. 

Das  goth.  hvaiteis  verdeutscht  Joh.  12,  24  Gltog,  vulg.  frumen- 
tum;  ahd.  hueizi  triticum,  frumentum,  siligo;  alts.  miete  triticum; 
ags.  hvsete  triticum,  frumentum,  altn.  hveiti,  mhd.  weize,  nhd.  wai- 
zen,  nnl.  weit,  engl,  wheat,  dän.  hvede  schränken  sich  auf  triticum 
ein.  leicht  fällt  hvaiteis  zu  hveits  albus,  hueizi  zu  huizi,  wie  ais  zu 
eisarn,  6r  zu  Isarn;  genau  gleicht  litth.  kwetys,  lett.  kweeschi  und 
das  sicher  entlehnte  läpp,  hveit.  aber  auch  gr.  öltog,  sl.  shito,  böhm. 
zjto,  poln.  zito,  sämtlich  den  allgemeinen begrif  frumentum  ausdrückend, 
liegen  nahe,  sei  nun  skr.  äveta  albus  anzuschlagen,  oder  sl.  shiti 
vivere,  so  dasz  der  sinn  wäre  lebensmittel,  vivres  (vgl.  nachher  quecke). 
Eigen  ist  nnl.  tarwe  triticum,  nd.  tarve;  es  könnte  nebst  triticum, 
sp.  trigo  der  wurzel  tero  trivi  tritum  gehören  (Benfey  2,  261)  und 
mehlkorn  (far)  bezeichnen,   vgl.  triturare.  Gr.  nvQog,  syrakus. 

öTtVQog  liesze  sich  zu  önuqco  stellen,  doch  die  gemeine  form  bestärkt 
sl.  p"iro  ölvQct  far,  slov.  pira  gerste,  böhm.  pyr  quecke,  triticum 
repens,  lett.  pürji  puhri  winterwaizen ,  mit  Übertragung  des  namens 
auf  ein  schlechteres  getraide  oder  gar  unkraut.  Kuhn  hält  zu  TtVQog 
die  skr.  wurzel  pusch  nutrire,  Puschan  den  gott  des  ackerbaus,  %6a 
gramen  für  noöa.  da  böhm.  pyr  auch  glühende  asche  bezeichnet, 
wäre  Verwandtschaft  mit  jivq  möglich,  obschon  dies  kurzen,  nvgog 
langen  vocal  zeigt  (aber  auch  unser  fiuri  langen),  und  die  goldne 
saat  der  Ceres  könnte  wie  feuer  glänzen,  pschenitza,  die  russ.  be- 
nennung  des  waizens,  böhm.  psenice,  poln.  pszenice  scheint  gleich 
dem  alts.  penik,  nhd.  fenich  fench  aus  lat.  panicum  ableitbar;  nahe 
liegt  russ.  pscheno  milium,  böhm.  pseno,  poln.  pszono*.  ganz  ab  64 
steht  finn.  nisu  triticum,  est.  nisso,  auch  finn.  vehna.  ir.  breachtan 
triticum  vielleicht  verwandt  mit  breach  humulus,  insofern  beide  dem 
bierbrau  dienen. 

Was  wir  vorzugsweise  körn  nennen,  die  roman.  sprachen  gleich 
allgemein  grano  grain,  ist  der  roggen  ahd.  rocco,  roggo,  ags.  ryge, 
engl,  rye,  altn.  rugr,  schwed.  rog,  rag,  dän.  rüg,  nnl.  rogge,  mlat. 
rogo,  welsch  rhyg,  litth.  ruggei,  lett.  rudsi,  russ.  rosh',  böhm.  re£ 
gen.  rzi,  poln.  rez,  rzy,  ungr.  rozs,  finn.  ruis,  ruvis  gen.  rukiin,  est. 
rukki  rügga  röa,  welche  grosze  einstimmung  oft  auf  erborgung  be- 
ruhen mag.  Lat.  siligo,  woher  gr.  öillyviov,  sommergetraide,  zu  unter- 
scheiden von  secale,  it.  secale,  franz.  seigle.  secale  war  den  Römern 
erst  spät  bekannt  geworden  und  eine  geringe  frucht,  auf  die  sie  einen 
allgemeinen  ausdruck  anwandten,  der  von  allem  geschnittnen  getraide 


*  milium  ist  eigentlich  sl.  proso,  das  verwandt  scheint  mit  ahd.  hirsi, 
nhd.  hirse,  weil  P  und  K  (was  sich  hernach  in  Hlaut  verschob)  tauschen 
dürfen,  vgl.  nvccvoq  xvccfioq  bohne.  lett.  ehrski,  litth.  soros,  gr.  xsyxQoq. 


46  ACKERBAU 

gelten  kann;  rührt  aber  secale  von  secare,  so  leitete  auch  böhm. 
rez  auf  rezati,  poln.  rzezac,  schneiden,  obgleich  die  zischlaute  etwas 
weichen,  vgl.  poln.  rzany  =  zytni  und  rzysko  stoppel.  Die  frucht 
scheint  aus  dem  Norden  in  den  Süden  gedrungen  zu  sein,  wo  der 
waizen  vorherschte.  da  jenes  russ.  rosh,  finn.  ruis  im  Nordosten 
noch  weiter  um  sich  greift  und  nicht  allein  bei  Morduinen  ros,  bei 
Tscheremissen  rsha,  rusha  angetroffen  wird,  sondern  mit  vorgesetztem 
vocal  bei  Vogulen  orosh,  bei  Ostjaken  arüsh,  bei  Tschuwaschen  irasch, 
bei  Samojeden  arish,  unter  Tataren  aresh  orosh,  selbst  unter  Zigeu- 
nern rozo  (Pott  2,  280);  so  liegt  hier  ein  uraltes  wort  vor,  in  des- 
sen wurzel  gar  nicht  mehr  einzudringen  ist.  wahrscheinlich  gehört 
ogvtß  reis  mit  hinzu,  der  im  skr.  vrihi  hiesz,  in  unsern  ahd.  glossen 
aber  auch  durch  arawiz  verdeutscht  wird,  was  sonst  pisum,  cicer 
bedeutet:  pisum  scheint  ursprünglich  malbare  frucht*.  welche  ge- 
traidearten  gr.  okvQa  und  lat.  arinca  sind,  weisz  ich  nicht. 

65  Goth.  baris  gen.  barizis,  gr.  XQi&r],  ags.  bere,  engl,  barley,  altn. 

barr,  gen.  bars,  Ssem.  51b  allgemein  frucht,  alle  von  bairan,  wie  lat. 
far  von  ferre,  gen.  farris  (für  farsis  =  barizis?),  in  farina  einfaches 
R,  wie  in  fero  baira  und  bere.  altn.  bygg,  schwed.  bjugg,  dän. 

byg,  von  byggja  colere,  gebaute  frucht.  ahd.  gersta,  mhd.  nhd. 

gerste,  nnl.  gerst  garst,  ags.  gerst,  engl,  grist;  wie  wir  schon  bei 
Tcvgog  auf  noa  geleitet  wurden,  läge  auch  hier  das  nährende  gras, 
ags.  gärs  nicht  ab,  und  S  erschiene  wesentlich;  doch  volleren  an- 
sprach haben  hordeum  fordeum  ordeum,  sp.  ordeo,  it.  orzo,  franz. 
orge  und  xql&1]  (nach  Benfey  2,  197  für  %qi&ti),  hord  =  gert,  S 
eingeschaltet  (wie  in  kunst  brunst  munst) ;  vgl.  bask.  garagarra.  sp. 
cebada,  von  cebar  nutrire  und  cibo  nahrung.  skr.  java,  bald 

als  frumentum  und  triticum,  bald  hordeum  aufgefaszt,  pers.  jew;  ent- 
spricht dem  litth.  jawai  frumentum,  finn.  jyvä  granum  frumenti  (pl. 
jyviä  frumentum)  wie  dem  gr.  %m  tßia  (vgl.  skr.  juga,  lat.  jugum, 
gr.  %wydv)  aufs  haar,  zugleich  zeigt  litth.  jauja  Scheune  die  Verwandt- 
schaft zwischen  hordeum  und  horreum,  granum  und  granarium  (gre- 
nier):   es  sind  häuser  für  frucht  und  gerste.  sl.  jatsch'men', 

russ.  jatschmen',  slov.  jazhmen,  serb.  jetschmen,  poln.  i^czmien,  böhm. 
gecmen  führt  sich  zurück  auf  die  wurzel  jasti  edere,  poln.  iesdz,  böhm. 
gjsti,  und  entspricht  dem  altn.  seti  (von  eta),  welches  Ssem.  51b  neben 
bygg  und  barr  steht;  damit  stimmen  ferner  ir.  joth  (in  der  alten 
Sprache  ith),  welsch  yd  hyd,  bretagn.  ed  für  körn,  getraide,  gleich- 
sam, res  edules  edulia.  litth.  m$zei,  lett.  meeschi  scheint  mit 
der  bierbereitung  in  Zusammenhang.  aKOöxtf  soll  auf  Cyprus 
die  gerste  geheiszen  haben,  vielleicht  wegen  ihres  spitzen  hartes?   vgl. 

66acus  aKBötga  und  acus   aceris  spreu.     finn.  ohra,   est.  ohrad  ohher, 


*  von  pisum,  franz.  pois,  engl.  pl.  pease,  ist  sowol  cicer,  cicera,  ahd. 
chichuria,  mhd.  kicher,  als  ervum,  ervilia,  franz.  ers,  ervilliers,  ahd.  ara- 
weiz  (noch  bei  Hans  Sachs  erbeisz),  nhd.  erbse,  ags.  earfe,  nnl.  ervet,  altn. 
erta,  gr.  flgoßoc;  und  gQeßivöoq  der  art  nach  unterschieden,  mit  der  sache 
scheinen  uns  diese  namen  von  Römern  zugebracht. 


ACKERBAU  47 

ich  zweifle  ob  zum  ir.  orna  earn  gehörig.  Zuletzt  gedacht  sei 

der  beiden  synonyme  lagastafr  und  hnippinn  im  eddischen  Alvismäl,  die 
nicht  anders  als  bygg  barr  vax  seti  den  begrif  der  frucht  insgemein 
hervor  heben,  nicht  auf  gerste  einschränken,  lagastafr ,  sonst  auch 
dichterischer  name  des  meers,  drückt  das  wie  wellen,  wenn  seine 
ähren  schwer  geworden  sind,  wogende  getraide  aus,  und  hnippinn 
entweder  gekrümmt,  unter  last  der  ähre  gebogen,  oder  die  gebundne 
garbe,  merges,  altn.  hneppi,  dän.  knippe. 

Ahd.  haparo  habaro  avena,  alt.  havoro,  altn.  hafri,  schwed.  hafre, 
dän.  havre,  mhd.  habere,  nhd.  haber  (hafer  ist  unhochdeutsch),  nnl. 
haver,  unverkennbar  alle  mit  der  schwachen  form  aus  hafr  caper  ge- 
leitet, also  das  gemutmaszte  ahd.  hapar  bestätigend,  die  frucht  musz 
also  bezug  auf  bock  oder  schaf  haben,  sei  es  dasz  das  thier  dem 
haber  (vielleicht  einem  ähnlichen  unkraut)  nachstellt,  oder  vormals 
damit  gefüttert  wurde*,  haparo  ist  des  hapar  speise,  hierzu  stimmt 
mancherlei,  einmal  cclyUcai^  windhaber,  alyiTtVQog  ziegenwaizen  und 
dasz  ßgopog  (umgestellt  ßoQUog)  sowol  haber  als  bocksgestank,  caper, 
hircus  bedeutet;  zwar  pflegt  man  letzteres  ßga^iog  zu  schreiben, 
nicht  anders  verhalten  sich  finn.  kauris  caper  und  kaura  avena,  est. 
kara  kaer;  ir.  caor  ovis,  coirce  avena,  welsch  keirk,  um  so  deut- 
licher die  syncope  der  labialis  in  kauris,  caor.  nun  erklärt  sich  auch 
russ.  oves",  böhm.  owes,  poln.  owies  gen.  owsa  avena  neben  owce 
owca  ovis  und  litth.  awizos,  lett.  ausas  avena  neben  awis  ovis**; 
walach.  ovesu  avena  ist  den  Slaven  abgeborgt,  ob  ags.  äte  ata  avena,  67 
engl,  oat  pl.  oats  irgendwie  einem  solchen  thiernamen  begegne,  steht 
dahin,  ata  wäre  ahd.  eizo  und  Graff  5,  788.  1,  541  [Förstemann  583] 
hat  die  eigennamen  Eizo  Eizä.  Lat.  it.  sp.  avena,  franz.  avoine,  nnl. 
evene  fügen  sich  leicht  zu  ovis;  wenn  franz.  averonfolle avoine  bedeutet, 
scheint  es  zurückzuführen  auf  haveron  und  deutsches  havre,  das  die 
Franzosen  auch  in  havresac  aufnahmen,     baskisch  heiszt  haber  oloa. 

Jenes  allgemeine  körn,  goth.  kaum  und  durch  alle  deutschen 
mundarten  gehend,  ist  auch  im  lat.  granum,  ir.  gran,  sl.  zr'no,  böhm. 
zrno,  poln.  ziarno  vorhanden,  empfängt  aber  im  litth.  zirnis,  lett. 
sirns  die  eingeschränkte  bedeutung  pisum  (erbskern).  pisum,  7ii6ov, 
ita  dictum  quod  semper  pisitur  antequam  coquatur,  führt  uns  auf 
pisere  pinsere,  skr.  pisch  conterere  und  peschana  handmüle.  gr.  tctlö- 
öuv  pinsere,  7tu6ccvr],  %6vÖQOg.     eben  dahin  leitet  auch  zirnis. 

Specifisch  unterschieden  von  sl.  zrno  ist  shr"n"v"  mola,  serb. 
shrvanj,  böhm.  zerna,  poln.  zarna,  litth.  girna  (wofür  der  pl.  girnos 
bräuchlich),  lett.  dsirnus,  goth.  qairnus,  ahd.  quirn,  alts.  quem,  ags. 


*  heute  das  pferd;  schwed.  hestakorn  =  avena;  wie  den  gaul  der  haber 
sticht,  könnte  er  auch  den  bock,  ein  Sprichwort  lautet:  den  bock  auf  die 
haberkiste  setzen.    Simrock  1180. 

**  aus  avena  folgt,  dasz  die  lat.  spräche  für  ovis  ursprünglich  avis 
sagte,  sie  liebt  aber  das  0  auch  in  novus  novem  skr.  navas  navan  und 
vielen  andern,  und  unterschied  ovis  von  avis  vogel,  die  früher,  sobald  man 
ausgefallne  consonanten  herstellt,  ganz  anders  unterschieden  waren. 


48  ACKERBAU 

cveorn,  engl,  quem,  altn.  qvörn,  schwed.  qvarn,  dän.  qvärn.  da  nun 
sl.  Z  und  SH  tauschen  (bozi  boshe,  mozati  moshio),  dürfen  litth.  Z 
und  G,  goth.  K  und  Q  ähnlichem  Wechsel  unterliegen,  und  kaum 
zmo  zirnis,  die  frucht,  der  sie  malenden  müle  qairnus  zerna  girna 
unmittelbar  verwandt  sein,  wie  bereits  Benfey  2,  128  körn  kern 
qairnus  zusammenstellt*,  granum  und  grando  hagelkorn  vermitteln 
sich  aber  in  %6vdgog  (für  XQÖvöog?)  und  im  ags.  grindan  molere, 
mhd.  grien  arena,  nhd.  grand,  das  kies  und  graupe  bedeutet;  skr. 
ist  dhsri  terere  molere,  dhsirna  tritus.  Aelteste  mülen  waren  handmülen 
und  tretmülen,  wie  sie  poln.  zarna,  engl,  quem  noch  heute  bezeichnen. 

mola,  [ivXog  pvlri**,  ahd.  muli,  ags.  mylen,  engl,  mill,  altn. 
G8mylna,  ir.  meile,  welsch  melin,  russ.  mel'nitza,  böhm.  mlyn,  poln. 
mlyn,  litth.  malunas,  ungr.  malom  gehn  vorzugsweise  auf  die  wasser- 
müle,  und  die  wurzel  molere,  malan  (praet.  möl,  starkformig),  mljeti, 
malti  breitet  sich  weit  aus,  sie  zeigt  in  melo,  altn.  miöl  farina,  malma 
melm  arena,  malmen  terere,  ahd.  mulian  alle  vorhin  wahrgenommnen 
begriffe,  wie  in  farina  far  kann  in  qairnus  die  wurzel  kaum  liegen, 
während  melo  miöl  aus  malan,  triticum  aus  terere  erwachsen,  oder 
ist  es  gerathner  auch  körn,  das  malbare,  malmbare  aus  mutmasz- 
lichem  qairnan  =  grindan  molere  flieszen  zu  lassen?  ir.  finde  ich 
bro  (gen.  bron,  pl.  brointe)  für  handmüle***. 

Auch  diese  übersieht  der  notwendigsten  und  ältesten  ausdrücke 
des  ackerbaus  lehrt,  den  worten  wie  den  Vorstellungen  nach,  gemein- 
schaftlichen Ursprung  der  Völker. 

Wie  unmittelbar  nahe  stehn  sich  arare,  aratrum,  ager  im  latei- 
nischen griechischen  keltischen  und  deutschen,  zwar  für  aratrum  ist 
goth.  arpr,  ahd.  aradar  nicht  mehr  aufzuzeigen  und  altn.  ardr  um 
weniges  ungleich,  dagegen  späteres  pfluoc  plögr  vielleicht  von  Sla- 
ven  und  Litthauern  eingedrungen  oder  so  uralt,  dasz  es  der  laut- 
verschiebung  entgieng.  diesen  Slaven  und  Litthauern  mangelt  das 
dem  ager  entsprechende  wort,  aber  orati  arti  besitzen  sie  und  für 
aratrum  einstimmig  die  ableitung  mit  L  oralo  ralo  arklas  =  arlas, 
welches  L  auch  in  sl.  rola  für  ager  gefunden  wird,  mola  molere 
zeigt  sich  fast  allenthalben,  granum  körn  zrno  zirnis  wieder  bei 
Römern  Deutschen  Slaven  Litthauern,  %6vöqos,  wenn  es  dasselbe, 
weicht  in  der  form  ab.  ebenso  lucus  loh  lug  laukas. 
69  Lateinisch  und   deutsch   erscheinen   arvum  arbi,   porca  furicha, 

*  lat.  verna  aus  querna  zu  deuten  würde  ich  wagen,  läge  nicht  der 
begrif  des  heimatlichen  (vernaculus)  zu  stark  darin,  der  malende  knecht 
entspräche  der  malenden  magd,  alstQiq. 

**  fiel  von  äks  cd  M  abV  vgl.  aXsvQOv  fiäXevQOv.  Buttm.  lexil.  1,  195. 
***  hier  noch  ein  beispiel  vom  sinnlichen  reichthum  einiger  sprachen, 
was  wir  stoppeln  nennen,  ahd.  stuphilün,  lat.  stipulae,  stupulae,  die  auf 
dem  acker  nach  geschnittner  frucht  stecken  bleibenden  enden  des  halms, 
unterscheidet  der  Litthauer:  jawena  ist  stoppel  von  getraide  überhaupt, 
ruggiena  vom  roggen,  kwetena  vom  waizen ,  mezena  von  gerste ,  awizena 
von  haber.  der  Lette  sagt  ruggaji,  meeschaji,  ausaji;  sirnaji  von  erbsen- 
stoppeln;  grikkaji  von  buchwaizen. 


ACKERBAU  49 

sulcus  sulh,  far  baris,_  hordeum  gersta.    darunter  stimmen  auch  zwei 
zum  gr.  xQi&tj  und  c5A|. 

Deutsch  slavisch  und  litthauisch  sind  qairnus  zerna  girna,  hvaiteis 
shito  kwetys,  wiewol  für  die  identität  von  shito  zweifei  bleiben,  es 
neigt  sich  mehr  zu  oltog,  wie  sich  vielleicht  pira  und  nvgog  fügen, 
slavisch  und  altn.  stimmen  in  jatschmen  und  seti,  wozu  sich  kelt. 
jed  ed  ioth  gesellt,  wie  bladum*  und  plod  sich  erreichen,  eigenthüm- 
lich  stände  nord.  bygg  bjugg,  doch  wie  hätte  der  allgemeine  sinn 
des  worts  ausgedehntere  Verbreitung  gehindert? 

Finnisches  peldo  ist  alts.  folda  wie  sl.  polje;  die  finn.  namen 
der  fruchte  weichen  ab,  ausgenommen  jyvä  granum  und  ruis,  das 
aber  fast  überall  hin  reicht,  in  kaura  haber  avena  treffen  seltsam 
die  begriffe  zusammen,  nicht  die  Wörter,  in  avena  und  owes  auch 
das  wort. 

Mit  dem  sanskrit  offenbart  sich  Urverwandtschaft  hier  seltner  als 
bei  der  Viehzucht  und  das  ist  natürlich,  die  ausziehenden  hirten  hat- 
ten noch  manches  gemein,  wofür  die  späteren  ackerbauer  schon  be- 
sondere Wörter  wählen  musten**;  aber  dasz  dabei  Römer  und  Grie- 
chen gewöhnlich  schon  Deutschen  und  Slaven  gleichstehn,  das  spricht 
für  sehr  frühe  mitauswanderung  der  beiden  letzten,  dennoch  bleiben 
java  jawai  ££«,  köka  höha  huoho  wichtige  ausnähme,  so  wie,  wenn 
die  wunderbare  analogie  allen  zweifei  besiegen  kann,  aritra  aratrum 
&QOTQOV,  plava  tiXoZov  plugas.  seien  die  Germanen  im  groszen  noch 
lange  hirten  gewesen,  sie  müssen  gleich  den  Skythen  von  sehr 
früher  zeit  an  das  himmlische  pfluggeräth  gekannt  haben.  Tacitus 
legt  unter  allen  deutschen  stammen  zumal  den  Aestiern  ackerbau 
bei***. 

Grundlos  erzeigt  sich  die  von  Niebuhr  1,  93  aufgestellte  behaup-70 
tung,  dasz  wörter,  welche  ackerbau  und  sanfteres  leben  betreffen,  im 
latein  und  griechischen  einstimmen,  alle  zu  krieg  und  jagd  gehören- 
den gegenstände  unter  den  Römern  mit  ungriechischen  Wörtern  be- 
zeichnet werden,  namen  der  waffen,  von  denen  ich  hier  nicht  handle, 
gewähren,  weil  ihrer  die  menschen  nie  entrathen  können,  gröszere 
manigfaltigkeit,  doch  ebenwol  einleuchtende  beispiele  der  Urgemein- 
schaft, und  für  das  wild,  von  dem  die  hirten  wie  von  ihrem  vieh 
künde  nahmen,  waltet  sie  noch  entschiedner.  auch  weichen  lateini- 
sche und  griechische  namen  des  getraides  gerade  meistens  ab,  wie 
schon  O.Müller  Etr.  1,  17  anmerkt,  anfängliche  Verwandtschaft  blickt 
in  dieser  oder  der  andern  spräche  immer  durch,  das  kann  nicht  ver- 
wundern, dasz  sie  unter  den  hirten  gröszer  war,  als  unter  den  acker- 


*  welsch  ist  blawd,bretagn.  bleüdfarina,  ir.blodh  zerriebenes,  zerstäubtes. 
**  kenner  der  persischen  spräche  mögen  über  akar  =  ager  entschei- 
den, ob  es  entlehnt  sein  könne. 

***  frumenta  ceterosque  früctus  patientius  quam  pro  solita  Germano- 
rum  inertia  laborant. 

Grimm,  geschickte  der  deutschen  spräche.  4 


50  ACKERBAU 

bauenden  und  je  weiter  die  Völker  sich  gegenseitig  entfernten  stu- 
fenweise abnahm.  Pflügen  und  malen  haben  Deutsche  und  Slaven 
weder  von  einander  noch  von  Römern  und  Griechen  erlernt,  aber 
neue  arten  des  getraides,  vollkommnere  weisen  der  ackerbestellung 
mögen  durch  mittheilung  dahin  und  dorthin,  früher  oder  später  ver- 
breitet worden  sein. 


VI. 
FESTE  UND  MONATE. 


Erst  unter  ackerbauenden  Völkern  ordnen  sich  gottesdienst  und  71 
zeitabtheilung ;  auch  die  nomaden  haben  ihre  götter  denen  sie  opfer 
darbringen,  und  die  gestirne  des  himmels  prägen  ihnen  den  Wechsel 
der  tage,  monate,  jähre  ein;  aber  von  der  besitznahme  heimatlicher 
statten  scheint  hausehre  der  frauen  und  einführung  der  meisten  göt- 
tinnen  abhängig,  auf  die  erscheinungen  des  ackerbaus  läszt  sich 
regelmäszige  Wiederkehr  der  zeiten  am  natürlichsten  anwenden,  wenn 
auch  krieger  das  andenken  ihrer  siege  feiern,  so  hat  nur  der  friede 
die  ruhe  und  stätigkeit  der  feste  geheiligt,  die  mehrzahl  aller  feste 
gehört  offenbar  den  wünschen  und  freuden  des  ackermanns. 

Unsere  vorfahren  nannten  ein  fest  uoba,  gleichsam  cultus,  von 
uoban  celebrare,  exercere,  colere*,  wie  es  scheint  auch  era  (mythol. 
s.  26.  720).  deutlichen  bezug  auf  Wiederholung  der  zeit  haben  ahd.  itmäli 
festivitas,  solemnitas,  ags.  edmsele,  vom  goth.  mel  tempus,  und  ags.  heäh- 
tid,  altn.  hätld,  mhd.  höchgezlt,  nhd.  hochzeit,  alts.  högetldi,  oder  blosz 
tidi,  wlhtidi.  sl.  god,  godina,  böhm.  hod  tempus,  annus  und  dann  72 
auch  festum,  solemnitas,  zumal  in  der  pluralform  godi  wie  tidi.  soqzt], 
jon.  oqtt],  vielleicht  verwandt  mit  isQÖg,  wie  Od.  21,  258  EOQtrj  ayvfj 
verbunden  steht,  litth.  szwent&,  lett.  swehtki  heiligertag.  Dunkler  ist 
das  lat.  festum,  das  zu  feriae  =  fesiae  gehört  wie  fasti,  nefasti  zu 
fari,  nefarius,  man  vergleicht  sl.  basn'  fabula ;  diese  fasti  waren  ge- 
richtstage,  feriae  feiertage,  an  welchen  die  arbeit  ruhte,  daher  ist 
unser  feier  und  feiern,  schon  ahd.  fira,  firön  geborgt.  Den  ältesten 
ausdruck  bewahrt  uns  blosz  die  goth.  und  ahd.  mundart,  goth.  dulj>s 
£00??;',  dulj)jan  boqxcc^uv,  ahd.  tuld  festum,  solemnitas,  neomenia, 
retuldi  exsequiae  (goth.  hraivädulpeis  ?),  tuldan  celebrare,  agere,  tuld- 
lih  solemnis,  tulditac  tulditago  dies  festus,  mhd.  dult  (für  tuld,  tult) 
Servat.   2871.    3293.    MS.    2,   74b.   die   dult  behalten  Mar.  160,  27. 


*  solemnis  nicht  zu  solere,  vielmehr,  wie  Festus  lehrt,  zum  osk.  sollo  = 
lat.solum,  gr.  olov,  welchenskr.  sarva entspricht,  lat.salvum  und  servare  nah 
verwandt  sind,  wie  unser  goth.  hails,  adh.  heil  integer  und  hailjan  servare. 

4* 


52  FESTE  JAHRSZEITEN 

begen  161,  32.  162,  13.  dultac  dies  festus.  fundgr.  1,  106.  das 
wort  hat  sich  heute  noch  unter  dem  volk  in  Baiern  und  der  Schweiz 
erhalten,  es  ist  dabei  weder  an  goth.  jmlan,  ahd.  dolen  pati,  tolerare, 
die  in  der  consonanz  abstehn,  noch  an  Verstümmlung  des  lat.  indul- 
tum,  gleichsam  concessio  principis  (cod.  theod.  III.  10,  1.  IV.  15,  1)  vel 
ecclesiae  zu  denken,  wie  schon  jener  ahd.  bezug  auf  den  neumond 
oder  die  todtenfeier  darthut.  auch  hindert  die  anwendung  auf  kirchen- 
feste nicht,  dasz  es  im  heidenthum  entsprungen  sei,  ich  weisz  aber  seine 
wurzel,  die  hoch  ins  alterthum  hinaufreichen  musz,  noch  nicht  aufzudecken. 
Im  höchsten  alterthum  scheint  das  jähr  nur  in  drei  theile  zu  zer- 
fallen, die  Inder  unterscheiden  entweder  vasanta  frühling,  grischma 
sommer,  £arad  regenzeit,  oder  nach  dem  ältesten  commentator  der 
veden :  grischma,  varscha  regenzeit,  hömanta  winter,  anderwärts  sogar 
sechs  zeiten,  aus  deren  doppelung  die  zwölf  monate  entspringen  [in 
Ispahan  nur  drei  jahrszeiten,  frühling  behär  5  Y2  nionate,  herbst  bajis 
3V2  nionate,  winter  semestün  3  monate.  Petermann  2,  227.]  die 
Griechen:  £«p  frühling,  ftsgog  sommer,  %si(icov  winter,  aber  schon 
bei  Homer  Od.  11,  192  ist  dem  ftsgog  noch  öncüQrj  angefügt,  grosze 
einstimmung  findet  statt  zwischen  hemanta  und  hima  kälte,  zend.  zima, 
sl.  zima,  litth.  ziema,  lett.  seema,  xstjua  und  %siiu6v,  ir.  gamh, 
'3geimhre,  lat.  hiems;  die  it.  inverno,  sp.  invierno,  franz.  hiver  sind 
nach  hibernus  wie  giorno,  jour  nach  diurnus  gebildet;  ein  deutsches 
wort  hätte  mit  G  anzulauten,  zu  vasanta  gehörig  scheint  sl.  wiosna 
wesna  (frühling),  litth.  wasara  sommer,  lat.  ver,  wenn  es  für  ves 
steht,  das  römische  jähr  zählt  vier  theile  ver,  aestas  (verwandt  mit 
aestus),  auctumnus,  hiems*.  sag,  den  Boeotiern  nach  Hesychius 
yiccg,  scheint  vergleichbar  dem  ir.  earrach,  sl.  iar,  gar  (frühling)  wie 
dem  goth.  jer  annus,  ahd.  jär.  Ulfilas  gibt  Marc.  13,  28  &£gog  durch 
asans,  wo  es  ihm  ernte,  &egi6(iog,  ahd.  aran  bedeutet  und  dem  lat. 
aestas  gleicht,  wir  wissen  also  nicht  gewis,  ob  er  neben  vintrus  auch 
sumrus  kannte,  was  nach  der  durchdringenden  analogie  aller  unsrer 
sprachen  zu  erwarten  stände.  Diese  beiden  vintrus  und  sumrus  schei- 
nen auf  dem  gegensatz  einer  uns  besonders  eigenthümlichen  personi- 
fication  zu  beruhen,  und  ersten  blicks  den  verwandten  sprachen  fremd, 
näher  zugesehn  bricht  aber  die  analogie,  zumal  mit  keltischer  spräche 
durch,  sumrus,  ahd.  sumar,  ags.  sumor,  altn.  sumar  ist  das  ir.  samh 
(sol  aestas)  und  samhra  (aestas)**,  welchem  geimhra  (hiems)  wie  dem 
sumrus  vintrus  gegenüber  steht,  vintrus  nemlich  musz  früher  gelautet 
haben  qintrus,  verhält  sich  also  wie  goth.  qainön  zu  ahd.  weinön, 
qiman  zu  lat.  venire,  qius  zu  vivus,  quattula,  quacara  (Pertz  2,  793) 
zu  wahtula  (coturnix)  oder  die  ahd.  Schreibung  Quiliperht  Quolfwin  für 
Wiliperht  Wolfwin ;  unsere  gleich  der  lat.  spräche  tilgt  den  kehllaut 
vor  dem  V  gern,  goth.  vaurms  lat.  vermis    entspringen  aus   qaurms 


*  finn.  talvi,  läpp,  talve  hiems,  finn.  kesä,  läpp,  kese  aestas,  wobei  mir 
pers.  chezän  herbst  einfällt. 

**  berührt  sich  finn.  suvi  (aestas)  est.  sui? 


JAHRSZEITEN  53 

quermis,  umgekehrt  behauptete  sich  im  lat.  hiems  H.  qintrus  tritt 
mit  geimhra  %üyLtt  hemanta  hiems  ziema  zima  auf  gleiche  reihe,  und 
N  mit  anschlusz  des  T  (wie  in  hund  hunt  canis)  für  M  begegnet  wie 
in  venire  und  qiman.  Unser  alter  name  des  frühlings  ahd.  lenzo,  nhd. 
lenz,  nnl.  lsnte,  ags.  lencten,  lengten  (vgl.  ahd.  langiz)  tritt  dem  sl. 
ljeto,  leto  (aestas)  nahe,  welches  in  den  begrif  von  jähr  jer  =  sag 
und  iar  rückt,  wie  auch  welsch  blwydd  frühling,  blute,  blwyddyn  74 
jähr,  bretagn.  bloaz,  bloavez,  ir.  bliadhain  jähr  ausdrücken,  goth. 
a]m,  atajmi  (annus)  gehören  zu  hog,  wie  finn.  vuosi  (annus)  zu  jenem 
sl.  wiosna  (aestas).  lauter  überraschende  und  groszentheils  unbestreit- 
bare analogien. 

Des  Tacitus  wichtige  meidung,  an  der  ich  früher  mit  unrecht  ge- 
zweifelt hatte,  enthält,  dasz  zu  seiner  zeit  die  Germanen  auch  nur  drei 
jahrszeiten  unterschieden :  hiems  et  ver  et  aestas  intellectum  ac  voca- 
bula  habent,  auctumni  perinde  nomen  ac  bona  ignorantur,  er  sagt  es, 
nachdem  er  ihnen  eben  zwar  getraidebau,  aber  noch  keine  gärten  zu- 
gesprochen hat.  obst  und  wein  reifen  beträchtlich  später  als  getraide, 
nach  deren  einführung  wird  auch  der  ahd.  name  herpist,  ags.  hearfest, 
altn.  haust  verwandt,  oder  wenn  das  wort  schon  in  anderm  sinn  gang- 
bar war,  auf  diese  zeit  bezogen  worden  sein*,  noch  heute  pflegt  man 
herbst  ausschlieszlich  von  obst  und  Weinernte,  nicht  von  getraide  zu 
gebrauchen,  der  deutsche  feldbau  lag  also  im  ersten  jh.  unsrer  Zeit- 
rechnung noch  danieder  und  beschränkte  sich  auf  die  cerealien**. 

Bei  eintheilung  des  jahrs  gieng  das  alterthum  am  natürlichsten 
von  den  Sonnenwenden  aus,  d.  h.  dem  höchsten  oder  tiefsten  stand, 
den  die  sonne  jedes  jähr,  indem  sie  sich  niederwärts  oder  aufwärts 
wendet,  einnahm,  so  zerfällt  das  jähr  in  zwei  gleiche  hälften,  som- 
mer  und  winter,  die  mit  Johannistag  und  Weihnachten  anheben,  beide 
hälften  nochmals  zerlegt  ergeben  sich  vier  haupttheile,  welche  gedrit- 
theilt zusammen  zwölf  nicht  völlig  gleiche  Zeiträume  bilden  und  das 
ganze  jähr  abschlieszen.  die  beobachtung  der  wiederkehrenden  mond- 
wechsel  liesz  dagegen  die  tage  des  jahrs  in  dreizehn  zeiten  abson-  75 
dem,  welche  den  unmittelbar  vom  monde  selbst  geleiteten  namen 
der  monate  führten,  der  auf  jene  zwölf  zeiten  des  sonnenjahrs  nicht 
gerecht  war.  hieraus  entsprang  ein  widerstreit  zwischen  zwölf  Perio- 
den der  sonne  und  dreizehn  des  monds,  wobei  allmählich  die  sonne 
siegte,  der  mond  aber  den  von  ihm  gegebnen  namen  durchsetzte. 

Ueber  das  indische  jähr  sind  zwölf  lebendig  gedachte  Aditjas, 
söhne  des  Aditi  und  der  Kasjapa,  eingesetzt***,  welche  unter  besondern 


*  ich  habe  zu  herpist  xccqtioq  und  xagni^a)  gehalten;  könnte  in  haust  RF 
syncopiert,  das  V  aus  F  entsprungen  sein?  das  anlautende  H  in  haust,  höst 
scheint  gegen  die  herleitung  aus  ougest,augustus.  irisch  heiszt  der  herbst  fomhar. 

**  goth.  asans  ahd.  aran  meint  getraideernte,  messis,  nicht  vindemia, 
ich  denke  auch  alts.  beo  bewod,  nnl.  bouwt,  erst  Kilian  hat  winbouwt. 

***  auch  in  einem  märchen  des  pentamerone  5,  2  treten  die  zwölf  monate 
als  briider  leiblich  auf,  und  einzelne  monate  heiszen  noch  heutiges  tags 
unter  dem  volk  brüder  oder  mann  und  frau. 


54  MONATE 

namen  aufgeführt  die  einzelnen  mondhäuser  beherschen;  auf  diese 
weise  sollte  sonnenzeit  sich  mit  der  des  mondes  einigen,  die  namen 
der  monate  werden  aber  nicht  von  diesen  Aditjas,  sondern  von  den 
Sternbildern,  in  welche  der  vollmond  eintritt,  entnommen,  und  ich 
enthalte  mich  sie  her  zuschreiben,  da  ohnehin  grosze  ab  weichung  statt- 
findet; am  schlusz  des  capitels  sollen  die  volksmäszigen,  aus  einer 
Zerlegung  des  jahrs  in  sechs  theile  hervorgehenden  monatsnamen  der 
Inder  mitgetheilt  werden,  von  den  übrigen  pflegt  ein  einziger  monat 
kaumudl  nach  kumuda  lotus  zu  heiszen,  gleichsam  lotusmonat;  alle 
monate  beginnen  etwa  nach  der  mitte  der  unsrigen. 

Unter  den  griechischen  stammen  hub  das  jähr  verschiedentlich 
entweder  mit  Sommersonnenwende,  Wintersonnenwende  oder  herbst- 
nachtgleiche  an,  abwechselnd  begannen  die  monate  zwischen  dem  21 
und  24  tag  der  unsrigen.  alle  monatsnamen  lauteten  einfach,  die 
jonischen  auf  -iojv,  die  übrigen  auf  -log,  ihre  manigfaltigkeit,  wie 
neuere  Untersuchungen  dargethan  haben,  musz  auf  Volksfeste  zurück- 
geführt werden;  ist  ein  göttername  darin  enthalten,  so  handelt  es 
sich  um  ein  fest  zu  seiner  ehre,  und  niemals  scheint  der  name  blosze 
naturschilderung  zu  gewähren;  er  sollte  dem  volk  die  Wiederkehr 
des  heiligen  festes  einprägen*,  ich  theile  hier  nur  die  monate  des 
attischen  jahrs  mit,  welche  vom  sommer  anhebend  ungefähr  den  bei- 
gefügten unsrigen  entsprechen: 
76  7  rEKCCTO[ißaiwv  vom  rinderopfer, 

8  MttayeLTVLcop,  für  'AtcoMcdv  nsTccyshviog, 

9  Borjdgofitav  von  der  ßorjögoftta  zu  Theseus  ehre, 

10  TLvavvbmv  (Kvaveipicov)  vom  bohnenfest  für  Apollon, 

11  Mai{icc7CTr]QLtüV  für  Zevg  {icciuccHzrjg,  wüter, 

12  noösideriv, 

1  rafujXiciv  von  der  yaprjMa  zu  Heras  ehre, 

2  'JvdsötrjQicjv  von  dem  blumenfest, 

3  'EkacprjßoXicov  von  der  hirschjagd,  für  Artemis, 

4  Movvvyiihv  für  "AgtE/xtg  novvv%icc, 

5  ®aQyi}U(6v  von  den  Thargelien  für  Apollon, 

6  2?xiQoq)OQic6v  vom  schirmfest  für  Athene. 

einige  dieser  namen  mögen  älter  sein,  als  die  Zerlegung  des  jahrs  in 
zwölf  monate  war,  alle  weisen  auf  einfache  feste  zu  ehren  olympischer 
götter,  vorzugsweise  des  Apollon  und  der  Artemis,  der  zwillingsge- 
schwister,  von  welchen  die  gaben  des  ackers  und  des  waldes  abhien- 
gen ;  auch-  bei  der  Artemis  feier  mangelte  nicht  die  waizenähre  (Herod. 
4,  33).  dem  'Anoklav  IloQvojttog  galt  bei  asianischen  Aeolern  auch 
ein  IIoQVOTtuav,  und  'Ela<pr]ßofac6v  hiesz  anderwärts  geradezu  'Aqte- 
fiiöLcov.  Aber  wie  die  feste  selbst  verschoben  sich  die  namen  der 
monate,  die  Boeotier  legten  ihren  Bovxdnog  auf  die  Wintersonnen- 
wende,  während    zu  Athen   die   ßovcpovia   der    Sommersonnenwende 


*  K.  Fr.  Hermann   über   griechische   monatskunde.    Göttingen  1844. 
Theodor  Bergks  beitrage  zur  griechischen  monatskunde.     Gieszen  1845. 


MONATE  55 

zufielen*,  woher  der  name  'Excao^ßaicov.     rfornog  in  Amphissa  be- 
zog sich  auf  die  Schafschur  (rco'xog). 

Wenn  etwas  den  abstand  römischer  sitte  und  spräche  von  der 
griechischen  lehrt,  so  ist  es  die  beinahe  gänzliche  Verschiedenheit  der 
lateinischen  monatsnamen.  Ihr  jähr  vom  merz  (ungefähr  der  frühlings- 
nachtgleiche,  wie  niemals  in  Griechenland)  beginnend,  nannten  sie  die 
vier  ersten  und  beiden  letzten  monate  von  göttern,  nach  Mars  Maja 
Juno  Janus  Februus  (oder  Februa)  den  Martius**  Majus  Junius***  77 
Januarius  Februarius ;  Aprilis  zog  man  fehlerhaft  auf  die  griechische 
Aphrodite  und  schon  Varro  6,  33  will  ihn  lieber  deuten  quod  ver 
omnia  apperit,  gleichsam  aperilis,  wie  den  Neugriechen  der  frühling 
avot^cg  eröfnung  heiszt;  es  könnte  einen  verschollnen  helden  oder  gött- 
lichen beinamen  Aper  oder  Aprus  gegeben  haben,  in  Januarius  Fe- 
bruarius weist  die  abweichende  bildung-arius  ungleichzeitigen  Ursprung, 
vom  fünften  bis  zehnten  monat  wurde  blosz  gezählt:  quinctilisf  sex- 
tilis  September  october  november  december,  und  auch  unter  ihnen 
steht  das  -ber  der  vier  letzten  ab  von  dem  -ilis  der  beiden  voraus- 
gehenden, welches  vielmehr  zu  aprilis  stimmt,  dazu  tritt  nun,  dasz 
auch  quinctilis  und  sextilis  aussterben  und  Julius,  Augustus  benannt 
werden,  angeblich  nach  Julius  Caesar  und  Octavius  Augustus,  welche 
beide  die  Zeitrechnung  berichtigen  und  als  vergötterte  fürsten  dem 
monat  ihren  namen  verleihen  durften.  Suetonius  sagt  es  ausdrücklichff, 
ein  späteres  zeugnis  legt  Macrobius  (Saturn.  1,12)  ab.  Sueton  lebte 
schon  150  jähre  nach  Caesar,  100  nach  August,  und  mir  kommen 
zweifei  ein,  ob  er  und  die  zu  seiner  zeit  verbreitete  ansieht  nicht  irre, 
in  Julius  und  Augustus  nicht  alte  volksthümliche  namen,  die  längst  vor 
Caesar  und  Octavius  bestanden,  erneuert  seien?  Es  fällt  schon  auf, 
dasz  gleichzeitige  Schriftsteller  unter  Caesar  und  August  jener  namen- 
gebung  geschweigen,  und  sollten  Tiberius,  Caligula,  Claudius,  Nero 
dem  einmal  gegebenen  beispiel  folgend  nicht  nach  gleicher  ehre  gestrebt 
und  mindestens  versucht  haben,  ihre  namen  den  übrigen  zahlmonaten 
aufzudrängen?  in  Kleinasien,  namentlich  zu  Aphrodisias  gelangte  unter 
römischer  herschaft  die  Schmeichelei  allerdings  dahin,  nach  den  mona-  78 
ten  KaiöccQiog,  'IovUrjog,  Ueßaötog  auch  einen  TißsQLog  und  Tqcücc- 
vög  in  den  calender,  allein  für  ganz  andere  monate  aufzunehmen,  als 
die  ihnen  zu  Rom  gebührt  hätten,  sollte  aber  ein  gr.  'Iovfaog  so 
hoch  hinaufsteigen,  dasz  er  jenen  alten  Julius  vor  Caesar  beweisen 
könnte?  bedeutsam  fällt  der  cyprische "IovXog  in  die  zeit  vom  22  dec. 

*  Böckh  C.  I.  I,  733». 

**  wie  der  gr.  vÄQeioq  oder  "Aqeoq  nach  Ares. 

***  ob  Junius  aus  Junonius  gedeutet  werden  darf?  ich  will  darauf  zu- 
rückkommen. 

t  vgl.  Procop  de  hello  goth.  1,  24. 

tt  im  Caesar  76:  decerni  sibi  passus  est  ...  .  appellationem  mensis  e 
suo  nomine,  und  im  Octavius  31 :  in  cujus  (anni)  ordinatione  sextilem  men- 
sem  e  suo  cognomine  nuneupavit,  magis  quam  septembrem,  quo  erat 
natus.  sagenhaft  verschieden  Festus :  Julium,  quod  eo  mense  dicitur  Julius 
natus.     Caesar  hiesz  Julius  dem  verbreiteten  julischen  geschlecht  nach. 


56  MONATE 

bis  23  jan.*,  er  könnte  den  Römern  nach  Julus  dem  groszen  heros 
heiszen,  von  dem  das  ganze  priesterliche  geschlecht  bis  auf  den  dic- 
tator  selbst  stammte,  der  name  Augustus,  passend  von  augere,  wie 
auctumnus  abgeleitet**,  dem  litth.  auksztas,  goth.  auhuma  entspre- 
chend, wird  als  kaisertitel  durch  gr.  özßaötog  wiedergegeben,  zu 
diesen  gründen  soll  hernach  noch  ein  andrer  für  uns  bedeutsamer 
treten.  Sehr  wahrscheinlich  besaszen  ursprünglich  auch  September 
october  november  december  andere  namen  als  die  zählenden,  und 
man  dürfte  überhaupt  schlieszen,  dasz  zahlen  angewandt  wurden  um 
einer  Jüngern  vom  merz  anhebenden  Jahrsrechnung  Sicherheit  zu  ver- 
leihen, während  die  ältere,  zuletzt  wieder  siegende  den  Januar  an  die 
spitze  der  Wintersonnenwende  stellte,  was  schon  aus  der  benennung 
selbst  hervorgeht,  da  Janus  den  reigen  der  uralten  götter  anführt 
und  auf  der  schwelle  (janua)  des  jahrs  steht. 

Für  unsere  deutschen  monatsnamen  ist  der  abgang  eines  gothi- 
schen  calenders  unersetzlicher  Verlust,  wie  schon  der  eine  glücklich 
gerettete  jiuleis  (november  oder  december)  lehrt,  und  dazu  ffruma 
jiuleis'  darbietet,  d,em  wir  alsogleich  in  ags.  'forma  geola'  begegnen; 
welche  bedeutsame  einstimmung. 

Höchst  wichtig  wird  uns  die  von  Beda  (f  738)  in  der  schrift  de 
temporum  ratione  cap.  13  gegebene  nachricht,  welche  ich  hier,  mit 
benutzung  mehrerer  texte,  einschalte. 

De  mensibus  Anglorum.  antiqui  autem  Anglorum  populi  (neque 
enim  mihi  congruum  videtur  aliarum  gentium  annalem  observantiam  di- 
79  cere,  et  meae  reticere)  juxta  cursum  lunae  suos  menses  computavere, 
unde  et  a  luna,  Hebraeorum  et  Graecorum  more,  nomen  accipiunt. 
siquidem  apud  eos  luna  mona,  mensis  appellatur  monath,  primusque 
eorum  mensis,  quem  Latini  Januarium  vocant,  dicitur  Giuli,  deinde 
Februarius  Solmonath,  Martius  Hredmonath,  Aprilis  Eosturmonath,  Ma- 
jus  Thrimilci,  Junius  Lida,  Julius  similiter  Lida,  Augustus  Veodmonath, 
September  Halegmonath,  October  Vintirfyllith,  November  Blotmonath, 
December  Giuli  eodem  quo  Januarius  nomine  vocatur.  Incipiebant 
autem  annum  ab  octavo  calendarum  Januariarum  die,  ubi  nunc  natale 
domini  celebramus,  et  ipsam  noctem  nunc  nobis  sacrosanctam  tunc  gen- 
tili  vocabulo  Modraneht,  id  est  matrum  noctem***,  ob  causam  ut  su- 
spicamur,  ceremoniarum,  quas  in  ea  pervigiles  agebant*.  Et  quoties- 
cunque  communis  esset  annus,  ternos  menses  solares  singulis  anni  tem- 
poribus  dabant,  cum  vero  embolismus,  hoc  est  XIII  mensium  lunarium 
annus  occurreret,  superfluum  mensem  aestati  apponebant,  ita  ut  tunc 
tres  menses  simul  Lida  nomine  vocarentur,  et  ob  id  annus  thrilidus 
cognominabatur  habens  quatuor  menses  aestatis,    ternos,   ut  semper, 


*  K.  Fr.  Hermann  a.  a.  o.  s.  64. 

**  die  deutungen  bei  Sueton  Oct.  8  und  Festus  cab  avium  gestu  gustuve' 
taugen  nichts;  also  'ab  auctu',  was  jener  billig  voranstellt. 

***  mir  fallen  dabei  Heimdalls  neun  mütter  ein  (Ssem.  118a.  b.  Sn.  106 
Laxd.  392),  also  das  fest  seiner  wunderbaren  geburt. 


MONATE  57 

temporum  caeterorum.  Iterum  principaliter  annum  totum  in  duo  tem- 
pora,  hiemis  videlicet  et  aestatis  dispertiebant,  sex  illos  menses,  qui- 
bus  longiores  noetibus  dies  sunt,  aestati  tribuendo,  sex  reliquos  hiemi. 
unde  et  mensem,  quo  hiemalia  tempora  incipiebant,  Vintirfyllith  ap- 
pellabant,  composito  nomine  ab  hieme  et  plenilunio,  quia  videlicet  a 
pleniiunio  ejusdem  mensis  hiems  sortiretur  initium.  Nee  abs  re  est, 
si  et  caetera  mensium  eorum  nomina  quid  significent  interpretari 
curemus.  menses  Giuli  a  conversione  solis  in  auetum  diei,  quia  unus 
eorum  praecedit,  alius  subsequitur,  nomina  aeeipiunt.  Solmonath  dici 
potest  mensis  placentarum,  quas  in  eo  diis  suis  offerebant,  Hredmo- 
nath  a  dea  illorum  Hreda,  cui  in  illo  sacrificabant,  nominatur.  Eostur- 
monath,  qui  nunc  pascalis  mensis  interpretatur,  quondam  a  dea  illo- 
rum, quae  Eostre  vocabatur,  et  cui  in  illo  festa  celebrabant,  nomen80 
habuit,  a  cujus  nomine  nunc  pascbale  tempus  cognominant,  consueto 
antiquae  observationis  vocabulo  gaudia  novae  solemnitatis  vocantes. 
Thrimilci  dicebatur,  quod  tribus  vieibus  in  eo  per  diem  pecora  mul- 
gebantur*.  talis  enim  erat  quondam  ubertas  Britanniae  vel  Germa- 
niae,  e  qua  in  Britanniam  natio  intravit  Anglorum.  Lida  dicitur  blan- 
dus  sive  navigabilis  eo,  quod  in  utroque  illo  mense  et  blanda  sit 
serenitas  aurarum  et  navigari  soleant  aequora**.  Veodmonath  mensis 
zizaniorum,  quod  ea  tempestate  maxime  abundent.  Halegmonath  men- 
sis sacrorum.  Vintirfyllith  potest  dici  composito  novo  nomine  hiemi- 
plenium.  Blotmonatli  mensis  immolationum,  quod  in  eo  pecora,  quae 
occisuri  erant,  diis  suis  voverent.  gratia  tibi,  bone  Jesu,  qui  nos 
ab  his  vanis  avertens  tibi  sacrificia  laudis  offerre  donasti. 

Unter  diesen  ags.  namen  beziehen  sich  Solmonath  Hredmonath 
Eosturmonath  Halegmonath  Blotmonath  ausdrücklich  auf  heidnische 
feste,  zwei  derselben  sogar  auf  die  göttinnen,  welchen  opfer  darge- 
bracht wurde;  wogegen  bei  Giuli  Lida  Thrimilci  Veodmonath  Beda 
blosz  an  eigenschaften  denkt,  die  der  jahrszeit  in  ihnen  zustehn,  Vinter- 
fyllith  (vgl.  goth.  fullips  myth.  s.  672)  blosz  winterseintritt  ausdrückt. 
Unzusammengesetzt  erscheinen  nur  Giuli  Lida  Thrimilci,  und  sicher 
sind  sie  schon  darum  uralt,  Vinterfyllith  ist  zusammengesetzt  und  alle 
übrigen  schleppen  sich  mit  angehängtem  monath.  Giuli  entspricht 
genau  dem  goth.  Jiuleis,  spätere  ags.  denkmäler  ziehen  die  schwache 
formGeola  vor  und  unterscheiden  die  beiden  monate  dieses  namens  und 
die  beiden  Lida  durch  vorgesetzte  adjeetiva:  se  forma  Geola,  se  äftera 
Geola,  se  aerra,  äftera,  und  wenn  einschaltung  statt  findet  pridda  Lida. 
Thrilidi  fürs  Schaltjahr  gleicht  dem  Thrimilci.  Allmählich  aber  81 
scheinen  einzelne  namen  zu  veralten  oder  werden  absichtlich  durch 
neue  vertreten:  Hredmönad  durch  Hlydmönad,  Thrimilci  schon  durch 
das  lat.  Majus,  serra  Lida  durch  Searmönad,  Seremönad  (mensis  aridus), 


*  wie  auf  dem  tqItioXoq  dreimal  im  somm er  gepflügt  und  geerntet  wurde. 
**  Beda  hat  im  sinn  ags.  liefe,  engl,  lithe  blandus,  mitis,  ahd.  lindi  und 
lidan  navigare,  transfretare ,  alfcn.  lida,  die  windstille  auf  dem  meer  legte 
man  erscheinungen  der  götter  bei. 


58  MONATE 

i 

äftera  Lida  durch  Medemönad,  Hälegmönad  durch  Hearfestmönad. 
auszerdem  mag,  seit  uralter  zeit,  der  sechste  monat  midsumor,  der  zwölfte 
mitvinter  heiszen.     Ich  will  sie  alle  zur  Übersicht  aufstellen*. 

1  äftera  Geola 

2  Solmönad 

3  Hredmönad.    Hlydmönad 

4  Eosturmönad 

5  Thrimilci  Majus 

6  serra  Lida.         Searmönad.         midsumor 

7  äftera  Lida.     Medemönad 

8  Veodmonad 

9  Hälegmönad.     Hearfestmönad 

10  Vinterfylled 

11  Blötmönad 

12  forma  Geola.  midvinter. 

Finden  im  jähr  dreizehn  monate  statt,  d.  h.  ist  der  achte  se  J>ridda 
Lida,  so  musz  nun  Veodmonad  die  neunte,  Hälegmönad  die  zehnte 
stelle  einnehmen  und  schon  aus  diesem  Verhältnis  begreifen  sich  Ver- 
schiebungen der  namen.  Ohne  zweifei  gab  es  auszer  den  bisher  an- 
geführten namen  bei  einzelnen  stammen  noch  besondere,  Vihtraedes 
dömas,  deren  bekanntmachung  im  j.  696  erfolgte,  geben  zu  eingang 
an  rsextan  däge  Rugernes',  so  dasz  Rugern  roggenernte  auszudrücken 
scheint,  von  rüg  ryge  secale  und  ern  messis,  und  entweder  august 
oder  September  bezeichnete,  auch  hier  zeigt  die  abwesenheit  von 
mönad  einen  uralten  namen  an**. 
82  Unsere  ahd.  monatsnamen  überliefert  Eginharts  bekannte  stelle. 

Karl  der  grosze,  der  nicht  gleich  Caesar  und  August  an  der  Zeitrech- 
nung regeln  konnte,  suchte  mindestens  die  unter  seinen  Völkern  viel- 
fach schwankende  benennung  zu  berichtigen:  mensibus  enim  juxta 
propriam  linguam  vocabula  imposuit,  cum  ante  id  temporis  apud 
Francos  partim  latinis  partim  barbaris  nominibus  pronunciarentur.  die 
kirche  und  der  verkehr  mit  Romanen  hatte  längst  römische  namen 
eingeschwärzt,  neben  welchen  also  noch  einheimische  heidnische  galten, 
wahrscheinlich  gefügere,  als  die  Umschreibungen,  welche  Karl  an 
deren  stelle  vorschlug  oder,  wenn  sie  schon  früher  im  gebrauch  waren, 
beibehielt;  seinen  eigennamen  mit  in  die  reihe  zu  setzen  (worauf  ihn 
Sueton  hätte  führen  können)  darauf  verfiel  weder  des  königs  einfacher 
sinn,  noch  späterhin  seines  volks.    die  namen  lauten  wie  folgt: 

1  Januarius  Wintarmänöth 

2  Februarius  Hornung 

*  in  dem  offenbar  aus  Beda  flieszenden  Verzeichnis  des  chron.  Ber- 
noldi  (Pertz  7,  395)  ist  vimirfrillith  verlesen  aus  vintirfyllith. 

**  längst  herschen  in  England  die  römischen  namen,  doch  allgemein 
haftet  bis  auf  heute  yule  zur  bezeichnung  des  weihnachtsfestes  und  die 
gemeine  Volkssprache  wird  sich  auch  noch  andere  namen  nicht  haben  neh- 
men lassen,  so  findet  sich  barleymonth  für  September  (=  nnl.  evenmaand), 
Verstegau  nennt  barnmonad,  was  dasselbe  sein  wird.  Brocketts  glossary 
of  northcountry  works  hat  s.  89  hagmena  für  december. 


MONATE  59 

3  Martins  Lenzinmänöth 

4  Aprilis  Ostarmänöth 

5  Majus  Winnemänöth 

6  Junius  Brächmänöth 

7  Julius  Hewimänöth 

8  Augustus  Aranmänöth 

9  September  Widemänöth 

10  October  Windumemänöth 

11  November  Herbistmänöth 

12  December  Heilagmänöth.  * 

unter  ihnen  scheint  bloszHornung  ganz  echt  und  alt,  östarmänöt  würde 
kaum  geblieben  sein,  hätte  die  kirche  nicht  lange  schon  den  heid- 83 
nischen  namen  für  das  christliche  fest  geduldet;  im  zehnten  monat 
steckt  dennoch  das  lat.  vindemia,  wofür  die  ahd.  spräche  auch  sonst 
wintemöd  und  im  verbum  windemön  =  vindemiare  verwandte,  winne- 
mänöt  scheint  weidemonat,  von  winni  vinna  pastus,  das  auch  wunna 
lautete,  goth.  vinja,  mit  dem  nebensinn  der  wonne  und  freude  (vgl. 
s.  17.  29),  wie  unsern  minnesängern  der  mai  überall  den  frohen  ein- 
tritt des  sommers,  die  sommerwonne  andeutet,  zweifelhaft  sein  kann 
der  neunte  monat,  den  Angelsachsen  hiesz  der  achte  oder  neunte  veod- 
mönad,  den  Beda  aus  veod  zizania  erklärt,  alts.  wiod,  mnl.  wede, 
nnl.  wiede,  sonst  wildhaber,  ags.  vilde  äte,  ein  um  diese  zeit  auf 
dem  acker  schieszendes  oder  getilgtes  unkraut;  fränkisch  sollte  wiod- 
mänöth  geschrieben  stehn,  weder  withu  noch  witu  taugen.  Sicht- 
bar werden  durch  Karls  namen,  abgesehn  von  ihrem  geschlepp,  die 
vier  jahrszeiten  schlecht  geschieden,  da  zwischen  herbist  wintar  und 
lenzo  jedesmal  nur  ein  monat  gerückt,  sommers  anfang  gar  nicht  aus- 
gedrückt ist.  Die  älteren  vor  Karls  zeit  geschriebnen  glossen  überliefern 
keine  monatsnamen;  reganmänöt  (Graff  2,  795)  scheint  nur  Verdeut- 
schung des  lat.  mensis  defluus,  obwol  einzelne  hss.  Eginharts  ihn  auch 
für  november  verwenden,  dasz  andere  formen  wie  brächöt,  houwöt 
wenigstens  in  Baiern  und  Schwaben  längst  üblich  waren,  lehrt  mit 
Sicherheit  deren  späterhin  anhaltende  dauer.  Zu  den  ags.  monaten 
stimmen  allein  Östarmänöt  Widemänöt  Herbistmänöt  Heilagmänöt, 
beide  letztere  an  anderer  stelle  und  auf  zwei  verschiedene  monate 
erstreckt,  da  die  ags.  namen  demselben  zukamen.  Hornung  bedeutet 
spurius  filius,  adulterinus,  illegitimus  und  musz  aus  irgend  einer  sym- 
bolischen anwendung  des  worts  hörn  auf  diesen  begrif  flieszen,  also 
cornutus  aussagen,  ich  würde  ans  himmelszeichen  des  widders  (altn. 
hyrningr)  denken,  in  das  aber  die  sonne  erst  am  20  merz  tritt. 

Wann  zuerst  die  fremden  römischen  namen  überhand  nahmen, 
läszt  sich  nicht  bestimmen,  es  musz  sehr  frühe  geschehn  sein,  da 
bereits  Eginhart  sie  voraussetzt,     keronische   glossen  des   achten  jh. 


*  etwas  strenger  hochdeutsche  formen  dieser  namen  in  den  Schlett- 
städter  glossen  bei  Haupt  5,  327,  namentlich  winnimänöth,  hovimänöth. 
aranomänöth,  witemänöth,  windemänöth,  heribistmänöth. 


60  MONATE 

84  gewähren  marceo  für  martius,  jüngere  des  eilften  merze  meje  aberelle 
was  auf  ein  früheres  aprilio,  aprileo  majo  schlieszen  läszt:  immer 
schwacher  form,  aus  LI  entsprang  LL  in  abrelle. 

Bei  den  mhd.  dichtem  finde  ich  fünf  monate  ziemlich  oft  ge- 
nannt, die  sieben  übrigen  fast  gar  nicht,  jene  sind  hornunc  Walth. 
28,  32.  hornunges  wetter.  Helmbr.  1200;  merze  Walth.  46,  30; 
aberelle  MS.  1,  20a.  2,  31b  94b  183a.  Lanz.  8787.  abrille  Parz.  96. 
12;  meige  meie  allenthalben  (eine  Cass.  hs.  von  1445  gibt  dem  juni 
merkwürdig:  ander  meige);  ougeste  MS.  2,  176a  vgl.  ougestheiz  Parz. 
3,  9.   ouwest  Iw.  3058  (BDb  ougest)  owest  Livl.  ehr.  9672. 

Januar  februar  juni  juli  September  october*  november  december 
sind  aber  in  den  gedichten  unerhört,  in  prosa  stehn  folgende  namen. 
für  jan.  in  glossen,  die  beinahe  mhd.  sind  (Graff  2,  795),  järmänet, 
in  einer  urk.  von  1313  (schweiz.  gesch.  forsch.  1,  71)  barmanoth, 
was  vielleicht  bermänot  mensis  apri?  Herrn,  von  Fritzlar  zweimal  (bei 
Pfeiffer  1,  73.  91)  volborne  volborn  oder  volbor,  nämlich  hartmänd 
91,  1  musz  ihm  dec.  sein,  so  dasz  hartmänd  volborne  hornunc  merze 
auf  einander  folgen;  volrot  in  Mones  anz.  6,  436,  vollrat  bei  Oberlin 
1686  ist  jedoch  december.  eine  hs.  aus  dem  anfang  des  15.  jh.  hat 
hardemaint  für  jan.,  spurkel  für  februar**,  eine  oberhess.  urk.  von 
1315  spurkel  für  febr.  Retmänet  für  febr.  oder  merz  (mythol.  s.  267) 
klingt  bedeutsam  an  den  ags.  Hredmönad.  juni  juli  heiszen  brächhoz 
(urk.  von  1291.  Schmid  schw.  wb.  89)  brächot  (Zell weger  n°  76. 
82,  107a.  1341.  1344.  1373)  brächet  (Anshelm  l,  166.  394)  bro- 
chat  (Justinger  58.  133)  hoewat  (Augsb.  urk.  a.  1330  MB  33a,  545) 

85houwots  (urk.  von  1240.  Böhmers  reg.  n°  3801)***  howaez  (altd. 
bl.  2,  197)  hüwet  (Anshelm  1,  78)  heuet,  heiget  (Schm.  2,  133); 
aber  auch  die  Zusammensetzungen  brächmät  (Diut.  1,  399)  hoimanod 
(urk.  von  1404.  1405  bei  Zellweger  n°  164.  165).  ougest  =  august 
wird  zwar  von  herbest  =  sept.  gesondert  (Livl.  ehr.  9673),  oft  aber 
begreift  derselbe  name  beide:  in  den  tzweyen  augsten  (Muglen  bei 
Kovachich  s.  4),  der  ander  ougst  (Mones  anz.  8,  496)  =  sept.,  der 
erste  herbstmonat  (Zellweger  nü  191  a.  1407)  =  septb. ;  unter  erstem 
anderm  drittem  herbstmand  ist  sept.  oct.  nov.  gemeint,  was  Karls 
herbistmänöth  einholt.  Fulmänt  (Diut.  1,409.432)  folmant  (n.  lit.  anz. 


*  october  in  Hahns  Tit.  3277  (auch  im  alten  druck)  vgl.  altfranz.  wi- 
tembre  (a.  1283.  Heelu  cod.  dipl.  s.  425)  und  serb.  oktomber. 

**  Henneberg,  archiv  1,  76,  woraus  ich  das  ganze  Verzeichnis  hersetze: 
1  hardemaint,  2  spurkel,  3  merze,  4  aprille,  5  mey,  6  bramaint,  7  heumaint, 
8  aust,  9  evenmaint,  10  herfst,  11  alrehilgenmaint,  12  sant  Andreismaint.  das 
alles   scheint  niederrheinisch,     [thüringsche   namen  nach  Berits  Ludwig: 

I  volborn  32,  20  vgl.  p.  118,  2  hornung  29,  9,  3  .  .  .  ,  4  epprille  15,  11,  5  .  .  .  , 
6  brachmand  43,  9,  7  heumand  24,  15.  35,  8,  8  der  ouweste  32,  8.  86,  19,  9  die 
ouwestin  40,  4.  61,  5,  herbistouwistinne  und  ouwisherbistinne  66,  28  (auch 
bei  Hermann  von  Fritslar  9  owestin),   10  .  .  .   (herbestm.  Herrn,  v.  Fritsl.), 

II  (oder  12?)  wintermand  (11  bei  Hermann),  12  ...  ,  lestemand  Hermann.] 
***  aus  dem  dat.  hovwotse  macht  Hagens  vorr.  zu  den  Nib.  (1816)   s. 

VIII  einen  ort  [auch  MB.  32a,  207]. 


MONATE  61 

1807  s.  363)  fülmont  (Mones  anz.  6,  436)  bedeuten  sept.,  sonst  fol- 
monat  auch  october.  november  heiszt  wolfmon  (Mone  8,  249),  win- 
termont  (im  namenbüchlein  a.  1435  und  Mone  6,  436),  louprise*, 
lawbreisz  (cod.  cass.  von  1445).  december  hertimänot  (Graff  2,  797) 
bartmon  (cod.  cass.  a.  1445)  bartmonet  (im  namenb.),  anderwärts 
vollrät,  slacbtmonet,  wintermonet,  Christmonet.    Übersicht: 

1  barmänet.  volborn.  hartmäne 

2  hornunc.  spurkel 

3  merze.  Retmänet 

4  abereile 

5  meige 

6  brächot.  brächoz.  brächmänet.  ander  meige 

7  houwot.  houwots.  höumänet 

8  ougest.  ouwest.  aust 

9  ander  ougest.  herbest.  Fulmänt 

10  ander  herbest.  winmänt 

11  dritte  herbest.  wolfmänet.  erste  wintermänet.  louprise 

12  ander  wintermänet.  volrät.  hartmänet. 

der  alte  hornunc,  den  schon  Karl  duldete,  dauert  fest,  entschieden 86 
eingedrungen  sind  merze  abereile  meije.  bemerkenswerth  die  analogie 
von  brächot  und  houwot**;  unter  den  abweichenden  namen  fällt  zu- 
mal volbor  oder  volborn  auf:  ist  es  ein  ahd.  folporo  oder  folporan 
legitime  natus?  oder  der  ahd.  folprunno  plenus  fons,  noch  nhd.  Voll- 
born, Fülleborn  eigenname,  gleichsam  implens  fontem?  dabei  musz 
aber  auch  volrät  plena  copia  für  dec.  und  selbst  folmänet  für  sept. 
(vgl.  mythol.  s.  749)  erwogen  werden,  der  als  erntemonat  triftig  ein 
monat  der  göttin  Fulla,  Folla  =  Abundia  (mythol.  s.  265.  285)  hiesze 
(vgl.  den  irischen  mi  lananas). 

Auch  in  nhd.  Schriftsprache  haben  die  römischen  namen  durch- 
gängig gesiegt,  merz  april  mai  aber  starke  form  empfangen,  nur  wird 
von  einigen  noch  aprill,    wie    es  aus   der  schwachen  entsprang,    ge- 

*  in  Schweiz.  Urkunden  oft  louprisi,  loubriesi,  laubriesete  =  laubfall 
und  allgemein  für  Jahresumlauf:  dri  louprisinen,  nun  louprisinen  (weisth. 
1, 11)  meinen:  wann  das  laub  dreimal,  neunmal  gefallen  ist,  vgl.Stald.2, 159. 
**  sie  scheint  eingewirkt  zu  haben  auf  romanische  namen  derselben 
monate  in  angrenzender  gegend.  ein  calandrier  du  13esiecle,  denRoqueforts 
suppl,  195  mittheilt,  hat  für  alle  monate  die  üblichen^ lat.  namen,  auszer 
für  6  ghieskerec,  für  7  fenerec,  jenes  von  ghieskere  gaskiere  =  bräche  (oben 
s.  62),  dieses  von  foin,  foenum,  beide  Wörter  drücken  demnach  genau  aus 
brächot,  houwot.  nicht  anders  heiszen  in  Graubünden  beide  monate  zarcla- 
dur  und  fenadur  (Coaradi  s.  88).  beide  zusammen  auch  altfranz.  resaille 
mois  (Roquefort  2,  470),  ich  weisz  nicht  ob  vom  mlat.  resallire,  das  vom 
lat.  resilire  verschieden  scheint.  Aber  Metzer  Urkunden  von  1312  und  1357 
nennen  den  juni  somertras,  sonmartras,  in  einer  bei  Butkens  1,  229  meint 
mois  de  seval  den  juli,  was  alles  Roquefort  s.  v.  savart,  sayarz,  sommart 
durch  terre  en  friche  erklärt;  ist  dabei  unser  sommer  im  spiel?  Noch  lese 
ich  bei  Meon  1,  448b  juignet  für  juli,  gleichsam  zweiter,  kleiner  oder  groszer 
juni,  was  ganz  deutsch  scheint;  in  juillet  statt  jul,  juil  (ital._  luglio,  sp. 
julio)  ist  diese  bildung  durchgedrungen,  aernovel  f.  august  bei  Roquefort 
bedürfte  belegs,  enthält  aber  unser  erne  messis. 


62  MONATE 

schrieben,  von  altdeutschen  namen  höchstens  hornung  zulässig,  der 
übrigen  enträth  man,  wegen  ihrer  schwankenden  bedeutung  und  un- 
bequemen form.  In  Franken  Horla  Hörla  Horlung  für  hornung,  in 
Henneberg  unterscheidet  der  grosze  und  kleine  Horning  [rockenphil. 

87  3,  73]  zwischen  jan.  und  febr.  statt  Wonnemonat  hört  man  in  Schwa- 
ben mitunter  lustmonat  für  mai.  In  der  Schweiz,  ziemlich  auf  mhd. 
weise  1  jänner,  2  hornung,  3  merz,  4  april,  5  mai,  6  brachmonat, 
7  heumonat,  8  äugst,  9  herbstmonat,  1 0  weinmonat,  1 1  wintermonat, 
12  Christmonat.  Unter  den  ital.  Deutschen  nachHormayr:  1  genner 
gienner  (it.  gennaro),  2  horning  horlung,  3  mörz  mörzen,  4  abrel, 
5  maii,  6  broucket  bracket,  7  höbiget,  8  erster  aux,  9  änderst  aux, 
10  hörböist,  11  hälegmunät,  12  bintermunät;  damit  werden  fast  die 
Tiroler  namen  stimmen,  man  sieht  Karls  heilagmänöth  hier  dem 
nov.  (ags.  dem  sept.)  überwiesen,  den  wintermonat  dem  december. 

Niederrheinische  und  niedersächsische  abweichungen.  in  Nieder- 
hessen hörte  ich  noch  r Bruder  Hartmann  für  jan.,  hardemaynd  hat 
eine  urk.  bei  Seibertz  von  1382,  der  name  reicht  von  Hessen  durch 
den  Westerwald  (Limb.  ehr.  85)  an  den  Niederrhein  bis  Cöln  (Firme- 
nich 1,  453a)  und  Bremen,  wo  er  aber  für  febr.  stehn  soll  (brem. 
wb.  2,  60).  die  alte  Cölner  chronik  hat  bl.  42a  hartmaent  ind  spur- 
kel;  im  Cölnischen  und  an  der  Eifel  findet  sich  sonst  für  jan.  lase- 
mand*.  Den  febr.  nennt  die  Limb,  chron.  123  sporkel,  der  Wester- 
wälder  spörkel  oder  spörkelsin  (mythol.  s.  749):  fhätt  ich  gewalt,  wie 
mein  bruder  Hartmond,  sagt  der  Spörkel,  so  sollte  das  kalb  erfrieren 
in  der  kuh,  die  suppe  vornen  kochen,  hinten  frieren.  Philanders  von 
Sitte wald  kehrausz  macht  aus  dem  w estrichischen  spirkler  sogar  april. 
in  Osnabrück  soll,  nach  Strodtmann  278,  der  febr.  wannenmond 
heiszen,  in  Holstein  hat  er  den  namen  vosmanet,  und  auch  Chorion 
gibt  dem  febr.  fuchsmonat.     Am  Niederrhein  gilt   evenmant  (haber- 

88monat)  für  sept.  (Günther  3  n°  453.  462),  cin  der  bonenarne'  (bohnen- 
ernte)  bezeichnet  Neocorus  die  herbstzeit.  nirgend  hat  Neocorus  sell- 
maand,  silmaand,  welche  nach  Ziegler  (brem.  wb.  4,  749  und  Outzen 
s.  302)  in  Ditmarsen  für  sept.  gelten  sollen;  wir  werden  sie  hernach 
auf  den  nl.  febr.  angewandt  finden,  was  richtiger  scheint,  den  octo- 
ber,  wofür  zuweilen  sadmoen,  saatmonat  vorkommt,  bezeichnen  musz 
rosenmonat  in  der  Limb.  ehr.  120,  wahrscheinlich  misverstanden  aus 
roselmonat,  von  rosel  alts.  rusel,  rysel  adeps.  Der  niederrheinische 
teutonista  hat  folgende  namen:  1  hardmaynt,  2  sporkel,  3  merte, 
4  april,  5  meye,  6  hoeymaynt,  7  bramaynt,  8  oist,  9  herfstmaynt, 
1 0  ossenmaynt,  1 1  alreheiligen  maynt,  1 2  wintermaynt,  was  zu  den 
niederländischen  namen  überleitet.     Aus  dem  tieferen  Niedersachsen 


*  lehnsauftrag  Conrads  von  Schieiden  an  könig  Johann  von  Böhmen 
als  grafen  von  Luxemburg  über  die  herschaft  Schieiden  vom  23.  jan.  1343 : 
des  andern  tages  na  sanete  Agneten  dage  en  dem  mande  der  da  heiszet 
Lasmand,  und  in  der  lat.  fassung:  postero  die  sanetae  Agnetis  in  mense 
qni  appellatur  Lasemond.  Lünig  C.  J.  feudal.  3,  107.  sollte  dies  unbe- 
greifliche wort  aus  dem  mnl.  laumaent  verlesen  sein? 


MONATE  63 

kann  ich  wenig  anführen;  in  der  glosse  zu  Ssp.  3,  82  stehn  die 
bekannten  ausdrücke  horning  und  bräcmäne*.  Es  wäre  wichtig,  was 
jeder  hochdeutschen  und  niederdeutschen  landschaft  angehört  genau 
zu  ermitteln,  und  namentlich  für  die  beiden  ersten  monate,  welcher 
unter  ihnen  hartmänet,   volborne,  hornunc  und  sporkel  zustanden. 

Mnl.  quellen  geben  ziemlich  auskunft.  januar  heiszt  laumaent 
Maerl.  1,  156.  2,  25,  anderwärts  geschrieben  leumaent  hör.  belg.  7 
18%  lomant  Diut.  2,  214b.  febr.  bald  sporkel  oder  sporcle  (doch  dies 
scheint  flexion  Maerl.  2,  25.  Kauslers  chron.  10054.  in  sporkelle  im 
anhang  zu  de  Klerk  1,  740  a.  1306)  bald  aber  sille  Maerl.  1,  156. 
seile  (Kilian  h.  v.),  beide  mögen  nach  der  gegend  gelten  und  sporkel 
mehr  niederländisch,  sille  mehr  friesisch  sein,  merz:  maerte,  meerte. 
april:  aprel  Maerl.  2,  245.  aprille  de  Klerk  1,  692.  mai:  meye 
Stoke  3,  172.  mey  Kausler  9302.  junius  steht  bei  Haupt  1,  105,89 
das  einheimische  wedemaent  bei  Kausler  9111  und  de  Klerk  2,  476. 
570  (a.  1356.  1340),  wieden  bedeutet  noch  heute  jäten.  Julius  Maerl. 
3,  287.  de  Klerk  2,  486.  556,  aber  hoymaent  Maerl.  1,  336.  für 
august  häufig  östmaent,  falsch  geschrieben  oestmaent  Maerl.  2,  345 
oustmaent  de  Klerk  2,  491.  houstmaent  2,  502,  auch  blosz  ogst 
Maerl.  2,  72.  oechst  de  Klerk  1,  802.  804  oder  maent  van  oeghst 
b.  de  Klerk  2,  497.  499.  neben  September  evenmaent  hör.  belg.  7, 
19.  october  Maerl.  2,  193  de  Klerk  2,  518.  november  Kausler  9301. 
10053  und  wieder  evenmant  Diut.  2,  225 a.  december  de  Klerk  2, 
524,  in  Maerl.  nat.  bloeme  aber  slachtmaent.     Übersicht: 

1  laumaent 

2  sporkel.  sille 

3  maerte 

4  aprel.  aprille 

5  meye 

6  junius.  wedemaent 

7  Julius,  hoymaent 

8  oghest.  öst.  östmaent 

9  September,  evenmaent 

10  october 

11  november.  evenmaent 

12  december.  slachtmaent 

Nnl.  bleiben  gangbar:  1  louwmaand,  2  sprokkelmaand,  3  lentemaand, 
4  grasmaand,  5  bloeimaand,  6  zomermaand,  7  hooimaand,  8  oogst- 
maand,  9  herfstmaand,  10  wijnmaand,  11  slagtmaand,  12  winter- 
maand.     Landschaftlich  aber  in  Holland  und  Belgien  manche  andere : 


*  Chorions  ehrenkranz  der  teutschen  sprach.  Straszb.  1644  wirft  hoch- 
deutsche, niederländische,  angelsächsische,  nordische  und  übersetzte  sla- 
vische  monatsnamen  unter  einander,  dasz  man  kaum  etwas  aus  ihm  an- 
fuhren darf,  sonst  verdienen  namentlich  die  mit  thieren  zusammengesetz- 
ten monate  aufmerksamkeit  und  genauere  prüfung.  das  landvolk  in 
Niedersachsen  nennt  heutzutage  nicht  leicht  monate,  sondern  behilft  sich 
mit  heiligenfesten,  die  auch  hier  an  die  stelle  der  alten  getreten  sind. 


64  MONATE 

1  hardemaand  hardmaand  in  belgischen  strichen  und  solchen,  die  sich 
dem  Niederrhein  nähern,  2  sporkelmaand,  schrikkelmaand,  selmaand, 
sulmaand,  blijdemaand,  3  dorremaand,  4  paaschmaand,  5  wonnemaand, 
6  braakmaand,  roozenmaand,  7  weideraaand,  wedemaand,  8  bouw- 
maand,  9  evenmaand,  gerstmaand,  pietmaand,  speltmaand,   10  aarzel- 

90  maand,  her  selmaand,  rozelmaand,  1 1  loefmaand,  horemaand,  hoermaand, 
smeermaand,  12  windelmaand,  wolfsmaand,  heiligmaand,  korsmaand*. 

Leider  gewähren  die  altfriesischen  gesetze  keinen  als  den  wol- 
klingenden  maiamonath  (Richth.  914),  die  heutigen  friesischen  theilt 
mir  Halbertsma  mit  (sie  stehn  auch  meistens  in  briefen  des  Japicx) : 
1  foärmoänne,  2  seile,  3  foärzienmoänne,  4  goersmoänne,  5  blomme- 
moänne,  6  simmenmoänne,  7  haeimoänne,  8  rispmoänne  (von  rispen 
colligere),  9  hervstmoänne,  10  wynmoänne,  11  slachtmoänne,  12  win- 
termoänne. 

Vor  allem  fällt  das  auf,  dasz  unter  den  niederländischen  und 
friesischen  namen,  wie  unter  den  hochdeutschen,  der  einzige  februar 
einfach  ist,  folglich  uralt  scheint;  doch  an  des  hornungs  stelle  sind 
hier  zwei  andere,  gleich  schwierige  benennungen  getreten. 

Sporkel  mahnt  an  den  indicul.  superstit.  d.  j.  743  fde  spurca- 
libus  in  februario'  (Pertz  3,  19),  das  ist  ein  altes  zeugnis  für  den 
namen  und  führt  ihn  deutlich  auf  ein  Volksfest  hin.  spurcalia  von 
spurcus  abgeleitet  kommt  im  guten  latein  nicht  vor  und  die  römische 
sitte  hat  keine  so  benannte  feier**,  im  mittellatein  gilt  es  aber  für 
heidnischen  brauch :  rfanaticae  lustrationis  spurcalia  thurificabat'  sagt 
Aldhelm  de  virginit.  c.  12,  Karls  capit.  von  769  nennt  fspurcitias 
gentilitatis'  (Pertz  3,  33)  andere  setzen  f  spur camina'.  dabei  fällt  mir 
sogar  ahd.  horo,  ags.  horu,  horva  sordes,  coenum  ein,  aus  welchem 
hornung  und  nicht  aus  hörn  entspringen  könnte,  wiewol  hornung 
kaum  für  horawung,    horving  steht,     seltsam  bleibt  immer  die  her- 

91  kunft  des  volksmäszigen  monatsnamens  aus  dem  kirchenlateinischen 
spurcalis,  und  sehr  möglich,  dasz  eine  deutsche  wurzel  spork  unter- 
liegt, und  die  geistlichkeit  den  namen  geflissentlich  in  spurcalis  ent- 
stellte, zu  erwägen  ags.  spearca  scintilla,  engl,  spark  sparkle,  nnl. 
sprank  sprankel  und  spark  sparkel;  ahd.  sporah,  spurcha  juniperus, 
nd.  sprokware  (winddürres  holz,  RA.  s.  507),  nnl.  sprok  sprokkel 
(windfall,  leseholz),  woher  das  geldrische  sprokkelen  holz  lesen. 

Seile,  sille  gleichen  offenbar  dem  ags.  solmönad,  wenn  man  sie 
nur  aus  sylle  entspringen  läszt,  für  den  ags.  namen  kommt  nun  zu- 
oberst Bedas  deutung  rmensis  placentarum'  in  betracht ;  doch  ich  kenne 
sonst  kein  sol  als  benennung  eines  gebäckes.     aber  goth.  saljan,  ags. 


*  zu  finden  in  den  Wörterbüchern,  einer  abhandlung  von  J.  D.  Meyer 
(verhandelingen  der  tweede  Masse  van  het  instituut.  deel  1  1818  s.  130  ff.) 
und  in  der  anne'e  de  l'ancienne  Belgique  par  Coremans.  Bruxelles  1844. 
alles  aber  genauerer  prüfung  bedürftig. 

**  wenn  man  februarius  von  februare  reinigen  leitet  und  ein  festum 
lustrale  annimmt,  so  wäre  spurcare  gerade  das  gegentheil  verunreinigen. 


MONATE  65 

sellan  syllan  hiesz  darbringen,  opfern  (mythol.  s.  34)  und  sylmönad 
könnte  gelten  wie  blötmönad.  weniger  behagt  Lyes  auslegung  solis 
mensis.  Da  ags.  sol  auch  volutabrum  bedeutet,  ahd.  gisol  und  solaga 
(Graff  6,  186)  altn.  sola  inquinare  (vgl.  ahd.  salawen  Graff  6,  183) 
geriethe  man  wieder  auf  spurcare  und  horo,  die  fast  beseitigt  schie- 
nen, die  angeführten  nnl.  sulmaand  selmaand  wünsche  ich  erst 
völlig  beglaubt,  sie  könnten  dem  ags.   ausdruck  nachgeahmt  sein. 

Auch  laumaent  louwmaand  ist  schwierig,  wer  mag  ans  engl,  law 
(mit  Übergang  von  e  gesetz  in  ehe  conjugium)  und  gar  an  den  gr. 
yafirjkuüv  denken?  da  weder  mnl.  lauw  noch  nnl.  louw  für  6  vor- 
kommen, höchstens  loy  dem  franz.  loi  nachgebildet  wurde  (Kausler 
2,  630)  und  nur  gesetz,  nicht  ehe  ausdrückt,  louwen  soll  sodann 
gerben,  leder  bereiten,  nnl.  looijen  bedeutet  haben,  was  gewaltsam 
auf  die  vom  schlachtmonat  (dec.)  her  übrigen  rinderhäute  bezogen 
wird.  Kilian  hat  louwen  verber are,  und  Fergüt  8595  steht  gelout 
(geschlagen,  Wolframs  gälünet) :  betrout.  wider  unser  lau  tepidus, 
ahd.  lao,  altnl.  h\fr  sträubt  sich  die  strenge  winterzeit. 

Die  meisten  übrigen  niederländischen  namen  sind  verständlich  und 
schon  anderwärts  erklärt,  rozelmaand  ist  fetter  monat,  von  rozel  adeps, 
alts.  rusel,  gerade  wie  auch  nov.  smeermaand  heiszt;  wenn  das  dunkle 
pietmaent  für  sept.  aus  ags.  pida  medulla,  engl,  pith  (vgl.  ir.  paiteog  92 
butter)  zu  deuten  wäre,  so  liefe  das  auf  dieselbe  Vorstellung  hinaus ; 
oder  ist  piet  aus  dem  franz.  epeautre  entsprungen?  dann  wäre  es 
gleichviel  mit  speltmaent.  aarzelmaand  deutet  man  aus  aarzelen  (recu- 
ler),  vom  zurückgehn,  neigen  der  zeit,    loefmaand  verstehe  .ich  nicht. 

Wären  nordfriesische  namen  vorhanden  oder  gesammelt,  sie 
könnten  den  Übergang  zu  den  nordischen  bilden. 

In  Dänemark  sind  neben  den  römischen  noch  heimische  üblich: 
1  glugmaaned,  2  blidemaaned  und  früher  göie,  3  tormaaned,  4  faare- 
maaned,  5  mejmaaned,  6  sommermaaned,  auch  skärsommar,  7  orme- 
maaned,  8  hömaaned,  höstmaaned,  9  fiskemaaned,  10  sädemaaned, 
früher  auch  ridmaaned,  11  vintermaaned,  12  juelmaaned. 

Schwedische:  1  Thore,  Thorsmänad,  2  Göja,  göjemänad,  3  blida, 
blidemänad,  thurrmänad,  4  värant,  5  mai,  6  midsommer,  7  höant,  hö- 
mänad,  8  skortant,  skördemänad,  9  höstmänad,  10  blotmänad,  slagt- 
mänad,  11  vintermänad,  12julmänad.  das  -ant  in  värant  höant  skor- 
tant entspricht  dem  altn.  önn  (opus,  negotium)  pl.  annir,  sie  drücken 
also  aus  vernum  negotium,  foeni,  messis  negotium;  die  schwed.  bibel 
setzt  skördeand  für  erntezeit,  richtiger  wäre  zu  schreiben  värand, 
höand,  skördand:  das  geschäft  wird  zur  Zeitbestimmung  angewendet. 
Man  darf  noch  andere  volksmäszige  namen  vermuten,  in  Angerman- 
land heiszt  die  caltha  palustris  trimjölksgräs  (Dybeks  runa  1845  s. 
67),  was  bedeutsam  an  den  ags.  Thrimüci  erinnert,  und  in  Jemtland, 
Angermanland,  Dalsland  ist  noch  heute  trimjölkning  zur  Sommerzeit 
im  gebrauch,   der  Jemtländer  sagt  dann:  cboskapen  mjölkas  i  try. 

Das  altn.  jähr  oder  der  winter  begann  mit  unserm  23.  nov.,  das 
frühjahr   am    22.  febr.,    der    sommer    am    25.  mai,    der  herbst   am 

Grimm,  geschichte  der  deutschen  spräche.  5 


66  MONATE 

21.  august,  gleich  den  griechischen  monaten,  so  dasz  frühjahrsanfang 
jenem  beginn  des  römischen  jahrs  mit  merz  nahe  begegnete,  hier- 
nach lassen  sich  die  in  skäldskaparmäl  Sn.  188  verzeichneten  alt- 
nordischen monate  den  unsern  vergleichen;    1   J>orri,   2   göi,   3   ein- 

93mänudr  ok  sädtid,  4  eggtid  ok  stecktid,  5  solmänudr,  6  selmänudr, 
7  heyannir,  8  kornskurdarmänudr,  9  haustmänudr,  10  gormänudr, 
1 1  frermänudr,  1 2  hrütmänudr.  In  Island  gelten  aber  auch  andere, 
zum  theil  offenbar  neuere  namen;  1  J>orri,  2  göe,  3  einmänadr, 
Odinsmänadr,  4  harpa,  gaukmänadr,  5  eggtid,  6  solmänadr,  sel- 
mänadr,  7  heyannir  (jenes  schwed.  höand),  8  tvimänadr,  9  haust- 
mänadr,  10  $lir,    11  frermänadr,   12  mörsugr. 

An  diesen  nordischen  namen  scheint  vieles  merkwürdig,  vorerst 
hebe  ich  wieder  hervor,  dasz  für  den  febr.,  wie  bei  uns  hornung, 
sporkel  und  sille,  so  auch  hier  das  einfache  göi,  göja,  göie  eintritt 
und  aufrecht  bleibt,  eine  sage  (Sn.  358)  scheint  den  Ursprung  von 
göi  und  porri  zu  deuten:  Thorri  war  König  in  Gottland  und  Finn- 
land, von  dem  groszen  opfer,  das  er  zu  mittwinter  ordnete,  hiesz 
der  monat  porramänadr;  als  Göi  seine  tochter  aus  dem  lande  gieng, 
liesz  der  könig  einen  monat  später  opfern  und  so  begann  göi. 
Landnämabök  4,  7  meldet,  dasz  Hrölfr  Gö  heiratete,  nach  welcher 
göimänadr  genannt  ist.  vielleicht  darf  auch  von  ihrem  bruder  Gor 
gormänadr  gedeutet  werden,  wo  nicht  umgekehrt  alle  diese  per- 
sonificationen  aus  alten  monatsnamen  entspringen,  für  göi  werden 
wir  hernach  läpp,  guova  finden,  und  göi  weist  allerdings  auf  ein 
volleres  gövi,  dessen  deutung  ich  nicht  wage*. 

Noch  gröszeres  gewicht  hat,  dasz  die  altn.  spräche  überhaupt  auf 
das  fest  der  Wintersonnenwende  den  namen  jol  anwendet,  welches 
man  für  den  nom.  pl.  neutr.  hält,  obwol  die  Zusammensetzungen  jola- 
dagr  jolatid  auch  von  einem  schwachen  joli  herrühren  können,  das  dem 
ags.  geola  genau  entspräche,  und  den  monat  ausdrückte,  wofür  Schwe- 
den und  Dänen  julmänad  julmaaned  zusammensetzen,  welcher  ein- 
klang  zwischen  joli,  ags.  geola,  goth.  jiuleis,  der  sich  auf  das  finn. 
joulou  kuu,  läpp,  joula  maro  weiter  ausstreckt.    Wahrscheinlich  hatte 

94  der  alte  Norden  noch  andere  namen,  die  sich  den  ags.  näher  an- 
schlössen, z.  b.  einen  primilki,  wie  ich  aus  der  schwed.  blume  folgre. 
Selmänudr,  weidemonat  (von  sei  pascuum  aestivum)  schickt  sich 
für  juni  weit  besser  als  ags.  solmönad,  mnl.  seile,  wenn  sie  dasselbe 
wort  sind,  für  febr.  oder  ditmarsisches  selmand  für  sept.  zu  mhd. 
houwot,  ougest,  herbest  stimmen  heyönn,  kornskurd  und  haust,  gor- 
mänudr —  october  legt  Biörn  aus  tempus  mactationis,  was  dem 
schwed.  slagtmänad  =  oct.  gliche,  soll  in  einmänudr  das  ein  den 
ersten  monat  ausdrücken?  was  harpa  (harfe)  mit  dem  april  zu  thun 
hat  weisz  ich  nicht,  kukuksmonat  ist  klar,  wie  eggtid,  zeit  des  eier- 
legens,  tvimänadr  mensis  duplex,  binus  musz  aus  Wiederholung  des 
namens  oder  einem  schaltmonat  erklärlich  sein,    für  soll  nach  Biörn 

*  GöinnSn.20name  einer  schlänge,  vgl.serb.gyjaserpens,samog.giuoitos. 


MONATE  67 

querulus  bedeuten  und  nov.,  nicht  oct.,  von  yla  ululare,  was  auf 
den  brüllenden  hirsch  oder  heulenden  wolf  gehn  könnte,  frermänadr 
ist  eismonat,  hrütmänudr  scheint  mensis  arietis. 

Von  den  schwed.  namen  ist  värant  aus  vär  lenz,  höant  aus  hö 
heu,  skortant  aus  skort  messis  gebildet,  blida  für  merz,  dän.  blide- 
maaned  für  febr.  stimmen  zum  angeblichen  nnl.  blijdemaand,  falls 
dies  nicht  Übersetzung  der  nord.  form  ist;  das  ags.  llda  mit 
der  gleichen  bedeutung  laetus,  mitis  eignet  sich  aber  besser  für 
Sommermonate.  Warum  heiszt  der  dän.  jan.  glugmaaned  fenstermonat  ? 
von  glug;  altn.  gluggi;  eigen  ist  schafmonat  für  april,  wurm  oder 
madenmonat  für  juli,  wozu  sich  gleich  eine  analogie  bieten  soll. 

Unter  den  Slaven  haben  sich  die  heutigen  Russen  und  Serben 
dem  röm.  calender  bequemt*,  Polen,  Böhmen,  Slovenen  und  Sorben 
noch  die  einheimische  benennung  festgehalten**,  ihr  jähr  begannen 
die  alten  Slaven  mit  September,  genau  wie  Snorri  vom  haustmänudr  95 
an  zählt***,  ich  stelle  jedoch  nach  unsrer  gewöhnlichen  Ordnung  auf 
altsl.  1  prosinetz  sloven.  prosinz.  simiz.  pervnik 


2  sjetschen 

fvizhan.  drujnik 

3  suchyi 

fufhiz.  bresen 

4  berezozol 

malitraven.  fhtertnik 

5  traven 

velikitraven 

6  izok 

mali  ferpan 

7  tscherven 

r'shenzvet.  roshen  zvet 

8  zarjev,  zarev 

velikilerpan 

9  riujen,  rujan 

kimaviz.  kimovz 

10  listopad 

kosaperfk 

11  gruden 

listovgnoj 

12  studenij 

gruden 

die  slovenischen  nach  Murko. 

Jarnik  nennt  5  traven  veliki,  7  ferpan 

mali,  8  ferpan  veliki,  9  riujen.     den  Kroaten  heiszt  6  klasen. 

poln.  1  styczen       böhm 

l.  leden 

2  luty 

vnor,  aunor 

3  marzec 

brezen 

4  kwiecien 

duben 

5  may 

may  mag 

6  czerwiec 

cerwen 

7  lipiec 

öerwenec 

8  sierpien 

srpen 

9  wrzesien 

zarj 

10  pazdziernik 

rjgen 

*  neben  sentjabr  gilt  jedoch  russ.  osenj  =  herbstmonat,  und  die  alt- 
russ.  spräche  kennt  noch  andere,  z.  b.  pazdernik  für  october. 

**  Verzeichnisse  unddeutungenin  Alters  beitrag  zurdiplomatik.  "Wien  1801 
s.  98—100  (unverlässig)  und  Dobrowskys  Slovanka.   Prag  1814  s.  70 — 75. 

***  wenn  in  Hankas  mater  verborum  13ac  'maius  mensis  tercius'  aufge- 
führt wird,  so  ist  das  die  altrömische  von  merz  anhebende  computation. 


68  MONATE 

poln.  11  listopad       böhm.  listopad 

12  grudzien  prosinec.  wlcenec, 

doch  manche  andere  zeigt  die  ältere  spräche,  so  hat  die  altböhm. 
mater  verbor.  13a  für  mai  noch  das  merkwürdige  Siban,  das  sich 
96  auf  die  göttin  Siva  (sonst  Ziva,  vgl.  lett.  seewa  femina)  beziehen 
könnte*,  und  auszerdem  yzok,  welches  altsl.  dem  juni  gehört  und 
cicada  bedeutet,  anderwärts  hiesz  den  Böhmen  derselbe  mai  auch 
trnopuk  (dornknospe),  kweten  (der  blühende),  trawen  (der  grasige), 
das  Verzeichnis  bei  Hanka  55b  stimmt,  auszer  dasz  Julius  (und 
sonst  august)  wrzyesen  (wresen)  heiszt,  wie  den  Polen  der  Sep- 
tember wrzesien,  der  name  rührt  her  von  wres  erica  [poln.  wrzos] 
und  blütezeit  der  hei  de?  oder  von  wrzasnac,  böhm.  wreskati  schreien, 
wie  zarj  von  zarjti?  pazdziernik  ist  von  der  flachsbereitung.  styczen 
jan.  halte  ich  für  gleichviel  mit  dem  sl.  studeny  =  der  kalte,  für 
dec.  und  studnia  kühler  brunnen,  böhm.  studnice,  serb.  studenatz 
verführt  mich  das  mhd.  volborn  hinzu  zu  halten,  den  februar  nennen 
die  polen  auch  wachlerz  (den  windigen.)  In  polnisch  Schlesien  1 
wanocnjk  Weihnachten,  hromecnjk  lichtmesse,  4  ludikwiat,  7  lipen, 
9  kosen,  10  sewen,  11  odHlas  (was  sonst  listopad). 

Die   monatsnamen  der  sorbischen  und  lüneburgischen   Wenden 
verrathen  deutschen  einflusz: 

sorb.  1  wulki  rö£k         lüneb.  nivaglutüf 


2  maiy  rözk 

rüsatz 

3  mierc 

sürman 

4  hapyrleja 

cheudemon 

5  meja 

leistenmon 

6  smaznik 

pancjustemon 

7  praznik 

seninic 

8  znenc.  zenc 

haymon 

9 

pregnia  seymemon 

10 

weiniamon 

11 

seymemon 

12 

trebemon. 

wulki  und  maiy  rö£k  sind  groszer  und  kleiner  hörn  und  rüsatz  ist 
hornung  =  cornutus;  smaznik  brachmonat,  seninic  heumonat,  niva- 
97glutüf  neujahr  (novaljuto),  pregnia  seymemon  erster  wintermonat, 
pancjustemon  pfingstmonat,  trebemon  Weihnachten  (von  treba,  böhm. 
treba  sacrificium),  leistenmon  blättermonat  (poln.  lipiec).  cheudemon 
soll  böser  monat  (quade  monat)  sein,  sürman  ist  mir  dunkel,  haper- 
leya  scheint  nichts  als  entstellung  aus  april,  abereile,  der  wollautende 
mai  hat  bei  Böhmen,  Polen,  Sorben  wie  bei  Deutschen  über  die 
heimischen  namen  den  sieg  davon  getragen. 


*  Dobrowskys  Slovanka  s.  71  führt  die  dalmatisch  illyrische  form  svi- 
ban  an,  welche  ablenkt,  jedoch  bezeugt,  dasz  nicht  etwa  der  hebr.  monat 
sivan  gemeint  sei. 


MONATE  69 

TJeberhaupt  aber  zeichnen  sich  die  altslavischen  namen  vor  den 
meisten  deutschen  vortheilhaft  aus  durch  ihre  einfache  bildung,  die 
sich  mit  keinem  mesac,  miesiac,  mesjc  schleppt,  dann  durch  das  na- 
turgefühl,  welches  sie  athmen.  die  meisten  sind  aus  dem  pflanzen- 
reich  und  mit  -en  abgeleitet:  brezen  wo  die  birke,  duben  wo  die 
eiche  sich  laubt,  traven  wo  das  gras  grünt,  wresen  wo  heidekraut 
blüht,  kweten  wo  alles  blüht  oder  grünt,  lipiec  wo  die  linde  duftet, 
listopad  wo  das  laub  fällt,  was  dem  Schweiz,  louprisi  begegnet, 
srpen,  serpan  ist  der  monat  wo  die  sichel  (srp)  schneidet,  erntezeit. 
mai  oder  juni  heiszen  izok,  nach  der  heuschrecke,  juni  oder  juli  czer- 
wiec,  öerwenec*,  tscherven  wurmmonat,  merkwürdig  stimmend  zu 
dem  dän.  ormemaaned,  madkemaaned,  weil  um  diese  zeit  der  brach- 
käfer  oder  dessen  made  auf  den  ackern  sichtbar  wird?  zarj,  zarjev 
brunstmonat,  vom  schreien  brünstiger  hirsche,  gleichviel  mit  riujen, 
rjgen,  von  rjevati  rugire,  ahd.  reran,  ags.  rärjan.  die  bedeutung 
schwankt  aber  zwischen  aug.  sept.  oct.,  unsere  Jäger  setzen  die  brunst 
in  den  sept.,  wo  man  die  hirsche  stundenweit  durch  den  wald  brüllen 
hört;  mich  gemahnt  riujen  wieder  ans  ags.  rugern  =  august,  dessen 
deutung  aus  rüg  roggen  vielleicht  noch  zweifei  leidet.  Nicht  auf 
pflanzen  und  thiere,  blosz  auf  den  eindruck  der  winternatur  berechnet 
sind  studenij  der  kalte,  poln.  styczen,  zwischen  dec.  und  jan.  schwe- 
bend, leden  der  eisige  Januar,  gruden,  grudzien  von  gruda  schölle, 
wo  die  erde  vom  frost  hart  zu  schollen  wird**,  bald  nov.  bald  dec,  98 
dieser  monat  mag  zum  einschalten  gedient  haben,  da  das  entsprechende 
böhm.  hruden  diesen  sinn  mit  sich  führt,  böhm.  wlöenek  bedeutet 
wolfsmonat,  was  auch  ein  deutscher  name  für  dec,  sjetschen  hau- 
monat,  von  sjekati  hauen,  weil  man  im  febr.  holz  fällt?  suchyi,  der 
trockne  monat,  wie  der  dän.  schwed.  merz  tormaaned,  thurrmänad 
heiszen,  altn.  aber  jporri  jan.,  was  Biörn  stärke  des  winters  deutet, 
eigen  ist  das  poln.  luty  febr.,  er  soll  auch  altruss.  ljotyi  mjesjatz, 
der  herbe,  grausame  monat  geheiszen  haben,  gleichsam  der  Wüterich; 
klärt  er  uns  über  hornung  und  sporkel  auf?  prosinetz  endlich  be- 
deutet bittmonat,  von  prositi  precari,  ich  weisz  nicht,  ob  die  Slaven 
um  neujahr  besonders  gebete  hielten;  die  bettage  oder  rogationen 
fanden  im  mittelalter  erst   den  fünften  sonntag  nach  ostern  statt. 

Jene  naturanschauungen  scheinen  nicht  nothwendig  mit  heidni- 
schen festen  zusammenzuhängen,  und  auf  götter  erhellt  kein  bezug, 
es  sei  denn  in  dem  noch  ungewissen  Siban. 

Unter  allen  sl.  monatsnamen  wird  uns  keiner  wichtiger  als  gru- 
den, grudzien,  weil  er  aufschlusz  gewährt  über  den  deutschen  bisher 
unverstandnen,  zwischen  dec  und  jan.  schwankenden  hartmänot.  die- 
ser ausdruck  ist  nicht    aus   dem  adj.  hart  herzuleiten,  vielmehr  aus 


*  cerwen  der  kleine,  cerwenec  der  grosze  wurmmonat,  ehmals  auch 
weliky  cerwen  geheiszen. 

**  dieselbe  Vorstellung  im  hebr.  monate  Via,  wo  laub  welkt  und  die 
erde  zu  schollen  (rnVto)  wird.     Benfey  und  Stern  monatsn.  s.  16. 


70  MONATE 

einem  subst.  der  hart,  welches  noch  in  Baiern  den  gefrornen  schnee, 
die  schneekruste  (Schm.  2,  241)  bezeichnet  und  völlig  dem  sl.  grouda, 
gruda*  gleichkommt,  mit  Versetzung  des  R,  wie  sie  in  brada  bart, 
brod  fürt  (s.  11)  stattfindet,  wir  werden  demselben  namen  also- 
gleich im  litth.  grodinnis  wieder  begegnen. 

Die  litthauischen  namen  gleichen  oft  den  slavischen. 

1  pusis,  pustis,  pusczius  (?  puczius  bläser).  wasäris 

2  kowinnis  dohlenmonat 

3  karwelinnis  taubenmonat.  balandis 

4  birzelis  birkenmonat.    sultekis  birkenwasserflieszen 

5  geguzinnis  kukuksmonat 

99  §  pudimo  menü  brachmonat.     sejinnis  sämonat 

7  lepinnis  lindenmonat 

8  d£g&sis  heiszer  monat.    rugpjutis  roggenschnitt 

9  ruddugis,  rudeninnis  herbstmonat 

10  lapkristis  laubfall 

11  grodinnis  schollenmonat 

12  sausis  trockner  (frost)  monat. 
Lettische  namen: 

1  seemas  mehnesis  wintermonat 

2  puttenu  m.  schnee  m.  gawenu  m.  fasten  m. 

3  balloschu  m.  tauben  m.  sehrsnu  schneeharst  m. 

4  sullu  mehnesis  birkensaftmonat 

5  lappu  mehnesis  laubmonat 

6  papue's  m.  brachm.  seedu  m.  blute  m. 

7  seenu,  leepu  m.  heu,  lindenmonat 

8  rudsu  m.  roggen  m.  sunnu  hunds  (tage)  m. 

9  sillu  mehnesis  heideblütmonat 

10  ruddens  m.  herbstm.  im  heidenthum:  semlikka  m. 

11  salla  mehnesis  frostmonat 

12  wilku  m.  wolfsmonat.    swehtku  m.  Weihnachten. 
Bedeutender  ist  der  finnischen,  estnischen  und  lappischen  monate  na- 
men abweichung,  die  fast  alle  auf  deutsche  weise  mit  kuu  oder  ma- 
nod  =  monat  zusammengefügt  waren. 

finn.  1  tammikuu  eichenmonat 

2  helmikuu  perlenmonat.  kaimala  begleiter?  dämmerer? 

3  maaliskuu,  birkensaftmonat 

4  huhtikuu  waldschwendemonat 

5  toukokuu  saatmonat 

6  kesäkuu  Sommermonat 

7  heinäkuu  heumonat 

8  elokuu  erntemonat 

9  syyskuu  herbstmonat 
10  lokakuu  kothmonat 


*  litth.  grodas  gefrorne  schölle,  wahrscheinlich  lat.   crusta  verwandt: 
concrescunt  subitae  currenti  in  flumine  crustae.    Virg.  georg.  3,  360. 


MONATE  71 

11  marraskuu  gebrechlicher  monat. 

12  joulukuu  weihnachtsmonat. 
est.     1  neäri  ku  neu  jähr  smonat 

2  hunti  ku  wolfsm.  küünla   ku  dämmerlichtsni.  100 

3  äuge  ku  hechtsmonat.     paasto  ku  fasten 

4  mahla  ku  birksaftm.    jürri  ku  Georgsmonat 

5  leht  ku  laubmonat 

6  jani  ku  Johannismonat 

7  heina  ku  heumonat 

8  mädda  ku  hundstage.     poimo  ku  erntemonat 

9  süggise  ku  herbstm.     mihkli  ku  Michaelis 

10  roja  ku  kothmonat.     rühhe  ku  tennemonat 

11  talwe  ku  wintermonat.     marti  ku  Martini 

12  joulo  ku,  talwiste  ku  Weihnachten. 

das  finnische  tammikuu  gleicht  dem  sl.  duben  april,  scheint  aber 
ungehörig  für  Jan.;  wenigstens  kenne  ich  keinen  bezug  der  eiche 
auf  diesen  monat,  strenge  winterkälte  heiszt  tammipakkainen,  hart 
und  fest  gleich  dem  eichholz?  maaliskuu  das  Eenvall  1,  307  nicht 
versteht,  deute  ich  nach  dem  est.  april,  zumal  auch  den  Slaven 
birkenmonat  bald  merz,  bald  april  ist.  wichtig  scheint  kaimala  von 
kaimo  lux  levissima,  zeit  der  merklichen  lichtzunahme  oder  von 
kaimaan  comitor?  doch  küünlaku  führt  auf  künal  licht  und  das 
schwed.  kyndelmessa,  engl,  candlemas. 
Den  norwegischen  läppen  heiszen 

1  odda  beivemanod  neujahrstagmonat 

2  guovamanod,  das  altn.  göi 

3  niuvzhiamanod,  schwanmonat 

4  vuoratzhmanod,  krähenmonat 

5  zaangos 

6  miessemanod,  rennthierkalbsmonat 

7  snjilzhiamanod,  rennthiershaarfall 

8  gassaborge,  dichthaarfall 

9  vuodkedmanod 

10  ragad,  brunstmonat 

11  golgo,  rennthierermattung 

12  passatas,  heiligermonat. 

Von  den  schwedischen  Lappen  treibe  ich  nur  folgende  auf:  2  kuova, 
4  wuoratjis  mano,  5  qweddet  mano  (eilegenszeit?),  9  rakad,  11  hälko,  101 
12  passatesmano  oder  joulomano.  Bei  diesen  lappischen  namen  ver- 
schwinden die  von  bäumen  und  pflanzen  entnommnen,  ihre  arme  natur 
gibt  sie  nicht  mehr  ein ;  einige  rühren  von  vögeln  her,  die  meisten 
vom  rennthier,  dessen  kalben,  mause,  brunst  und  ermatten  in  be- 
tracht  steht,  ragad  oder  rakad,  zwischen  sept.  und  oct.  schwankend, 
begegnen  dem  sl.  zarjev  und  rujan.  guova,  kuova  jaulo  stammen 
sichtbar  aus  nord.  göja  göie,  jul. 

Die  irischen  und  galischen  monate  könnte  ich  nur  weniger  voll- 
ständig geben,  hätte  mir  nicht  meine  samlungen  Leo  aus  Marcels  alpha- 


72  MONATE 

bet  irlandais  ergänzt,    vielen  wird  mhi,  mhios  (mensis)  vornen  oder 
hinten  angehängt, 

irisch  1  gionbhar.  ceadmhi  gal.  ceudmhios 

2  feabhra.  faoillidh  faoilteach 

3  mart,  marta  mairt 

4  abran,  abraon.  diblin  aibreann 

5  ceideam.  Bealtuinne  Bealtuin 

6  ceadshamh.  mijabhuinn  ogmhios 

7  jul.  miosbuidhe,  buidhemios  jul 

8  lughnas,  lunasd.  milananas  mor,  morach.  flathail. 

rioghail 

9  seichtmi.  mi  fionnfoloi  mios  meadhonach 

10  oichtmi.  osmhadhmi.  shearri  ochdmios 

11  naoimhi.  midhu.  gamh.  naoimhios 

12  michrundu  dubhlachd. 

In  den  vier  ersten  ist  die  entstellung  aus  dem  latein  ersichtlich,  so 
wie  seichtmi  oichtmi  naoimhi  sept.  oct.  nov.  übersetzen,  desto  merk- 
würdiger sind  manche  der  einheimischen  namen.  ceadmhi  ceidmhi 
ceudmhios  bedeutet  primus  mensis,  nach  dem  jetzigen  calender,  aber 
auch  ceideamh  oder  ceideamhain  für  mai  sagt  beginn  aus,  weil  die 
Kelten  ihr  jähr  mit  der  nacht  des  Baalfeuers  (oidhche  Baaltinne)  began- 
nen; dies  heilige  feuer  wird  in  der  ersten  mainacht  entzündet,  im 
heidenthum  soll  es  zur  frühlingsnachtgleiche  geschehn  sein,  nach  dem 
groszen  fest  heiszt  der  ganze  mai  Baltuinne,  Bealtuinne,  Beilteine,  Beil- 
102  tinne.  faoillidh  oder  faoilteach  drückt  aus  die  frohe  zeit,  und  begeg- 
net dem  dän.  blidemaaned  für  denselben  februar,  dem  schwed.  blida 
für  merz;  meint  der  name  die  lust  festlicher  tanze?  wie  auch  die 
Christen  ihre  fastnachtsfreude  in  diesen  monat  legen,  und  heiszt  der 
finnische  helmikuu  vom  perlenschmuck  festlicher  frauen?  diblin  bezeich- 
net die  zeit  des  grünen  krauts  oder  futters  und  fügt  sich  allenfalls 
zum  slavischen  traven.  ceadshamh  ist  erste  sonne,  erster  Sommermo- 
nat, migabhuin  kälbermonat.  ogmhios  wofür  auch  ir.  oigmi  vorkommt, 
bedeutet  entweder  junger  monat  oder  Jünglings,  Jungfrauenmonat  was 
dunkel  bleibt ;  kaum  geht  es  auf  Johannes  den  täufer ;  gleiche  dunkel- 
heit  schwebt  über  mimheasmach,  noch  einem  ir.  namen  für  juni.  mios- 
buidhe, buidhmis,  buidhmi  ist  gelber  monat,  weil  im  juli  die  ähren 
gelbe  färbe  annehmen,  man  findet  auch  mi  bodhuidh  und  miguaire, 
miguartag,  beide  mir  unverständlich,  lughnas  soll  sich  auf  ein  altes 
mondfest  beziehen  und  wird  etwas  gezwungen  für  zusammengezogen 
aus  luanfheisd  genommen;  vielleicht  ist  es  dialectische  entstellung  aus 
lananas  in  milananas,  monat  der  fülle  ?  fülle  (von  lan,  welsch  llawn 
plenus,  sp.  Ueno)  ist  treffende  bezeichnung  der  ernte  und  kann  sogar 
unsern  folmonat,  fulmonat  =  September  als  herbst  oder  erntemonat 
rechtfertigen  helfen.  Das  galische  rioghail  darf  an  den  ags.  rugern 
gemahnen,  mor,  morach  halte  ich  zum  ir.  mi  madramhal,  monat  des 
hunds,  der  hundstage.  fionnfoloi  drückt  weisze  leere  aus,  die  zeit  wo 
die  äcker  mit  stoppeln   bedeckt    sind,      os   mhad  =  über  feld,   os- 


MONATE 


73 


mhadmi  der  monat,  den  man  auf  dem  leeren  feld  zubringen  darf? 
shearri  sägemonat.  midhu  schwarzer  monat,  weil  nach  gestürzter 
stoppel  der  acker  schwarzes  ansehn  hat?  gegensatz  zu  dem  gelben 
monat;  michrundu  für  dec.  mag  ähnliches  ausdrücken,  wie  auch  der 
bretagnische  name  bestätigt  und  Marcel  erklärt:  mois  sacre  le  plus 
noir;  das  gal.  dubhlachd  ist  deutlich  mit  dubh  schwarz  verwandt, 
obgleich  es  näher  den  begrif  der  kälte  und  dunkelheit  enthält*. 
Auszer  den  angeführten  namen  sind  noch  einige  allgemeine  und  ab-  103 
stracte  bezeichnungen  hergebracht,  für  april  mi  meadhon  earraich 
monat  mitten  im  frühjahr,  für  juni  mi  meadhon  samhradh  monat 
mitten  im  sommer,  für  September  mi  meadhon  fomharadh  monat 
mitten  im  herbst,  für  dec.  mi  meadhon  an  geimhradh  monat  mitten 
im  winter;  auch  mi  deireannach  fomharadh  letzter  herbstmonat  für 
october,  ceidmhi  do  geimhradh  erster  wintermonat  für  november, 
woraus  sich  reihen  mehrer  monate  ergeben. 

Den  welschen   zur   seite  stelle  ich  die  cornischen   und  bretag- 
nischen  (armorischen). 
welsch  1  jonawr  com.  genver  bret.  guenveur 

2  chwefror,  chwefrol        huevral  c'huevreur 

3  mawrth  merh 

4  ebrill  ebrall 

5  mai  mizme 

6  mehefin  epham 

7  gorphenhaf  gorephan 


meurs 

ebrel,  imbrel 
maö 
mezevenn 


mez- 


8  aust 

9  medi,  mismedi 

10  hydref 

11  tachwedd 

12  rhagfyr 


gouezre , 

vennicq 
eaust 
guengolo 
hezre,  here 
du 
qerdu,  qerzu. 


east 

guerda  gala 

hedra 

dui 

kevardin 
auch  hier  ist  einigemale  mez,  mis  (mensis)  vorgeschoben,  in  mizme, 
mezevenn,  mismedi,  wo  das  eigentliche  wort  me,  evenn,  medi  (ernte) 
lautet,  und  so  heiszt  es  anderwärts  mismerh,  misebrall  u.  s.  w.  alle 
fünf  ersten  monate  sind  wieder  die  römischen  und  bestärken  das 
über  die  ersten  irischen  gefällte  urtheil.  efin  ephan  evenn  bedeutet 
sommer,  gorephan  haupt  (stärke)  des  sommers,  wie  altn.  porri  stärke 
des  winters,  guerda  gala,  guen  golo  drücken  aus  weiszes  stroh,  was 
das  ir.  fionnfoloi.  hydref  hedra  soll  den  wässerigen  monat  anzeigen, 
dui,  du  schwarz  für  november  begegnen  dem  ir.  midu,  und  kevar- 
din, qerdu  dem  ir.  chrundu  und  gal.  dubhlachd.  tachwedd  tending 
to  a  conclusion,  rhagfyr  kürzung.  Nur  der  einzige  mi  gabhuin  ist  104 
von  einem  thier  hergenommen,  und  die  überwiegende  mehrzahl  auf 
erscheinungen  des  ackerbaus  gerichtet. 

Unter  den  baskischen  namen,  deren  mittheilung  und  deutung  ich 


*  altn.  blär,  schwed.  blä  niger,  coeruleus,  inanis;  mnl.  blaer  frigidus, 
infelix. 


74  MONATE 

herrn  C.  A.  F.  Mahn  danke,  wird  meistenteils  ila  oder  illa  (mensis) 
angehängt. 

1  urtarrilla  neujahrsmonat.    beltzilla,  ilbalza  schwarzer  monat 

2  otsailla  wolfsmonat.     ceceilla  stiermonat 

3  epailla  lauer  monat,  von  epela  lau 

4  jorrailla  jätemonat.     opea,  opailla  fastbrotmonat 

5  ostarua,  orrilla  blattmonat  von  ostoa  ostroa,  orria  blatt 

6  erearoa  säezeit.   baguilla  bohnenm.    garagarilla  gerstenmonat 

7  urtailla  erntemonat.     garilla  waizenmonat 

8  agorilla  trockenmonat 

9  irailla  far renkrau tmonat.     buruilla  ährenmonat 

10  urria,  urrilla,  bildilla  sammelmonat 

1 1  acilla,  azaroa  saatmonat.  cemendia  lichterwald 

12  lotacilla,  wachsthumbindend? 

daneben  gelten  auch  nach  den  römischen  3  marchoa,  4  apirüla, 
8  abostua,  abuztua,  12  abendua,  abenduba.  bemerkenswerth  stim- 
men ostarua,  ostroa  zum  sl.  traven  und  lett.  lappu  mehnesis,  jorrailla 
zum  ags.  veodmönad,  mnl.  wedemaent,  agorilla  zum  ir.  lughnas, 
cemendia,  cemendila  zum  deutschen  louprisi,  sl.  listopad,  litth.  lap- 
kristis,  irailla  (von  iratzea  filix)  etwa  zum  poln.  wrzesien,  vorzüglich 
aber  beltzilla,  ilbalza  zum  kelt.  du,  midhu  und  dubhlachd,  mit  dem 
gewöhnlichen  schwanken  zwischen  nov.  dec.  und  jan.,  die  schwarze 
trübe  winterzeit  steht  auch  ohne  bezug  auf  das  ackerfeld  dem  hellen 
sommer  entgegen,  bei  ostarua  mai  wäre  sehr  erlaubt  an  den  deut- 
schen namen  des  aprils  östarmänot,  eosturmönad  zu  denken  und 
unsre  Ostara  Eostur  für  eine  laubgöttin  zu  halten. 

Ich  schliesze  diese  langen  reihen  mit  den  albanesischen  monats- 
namen  nach  Xylander,  bei  welchem  blosz  der  Januar  fehlt.  2  öxov'qu, 
3  jiaof,  4  tlqiX,  5  nd'C,  6  hoqi%,  7  Ioovccq,  8  yooti,  9  yoötoßdöxB, 
10  %l[iiTQL,  11  llfiiXi,  12  %UvÖQB.  für  3  4  5  8  die  römischen 
namen,  mit  aphaeresis  des  a  in  7cqIX  und  yoözi,  der  anhang  ßdöre 
105  in  yoöroßisOTB  scheint  einen  andern  oder  kleinen  august  zu  bezeich- 
nen. Ckovqti,  xoql%,  Xcjvccq  sind  eigen  und  mir  unverständlich,  die 
drei  letzten  monate  des  jahrs  heiszen  nach  heiligenfesten,  monat  des 
Demetrius,  Michel,  Andreas.  So  werden  sämtliche  ungrische  monate 
nach  kirchenfesten  genannt,  weshalb  sie  uns  nicht  anziehen:  1  böl- 
dog  aszszony'  hava  (seliger  frauenmonat),  2  böjt-elö-hava  (erste  faste), 
3  böjtmäs-hava  (andre  faste),  4  szent  György  hava,  5  pünküsthava, 
6  szent  Ivan  hava,  7  szent  Jakab  hava,  8  kisaszszony'  hava  (kleiner 
frauenmonat),  9  szent  Mihäly  hava,  10  mindszent  hava  (allerheiligen- 
monat),  11  szent  Andräs  hava,  12  karätson  hava  ( wettmacht  smonat). 
für  hava  (monat)  auch  die  kürzung  ho. 

Es  ist  eine  menge  von  analogien  sowol  in  der  wortgestalt  als 
in  dem  begrif  der  monatsnamen  unter  allen  europäischen  Völkern 
nicht  zu  verkennen;  aber  sie  tauchen  hier  und  da,  in  einzelnen  oder 
schnell  wieder  gebrochnen  reihen  auf,  und  sind  von  dem  massenhaften 
vordringen  der  römischen  monate  zu  unterscheiden,  wo  sie,  dem  räum 


MONATE  75 

und  der  zeit  nach  fern  von  einander  erscheinen,  ist  ihre  bedeutsam- 
keit  desto  anziehender. 

Unentlehnt  stehn  darum  ein  baskischer  beltzilla  und  bretagni- 
scher  du,  ein  baskischer  cemendila,  schweizerischer  loubrisi,  slavischer 
listopad,  ein  dänischer  ormemaaned  und  slavischer  cerwen,  und  wir 
dürfen  die  slavischen  monate  der  hirschbrunst  dem  gr.  elacptjßofacov 
zur  seite  stellen,  die  zeit,  wo  das  brüllende  thier  seine  stimme  er- 
schallen läszt,  dem  jährlichen  fest,  an  welchem  der  Artemis  die  hin- 
din  geopfert  wurde;  ein  andrer  hXdcpiog  fiel  den  Griechen  in  die  früh- 
lingsnachtgleiche.  noch  scheint  der  gr.  TCQOötQOTtiog  =  supplicatorius 
(Hermann  a.  a.  o.  75)  zu  zweifelhaft,  um  ihn  dem  sl.  bittmonat 
prosinetz  zu  vergleichen,  aber  die  ähnlichkeit  steigt,  wo  sie  buchstäb- 
lich wird,  wie  zwischen  dem  macedonischen  yoQmalog  von  yoQizij  = 
OQnrj  c(Q7trj,  lett.  zirpe  sichel  und  dem  slavischen  serpan,  srpen. 

Entspricht  der  litthauische  grodinnis,  polnische  grudzien,  slove- 
nische  gruden  augenscheinlich  unserm  hartmonat,  so  musz  die  laut- 
verschiebung  der  worte  schon  in  frühe  heidnische  zeit  gesetzt  wer-  106 
den,  wo  ein  theil  der  Deutschen  mit  Slaven  und  Litthauern  in  spräche 
und  sitte  manches  gemein  hatte,  ein  solcher  hartmänöt  könnte  noch 
Karl  dem  groszen  zu  ohren  gekommen  sein,  der  ihn  durch  wintarmänöt 
verdrängen  wollte,  aber  nicht  im  andenken  der  Völker  tilgen  konnte. 

Warum  sollten  nicht  andere  noch  gröszere  einstimmungen  statt- 
haft sein,  wir  sahen  den  goth.  jiuleis,  ags.  giuli  geola  der  Winter- 
sonnenwende zustehn  und  vom  nordischen  jul  aus  in  den  finnischen 
lappischen  joulu  vordringen;  sollte  er  nicht  auch  der  Sommersonnen- 
wende gerecht,  d.  h.  nichts  mehr  und  nichts  weniger  sein  als  der 
römische  Julius?  diesen  kühnen  schritt  habe  ich  schon  oben  durch  den 
einwand  wider  die  gewöhnliche  herleitung  vorbereitet,  dasz  das  auf- 
treten eines  kaisers  und  selbst  eines  vergötterten  neben  unsterblichen 
göttern,  deren  namen  die  vorausgehenden  monate  erfüllen*,  höchst 
unwahrscheinlich  bleibt.  Aber  es  kommen  noch  andere  gründe  hinzu, 
unter  den  cyprischen  monaten  steht  ein  lovfoog,  der  ausdrücklich  die 
zeit  vom  22.  dec.  bis  23.  jan.  umfaszt  (Hermann  s.  64),  mithin  genau 
zu  dem  ags.  geola  und  zu  der  Sonnenwende  auf  jultag  stimmt,  ich 
lasse  dahingestellt,  welche  jahrszeit  dem  lovMrjog  in  Aphrodisias  oder 
dem  kleinasiatischen  lovlalog  beizulegen  sei.  was  viel  wichtiger  scheint, 
auch  der  delphische  Ikalog  oder  ettalog,  den  man  schwerlich  mit 
Böckh  C.  I.  1,  814b  von  festlichen  Xkctig  oder  dkaig  leiten  darf,  fällt 
mit  der  zeit  des  attischen  8xaTO{ißsL(DV ,  d.  h.  dem  römischen  Julius 
zusammen  und  bestätigt  das  übergleiten  der  namen  von  einer  Sonnen- 
wende zur  andern,   schwanken  aber  gr.  monatsnamen  zwischen  ikalog 


*  bei  junius  ist  zu  zweifeln,  er  könnte  wie  junior  junix  zu  juvenis  ge- 
hören (vgl.  gal.  ogmhios  =  jungermonat)  ohne  dasz  darum,  wieBenfey  s.  224 
annimmt,  junius  und  majus  neutrale  comparativformen  wären,  was  durch 
flexion  und  genus  widerlegt  ist;  eher  liesze  sich  majus  als  männlicher 
positiv  eines  adj.  hören,  jedenfalls  wird  Junius  bereits  vor  dem  ersten  consul 
Junius  Brutus,  auf  den  man  ihn  hat  ziehen  wollen,  eigenname  gewesen  sein. 


76  MONATE 

lovXaiog  lovttrjog  lovhog,   so  mag  auch   ein  altrömischer  Julius  ge- 

107  gölten  haben,  dessen  berührung  mit  dem  julischen  geschlecht  statt 
fand  oder  nicht.  Höchst  gezwungen  wäre  es,  unsre  gothischen  säch- 
sischen nordischen  namen,  die  noch  heidnischen  beischmack  haben, 
aus  dem  uns  Deutschen  durch  die  kirche  zugebrachten  römischen 
calender  herzuleiten,  und  für  die  winterzeit  müste  man  sogar  auf 
ferne  wenig  bekannte  griechische  menologien  zurückgehn. 

Was  nun  bedeuten  diese  namen  jiuleis  geola  juli  Julius  lovhog 
lovXaiog  Ikaiog,  deren  Übereinkunft  nach  dem  grundsatz  der  unwan- 
delbarkeit des  J  und  L  in  allen  urverwandten  sprachen  nicht  ver- 
wundern kann  ?  ich  glaube  nichts  anders  als  sonnenmonat,  nach  dem 
sonnenrad  selbst,  dessen  zeichen  0  sigil  sagil  sauil  sol  und  ijkiog, 
zugleich  aber  hveol,  hvel,  hiul  ausdrückt  (mythol.  s.  664),  dem 
die  ags.  formen  geohol,  geo],  geola  unmittelbar  nahe  treten,  auf 
ähnliche  weise  verhalten  sich  lovXaiog*  und  iXalog  und  es  verdient 
bemerkt  zu  werden,  dasz  der  baskische  ausdruck  ilä  oder  illä  mensis 
zu  ikiog  gehören  mag,  wie  gr.  pijv  zu  fiijvrj,  ags.  mönad  zu  möna 
oder  finn.  kuu  beides  luna  und  mensis  bezeichnet.  Für  alles  dies 
soll  noch  eine  neue  bestätigung  gewähren,  dasz  unter  den  zendischen 
monaten  der  siebente  wiederum  mithra  d.  i.  sonne  heiszt,  und  im 
altpersischen  jähr  unserm  december,  im  neupersischen  unserm  Sep- 
tember zu  entsprechen  scheint**. 

War  aber  der  lateinische  Julius  nicht  nach  Julius  Caesar  ge- 
nannt, so  kann  es  augustus  ebensowenig  sein  nach  Augustus,  und 
die  gleichheit  der  ausdrücke  augustus  und  auctumnus  scheint  durch 
die  einstimmigen  deutschen  und  nordischen  namen  des  achten  monats 
ougest  oust,  öghest  öst,  haust  höst,  so  wie  das  welsche  oder  bretag- 
nische  aust  eaust  bestärkt,  obschon  diese  unsern  ältesten  denkmälern 
abgehn  und  darum  an  sich  römischer  abkunft  sein  dürften. 

108  Niemand  wird  glaublich  finden,  dasz  der  name  des  siebenten 
lateinischen  monats  für  unsern  nov.  oder  dec.  geborgt  worden  sei, 
vielmehr  musz  ihre  identität  auf  einer  Urgemeinschaft  beruhen,  die 
auch  im  cyprischen  lovhog  vorbricht ;  erst  späterhin  konnten  junius 
und  Julius  neben  einander  wirklich  entlehnt  werden,  um  unsern 
brächot  und  houwot  zu  vertreten. 

Wie  also  hartmonat  und  gruden  auf  unvordenkliche  berührung 
zwischen  Deutschen  und  Slaven,  so  müssen  für  eine  noch  ältere 
zwischen  Deutschen  Römern  und  Griechen  jiuleis  Julius  lovhog  lov- 
kalog  als  unanfechtbare  zeugen  gelten. 

Einzelne  monatsnamen,  vorzüglich  die  für  den  februar  angeführ- 
ten (hornunc,  sporkel,  sille,  göi,  sjetschen,  luty,  kaimala),  auszerdem 
einige  für  den  Januar  (bärmänet,  volborn,  lasemand,  laumaent,  glug- 


*  i'ovloq  oder  ovXoq  hiesz  korngarbe  und  davon  Demeter  selbst  'lovkoj 
OvXct),  ich  weisz  nicht  ob  in  irgend  einem  bezug  auf  den  gipfel  des  som- 
mers ?  es  bedeutete  auch  milchhaar,  woraus  man  Julius  deutet. 
**  Benfey  und  stern  alte  monatsnamen  s.  69.  155. 


MONATE  77 

maaned,  prosinetz)  bleiben  noch  in  dunkel  gehüllt;  aus  ihrer  ge- 
lingenden deutung  würde  sich  mancher  aufschlusz  ergeben,  auch  der 
gr.  öaiöiog,  den  man  epularis  auslegt,  gehört  dem  febr.  an. 

Den  character  von  Volksfesten  scheinen  auszer  den  griechischen 
monaten  zunächst  die  keltischen  baskischen  und  deutschen  kundzu- 
geben, minder  die  slavischen  litthauischen  und  finnischen.  Auf  den 
ags.  geola  fiel  die  feier  der  Wintersonnenwende  und  der  vorhergebende 
blötmönad  zeigt  schon  im  namen  ein  groszes  opferfest  an,  das  auch 
die  spätere  benennung  schlachtmonat  deutlich  zu  erkennen  gibt;  man 
darf  den  gr.  ßovcponcov  und  sxctTOfißcucov  hinzuhalten,  bei  dem  ags. 
solmönad  ist  Bedas  älteste  deutung  zu  wahren,  die  kuchen  waren 
sicher  opferfladen  und  gemahnen  an  die  ahd.  österstuopha  (RA.  s. 
298);  der  haber,  gersten  und  bohnenmonat  an  den  gr.  Ttvaveiptcav 
und  an  die  Ttvavttfjla,  wo  ein  gericht  von  bohnen  und  graupen  ge- 
kocht ward;  sogar  sept.  oder  oct.  stimmen,  während  der  bask.  ba- 
guilla  und  garagarilla  in  den  juni  zurück  treten,  das  christliche 
auf  dreikönigstag  gelegte  bohnenfest  und  die  im  kuchen  verbackne 
bohne  fordert  rücksicht,  denn  beim  keltischen  Bealtuin  erscheint  das- 
selbe backen  und  austheilen  des  opferkuchens  (mythol.  s.  579);  unsere 
opferfeste,  mai  und  sonnenwendfeuer  werden  ähnlicher  brauche  nicht  109 
ermangelt  haben,  hängt  mit  bealtuin  unser  folmonat  zusammen,  so 
wechseln  wieder  frühlings  und  herbstfeste;  dem  altn.  porri  und  göi 
werden  nach  ausdrücklicher  sage  heidnische  opfer  untergelegt. 

Eästormönad  Ostarmänot  Hredmönad  und  Redmänet,  Bealtuin 
und  vielleicht  Folmänet  leiten  auf  göttliche  wesen  selbst,  wie  die  gr. 
Ilo(j£idEG)V  *Aqz Efiio ico v  und  vielleicht  alle  sechs  ersten  monate  des 
römischen  calenders,  bei  den  Slaven  der  einzige  zweifelhafte  Siban; 
doch  mögen  die  heiligen  der  ungrischen  und  einzelner  lettischen 
monate  verglichen  werden,  deren  feste  an  die  stelle  heidnischer  göt- 
terfeste getreten  sind,  ich  weisz  nicht  ob  die  isländische  annähme 
eines  Odinsmänadr  alte  beglaubigung  hat. 

Es  wird  zulässig  sein  zwischen  monatsfesten  und  naturanschauung, 
wie  sie  vielen  monatsnamen  zum  gründe  zu  liegen  scheint,  einen 
wirklichen  Zusammenhang  anzunehmen,  da  jene  feste  unstreitig  selbst 
auf  naturerscheinungen  der  einzelnen  jahrszeiten  bezug  hatten,  wenn 
auch  göttercultus  vortritt,  der  seinerseits  mit  dem  naturleben  innig 
verknüpft  ist.  Die  slavischen  monate  sind  entweder  ein  niederschlag 
altheidnischer  feste  oder  noch  die  einfache  grundlage,  auf  welcher 
bei  andern  Völkern,  voraus  den  Griechen,  heitere  Volksfeste  sich  ge- 
stalteten. 

Erwägt  man  mit  welchem  entzücken  der  mai  empfangen  wurde, 
so  schlieszt  dieser  name  schon  alle  wonne  in  sich,  die  bei  einem  lust 
oder  blumenmonat  denkbar  ist,  im  brzozol  flieszt  der  birkensaft,  im 
traven  wächst  das  gras,  im  lipiec  blüht  die  linde,  und  im  wrzesien 
bedeckt  sich  die  heide  mit  rother  blute;  mir  ist  unbekannt,  warum 
auch  der  Baske  seinen  irailla  in  den  herbst  legt,  da  alle  andern 
Völker  das  farnkraut  in  geheimnisvoller  Johannisnacht  blühen  lassen 


78  MONATE 

(mythol.  s.   1160.  1161)  und  die  lettischen  Jahnu  dseesmas  von  pa- 
pardi  voll  sind,     die  heiligkeit  der  lotuspflanze  läszt  aber  kaum  Zwei- 
fel, dasz  schon  der  indische  monat  kaumudl  festlichen  begang  hatte. 
Gibt  des  kukuks  geschrei  dem  mai  den  namen,    so  fällt  es  auf 

110  dasz  merz  und  april  nirgend  nach  dem  storch  und  der  schwalbe 
heiszen,  deren  Wiederkehr  dem  volk  frühlingseintritt  bezeichnet.  Die 
Litthauer  und  Letten  nennen  febr.  und  merz  nach  dohlen  und  tau- 
ben, die  Lappen  merz  und  apr.  nach  schwanen  und  krähen,  nach 
dem  brüllenden  hirsch  heiszen  herbstmonate,  nach  dem  raubenden  wolf 
wintermonate,  nach  dem  stier  blosz  die,  in  welchen  er  als  opfer  fällt. 

Alle  nach  gras,  kraut  und  bäum  oder  der  heuschrecke  genann- 
ten monate  sind  schon  aus  dem  hirtenleben  entsprungen,  während 
die  von  ernte,  sichel,  haber,  stroh  und  gefrorner  schölle  entnommnen 
dem  ackerbau  angehören,  die  Slaven,  bei  welchen  jene  überwiegen, 
haben  dennoch  bereits  ihren  serpen  und  gruden.  Ganz  nomadisch 
klingt  aber,  wenn  alpenhirten  ihren  ochsen  die  namen  horni,  merzi, 
laubi,  lusti  zulegen,  jenachdem  sie  im  hornung,  merz,  laubmonat 
oder  lustmonat  geworfen  waren,  wie  sie  ihre  kühe  nach  tagen  zu 
benennen  pflegen  (Schm.  1,  322).  seinen  Ursprung  aus  dem  hirten- 
alter  kann  auch  der  ags.  name  jsrimilei  nicht  verleugnen,  vorzugs- 
weise rechnen  die  Lappen  nach  ihrem  rennthier,  das  vor  alters  tiefer 
in  europa  verbreitet  war  und  dessen  brunstzeit  einen  monat  vielleicht 
ursprünglicher  als  die  des  wilden  hirsches  bezeichnete  (vgl.  s.  101). 
In  den  keltischen  namen  ist,  wie  in  den  römischen,  gar  kein  bezug 
auf  thiere  und  pflanzen;  sie  fallen  dem  Zeitalter  des  ackerbaus  zu, 
denn  auch  der  kalbsmonat  darf  diesem  angehören*. 

Das  verschieben  der  monatsnamen,  an  sich  schon  ähnlich  dem 
der  einzelnen  benennungen  für  metall,  vieh  und  getraide,  wird  noch 
unmittelbar  veranlaszt  durch  einflusz  der  mondjahre  auf  sonnenjahre, 
durch  schaltmonate  und  climatische  abweichung.  laubfall  mag  bald 
in  oct.  bald  november,  harter  frost  sowol  in  nov.  dec.  und  jan.  ge- 
setzt werden,  danach  aber  die  benennung  wechseln  und  folgende 
monate  mit  verrücken. 

Hervorzuheben  ist  die  Verknüpfung  zweier  oder  auch  dreier  mo- 
nate hintereinander  mit  demselben  namen,  wie  sie  aus  ursprünglicher 

111  Zerlegung  des  ganzen  jahrs  in  sechs  oder  vier  theile  übrig  geblieben 
zu  sein  scheint,  so  kam  bei  den  Angelsachsen  ein  doppelter  lida 
(für  das  auch  sonst  gekuppelte  paar  des  junius  Julius,  brächot  houwot 
oder  der  beiden  resaillemois)  und  ein  doppelter  geola  vor,  mhd.  ein 
doppelter  ougest,  doppelter  wintermonat,  dreifacher  herbstmonat;  jan. 
und  febr.  sind  noch  späterhin  als  groszer  und  kleiner  hörn  geschieden, 
ja  einigemale  finden  wir  den  zweiten  monat  als  frau  des  vorausgehen- 
den dargestellt  und  auf  sporkel  eine  spörkelsin,  auf  ougest  eine  öugstin 
folgen.  Nicht  anders  ergab  sich  unter  den  Slaven  ein  kleiner  und 
groszer  traven,  kleiner  und  groszer  serpan,  also  mit  vorausgang  des 

*  die  Kalmüken  haben  einen  mäusemonat  und  einen  rindermonat. 


MONATE  79 

kleinen,  während  unser  kleiner  horning  nachfolgt ;  auch  die  Lüneburger 
Wenden  sandten  einen  ersten  wintermonat  als  September  dem  andern 
im  dec.  eintretenden  voraus,  nach  slavischer  rangordnung  hingegen 
gieng  der  kleine  cerwen  dem  groszen  cerwenec  voran.  Etwas  ähn- 
liches findet  in  dem  keltischen  midu  und  michrundu  für  nov.  dec  ,  ephan 
sommer  und  gorephan  hauptsommer  für  juni  juli*,  im  alban.  yoört 
und  yoötoßisore  für  august  und  September  statt.  Mir  ist  die  paa- 
rung  ein  zeuge  hohen  alterthums.  der  attische  calender  schob  im 
Schaltjahr  einen  andern  noöeidecjv  hinter  dem  ersten  ein,  wie  die 
Juden  nach  ihrem  adar  einen  veadar,  andern  adar.  das  arabische 
mondenjahr  zeigt  aber  noch  regelmäszig  sechs  seiner  monate  paar- 
weise verbunden :  rebi  el  avvel  und  rebi  el  accher,  dschemädi  el  avvel 
und  dschemädi  el  accher,  dsulkade  und  dsulhedsche.  das  syrische 
jähr  hat  einen  theschrin  I.  II  und  khanun  I.  II  aufzuweisen,  wäh- 
rend im  persischen  und  jüdischen  calender  diese  paarung  verloren 
ist.  sie  waltet  aber  vorzüglich  in  der  indischen  Zerlegung  des  jahrs 
in  sechs  theile,  deren  jeder  zwei  gewöhnlich  schon  im  namen  ver- 
knüpfte monate  aufzuweisen  hat,  nemlich  vasanta  frühling  die  monate 
madhumeth,  honig  und  mädhavahonigsüsz ;  grischma  sommer  die  monate 
shukra  den  hellen  und  shukhi  den  glänzenden;  varscha  regenzeit  die  112 
monate  nabhas  wölke  (lat.  nubes,  sl.  nebo  wolkenhimmel)  und  nab- 
hasja  den  wolkigen;  sarad  schwüle  zeit  die  monate  ischa  und  ürgha 
den  nährenden;  hemanta  winter  die  monate  sahas  kraft  und  sahasja 
den  kräftigen;  sisira  thauzeit  die  monate  tapas  wärme  und  tapasja 
den  warmen,  in  diesem  verhalten  der  namen  tapas  tapasja,  nabhas 
nabhasja,  sahas  sahasja,  mahdu  mädhava  liegt  etwas  analoges  mit 
dem  in  sporkel  spörkelsin,  ougest  öugstin,  gosti  gostobieste,  cerwen 
Cerwenec  und  die  angeführten  sanskritnamen  scheinen  volksmäsziger 
als  die  gelehrten,  für  die  äditjas  festgesetzten,  wie  durch  Zerlegung 
des  indischen  jahrs  in  sechs  Zeiträume  die  unmittelbar  daraus  her- 
vorgehende weitere  unseres  alterthums  in  drei  jahrszeiten  willkommen 
gerechtfertigt  wird,  bei  den  von  milde,  helle  und  wärme  der  zeit 
entnommnen  namen  darf  man  sich  an  die  schwarzen  wintermonate 
der  Kelten,  an  den  trocknen  suchyi  der  Slaven,  sausis  der  Litthauer, 
searmönad  der  Angelsachsen,  agorilla  der  Basken  und  umgekehrt  an 
den  lida  der  Angelsachsen,  blida  der  Schweden  erinnern,  ja  mädhava 
und  Jwimilci  sind  die  monate,  in  denen  milch  und  honig  flieszt. 

Die  zendischen  und  persischen  monatsnamen,  welche  sich  nach 
dem  babylonischen  exil  auch  über  Palästina  und  Syrien  verbreiteten  **, 
haben  ein  von  dem  unserer  europäischen  völlig  verschiednes  ansehn, 
und  das  wird  gerade  für  den  zweck  meiner  Untersuchungen  bedeutend. 


*  selbst  die  Zigeuner,  deren  monatsnamen  Pott  1,  116  angibt,  nennen 
junius  und  Julius  mit  den  verwandten  namen  nutibe  und  nunutibe. 

**  in  Benfeys  und  Sterns  abh.  über  die  monatsnamen  einiger  alter  Völ- 
ker, Berlin  1836  ist  scharfsinnig  dargethan,  dasz  alle  hebräischen  monats- 
namen unsemitisch  und  aus  den  persischen  entnommen  sind. 


80  MONATE 

in  ihnen  walten  personificationen  göttlicher  eigenschaften  und  de- 
mente, amschaspands,  izeds,  fervers  geheiszen,  die  sich  mit  jenen 
indischen  äditjas  zu  berühren  scheinen,  aber  nichts  von  den  sinnlichen 
bezügen  auf  natur  und  volkssitte  an  sich  tragen,  wodurch  die  grie- 
chischen, deutschen  und  übrigen  europäischen  monatsnamen  ausge- 
zeichnet sind,  blosz  für  den  siebenten  monat  mithra  (sonne),  auf 
welchen  äpö  (wasser)  und  ätar  (feuer)  als  achter  und  neunter  folgen, 
113 glaube  ich,  wie  vorhin  ausgeführt  wurde,  einen  nachhall  in  Julius 
und  jiuleis  zu  entdecken,  der  fernstes  alter  und  längste  dauer  kund 
gibt*,  neben  dieser  einzigen  ausnähme  musz  ein  nachwirkender  Zu- 
sammenhang unsrer  monatsnamen  mit  den  indischen  sechs  jahrszeiten 
und  der  daraus  flieszenden  paarung  je  zweier  monate  anerkannt  wer- 
den; alle  ihre  übrige  besonderheit  scheint  erst  unter  den  urver- 
wandten Völkern,  in  früher  gemeinschaft ,  auf  europäischem  boden 
neu  entfaltet,  aber  nicht  nur  in  das  volle  heidenthum,  sondern  weit 
über  den  beginn  unsrer  Zeitrechnung  hinaus  zu  reichen. 

Siegreiche  Völker  trugen  ihre  monatsnamen  zu  den  abgelegensten 
strecken,  Perser,  Araber  und  Römer,  der  römische  calender  mit 
seinen  vier  blosz  zählenden,  in  der  Ordnung  verrückten  namen  hat 
allmählich  in  ganz  Europa  die  heimischen,  groszentheils  schönen  und 
sinnigen  benennungen  verdrängt.  Jeglicher  auskunft  über  skythische 
thrakische  getische  monate  ermangeln  wir  ganz,  und  schon  die  ge- 
ringste würde  hohen  werth  haben. 


*  ätar  ist  der  zweite  monat  nach  mithra,  Bealtuin  geht  aber  der 
Sonnenwende,  Osterfeuer  dem  Johannesfeuer  um  gleich  viel  zeit  voraus. 
Aus  Mommsens  osk.  stud.  s.  86  sei  hier  noch  nachgeholt,  dasz  Osken  und 
Sabinern  der  Majus  Maesius,  der  Junius  Flusalis  =  Floralis  hiesz  von 
Flusa  =  Flora,  welcher  er  heilig  war.  das  oskische  rosenfest  fiel  in  den 
juni,  das  römische  in  den  mai.  darf  aus  Maesius  eine  oskische  göttin  Mae- 
sia  für  Maja  gefolgert  werden?  vgl.  Caesius  und  Cajus,  ahd.  pläsan,  pläjan. 


VII. 
GLAUBE  RECHT  SITTE. 


Schon  haben  wir  boden  gewonnen.  Völker  die  in  einfachen  114 
brauchen  des  hirtenlebens,  der  jagd  und  des  ackerbaus,  in  wieder- 
kehrenden jahresfesten  und  in  ihrer  naturanschauung,  oft  mit  den 
feinsten  zügen  übereinstimmen,  müssen  allenthalben  diesen  Zusam- 
menhang in  glauben,  recht  und  sitte  bewähren:  es  ist  freie  gemein- 
schaft,  die  auch  grosze  abweichung  und  Verschiedenheit  leidet.  Aus 
einer  unübersehlichen  menge  von  gegenständen  sollen  hier  nur  solche 
hervorgehoben  werden,  die  grundlage  und  Übergänge  dieser  anstalten 
erkennen  lassen. 

So  lange  die  menschen  in  der  ofnen  natur  und  den  wäldern 
lebten,  wurde  auch  der  götter  aufenthalt  und  jeder  verkehr  mit 
ihnen  an  keine  andre  statten  gelegt,  es  gab  allerwärts  dunkle  haine, 
in  deren  tiefem  schauer,  heilige  berge,  auf  deren  unnahbarem  gipfel 
man  sich  die  gottheit  wohnend  dachte,  geweihte  priester  hatten  den 
zugang ;  das  gesamte  volk  nur  an  tagen,  wo  der  gott  zu  erscheinen 
pflegte,  wo  ihm  feierliche  gaben  dargereicht  wurden. 

Das  opfer  geschah  an  bestimmter  dafür  ausersehner  stelle,  un- 
ter hehrem  bäum  wurde  rasen  erhöht,  ein  tisch  gesetzt,  ein  stein 
errichtet. 

Wenn  die  lateinische  ara,  wie  Macrobius  sat.  3,  2  nach  Varro 
meldet,  früher  asa  und  ansa  lautete,  weil  sie  von  opfernden  und  schwö- 
renden mit  der  hand  angerührt  wurde  (aram  tenere,  tangere);  so  115 
scheint  unsere  alte  spräche  einen  auffallend  ähnlichen  ausdruck  darzu- 
bieten, das  goth.  ans,  altn.  äs,  schwed.  äs,  dän.  aas  bedeuten  nem- 
lich  doxog,  trabs,  internodium  lignorum,  und  litth.  asa,  lett.  ohsa 
gleichfalls  was  lat.  ansa.  es  wäre  ein  handhäbiger  baumstamm,  in 
tisches  weise  aufgestellt  und  zum  opfer  eingerichtet,  vielleicht  mit  gras 
belegt,  bald  aber  auch  von  steinen  erbaut ;  wer  gedenkt  nicht  der  von 
Tacitus  erwähnten  trunci  in  germanischen  hainen?  altare  bezeichnet 
hingegen  ein  höheres  gerüste,  steingemauert  und  tuchbehangen,  etwa 
was   ahd.  höhsedal  heiszt,  thronus,   und  ihm  gleicht  gr.  ßw^iog,  ein 

Grimm,  geschickte  der  deutschen  spräche.  Q 


82  GLAUBE 

erhöhter  ort,  ßrj[ia  von  ßcciva,  zu  welchem  man  aufstieg,  dies 
altare  gieng  über  in  die  Vorstellung  von  pulvinar  und  lectisterniura, 
goth.  badi,  ahd.  petti,  gotapetti  lectus,  pulvinar  templi,  ags.  veohbed, 
vihbed,  später  veofed  altare  (mythol.  s.  59). 

Ohne  zweifei  gab  es  noch  manche  andere  ausdrücke,  die  wegen 
ihres  heidnischen  anklangs  durch  das  christliche  altäri  (Graff  1,  247) 
verdrängt  wurden.  Ulfilas  verdeutscht  ftv6iuG%i]Qiov,  wo  die  vulg. 
altare  setzt,  mit  dem  umschreibenden  hunslasta|)s.  unserm  alterthum 
mag  biuds,  ursprünglich  opfertisch  (von  biudan  offerre),  ahd.  piot, 
hernach  überhaupt  tisch,  mensa  bezeichnet  haben,  wie  schon  im 
salischen  gesetz  beudus.  litth.  ist  stalas  mensa,  diewstalas  altare, 
gottestisch,  poln.  stol,  böhm.  stül  mensa;  goth.  stöls,  ahd.  stuol  nur 
sella,  thronus.  entschieden  heidnisch  scheint  aber  das  altn.  stalli 
ara  deorum,  pulvinar,  von  dessen  röthen  und  mit  blut  bestreichen 
in  den  sagen  geredet  wird;  blöta  ä  stallhelgum  stad  heiszt  Saem. 
11  lb  auf  heiligem  altar  opfern.  Bedeutsam  wird  ahd.  haruc,  das 
sonst  den  heiligen  hain  ausdrückt,  einmal  für  ara  gesetzt,  denn  auch 
die  altn.  hörgar  waren  nicht  blosz  idola  sondern  zugleich  arae  deorum. 

Insofern  dies  haruc,  ags.  hearg,  altn.  hörg  auszer  lucus  auch 
saxetum,  saxum  bezeichnet,  möchte  ich  ihm  das  welsche  careg  lapis, 
ir.  carraig  saxum  zur  seite  stellen,  die  keltischen  Völker  scheinen 
den  steincultus  vorzugsweise  entfaltet  zu  haben  und  ihre  sprachen 
116  zeigen  noch  verschiedne  namen  für  steinaltäre,  so  ir.  carn  oder  carnail 
steinhaufe,  auf  welchem  das  balteine  entzündet  wurde,  carnach 
cairneach  ein  priester;  cromleac  ein  altar,  von  leac  stein,  welsch 
llech;  ir.  maghadhair  heiliges  steinfeld;  ir.  doch,  gal.  dach  stein, 
clachbrath  heiliger  stein;  in  der  Bretagne  sind  die  benennungen 
dolmen  und  menhir  hergebracht.  Aus  den  lettischen,  slavischen, 
finnischen  sprachen  kenne  ich  kein  einheimisches  wort  zur  bezeich- 
nung  dieses  begrifs,  überall  herscht  der  christliche  ausdruck;  das 
böhm.  ob&tnice  (von  obetowati  opfern)  umschreibt  blosz. 

Die  götter,  im  wald  und  auf  der  berghöhe  gegenwärtig,  bedurf- 
ten keiner  gebauten  wohnung,  keines  sie  darstellenden  bildes.  am 
deutlichsten  hat  das  Tacitus  von  den  Germanen  ausgesprochen:  cete- 
rum  nee  cohibere  parietibus  deos,  neque  in  ullam  humani  oris  spe- 
ciem  assimilare  ex  magnitudine  coelestium  arbitrantur:  lucos  ac 
nemora  consecrant,  deorumque  nominibus  appellant  secretum  illud, 
quod  sola  reverentia  vident.  nur  bäume  hegten  den  gott  und  über 
bäumen  stand  der  himmel  offen. 

Als  aber  allmählich  feste  nied erlassungen  erfolgten,  und  der  fried- 
liche ackerbauer  selbst  ein  haus  bezogen  hatte,  lag  der  gedanke  nah, 
auch  für  die  götter  bleibende  wohnstätten  zu  errichten,  und  aus  feier- 
lichen steinkreisen  auf  dem  waldgebirg  giengen  höfe  oder  tempel  her- 
vor. Die  ältesten  ausdrücke  unserer  wie  der  griechischen  spräche  für 
tempel  können  sich  von  dem  begrif  des  heiligen  hains  noch  nicht  los- 
reiszen,  sondern  gehen  von  diesem  aus  und  erst  unmerklich  in  die 
Vorstellung   einer  steinerbauten   statte  über:  wih,  bearo,  haruc,  alah 


GLAUBE  83 

(mythol.  s.  57  —  59),  lat.  nemus,  gr.  tefievog  und  ccköog.  Abgezog- 
ner ist  vaog,  das  von  vulat  abstammt  und  dem  skr.  niväsa  domus 
verglichen  wird,  wie  lat.  aedes  und  domus  auch  auf  geweihte  bauten 
anwendung  leiden,  und  dc5[ia  sl.  dorn,  böhm.  dum,  gleich  unserm 
hüs,  haus,  wohnung  der  menschen  und  götter  bezeichnen  darf*,  ein 
gehegter  räum  aufwiesen  und  auen,  welchen  man  unter  hof  (x^jrog?) 
verstand,  ungefähr  mit  dem  begrif  der  lat.  aula,  scheint  in  unsrerin 
spräche  der  älteste  name  für  einen  solchen  göttlichen  aufenthalt,  und 
auch  dabei  hängt  die  Vorstellung  eines  gartens  und  seiner  baumgänge 
noch  mit  dem  tiefeingeprägten  waldleben  zusammen. 

Mir  fällt  ein,  dasz  unsere  volkssagen  von  kirchen  und  teufels- 
bauten  reden,  deren  giebel  offen  bleibe,  nicht  geschlossen  werden 
könne,  ist  das  noch  eine  spur  von  jenem  non  cohibere  parietibus 
deos?  es  sollte,  seitdem  man  gotteshäuser  mauerte,  wenigstens  oben 
im  dach  ein  loch  für  den  eingang  und  ausgang  des  gottes  gelassen 
werden.  Festus  berichtet:  Terminus  quo  loco  colebatur,  super  eum 
foramen  patebat  in  tecto,  quod  nefas  esse  putarent  Terminum  intra 
tectum  consistere,  und  auch  Ovid  sagt  vom  Terminus  fastor.  2,  669 : 

nunc  quoque,  se  supra  ne  quid  nisi  sidera  cernat, 
exiguum  templi  tecta  foramen  habent**. 

ist  dies  nicht  die  einfachste  deutung  der  griechischen  hypaethraltempel 
mit  dem  freien  räum  über  dem  altar,  den  die  gebildete  baukunst  für 
ihre  zwecke  hernach  anzuwenden  wüste?  Festus  enthält  folgendes: 
Scribonianum  appellatur  antea  atria  puteal,  quod  fecit  Scribonius,  cui 
negotium  datum  a  senatu  fuerat,  ut  conquireret  sacella  attacta.  isque 
illud  procuravit,  quia  in  eo  loco  attactum  fulmine  sacellum  fuit,  quod 
ignoraverant  contegere,  ut  quidam,  fulgur  conditum,  quod  cum  scitur, 
quia  nefas  est  integi:  semper  foramine  ibi  aperto  coelum  patet;  wo 
der  himmlische  strahl  eingefahren  war,  sollte  nicht  wieder  gedeckt 
werden.  Ein  merkwürdiger  brauch  des  keltischen  alterthums  soll  uns 
was  den  Vorstellungen  eigentlich  zum  gründe  liegt  bestätigen;  man 
deckte  den  oben  geschlossenen  tempel  einmal  alljährlich  ab,  um  der 
gottheit  ihren  freien  ausgang  zu  wahren:  e&og  ö'  elvai  um  hviavrbv 
anah,  tb  lsqov  äizoöTsyd&ö&cciy  xai  öTtyd&ö&ai  nakiv  avd'rj^SQOV 
TtQO  dvöeag,  Mccörqg  cpoQtiov  litMptQovörig.  ?}g  d'civ  smiböol  to 
cpoQtiov,    dLaönccö&ca*  xav%y\v    vnb    tcov    aXkcov.     cpEQOVöccg   ds   tä 

H8Q7]     718QI     TO     18QOV    {lEt      BVaÖ^lOV,     [17]     TtCCVSöftcU    71QOTBQOV,     ItQlV 

TtavöcovTcci  trjg  hjx%r\g.  äel  öl  6v[ißodv8LV,  Söts  Viva  s^ninTStv  ns 
ty]v  tovto  Jt8i6o^ev7]v.  Strabo  4,  4  pag.  198.  es  waren  namne- 
tische  frauen,  in  deren  tempel  kein  mann  treten  durfte,  die  gefahr 
beim  hinfallen  des  zugetragnen  bausteins  gemahnt  an  die  heiligkeit 
des  semnonischen  hains,  in  welchem  nicht  ungestraft  niedergefallen 
werden  durfte,  ich  meine  gelesen  zu  haben,  dasz  noch  heute 
in   einzelnen    catholischen   kirchen    auf   himmelfahrt    oder   pfingsten 

*  ganz  verschieden  das  goth.  doms,  ahd.  tuom,  Judicium. 
**  vgl.  Serv.  in  Virg.  Aen.  9,  448. 


84  GLAUBE 

ein  räum  der  bühne  oder  des  thurrns  eröfnet  wird  zur  freien 
ausfahrt. 

Schon  Tacitus  thut  bei  den  Germanen  einiger  örter  meidung, 
die  bestimmten  göttern  geweiht  waren,  es  ist  schwer  zu  sagen,  ob 
er  sich  darunter  nur  heilige  haine  oder  bauten  dachte,  den  Marsen, 
wahrscheinlich  auch  Chatten  und  Cheruskern  zugleich  gehörte  das 
celeberrimum  templum,  quod  Tanfanae  vocabant,  Tanfana  brauchte 
keine  göttin  anzuzeigen,  es  könnte  der  hain,  die  aufgerichtete  baum- 
seule  sein,  unserer  Irmansül  vergleichbar*;  ich  werde  jedoch  später- 
hin eine  andere  deutung  mittheilen,  die  mir  vorzüglicher  scheint, 
bei  den  Naharvalen  fand  sich  ein  hain,  wo  man  ein  brüderpaar 
unter  dem  namen  Alx  oder  Alces  verehrte,  welchen  ich  mit  alah, 
der  benennung  des  heiligen  waldes  zusammenzustellen  gesucht  habe, 
merkwürdig  ist  mir,  dasz  Toxaris  bei  Lucian  einer  ehernen  seule 
(öttjlrjg  %akxrjg)  im  skythischen  'Oqeözeiov  gedenkt,  das  dem  Orestes 
und  Pylades  geweiht  war,  über  deren  cultus  bei  den  Skythen  auch 
sonst  nachrichten  vorhanden  sind;  doch  heimische  heldenbrüder  und 
götter  der  Skythen  wie  der  Germanen  konnten  Griechen  und  Römer 
auf  Orestes  und  Pylades,  Castor  und  Pollux  deuten.  Toxaris  fügt 
hinzu:  xal  xovvo^ia  eni  Tovzoig  avzc5v  ad-s^&a,  KoQcixovg  xccteiö&cu. 

ZOVZO    ÖS    löZLV    Iv    zf]    tf{l£T8QCC     CpCDVJj    CDÖ718Q    CCV    81    Zig    Af/Ot     CplllOL 

öcdfioveg.     es  ist  verwegen  diese  koqcckoi  durch   harugä,   hörgar  zu 
deuten  und  ihnen  sogar  die  alces  gleichzusetzen;  freundschaftsgötter 
waren  sie  immer,  wenn  es  auch  nicht  im  namen  lag,  und  das  konnte 
der  berichterstatter  verwechseln. 
119  Im  ganzen  heidenthum  treten  trilogien  der  hauptgötter  vor,  die 

ich  zur  Übersicht  aufstelle  und  nicht  gleichgültig  nach  dem  dritten, 
vierten  und  fünften  Wochentag  ordne: 

lat.     Mars  Mercurius  Jupiter 

gr.     "Jgrjg  'Eq^S  Zsvg 

kelt.  Hesus  Teutates  Taranis 

ahd.   Zio  Wuotan  Donar 

altn.  T£r  Odinn  Thörr 

sl.      Svjatovit  Radigast  Perun 

litth.  Pykullas  Potrimpos  Perkunas 

ind.  Siva  Brahma  Vishnus 

einzelnes  kann  bestritten  werden,  es  ist  die  kriegerische,  schöpferische 
und  donnernde  (erdbefruchtende)  gewalt;  der  name  schwankt  aus  einer 
reihe  in  die  andere,  wie  wir  es  bei  den  metallen,  thieren  und  fruch- 
ten wahrgenommen  haben,  angenommen  dasz  Donar  bei  älteren  deut- 
schen Völkern  Fairguneis  hiesz,  der  erde  söhn,  wie  Thörr  ausdrücklich 
Fiörgyns  söhn,  so  ergibt  sich  ein  unmittelbares  Verhältnis  zwischen 
Fairguneis  Perkunas  Perun  bei  den  Völkern,  welchen  silubr  sidabras 
srebro,  qairnus  girna  zerna  gemeinschaftlich  war,  aber  bedeutend  ver- 


*  Wh.  Engelb.  Giefers  hat  das  neulich  in  einer  lesenswerthen  abhand- 
lung  aufgestellt. 


GLAUBE  85 

stärkt  wird  die  einstimmung,  wenn  xeQccvvsiog  und  Taranis  mit  Über- 
gang der  anlaute  auch  buchstäblich  zu  Perun  treten,  so  dasz  Donar 
und  Tonitrus  nur  Versetzung  desselben  namens  scheinen*.  Perkunas, 
Fairguneis  sind  für  ein  hirtenvolk  der  vater  auf  dem  waldgebirg  (fair- 
guni) ;  noch  spät  dachte  sich  der  Nordländer  seinen  Thor  auf  bergen**. 

Jupiter  und  Zeus  drücken  wörtlich  nicht  den  donnernden  vater  120 
aus,  sondern  den  himmlischen  vater,  den  hehren  gott  des  lichts,  des- 
sen name  im  lat.  deus  zur  allgemeinen  benennung  der  gottheit  ward, 
im  deutschen  Zio  und  Tyr  den  leuchtenden  gott  des  Schwerts  anzeigt, 
der  kriegerischen  Völkern  für  den  höchsten  und  ersten  gilt,  Skythen 
feierten  ihn  als  schwert,  axLvccxrjs***.  Mars  Marspiter,  Diespiter 
Dispiter  wird  für  einen  hauptgott  der  Germanen  erklärt  (mythol. 
s.  39.  179)  und  greift  in  die  ältesten  lateinischen  genealogien  von 
Picus,  Saturnus,  Faunus  ein,  derentwegen  er  schon  als  ein  im  walde 
verehrter  gott  erscheinen  musz.  in  Svjatovit,  Svetovit  ist  wiederum 
der  begrif  des  glanzes  und  lichts,  wie  in  Zeus  und  deus  gelegen, 
wie  leicht  war  der  Übergang  in  Donar,  dessen  hand  zugleich  den 
blitz  führt;  Procop  de  bello  goth.  3,  14  miszt  allen  Slaven  als  ober- 
sten gott  den  rijg  aötganijg  dr][iiovQy6v  bei,  welches  amt  sonst  dem 
Perun  angewiesen  wird. 

Mercurius  steht  bei  den  Eömern  in  geringerem  ansehn,  Hermes 
den  Griechen  schon  in  gröszerem  und  noch  höher  scheint  er  den  Gal- 
liern zu  steigen,  deren  Teutates  an  die  deutsche  wurzel  piuda,  diot 
erinnert,  welche  uns  mit  Kelten  wie  Litthauern  gemein  war:  welsch 
tud,  ir.  tuath  regio,  tuatha  populus,  litth.  Tauta  Germania.  Sicher 
war  Hermes  milderer  gott  als  Mars  und  Jupiter,  in  künsten  erfindungs- 
reich, friedlichem  verkehr  der  Völker  angemessen ;  den  Deutschen,  wie 
Tacitus  ausdrücklich  bezeugt,  nahm  er  bald  die  oberste  stelle  ein. 
Wuotan,  als  Wunsc  und  Oski  gedacht,  war  ihnen  die  allwaltende 
schöpferische  kraft,  das  alldurchdringende  element  der  luft  und  des 
windes,  dessen  günstiges  wehen  und  wilder  stürm  vernehmlich  wird, 
jenes  mag  vorzugsweise  der  name  Vöma  undBiflidi  Bifiindi  ausdrücken, 
bedeutsam  scheint  dasz  auch  schon  im  skythischen,  thrakischen  Volks- 
glauben diese  kraft  der  luft,  die  noch  in  Wuotans  wildem  heer  braust, 
hervorgehoben  war,  und  beide  Odinn  wie  Loki  Loptr  d.  i.  luft  heiszen.  121 
Es  ist  gleich  verkehrt  Wuotan  als  jüngeren  helden  und  eroberer,  des- 


*  womit  nicht  behauptet  wird,  dasz  diese  namen  einer  wurzel  seien; 
unser  donar  gehört  zu  denan  tendere  (Haupt  5,  182),  tonitrus  zu  tonare, 
Perun  zu  prati  ferire,  xeQavvöq  zu  xsqccq  und  cornu  hörn  (der  stoszende, 
spaltende),  wohin  kelt.  taran  toran  weisz  ich  nicht.  Perkunas  läszt  sich 
nicht  aus  perku,  ich  kaufe  deuten,  ich  habe  in  ihm  und  in  Fairguneis  den 
sinn  von  axQaloq,  ogsivoq  gesucht;  ohne  diese  annahmen  wäre  die  Verschie- 
denheit zwischen  Perun  und  Perkunas  nicht  zu  begreifen. 
**  'locka  tili  Thor  i  fjäll'  Volkslied  bei  Arvidsson  3,  504. 
***  bei  den  bosporanischen  Skythen  stand  ein  iegov  xov  "Aqeoq.  Luci- 
ans  Tox.  50.  Herod.  4,  59  sagt  von  allen  Skythen:  dydkfzara  öh  xal  ßcvfiovg 
xal  vtjovq  ov  vofjtit,ovai  noiseiv  TtXrjv  "Aq^C. 


86  GLAUBE 

sen  macht  ältere  naturgötter  verdunkelt  habe,  und  den  getischen 
Zalmoxis  als  vergötterten  weltweisen  zu  erfassen.  Zalmoxis  stammt 
vom  thrakischen  £al[iog  =  dogd,  nach  Porphyrius,  weil  der  neuge- 
borne  in  eines  baren  haut  gehüllt  worden  war;  ich  glaube  ^al^iog 
richtig  zum  litth.  szalmas  und  unserm  heim  gehalten  zu  haben*,  es 
sei,  dasz  der  gott  glückselig  mit  heim  oder  hut  geboren  wurde 
(mythol.  s.  829)**  oder  den  heim  beständig  trug;  auch  finde  ich 
bedeutsam  genug,  dasz  Odinn  die  namen  Hialmberi  (ahd.  Helmpero) 
wie  Sidhöttr  führte  (beide  gibt  Grlmnismäl  46ab  an)  und  die  heilig- 
keit  der  pileati  schiene  damit  von  selbst  gerechtfertigt,  da  in  der 
skalda  der  himmel  hialmr  lopts  (aeris  galea)  heiszt  (Sn.  122),  liesze 
sich  auch  darin  bezug  auf  den  luftgott  ahnen.  Habe  ich  hier  den 
Zalmoxis  mit  Odinn  verglichen,  so  wird  sich  späterhin  gelegenheit 
bieten  ihn  auch  zu  Thörr,  dessen  söhn,  zu  halten. 

Des  zweiten  gottes  gnädige  milde  art  leuchtet  aus  der  sl.  benen- 
nung  Radigast  (von  rad  lubens,  radi  gratia,  radoschtscha  laetitia),  die 
sich  dem  begriffe  Wunsc  (von  vinja,  wunna)  nähert,  hieran  reiht  viel- 
leicht der  finnische  Väinämöinen,  ein  Cupido ;  wer  nach  deutschem 
liebesgott  fragt  müste  auf  Wunsch  gewiesen  werden,  dessen  haar  dem 
der  Gratien  gleicht,  auch  "Egcog  ist  wünsch  wonne  verlangen,  wie  der 
altn.  Vili,  Odinns  bruder,  voluntas  und  voluptas,  der  indische  Käma  amor, 
cupido,  desiderium  bedeuten.  Potrimpos  bleibt  zweifelhaft  und  seine 
deutung  aus  dem  sl.  potreba,  böhm.  potreba,  poln.  potrzeba  (noth, 
nothdurft)  unsicher,  im  litth.  Wörterbuch  finde  ich  nicht  einmal  po- 
trimba;  es  könnte  aber  in  dem  polnischlitth.  dialect  vorhanden  sein, 
und  enthielte  es  die  Vorstellung  des  Schicksals,  so  würde  auch  dadurch 
der  höchste  gewaltigste  gott  angezeigt.  Odinn  und  Zalmoxis  lehrten 
122  Unsterblichkeit  und  verhieszen  den  sterbenden  aufnähme  in  ihrer  Woh- 
nung ;  Hermes  geleitet  die  seelen,  sein  ktjqvxhov  ist  die  Wünschelrute. 

Schwer  fällt  es  die  indische  trilogie  heranzuziehen,  weil  alle  na- 
men abweichen***;  doch  ruht  auch  hier  die  eigentliche  schöpfungs- 
kraft  bei  Brahma,  und  Siva  gilt  wie  Mars  oder  Pykullas  für  den  grau- 
samsten gott,  während  Vischnus  herschgewalt  der  des  Zeus  gleich- 
steht f.  als  donnergott  und  luftgebieter  ist  ein  eigner  gott,  In- 
dras,  aufgestellt  den  man  für  bloszen  ausflusz  des  Vischnus  oder 
Brahma  ansehn  darf,  wiederum  soll  Märutas,  ein  beinahme  des  Indras, 
den  römischen  Mars  buchstäblich  erreichen,  der  dieser  auffassung  zu- 
folge ursprünglicher  frühlingsgott  gewesen  wäre  ff,  was  auf  den  Mar- 
tius  mensis  licht  würfe. 

Freyja   Frouwä    Fraujö,    nach    welcher   der   sechste    Wochentag 

*  vgl.  auch  skr.  tscharma  cutis,  scutum. 
**  wie  Hödr  mit  heim  und  schwert  (mythol.  s.  362). 
***  wer  möchte  Brahma  mit  der  slowakischen  form  Parom  für  Perun 
in  Verbindung  setzen?  die  Lappen  haben  aus  Thor  Thiermes  gebildet. 

t  Finnen  und  Lappen  würdigen  in  ihrem  Perkele,Perkel  den  Perkunas 
zum  bösen  gott  herab. 

tt  Ad.  Kuhn  in  Haupts  Zeitschrift  5,  491.  492. 


GLAUBE  87 

heiszt,  wie  nach  Venus,  scheint  dem  männlichen  Freyr  Frö  Frauja 
identisch,  und  die  altsl.  Prija  entspricht  ihr  vollkommen,  wie  dem 
Freyr  Fro  der  sl.  Prove.  solche  Spaltung  des  göttlichen  wesens  in 
zwei  geschlechter  hilft  erscheinungen  des  mythus  und  der  spräche 
erklären,  von  Lunus  und  Luna  herab  bis  auf  unser  gothisches  sunna 
und  sunnö.  Paltar  Baldr  Baldäg  Phol  können  ihre  Verwandtschaft 
mit  dem  keltischen  Beal,  dessen  feuerfest  Bealtuine  sich  erhalten  hat, 
nicht  verleugnen. 

Gleich  auffallende  grosze  Urgemeinschaft  findet  statt  zwischen  den 
mythischen  Vorstellungen  der  Kelten  und  Germanen  in  allem,  was  das 
Verhältnis  milder  göttinnen,  weiser  frauen  und  eines  unterirdischen 
friedlichen  volks  zu  den  menschen  angeht,  während  umgedreht  slavische, 
finnische  und  deutsche  sage  mehr  in  den  riesen  zusammenstimmen, 
merkwürdig  klingt  fürs,  pyrs  (mythol.  s.  487)  finn.  tursas,  turras  an 
den  namen  der  skythischen  'ÄydiftvQöOL,  die  von  einem  göttlichen 
'Ayd&vQöog  abstammen  (Herod.  4,  10.  125)  und  an  den  skythischen  123 
könig  'Iddv&vQöos  (Herod.  4,  76.  120.  126.  127). 

Die  keltische  frühlingsfeier  vermittelt  sich  durch  den  deutschen 
sommerempfang  mit  dem  slavischen  todaustreiben,  bei  Germanen  und 
Slaven  scheint  die  naturanschauung  tiefer  als  bei  Griechen  und  Rö- 
mern, in  deren  anthesterien  und  floralien  frohe  festlust  sich  ausliesz. 
wo  die  natur  in  voller  pracht  herscht,  zeigt  sie  geringere  macht  über 
die  menschen,  als  wo  sie  karger  haushält,  darum  wurzelte  die  echte 
thierfabel  auch  mehr  bei  uns,  Slaven,  Litthauern  und  Finnen;  die 
Griechen  strebten  sie  ethisch  oder  politisch  zu  verwenden  und  langten 
mit  kleinen  stücken  aus. 

Man  hat  darauf  zu  sehn,  welche  gottheiten  in  alter  thierfabel 
und  volkssage  haften,  am  allerhäufigsten  erscheint  bei  Aesop  Hermes, 
sogar  dem  holzhauer  im  wald  holt  er  das  beil  aus  dem  flusz  her- 
vor, und  es  reicht  nicht  hin  zu  vermuten,  dasz  er  der  götterbote 
mehr  als  andre  mit  den  menschen  verkehrte;  die  Völker,  bei  denen 
die  fabel  aufkam,  müssen  ihn  als  obersten  gott  betrachtet  haben, 
gleich  ihm  kehrt  Perkunas  zu  den  menschen  ein,  wo  aber  drei  Götter 
einkehren  (Zeus,  Ares  und  Hermes,  bei  Lucians  Timon  Zeus,  Hermes, 
Plutus),  fehlt  Hermes  nie.  dem  Ares,  der  Artemis  hiengen  die  Jäger 
einen  theil  ihrer  beute  an  den  bäum  (wie  umgekehrt  Wuotan  mit 
den  Jägern  theilt);  Marti  praedae  primordia  vovebantur.  huictruncis 
suspendebantur  exuviae  (Iornandes  cap.  5). 

Das  geriebne  nothfeuer,  durch  dessen  flamme  die  herde  springen 
muste  (mythol.  s.  570 — 593)  war  den  meisten  Völkern  des  alterthums 
gemein,  und  wird  Kelten  und  Deutschen  zum  frühlings  und  sommer- 
fest, das  sich  an  bestimmte  gottheiten  schlosz,  wie  die  römischen 
Palilien  an  Pales. 

Eines  eigentlichen  hirtengottes,  wie  die  Slaven  Weles,  Wolos  hat- 
ten, der  gleich  nach  Perun  der  erste  war,  die  Römer  ihren  Pan  und 
Faunus,  scheint  die  deutsche  mythologie  zu  entrathen.  eine  menge 
schützender  waldgötter,  unter  besondern  namen,  zählt  das  finnische  epos 


gg  GLAUBE 

auf,  wie  der  alte  Hermes  die  herden   hütete,     aber  Wuotan  ist  uns 

124  bis  auf  heute  der  wilde  Jäger  geblieben,  und  der  wolf  ist  sein  hund, 
wie  ihm  der  rabe  auf  der  Schulter  sitzt.  Froho  (gleich  dem  tscher- 
kessischen  Messitch,  mythol.  s.  196)  streift  auf  goldnem  eber  durch  die 
haine,  das  eberzeichen  scheint  Deutschen  und  Kelten  gemeinschaftlich, 
der  specht  ist  dem  Mars  heilig;  warum  sollten  seinen  göttern  wilde 
thiere  zugesellt  worden  sein,  wenn  es  nicht  zur  zeit  geschah,  wo  das 
volk  in  wäldern  hauste?  fast  alle  wilden  kräutersind  nach  göttern  oder 
thieren  benannt,  oder  haben  bezüge  darauf;  ein  beispiel  mag  geniigen, 
die  heilige  verbena,  die  herba  pura,  qua  coronabantur  bellum  indicturi 
(Plin.  22.  2,  3.  25.  9,  59)  heiszt  ahd.  isarna,  isanina,  mhd.  isenhart, 
nhd.  eisenkraut,  gr.  rj  öidf]Qltig  (Dioscor.  4,  33 — 35),  lat.  auch  fer- 
raria  (Diosc.  4,  60),  und  musz  nach  dem  Volksglauben  auf  dinstag, 
Martis  dies  gebrochen  werden*;  mit  dem  planetenzeichen  des  Mars 
wird  eisen  bezeichnet,  über  die  abkunft  von  "Aqy\$  ist  so  viel  ge- 
mutmaszt  worden,  dasz  man,  den  horrens  feris  altaribus  Hesus  hin- 
zugenommen, auch  an  aes  und  eisen  denken  dürfte. 

Für  das  vieh,  das  getraide  und  den  haushält  hatten  die  Samo- 
giten  und  die  alten  Eömer  eine  menge  einzelner  geschäftiger  gottheiten 
niederen  ranges  aufgestellt,  deren  namen  aus  Lasicz,  Arnobius  und 
Augustinus  zu  erfahren  und  einer  besondern  Untersuchung  werth  sind. 

Nicht  minder  einstimmiges  musz  sich  über  namen,  amt  und  rechte 
der  priesterschaft  ergeben,  die  bei  Römern  und  Kelten  vorzugsweise 
ausgebildet  war.  priesterliche  huttracht  scheint  bei  Scandinaven,  Da- 
ken,  Geten  und  Skythen  eingeführt.  In  unsern  weisthümern  sind  häufig 
seltsame  gebärden  der  hände  und  füsze  angeordnet,  wenn  irgend  ein 
masz  feierlich  bestimmt  werden  soll ;  man  darf  darin  Überbleibsel  heid- 
nischer,  vielleicht   durch  den  priester   vorgenommner  oder  geleiteter 

125  gebrauche  finden,  die  ehmals  ihren  sinn  und  verstand  hatten,  der  uns 
jetzt  entgeht,  priesterliche  Wohnorte  blieben  auch  späterhin  noch  fried- 
höfe  und  zufluchstätten.  Das  Altorfer  weisthum  (1,  17)  sagt,  wenn 
vieh  in  den  vier  holzhöfen  zu  schaden  weidet,  sollen  die  höfer  beide 
hände  unter  den  einbogen  nehmen  und  in  der  linken  hand  einen  heu- 
rigen zweig  (sonst  somerlate)  haben  und  das  vieh  damit  austreiben. 
Nach  der  öfnung  von  Fallanden  (1,  29)  wird  auf  folgende  weise  be- 
stimmt, wie  weit  eines  mannes  hüner  auszerhalb  seines  etters  gehn 
dürfen :  er  soll  auf  den  first  seines  hauses  stehn,  mit  dem  rechten  arm 
greifen  unter  den  linken  und  soll  das  haar  in  die  rechte  hand  nehmen 
und  eine  sichel  bei  der  spitze  in  die  linke  hand ;  so  weit  er  (in  dieser 
erschwerten  läge)  mit  der  sichel  wirft,  so  weit  recht  haben  seine 
hüner  zu  gehn.  Dergleichen  bestimmungen  begegnen  so  oft  (rechtsalt. 
s.  55 — 74),  dasz  man  ihnen  einen  hintergrund  zutrauen  darf,  der  sie 
tief  ins  alterthum  zurück  schiebt.  Lasicz  meldet  uns,  wie  Litthauerin- 
nen verfuhren,  wenn  sie  den  Waizganthos   um  hohen  flachs  flehten: 


*  wie  solsequium  sonntags,  lunaria  montags,  mercurialismittwoche,  barba 
Jovis  donnerstags,  capillus  Veneria  freitags;  ich  weisz  nicht  was  samstags. 


GLAUBE  89 

altissima  illarum,  impleto  placentulis  sinn,  et  stans  pede  uno  in  se- 
dili,  manuque  sinistra  sursum  elata  librum  prolixum  vel  tiliae  vel 
ulmo  detractum,  dextera  vero  craterem  cerevisiae  haec  loquens  tenet: 
rWaizganthe,  produc  nobis  tarn  altum  linum,  quam  ego  nunc  alta 
sum,  neve  nos  nudos  incedere  permittas!'   (mythol.  s.   1189.) 

Eine  menge  alter  und  sinnvoller  rechtsbräuche  wiederholt  sich 
bei  ferngelegnen  Völkern;  ich  will  hier  nur  auf  das  verweisen  was 
in  den  rechtsalterthümern  vorrede  XIII.  XIV  zusammengestellt  ist; 
zu  welchen  folgerungen  berechtigt  allein  die  wegelustration  (s.  73), 
das  begieszen  mit  gold  oder  waizen  (s.  670),  die  form  der  geltibde, 
eidschwüre  und  gottesurtheile !  * 

Am  eigenthümlichsten  und  frischesten  ausgeprägt  wird  man  unter 
kriegerischen  Völkern  der  vorzeit  alle  persönlichen  Verhältnisse  erwarten. 

Ihr  ganzes  leben  athmet  mut  und  todesverachtung.  mythol.  s.  820. 
821  ist  ausgeführt  worden,  wie  der  glaube  an  ein  unausweichliches 
Verhängnis  unter  allen  deutschen  stammen  haftete:  seinem  nahenden 
ende  sah  der  krieger  mit  ruhe  und  sogar  freude  entgegen,  weil  er  auf  126 
dem  Schlachtfeld  gefallen  in  die  gemeinschaft  göttlicher  wohnung  einzu- 
gehn  hofte,  und  wie  göttern  und  helden  frohes  lachen  beigemessen  wird 
(mythol.  s. 301.  363)  lacht  er  sterbend,  berühmt  ist  Ragnars  ausspruch: 

lifs  eru  lidnar  stundir,*lsejandi  skal  ek  deyja! 
und  von  Agner  berichtet  Saxo   gramm.   ed.  Müll.   p.  87:    sunt  qui 
asserant,  morientem  Agnerem   soluto  in  risum  ore  per  summam  do- 
loris  dissimulationem  spiritum  reddidisse,  wasBiarcos.  103  selbst  sagt: 
semivigil  subsedit  enim  cubitoque  reclinis 
ridendo  excepit  letum,  mortemque  cachinno 
sprevit  et  elysium  gaudens  successit  in  orbem. 

nach  edda  Ssem.  247  lachte  Högni,  als  man  ihm  das  herz  ausschnitt: 

hlö  £ä  Högni,  er  til  hiarta  skäro 

kvicqvan  kumblasmid,  klecqva  hann  sizt  hugdi, 

blödugt  f>at  ä  biod  lögdo  ok  bäro  for  Gunnar. 

mserr  qvad  J>at  Gunnarr  geirniflüngr: 

'her  hefi  ek  hiarta  Högna  ins  froekna, 

er  litt  bifaz  er  ä  biodi  liggr, 

bifdiz  svägi  miök,  er  i  briosti  lä, 

und  als  derselbe  Gunnarr  im  wurmgarten*  mit  gebundnen  händen 
liegt,  spielt  er  mit  seinen  zehen  auf  der  harfe,  dasz  die  schlangen 
einschlafen;  nur  eine  böse  natter  bleibt  wach  und  sticht  ihm  ins 
herz.  Völs.  saga  cap.  37.  wie  kühn  und  mannhaft  sind  alle  reden  der 
nacheinander  zur  enthauptung  geführten  Iomsvikinge!   (saga  cap.  47.) 

Heldengeschlechtern  schrieb  unser  alterthum  glanzvollen  leuch- 
tenden blick  der  äugen  zu,  der  andere  durchbohrte,  micatus  oculo- 
rum ;  das  nannte  man  ormr  1  auga,  wurm  im  äuge,  schlänge  im  äuge : 

ämon   ero   augo   ormi  J>eim  enom  fräna.    Ssem.   156a.     Sigurdr 
Odins  settar,  JDeim  er  ormr  i  auga.  fornald.    sog.   1,  258,   der  Aslögl27 
söhn,  Sigurds  und  Brynhilds  enkel,  hiesz  Sigurdr  ormr  1  auga.    als 


*  die  wurmläge.  Athis  s.  65. 


90  RECHT  UND  SITTE 

Svanhildr  unter  den  hufen  der  rosse  zermalmt  werden  sollte,  warf 
sie  ihr  leuchtendes  äuge  auf  die  thiere,  und  diese  wagten  nicht  ihr 
ein  leid  zu  thun.  Völs.  saga  cap.  40.  den  wurm  bezeichnet  fränn 
glänzend,  den  held  fräneygdr,  micantibus  oculis.  Sollte  den  Griechen 
eine  so  schöne  Vorstellung  fremd  gewesen  sein?  da  sich  doducov  von 
öeqxcü  leitet  scheint  auch  ocpig  aus  dem  veralteten  önco,  otizco  besser 
als  aus  skr.  ahi  anguis  erklärbar,  beide  ^dgdxcov  und  'Ocpieov  sind 
heldennamen;  wie  wenn  das  noch  ungedeutete  ocp&alnog  aus  bcpeag 
&ccla{iog  entspränge?  das  äuge  ist  ein  gemach  der  schlänge,  aus  dem 
sie  blickend  hervorschieszt ;  das  einfache  gr.  wort  war  oööt,  wovon 
der  dual,  oööe  übrig  ist.  man  dachte  sich  bald  eine  schlänge  im 
äuge,  bald  ein  mädchen  (xoQrj,  pupa),  und  das  leuchtende,  geringelte 
halsband  hiesz  nicht  nur  ocpig,  dgccxav,  sondern  auch  ahd.  mouwi 
virgo,  was  ich  anderwärts  gezeigt  habe. 

Ich  werde  noch  einzelne  alterthümer  des  kriegerlebens  hervor- 
heben. 

Unter  jener  verbena  verstand  man  eigentlich  das  gramen  ex  arce 
cum  sua  terra  evulsum,  ac  semper  e  legatis  cum  ad  hostes  clariga- 
tumque  mitterentur,  id  est  res  raptas  clare  repetitum,  unus  utique 
verbenarius  vocabatur.  ich  habe  dazu  die  chrenecruda  des  salischen 
rechts  gehalten. 

Andere  feierlichkeiten  beim  kriegsverkündigen  beschreibt  Livius 
1,  32  mit  allen  formein.  fieri  solitum,  ut  fetialis  hastam  ferratam 
aut  sanguineam  praeustam  ad  fines  Latinorum  ferret;  nach  hersagung 
seines  Spruchs:  hastam  in  fines  eorum  emittebat.  hoc  tum  modo  ab 
Latinis  repetitae  res  ac  bellum  indictum,  moremque  eum  posteri  ac- 
ceperunt.  Dieser  angebrannte  blutige  speer  gleicht  aufs  merkwürdigste 
dem  galischen  cranntair,  der,  wenn  feindseligkeit  ausbrach,  an  bei- 
den enden  im  feuer  gebrannt,  in  das  blut  eines  opferthiers  getaucht 
und  mit  gröszter  Schnelligkeit  von  dorf  zu  dorf  getragen  wurde,  um 
die  krieger  zu  versammeln.  Nicht  anders  entsandte  man  in  Scandi- 
navien  herör  und  bodkefli  (rechtsalt.  s.  164.  165). 
128  Burchard  von  Worms  meldet  eine  abergläubische  gewohnheit,  die 

in  der  neujahrsnacht  stattfand:  wer  die  zukunft  erforschen  wollte  setzte 
sich  im  kreuzweg  auf  eine  stierhaut  (in  bivio  sedisti  supra  taurinam 
cutem,  ut  ibi  futura  tibi  intelligeres).  ohne  zweifei  wurde  imheidenthum 
darunter  die  haut  eines  eben  zum  opfer  dargebrachten  stiers  verstanden. 

Lucian  im  Tox.  48  erzählt  aber  als  skythischen  brauch  das 
Hafti&öd'aL  87il  tijg  ßvoGrjg.  wenn  jemand  an  seinen  feinden  räche 
nehmen  will,  opfert  er  einen  stier  und  setzt  sich  auf  dessen  haut,  seine 
hände  über  den  rücken  geschlagen,  das  gesottene  fleisch  des  thiers 
wird  herbeigebracht,  die  freunde  treten  hinzu,  und  wer  ein  stück 
fleisches  nimmt,  setzt  seinen  rechten  fusz  auf  die  stierhaut,  und  ver- 
heiszt  fünf,  der  andere  zehn,  ein  anderer  noch  mehr  reifer  zu  stellen, 
geringere  machen  sich  zu  fuszgängern  anheischig,  der  arme  verspricht 
sich  selbst,  und  so  wird  auf  der  haut  oft  ein  groszes  tapferes  heer 
zusammengebracht:  &7Ußrjvctl  vrjg  ßvQörjg  OQKog  eöti.    du  wirst  nicht 


EECHT  UND  SITTE  91 

wenig  freunde  haben,  sagt  Tox.  47  einer  zum  andern:    \iaki6%a  ös 
d  xtt&e£,oio  B7il  Trjg  ßvgörjg  xov  ßoog.* 

Wie  hier  durch  betreten  der  stierhaut  unverbrüchliche  gemein- 
schaft  der  heergenossen,  so  entsprang  durch  ähnlichen  brauch  nach 
altnordischem  recht  aufnähme  ins  geschlecht.  Wer  einen  an  kindes- 
statt  oder  seinen  unehlichen  söhn  in  die  gemeinschaft  des  hauses 
aufnehmen  wollte,  verfuhr  folgendermaszen.  er  schlachtete  einen  drei- 
jährigen ochsen,  löste  von  dessem  rechtem  fusze  die  haut  ab  und 
machte  daraus  einen  schuh,  diesen  schuh  zog  zuerst  der  vater  an, 
nach  ihm  der  neuaufgenommne  söhn,  dann  alle  erben  und  freunde. 
Gulajnngslög  leysingsb.  2.  Frostajringslög  1 1 ,  1  (rechtsalt.  s.  155.463). 
dies  nannte  man  aBttleida,  aettleiding  **  oder  mit  einem  in  den  schuh  129 
steigen,  und  der  noch  spät  ins  mittelalter  reichende  brauch,  die 
braut  beim  Verlöbnis  oder  der  hochzeit  zu  beschuhen,  scheint  mir 
auf  die  heiligere  sitte  der  vorzeit  zurückzugehn.  das  opferthier, 
und  dasz  seine  frisch  abgezogene  haut  mit  dem  baaren  fusz  berührt 
werden  muste,  vermittelte  den  neuen  bund.  Im  tempel  des  Dius 
Fidius  bewahrten  die  Römer  einen  schild,  der  mit  der  haut  eines 
beim  bündnis  zwischen  ihnen  und  den  Gabinern  geopferten  stiers 
bespannt  war***:  das  stierfeil  heiligte  hier  den  Völkerbund. 

Welche  unschuldige  einfalt  tragen  alle  gewohnheiten  der  vorzeit 
in  dem  familienrecht  an  sich,  die  vermählte  braut  wird  gleich  dem 
neuerwählten  könig  auf  den  schultern  in  die  höhe  gehoben,  gleich  dem 
angenommnen  söhn  in  den  schosz,  aufs  knie  gesetzt,  in  den  mantel 
gehüllt;  auch  der  Wunsch,  die  Sselde  legen  ihre  günstlinge  in  den 
schosz,  wir  sagen  noch  heute  ein  schoszkind  des  glucks  (mhd.  der 
Saelden  barn)  sein,  so  setzte  man  den  neugebornen  Odysseus  seinem 
groszvater  auf  die  knie,  dasz  er  ihm  namen  gebe  (Od.  19,  400  ff.),  er 
ist  ihm  nolvägrjrog ,  ein  wunschkind.  Wenn  bei  den  Tscherkessen 
ein  fremdes  kind  an  sohnesstatt  aufgenommen  wird,  bietet  ihm  die 
hausfrau  ihre  brüst,  und  dann  theilt  es  alle  rechte  der  übrigen  kinder. 
die  Neugriechen  nennen  ein  angewünschtes  kind  tyv%onccldi,  herzenskind, 
liebeskind.  Ulfilas  verdeutscht  vlo&söla  frastisibja  und  das  sonst  unsrer 
spräche  erloschne  frasts  musz  viog,  texvov  ausgesagt  haben  [frastim 
tUvolq  II  Cor.  6,  13]:  es  stammt,  denke  ich,  von  fra|)jan  voelv,  frapi 
vor^ia,  litth.  protas,  lett.  prahts  sinn,  mut,  und  mag  herzenskind,  Heb- 
ung sein,  was  uns  in  herz  und  mut  liegt,  wie  wir  den  ausdruck  seele, 
die  Slaven  duscha,  duschitza  hypocoristisch  an  geliebte  wesen  richten  f. 

*  den  Lucian  ziehen  Suidas  und  Apostolius  in  den  Sprichwörtern  aus 
(Leutsch  und  Schneidewin  paroemiogr.  gr.  p.  210). 

**  wie  mhd.  brütleite,  swertleite,  also  wol  auch  früher  ahtleita,  slaht- 
leita  von  ahta,  slahta  genus.  schon  diese  technischen  ausdrücke  lassen  ahnen, 
dasz  eine  herüeita  in  skythischer  weise  gegolten  haben  könne. 
***  Dionysius  halicarn.  4,  58  p.  257*.    Niebuhr  1,  569. 

t  mhd.  vrastmunt  herzhaftigkeit,  rehter  vrastmunt  ein  hase.  Helbl.  2, 
515  (wie  sonst  ein  hase  des  muotes);  mit  fräste  (audacter)  er  si  werte, 
fundgr.  1,  137  ;  er  sanc  niht  vrastgemunde  (nicht  herzhaft)  nach  der  mugent. 
Lohengr.  176;  durch  die  vrastmund  (propter  audaciam)  Ottoc.  828b. 


92  RECHT  UND  SITTE 

130  Die  gröszere  kraft  des  familienrechts  bei  den  alten  geht  schon 
aus  dem  reichthum  der  spräche  an  ausdrücken  für  alle  stufen  der  Ver- 
wandtschaft hervor;  es  würde  allzuviel  räum  kosten,  wollte  ich  meine 
samlungen  einschalten:  über  die  namen  des  groszvaters  und  urgrosz- 
vaters  habe  ich  einmal  inHaupts  Zeitschrift  1,21—26  geschrieben,  von 
den  seitenverwandten  und  verschwägerungen  wäre  noch  viel  mehr  bei- 
zubringen, auch  hier  wird  die  deutsche  spräche  an  fülle  der  benen- 
nungen  von  der  slavischen,  litthauischen,  finnischen  weit  übertroffen, 
weil  diese  später  gebildeten  Völker  den  brauch  des  alter thums  länger 
bewahrten,  die  alte  sippe  und  magschaft,  welche  ein  recht  des  kus- 
ses,  der  trauer,  des  namengebens,  der  eidhülfe,  blutrache  und  erbschaft 
begründete,  hütete  streng  ihren  hergebrachten  brauch;  als  dieser  ver- 
altete, wurden  auch  die  vielfachen  benennungen  entbehrlich  und 
giengen  in  allgemeinheit  unter,  auch  die  erzieher  und  ammen  hatten 
gröszere  befugnis  als  ihnen  die  jüngere  zeit  einräumt;  ich  will  mich  hier 
darauf  einschränken  die  freundschaft  und  brüderschaft  näher  zu  schildern. 

Den  Serben  heiszt  der  angenommne  söhn  posinak  und  adoptie- 
ren posiniti,  gerade  wie  pobratim  und  posestrima  die  aufgenommnen 
bruder  und  Schwester  ausdrücken,  pobratitise,  posestritise  sich  ver- 
brüdern, verschwistern ;  böhm.  pobratriti  se,  poln.  pobratac  siej  diese 
Verbrüderung  und  verschwisterung  begründet  blosz  ein  Verhältnis 
zwischen  freunden  und  greift  nicht  in  die  Verwandtschaft  der  ge- 
schlechter ein,  aber  allen  Slaven  war  sie  heilig,  zumal  den  südlichen, 
einen  pobratim  kann  man  sich  sogar  schlafend  im  träum  erwählen, 
wachend  aber  pflegt  es  feierlich  in  der  kirche  vor  allem  volk  zu  ge- 
schehn;  ein  solcher  bund  dauert  für  das  ganze  leben  und  verpflichtet 
beide  brüder  zu  wechselseitigem  beistand  und  zur  blutrache:  wahr- 
scheinlich galten  im  heidenthum  für  den  eingang  des  pobratimstvo 
heilige  brauche,  an  deren  stelle  jener  kirchliche  getreten  ist.  Auch 
die  geisterhafte  vila  konnte  posestrima  eines  helden  werden  und 
schützte  ihn  dann  in  jeder  gefahr.     eine  solche  vila  war  mit  Marko 

131  Kraljavitsch  verschwistert.  *  dieser  bund  gleicht  bedeutsam  dem  der 
valkyrien  unseres  alterthums  mit  den  helden.** 

Unsere  heutige  spräche  kennt  noch  die  namen  milchbrüder,  bluts- 
brüder  und  herzbrüder  für  engverbundne  freunde ;  sie  waren  sich  ein- 
ander zugethan,  als  ob  sie  Zwillinge  gewesen  wären  und  milch  aus 
einer  mutter  brüst  gesogen  hätten,  ihr  blut  für  einander  hinzugeben 
sind  sie  bereit,  in  den  märchen  leben  beispiele  solcher  milchbrüder, 
die  ähnliche  namen  führen,  sich  von  gestalt  so  gleich  sind,  dasz  sie 
nicht  unterschieden  werden  können,  und  ihrer  kinder  blut  zur  heilung 
des  aussatzes  darbringen;  ein  altes  zeichen  verbrüderter  war,  dasz 
sie  ein  nacktes  schwert  zwischen  sich  und  die  frau  oder  geliebte  des 
freundes  legten. 


*  Vuk  2  n°  38 ;  eine  andre  verschwisterung  der  vila  bei  Vuk  1  n°  224. 
**  die  brüderschaft  der  Tscherkessen,  welche  tleusch  genannt  wird,  be- 
schreibt Klemm  4,  61.  62. 


RECHT  UND  SITTE  93 

In  der  alten  spräche  finden  sich  noch  mehr  benennungen;  ahd. 
giteilun  consortes;  gileibun  für  gihleibun  commensales,  goth.  gahlai- 
bans*;  gimazun  convivae;  gipettun,  gisläfun  contubernales ;  girünun 
collocutores ;  gisindun  comites;  ginözun,  ginöza  socii,  welchen  die 
altn.  rtinar,  sinnar,  nautar,  mälar  entsprechen.  jaöftar,  qui  una  se- 
dent  in  transtro,  sind  die  ags.  gepöftan,  welche  sodales  clientes  con- 
sortes verdeutschen;  auch  aus  dem  gr.  v7ir]QSTr]g ,  das  einen  rüderer 
bedeutet,  erwuchs  der  begrif  eines  dieners  und  gehilfen. 

Ich  habe  diese  aufgezählt,  um  mir  das  recht  zu  erwerben  zwei 
andere  ausdrücke  abzuhandeln,  die  für  meine  zwecke  ungleich  wich- 
tiger werden. 

Caesar,  indem  er  die  gallischen  reiter  schildern  will,  sagt  6,  15: 
ii,  cum  est  usus  atque  aliquod  bellum  incidit,  quod  ante  Caesaris 
adventum  fere  quotannis  accidere  solebat,  ubi  aut  ipsi  injurias  in- 
ferrent,  aut  illatas  propulsarent,  omnes  in  bello  versantur:  atque 
eorum  ut  quisque  est  genere  copiisque  amplissimus,  ita  plurimos  cir- 
cum  se  ambactos  clientesque  habet,  hanc  unam  gratiam  potentiamque  132 
noverunt.  ambacti  stimmt  ohne  zweifei  zum  beigefügten  lat.  clientes, 
wie  eben  unsere  ags.  ge])öftan  clientes  heiszen,  die  goth.  gahlaibans 
ministri  (mipgahlaibeis  comministri  in  der  neap.  urk.)  oder  condisci- 
puli  Joh.  11,  16.  diese  dienten  eines  vornehmen  Galliers  können 
bloszes  gefolge  und  dienstmannschaft  sein,  warum  nicht  auch  zum 
heerzug  geworbne  leute,  gleich  denen  auf  der  skythischen  stierhaut? 

Man  höre  Caesars  andere  stelle  3,  22,  wo  der  aquitanische  krieg 
beschrieben  wird :  atque  alia  ex  parte  oppidi  Adeantuanus,  qui  sum- 
mam  imperii  tenebat,  cum  DC  devotis,  quos  illi  soldurios  adpellant, 
quorum  haec  est  conditio,  ut  omnibus  in  vita  commodis  una  cum  his 
fruantur,  quorum  se  amicitiae  dediderint:  si  quid  iis  per  vim  aeeidat, 
aut  eundem  casum  una  ferant,  aut  sibi  mortem  consciscant.  neque 
adhuc  hominum  memoria  repertus  est  quisquam,  qui  eo  interfecto, 
cujus  se  amicitiae  devovisset,  mori  recusaret.  hierzu  gehalten  werden 
musz  Athenaeus  6,  54  p.  542:  s%axo6iovg  h%Eiv  koyaÖag  tzeqi  avxov, 
oi>g  xcdelö&ca  v7to  IccXaxcov  xjj  natgiep  ykcoxxrj  ödodovgovg,  xovxo 
d'  iöxlv  slkrjViöxl  Ev%iokif.tccloi.  diese  Ev%G)Xif.ialoi  (bei  Herod.  2,  63 
zv%colccg  Imxelkovxtg) ,  diese  devoti,  qui  aliorum  amicitiae  se  dedi- 
derunt,  devoverunt,  sind  wieder  die  vorhin  genannten  clientes,  und 
beide  ausdrücke  erscheinen  anderwärts  verbunden  (devotusque  cliens. 
Juvenal  9,  72),  folglich  bezeichnen  auch  die  angeführten  gallischen 
Wörter  ambacti  und  soldurii  dasselbe. 

Sind  es  aber  wirklich  gallische?  ambactus  wurzelt  in  allen  deut- 
schen sprachen  bis  auf  heute:  goth.  andbahts  didxovog,  i>7ir]Q8xr]g, 
ahd.  ampaht  minister,  villicus,  satelles,  ags.  ambiht  ombiht  minister, 
famulus,  alts.  schwachformig  ambahteo  minister,  altn.  aber  nur  das 
weibliche  ambätt  ancilla,  serva.  aus  dem  persönlichen  leitet  sich  der 
sächliche  begrif  goth.  andbahti   dtaxovia  luxovQyia,    ahd.   ampahti, 


*  im  span.  romance:  que  a  una  mesa  comen  pan. 


94  RECHT  UND  SITTE 

später  ambaht  officium  clientis,  episcopatus,  ags.  ambiht  officium, 
mandatum,  schwed.  ämbete,  dän.  embed,  mhd.  ambet,  nhd.  amt,  in 
welchem  letzten  wort  von  der  wurzel  gar  nichts  mehr  übrig  bleibt, 

133  da  am  aus  der  praep.  and  herrührt  und  das  T  derivativ  ist.  das 
goth.  verbum  andbahtjan  übersetzt  öluxovblv,  das  ahd.  ampahtan 
ministrare.  was  so  tief  in  unsre  spräche  verwachsen  ist  kann  kein 
fremdes  wort,  und  was  so  wenig  in  die  keltische  spräche  greift  musz 
ihr  ein  fremdes  sein.* 

Allein  auch  zu  den  Römern  müssen  es  frühe  die  Gallier  getragen 
haben,  ambactus,  sagt  Festus,  apud  Ennium  lingua  gallica  servus 
appellatur,  ein  altes  glossar :  ambactus  dovlog  {tLöftcorog,  cog  "Evviog. 
eine  gallische  münze  hat  neben  einem  ochsenkopf  die  inschrift  am- 
bactus, eine  batavische  inschrift:  deae  Nehalenniae  Januarius  Ambac- 
thius  pro  se  et  suis  V.  R.  L.  M.**  bei  Steiner  n°  877  ein  Marianus  Am- 
bactus. das  wort  ist  ins  mittellatein  und  alle  roman.  sprachen  auf- 
genommen: dominica  ambascia  (jussio  regis)  lex.  sal.  1,  3;  in  am- 
bascia  (legatione)  sua  lex.  Burg.  add.  1,  17;  ambasciare  legationem 
obire,  nuntiare,  ambasciator  legatus,  ital.  ambasciatore,  sp.  embaxa- 
dor,  port.  embaixador,  prov.  ambaichadors,  franz.  ambassadeur,  welche 
alle  erst  aus  dem  verb.  ambasciare  herflieszen,  so  dasz  keine  ein- 
fache form  dem  goth.  andbahts,  ahd.  ampaht  gleichkommt.  Die  kel- 
tischen sprachen  selbst  überliefern  uns  nichts  einstimmendes,  oder 
man  müste  wort  und  begrif  zwängen,  vergeblich  scheint  mir  auch 
aus  skr.  bhadsch  colere  (Pott  2,  47  und  Bopp  gl.  skr.  242b)  zu  er- 
klären, denn  die  deutsche  wurzel  liegt  näher. 

Das  goth.  wort  für  vcotog  entgeht  uns,  würde  aber  bak  lauten, 
wie  alts.  bac,  ags.  bäc,  altn.  bak ;  andbaht  bezeichnet  also  den  freund 
oder  diener,  der  uns  den   rücken  wahrt,   den  wir  im  rücken  haben, 

134  einen  rückenhalter,  die  praep.  and  drückt  aus  gegen  (wie  in  andaugi 
TiQOGiüTiov***)  und  HT  zu  K  verhält  sich  wie  in  siuks  sauhts,  vakan 
vahtvö,  vaurkjan  vaurhta.  höchst  analog  gebildet  dem  andbahts  ist 
gr.  öidxovog,  jon.  ÖLiJKOvog,  das  weder  zu  dWxw  noch  (schon  seines 
langen  a  wegen)  xomg  gehört,  vielmehr  aus  öiadyxovog  diayxovog 
von  ayxav  einbogen  entspringt  und  einen  diener  oder  helfer  bedeu- 
tet, der  uns  zum  arm,  zur  Seite  steht;  and  entspricht  dem  dia 
(gramm.  4,  793).  man  erwäge  syxovlg,  aynovig  =  v7i7]Q8tig,  lat.  an- 
cilla  und  ancus,  ahd.  encho  servus,  anchalata  talus,  enkel  nepos, 
altn.  albogabarn,  altschwed.  bakarf,  brystarf. 

Läge  in  bak,  wie  in  tergum  zuweilen,  in  tergus  immer  auch  die 


*  wie  andbahts  in  die  keltische,  gieng  später  unser  ähnliches  skalk  in 
die  romanische  spräche  ein,  und  der  ital.  siniscalco,  franz.  se'nechal,  prov. 
senescal,  ital.  mariscalco  maresciallo,  franz.  marechal  bezeichnen  wieder 
amtsleute  im  gefolge  des  herrn. 

**  Orelli  n°  2774  aus  Keyslers  antiq.  celt.  p.  249.    andere  lesen  Janua- 
rinius.    in  den  denkmälern  auf  Nehalennia  klingen  öfter  deutsche  namen 
an:  Sumaronius,  Satto,  Flettius. 
***  mhd.  andouge.  Haupt  2,  195  wo  zu  lesen:  vor  gotes  andouge. 


RECHT  UND  SITTE  95 

bedeutung  corium,  so  wagte  ich,  da  jenes  ambactus  mehr  einen  edlen 
gefährten  als  knecht  aussagt,  andbahts  sogar  auf  das  symbolische 
betreten  der  ßvgöa  zu  ziehen  und  den  gebrauch  von  den  Skythen 
auf  Germanen  und  Gallier  zu  erstrecken,  ja  mir  fällt  ein,  der  Über- 
gang des  begrifs  ßvQöa  in  bursa,  crumena  e  corio,  ahd.  burissa  cas- 
sidile  (Graff  3,  206)  sei  zwar  leicht,  seltsam  der  in  mlat.  bursa  = 
conventiculum,  coetus,  societas,  woraus  unser  fem.  burse,  börse  (coe- 
tus  commilitonum,  mercatorum),  endlich  das  masc.  bursch  entsprang; 
Frisch  führt  ein  nnl.  bors  an  mit  der  bedeutung:  bände  de  dix.  es 
scheint  gezwungen  dies  daher  zu  erklären,  dasz  der  verein  aus  einer 
börse,  einem  seckel  unterhalten  werde,  und  natürlicher  vorauszusetzen, 
bursa  könne  in  hohem  alterthum  einen  zusammentritt  verbündeter 
genossen  auf  der  stierhaut  ursprünglich  gemeint  haben.  Cicero  epist. 
ad  famil.  7,  2  nennt  einen  Plancus  Bursa;  das  wäre  ein  name  wie 
Ambactus,  aber  es  bedürfte  natürlich  Zeugnisses  dafür,  dasz  bursa 
damals  schon  in  solchem  sinne  galt. 

Wie  dem  sei,  die  ambacti  sind  nur  deutsch  zu  erklären,  die  sol- 
durii  nicht  minder,  goth.  skula,  ahd.  scolo,  mhd.  schol  ist  debitor, 
folglich  obligatus,  devinctus;  goth.  skuldö  debitum,  ahd.  sculd;  die 
verbalformen  sol  solt  sulen  sule  solta  stoszen  schon  bei  Notker  das 
C  aus,  und  es  läszt  sich  erwarten,  dasz  es  die  Gallier  bei  aufnähme  135 
des  worts  gleichfalls  ausstieszen ;  den  ausgang  urii  mögen  sie  gebildet 
haben,  das  mlat.  soldum  soldata ,  Stipendium ,  it. .  soldo,  prov.  sout, 
altfranz.  soldee  soudee  leitet  man  mit  allem  anschein  aus  solidata 
und  solidus,  der  krieger  sei  für  einen  solidus  geworben  worden  (vgl. 
Diez  1,  302);  doch  das  ahd.  skoldiner  miles  gregarius  (Graff  6,  490) 
könnte  zweifei  anregen  und  ursprünglich  der  krieger  gemeint  sein, 
der  sich  ins  heer  verpflichtet  hat.  die  mlat.  form  soldonerius  miles 
stipendiarius ,  it.  soldaniere  lassen  sich  kaum  auf  solidus  zurückfüh- 
ren; auch  bei  Athenäus  lesen  einige  hss.  für  gl^oöovqol  öMdovvot. 
keine  keltische  spräche  taugt  soldurii  zu  erläutern;  man  hat  das 
bask.  zalduni  eques  verglichen. 

Aber  den  gallischen  hergang  beim  bund  der  soldurii  unterläszt 
Caesar  mitzutheilen  oder  erfuhr  ihn  nicht;  den  skythischen  schildert 
Toxaris  dem  Mnesippus  bei  Lucian  cap.  37  folgendergestalt :  xaneidäv 
HQOKQL&8lg  xtg  fjörj  cpilog  y,  gw&?jxccl  xö  äno  xovxov,  xai  oqxoq 
6  ^isycötog,  i\v  ^v  xai  ßicoöEö&ai  [ist    ccXItjXcjv  xai  anoftavüöftaL, 

7]V   Öey,    V7t8Q    XOV    8TSQOV   ZOP   SZSQOV'    XCCl    OVTG)   JlOLOV^£V.       hty      OV 

ya,Q  ivte[i6vTEg  äitaE,  rovg  dcc%tvXovgy  ev6tcdcc£c){i£v  rö  cä[ia  dg 
xvIlxcc,  xal  xa  i-lcprj  ccxqcc  ßaipavveg,  apa  ayLCportgoi  l7ii6%6^evoL 
7tL03^i8vy  ovx  EötiVy  ö  tu  xö  fiBxcc  xovxo  ttfiäg  öicdvösisv  av.  x«t 
ecpeTxca  ös  xo  ntyiörov  a%Qi  xqlcjv  kg  xag  övvd-ijxccg  dgdvcu.  Diese 
unverbrüchliche  treue  der  skythischen  blutsbrüder  wird  nun  in  ein- 
zelnen, wie  es  scheint  wirklich  aus  dem  leben  gegriffenen  geschien- 
ten dargelegt;  was  könnte  rührender  sein  als  die  von  Dandamis  und 
Amizoces,  welche  sicli  einander  das  licht  ihrer  äugen  opferten  und  er- 
blindet saszen  öffentlich  von  allen  Skythen  unterhalten  und  hochgeehrt? 


96  RECHT  UND  SITTE 

Eine  ausführliche  und  abweichende  meidung  von  dem  skythischen 
bluteid,  ohne  ihn  jedoch  auf  den  freundschaftsbund  zu  beziehen,  hat 
Herodot  4,  70  bewahrt:  ögxta  dl  noavvxai  HJkv&ccl  cjSe  Jtgbg  zovs 
äv  itoikwvxai.  lg  xvhxa  gisydkrjv  xegafLUV^v  otvov  iy%kavxeg  alpa 
öv^iöyovöL  rar  tcc  ogxia  xa^vo^ievcov,  xvtyavxeg  vniaxi  r]  mixa- 
136[i6vx£g  {ia%aigrj  6{iixgbv  tov  öa^axog  xal  £7t£txa  <X7toßdtyavzsg  lg 
xr\v  xvhxa  axivdxsa  xal  olöxovg  xal  ödyagiv  Kai  axovxiov  intdv 
dl  xavxa  noirjöaoL,  xax£v%ovxai  Ttolkä  xal  muxa  Ltio%ivovGi  avxoi 
xe  oi  xb  ogxuov  noLev^svot  xal  xcov  £7CO[i8VG)v  oi  nldöxov  ä^tot. 
Toxaris  redet  blosz  von  blut,  nicht  von  wein,  in  den  das  blut  ge- 
lassen werde,  und  geschweigt  der  pfeile,  der  axt  und  des  Speers,  die 
auszer  dem  seh  wert  in  den  kelch  getaucht  werden;  dort  erlangt  man 
das  blut  durch  fingerritzen,  hier  durch  stechen  mit  der  ahle  und 
schneiden  mit  dem  dolch  in  den  leib. 

Andere  merkwürdige  nachrichten  von  bluteiden  und  blutbünd- 
nissen  zwischen  verschiednen  älteren  und  neueren  Völkern  sind  rechts- 
alt, s.  193.  194  gegeben,  die  ich  jetzt  nicht  wiederhole,  hinzufügen 
will  ich  nur  aus  Herodot  1,  74:  ogxia  61  Ttoikxai  xavxa  %a  e&vea 
xa  tceq  T8  "Ellrjveg,  xal  ngog  xovxoiöi,  Ineav  rovg  ßga%tovag  eiaxd- 
liavxai  lg  xi)v  b^o%godr}V,  xb  alpa  dvalti%ov6i,  dXXiqlcov.  Noch  um 
die  mitte  des  vierzehnten  jh.  schwur  der  litthauische  könig,  als  er 
sich  dem  von  Ungern  ergab,  eide  auf  dem  blut,  nach  seiner  weise 
(Suchen wirt  9,  140).  In  Kazwinis  naturgeschichte  wird  von  den 
Tataren  folgendes  erzählt:  si  amicitiam  vel  foedus  cum  sui  vel  alieni 
generis  populis  faciunt,  in  conspectum  solis  prodeunt,  eumque  ado- 
rant.  tum  poculum  vino  plenum  in  aerem  jaciunt  atque  quisque 
eorum  ex  hoc  poculo  bibit.  tum  eduetis  gladiis  se  ipsos  in  quadam 
corporis  parte  vulnerant,  donec  sanguis  profluit.  tum  quisque  eorum 
alterius  sanguinem  potat,  quo  facto  foedus  inter  eos  ictum  est.  si 
quid  stipulantur  vel  firmum  dant  jusjurandum,  gladios  edueunt, 
eosque  mordicus  premunt  * 

Zumal  anziehend  ist  die  altnordische  sitte.  wenn  zwei  unter- 
einander brüderschaft  schlössen,  schnitten  sie  einen  streif  rasen  auf, 
so  dasz  er  mit  beiden  enden  am  gründe  hängen  blieb  und  in  der 
mitte  ein  spiesz  untergestellt  wurde,  der  den  rasen  hob.  dann  traten 
sie  unter  den  rasen  und  jeder  stach  oder  schnitt  sich  in  die  fusz- 
137  sohle  oder  flache  hand:  ihr  ausflieszendes ,  zusammenlaufendes  blut 
mischte  sich  mit  der  erde,  dann  fielen  sie  aufs  knie  und  riefen  die 
götter  an,  dasz  sie  einer  des  andern  tod,  gleich  brüdern,  rächen 
wollten,  diese  feierliche  handlung  hiesz  gänga  undir  iardar  men 
(gehn  unter  der  erde  halsband,  rechtsalt.  s.  118.  119.  mythol.  s.  609) 
und  die  freunde  nannten  sich  föstbreedr  (collactanei). 

Weitere  Zeugnisse  lehren  genauer  dasz  die  föstbreedr  das  blut 
in  ihre  fuszspur  laufen  lieszen;   siquidem,   sagt  Saxo  gramm.  p.  12 


*  Abu  Dolef  Misaris  ben  Mohalhal  de  itinere  asiatico  commentarium 
ed.  Kurd  de  Schlözer.    Berol.  1845.  p.  33. 


RECHT  UND  SITTE  97 

(ed.  Müll.  p.  40)  icturi  foedus  veteres  vestigia  sua  mutui  sanguinis 
aspersione  perfundere  consueverant,  amicitiarum  pignus  alterni  cruoris 
commercio  firmaturi.  der  altnordische  ausdruck  war  blanda  blodi 
commiscere  sanguinem,  renna  i  spor  blödi  sanguinem  in  vestigia  mit- 
tere;  später  sagte  man  sverja  i  brcedra  lag  (Yols.  saga  cap.  26).* 
Loki  wirft  dem  Odinn  vor  (Saem.  60b) 

mantu  J>at  Odinn,  er  vit  i  ärdaga 

blendom  blodi  saman? 

und  Brynhildr  dem  Gunnar  seine  brüderschaft  mit  Sigurd  (Sami.  209b) 

mantattu  Gunnar  til  görva  {)at, 
er  £it  blodi  i  spor  bäfnr  rendut? 

Unverkennbar  gleicht  dieser  tritt  in  die  lebendige  fuszspur**  jenem 
treten  in  den  schuh  bei  der  aufnähme  an  kindesstatt,  überall  brechen 
verwandte  Vorstellungen  durch.  Wie  das  angenommne  kind  die  mut- 
termilch  des  geschlechts  saugen  musz,  soll  der  gewählte  bruder  sein 
blut  mit  dem  des  andern  mengen  oder  beide  trinken  blutgemischten 
wein;  derselbe  schuh  faszt  den  fusz  der  neubeschlechteten ,  auf  die- 
selbe opferhaut  treten  alle  heerverbündeten,  das  blut  wird  vom  arm 
geleckt,  und  selbst  der  bund  mit  finstern  gewalten  fordert  blut  zur  be- 
kräftigung.  ihren  Speichel  mischten  Äsen  und  Vanen  beim  friedensbund.  138 

Was  bei  so  manchen  Völkern  des  alterthums  in  ergreifender  sitte 
galt,  durfte  uns  gallische  oder  germanische  appellativa  auslegen  helfen, 
in  deren  hintergrund  ähnlicher  brauch  gewaltet  haben  musz.  Der 
griechische  excägog  war  freund  genosz  und  dienstmann,  nach  allen 
färben  dieser  ausdrücke,  er  könnte  ein  cliens  devotus  andbahts  und 
pobratim  gewesen  sein.***  wie  der  pobratim  zum  leiblichen  bruder, 
steht  in  gewisser  weise  die  sxaiQct  und  jzaAAaf  zur  ehfrau  und  leib- 
lichen Schwester;  beide  Verhältnisse  scheinen  dem  zustande  kriegeri- 
scher Völker  gleich  natürlich;  fortschreitende  ausbildung  kann  sie 
hernach  entbehren  oder  verwerfen,  man  deutet  exaiQog  aus  h'xqg, 
Homer  verbindet  xaöiyvrjxoi  xe  exca  xe,  exag  neu  ixaigovg,  und  der 
unterschied  des  lenis  und  asper  mag  nichts  austragen,  doch  schiene 
einfach  an  sxegog  zu  denken,  und  das  epische  ezagog  für  etalgog 
anzuschlagen,  denn  gerade  so  haben  die  Slaven  neben  droug",  drugi, 
böhm.  druhy  alter f  ein  subst.  droug",  serb.  drug,  poln.  druch,  böhm. 


*  triuwe  und  geselleschaft  gelobetensizweneunder  inzwein.  Trist.  18752. 
**  mit  deren  ausschnitt  sonst  zauber  getrieben  wird;   in  solcher  spur 
schaut  der  bruder,  wie  es  dem  abwesenden  ergeht,  jenachdem  sie  sich  mit 
erde,  wasser  oder  blut  füllt,    fornald.  sog.  1,  63. 

***  Polybius  hist.  2,  17  von  gallischen  Bojen,  Lingonen  und  Senonen 
redend:  nsgl  de  xaq  kxcciQsiaq  fxsyioxrjv  anovörjv  enoiovvxo ,  öicc  xo  xal 
woßsQioxaiov  xal  övvaxcovaxov  elvai  nag*  aüxolq  xovxov,  dg  av  nleiaxovg 
€%eiv  doxy  xovq  d-sgansvorzag  xal  avixneQKpsQOfievov  avz(ö. 

f  drug  durch  aphaeresis  für  odrug,  also  wurzelhaft  eins  mit  anf>ar, 
ahd.  andar,  ags.  oder,  engl,  other,  litth.  antras,  lett.  ohtrs,  während  sp. 
otro,  franz.  autre  sich  von  lat.  alter,  it.  altro  ableitet.  an|>ar  ist  skr.  an- 
jataras,  Steigerung  von  anjas,  wie  lat.  alter  vonalius;  der  comparativ  be- 
schränkt den  begrif  auf  zwei,  gxegog  gleicht  dem  russ.  vtoroi,  poln.  wtöry. 
Grimm,  geschichte  der  deutsehen  spräche.  7 


98  EECHT  UND  SITTE 

druh  mit  der  bedeutung  yiXog,  es  ist  wie  halQog  stsgog  der  gleich- 
namige andere,  der  andere  theil  der  seele.  das  litth.  draugas,  lett. 
draugs  musz  von  den  Slaven  entlehnt  sein,  weil  es  sich  von  antras, 
ohtrs  entfernt,  ich  habe  nicht  gefunden,  dasz  unser  ander  jemals 
einen  alter  ego  bezeichnete;  merkwürdig  lieszen,  nach  jenen  worten 
des  Toxaris,  die  Skythen  nicht  über  drei  blutsfreunde  zu.    Aber  man 

139  wird  natürlich  finden,  dasz  Völker,  die  freundschaft  so  heilig  hielten, 
wie  Skythen  und  Deutsche,  den  Orestes  und  Pylades,  den  Castor  und 
Pollux,  oder  unter  welchen  namen  sie  diese  wesen  kannten,  göttlich 
verehrten. 

Noch  einige  züge  aus  rauher  vorzeit  sollen  für  den  Zusammen- 
hang dieser  Völker  untereinander  gleich  starkes  zeugnis  ablegen. 

Durch  nichts  kann  liebe  und  treue  von  den  menschen  heftiger 
an  den  tag  gelegt  werden  als  dadurch,  dasz  man  einem  theuren  ver- 
storbnen in  den  tod  zu  folgen  bereit  ist.  bei  den  Indern  verbrann- 
ten sich  eitern  mit  des  geliebten  sohnes  leichnam,  am  häufigsten  aber 
geschah,  dasz  die  ehfrau  ihren  mann  in  den  tod  begleitete:  bis  auf 
heute  herscht  das  mitverbrennen  der  weiber  in  Indien.  Herodot  5,  5 
erzählt,  dasz  bei  thrakischen  Völkern  nach  des  mannes  absterben  er- 
forscht werde,  welche  von  seinen  frauen  ihm  die  liebste  gewesen  sei, 
und  dasz  man  diese  hernach  auf  seinem  grabe  tödte;  Mela  2,  2 
meldet  das  als  allgemeinen  getischen  brauch,  er  war  aber  auch 
unter  den  Skythen  im  schwang  (Her,  4,  71:  tav  7ialla%k(x)v  ^iav 
cc7t07cvl^avveg)  wie  unter  den  alten  Hellenen  (Pausan.  4,  2:  yvvalxsg 
avtcci  tgeig  TiQoaTio&avovöL  näöai  rolg  avögccöiv  iavtäg  hniTtari- 
ötpa^av).  von  den  Herulern  versichert  ihn  Procop  de  bello  goth. 
2,  14  und  unser  nordisches  alterthum  gewährt  rührende  beispiele, 
Nanna  ward  mit  Baldr  verbrannt,  Brynhild  verordnete,  dasz  sie  mit 
Sigurd  verbrannt  würde,  von  Gunnhild,  Asmunds  ehfrau  meldet 
Saxo  gramm.  ed.  Müll.  p.  46:  ne  ei  super  esset  spiritum  sibi  ferro 
surripuit  virumque  fato  insequi  quam  vita  deserere  praeoptavit. 
hujus  corpus  amici  sepulturae  mandantes  mariti  cineribus  adjunxe- 
runt,  dignam  ejus  tumulo  rati,  cujus  caritatem  vitae  praetulerat. 
fwenn  ich  ihm  nachfolge'  sagt  Brynhild  Völs.  cap.  31,  'fällt  ihm  die 
schwere  thür  der  unter  weit  nicht  auf  die  ferse',  es  war  mit  dem 
glauben  an  ein  künftiges  leben  und  an  den  dienst,  welchen  die  frau 
dem  gatten  auch  dann  zu  leisten  schuldig  sei,  eng  verwachsen,  der 
Gudrun  gereicht  es  zum  Vorwurf,  dasz  sie  ihren gemahl überlebte:  ssemri 

140  vseri  Godrün  frumver  slnom  at  fylgja  daudom.  Ssem.  224b.  Noch  in 
den  gedichten   des  mittelalters  bricht  der  altheidnische   sinn  durch: 

'ouch  sol  ich  mich  niht  sümen  me, 

ich  wirde  din  geselle 

ze  himel  oder  zer  helle, 

swederhalp  wir  müezen  sin.'   Wigal.  7705. 

sus  lac  si  klagende  ob  im  tot.    7744.    vgl.  10012.  10050. 

die  jüngere  zeit  findet  das  blosz  schön  oder  rührend,  in  der  alten 
war  es  herkommen  und  gesetz. 


SITTE  99 

Mich  hat  zu  sammeln  angezogen,  auf  welche  weise  man  im  alter- 
thum  sich  dem  sieger  oder  einem  gefürchteten  feind  auf  gnade  er- 
gab, man  gieng  ihm  nackt,  ohne  waffen  entgegen,  oder  faszte  das 
schwert  an  der  spitze  und  reichte  den  grif  dar,  damit  anzuzeigen, 
dasz  ihm  recht  über  leben  und  tod  gebühre  (RA.  166.  Pertz  8,  620). 
Iornandes  erzählt  aber  cap.  10  dem  Dio  Chrysostomus  nach,  dasz 
dem  Philippus  von  Makedonien,  Alexanders  vater,  als  er  Moesien  mit 
heer  überzog,  aus  der  stadt  die  priester  mit  gesang  entgegentraten 
und  ihn  so  erweichten:  unde  et  sacerdotes  Gothorum  aliqui,  illi  qui 
Pii  vocabantur,  subito  patefactis  portis  cum  citharis  et  vestibus  can- 
didis  obviam  sunt  egressi,  paternis  diis  ut  sibi  propitii  Macedones 
repellerent,  voce  supplici  modulantes.  Athenaeus  14,  24  aus  Theo- 
pomp: rkrai,  qyqöi,  'M&ccQag  s%ovt8Q  nai  m&ccq%ovteq  zag  kmm]Qv- 
Ktiag  itoiovvTUi.  Merkwürdig  meldet  auch  Cassius  Dio  51,  25,  dasz 
bei  des  Crassus  heerzug  in  Thrakien  die  Odrysen,  als  Verehrer  des 
Dionysus,  ohne  waffen  ihm  entgegen  giengen  und  Schonung  erhielten; 
ja  er  nahm  den  Bessen  die  gegend,  wo  Dionysus  heilig  gehalten  ward, 
und  gab  sie  den  Odrysen.  Nicht  anders  sollen  in  Indien  die  Nisaeer 
dem  Alexander  entgegengesandt  haben,  dass  er  ihre  stadt,  als  dem 
Dionysus  heilig,  verschonen  möge:  acpsivcci  tg>  &eci  ty\v  itohv,  wie 
Arrian  und  Curtius  8,  10  berichten. 

Herodot  4,  64  meldet  von  den  Skythen:  smav  tbv  ngcotov 
avdgct  xccTccßdXr]  olvtjq  2J%v&r]g,  xov  aTfiatog  ifxnivBi.  oöovg  d'  av 
cpovEvor)  iv  rjj  V^lVi  tovxmv  rag  mcpalag  anocpkQU  reo  ßaödeL 
So  werden  die  häupter  des  gefallnen  Euryalus  und  Nisus  auf  Speere 
gesteckt  und  fortgetragen.  Virg.  Aen.  9,  463;  sie  sollen  dem  heer- 141 
führer  ein  zeichen  des  siegs,  oder  genommner  räche  sein.  Gregor, 
turon.  8,  30  von  Terensiolus  comes:  cujus  caput  truncatum  est  ad 
vindietam  adversariorum  et  urbi  delatum  est;  die  gedichte  sind  voll 
von  beispielen.  im  span.  romance  del  moro  Calaynos  heiszt  es  von 
Roldan: 

la  cabe$a  de  los  ombros  luego  se  la  fue  a  cortar, 

llevola  al  emperador  y  fue  se  la  a  presentar; 

im  Ferabras  2320  sagt  Rollan 

ar  fassam  una  causa  de  que  sia  parlat: 
cascus  prengna  ij  testas  a  l'arso  nozelat, 
e  farem  ne  prezen  perdenant  lalmirat. 

diesem  knüpfen  der  häupter  an  den  Sattelbogen  begegnet  man  auch 
bei  den  wilden  in  Amerika  (Klemm  2,  144),  und  die  Jäger  schleppen 
so  ihren  fang  heim*,  ja  im  neugriechischen  liede  reiht  Charon  die 
kinder  an  seinen  sattel  (mythol.  s.  805);  Wode  fängt  die  unterirdi- 
schen, knüpft  sie  mit  den  haaren  zusammen  und  läszt  sie  von  jeder 
seite  des  pferdes  herabhängen  (Müllenhoff  s.  373).  auch  Dieterich 
bindet  des  Ecken  abgeschlagnes  haupt  an  seinen  sattel  (Ecke  150 
oder  296)  und  dasselbe  wird  von  diesem  helden  Vilk.  saga  cap.  283 
erzählt.    Rol.   142,  27: 

*  Siegfried  bindet  den  gefangnen  baren  an  den  sattel.    Nib.  891.  898. 

7* 


100  SITTE 

daz  ich  din  houbit  abe  slahe 
unt  iz  fvir  den  chunc  trage; 
149,  11:  din  houbit  dar  obene 

steche  ich  an  minen  spiez, 
also  ich  dem  kunige  gehiez, 
unt  fuerez  ubir  al  dise  berge; 
307,  4:  den  hals  er  ime  abe  sluoc, 
daz  houbit  er  üf  huop, 
er  stacte  iz  an  ein  sper, 
üf  sin  marh  gesaz  er, 
er  fuortiz  wider  üf  den  hof, 
da  wart  michel  froude  unt  lof. 

142  das  haupt  wird  immer  in  den  kreis  der  genossen,  deren  Jubelgeschrei 
ausbricht,  oder  dem  könig  hingetragen,  welcher  auch  von  dem  er- 
legten eber  oder  baren  das  haupt  zu  empfangen  berechtigt  ist.* 
Wolfdieterich,  nachdem  er  die  riesin  erschlagen  hat, 

er  nam  daz  houpt  besunder  dö  bi  dem  häre  sin, 
er  wolt  ez  durch  ein  wunder  hän  bräht  der  keiserin, 
dö  düht  ez  in  ze  swsere,  er  nam  ez  an  die  hant, 
der  fürste  sseldenbsBre,  und  warf  ez  üf  daz  lant; 

gerade  so  wird  des  von  Beovulf  erlegten  Grendels  haupt  bei  dem 
haar  an  hof  getragen,  und  das  lied  fügt  den  mildernden  zug  bei, 
dasz  männer  und  frauen  ob  dem  anblick  sich  entsetzten,    v.  3292 : 

J>a  väs  be  feaxe  on  flet  boren 

Grendles  heäfod,  f>8er  guman  druncon. 

egeslic  for  eorlum  and  f>sere  idese  mid, 

vliteseon  vrsetlic  veras  onsävon. 

auch  Governal  im  Tristram  1735,  der  einen  feind  enthauptet  hat: 
Governal  a  la  löge  vient, 
la  teste  au  mort  h  sa  main  tient 
a  la  forche  de  sa  ramee 
l'a  eil  par  les  cheveus  nouee. 

von  dem  norwegischen  könig  Sigurdr,  Haralds  söhn,  heiszt  es  (fornm. 
sog.  7,  214)  blosz:  drap  hann  ok  bar  höfud  hans  üt  i  hendi  ser. 
Es  geht  aus  diesen  beispielen  hervor,  dasz  der  gebrauch  unter  allen 
deutschen  stammen  verbreitet  war,  wie  noch  heute  die  serbischen 
krieger  den  erlegten  feinden  die  häupter  abzuhauen  und  ihrem  feld- 
herrn  zu  überbringen  pflegen.** 

143  Gleiches  musz  von  der  gewohnheit  behauptet  werden,  aus  dem  Schä- 
del erlegter  feinde  oder  gestorbner  angehörigen  ein  trinkgef  äsz  zu  bereiten. 

Die  Issedonen  pflegten,  wenn  einem  mann  sein  vater  starb, 
das  fleisch  des  leichnams  mit  dem  der  geopferten  schafe  zu  mengen, 
und   beides   zu  schmausen***:    xr\v  dl  xE(pcdY]v   avrou   tydcoöavTeg 

*  wie  das  haupt  des  erlegten  vargus :  et  si  postea  repertus  fuerit  et 
teneri  possit,  vivus  regi  reddatur,  vel  caput  ipsius,  si  se  defenderit:  lupi- 
num  enim  caput  gerit  a  die  utlagacionis ,  quod  ab  auglis  wlvesheved  no- 
minatur.  leges  Edwardi  confessor.  6. 
**  Vuks  Montenegro  s.  113. 
***  die  Weletaben  oder  Wilzen  beschuldigte  man,  ihre  todten  eitern  zu 
essen  N.Cap.  105  vgl.  recbtsalt.  s.488.  auchMnesippus  hatte  von  denSkythen 
gehört:  oxi  xazsoiHovai  xovq  nazigag  ano&avoviaQ.  Lucians  Tox.  cap.  8. 


SITTE  101 

xccl  sxxci&iJQavTsg  %axa%Qv<5ov<5i  nai  htBixa  ctxs  aydX^iaxi  %Qzavzai, 
xtvöiag  ya.yaXag  biexkovg  ImxzXkovxzg.  Herod.  4,  26.  hier  ist  die 
Verwendung  des  schädels  zum  becher  nicht  ausgedrückt,  nur  dasz  er 
vergoldet  als  heilthum  (ayaXfxa)  aufbewahrt  werde,  [aber  Mela  2,  1 
capita  ubi  fahre  expolivere  auro  vincta  pro  poculis  gerunt.]  deut- 
licher beschreibt  die  schon  vorhin  angezogne  meidung  4,  64.  65  von 
den  Skythen,  wie  der  mitgebrachte  schädel  des  feindes  zubereitet 
wird:  xal  rjv  ^isv  $  7t£vrjg.  6  d'  E^cod'Bv  co^ioßoerjv  (tovvrjv  Tteqixtivag 
ovxa  iQaxai,  rjv  dl  r)  TiXovöiog,  x?]v  {ilv  co^oßoerjv  nsqixtivu,  eöco&ev 
de  %axa%QVQcoöag  ovxo  %Quxm  rtoxeglGj. 

Ammianus  Marcell.  schildert  uns  27,  4  die  Skordisken,  welche 
man  für  illyrische  Kelten  hält,  die  aber  Florus  3,  4  Thraker  nennt,  als 
in  Thrakien  wohnhaft:  partem  Thraciarum  habitavere  Scordisci  .  .  . 
saevi  quondam  ettruces,  utantiquitasdocet,  hostiis  captivorum  Bellonae 
litantes  et  Marti,  humanumque  sanguinem  in  ossibus  capitum  cavis  bi- 
bentes  avidius;  zu  Ammians  zeit  war  das  blosze  sage  und  die  sitte  des 
herabgekommnen  volks  milder  geworden.  [Sil.Ital.  13,48  von  den  Kelten.] 

Berühmt  ist  die  langobardische  sage  bei  Paulus  diac.  2,  28 :  cum 
in  convivio,  ultra  quam  oportuerat,  apud  Veronam  laetus  resideret 
(Alboin),  cum  poculo,  quod  de  capite  Cunimundi  regis  sui  soceri 
fecerat,  reginae  ad  bibendum  vinum  dari  praecepit,  atque  eam  ut 
cum  patre  suo  laetenter  biberet  invitavit.  hoc  ne  cui  videatur  im- 
possibile,  fügt  Paulus  hinzu,  veritatem  in  Christo  loquor,  ego  hoc 
poculum  vidi  in  quodam  die  festo  Ratchis  principem,  ut  illud  con- 
vivis  suis  ostentaret,  manu  tenentem.  Alboin  wurde  auf  Rosemundens  144 
anstiften  dieses  greuels  wegen  im  j.  574  ermordet,  Ratchis  herschte 
fast  zwei  jhh.  später,  so  lange  zeit  hatten  also  die  könige  das  v.yaX\ia 
feierlich  bewahrt,  es  ist  dem  Paulus  gern  zu  glauben,  dasz  er  den 
schädelbecher  sah.  zu  Trier  hatten  die  mönche  den  in  silber  gefaszten 
schädel  des  heiligen  Theodulfs  und  gaben  fieberkranken  daraus  zu 
trinken  (acta  sanctor.  mai  1,  99a).  Leo  von  Rozmital  kam  im  j.  1465 
nach  Neusz:  do  sahen  wir  in  der  kirchen  einen  kostlichen  sarch, 
dorin  leit  der  lieber  heilig  sanct  Quirinus,  und  sahen  sein  hirnschalen, 
doraus  gab  man  uns  zu  trinken  (Schm.  ausg.  s.  148).  Aventin  (ed. 
1580  fol.  24b)  die  sitten  der  alten  Deutschen  schildernd  sagt:  der 
feinde  hauptleut  und  herren  (so  sie  erschlugen  in  offen  freiem  felde) 
hirnschalen  lieszen  sie  einfassen,  gaben  an  hochzeitlichen  tagen  darausz 
zu  trinken  denen,  die  ein  feind  im  offen  felde  erwürgt  netten,  was 
eine  besondere  grosze  gnad  und  ehre,  wie  die  mönch  zu  Ebersberg 
mit  sanct  Sebastian  hirnschal,  und  die  zu  Niedermünster  in  Regens- 
purg  und  sanct  Ernhart  hirnschal  noch  thun,  dorft  der  son  nicht 
ehe  zu  tisch  sitzen  mit  dem  vater,  dergleichen  gab  man  keinem  an 
feirtagen  ausz  den  geweichten  der  feinde  hirnschale  nicht  zu  trinken, 
er  hett  dann  vor  einen  feind  im  ofnen  krieg  erschlagen. 

Ein  wichtiges  zeugnis  liefert  der  noch  ungedruckte  theil  des  Garin 
le  loherain,  nach  Mones  auszug  s.  279:  Gerbert  liesz  ein  münster 
bauen  und  den  alten  Fromont  prächtig  begraben,  seinen  schädel  aber 


102  SITTE 

aus  dem  sarge  nehmen  (porce  quil  fu  ä  si  tres  bon  guerrier),  daraus 
einen  hanepier,  d.  i.  hanap,  ags.  hnäp,  ahd.  hnapf  fertigen,  womit  ihn 
Fromondin,  sein  mundschenk  bedienen  sollte,  doch  befahl  er  den 
schädel  ganz  mit  edelsteinen  und  gold  zu  überziehen,  dasz  er  unkennt- 
lich war  und  nur  eine  heimliche  stelle  hatte,  wo  man  den  Überzug  weg- 

145  schieben  und  den  schädel  sehn  konnte*.  Beim groszen pfingstfeste,  wozu 
alle  verwandten  geladen  waren,  bediente  Fromondin  den  Gerbert  mit 
dem  schädelbecher,  ohne  es  zu  wissen;  so  trank  auch  Fromondin  ein- 
mal daraus,  als  ihm  ein  ritter  verrieth,  dasz  seines  vaters  schädel 
im  becher  sei.  da  fuhr  Fromondin  zusammen  und  eilte  zu  Gerbert,  die 
Wahrheit  zu  erkunden,  dieser  erklärte,  er  habe  den  becher  zur  minne, 
nicht  zum  höhn  machen  lassen;  aber  Fromondin  war  entrüstet,  kün- 
digte dem  Gerbert  die  lehenschaft  auf  und  krieg  und  feindschaft  an. 

Rachedurstig  tödtete  Völundr,  der  kunstreiche  schmid,  Nidads 
beide  knaben,  schnitt  ihnen  die  häupter  ab,  faszte  ihre  schädel  in 
silber,  ihre  augensteine  in  ringe,  ihre  zahne  in  brustgeschmeide  zum 
geschenk  für  vater,  mutter  und  Schwester  der  kinder: 

en  £cer  skälar,  er  und  skörom  voro, 

sveip  hann  utan  silfri,  seldi  NictacEi; 

en  or  augom  iarcnasteina 

sendi  hann  kunnigri  kvän  Nidadar; 

en  or  tönnom  tveggia  f>eirra 

slö  hann  briostkringlor,  sendi  Bödvildi** 

Ein  berüchtigtes  anderes  beispiel  aus  dem  alten  norden  hat  die  neuere 
critik  der  Dänen  tilgen  wollen;   die  worte  ßagnars  in  Kräkumäl  25 

drekkum  bior  at  bragdi  or  biugvidum  hausa 
bedeuten:  brevi  cerevisiam  bibemus  e  caveis  craniorum,  biugvid  ist 
buchstäblich  vacuitas  curva  d.  i.  locus  cavus  et  vacuus,  cavea;  ge- 
zwungen und  falsch  erklärt  Rafns  ausgäbe  statt  biugvidum  biug- 
vidum, curvis  arboribus  von  biugvidr,  diese  curvae  arbores  cranio- 
rum seien  nichts  als  trinkhörner.  dasz  man  aus  hörnern  trank  weisz 
jeder,  aber  biugvidir  hausa  sind  unmöglich  hörner  (allenfalls  haar- 
locken)  und  skäl  mag  haus,  nicht  haus  skäl  vertreten,  das  trinken 
aus  hörnern  wäre  im  liede  matt,  während  die  barbarische  Wildheit 
des  ausdrucks  hier  völlig  an  ihrer  stelle  ist. 

146  Nestor  erzählt,  dasz  im  j.  972  die  Petscheneger  den  Svjatoslav 
erschlugen,  seinen  köpf  nahmen  und  von  der  hirnschale  einen  becher 
machten,  beschlugen  und  daraus  tranken  (übers,  von  Jos.  Müller 
s.   147,  vgl.  Schlözer  5,   180). 

Auch  die  Abiponer,  sobald  sie  den  feind  zu  boden  gestreckt  haben, 
schneiden  dem  sterbenden,  das  messer  ins  genick  einsetzend,  unglaub- 
lich schnell  den  köpf  ab  und  festigen  ihn  mit  den  haaren  an  ihrem 
sattel  oder  gürtel.  die  hirnschale  heben  sie  zuweilen  auf  und  nutzen 
sie  als  trinkgefäsz  (Klemm  2,   144  aus  Dobritzhofer  2,  558). 


*  das  gold  muste  den  schädel  fassen,  der  Überzug  gemahnt  an  jene 
üiftoßoeii  bei  Herodot. 

**  Ssem.  137b  vgl.  Vilkinasaga  cap.  29. 


SITTE  103 

Offenbar  dienten  nur  angesehner  feinde  hirnschalen  zu  bechern 
und  man  pflegte  auch  die  geliebter,  verwandter  männer  auf  solche 
weise  als  kostbare  andenken  zu  verwahren:  aus  ihnen  zu  trinken 
galt  für  ehrenvoll  und  heilkräftig  und  wurde  nur  an  hohen  festen 
als  auszeichnung  gestattet,  dadurch  empfängt  der  alterthümliche  ge- 
brauch eine  art  weihe  und  verliert  an  grausamkeit;  zuerst  die  poesie 
scheint  das  menschliche  gefühl  zu  wahren  und  sich  zu  empören. 

Diese  becherschädel,  von  einer  seite  her  betrachtet,  sind  heil- 
thümer  und  reliquien ;  hier  darf  die  frage  aufsteigen,  zu  welcher  zeit 
und  wo  begannen  die  reliquien?  auch  sie  sind  heidnischen  Ur- 
sprungs. 

Der  gebrauch  leichname  oder  stücke  von  ihnen  aufzuheben  und 
zu  verehren  kann  nur  im  grabalter,  nicht  im  brennalter  entstanden 
sein,  wird  die  leiche  durch  das  feuer  in  ein  häuflein  asche  verwan- 
delt, so  entschwindet  den  äugen  alle  besonderheit  der  gestalt  und 
nichts  als  das  geistige,  reinere  andenken  bleibt  zurück. 

Das  begraben  soll  den  todten  leib  so  lange  als  möglich  gegen 
die  Verwesung  schützen,  darum  wird  der  reiche  in  doppelten  oder 
metallnen  sarg  geschlossen  oder  in  festen  gewölben  beigesetzt ;  einige 
Völker  haben  die  leichname  durch  eigne  Zubereitung  zu  sichern  ge- 
sucht. 

Es  liegt  menschlicher  brüst  eingeprägt  die  grabstätten  zu  ehren 
und  jedes  Überbleibsel  von  theuern  todten  zu  bewahren,  auch  der 
verbrannten  leichen  knochen  und  asche  wurden  fromm  gesammelt  147 
und  in  urnen  niedergelegt*.  II.  24,  793.  Servius  ad  Aen.  2,  539. 
Seneca  epist.  92.  Bei  den  Griechen  knüpft  sich  der  heroencultus  an 
die  gräber**.  des  Orestes  begrabne  knochen  schützten  das  ganze 
land,  wurden  ausgegraben  und  mit  nach  Sparta  geführt.  Herod.  1, 
67.  68***.  von  Tegea  nach  Sparta.  Pausan.  III.  3,  6.  11,  8.  Cimon 
brachte  des  Theseus  gebein  nach  Athen.  Pausan.  III.  3,  6.  Die  rcccpoi 
TiatQCo'ioi  waren  den  Skythen  heilig.  Herod.  4,  127.  Man  gosz 
spenden,  schüttete  blumen  auf  gräber  f. 

Christen  achteten  in  den  ersten  jhh.  noch  nicht  auf  die  gräber 


*  Archias  bei  Lucian  Demosth.  encom.  29  sagt:    vöqLccv   xo/tl^co^zdiv 
drjfioo&evovq  Xeiipävcuv,  also  ist  am  schlusz  cap.  50  das  zb  awfxa  slg  Jl&q- 
vag  cc7i07iifitpofx£v  ungenau,  da  owfia  schwerlich  von  der  asche  gesagt  wurde. 
**  K.  Fr.  Hermanns  gottesd.  alterth.  s.  67.  68. 
***  nach  der  Pythia  spruch  liegen  sie  da  verborgen : 

IW  avs/noi  nvelovoi  ovo  xoazsgfjg  vn  ävayxqg, 
xal  zvnog  ävzlzvnog,  xal  nrni*  inl  n^fiazi  xeTzai, 
und  werden  hernach  unter  blasbälgen  und  ambosz  gefunden.  In  derVilkina- 
saga  cap.  29  birgt  Velent  die  getödteten  knaben  unter  die  schmiedebälge  in 
die  wasserpfütze  (undir  fen  fiöturs.  Ssem.  137b)  und  entdeckt  später  die  läge 
mit  der  zweideutigen  rede :  lJ)ar  sem  vatn  gengr  inn  enn  vindr  üt ',  womit  das 
räthsel  in Hervararsaga  cap.  15  p.467.468  zu  vgl.  wie  überraschend  begegnen 
sich  hier  griechisches  und  deutsches  alterthum  mit  aller  kraft  der  poesie. 
t  ad  rosas  et  profusiones  quotannis  faciundas.  inschrift  der  Claudia 
Severa.  auf  Walthers  von  der  Vogelweide  grab  sollte  den  vögeln  getraide 
gestreut  werden. 


104  SITTE 

und  leichname  der  apostel;  die  apostelgeschichte  erwähnt  nicht  das 
geringste  davon,  im  dritten  jh.  mag  der  reliquiencultus,  wahrschein- 
lich nach  griechischem  oder  römischem  brauch,  entsprungen  sein  und 
sich  bei  Vervielfältigung  der  kirchen  schnell  ausgebreitet  haben,  im 
vierten  sammelte  man  reliquien  unter  Constantin  und  Julian,  der  theo- 
dos, codex  IX.  17,  6  bespricht  die  apostolorum  et  martyrum  sedes, 
und  noch  merkwürdiger  sagt  17,  7:  nemo  martyrem  distrahat,  nemo 

148mercetur.  habeat  vero  in  potestate,  si  quolibet  in  loco  sanctorum 
est  aliquis  conditus,  pro  ejus  veneratione,  quod  martyrium  vocandum 
sit,  addant  quod  voluerint  fabricarum.  Greg.  tur.  1,  48  berichtet, 
wie  Poitiers  und  Tours  um  des  h.  Martinus  (f  397)  leichnam  stritten. 
Idatius  in  seiner  chronik  meldet,  zur  zeit  der  einnähme  Roms  durch 
Alarich  (im  j.  409)  seien  alle  geschont  worden,  qui  ad  sanctorum 
limina  confugerunt.  Zu  Justinians  zeit  war  alles  das  noch  mehr 
ausgebildet.  Procop.  de  aedif.  1,  4  erwähnt  die  ccitoöroXcov  GcSpara 
und  1,  7  kütyttvci  ccvöqcjv  ayicov,  ebendaselbst  erzählt  er,  wie  Justi- 
nian  den  heiligen  seine  gesundheit  befohlen  habe,  öl  aus  den  reli- 
quien geflossen  sei.  de  bello  pers.  2,11  meldet  er,  dasz  zu  Apamea 
ein  stück  vom  kreuz  Christi  heilig  verehrt  werde,  die  regula  s.  Be- 
nedicti  cap.  58  erwähnt  schon  einer  petitio  ad  nomen  sanctorum, 
quorum  reliquiae  sibi  sunt;  des  Eugippius  im  j.  511  geschriebne  vita 
Severini  hat  cap.  25  wie  ihm  Johannis  baptistae  reliquiae  dargebracht 
wurden,  und  cap.  9  steht:  martyres,  quorum  reliquias  offero. 

Reliquias  et  ossa  condere  terra  war  altrömischer  Sprachgebrauch 
(Virg.  Aen.  5,  47.  Sueton.  Domitian.  8),  dem  vermutlich  Lucian  jenes 
Xsiipava  nachbildete,  denn  ich  finde  nicht,  dasz  ältere  Griechen  dies 
wort  in  solchem  sinn  gebrauchen,  bei  Ulfilas  ist  kein  anlasz  für  den 
ausdruck,  die  ahd.  Übersetzung  der  benedict.  regel  verdeutscht  an 
jener  stelle  reliquiae  durch  wihida,  wie  auch  anderwärts  steht,  die  gl. 
ker.  241  geben  suuitha  (bei  Hattemer  205  suuihta),  wobei  man  an 
das  serb.  svetina,  sloven.  svetinje  d.  i.  heilthum  denkt,  eine  alts. 
beichte  hebt  an:  ik  giuhu  goda  endi  allon  sinon  wihethon  =  ahd. 
wihidöm,  reliquiis,  und  im  verfolg  heiszt  es :  menöth  suör  an  wlethon 
=  wihidöm.  nicht  anders  in  den  fries.  gesetzen:  an  thä  wlthum  (in 
reliquiis)  swera,  bihalda,  undriuchta  (Richth.  1154).  die  Angelsachsen 
sagen  bän  (ossa),  J)ä  hälgan  bän  (Beda  3,  11)  und  so  wird  altengl. 
bones  verwendet,  ir.  taise  (leichname)  und  taise  na  naomh,  auch 
mionna  (häupter)  na  naomh,  und  mionna  allein  bezeichnet  den  eid- 
schwur, der  welsche  ausdruck  ist  creirfa  und  auf  den  reliquien  schwö- 
ren heiszt  creiräu.    altsl.  und  russ.  moschtschi,  serb.  moschü,  d.  i.  die 

149  gewalten,  gewaltigen,  kräftigen  (von  motsch  vis,  virtus).  mlat.  quellen 
brauchen  häufig  pignora  sanctorum,  und  von  der  auf  bewahrung  in  kap- 
seln hieszen  sie  selbst  schon  capsae  sanctorum,  ahd.  chefsa  (Graff  4, 
379)  mhd.  kefse,  feine  kefsin  an  daz  sper  binden  Roth.  4094.  4138. 
Im  mittelalter  hat  sich  nun  ein  unerhörter  und  bis  jetzt  unaus- 
gerotteter  reliquiencultus  entfaltet,  auf  den  hauptsächlich  die  kirche 
ihre  Verehrung  der  heiligen  gründete:  ein  mit  der  Vielgötterei  des  hei- 


SITTE  105 

denthums  an  unsichtbaren  faden  zusammenhängendes  element.  kaum 
eine  kirche  traute  man  zu  bauen,  in  der  nicht  modernde  knochen 
und  alte  kleiderfetzen  niedergelegt  wurden*;  diese  heiligen,  deren 
altäre  sich  neben  dem  der  gottheit  erhoben,  deren  feste  das  ganze  jähr 
erfüllten,  standen  auch  dem  recht  und  den  krankheiten  vor,  denn 
alle  eide  wurden  auf  ihrer  kapse  geschworen,  alle  siechen  suchten 
heilung  kniend  vor  ihren  gräbern  und  ihren  reliquien.  milde  gaben 
strömten  ihnen  zu  und  die  kirche  konnte  dem  bedürfnis  der  gläubigen 
nur  dadurch  genügen,  dasz  sie  die  zahl  der  heiligen,  folglich  der  heil- 
thümer  unablässig  mehrte,  eine  menge  dieser  heilthümer  muste  un- 
echt**, der  gröszte  theil  der  ihnen  beigelegten  wunder  unwahr  sein. 

Bei  den  Griechen  und  Römern  fehlt  es  nicht  an  ähnlichen  ge- 
brauchen, sie  hielten  die  gräber  ihrer  helden  und  vorfahren  im  anden- 
ken und  jene  gebeine  des  Orestes  oder  Theseus  hatten  für  das  ganze 
land  schützende  kraft,  aus  Pelops  gebeinen  soll  Abaris  das  palladium 
gefertigt  und  den  Trojanern  gegeben  haben  ***,  sein  Schulterblatt  wurde 
vorgezeigt  und  galt  für  heilkräftig:  quorundam  partes  medicae  sunt, 
sicuti  diximus  de  Pyrrhi  regis  pollice,  et  Elide  solebat  ostendi  Pelopis 
costa,  quam  eburneam  affirmabant.  Plin.  28,  4.  Aber  es  entwickelte 
sich  daraus  kein  so  allgemeiner,  alles  ergreifender  cultus,  wie  bei  den  150 
Christen,  keine  beständigen  unaufhörlichen  wallfahrten  zu  den  grä- 
bern.   keine  kranken  genasen,  keine  todten  erwachten  auf  den  gräbern. 

Wenn  die  mönche  aus  Schädeln  der  heiligen  zu  trinken  gaben, 
knüpft  sich  das  nicht  an  jene  barbarei  der  wilden  heiden  ?  die  heilig- 
haltung der  knochen  gleicht  sie  nicht  jenen  einzelnen  brauchen  der 
Griechen? 

Auch  das  einheimische  heidenthum  bietet  zu  vergleichungen  an- 
lasz.  Nach  der  Ynglingasaga  wurde  an  Freys  grabhügel  eine  öfnung 
gelassen  mit  drei  fenstern ;  im  hügel  bewahrte  man  den  leichnam  drei 
jähre,  in  die  drei  fenster  legte  man  den  schätz  an  gold,  silber  und 
erz;  da  blieb  fruchtbarkeit  und  friede  im  land.  es  war  ein  heiliges 
grab,  ein  palladium  der  Nordländer. 

Auf  den  heiligendienst  unsers  mittelalters  müssen  also  einzelne 
Überlieferungen  des  europäischen,  selbst  des  fernen  asiatischen  heiden- 
thums  eingewirkt  haben.  Der  weit  erstreckte  buddhismus  kennt  kein 
blutiges  opfer  und  bringt  blosz  blumen  und  wohlgerüche  dar,  unter 
gesang  und  frommem  gebet;  nur  Shäkjamuni,  den  Stifter  seiner  lehre, 
stellt  er  im  bilde  auf  und  betet  seine  in  besonder!)  gebäuden  einge- 
schlossenen knochen  an.  dieser  reliquiencultus  zeichnet  alle  Buddhi- 
sten aus  f.  durch  mehr  als  eine  Vermittlung  können  buddhistische  leh- 
ren bis  nach  Europa  gedrungen  sein  und  sich  dort  an  verwandte  rich- 

*  die  eine  kirche  bauen  wollen,  holen  sich  reliquien  und   setzen    sie 
gleich  ins  fnndament.    Pertz  6,  83b  — 85b.  307  —  313. 

**  trug  mit  reliquien,  beschwörung  ihrer  echtheit  Pertz  6,  83a.  b. 
***  Jul.  Firmicus  astronomic.  p.  434.    Clemens  Alexandr.  ad  gent.  p.  30. 
f  E.  Burnouf  introduction  a  Thistoire  du  buddhisme  indien.    Paris  1844 
p.  339.  340.     in  nachrichten  über  die  Mongolen  heiszt  jener  Shäkjamuni  ge- 
wöhnlich Dschagdschamuni. 


106  SITTE 

tungen  geschlossen  haben,     auch  hier  scheint   tiefer  Zusammenhang 
der  europäischen  Völker  in  glauben  und  sitte  mit  Asien. 

Anziehend  sind  die  Überfahrten  solcher  heiligenbeine  oft  aus  wei- 
ter ferne  nach  der  kirche,  die  sie  neu  erworben  hatte,  das  volk  un- 
terwegs empfieng  sie  feierlich,  wie  man  fürsten  oder  bischöfe  empfängt, 
und  geleitete  bis  zur  grenze,  wo  schon  die  nachbarn  aufgestellt 
waren,  um  den  zug  fortzuführen. 

151  So  wurden  die  gebeine  des  heiligen  Venantius  durch  Rabanus  im 
j.  836  aus  Italien  geholt,  das  deutsche  volk  geleitete  mit  fahnen  und 
kreuzen.  Baiern  empfiengen  an  ihrer  grenze  und  giengen  mit  bis 
Solenhofen  in  regione  Sualafeld,  von  da  geleiteten  Alamannen  bis 
nach  Hasariod,  wo  Ostfranken  an  deren  stelle  traten  und  bis  zum 
gau  Waldsäzi  begleiteten*;  alle  deutschen  stamme  waren  von  gleichem 
eifer  durchdrungen  den  heiligen  zu  verehren.  Als  in  demselben  jähr 
boten  aus  Paderborn  nach  Mans  in  Frankreich  gesandt  waren,  um  den 
heiligen  Liborius  abzuholen,  dessen  leichnam  auf  die  heidnischen  ge- 
mixter der  Sachsen  einwirken  sollte**,  musz  es  ein  groszartiger  an- 
blick  gewesen  sein,  wie  an  beiden  ufern  des  Rheins  das  volk  in  zahl- 
loser menge,  auf  dem  linken  Franken,  auf  dem  rechten  Sachsen  ver- 
sammelt standen ;  ingressi  Saxoniam  prae  nimia  sibi  obviante  turba  vix 
gradum  movere  poterant  (Pertz  6,  151.  156).  Im  Jahr  964  ent- 
wandten zwei  deutsche  bischöfe  durch  nächtlichen  einbruch  die  gebeine 
des  heil.  Epiphanius  von  Pavia  aus  dem  grab  und  Schäften  sie  glück- 
lich über  die  alpen  nach  Hildesheim  (Pertz  6,  249).***  bekannt  ist  die 
translatio  sancti  Alexandri  im  j.  831:  magnis  undique  multitudinibus, 
virorum  scilicet  ac  mulierum,  diversarum  regionum  occurrentibus  atque 
venerationem  praebentibus,  signisque  quam  pluribus  coruscantibus 
(Pertz  2,  678).  misfiel  den  heiligen  etwas,  so  erschienen  sie  nachts 
im  träum  und  verkündeten  ihren  willen,  wie  götter  zu  thun  pflegen. 

Man  bewahrte  im  heidenthum  nicht  blosz  die  gebeine  und  häup- 

152  ter  von  menschen,  sondern  auch  thieren,  zumal  pferden  (mythol. 
s.  626);  Herodot  4,  71.  72  schildert  ein  6rj(ia  der  skythischen  könige, 
das  aus  den  leichnamen  getödteter  pferde  und  knechte  aufgerichtet 
wurde  (rechtsalt.  s.  676). 

Es  wird  anderswo  gelegenheit  sein  von  der  uralten,  unter  allen 
europäischen  Völkern  verbreiteten  sitte  der  leichengerüste,  leicheninale 
und  leichenwachen  ausführlich  zu  handeln. 

Aus  einer  menge  von  einstimmungen  über  kleidung  und  tracht 
greife  ich  blosz  einen  einzelnen  zug. 

Reiter  und  fuhrleute  pflegen  einen  breiten  gurt  um  den  Unterleib, 
damit  er  auf  dem    rosse  nicht  erschüttert  werde,   zu  schnüren;  ein 

*  Ruodolfi  fuldensis  vita  Hrabani  in  Schannats  hist.  fuld.  p.  123  n° 
XVII  und  in  den  act.  ord.  bened.  sec.  4  pars  2. 

**  quia  vero  rudis  adhuc  in  fide  populus  et  maxime  plebejum  vulgus 
difficile  poterat  ab  errore  gentili  perfecte  divelli,  latenter  ad  avitas  quas- 
dam  superstitiones  colendas  sese  convertens. 

***  solcher  diebstal  galt  für  erlaubt,  nach  dem  gedieht  von  Servatius 
2375  ff.  stehlen  Mastricnter  den  Sachsen  des  heiligen  leichnam. 


SITTE  107 

solcher  gürtel  heiszt  schmachtrieme,  weil  er  dem  hunger  wehren  soll, 
und  von  lange  hungernden  sagt  man,  dasz  sie  den  Schmachtriemen 
anschnallen,  der  altn.  ausdruck  war  hüngurband,  die  Böhmen  sagen 
gezdecky  pas  (reitgurt).  es  gab  aber  sagen  von  gürtein,  die  gegen 
hunger  schützten,  im  lied  von  Ferabras  trägt  Floripar  einen  solchen, 
er  wurde  ihr  im  schlaf  abgelöst  (wie  der  Freyja  ihr  Brlslnga  men), 
hernach  zerstückt  und  ins  meer  geworfen  (Ferabr.  2749.  2752.  2768. 
2799).  Hierher  gehört  eine  stelle  aus  Gellius  N.  A.  16,  31:  Scythas 
quoque  ait  eundem  Erasistratum  dicere,  cum  sit  usus,  ut  famem  lon- 
gius  tolerent,  fasciis  ventrem  strictissime  circumligare.  ea  ventris 
compressione  esuritionem  posse  depelli  creditum  est.  verba  Erasistrati 
ad  eam  rem  pertinentia  haec  sunt:  ü^Lö^hoi  de  üöi  neu  ol  Zjxvftai) 
otav  öid  xiva  xcclqov  dvay*a%ovxai  äoitot  elvai,  JoWtg  itkotxdaig 
%r\v  xodiav  %ia(5<piyyuv,  cog  rfjg  %üvr\g  avxovg  fjzrov  £Vo%Xov6rjg. 
6%edöv  de  xal  ötav  jrA^'p^g  tf  xoilia  rj,  ölcc  to  ych(o^a  Iv  avty 
(j,fjdev  elvai,  dia  xovto  ov  neivaOLV  brav  dl  öcpoÖga  öviutentG)- 
xvla  y,  X8vcö[ic6  ovk  b%si.  Erasistratus  war  des  Aristoteles  Urenkel. 
Das  widerspiel  solcher  hungergürtel  sind  gewissermaszen  die  werwolfs- 
gürtel,  welche  angelegt  werden,  um  thierische  freszlust  zu  stillen; 
bekanntlich  führt  Herodot  4,  105  auch  schon  skythische  werwölfe  an 
(versipelles.  Plin.  8,  34). 

Alle  bisher  angezognen  brauche  haben  weit  in  die  geschichte 
des  alterthums  zurückgeleitet;  der  folgende,  von  geringerem  umfang, 
zeigt  uns  den  unschuldigen  sinn  des  nordischen  alterthums. 

Name  ist  das  was  man  nimmt,  zur  gäbe  empfängt,  goth.  namö  153 
(neutr.)  alth.  alts.  namo  (masc.)  ags.  nama  (masc.)  altn.  nafn  (neutr.) 
schwed.  namn,  dän.  navn,  von  niman  capere  prehendere;  sl.  imja, 
poln.  imi^,  böhm.  gme  (gen.  gmene)  und  gmeno  von  imu  capio,  inf. 
jati,  imati  böhm.  gimati;  dem  litth.  immu  capio,  lett.  iemmu,  niemmu 
steht  kein  solches  subst.  zur  seite,  doch  preusz.  findet  sich  emnes 
(nomen)  neben  imma  capio.  diesem  emnes  gleicht  gr.  ovopa,  ir.  ainm, 
ainim,  welsch  enw,  dem  goth.  namö  aber  lat.  nomen,  it.  nome,  franz. 
nom,  sp.  nombre,  skr.  näman,  osset.  nom,  finn.  nimi,  est.  nimmi, 
läpp,  namm  und  nabma,  ungr.  ne>  (vgl.  poln.  nazwa  benennung).  die 
einstimmung  ist  auszerordentlich,  und  eine  bei  uns  und  den  Slaven 
schön  durchsichtige  abkunft  kann  nicht  gestört  werden  durch  den  ein- 
wand, dasz  alle  diese  Wörter  aus  der  sanskritwurzel  dshnä  entsprun- 
gen seien,  also  skr.  näman  für  dshnäman  stehe,  wie  lat.  nomen  für 
gnomen  (vgl.  cognomen,  ignotus),  und  das  M  der  ableitung  gehöre, 
mithin  na-mö,  nicht  nam-ö  anzusetzen  sei  (Pott  1,  182.  Benfey  2,  144. 
Bopps  gloss.  skr.  193  b).  unsere  ablautende  wurzel  hat  gröszeres  recht 
als  eine  hinter  ihr  gelegne  zweifelhafte,  der  das  skr.  näman  selbst 
untreu  wird,  und  der  begrif  des  namens  durch  das,  woran  man  er- 
kannt wird  (gnomen)  scheint  nicht  passender  als  der  andre,  was  man 
hat,  was  man  empfängt. 

Für  die  namen  gilt  nun  als  regel:  keiner  legt  sich  seinen  namen 
selbst  bei,  sondern  er  wird  ihm  von  andern  beigelegt,    wie  das  neu- 


108  SITTE 

geborne  kind  einen  namen  durch  seine  eitern  und  freunde  erhält,  so 
ist  es  auch  für  die  erklärung  der  volksnamen  wichtig  anzunehmen, 
dasz  sie  durch  benachbarte  Völker  gegeben  wurden,  das  bedürfnis 
einen  dritten  zu  benennen  ist  jederzeit  stärker  als  das  sich  selbst  zu 
nennen. 

Unsere  vorfahren  ertheilten  dem  kinde  seinen  namen  feierlich 
und  beschenkten  es  dabei,  man  hiesz  das  altn.  gefa  nafn  ok  fylgja 
lata.  Egilssaga  367. 

Als  die  valkyrja  den  stummen  d.  i.  namenlosen  Jüngling  mit  dem 
anruf  Helgi  begrüszt  hatte,  sagt  er: 

hvat  lsetr  {m  fylgja  Helga  nafni? 

154  sie  enthüllt  ihm  darauf  den  ort  wo  ein  kostbares  seh  wert  verborgen 
liege.  Ssem.  142.  dieser  name  Helgi  ist  ein  glückhafter  und  drückt 
aus  der  selige,  heilige  (er  ist  zusammenziehung  von  heilagi).  Sigmundr 
verleiht  seinem  neugebornen,  eben  von  den  nornen  begabten  söhne 
den  gleichen  namen  Helgi  und  schenkt  ihm  dazu  sieben  grundstücke 
und  ein  köstliches  seh  wert.  Ssem.  150  a.  [gaf  nafn  sitt  ok  let  pat 
fylgja.  Egilss.  367.]  das  hiesz  man  nafnfesti,  namenfestigung.  Wodan 
hatte  ein  ihm  unbekanntes  volk  Langobarden  benannt  und  muste  ihnen 
zur  festigung  des  namens  den  sieg  über  ihren  feind  bewilligen,  andere 
beispiele  sind  mythol.  s.  123  beigebracht.  Es  ist  natürlich,  dasz  man 
in  den  namen  des  neugebornen  eine  heilsame  weissagende  kraft  für 
seine  zukunft  legte;  hiernach  zumal  sind  die  von  thieren  her  ent- 
lehnten benennungen  zu  deuten.  Andere  anlasse  zur  namengebung 
waren  die  wehrhaftmachung,  wodurch  der  Jüngling  in  den  stand  der 
krieger  eintrat,  die  adoption,  besonders  die  durch  haarscheren,  end- 
lich todesfälle,  weil  dadurch  erbschaften  und  Umänderung  des  grund- 
eigenthums  herbei  geführt  wurden. 

Man  pflegte  auch  dem  kind,   sobald  sein   erster   zahn   ausbrach, 
etwas  zu  schenken,     diese  gäbe  hiesz  altn.  tannfe,  zahngeld: 
Alfheim  Frey  gäfo  i  ärdaga 
tivar  at  tannfe.    Ssem.  41». 

Olafr  trug  an  der  hand  einen  ring,  den  seiner  mutter  der  könig  at 
tannfe  gegeben  hatte  und  woran  er  den  söhn  erkennen  wollte.  Laxd. 
saga  p.  72.  82.  ich  zweifle  kaum,  dasz  dieser  brauch  schon  vor 
alters  auch  in  Deutschland  galt,  kann  ihn  aber  nicht  ausdrücklich  nach- 

155  weisen*;  wol  aber  besteht  er  noch  heute  in  Island  und  Finnmarken, 
bei  den  Finnen  heiszt  solches  zahngeld  oder  die  pathengabe  hammas- 
raha,  bei  den  Esten  hambarahha,  von  hammas  zahn ;  bei  den  Lappen 


*  noch  weniger  im  classischen  alterthum;  doch  galt  den  Römern  ein 
solcher  zahn  für  heilkräftig:  pueri  qui  primus  ceciderit  dens,  ut  terram  non 
attingat,  inclusus  in  armillam  et  assidue  in  brachio  habitus.  Plin.  28,  4. 
auch:  dentes  equi,  qui  primi  cadunt,  alligati  facilem  dentionem  praestant, 
mhd.  fülzene  (mythol.  s.  624).  die  stadt  Sinzich  hatte,  auf  Friedrich  Roth- 
barts anordnung,  dem  reich  jährlich  sechs  Schillinge  zu  entrichten,  welches 
jus  rostant  (pferdezahn)  hiesz.    Lacomblet  2  n°  125. 


SITTE  109 


panekes,  [banekes,]  pannikeis,  von  pane  [padne,  badne]  zahn,  sie 
pflegen  nemlich  dem  kind  für  den  erst  ausbrechenden  zahn  ein  renn- 
thier  zu  schenken,  das  dann  in  der  heerde  beobachtet  wird:  nach 
dem  es  sich  viel  oder  wenig  vermehrt,  folgert  man,  dasz  auch  das 
kind  reich  oder  arm  sein  werde.  Nicht  anders  schenkt  man  bei  uns 
den  kindern,  ich  weisz  nicht  ob  zur  zeit  der  geburt  oder  des  ersten 
zahns,  ein  lamm  oder  kalb,  das  grosz  gezogen  wird;  in  Schlesien 
schenken  die  pathen  dem  kind  einen  acker  oder  ein  feld,  das  pathen- 
mauer  genannt  wird,  auch  die  amme  oder  Wärterin  des  kindes  pflegt 
für  den  ersten  zahn  ein  geschenk  zu  empfangen,  dieser  erste  zahn 
heiszt  in  Süddeutschland  wölfeli,  wülferl  oder  wolfszahn,  böhm.  wlcek, 
poln.  wilczek,  doch  mhd.  bezeichnet  wolfes  zant  den  bissigen,  giftigen 
zahn  (Freidank  s.  379).  der  lettische  ausdruck  sohbu  nauda  zahn- 
geld,  pathengeschenk  verbürgt  die  sitte  für  diese  gegend,  und  ich 
ahne,  dasz  sie  auch  unter  den  Slaven  besteht*. 

An  einigen  orten  herscht  der  brauch  bei  geburt  des  kindes  einen 
bäum  zu  pflanzen,  und  man  achtet,  ob  er  gedeihe. 

Ich  schliesze  mit  einer  bemerkung  über  den  gebrauch  der  schrift 
bei  den  europäischen  Völkern. 

Entsprungen   in   einer  fülle    des  Zusammenhangs  zwischen    bild  156 
und  gedanken  bei  den  Aegyptern  und  bald  zurückgeführt  auf  einen 
für  ihren  eigentlichen  zweck   hinlangenden  auszug  der  zeichen,  hat 
sie  sich   frühe   nach  Phoenizien  gewandt   und   von    dannen  manche 
weitere  wege  gefunden. 

Wie  die  schrift  unter  Griechen,  Etruskern  und  Römern  einhei- 
misch ward,  sich  noch  einfacher  und  edler  gestaltete  und  von 
dieser  grundlage  her  allmählich  in  das  übrige  Europa  eindrang,  ist 
bekannt. 

Minder  ausgemacht  scheint,  ob  nicht,  was  man  vorlaut  geleugnet 
hat,  auszer  jenem  breiten  ström  in  dem  sie  sich  durch  die  länder 
ergosz,  auch  noch  schmale  und  versteckte  gänge  eingestanden  werden 
müssen,  auf  welchen  sie  theilweise  vordrang,  wieder  stockte  oder  her- 
nach in  jener  gröszeren  masse  sich  verlief,  gewisse  eigenthümlich- 
keiten  der  Schreibweise  des  europäischen  alterthums  stehn  füglich 
kaum  anders  zu  begreifen. 

Es  läszt  sich  zugeben,  dasz  auch  rohen  ungebildeten  volksstäm- 
men,  wie  wir  uns  die  einwandernden  zu  denken  haben,  wenn  nicht 
allgemeine  Übung  der  schrift,  deren  sie  nicht  bedurften,  doch  eine 
gewisse  überlieferte  und  mitgebrachte  kenntnis  derselben  beigewohnt 


*  neben  der  groszen  Urverwandtschaft  zwischen  skr.dantas,  pers.  dendän, 
osset.  dendeg,  gr.  oöovq,  jon.  ööojv,  lat.dens,litth.dantis,  ir.deat,  welsch dant, 
goth.tunfms,ahd.zand,ags.  töd\  altn.  tonn  erscheint  das  abweichende  sl.  zub, 
poln.  zab,  welchen  sich  lett.  sohbs  anreiht,  zwischen  diesem  sohbs  und  dem 
Iitth.  dantis  liegt  hier  die  Scheidewand;  mit  zub  [Schleicher  p.  42]  vergleicht 
Miklosichskr.dshambacibus  und  maxilla,  gr.  yccfMpai  yafiwijkal  und  yd(*<piOQ 
dens  molaris  (Benfey  2,  116),  wobei  altn.  Mammi  maxilla,  kiaptr  faux  in 
betracht  kommt  (K:Z  wie  in  kornrzrno).  merkwürdig  das  alban.  dsfin. 


HO  SITTE 

habe :  hervorragende  stände  und  edle  geschlechter,  zumal  priesterliche 
mögen  hin  und  wieder  im  besitz  einer  solchen  gewesen  oder  geblie- 
ben sein  und  sie  für  ihre  zwecke  anzuwenden  verstanden  haben,  be- 
kanntlich legt  Caesar  6,  14  den  gallischen  druiden  ausdrücklich  den 
gebrauch  einer  schrift  bei,  die  er  griechisch  nennt,  weil  ihre  buch- 
staben  vermutlich  den  griechischen  mehr  als  den  lateinischen  glichen*, 
Toxaris  bei  Lucian  berichtet,  im  skythischen  Oresteion  seien  auf  der 
seule  bilder  und  Schriften  gewesen,  mag  man  diese  erzählung  be- 
zweifeln, den  Geten  und  Daken,  bei  ihrem  häufigen  verkehr  mit  Grie- 

157chen  und  Römern,  wird  man  schwerlich  kenntnis  des  Schreibens  ab- 
streiten, und  das  bleibt  unleugbar,  dasz  in  der  späteren  gothischen 
schrift,  wie  sie  zu  Ulfilas  zeit  geregelt  wurde,  einzelne  buchstaben 
und  zeichen  haften,  die  aus  den  ihr  zum  grund  gelegten  griechischen 
und  lateinischen  buchstaben  keineswegs  folgen,  aber  mit  den  nordi- 
schen, sächsischen  und  markomannischen  runen  sich  berühren,  diese 
runen,  deren  name  schon  auf  geheime,  nicht  allgemein  verbreitete 
Übung  hinweist,  wie  ich  mir  jene  priesterliche  denke,  reichen  auf  den 
scandinavischen  steinfelsen  kaum  noch  ins  heidenthum  zurück,  werden 
aber  durch  ags.  und  ahd.  handschriften  bis  zum  achten  und  siebenten 
jh.  gesichert,  so  dasz  sie  von  den  gothischen  büchern  nicht  fern  ab- 
stehn.  Nimmt  man  hinzu,  dasz  die  hibernischen  und  slavischen  alpha- 
bete,  obgleich  aus  dem  lat.  und  gr.  herleitbar,  manches  eigne  haben, 
und  zumal  die  glagolitische  noch  mehr  als  die  cyrillische  schrift  der 
Slaven  an  die  nordischen  runen  streift,  so  wird  jenes  Vorhandensein 
eines  unrömischen  und  ungriechischen  schriftelements  in  Europa  nicht 
in  abrede  zu  stellen  sein**,  die  Wichtigkeit  dieses  Zusammenhangs 
musz  aber  in  den  einzelnen  zeichen  nachgewiesen  werden  und  beson- 
deren Untersuchungen  vorbehalten  bleiben. 

Hier  liegt  es  mir  an,  etwas  anderes  nicht  zu  verschweigen,  wo- 
durch eine  solche  beweisführung  noch  verstärkt  werden  kann,  die 
runischen,  slavischen  und  irischen  alphabete  weichen  in  Ordnung  und 
benennung  ihrer  buchstaben  bedeutsam  ab  von  den  classischen.  schon 
die  art  und  weise,  wonach  die  einzelnen  laute  geordnet  werden,  ist 
nichts  gleichgültiges,  sondern  beruht  auf  langem  herkommen,  noch 
gröszere  aufmerksamkeit  fordern  aber  die  namen.  ohne  zweifei  sind 
diese  namen  groszentheils  noch  übrig  aus  dem  beim  Ursprung  des  zei- 

158chens  stattgefundenen  verfahren,  nemlich  das  zeichen  gieng  hervor  aus 
einem  bild  der  Vorstellung,  für  welche  ein  wort  galt,  das  mit  dem 
laut  anhub,  welcher  durch  das  zeichen  ausgedrückt  merden  sollte, 
die  altdeutsche  rune  M  zum  beispiel  führt  den  namen  mann,  und  drückt 
in  ags.  hss.  geradezu  dies  wort  aus;  sie  scheint  sicher  aus  der  gestalt 

*  in  castris  Helvetiorum  tabulae  repertae  sunt  litteris  graecis  confectae 
et  ad  Caesarem  perlatae.    Caesar  1,  29. 

**  Dietmar  von  Merseburg  versichert  (Pertz  5,  812)  auf  den  slavischen 
götterbüdern  (wie  in  jenem  Oresteion)  seien  die  namen  eingeschrieben  ge- 
wesen singulis  nominibus  insculptis,  wie  sie  an  den  Prilwitzer  götzen  stehn, 
deren  echtheit  noch  nicht  so  verzweifelt  ist. 


SITTE  Hl 

eines  manns  mit  zwei  armen  entsprossen,  da  nun  die  buchstabnamen 
begreiflich  bei  verschiedenen  Völkern  und  stammen  wechseln,  d.  h.  auf 
worte  und  zeichen  angewandt  werden,  die  jedem  angemessen  und 
nöthig  sind,  so  erhält  dadurch  die  Untersuchung  dieser  Verschieden- 
heiten groszen  reiz. 

Der  zweite  buchstab  des  hebr.  und  gr.  alphabets  hiesz  beth,  ßrjta 
und  hätte  schon  die  Kömer  auf  betulla  betula  leiten  können,  doch 
dieser  bäum  schien  ihnen  ein  gallischer  (Plin.  16,  18).  desto  natür- 
licher war  den  Galliern  selbst  für  das  B  der  name  beith  (wie  betulla 
auf  irisch  lautet,  auf  welsch  bedwen),  den  Angelsachsen  beorc,  den 
Normannen  biörk;  allein  ahd.  runen  geben  nicht  biricha,  sondern  berc 
mons.  einem  halb  gothischen  aiphabet  des  Wiener  cod.  140  ist  bercna 
beigeschrieben;  den  Slaven  heiszt  B  nicht  bereza,  vielmehr  buki,  was 
an  buk  fagus,  unser  buche  mahnt,  und  altsl.  bouki  drückt  ygcc^a, 
ßißXlov  aus  wie  das  goth.  böka.  Im  altn.  runenalphabet  sind  nur 
zwei  namen  von  gewachsen  entlehnt  J>orn  und  biörk,  und  dazu  galt 
für  ]3orn  früher  purs,  riese;  die  sächsischen  runen  haben  vier  solcher 
namen:  porn,  beorc,  äc,  äse.  das  irische  besteht  dagegen  aus  lauter 
gewachsen:  B  beith  birke,  L  luis  eberesche,  F  fearn  erle,  S  sail 
weide,  N  nion  esche,  H  huath  hagedorn,  D  duir  eiche,  T  tinne? 
schwerlich  teine  feuer,  C  coli  hasel,  Q  queirt  apfelbaum,  M  muin  rebe, 
G  gort  epheu,  NG  ngedal  ried,  P  pethpoc?  ST  straif  schlehe,  R  ruis 
nieder,  A  ailm  föhre,  0  onn  pfriemenkraut,  U  ur  heide,  E  eadhadh 
espe,  I  idhadh  eibe,  EA  eabhadh  espe,  Ol  oir  spindelbaum,  UI  uilleann 
wald winde,  10  ifin  Stachelbeere,  EA  amhancholl?  verschieden  von 
diesem  bethluisnoin  ist  eine  andere  oghum  genannte  Ordnung. 

Bei  den  monatsnamen  sahen  wir  die  einbildungskraft  der  Kelten  159 
gar  nicht  auf  pflanzen  gerichtet,  während  es  hier  überall  geschieht, 
und  umgekehrt  Deutsche  wie  Slaven  thiere  und  andre  Vorstellungen 
einmengen,  auch  die  welschen  coelbren,  die  von  Tacitus  geschilderte 
sortium  consuetudo  und  die  friesischen  teni  beziehen  sich  auf  baum- 
zweigszeichen  und  nichts  gleicht  den  runen  mehr  als  die  gestalt  zu- 
geschnittner  gerader  und  krummer  äste. 

Da  die  alte  stabschrift  geheimnis  war  und  zauberhaft  wirkte,  so 
begreift  sich  warum  runa  mysterium  bedeutete  und  raunen  flüstern, 
fast  alles  weissagen  des  alterthums  geschah  mit  zweigen  und  stäben, 
wie  unsere  Wünschelrute  (mythol.  s.  926)  und  der  stab  des  Hermes 
und  Aesculap  lehren,  das  temere  ac  fortuito  spargere  bei  Tacitus 
Germ.  1 0  gleicht  dem  altn.  hrista  teina  (coneutere  virgas) :  hristo  teina 
ok  ä  hlaut  sä.  Ssem.  52 a,  von  den  alten  Sachsen  meldet  Beda  5, 
1 1  mittunt  sortes,  hluton  mid  tänum  und  noch  Ulfilas  Luc.  1 ,  9  ver- 
deutscht eXa%e  hlauts  imma  urrann.  wie  die  Slaven  mit  schwarzen 
und  weiszen  Stäbchen  loszten  schildert  Saxo  gramm.  ed.  Müll.  p.  827, 
wie  die  Alanen  Ammianus  31,  2,  wie  die  Skythen  Herodot  4,  67; 
nach  dem  scholiast  zu  Nicanders  ther.  613  brauchten  diese  dazu  die 
myrica  (tamariske):  \aayoi  de  Ttai  EKv^ai  ^vqikLvco  ^avtsvovxai 
£vXg). 


112  SITTE 

Die  griechischen  namen  der  buchstaben  scheinen  phoenizischen 
Ursprungs,  doch  ist  glaublich,  dasz  den  Griechen  schon  bei  der  ersten 
ankunft  im  lande  schrift  nicht  mangelte,  sie  war  ein  gemeingut, 
dessen  künde  alle  urverwandten  Völker  mit  in  ihren  auszug  nahmen; 
aber  viel  fehlt  daran,  dasz  sie  es  auf  gleiche  weise  zu  vereinfachen, 
zu  veredeln  und  fruchtbar  zu  machen  verstanden  hätten. 

Es  war  meine  absieht  in  einer  nicht  sparsamen  reihe  von  bei- 
spielen,  gegenüber  den  aufgestellten  wortgeschlechtern  des  viehes  und 
160  getraides,  erkennen  zu  lassen,  wie  fest  auch  in  glauben  und  sitte  die 
ganze  europäische  vorzeit  unter  sich  und  mit  Asien  zusammenhänge, 
und  vorzugsweise  wählte  ich  das,  woraus  zu  lernen  wäre,  dasz  auch 
die  barbarei  ihre  tugend  hat  und  nothwendige  stufe  unsers  aufschwungs 
wurde,  alle  einzelnen  Völkerstämme  sind  aber  in  dieser  betrachtung 
ein  groszes  geschlecht  und  welche  sich  näher  berühren  konnte  nur 
angedeutet  werden:  weil  aber  mein  werk  auf  die  deutsche  spräche 
gerichtet  ist,  muste  der  deutsche  faden  durchschlagen. 


VIII. 
EINWANDERUNG. 


Aus  dem  unermesznen  vorrath  des  altherthums  sind  manigfalte  161 
züge  allem  was  folgen  soll  gleichsam  als  Vordergrund  unterbreitet 
worden,  diese  allgemeine  Schilderung  der  Zeitalter,  des  hirten  und  jäger- 
lebens,  seiner  Übergänge  in  den  ackerbau,  in  geordnete  feste  und 
jahrszeiten,  endlich  ein  aus  glauben,  recht  und  sitte  urverwandter  Völker 
gegrifnes  bild,  überall  durch  einklänge  der  spräche  gehalten  und  be- 
lebt, liesz  sich  noch  gar  nicht  historisch  fassen,  aber  mitten  durch 
die  Untersuchungen  zuckt  schon  unabweisliche  gemeinschaft,  und  wenn 
gleich  denkmäler  der  sprachen  unsre  reinste  quelle  sind,  wo  sie  noch 
sprudelt,  dürfen  überraschende  aufschlüsse  und  bestätigungen  nicht 
verschmäht  oder  gering  geachtet  werden,  die  aus  der  poesie,  dem 
mythus  und  den  gebrauchen  des  lebens  hervorgehn:  auch  da  ist  eine 
zähe  kraft  ihrer  fortdauer  und  Überlieferung  anzuerkennen. 

Nirgend  wo  europäische  geschichte  beginnt,  hebt  sie  ganz  von 
frischem  an,  sondern  setzt  immer  lange,  dunkle  zeiten  voraus,  durch 
welche  ihr  eine  frühere  weit  /verknüpft  wird,  einheimische  götter, 
eingeborne  menschen  kann  nur  mythus  oder  volksage  hinstellen. 

Darin  unterscheidet  sich  wesentlich  Asien  und  die  geschichte 
seiner  meisten  Völker,  die  nach  verhältnismäszig  kurzer  aufregung 
im  gelobten  lande  ihrer  heimat  verweilen  und  was  jene  wandernden  162 
einbüszen,  nie  verlieren,  was  jene  stufenweise  hintereinander  er- 
reichen, auf  einmal  zusammen  besitzen,  wie  in  Kain  und  Abel  also- 
bald  ackerbau  und  hirtenleben  nebeneinander  erscheinen,  so  haben 
sich  bei  den  Indern  ständige,  hart  gesonderte  kästen  von  priestern, 
kriegern,  arbeitern  und  knechten  entfaltet,  die  dem  verschmelzen  und 
unablässigen  erhöhen  der  menschheit  widerstand  entgegen  stellen; 
noch  unter  Persern  und  Skythen  dauerte  diese  eintheilung  in  drei 
stände:  krieger,  hirten  und  ackerbauer,  bei  den  übrigen,  wo  sie 
fortbestand,  wurde  ihr  eine  ganz  andere  wendung  gegeben. 

Alle  Völker  Europas  und  voraus  jene  urverwandten,  denen  es 
beschieden  war  durch  Wechsel  und    gefahr  empor  zur  in  gen,   sind  in 

Grimm,  geschichte  der  deutschen  spräche.  8 


Ü4  EINWANDERUNG 

ferner  zeit  aus  Asien  eingewandert,  vom  osten  nach  dem  westen  setzte 
sie  ein  unhemmbarer  trieb,  dessen  eigentliche  Ursache  uns  verborgen 
liegt,  in  bewegung.  der  zug  scheint  aber  stets  zu  lande  und  um  die 
ktisten  des  meers  ergangen,  auszer  wenn  blosze  meerengen  zu  über- 
fahren, inseln  zu  erreichen  waren,  je  weiter  gegen  abend  wir  ein 
volk  gedrungen  finden,  desto  früher  hat  es  seinen  auslauf  begonnen, 
desto  tiefere  spur  kann  es  unterwegs  hinterlassen  haben,  klein  im 
anfang  wälzte  sich  der  häufe  zu  immer  gröszerer  masse  fort;  bei- 
nahe alle  Völker,  wo  sie  zuerst  erscheinen,  sind  schon  zu  solcher 
breite  und  fülle  empor  gewachsen,  dasz  Zwischenräume  der  ruhe  und 
des  Stillstands  ihre  ankunft  verdecken,  aber  hinten  nachdringende 
schwärme  rühren  sie  von  neuem  auf.  dieser  drang  musz  in  der  mitte 
und  im  herzen  Europas  am  stärksten  walten ;  einzelne  Völker  die  seit- 
wärts nach  Süden  schmale  halbinseln  erreichen,  gedeihen  auf  ihnen 
schnell  zu  mächtiger  entfaltung,  und  erliegen  erst  spät,  nachdem  ihre 
geschicke  erfüllt  sind,  den  unabwendbaren  einflüssen  der  mitte,  unbe- 
günstigte  stamme  sinken  sin  Vergessenheit,  die  aber  am  langsamsten 
zur  edleren  bildung  reiften,  scheinen  der  gröszten  lebensdauer  fähig, 
und  wenn  die  sage  den  menschen  der  vorzeit  höheres  alter  beimiszt, 
halten  die  späteren  Völker  desto  fester  aus.  der  urverwandten  zu 
163  weitem  auslauf  ersehnen  Völker  entschiedner  beruf  und  vorragende 
tüchtigkeit  offenbart  sich  eben  darin,  dasz  ihnen  fast  allein  die  euro- 
päische geschichte  angehört. 

Kaum  über  die  hälfte  der  zeit,  welche  insgemein  von  Schöpfung 
der  weit  an  gerechnet  wird,  dehnt  sich  diese  geschichte  hinaus;  ob 
vorher  Europa  waldbedeckt  und  unbewohnt  war  oder  andere  menschen- 
scharen,  auf  deren  treiben  tiefes  schweigen  ruht,  darin  lebten,  weisz 
niemand,  alles  was  von  Völkern  in  Europa  unsere  geschichte  nennt 
und  kennt,  mag  schon  zwischen  zweitausend  und  tausend  jähren  vor 
unsrer  jetzigen  Zeitrechnung  daselbst  heimisch  gewesen  sein. 

Zuerst  tauchen  die  Griechen  auf  und  erstrecken  sich  rückwärts 
bis  ungefähr  1800  jähre  vor  Christus,  eingezogen,  wie  man  vermuten 
darf,  über  Kleinasien  in  Makedonien  Thessalien  Boeotien  und  den 
Peloponnes  hat  sich  zumal  in  diesem  ihre  ruhmvolle  kraft  entfaltet; 
welche  anderen  Völker  schon  vor  ihnen  da  heimisch  waren,  wie  sie 
sich  mit  ihnen  in  bezug  auf  spräche  oder  abstammung  berührten, 
ist  kaum  zu  sagen.  Die  griechischen  mundarten  setzten  sich  im 
aeolischen  jonischen  dorischen  dialect,  über  welchen  allen  endlich  der 
attische  schwebte.  Licht  wird  die  geschichte  der  Griechen  allmählich 
nach  dem  trojanischen  krieg  (1200  j.  vor  Chr.),  ihre  Olympiaden 
beginnen  mit  dem  j.  776,  ihre  grösze  umfaszt  den  Zeitraum  zwischen 
den  Perserkriegen  und  Alexander  von  500  bis  300 ;  nach  Alexanders 
tod  (323)  sinken  sie  unaufhaltsam.  Alexanders  siegszug,  die  kriege 
mit  Persien  und  Troja  bezeugen  des  griechischen  volks  alten  Zusam- 
menhang mit  Asien,  konnten  aber  auf  die  dauer  keine  eroberung  im 
osten,  wider  den  grundtrieb  des  völkerzugs,  gewähren. 

Später  entwickelt  sich  die  herschaft  der  Römer,  deren  geschichte 


EINWANDERUNG  115 

erst  vom  jähre  754  vor  Chr.  zählt;  ihr  glänz  steht  zwischen  den 
kriegen  mit  Carthago  und  der  eroberung  Makedoniens  (264 — 168), 
hält  aber  an  bis  anderthalb  Jahrhunderte  unsrer  Zeitrechnung;  nach 
Antonin  und  Mark  Aurel  beginnt  des  weiten  reichs  verfall.  Wann  und 
auf  welchen  wegen  Italien,  lange  vor  Roms  erbauung,  bevölkert  wurde, 
kann  nicht  nachgewiesen  nur  gemutmaszt  werden;  schon  seine  west- 164 
lichere  läge  lehrt,  dasz  es  Griechenland  vorangegangen  sein  müsse, 
die  Römer  selbst  leiteten  sich  von  Troja  her  und  das  palladium  stammte 
ab  aus  Ilium.  Nicht  tochter,  ebenbürtige  Schwester  der  griechischen 
spräche  ist  die  lateinische,  in  manchem  altertümlicher  und  reiner, 
unter  den  italischen  stammen  kommen,  auszer  Sikelern,  Sabiner  Osker 
Umbrer  und  Tusker  in  betracht;  dem  lateinischen  dialect  liegt  der 
oskische  nah,  der  umbrische  ferner,  mit  welchem  sich  der  stark  ab- 
weichende etruskische  berührt,  die  Rhätier  hat  man  zu  abkömmlingen 
der  Tyrrhener  oder  Etrusker  gemacht;  eher  trugen  wol  Rhätier  oder 
Rasener  ihren  stamm  von  den  alpen  in  die  halbinsel;  einzelnes  in 
etruskischer  sage  und  spräche  klingt  an  germanisches,  die  erste  ein- 
wanderung  in  Italien  überhaupt  scheint  aus  Illyrien  her  erfolgt  zu  sein. 
Unbedenklich  das  dritte  volk  europäischer  geschichte  sind  die 
Kelten,  griechische  nachrichten  begreifen  Gallier  und  theile  der  Ger- 
manen unter  dem  gemeinschaftlichen  namen  Kelten  oder  Galater  und 
erst  die  Römer  lernten  allmählich  Gallier  von  Germanen  scheiden,  dem 
Herodot  wohnen  die  Kelten  z6%axoi  ngog  ijKiov  dvöpeav  (2,  33. 
4,  49).*  Livius  will,  dasz  Bituriger  schon  unter  Tarquinius  Priscus 
etwa  600  jähr  vor  Chr.  über  die  alpen  nach  Italien  und  dem  hercy- 
nischen  wald  gedrungen  seien,  historisch  ist,  dasz  bald  zweihundert 
jähre  später,  388  vor  Chr.,  Gallier  Rom  eroberten  **  und  dann  ihre 
streifzüge  wiederholten,  von  336  bis  238  hielt  Rom  mit  ihnen  friede, 
neuer  krieg  entzündete  sich  von  226  bis  220  und  schlug  zu  der 
Gallier  nachtheil  aus:  das  blatt  hatte  sich  gewendet  und  ihrerseits 
drangen  die  Römer  223  in  Gallien  ein,  das  sie  endlich  zu  Caesars  zeit 
fast  unterjochten.  Die  blute  der  gallischen  macht  wird  in  das  sechste 
fünfte  und  vierte  jh.  vor  Chr.  fallen,  also  dem  gipfel  der  römischen  165 
noch  vorausgehn:  um  diese  zeit  hatten  die  Gallier  strecken  Germa- 
niens,  Oberitaliens,  Spaniens  in  besitz ;  die  beiden  letzten  jhh.  vor  unsrer 
Zeitrechnung  sehen  wie  sie  geschwächt,  auf  einer  seite  den  Römern, 
auf  der  andern  den  Germanen  erliegend.  Deutsche  wie  Römer  trieb 
es  sich  nach  westen  und  nordwesten  auszudehnen;  was  übrig  blieb 
von  Galliern  konnte,  gleichsam  ins  meer  gedrängt,  nur  an  der  äuszer- 
sten  küste,  auf  der  britannischen  und  hibernischen  insel  geborgen 
werden,  hier  dauern,  für  die  Sprachforschung  günstig,  zwei  verwandte, 
bedeutend  abweichende  dialecte  fort,  der  welsche  und  irische,  die  von 


*  extremi  hominum  Morini.  Virg.  Aen.  8,  727;  ut  Menapios  et  Morinos 
et  extrema  Galliarum  quateret.  Tac.  hist.  4,  28 ;  ultimi  gallicarum  gentium 
Morini.  P.  Mela. 

**  vgl.  Plutarchs  Camillus  15,  16. 

8* 


116  EINWANDERUNG 

früh  auf  geschieden  gewesen  sein  müssen.  Ob  der  an  armorischer 
küste  in  Bretagne  ansässige  rest  der  Gallier,  dessen  mundart  jener 
welschen  nahe  steht,  immer  auf  festem  lande  gehaftet  habe  oder 
dorthin  von  der  insel  wieder  eingezogen  sei?  kann  ungewis  scheinen; 
da  alle  Völkerbewegung  vorwärts,  nicht  zurück  schreitet,  trete  ich 
lieber  der  ersten  ansieht  bei. 

Solche  zweifei  fanden  schon  vor  alters  räum  und  unsre  frühsten 
berichterstatter  über  gallische  Völkerschaften  durchschauten  das  Ver- 
hältnis nicht,  es  ist  mir  wichtig  hier  die  stellen  Caesars  und  Tacitus 
auszuheben.  Caesar,  der  das  vordringen  germanischer  Sueven  in 
Gallien  selbst  erlebte,  aber  noch  Helvetier,  Bojen  und  Tectosagen  auf 
germanischem  boden  jenseits  wüste,  deutet  sich  diese  östlichen  Gallier 
folgendermaszen  6,  24:  ac  fuit  antea  tempus  quum  Germanos  Galli 
virtute  superarent  et  ultro  bella  inferrent,  ac  propter  hominum  multi- 
tudinem  agrique  inopiam  trans  Rhenum  colonias  mitterent.    itaque  ea, 

quae  fertilissima  sunt,  Germaniae  loca  circum  Hercyniam  silvam 

Volcae  Tectosages  oecuparunt  atque  ibi  concederunt.  quae  gens  ad 
hoc  tempus  iis  sedibus  se  continet,  summamque  habet  justitiae  et  bel- 
licae  laudis  opinionem,  nuneque  in  eadem  egestate  patientia,  qua  Ger- 
mani  permanent,  eodem  victu  et  eultu  corporis  utuntur.  Gallis  autem 
provinciae  propinquitas  et  transmarinarum  rerum  notitia  multa  ad 
166  copiam  atque  usus  largitur.  paullatim  assuefacti  superari  multisque 
victi  proeliis  ne  se  quidem  ipsi  cum  Ulis  virtute  comparant.  Diese  worte 
im  äuge  hat  Tacitus  Germ.  28:  validiores  olim  Gallorum  res  fuisse 
summus  auetorum  divus  Julius  tradit,  eoque  credibile  est  etiam  Gallos 
in  Germaniam  transgressos.  quantulum  enim  amnis  obstabat,  quo 
minus  ut  quaeque  gens.  evaluerat  oecuparet  permutaretque  sedes 
promiscuas  adhuc  et  nulla  regnorum  potentia  divisas?  igitur  inter 
Hercyniam  silvam  Rhenumque  et  Moenum  amnes  Helvetii,  ulteriora 
Boji,  gallica  utraque  gens,  tenuere.  manet  adhuc  Boihemi  nomen 
signatque  loci  veterem  memoriam,  quamvis  mutatis  eultoribus.  sed 
utrum  Aravisci  in  Pannoniam  ab  Osis  Germanorum  natione,  an  Osi  ab 
Araviscis  in  Germaniam  commigraverint,  quum  eodem  adhuc  sermone 
institutis  moribus  utantur,  incertum  est.  In  der  volksage  bei  Livius  wie 
in  Caesars  nachrichten  hat  jene  annähme  von  siegreichen  zügen  alter 
Gallier  auf  den  germanischen  boden  wenig  für  und  alles  gegen  sich. 
Wie  sollten  die  östlichen  Helvetier,  die  nordischen  Bojen  schon  im 
eigentlichen  Gallien  sitz  gefaszt  und  ihren  rücklauf  über  den  Rhein 
genommen  haben?  naturgemäsz  war,  dasz  alle  Gallier  auf  ihrem  zug 
gegen  westen  vorher  das  ganze  Donau  und  Rheingebiet  inne  hatten,  und 
als  ihre  grosze  masse  den  letzten  ström  überschritt,  ihre  hintersten 
stamme  noch  jenseits  hausten;  so  geschah  es,  dasz  theile  der  Bojen 
und  Helvetier  zurück  blieben,  bis  auch  sie  deutschem  andrang  erlagen, 
aus  Böhmen  wichen  die  Bojen  nach  Baiern,  aus  der  Maingegend  die 
Helvetier  nach  der  Schweiz  gegen  den  hauptstock  ihres  volks:  beide 
flüchteten  südwärts,  immer  aber  von  deutschen  Völkern  erreicht  und 
endlich  aufgerieben;  der  bojische  name  haftete  in  zwei  gebieten,  die 


EINWANDERUNG  %  117 

slavischen  Tschechen  und  deutschen  Markomannen  zufielen.*  Dem 
hercynischen  wald  heiszt  es  gewaltige  ausdehnung  geben,  wenn  man 
noch  in  seinen  östlichen  räum  jene  Tectosagen  unterbringen  will;  167 
Zeusz  meint  s.  171,  sie  seien  von  Pannonien  aus  über  die  Donau  in 
Umgebungen  der  östlichen  germanischen  waldhöhen  eingezogen:  aber 
wie  gelangt  waren  sie  nach  Pannonien?  Livius  38,  16  läszt  bald  nach 
des  Brennus  zug  Tectosagen  über  Illyrien  tief  nach  Asien  vorbrechen, 
Polybius  hat  sie  im  südlichen  Gallien  an  der  Garumna,  Ptolemaeus 
gar  im  asiatischen  Skythien.  Mag  sich  schon  Tacitus,  jener  Tectosagen 
geschweigend,  nicht  über  Ösen  und  Aravisker  entscheiden,  deren  spräche 
und  lebensart  ihm  einstimmig  deutsch  erscheint;  wie  musz  die  Un- 
sicherheit steigen  bei  fernentlegnen  Völkerschaften,  die  in  griechi- 
scher berichterstattung  unter  den  namen  von  Kelten  oder  Galatern 
auftreten,  von  deren  spräche,  welche  hier  allein  aufschlusz  bringen 
könnte,  wir  nichts  wissen.  Über  allen  Verhältnissen  dieser  illyrischen 
makedonischen  thrakischen  skythischen  asiatischen  Kelten  schwebt  un- 
durchdringliches dunkel,  waren  sie  wirklich  eines  volks  mit  den  west- 
lichen, so  mögen  sie  eher  im  osten  verharrt,  als  vom  westen  aus  dahin 
zurückgewandert  sein;  das  stimmt  auch  wie  wir  sehn  werden  mit  dem 
vordringen  und  dahintenbleiben  einzelner  germanischen  stamme. 

Die  geschichte  der  Deutschen,  die  das  vierte  in  Europa  vor- 
rückende volk  bilden,  pflegt  man  mit  des  Pytheas  meidungen  zu  be- 
ginnen, der  zu  Alexanders  des  groszen  zeit  an  Britannien  vorüber  nach 
Thule  und  an  die  ostseeküste  gereist  sein  soll,  wo  er  Guttonen,  Teu- 
tonen und  Ostyaeer  traf,  so  ungünstig  Polybius,  Artemidorus  und 
Strabo  von  seiner  glaubhaftigkeit  urtheilen,  vereinbaren  doch  diese 
östlichen  Völker  sich  mit  den  Teutonen,  Gothonen  und  Aestiern  des 
Tacitus,  ja  mit  den  Guten  und  Daukionen  des  Ptolemaeus  auf  der  insel 
Scandia.  113—102  vor  Chr.  ziehen  sodann  Cimbern  und  Teutonen 
von  der  nördlichen  halbinsel  den  Rhein  entlang  haufenweise  über  die 
alpen**,  Gallien  wie  Rom  in  schrecken  setzend;  es  war  das  erste  168 
vorbild  der  Römerzüge,  die  aus  Deutschland  unser  ganzes  mittelalter 
hindurch  nach  Welschland  geschahen,  unterwegs  musten  sie  schon  mit 
andern  germanischen  stammen  in  Verbindung  gewesen  sein,  da  unmög- 
lich anzunehmen  ist,  dasz  die  menge  germanischer  Völker,  welche  fünfzig 
jähre  nachher  zu  Caesars  tagen  das  Tand  jenseit  des  Rheins  erfüllt  und 
allen  folgenden  berichterstattern  seszhaft  daselbst  erscheint,  erst  nach 
dem  cimbrischen  zug  vorgedrungen  sei.  von  einer  ankunft  der  Deut- 
schen überhaupt  weisz  Tacitus  nichts,  sondern  setzt  sie  in  ihren  land- 
strichen  als  eingeboren  von  jeher  wohnend  voraus:  welch  wander- 
lustiges volk,  sagt  er,  habe  wol  aus  Asien,  Africa  oder  Italien  über 


*  in  der  Zusammenstellung  Boihemum  ist  mindestens  hemum  deutsch,  so 
wurde  der  deutsche  volksnameAestier  zuletzt  einem  finnischen  stamm  über- 
wiesen. 

**  äansQ  vtyog  ipneooier  TaXaxia  xal  ^IxaXla.  Plut.  Marius  11,  5. 
mit  demselben  bild  heiszt  es  in  der  kaiserchronik  (cod.  pal.  361,  88d):  si 
sigen  zuo  sam  diu  wolchen  über  Monteiöh,  hei  wie  daz  her  darüber  zöh! 


118  EINWANDERUNG 

das  schauerliche  meer  nach  dem  rauhen  Germanien  schiffen  mögen,  wo 
nur  der  heimische  es  aushalte?  offenbar  musten  die  Deutschen  da 
schon  so  lange  niedergesessen  sein,  dasz  bereits  alle  künde  von  ihrem 
einzug  verschollen  war  und  nicht  mehr  zu  des  Kömers  ohr  gelangte; 
blosz  ihr  weiteres  vordringen  über  den  Rhein  gemeldet  wurde  damals. 

Ich  zweifle  nicht,  dasz  unter  deutschen  und  gallischen  stammen 
schon  lange  Jahrhunderte  nachbarschaft  und  manigfacher  verkehr  statt- 
fand, aus  dem  allein  erklärlich  wird,  wie  einzelne  deutsche  Wörter  und 
gebrauche  durch  die  Gallier  auch  zu  den  Römern  gelangten,  bevor 
diese  in  unmittelbare  berührung  mit  den  Deutschen  selbst  traten,  auf 
solche  weise  wurden  jene  Deutschen  ambacti  (s.  131)  zu  Rom  und 
dem  Ennius  bekannt:  es  ist  glaublich,  dasz  reiche  Gallier  germanische 
diener  um  sich  versammelten,  wie  hernach  die  Römer  deutsches  ge- 
folge  unterhielten ;  ich  werde  gelegenheit  haben  noch  andere  deutsche 
ausdrücke  beizubringen,  die  so  früh  zu  den  Römern  drangen,  das 
geschrei  der  Gallier  über  deutsche  Wildheit  vor  Römern,  deren  bei- 
stand gegen  Ariovist  sie  nachsuchten,  kann  man  sich  leicht  auslegen. 

Wie  nun  zwischen  den  bis  zum  Rhein  sich  erstreckenden,  diesen 
ström  schon  überschreitenden  Germanen  und  den  Galliern  musz  ein 
gleich  starker  verkehr  eingetreten  sein  zwischen  östlichen  Germanen, 
169  welche  die  Donaugegend  inne  hatten,  von  da  sich  nordwärts  bis  zur 
ostsee  dehnten,  und  in  ihrem  rücken  hausenden  thrakischen,  sarma- 
tischen  Völkern,  ja,  weil  wir  sahen,  dasz  einzelne  gallische  stamme 
eine  Zeitlang  mitten  in  Germanien  fortdauerten,  wird  nicht  weiter  gegen 
osten  bis  zum  auslauf  der  Donau  und  noch  tiefer  hinten  von  deutschen 
Völkern  die  rede  sein  dürfen,  die  ihren  früher  dort  eingenommnen  sitz 
behaupteten?  die  Wanderung  ergieng  nirgends  auf  einmal,  ohne  dasz 
häufen  und  abtheilungen  einzelner  Völker  zurückblieben,  wer  ein  äuge 
hat  für  diese  Verhältnisse  kann  nicht  tadeln,  dasz  dakische,  getische, 
thrakische  und  selbst  skythische  Völkerschaften  unter  gesichtspunkte 
gestellt  werden,  die  den  abgelegnen  Römern  entgiengen;  unsre  älteste 
geschichte  hat  dabei  nur  zu  gewinnen  und  was  ihr  abgerissen  wurde 
zu  erobern,  dem  unwandelbaren  naturgesetz  groszer  Völkerbewegungen 
angemessen  scheint  es,  sie  langsam  von  morgen  gegen  abend  vor- 
schreiten zu  lassen  und  alle  dauernden  rückgänge  abzulehnen,  wie 
keine  Gallier  über  den  Rhein  setzend  deutschen  grund  und  boden,  den 
sie  bereits  verlassen  hatten,  neu  bewältigten,  eben  so  wenig  sind  Go- 
then,  obwol  es  die  sage  lügt,  von  Scandinavien  aus  zur  Weichsel  und 
an  die  Donaugestade  hinterwärts  gedrungen;  durch  die  Geten  aber 
könnte  der  deutsche  name  weit  über  die  zeit  der  ankunft  in  unserm 
jetzigen  Vaterland  hinauf  geleitet  werden,  ergossen  sich  deutsche 
stamme  noch  viel  später  nach  Gallien,  Britannien,  Italien;  Spanien  und 
Africa,  so  werden  auch  früher  pannonische,  thrakische  und  skythische 
landstriche  in  ihrer  gewalt  gewesen  sein.  Die  bisher  gültige  critik 
suchte  sich  weder  über  ankunft  und  einzug  der  Germanen  in  Deutsch- 
land eine  befriedigende  Vorstellung  zu  bilden,  noch  den  thrakischen 
und  skythischen  einflusz  auf  die  geschicke  Europas  zu  würdigen. 


EINWANDERUNG  119 

Für  das  fünfte  europäische  volk  sehe  ich  die  Litthauer  an, , deren 
die  geschichte  fast  geschweigt,  denen  aber  ihre  kostbare  spräche  ge- 
währ leistet,  dicht  an  der  ostseeküste  von  der  Weichsel  bis  zur 
Düna,  seitwärts  zur  Wilna  hin  durch  Preuszen,  Samogitien,  Kurland 
und  Liefland  strecken  sich  die  überbleibsei  einer  Völkerschaft,  die 
niemals  einflusz  auf  die  weltbegebenheiten  gewonnen,  sich  stets  unter  170 
dem  druck  mächtigerer  nachbarn  befunden  hat.  Ihre  spräche  steht 
in  drei  zweigen  bedeutsam  von  einander  ab;  darunter  ist  der  alt- 
preuszische  ganz  ausgestorben,  nur  aus  einem  einzigen  denkmal  spär- 
lich zu  erkennen,  der  litthauische  lebt  in  Ostpreuszen  und  Samogitien, 
dort  reiner,  hier  mit  polnischen  Wörtern  vermengt,  der  lettische  in 
Kurland  und  Liefland :  aus  diesen  Verschiedenheiten  zieht  die  Sprach- 
forschung nur  gewinn,  alterthümlich  und  formreich  erscheint  zumal 
der  litthauische  dialect  im  engeren  sinn,  kaum  eine  andere  spräche 
in  Europa  steht  dem  sanskrit  näher,  auszerdem  findet  grosze  ähnlich- 
keit  mit  der  deutschen  und  slavischen  zunge  statt,  diese  beiden  wer- 
den durch  die  litthauische  gewissermaszen  vermittelt,  was  nur  nicht 
so  aufzufassen  ist,  als  sei  das  litthauische,  wie  man  früher  wol  ange- 
nommen hat,  aus  ihnen  gemischt  worden,  da  es  vielmehr  selbständige 
eigen thümlichkeit  besitzt,  die  nur  an  deutsche  und  slavische  rührt, 
ebensowenig  aber  haben  die  slavische  und  deutsche  spräche  ihre  urver- 
wandten bestandtheile  aus  der  litthauischen  entlehnt,  sondern  zwischen 
allen  dreien  waltet  warme  in  der  geschichte  der  europäischen  spra- 
chen höchst  folgenreich  dastehende  gemeinschaft  ob.  wahrscheinlich 
hatte  auch  die  getische  spräche  einen  nicht  zu  übersehenden  ver- 
band mit  der  litthauischen;  es  ist  ungemein  merkwürdig,  dasz  der 
preuszische  Litthauer  den  polnischen,  d.  h.  den  Samogeten  Gudas  oder 
Guddas  nennt,  unserm  mittelalter  hiesz  er  Sanierte,  woraus  nach- 
her Schamaite  entsprang,   was  sich  alles  zurückführt  auf  Samogeta. 

Schon  dieser,  wie  mich  dünkt,  erweisliche  haft  zwischen  Lit- 
thauern und  Geten  zwingt,  auch  ohne  andre  historische  Zeugnisse,  den 
aufenthalt  der  litthauischen  stamme  in  der  gegend,  wo  sie  jetzt  woh- 
nen, sehr  früher  zeit  zu  überweisen,  sie  scheinen  durchaus  nicht 
später  als  Deutsche  und  Slaven,  welchen  sie  stets  benachbart  waren, 
in  Europa,  also  schon  lange  vor  dem  beginn  unsrer  Zeitrechnung  an 
ihrer  stelle  angelangt ;  ihre  abgeschiedenheit,  bei  geringer  anzahl,  hat 
ihnen  feste  dauer  gegönnt :  erst  in  der  späteren  polnischen  geschichte 
gieng  ein  litthauisches  herzogthum  unter,  litthauisches  heidenthum  171 
musz  vorzüglich  aus  samogitischen  Überlieferungen  erforscht  werden. 

In  weit  ansehnlicherer  breite  und  ausdehnung,  wie  sie  wenig 
andern  auf  dem  erdboden  zu  theil  ward,  hat  sich  das  slavische  volk 
entfaltet,  und  bildet  den  sechsten  sprachstamm,  dessen  denkmäler 
und  Verzweigungen  die  reichste  ausbeute  darreichen. 

So  spät  Slaven  in  der  geschichte  eingezeichnet  sind  (denn  sie 
werden  zuerst  bei  Iornandes  und  Procop  mit  gothischen,  bei  den 
annalisten  hernach  mit  fränkischen  handeln  verflochten),  läszt  das 
nahe   Verhältnis  ihrer  spräche   zur   deutschen  und  litthauischen  gar 


!20  EINWANDERUNG 

nicht  bezweifeln,  dasz  sie  ungefähr  gleichzeitig  mit  diesen  nachbarn 
auf  dem  platz  waren  und  bereits  weite  strecken  erfüllten,  eine  so 
kräftige  masse  kann  weder  später  auf  einmal  vorgerückt  sein  noch 
sich  anders  als  in  gemächlicher  weile  überaus  fruchtbar  entfaltet  haben. 
Ihren  gesamtnamen  der  Slaven  hatten  diese  Völker  damals  so 
wenig  empfangen,  als  die  Germanen  den  der  Deutschen ;  unsern  vor- 
fahren aber  hieszen  sie  Winden,  Wenden  (ahd.  Winidä,  ags.  Veonodas) 
und  unter  dieser  benennung  Veneti  wurden  sie  auch  den  Römern  auf 
einzelnen  puncten  bekannt,  gerade  wie  die  Römer  die  Finnen  mit  einem 
unter  dem  volk  selbst  ungewöhnlichen  deutschen  namen  kennen  lern- 
ten. Dies  alles  dargelegt  hat  Schafarik,  der  dem  namen  Winden  für 
sein  volk  wolbefugt  einen  andern  einheimischen  an  hohem  alter  gleich 
stellt,  den  schon  bei  Plinius  6,  7  unter  den  maeotischen  Völkern  er- 
wähnten namen  Serbi,  bei  Ptolemaeus  Sirbi,  wie  er  noch  heute  für 
zwei  entlegne  slavische  stamme,  Sorben  und  Serben,  fortbesteht  *.  nur 
darin  scheint  mir  der  gründliche  forscher  fehl  zu  treten,  dasz  er  jetzt 
die  früher  von  ihm  selbst  erkannte  identität  der  Serben  und  Sarmaten 
leugnet  und  für  den  ausdruck  Srb  die  vage  wurzel  su  (generare)  aus 
172  dem  sanskrit  herholt,  welche  mutter  eines  jeden  mit  diesen  buchsta- 
ben  anlautenden  worts  werden  könnte,  nichts  aber  ist  natürlicher, 
als  dasz  unmittelbar  im  rücken  der  Germanen  hausende  Sarmaten,  bei 
Alfred  Sermende**,  den  Griechen  Sauromaten  genannt,  die  grundlage 
des  sla vischen  volks  bilden;  durch  ihre  wegnähme  würde  den  Slaven 
ein  anhält  in  der  älteren  geschichte  entzogen,  wie  man  ihn  den  Deut- 
schen durch  das  verkennen  ihrer  Verwandtschaft  mit  den  Geten  ent- 
rissen hat  und  das  plötzliche  verschwinden  beider,  der  Sarmaten  wie 
der  Geten,  bliebe  gleich  unerklärlich,  den  Übergang  der  buchstaben 
SRB  in  SRM  rechtfertigen  eine  menge  ähnlicher***,  und  das  heutige 
Sirmien  (Srijem,  Srem)  in  Serbien,  lat.  Sirmium  zeugt  dafür f ;  Diodors 
meidung  vom  auszug  der  Sauromaten  aus  Medien  über  den  Tanais  um 
633—605  vor  Chr.  (2,  43)  behält  ihren  vollen  werth,  ohne  dasz  von- 
nöthen  wäre  weder  alle  Sarmaten  daher  zu  leiten,  noch  der  slavischen 
spräche  einen  näheren  bezug  auf  medische  zu  geben,  als  er  schon 
aus  der  Urverwandtschaft  mit  medischen  und  persischen  Völkern  folgt, 
die  frühe  rührigkeit  der  Slaven  bewährt  hier  Diodor  so  willkommen, 
als  die  der  Deutschen  Herodots  nachricht  von  den  Geten.    sarmatische 

*  darf  man  statt  der  bei  Strabo  290  neben  Butonen  undMugilonen  genann- 
tenSißivoijmitma,szeii2tQßivoi?  deuten  sich  Mugilonen  aus  sl.mogila,  hügel? 
**  wie  Dalemense,  Daleminzi  =  Dalmatae. 
***  bair.  alm  für  alb;  läpp,  zhialbme,  tjalmi  oculus,  finn.   silmä.  wahr- 
scheinlich skr.  sarpa,  sl.  tscherv,  lat.  serpens  mit  vermis  für  cvermis,  goth. 
vaurms  f.  hvaurms,  skr.  krimi  verwandt. 

t  noch  die  altböhm.  mater  verborum  übersetzt  Sarmatae  durch  zirbi  (= 
sirbi).  Sträubtman  sich  aber  wider  die  gl  eichstellung  von  Serben  und  Sarmaten, 
so  wird  eine  andere  naheliegende  deutung  des  letzten  namens  noch  weniger  ge- 
fallen, den  Litthauern  ist  sarmata  dedecus,  was  dem  böhm.  sramata,  poln.sro- 
mata  genau  entspricht,  altsl.  ist  sramiti^i'TpgTrftj'pudore  afiicere,  undmitsram 
hängt  unser  ahd.  härm,  ags.  hearm  genau  zusammen,  die litthauischen  nachbarn 
könnten  nun  in  sehr  früher  zeit  den  Slaven  diesen  namen  aufgehängt  haben. 


EINWANDERUNG  121 

Wildheit  angeblicher  sittigung  und  milde  der  Slaven  entgegenzusetzen 
scheint  mir  unrathsam,  da  noch  die  jüngeren  Slaven  an  kriegerischem, 
rohem  sinn  den  Germanen  nirgend  nachstehn.*  Utzoqol,  nach  Pro-  173 
cop  de  bell.  goth.  3,  14  alter  gesamtname  aller  Slaven,  und  von  ihm 
önoQccöiqv  di£ö7Cf]vr]^8V0L  ausgelegt,  soll  versetztes  Serpi  Srbi  sein; 
wer  das  zend.  SP  für  SV  erwägt  (apsa  f.  skr.  asva,  spenta  f.  sl. 
svent),  könnte  andere  deutungen  vorschlagen. 

Tacitus  ist  zweifelhaft,  ob  die  in  seiner  Germania  den  schlusz 
bildenden  Peucini,  Veneti  und  Fenni  germanische  oder  slavische  Völ- 
ker seien ;  wir  sehn  ihn  hier  wirklich  auf  der  scheide  zwischen  Deut- 
schen, Slaven  und  Finnen  angelangt,  doch  Peucini  als  Bastarnae 
sind  ihm  der  spräche  nach  mit  recht  Deutsche:  nur  die  Unreinheit 
ihrer  ehen  scheint  ihm  undeutsch  und  sarmatisch.  die  räuberischen 
Veneti  in  den  Waldgebirgen  zwischen  Finnen  und  Peucinen  hält  er 
deshalb  für  Germanen,  weil  sie  schon  in  häusern  wohnen,  nicht  auf 
wagen  wie  die  Sarmaten.  Wenden  und  Serben,  die  wir  für  das  nem- 
liche  volk  erkennen,  weichen  ihm  im  stamm  von  einander  ab;  doch 
die  Verbrüderung  der  Sarmaten  und  Daken  um  diese  zeit  unter  Dece- 
balus  läszt  beide  ungefähr  auf  gleiche  stufe  der  bildung  setzen  und 
den  nomadenstand  der  Sarmaten  mag  Tacitus  übertreiben. 

Die  Finnen  sind  der  siebente  sprachstamm,  und  da  er  noch  heute 
über  den  Ural  in  das  nordöstliche  Asien  reicht,  in  Europa  den  äuszer- 
sten  norden  besetzt  hält,  so  musz  er  für  mächtig  und  uralt  gelten, 
wahrscheinlich  war  er  in  Europa  schon  vor  den  Kelten  eingezogen  174 
und  durch  Kelten,  Germanen  und  Slaven  aus  der  mitte  gegen  norden 
gedrängt  worden;  merkwürdige  spuren  finnischer  spräche  haften  in 
Scandinavien,  aber  ebenwol  in  andern  deutschen  mundarten,  nament- 
lich der  gothischen  und  niederländischen,  vermutlich  auch  in  keltischer 
zunge.  zwischen  lappischer  und  finnischer  spräche  waltet  gröszerer 
unterschied,  als  zwischen  litthauischer  und  lettischer  oder  welscher 
und  irischer:  näher  den  Finnen  als  den  Lappen  stehn  Tscheremissen, 
Syriänen,  Morduinen,  Ostiaken,  Votiaken,  und  was  in  der  ungrischen 
finnischer  spräche  gehört,  trägt  sie  am  weitesten  südwärts.  Der  ganze 
grammatische  bau  dieser  sprachen  steht  aber  von  der  sechs  übrigen 
Urgemeinschaft  so  wesentlich  ab,  dasz  man  schon  darum  nicht  zaudern 
darf  jene  einer  früheren  in  undenkliche  vorzeit  reichenden  einwanderung 
aus  Asien,  mit  dem  sie  noch  immer  in  verband  bleiben,  zuzuschreiben. 


*  man  würde  die  slavicität  der  Sarmaten  auch  wider  willen  nachgeben 
müssen,  wenn  sich  ein  in  Lucians  Toxaris  40  bewahrtes  sarmatisches  wort 
als  slavisch  rechtfertigen  liesze.  nemlich  ein  Skythe,  der  den  Sauromaten 
in  die  hände  fällt,  ruft  alsbald  zirin  aus  (ißoct  xbv  "QIqlv),  welches  etwa 
unserm  gnade  oder  Schonung  (pardon)  entsprechen  mag;  auf  solchen  ruf 
tödten  die  Sauromaten  den  wehrlosen  feind  nicht,  sondern  gestatten  aus- 
lösung :  diese  nannte  man  {(jlsto)  tygiv  tJxslv,  mit  dem  gnaderuf  gekommen 
sein,  könnte  ^Iqiq  zu  zrjeti,  böhm.  zfjti  und  zjrati  gehören,  was  videre 
bedeutet,  aber  gleich  unserm  schauen  und  warten  in  cavere  und  tueri  über- 
geht? ziris  wäre  schütz,  gnade,  wie  die  Böhmen  sagen:  oci  w  chudeho  zfie, 
oculi  in  pauperem  respiciunt,  ps.  10,  4,  d.  h.  mitleidig,  erbarmend. 


122  EINWANDERUNG 

Der  name  Finnen  wurde  diesen  Völkern  schon  im  hohen  alter- 
thum,  wie  Tacitus  lehrt,  von  den  Deutschen  ertheilt  (bekanntlich 
heiszen  in  altn.  sagen  auch  die  Lappen  Finnar),  und  die  benennung 
eines  damals  noch  germanischen  volks,  der  Aestier,  gieng  im  verfolg 
der  zeit  auf  das  finnische  der  Esten  über.  Sein  land  und  volk  heiszt 
der  Finne  Suome,  der  Lappe  Sabme;  Suomalainen  bezeichnet  den  Fin- 
nen, Sabmelats  Sabmeladzh  den  Lappen.  Schweden  nennt  der  Finne 
Ruotsi,  der  Lappe  Ruotti,  Deutschland  der  Finne  Saksa,  Ruszland 
Venäjä,  worin  jenes  Wendenland  anklingt;  Slaven  heiszt  der  Finne 
Tschud.  merkwürdig  dasz  der  Finne  für  Lappland  Pohja,  wie  der 
Lappe  für  Norwegen  Vuodn  gebraucht:  beide  namen  sind  das  nem- 
liche  und  bedeuten  fundus  (schwed.  bottn,  boden).  es  läszt  sich  nach- 
weisen, wie  der  name  Finnar  und  Qvenir  ursprünglich  auch  der- 
selbe sei. 

Von  den  Iberern,  die  gleich  den  Finnen  in  Europa  vorangiengen 
und  den  achten  stamm  bilden,  ist  bis  auf  die  baskische  spräche  alles 
erloschen;  sie  müssen  aber  in  frühster  vorzeit  auf  italische  und  kel- 
tische Völker,  wie  schon  der  name  Keltiberer  zeigt,  vielfach  einge- 
wirkt haben. 
175  Auf  Thraker  und  Skythen,  oder  den  neunten  und  zehnten  volk- 

stamm Europas  werde  ich  alsbald  ausführlicher  zu  sprechen  kommen, 
hier  schliesze  ich  die  gewonnene  Übersicht  aller  einwand erungen  mit 
dem  anhang,  dasz  sie  auf  der  meersküste  immer  rascher  vorzuschrei- 
ten scheinen,  als  im  innern  des  landes,  wie  eine  überströmende  flut 
schnell  die  Seiten,  hernach  erst  die  mitte  erreicht.  So  erblicken  wir 
bereits  zur  Römerzeit  germanische  Friesen  und  Bataver  westlich  vor- 
gedrungen, früher  Guttonen  und  Teutonen,  endlich  Slaven  über  Pom- 
mern nach  Meklenburg  und  Holstein,  während  inmitten  der  länder 
einheimische  kerne  der  Gallier  und  Germanen  längeren  widerstand 
leisteten. 


IX. 
THRAKER  UND  GETEN. 


Den  Griechen  nordwärts  über  den  Hämus  nach  der  Donau  und  176 
zum  schwarzen  meer  dehnte  sich  Thrakien,  sie  pflegten  aus  nord- 
westen  her  wehenden  wind  &qcc6xIcc2  zu  nennen*,  mit  ihrem  frühsten 
alterthum  war  thrakisches  eng  verwachsen:  es  ist  schwer  zu  sagen, 
ob  die  Griechen  bei  ihrer  ankunft  schon  thrakische  stamme  vorfan- 
den, oder  diese,  wie  mir  wahrscheinlicher  wird,  ihnen  unmittelbar 
nachrückten.  Bereits  Homer  gedenkt  der  Thraker  und  Herodot  5,  3 
sagt  sogar:  QqtjUov  da  z&vog  {leycöTov  kört,  ^istd  ys  'Ivdovg  nccv- 
x(ov  uv&QC07tcov,  es  mnsz  sich  also  vormals  viel  tiefer  nach  osten  er- 
streckt**, im  lauf  der  zeit  zusammengezogen  haben,  den  Griechen 
mag  lebensart  und  spräche  der  Thraker,  schon  ihrer  nachbarschaft 
wegen,  und  weil  einzelne  derselben  als  knechte  oder  fremdlinge  in 
Griechenland  auftraten,  bekannt  gewesen  sein,  weiter  ab  lagen  ihnen 
die  Römer,  Plinius  4,11  die  einzelnen  thrakischen  Völker  herzählend, 
beginnt:  Thracia  sequitur  inter  validissimas  Europae  gentes,  in  stra- 177 
tegias  quinquaginta  divisa.  Als  sich  römische  herschaft  in  Ulyrien, 
Makedonien  und  Thrakien  gefestigt  hatte,  konnte  es  auch  den  Römern 
nicht  an  gelegenheit  fehlen,  über  die  thrakischen  Verhältnisse  eigne 
künde  einzuziehen,  wie  hätte,  seit  den  dakischen  kriegen,  diese  sich 
nicht  noch  erweitern  sollen? 

Die  Griechen,  bevor  sie  den  Römern  unterwürfig  wurden,  wüsten 
fast  noch  nichts  von  den  Deutschen  und  diese  verschmolzen  ihnen 
unter  dem  namen  der  Galater  mit  den  Kelten.  Römern  dagegen,  welche 
Gallier  von  Germanen  zu  scheiden  gelernt  hatten,  konnte  auch  ein  ab- 
stand germanischer  von  thrakischer  spräche  kaum  verborgen  bleiben. 


*  wie  andere  Völker  winde  nach  der  gegend  des  landes,  woher  sie 
streifen :  ein  wint  von  Barbarie  wset,  der  ander  von  Türkie,  heiszt  es  beim 
Tanhüser  MS.  2,  68b.  Auch  nachtigall  und  schwalbe  fliegen  den  Griechen 
aus  Thrakien  zu,  Babr.  12,  8  sagt  die  eine  zur  andern: 

Ttgcürov  ßiina>  os  arjßEQov  [isra  0Quxrjv. 
**  Herodot  1,  28.  3,  90.  7,  75  kennt  natürlich  noch  in  Asien  Thraker. 


124  GETEN 

sie  hatten  krieger  und  gefangne  von  allen   solchen  Völkern  in  Rom 
vor  äugen. 

Hinten  an  die  östlichen  Germanen,  wie  sie  zur  Römerzeit  des 
ersten  Jahrhunderts  nach  Chr.  bestanden,  da  wo  die  Donau  als  Ister 
den  letzten  theil  ihres  laufs  zurücklegt,  in  dem  heutigen  Siebenbür- 
gen, der  Moldau  und  Walachei,  stieszen  Daken  und  Geten.  beide 
dürfen  für  nahverwandte  stamme  fast  eines  einzigen  volks  gelten, 
das  vorzugsweise  Griechen  das  getische  hiesz,  Römern  das  dakische. 
Tacitus  mag  sich  die  Daken  etwa  als  nachbarn  der  Quaden  denken, 
Strabo  stellt  Geten  dicht  an  Sueven.  gleich  zu  eingang  seines  werks 
drückt  sich  jener  so  aus :  Germania  omnis  a  Sarmatis  Dacisque  mutuo 
metu  aut  montibus  separatur;  auch  hist.  4,  54  verknüpft  er  Sar- 
matis Dacisque,  und  Agric.  41  stehn  Moesia  Daciaque  et  Germania 
et  Pannonia  neben  einander,  der  ältere  Strabo  aber  sagt  290  von 
Sueven  und  Semnonen  redend:  jtlrjv  xd  ye  xdv  Uoqßav  e&vt],  xa 
{ilv  evxbg  (ßxEi,  xa  de  ixxog  xov  dgvjxov,  opoga  xolg  Texaig'  pkyi- 
Gtov  fisv  xb  xcjv  Uotfßav  e&vog,  und  nochmals  294:  xb  de  voxiov 
(xegog  xrjg  regpavtag,  xb  itegav  xov  "Akßiog,  tb  {ihv  öuw^S  ccK^irjv 
vnb  xcov  Uorjßcov  xaxe%exai.  evt  ev&vg  r\  xcov  rexav  öwanxei  yrj, 
xcct  dgyag  {iev  öxevrj,  Ttagaxexa^ievfj  xco  "Iöxgop  natu  tb  votiov  fie- 
gog.  xata  de  xovvavxlov,  ty  nagogia  xov  fEgxwiov  dgv^tov,  [iegog 
xi  ycal  avxrj  xcov  ogoov  xaxe%ov6a,  elta  Ttlaxvvexai  Ttgbg  tag  agxxovg 
[iexQL  Tvgtyetcjv  xovg  de  ctKQißelg  ögovg  ovk  e%0{iev  tpgdtßiv.  ge- 
178naue  nordgrenze  kannte  er  nicht,  zwischen  Geten  und  Daken  gibt 
er  s.  304  folgende  scheide:  rhag  {iev  tovg  %gbg  tov  Ilovtov  xexAt- 
Hkvovg  %a\  7tgbg  xfjv  eco.  jddxovg  de  tovg  üg  xavavxia  %gbg  reg- 
liaviuv  yial  tag  tov  "Iöxgov  %r\ydg  und  s.  313  heiszt  es:  xavxa  o 
eöxl  xd  ovve%rj  xjj  'IxaMa  te  Kai  raig  "Afateöi ,  neu  regf-iavolg  nal 
Adnoig,  xcel  Pexaig. 

Beide  Schriftsteller  halten  also  diese  Völker  zwar  für  nachbarn 
der  Germanen,  nicht  selbst  für  Germanen,  noch  entscheidender 
scheint,  dasz  ihnen  Strabo  ausdrücklich  thrakischen  Ursprung,  thra- 
kische  spräche  beimiszt.  nicht  allein  sagt  er  s.  305  b[ioylG)xxoi*  ö' 
elölv  ol  Aämi  tolg  rktaig,  woran  niemand  zweifeln  wird,  sondern 
ein  blatt  vorher  s.  304  hiesz  es:  exi  yag  ecp'  rffiojv  yovv  AXhog  Kdtog 
aexopmöev  Ix  xfjg  negalag  tov  "Iöxgov  %evte  pvgiadag  öo^atwv  naga 
tav  rezcjv,  o^oyloSxxov  xolg  ®ga$v  e&vovg,  elg  xrjv  @gdmjv  xal 
vvv  oYkovölv  avxo&t,  Moiöol  xahov[ievoL  in  dieser  stelle,  wenn  man 
ihre  absieht  erwägt,  liegt  ihm  daran  zu  widerlegen,  dasz  in  Thrakien 
keine  Myser  seien:  Aelius  Catus  (unter  August)  habe  über  die  Donau 
50000  Geten  nach  Thrakien  geführt,  die  nun  daselbst  wohnen  und  Myser 
heiszen;  über  die  Donau  waren  sie  nach  Moesien  gewandert,  wo  die 
späteren  Moesogothen  hausten,  da  diese  lauter  altgetische  landstriche 
sind,  so  versteht  sich  von  selbst,  dasz  kein  sprachunterschied  stattfand 
und  diese  übergeführten  einwohner  in  Moesien  ihre  angeborne  spräche 


*  ahd.  samararte,  folglich  goth.  samarazdai. 


GETEN  125 

behielten,  die  Strabo  der  thrakischen  für  gleich  achtet,  wir  wissen  lei- 
der nicht,  welche  ansieht  Dio  Chrysostomus  hatte,  der  die  Geten  aus 
eigner  anschauung  kannte,  kein  römischer  schriftsteiler  des  ersten 
oder  zweiten  jh.  hat  in  den  Geten  etwas  anders  als  einen  thrakischen 
volkstamm  gesehen. 

Es  scheint  darum  vermessen,  dasz  ich  in  ihnen  deutsche  Gothen 
ahne  und  dasz  in  dämmernder  nacht  unseres  alterthums  mir  die 
Geten  als  ein  weiszer  stein  entgegen  schimmern. 

Ich  will  mit  dem  anheben,  was  sich  zuerst  aufdrängt,  mit  dem 
getischen  namen.  nach  dem  verhalten  der  laute  zwischen  griechischer 
lateinischer  und  deutscher  spräche  stimmt  Tkrai  Getae  zu  unserm.179 
Gupai  oder  Gupans,  welche  germanische  namensform  die  Gothi  und 
Gothones  römischer  Schriftsteller  von  Tacitus  an  folgern  lassen,  in 
das  römische  ohr  über  den  Rhein  drang  nemlich  der  name  des  öst- 
lichsten germanischen  volks  nur  lautverschoben  und  mit  dem  tiefen 
statt  des  hellen  vocals;  diese  bedeutende  Verschiedenheit  der  klänge 
darf  in  anschlag  gebracht  werden,  um  zu  begreifen,  dasz  die  Römer 
nicht  darauf  verfielen,  solche  Gothen  an  die  ihnen  von  andrer  Seite 
her  bekannten  Geten  zu  halten,  ich  musz  hier  einen  einwand,  der 
sich  gegen  die  richtigkeit  des  namens  Gothi  oder  GuJ>ai  erheben  könnte, 
noch  bei  seite  lassen  und  werde  im  verfolg  darauf  zurückkehren, 
angenommen  dasz  Tacitus,  wie  er  sonst  pflegt,  die  deutschen  laute 
treu  wiedergibt  und  dasz  bei  ihm  Gothones  (nicht  Gotones)  gelesen 
werden  musz,  was  durch  die  später  allgemein  übliche  Schreibung  Gothi 
und  bei  Griechen  Föx%oi  bestätigt  wird;  so  erscheint  dies  TH  wie 
im  goth.  mij)  vipra  ra|)jö  apn  anjjar  tunpus  gulp  bröpar:  [letd  iterum 
ratio  trog  ettQog  dens  zlato  frater.  gleich  gern,  obschon  nicht  noth- 
wendig  zeigt  die  deutsche  spräche  U  oder  0  statt  des  E  oder  I  der 
gr.  und  lat.,  z.  b.  in  ]mk  pus  us  fruma  un-  kuni  muns  tunpus  hund 
tuggö  faur  vaurms:  te  tibi  ex  primus  in-  ykvog  genus  mens  dens 
centum  dingua  Tiaga  vermis. 

Zwar,  scheint  es,  sollte  man  auch  im  anlaut  verschobnes  KuJ)ai 
erwarten  wie  Kreks  für  Graecus  (ahd.  Chriah)  gesagt  wurde,  volks- 
namen  pflegen  sich  aber  oft  der  lautverschiebung  des  übrigen  wort- 
vorrats  zu  entziehen,  aus  demselben  grund,  der  den  eigennamen  ins- 
gemein auch  sonst  alterthümliche  laute  und  formen  sichert.  Ulfilas 
läszt  z.  b.  die  fremden  Galatia,  Galeilaia  unverschoben  und  erst  der 
volksmäszige  gebrauch  erlaubt  sich  davon  abzuweichen:  diese  bemer- 
kung  wird  für  das  aufsuchen  der  wurzel  unseres  volksnamens  wichtig ; 
fallen  Geta  und  Gupa  zusammen,  so  darf  auch  zu  letztem  das  lat. 
getes  in  indigetes,  das  gr.  ytxog  in  riqXvyztog  =  vrjksyovog  gehalten 
werden  und  Gu^a  scheint  weder  mit  gu]3  deus  gemeinschaft  zu  haben, 
noch  mit  göds  bonus,  deren  beider  G  verschoben  ist,  d.  h.  dem  gr.  180 
X,  lat.  H  entspricht. 

Aus  derselben  Ursache  würde  zJccuog  und  Dacus,  begegneten  wir 
ihm  noch  in  goth.  denkmälern,  Dags  geschrieben  sein,  weil  auch  in 
diesem  namen  die  uralte  anlautende  media  ihr  volles  recht  behält;  der 


126  GETEN 

inlaut  G  hingegen  steht  zur  gr.  tenuis  nach  dem  gesetz  der  Verschie- 
bung, wie  in  Geta  GuJ)a  die  inlaute  T  und  TH  fortgeschoben  sind. 

Dieser  grammatische  einklang  beider  namen  Geta  und  Dacus 
weckt  das  günstigste  vorurtheil.  es  war  höchst  natürlich,  dasz  die 
dem  deutschen  organ  angemessene  gestalt  des  namens  der  Gothen  theils 
in  den  meidungen  der  Römer  auftauchte,  theils  im  verlauf  der  zeit, 
beim  steigenden  wachsthum  der  deutschen  macht,  sich  überall  geltend 
machte  und  die  ältere  form  Geta  zuletzt  verdrängte. 

Gröszeres  gewicht  wird  meiner  ansieht  die  geographische  und 
historische  betrachtung  verleihen. 

Die  Gothen  als  sie  später  in  der  geschichte  erscheinen  werden 
fast  ganz  an  derselben  stelle  getroffen,  wo  zuletzt  die  Geten  saszen, 
in  der  Donaugegend  und  den  nördlichen  noch  hereynischen  Waldge- 
birgen, die  ihnen  schon  Strabo  anweist.  Zwar  Tacitus  nennt  im  nord- 
osten  Deutschlands  hinter  den  Lygiern  auch  Gothones  und  legt  ihnen 
königthum,  nicht  die  freie  Verfassung  der  übrigen  Germanen  bei :  trans 
Lygios  Gothones  regnantur,  paulo  jam  adduetius  quam  ceterae  Ger- 
manorum  gentes,  nondum  tarnen  supra  libertatem.  wie  bei  den  alten 
Geten  wurzeln  auch  bei  den  Jüngern  Gothen  könige;  es  verschlägt 
nichts,  dasz  sie,  z.  b.  zur  zeit  des  Ulfilas  Athanarich  und  Fridigern, 
judices  heiszen.  im  jähr  19  nach  Chr.  tritt  Catualda,  einer  ihrer  edlen 
Jünglinge  in  markomannische  händel  verflochten  auf.  Bei  diesen  Go- 
thonen  musz  dem  Tacitus  wirklich  kein  Zusammenhang  mit  den  Geten 
eingefallen  sein,  weil  es  zu  nahe  gelegen  hätte,  darüber  etwas  anzu- 
merken ;  aber  ihm  vorzugsweise  war  der  begrif  und  name  Germaniens 
181  von  Gallien  her  ausgegangen  und  das  wenige,  was  er  über  die  abge- 
legnen Gothonen  in  erfahrung  brachte,  ihm  aus  dem  bericht  rheini- 
scher Germanen  zugeflossen,  während  die  eigentlichen  Geten  von  der 
Donauseite  in  Rom  bekannt  sein  musten.  man  könnte  auch  einräumen, 
dasz  diese  Gothonen  ein  gen  westen  vorgerückter  zweig  der  damaligen 
Geten  waren,  so  wie  früher  die  von  Pytheas  wahrgenommnen  Guttonen 
am  gestade  der  Ostsee  vorsprang  gewonnen  hatten :  den  kern  der  Geten 
gieng  das  noch  nichts  an.  Nicht  anders  halte  ich  die  dem  Tacitus  sogar 
gallisch  erscheinenden  Gothinen  wiederum  für  getische  vordringlinge, 
wie  die  [acad.  abh.  s.  22,  Lobeck  pathol.  194]  aufgewiesne  nebenform 
retrjvoi  beiArrian  allein  auszer  zweifei  setzt ;  das  keltische  element  mag 
hierbloszer  irrthumsein.  Die  deutschheit  der  von  suevischen,  quadischen, 
bastarnischen  nachbarn  umgebnen  Geten  wird  aber  noch  mehr  bestärkt 
durch  Strabons  Versicherung  s.  305,  dasz  das  getische  reich  von  der 
Römer  macht  bedrängt  durch  germanische  bundesgenossen  Unterstützung 
empfieng.  schon  bevor  sie  eines  gesamtnamens  theilhaft  waren  wohnte 
deutschen  stammen  dies  gefühl  ihrer  gemeinschaft  bei,  und  an  fremde 
wäre  die  hilfe  nicht  verschwendet  worden,  sollten  umgekehrt  nicht 
auch  in  des  Maroboduus  herschaft  und  kriege  gothische  d.  i.  getische 
bundesgenossen  geflochten  gewesen  sein?  dem  Domitian  weigerten  sich 
die  Quaden  und  Markomannen  des  mitzugs  gegen  die  Daken  (Dio  Cass. 
67,  7).     Wie,  das  kriegerische,  an  der  Donau  her  einziehende  volk 


GETEN  127 

der   Deutschen   hätte    den  auslauf  des  mächtigen   stroms    ins    meer 
fremden  händen  überlassen? 

Trajans  sieg  über  die  Daken  fällt  ins  j.  105  unsrer  Zeitrechnung, 
Eutropius  8,  6  sagt:  Trajanus  victa  Dacia  ex  toto  orbe  romano  infi- 
nitas  eo  copias  hominum  transtulerat  ad  agros  et  urbes  colendas.  Dacia 
enim  diuturno  hello  Decebali  viris  fuit  exhausta;  die  getische  bevöl- 
kerung  mochte  geschwächt  sein,  ausgerottet  war  sie  nicht  und  über 
das  eigentliche  Dacien  hinaus  noch  weniger  vertilgt,  aber  durch 
diese  römischen  colonnen  mag  sich  damals  die  lateinische  spräche 
festgesetzt  haben  und  grundlage  des  dort  bis  auf  heute  fortlebenden  182 
walachischen  idioms  geworden  sein*,  im  nordosten  und  nordwesten 
Getenlands  muste  sich  daneben  deutsche  zunge  in  kraft  erhalten. 
Jul.  Capitolinus  in  Pio  cap.  5  läszt  zur  zeit  des  Antoninus  Pius,  im 
dritten  oder  vierten  zehnt  des  zweiten  jh.  Germanen  und  Daken  sich 
empören:  Germanos  et  Dacos  et  multas  gentes  atque  Judaeos  rebel- 
lantes  contudit  per  praesides  ac  legatos.  von  da  an  bis  zum  j.  166. 
167,  wo  Astinge,  d.  h.  unbestreitbare  Gothen  an  der  dakischen  grenze 
einrücken,  ist  nicht  einmal  ein  sprung,  und  unbefangnem  blick  der 
Geten  fortdauer  in  den  Gothen  fast  erwiesen.  Wie  im  räum  lassen 
sich  auch  in  der  zeit  Geten  und  Gothen  nicht  von  einander  reiszen: 
weder  schwinden  jene  an  der  stelle  und  in  der  zeit,  wo  diese  auf- 
treten, noch  treten  diese  als  neulinge  auf  da  wo  und  seitdem  jene 
schwinden,  es  wäre  der  unbegreiflichste  zufall,  dasz  zwei  gleichnamige 
Völker  sich  unmittelbar  in  derselben  gegend  folgen  sollten,  ohne 
etwas  mit  einander  gemein  zu  haben,  das  aufhören  der  Geten  schiene 
kein  geringeres  räthsel**  als  das  anheben  der  Gothen. 

Weiter  anzuschlagen  für  ihre  identität  bleibt  der  spätere  Sprach- 
gebrauch und  die  ausdrückliche  ansieht  der  dichter  und  Schriftsteller, 
welche  beide  Völker  in  namen  und  Ursprung  gleichsetzt.  Schlug  man 
dem  Caracalla  den  beinamen  Geticus  vor,  so  konnte  ein  halbes  jh. 
nachher  dem  Marcus  Aurelius  Claudius  schon  besser  gefallen  Gothicus 
zu  heiszen  (auf  münzen  bei  Eckhel  7,  472)  und  nun  gar  Justinian 
zu  seinen  tagen  durfte  blosz  letzteren  namen  wählen,  es  heiszt  dem 
4.  5.  6.  jh.  und  den  anfangen  der  einheimischen  geschichte  allen  tact 
absprechen,  wenn  man  sie  hierin  immerfort  des  irrthums  zeiht.  In 
Julians  synconiov  slg  xbv  avtOKQcevoQa  Kwvözavtiov  (orat.  1  ed. 
Spanh.  p.  9)  liest  man:  6  ös  trjv  7tQog  xovg  rkag  rj^ilv  elQrjvrjv 
nccQSöutvaöev  aöyalij,  der  officielle  lobredner  nennt  Geten,  die,  wenn  183 
unsre  gewöhnliche  meinung  recht  hat,  gar  keine  mehr  waren.  Clau- 
dian,  der  doch  die  einfalle  wirklicher  Gothen  darstellt,  verleiht  ihnen 
beständig  noch  den  namen  Geten,  während  in  prosa  und  seit  die  macht 
der  Deutschen  aufsteigt,  die  deutsche  namensform  üblicher  wird,  aber 
ganz  dasselbe  bezeichnet.  Gar  an  der  statte  selbst,  wo  sie  lebten, 
musz  sich  doch  eine  künde  von  dem  Zusammenhang  der  älteren  und 

*  vgl.  Massmanns  libellus  aurarius  p.  99. 

**  denn  mit  des  Aelius  Catus  Überführung  der  Geten  nach  Moesien  wird 
es  so  wenig  gelöst  als  mit  dem  Untergang  der  Daken  seit  Trajans  sieg. 


128  GETEN 

jüngeren  stamme  fortgepflanzt  haben,  den  kein  Zwischenraum  einiger 
Jahrhunderte  so  schnell  tilgt,  ich  getraue  mir  zu  wetten,  dasz  unser 
unsterblicher  Ulfilas,  dem  die  hälfte  seines  thätigen  lebens  auf  thraki- 
schem,  altgetischem  boden,  am  fusze  des  Hämus  verstrich,  bei  seinem 
verkehr  mit  Griechen  und  Eömern,  oft  die  volksnamen  Geten  und 
Gothen  gleichbedeutig  im  munde  geführt  haben  wird.  Von  Ulfilas,  den 
er  Urfilas  nennt,  sagt  Philostorgius  in  seiner  um  den  beginn  des  5.  jh. 
geschriebnen  kirchengeschichte:  ort  Ovoy&av  (prjöi  Tiara,  zovzovg 
zovg  %o6vovg  In  zav  nhqav  "Iözqov  Ukv&cjv,  oug  ol  nev  ndXai 
Fezag,  ol  de  vvv  Fozftovg  xalovöt,  Ttolvv  dg  'Papulay  diaßißdöai 
labv,  öl  avöeßsiav  an  zcov  olxalwv  rj&cov  aka&avTag,  und  bald  dar- 
auf: 6  zolvvv  OvQ(pilag  ovzog  .  .  .  ajtiöxojiog  %aiqozovalzai  zcov  av 
zfj  retixrj  %QL6Tiavi£6vzci>v*.  Socrates  scholasticus  und  Sozomenus, 
die  nicht  lange  nachher  die  kirchengeschichte  behandeln  und  wieder 
auf  Ulfilas  zu  sprechen  kommen,  nennen  sein  volk  nur  F&cftoi,  wie 
auch  Auxentius  im  lateinischen  bericht  von  Ulfilas  rgens  Gothorum' 
sagt,  aber  Orosius,  Hieronymus,  Augustinus  verwenden  die  getische 
benennung  statt  der  gothischen,  die  gothischen  geschichtschreiber 
selbst,  Cassiodor,  Iornandes  und  Procop  haben  nicht  vergessen,  dasz 
beiden  ausdrücken  gleicher  sinn  beiwohnt**,  und  blicken  mit  stolz 
von  den  Gothen  weiter  rückwärts  auf  die  Geten.  Ennodius  (f  521 
zu  Pavia)  im  panegyricus  dictus  regi  Theoderico  wechselt  ab  mit 
geticum  robur  und  Gothorum  nobilissimus.  Umgekehrt  nimmt  noch 
184  später  könig  Alfred,  nach  des  Orosius  Vorgang,  keinen  anstand  Gotan 
zu  nennen  die  unbezweifelt  alte  Geten  waren :  in  jaaere  tide  J>e  Gotan 
of  Scidda  mägde  vid  Romanarice  gevin  upähöfon ;  be  eästan  jjsem  sind 
Datia  J>ä  J>e  iu  vseron  Gotan.  Hätten  sich  des  Dio  Chrysostomus  Getica 
erhalten,  sie  würden  uns  zusammenhänge  der  Geten  und  Gothen  viel- 
leicht so  beweisen,  dasz  alle  zweifei  verstummten;  aus  ihm  schöpfte  wol 
Iornandes  cap.  10  die  worte:  Philippus  quoque  pater  Alexandri  magni 
cum  Gothis  amicitias  copulans  Medopam  Gothilae  (al.  Medorum  Gudilae) 
filiam  regis  accepit  uxorem,  uttaliaffinitateroboratusMacedonumregna 
firmaret.  an  den  namen  Medopa  (Mezanfj  ?)  wage  ich  mich  ungern ;  der 
könig  Gupila  klingt  überaus  gothisch.  [Ki&rjXag  6  zcov  &QaK(3v  ßaödevg 
aytovMtjöavAtheii&eTislS  p.  557,  wo  auch  dielesart  Xo-O'jfAac.  Gudila 
Thrax,  Procop.  3,  30.  Sadala  des  Cotys  söhn  Caes.  b.  civ.  3,  4.]  hatte 
des  Iornandes  quelle  rhr]Xa,  was  er  verdeutscht?  [vgl.  Kotys  s.  210.] 
Ich  bin  fern  davon  dieser  ansieht  der  späteren  Jahrhunderte  ent- 
scheidenden werth  beizumessen,  aber  auch  bereit  sie  mitgelten  zu 
lassen',  wo  andere  gründe  reden;  ebensowenig  darf  man  sich  allem 
unterwerfen,  was  die  classiker  über  die  läge  und  Verwandtschaft  der 
Völker  des  alterthums  ausgesprochen  haben,  wie  manches,  was  ihnen 
klar  war,  ist  uns  dunkel  geworden  und  wie  manches  uns  klare  ihnen 
dunkel  geblieben,  es  sei  nur  an  das  ausgedehnte  volk  der  ylovtoi 
oder  Lygier,  das  Strabo  und  Tacitus  den  Germanen  beizählen,  erinnert, 

*  Photii  epitome  Philostorgii  H.  E.  2,  5. 
**  vgl.  meine  academische  abhandlung  s.  20.  21. 


GETEN  129 

aus  welchem  heutige  forscher  Slaven  machen  wollen,  oder  an  die 
das  Rheinufer  bewohnenden  Nemetes,  worin  man  Kelten  erblickt, 
niemand  wird  aus  Strabo  folgern,  dasz  Skythien  bis  zum  Rhein  reiche, 
demnach  Germanien  mitbegreife,  wenn  er  einmal  sagt  1}  [iezcc^v  xov 
fPi)vov  xal  xov  Tavd'Cdog  jioxa[iov  (s.  312);  also  brauchen  auch 
seine  Tkxai  o^öyleoxxoi  Toig  ®oa£i  nicht  nach  aller  strenge  aufge- 
faszt*,  noch  des  Philo3torgius  getische  Skythen  belächelt  zu  werden. 

Nahe  Verwandtschaft  der  Thraker  und  Geten  scheint  unleugbar,  185 
dennoch  bricht  merkliche  Verschiedenheit  hervor  zwischen  beiden,  schon 
bei  Herodot,  der  zu  eingang  des  fünften  buchs  von  den  Thrakern 
sprechen  will,  und  bereits  4,  92  ff.  auf  die  Geten  gekommen  war, 
welche  ihm  (dorjMmv  avÖQeioxaxoi  xcci  ötxaioxaxoi  erscheinen,  und 
während  er  5,  3  allen  Thrakern  einstimmige  brauche  zuschreibt,  bil- 
den ihm  gleich  die  rkxai  oi  a&avaxitpvteg  und  einige  ihrer  nach- 
barn  ausnähme  von  dem  groszen  häufen  der  übrigen  Thraker.  Strabo 
geht  von  den  Germanen  und  Kimbern  unmittelbar  auf  die  Geten  über 
und  behandelt  sie  im  dritten  cap.  seines  siebenten  buchs  so  unverhält- 
nismäszig  ausführlich,  dasz  ihm  von  den  andern  Thrakern  wenig  zu 
sagen  übrig  bleibt,  sie  ragten  also  auch  in  seinen  quellen  eigenthümlich 
vor,  und  nicht  anders  Mela  2,  2,  nachdem  er  angehoben  hat:  una 
gens  Thraces  habitant,  aliis  aliisque  praediti  et  nominibus  et  mori- 
bus ;  quidam  feri  sunt  et  ad  mortem  paratissimi,  Getae  utique,  steht 
gleich  bei  den  Geten.  Unter  allen  Thrakern  sind  aber  die  Geten  die 
nördlichsten,  d.  h.  sie  reichen  unmittelbar  an  die  Germanen,  bilden 
also  fast  ein  gesondertes  volk**,  von  dem  später,  wie  wir  sahen,  wie- 
der einzelne  häufen  über  die  Donau  zurückgeführt  wurden.  Gesetzt 
nun,  die  Thraker  nehmen  in  der  ganzen  weltordnung  den  räum  zwi- 
schen Germanen  und  Griechen  ein  und  vermitteln  beide;  so  begriffe 
sich,  dasz  wiederum  zwischen  Germanen  und  Thrakern  die  Geten  in 
der  mitte  halten,  weicht  doch  selbst  die  gothische  spräche  von  den 
übrigen  deutschen  vielfach  ab ;  die  Verschiedenheit  getischer  und  ger- 
manischer zungen  könnte  ein  römisches  ohr  so  getroffen  haben,  dasz  ihm 
darüber  ihre  gemeinschaft  entgangen  wäre?  aller  Wahrscheinlichkeit 
nach  drangen  die  meisten  deutschen  stamme  am  südlichen  gestade  des  186 
Pontus  durch  Kleinasien  in  Europa  vor,  ein  theil  von  ihnen  konnte  in 
Thrakien  haften,  wenn  es  vielen  anschein  hat,  dasz  die  falkenjagd  über 


*  Cassius  Dio  51,  22  erzählt,  wie  im  j.  725  (28  vor  Chr.)  ein  kämpf 
zwischen  Daken  und  Sueven  in  Rom  zur  schau  gegeben  wurde:  £&q6ol 
ngbq  dXXriXovq  AaxoL  xs  xal  Sovrjßoi  $iia%6aavxo,  und  fügt  hinzu  elal  6y 
ovxoi  fjtev  KsXzoi,  ixslvoi  6h  6fj  Uxv&cu  xqötiov  xtvd.  das  ist  tqötcov  xiva 
ganz  richtig,  als  er  aber  ngdg  zo  dxQißig  sprechen  will,  folgt  nur,  dasz 
die  Sueven  über  dem  Rhein,  die  Daken  zu  beiden  seiten  des  Ister  wohn- 
ten; keltische,  germanische,  thrakische,  skythische  spräche  zu  sondern  fiel 
ihm  nicht  ein.  zweihundert  jähre  vor  ihm  hatte  Strabo  die  Sueven  als 
nachbarn  der  Geten  geschildert. 

**  ich  weisz  nicht  aus  welchem  grund  Ukert  im  anhang  zu  Skythien, 
nicht  bei  Thrakien,  das  getische  und  dakische  land  abhandelt;  aber  es  ge- 
schieht mit  gutem  erfolg. 

Grimm,  geschickte  der  deutschen  spräche.  9 


] 30  GETEN 

Thrakien  sich  weiter  nach  Europa  verbreitete  (s.  47),  brachten  sie 
die  Thraker  alsbald  mit  in  die  neue  heimat?  oder  schon  vor  ihnen 
Germanen?  oder  kam  sie  beiden  nach? 

Frühste  künde  von  den  Geten  empfangen  wir  durch  Herodot, 
der  uns  ihren  sitz  noch  auf  der  rechten  seite  der  Donau  im  eigent- 
lichen Thrakien  bezeichnet.  Darius  durchzog  es  auf  einer  heerfahrt 
gegen  die  Skythen  im  j.  513  vor  Chr.;  nachdem  er  vom  Bosporus 
aus  über  den  Tearus  und  Artiscus  vorgedrungen  war,  Skyrmiaden 
und  Nipsaeer  am  salmidessischen  meerbusen  unterhalb  Apollonia  und 
Mesembria  ohne  widerstand  sich  ergeben  hatten,  stiesz  er  auf  jene 
mannhaftesten  und  gerechtesten,  sich  für  unsterblich  haltenden  Geten : 
beiwörter  von  gewicht  im  munde  stolzer  Griechen,  denen  sonst  alle 
Thraker  für  barbaren  galten.  Fast  hundert  jähre  nachher  (429  vor 
Chr.)  weist  den  Geten  dieselbe  wohnstätte  zwischen  Haemus  und  Ister 
Thucydides  2,  96  an.  im  verfolg  der  zeit  finden  wir  sie  nördlicher 
und  mächtiger.  Alexanders  thrakischer  krieg  fällt  ins  j.  335,  er  über- 
zog Triballer  und  dann  Geten,  welche  schon  jenseits  des  stroms  unfern 
der  insel  Peuke  ihre  stadt  hatten.  Strabo  s.  301.  Damals  mag  sich  ein 
theil  von  ihnen  noch  mehr  nordwärts  geworfen  haben,  wiewol  sie  das 
linke  Donauufer  behaupteten ;  eine  steppe  oder  ein  Waldgebirge  zwischen 
Ister  und  Tyras  hiesz  seitdem  rj  zmv  retcov  hgr^ila.  Strabo  s.  305.  [de- 
serta  Getarum  georg.  3,  462.]  aber  ihr  reich  wuchs  empor  und  im 
j.  292  vor  Chr.  wurde  der  makedonische  Lysimachus  von  ihrem  könige 
Dromichaetes  aufs  haupt  geschlagen  (Strabo  s.  302.  305.  Pausan.  I.  9, 
5),  seitdem  müssen  sie  lange  zeit  zwischen  Donau  und  Tyras  gewalt 
und  einflusz  behauptet  haben.  Ungefähr  fünfzig  jähre  vor  Chr.  wurden 
alle  städte  am  linken  ufer  des  Pontus  von  Olbia  bis  nach  Apollonia  hin 
187  genommen  und  durch  sie  verheert  (Dio  Chrysost.  1,  75);  es  mag 
unter  ihrem  könige  Boroistes  geschehn  sein,  welchen  Strabo  s.  303 
in  des  Augustus  frühere  jähre,  Iornandes  unter  Sylla  setzt,  im  be- 
ginn unserer  Zeitrechnung  zu  Ovids  tagen  streiften  sie  in  denselben 
landstrichen.  Dio  Chrysostomus  aber  reiste  noch  zu  des  Tacitus  zeit 
durch  Skythien  in  das  Getenland,  um  ihre  sitten  und  brauche  zu 
erkunden,  während  die  ihnen  verbrüderten  Daken  mehr  nach  westen 
ihr  reich  unter  Decebalus  fortsetzten.  Dies  allmähliche  vorrücken 
und  lange  verweilen  während  fünfhundert  jähren  verbürgt  uns  den 
gehalt  und  wachsthum  eines  lebensvollen  volks. 

Jene  aftavaxltpvtaq  und  ihren  gott  Zalmoxis  oder  Gebeleizis 
schildert  uns  Herodot  schön  und  ausführlich ;  in  Griechenland  mochten 
darüber  abweichende  meidungen  umgehn,  dasz  Zalmoxis  nicht  für 
den  bloszen  lehrling  des  Pythagoras  gelten  dürfe,  vielmehr  daemon 
und  gott  sei,  durchschaute  schon  der  geschichtschreiber,  unbefangne 
werden  die  auffallende  ähnlichkeit  germanischer  lehre  und  sitte  nicht 
verkennen,  an  seines  lebens  ende,  nachdem  er  drei  jähre  lang  in  einem 
unterirdischen  haus  verblieben  war  und  von  den  Geten  todtgeglaubt 
wurde,  erschien  Zalmoxis  nochmals  unter  ihnen,  das  gemahnt  an 
Freys  hügel,  worin  der  göttliche  herscher  nach  seinem  tode  drei  jähre 


GETEN  131 

hindurch  aufbewahrt  und  dem  volk  als  noch  lebend  dargestellt  wurde, 
weil  davon  fruchtbarkeit  und  friede  im  ganzen  land  abhiengen.  ster- 
bende liesz  man  zu  Zalmoxis  gehn,  entsandte  sie  zu  Zalmoxis  oder 
Gebeleizis;  was  könnte  genauer  übereintreffen  mit  dem  tiefwurzeln- 
den deutschen  und  slavischen  Volksglauben,  dem  fara  til  Odins,  leita 
Odin,  hitta  Odin,  scekja  Odin,  fadar  suokian,  Swatopulka  hledati?* 
Swatopluk,  held  oder  könig,  führt  zurück  auf  einen  göttlichen  Swa- 
towit,  wie  Zalmoxis  auf  den  daemon;  diese  analogie  des  mythus  be- 
gegnet der  äuszerlichen  berührung  zwischen  Geten  und  Sarmaten. 
'AxivdxrjQ  entspricht  unserm  Zio  und  Eor,  "Avapog  dem  Odinn  und 
Biflindi  (s.  120),  mich  dünkt  die  oqblvol  ®Q<xxeg  xai  (icc%cuqocp6qoi  188 
bei  Thucyd.  2,  96.  7,  27,  worauf  ich  zurückkommen  werde,  passen 
als  Schwertträger  zu  Zio  und  zu  Acinaces,  nicht  blosz  Alanen,  auch  Suevi 
und  Bojoarii  waren  Marsverehrer;  wie  der  name  Zalmoxis  an  unser 
heim,  das  litth.  szalmas  erinnere,  habe  ich  dargethan.  Gebeleizis 
dürfte  ein  Gibalaiks  oder  Gibuka  sein,  vielleicht  auch  Gibaleis,  da 
sich  bei  Irmino  67b  der  mannsname  Witleis,  38b  42  der  frauenname 
Bertieis,  Wulfleis  findet,  den  Litthauern  war  Gabjauja  göttin  des  reich- 
thums.  [Gabjaujis  deus  horreorum,  vgl.  gabenti  holen,  bringen,  gabanä 
last.]  wir  sind  schon  öfter  bei  den  Geten  auf  die  Litthauer  geleitet 
worden,  und  jener  Samogeta  =  Guddas  (s.  170)  wird  immer  wichtiger**. 
Auch  die  getische  sitte  schlieszt  sich  an  deutsche.  Herodot  5,  5 
von  den  nachbarn  der  Geten,  den  thrakischen  Trausen  und  Kresto- 
naeern  redend,  legt  ihnen  Vielweiberei  bei:  b%u  yvvalxag  snaotog 
nollag  und  erzählt  dann,  was  ich  schon  s.  139  anführte,  wie  die 
geliebteste  derselben  auf  des  mannes  grab  getödtet  wurde,  allbe- 
kannt sind  die  von  Strabo  s.  297  geretteten  stellen  Menanders 

itavtsq  (xev  ol  ßoqxeg,  (xaligza  6'  ol  rfrcci  x.  t.  X. 
und  ya(xel  yag  rjfiäiv  ovöh  siq,  (p  ov  ö£x   tf  x.  x.  L 

Tacitus  hingegen  preist  die  strenge  und  reinheit  germanischer  ehen. 
nee  ullam  morum  partem  magis  laudaveris,  nam  prope  soli  barbarorum 
singulis  uxoribus  contenti  sunt,  exceptis  admodum  paucis,  qui  non  libi- 
dine  sed  ob  nobilitatem  plurimis  nuptiis  ambiuntur ;  also  er  kennt  auch 
ausnahmen,  Caesar  1,  53  erwähnt  zweier  weiber  des  Ariovist,  Adam 
von  Bremen  weisz  der  Sueonen  Vielweiberei  und  die  altn.  sagen  sind 
voll  von  beispielen:  könig  Hiörvardr  hatte  vier  frauen  (Saem.  140), 
Häraldr,  als  er  Ragnhild  heiratete,  verüesz  neun  andere,  Alrekr  hatte 
zwei  frauen  (fornald.  sog.  2,  25.  26).  Samo  ein  könig  der  Slaven: 
duodeeim  uxores  ex  gente  Vinidorum  habuit.  Fredegar.  ad  a.  623. 
von  polygamie  der  edeln  und  freien,  die  ohne  zweifei  vorkam,  haben 
sagen  und  geschichtschreiber  zu  reden  keinen  anlasz.  Wenn  sie  bei  189 
den  ihm  bekannten  Germanen  Tacitus  seltener  beobachtete,  so  bezeugt 

*  inythol.  s.  132.  913.  1205.  1225.  Ad.  Schmidts  zeitschr.  3,  348.  4,  544. 
Schafarik  s.  804.  Palacky  1,  135. 

**  der  zufall  spielt  seltsam,  wenn  in  2a[i6&Qy4  die  nemliche  bildung 
ist,  ich  bestehe  aber  nicht  das  abenteuer  mich  hier  auf  den  samothraki- 
schen  eultus  einzulassen. 

9* 


132  GETEN.  DAKEN 

das  der  westlichen  stamme,  deren  ackerbau  auch  mehr  ausgebildet 
war,  gröszeren  fortschritt;  dem  hirtenleben  lag  Vielweiberei  nah*, 
man  musz  auch  zwischen  vermählter  ehefrau  und  den  kebsen  unter- 
scheiden, welcher  es  in  ganz  Europa  das  mittelalter  hindurch  viele 
gab,  ohne  dasz  daraus  den  männern  Vorwurf  und  laster  erwuchs. 
Kriemhilt  nennt  Nib.  782,  4.  789,  3.  796,  3  ihre  Schwägerin  man- 
nes  kebse'  und  will  damit  Siegfried  nicht  schelten;  allen  dichtem 
musz  freilich  das  Verhältnis  unedel  erscheinen,  zumal  den  geistlichen. 
Crescentia  sagt,  als  arme  dirne  (cod.  pal.  361,  73°): 

ouch  wäre  im  ze  sunden  getan, 

ob  er  mich  ze  kebese  wolde  hän: 

ze  wibe  wäre  ich  im  ze  smähe.   (cod.  kol.  260  ze  kone.) 

Menanders  worte  dürfen  nicht  einmal  den  Geten  zu  Strabons  zeit 
zur  last  fallen,  geschweige  den  Germanen  des  Tacitus  verglichen 
werden,  da  um  320  vor  Chr.  die  sitte  freier  und  ausgelassener  sein 
mochte,  wenn  man  überhaupt  den  comiker  keiner  Übertreibung,  wie 
sie  seinen  absichten  entsprach,  zeihen  will,  recht  verstanden  ist  also 
hier  nicht  Verschiedenheit,  sondern  einstimmung. 

Diese  zeigt  sich  weit  stärker  noch  bei  dem  zusammenhalten  viel- 
besprochner  äuszerungen  Caesars  und  Tac.  über  die  ackerbestellung 
der  Sueven  und  Germanen  insgemein  mit  dem,  was  Horaz  von  der 
getischen  meldet.  Caes.  4,  1.  6,  22.  Tac.  Germ.  26.  Hör.  carm. 
III.  24,  11.  wie  angemessen  auch  dem  übertritt  aus  dem  hirtenstand 
in  die  feldwirtschaft  der  jährliche  ackerwechsel  erscheint,  war  er  doch 
etwas  unter  allen  übrigen  Völkern  so  wenig  wahrgenommnes ,  dasz 
man  daraus  auf  Stammverwandtschaft  derer,  die  ihn  beobachten, 
einen  wahrscheinlichen  schlusz  zu  ziehen  berechtigt  wird**. 
190  Sind  nunmehr  in  namen,  läge,  geschichte  und  brauch  der  Geten 

erhebliche  gründe  dafür  gefunden  worden,  dasz  sie  mit  den  Deutschen 
wo  nicht  gleiches,  doch  verwandtes  Ursprungs  erscheinen,  so  mangelt 
es  nicht  an  andern  noch  weiter  greifenden  bestätigungen. 

Vor  allem  rechne  ich  dahin  das  merkwürdige  Verhältnis  der 
Geten  zu  den  Daken,  welche  beide  entweder  völlig  in  einander  auf- 
gehn  oder  unmittelbar  zusammenstehn. 

Wer  mit  der  griechischen  und  römischen  comoedie  des  Menander 
und  Plautus  bekannt  ist,  weisz  dasz  in  ihr  ein  Fkxag  oder  zJäog  als 
ständige  person  des  olxezrjg  oder  dovhog  auftreten;  ist  es  nicht  wun- 
derbar, dasz  uns  damit  eins  der  ältesten  Zeugnisse  für  die  deutsche 
geschichte  erhalten  wird?  es  waren  mancipien,  die  der  verkehr  mit 
Thrakien,  sei  es  durch  gefangenschaft  oder  kauf  nach  Griechenland 
brachte;   solche  ai%^dlcoxoi,    öogvccXatoi  oder  ccQyvQCJvrjtoi,  cd(6vrj- 


*  vgl.  oben  s.  18.  die  pellex  hiesz  ahd.  auch  ella  giella  kiella  gella, 
mhd.  gelle,  altn.  elja,  d.  i.  aemula,  rivalin,  wie  ello  aemulus,  rival,  von 
ellan  eljan,  goth.  aljan  pugna,  certamen,  £i?Aoe. 

**  Orelli  zur  horazischen  stelle  meint:  hune  Suevorum  morem  ad  Getas 
transtulisse  videtur  poeta.  so  auszulegen  wie  unerlaubt!  dem  Strabo  sind 
Geten  und  Sueven  gerade  unmittelbare  nachbarn. 


GETEN.  DAKEN  133 

rot,  musten,  durch  treue  oder  anstelligkeit,  wie  bei  andern  Völkern 
deutsches  gefolge,  den  griechischen  herrn  willkommen  sein:  sonst 
wären  sie  nicht  häufig  geworden,  den  comikern  lieferten  blosz  die 
ausnahmen  stof.  Gerade  so  bezeichnete  hernach  waltenden  Deutschen 
der  name  Winid,  Walah  oder  Sclav  einen  aus  der  fremde  erworbnen 
knecht.  rexag  war  also  der  dienende  Gete;  wer  aber  Adog,  lat. 
Davus?  es  kann  gar  kein  zweifei  sein,  dasz  darunter  ein  abkömm- 
ling  aus  dem  dakischen  stamm  gemeint  werde,  dessen  Verbrüderung 
mit  dem  getischen  aus  allen  nachrichten  erhellt. 

Das  erste  was  hier  erwogen  werden  musz,  ist  die  abweichende 
wortgestalt.  /Jaog  Davus*,  nach  aller  Sprachanalogie,  scheint  nichts 
als  trauliche  abschleifung  des  volleren  Dacus  Dacvus.  wie  aus  goth. 
magus  mavi  hervorgeht  und  neben  lat.  raucus  (für  racvus?)  ravus**, 
verhalten  sich  Dacus  und  Davus;  die  gr.  spräche  mit  ausgestosznem  191 
digamma  setzt  z/aog  wie  veog  vavg  oig  coov  darjo  für  novus  navis 
ovis  ovum  levir  (==  devir)  oder  öneog  tccdv  =  specus  pecu.  Strabo 
verkennt  keinen  augenblick  dasz  Aaxog  und  Aaog  dasselbe  sind,  s.304: 
yeyove  de  xai  eillog  xrjg  %G)Qccg  fiegiö^iög  öv^evwv  ex  nalcuov '  xovg 
{isv  yag  zfccxovg  ngogayogevovöL,  xovg  de  rexag.  rexag  (ihv  tovg 
7tobg  xov  TIovvov  xexlif-ievovg  xa\  ngbg  x?jv  ew.  Adxovg  de  tovg 
eig  xavavxla  ngbg  regpaviav  xal  rag  tov  löxgov  nrjyag,  ovg  ol^iai 
daovg  xaleiöftai  xo  nalatov'  a(p'  ov  xal  nagä  xolg  'Axxixoig  ene- 
nolccös  xa  xcjv  olxex&v  bvopaxa  Texai  xal  Adoi.  xovxo  yag  m%a- 
vcaxegov,  r}  caiö  xcjv  ZJxv&äiv,  ovg  xalovtii  Adag'  nogga  yag 
exelvot  itegl  ti\v  'Ygxaviav  xal  ovk  elxbg  exel&ev  kohI&ö&ccl  dvdgd- 
Ttoöa  dg  xr\v  Axxixj]v.  sicher  waren  jene  griechischen  knechte  aus 
dem  nahen  Thrakien,  nicht  dem  fernen  Skythien  geholt  und  für 
Strabons  zeit  unter  August  europäische  zldoi,  asiatische  Adai  (lat. 
Daci  und  Dahae)  zu  sondern.  Aber  früherhin,  wie  wir  sahen,  saszen 
F'exoi  und  Adoi  südlicher  in  Thrakien,  auf  der  rechten  seite  des 
Ister,  am  fusze  des  Haemus,  und  Thucydides  2,  96  stellt  den  dama- 
ligen Geten  schwerttragende  Thraker  vom  gebirg  zur  seite,  welche 
an  der  Rhodope,  d.  h.  westwärts  gegen  den  Nestus  und  Strymon 
wohnen:  dt  Aloi  xalovvxat,  7,  27  heiszen  ihm  die  nemlichen  pa%ai- 
Qocpoooi:  xov  Aiaxov  yevovg,  wo  eine  scholie  hat:  ygacpexai  xcüv 
Aaxixov.  offenbar  sind  Adoi  und  Aloi  ganz  derselbe  volkstamm, 
was  Cassius  Dio  51,  22  auszer  zweifei  setzt:  oi  de  eitexeiva  Adxoi 
xixlrjvxcct,,  elxe  dq  Fexai  xiveg,  ehe  xal  ®gaxeg  xov  Aaxixov  yevovg 
xov  xr]v  cPodo7tr]v  %oxe  evoixqöavxog  bvxeg.  die  lesart  zu  ändern 
bedarfs  nicht,  dioi,  die  göttlichen,  war  ein  übliches  bei  wort  auch 
andrer  volksnamen,  so  dasz  griechisches  ohr  oder  selbst  thrakische 
Überlieferung  leicht  z/tot  und  Aaoi,  Aaoi  verwechselte.  Beide  namen 
Fexai  und  Adxot,   waren    den    Griechen    von    alters    her    bekannt, 


*  aeol.  Aapoq.    Prise.  6,  264.    Ahrens  dial.  aeol.  35. 
**  beide  formen  zusammen  stellt  die  plautische  redensart:    usque  ad 
raucam  ravim. 


!34  GETEN.  DAKEN 

doch  sie  begriffen  gewöhnlich  unter  ersteren  auch  die  letzten,  wäh- 
rend umgedreht  hernach  die  Römer  die  ihnen  etwas  näheren  Daci 
für  die  Getae  mit  verwandten.  wo  Tkxai  Getae  und  Aaoi  Daci 
192  unterschieden  werden,  liegen  früher  wie  später  jene  immer  nordöst- 
lich, diese  südwestlich,  beide  aber  rücken  in  den  nordwesten  vor. 

Da  wir  in  Geten  Gothen  erkennen,  darf  der  frage  nicht  ausge- 
wichen werden,  wie  die  spur  der  Daken  zu  verfolgen  sei?  und  eine 
darauf  bereit  liegende  antwort  wäre  nicht  so  lang  ausgeblieben,  wenn 
unsre  historiker  und  geographen  sich  herabgelassen  hätten  die  ein- 
fachsten und  natürlichsten  nachrichten  zu  verknüpfen,  unmittelbare 
fortsetzung  der  Daken  sind  die  Dänen,  wol  zu  verstehn  nicht  gerade 
der  zuletzt  von  Trajan  besiegten  Donaudaken,  sondern  ein  in  unvor- 
denklicher zeit  gegen  nordwesten  vorgedrungner  zweig  desselben 
stamms,  wie  Gothen  in  gleicher  richtung  ausrückend  die  ostsee  er- 
reichten, als  noch  der  hauptstamm  ihres  volks  dahinten  weilte. 

Leicht  fällt  es  die  Übergänge  der  namensform  aufzudecken,  ich 
habe  vorausgeschickt,  dasz  dem  lat.  Daci  ein  deutsches  Dagai  oder 
Dagös  entspreche,  hierfür  zeugt  Isidor  unmittelbar  orig.  9,  2:  Daci 
autem  Gothorum  soboles  fuerunt,  et  dictos  putant  Dacos  quasi  Dagos, 
quia  de  Gothorum  stirpe  creati  sunt,  des  namens  wurzel  ist  dags  = 
dies,  welches  lat.  wort  aus  vollerem  dacies  entsprungen  scheint,  wie 
nahe  liegt  der  begrif  der  leuchtenden  lichten  dem  der  göttlichen 
Alöi.  Durch  ableitung  tritt  nun  N  hinzu:  aus  Daci  wird  Dacini,  wie 
aus  Getae  Gothi  Getini  Gothini,  Dacini  aber  kürzt  sich  in  Dani,  wie 
picinus  in  pinus  (decenarius  in  denarius,  was  dem  septenarius  analog 
ist,  deceni  in  deni,  secenarius  oder  sexenarius  in  senarius,  seceni  in  seni*), 
oder  will  man  aus  Davus  Davini  bilden,  welches  sich  leicht  in  Dani 
wandelt,  wie  noveni  in  noni?  Die  lat.  spräche  zieht  langen  vocal  vor 
in  Davus  Danus  pinus  nonus,  doch  organische  kürze  haftet  in  Daha 
wie  in  magis  neben  majus,  das  aus  magius  gekürzt  ist.  unsere  spräche 
wahrt  die  kürzen  besser;  altn.  Danir,  ahd.  Teni;  sollte  nicht  altn.  man 
193virgo,  serva  erwachsen  sein  aus  adjectivischem  magvin  magin  mavin? 
kein  beispiel  wäre  treffender  für  Danr  Danus  aus  Dacuinus,  Dacinus. 

Diese  etymologie  empfängt  ein  gepräge  voller  Wahrheit  dadurch, 
dasz  bei  lateinischen  Schriftstellern  des  mittelalters  Dacus  für  Danus, 
Dacia  für  Dania  gebraucht  wird  (acad.  abhandl.  s.  41.  42),  ja  dadurch 
dasz  den  Russen  noch  heute  der  Däne  Datschanin,  den  Lappen  Dazh 
oder  Tazh  heiszt.  zu  den  äuszersten  Slaven  und  Lappen  war  der  name 
nicht  aus  Deutschland  her,  sondern  unmittelbar  vom  gestade  des 
schwarzen  meers  gelangt,  wie  uns  der  Litthauer  Guddas  bewahrt, 
haben  uns  diese  Völker  Dazh  =  Dacus  aufbehalten. 

Über  die  bevölkerung  Dänemarks  und  den  dänischen  stamm  werde 
ich  mich  näher  äuszern,  wann  die  scandinavische  spräche  abgehandelt 


*  die  Engländer  erweichen  ags.  f>egen  in  thane ,  lat.  decanus  in  dean, 
franz.  doyen,  ir.  deacanach.  taken  wird  in  den  schottischen  Volksliedern 
häufig  zu  taen,  tane. 


DAKEN  135 

werden  soll.  Hier  sei  blosz  der  überraschenden  einstimmung  erwähnt, 
dasz  im  ptolemaeischen  Scandia  neben  einander  Gutae  und  Dauciones, 
Jahrhunderte  lang  nachher  im  angelsächsischen  Beovulfliede  Geätas 
und  Dene  verbrüdert  auftreten,  wie  in  der  getischen  geschichte  von 
uralter  zeit  an  Geten  und  Daken.  jenes  gedieht  kennt  auch  Gifdas, 
was  wiederum  die  den  Gothen  stammverwandten  Gepidae  sind,  welche 
noch  unter  Justinian  im  Dacien  der  Donaugegend  hausen;  was  in 
unsrer  heldensage  die  grundlage  bildet,  mag  von  Geten  Daken  Ge- 
piden  der  alten  geschichte  wirklich  nicht  fern  stehn.  wenn  irgendwo 
geschichte,  sage  und  geographie  des  alterthums  zusammentreffen,  so 
ist  es  in  diesem  Verhältnis  der  Geten  und  Daken. 

Es  wird  mir  aus  mehr  als  einer  Ursache  glaublich,  dasz  der 
dakische  königsname  zlexsßodog  eigentliches  appellativ  war  und  nichts 
anders  als  einen  Daken,  vielleicht  des  edelsten  königlichen  geschlechts 
bezeichnete,  zu  ßdlog  aber  halte  ich  vorerst  der  Geten  thrakische 
nachbarn,  die  TgißcdXoL  bei  Herod.  4,  49.  Thucyd.  2,  96.  4,  101. 
Strabo  p.  317,  in  welchem  namen  die  dreizahl  nicht  anders  zu  neh- 
men sein  wird,  als  bei  den  germanischen  TQi'ßox%OL  Strabo  p.  193, 
den  Triboci  des  Tacitus,  oder  im  ags.  Thrilidi  und  Thrimilci  (oben 
s.  80)  und  in  vielen  örtlichen  benennungen.  des  kurzen  vocals  wegen  194 
schrieben  die  Griechen  ßällog  für  ßdlog,  dem  ich  unser  fal  im  volks- 
namen  Westfal  Westfalah  vergleiche,  welcher  noch  heute  auch  als 
mannsname  vorkommt.  Nun  gewinnt  bedeutung,  dasz  bei  Mamertinus 
und  Ammianus  an  der  Donau  gothische  Taifali,  Thaiphali  auftreten, 
ja  dasz  Eutropius  geradezu  meldet:  Daciam  Decebalo  victo  subegit 
(Trajanus),  provincia  trans  Danubium  facta  in  his  agris,  quos  nunc 
Thaiphali  habent  et  Victophali  et  Theruingi.  im  vierten  jh.  finden 
wir  uns  hier  ganz  unter  Deutschen  und  Eutrop  ahnte  nicht  der  namen 
gleichheit,  die  er  neben  einander  stellte:  Thai  Tai  in  Thaifalus  ist 
genau  wie  Aaog  Davus  für  Dacus,  aus  Decebalus  also  geworden  Taifa- 
lus,  aus  getischer  form  die  gothische,  alamannische.  der  dakische  name 
zJirjyig  bei  Dio  Cass.  67,  7  enthält  eine  analoge  er  weichung  von  Dacus. 

Decebalus  soll  uns  aber  auch  einen  sagenhaften  anklang  gewäh- 
ren. Dio  68,  14  erzählt,  dasz  im  zweiten  kriege  gegen  Trajan  der 
könig  seinen  hört  unter  dem  fluszbett  der  Sargetia  barg,  Iornandes 
aber  cap.  30,  dasz  (im  j.  409)  Westgothen  die  leiche  ihres  geliebten 
Alarichs,  als  den  köstlichsten  schätz  unter  einem  abgeleiteten  flusz 
bestatteten  und  nachher  die  lebendige  flut  wieder  darüber  führen: 
quem  nimia  dilectione  lugentes  Barentinum  amnem  juxta  Consenti- 
nam  civitatem  de  alveo  suo  derivant.  hujus  ergo  in  medio  alveo 
collecto  captivorum  agmine  sepulturae  locum  effodiunt,  in  cujus  fo- 
veae  gremio  Alaricum  cum  multis  opibus  obruunt,  rursusque  aquas 
in  suum  alveum  reducentes,  ne  a  quoquam  quandoque  locus  agnosce- 
retur,  fossores  omnes  interemerunt*,  gerade  wie  Hagen  den  Nibe- 
lungehort  in  den  Rhein  versenkt  hatte,  Nib.  2308,  3: 

*  mox  vehiculum  et  vestes,  et  si  credere  velis  numen  ipsum  secreto  lacu 
abluitur.  servi  ministrant,  quos  statim  idem  lacus  haurit.  arcanus  hinc  terror 


136  THRAKER 

den  schätz  weiz  nu  nieman  wan  got  unde  min. 
Was  getische  war,  zeigt  sich  als  gothische,  lirdeutsche  sitte. 

195  Jene  thrakischen  Triballer  gemahnten  auch  an  deutsche  Völker, 

es  steht  noch  eigen  um  Thrakien  und  selbst  um  seinen  namen.  0QJJE, 
®Qa%  ist  gleich  ®or/l£  Sqcul^,  das  fem.  ßgjjööa  ©qccoöcc  ®QÜxta 
für  @Qrj'i66a  GgaCtiöcc  (wie  aW|  avccööcc,  dotf?  ögccGöa,  qpo/£  cpQiööw) 
und  jener  ^Qccömag  (s.  176)*  läszt  ein  volleres  ®Q(x6l£  voraussetzen, 
wozu  &Qcc6vg  litth.  drasus  audax,  ftgccöog  audacia  gehörte,  da  nun 
vor  L  und  R  die  linguallaute  oft  der  Verschiebung  entgehn,  fiele 
das  goth  J>rasabal|)ei  streitkühnheit,  altn.  J>rä  contumacia  J>räsa  J>rätta 
rixari,  litigare,  schwed.  träta,  dän.  trätte  in  den  vergleich,  und  die 
alten  eigennamen  Thrasamunt  **,  Thrasaberht  machten  sich  geltend. 
Oder  bleiben  im  namen  @Qaxr]  noch  andere  Übergänge  des  K  in 
linguallaute  zu  erforschen?  die  alts.  spräche  kennt  ein  thrak  threki 
robur,  ags.  J>räc,  altn.  prekr,  welche  dem  hd.  dialect  mangeln.  Wie 
nun  die  Griechen  des  Ares  sitz  in  thrakische  berge  legen,  wohnt 
der  nordische  Thörr  in  Thrudheim  (Saem.  40b),  Snorris  formäli  zur 
edda  erklärt  aber  Thrudheim  ausdrücklich  für  Thrakien,  prüdr,  ags. 
J)ryd  bedeutet  gleich  jenem  prekr  nochmals  robur,  Thörr  heiszt  J>rü- 
dugr  äss  deus  fortis  Saem.  72b,  sein  hammer  J>rüdhämarr,  seine  mit 
Sif  erzeugte  tochter  Thrüdr,  J>rüdr  ist  appellativ  für  virgo,  virago,  und 
heilige  frauen  unsers  alterthums  führen  häufig  den  namen  Drüd 
(mythol.  s.  394);  wie  wenn  J>rüd  aus  pruht  hervorgienge  und  sich 
mit  ]>rek  berührte  ?  Snorri  ***  erzählt  aber  folgendes :  Thörr  ward  in 
Thrakien  bei  einem  manne  namens  Loricus  auferzogen;  zehn  jähre 
alt  legte  er  seines  vaters  waffen  an,  vierzehn  jähre  alt  hatte  er  volle 
stärke  und  vermochte  zehn  bärenhäute  auf  einmal  von  der  erde  auf- 
zuheben ;  dann  erschlug  er  jenen  Loricus  samt  dessen  frau  Lora  oder 

196Grlora  und  eignete  sich  ganz  Thrakien  zu,  welches  die  Nordländer 
Trüdheim  nennen.  In  dieser  bisher  verachteten  sage  scheint  mir  einiges 
so  merkwürdig,  dasz  ich  ihr  wol  alten  grund  zutrauen  mag,  und  die 
Geten  und  Daken  haben  uns  gelehrt  in  dem  Norden  Zusammenhang  mit 
Thrakien  zu  finden;  warum  sollten  die  Gothen  und  Dänen  nicht  getische 
und  dakische  Überlieferung  lange  zeit  unter  sich  fortgepflanzt  haben? 
Thörr  ist  Odins  söhn  und  seinem  vater  in  vielem  gleich;  dasz  das 
starke  kind  zehn  bärenhäute  aufhebt  scheint  sagenhafte  Veränderung 
des  thrakischen  mythus  von  Zalmoxis,  der  in  die  bärenhaut  gewindelt 

sanctaque  ignorantia.  Tac.  Germ.  40.  ebenso  tödtet  Ketilbiörn  seinen  knecht 
Haki  und  seine  magd  Bot,  die  ihm  geholfen  hatten  seinen  schätz  zu  bergen. 
Landnämabök  5,  12.  [auch  Egill  die  beiden  knechte.  Egilss.  767.  Skalagriurr 
vergräbt  einsam,  p.396.  den  maurer  tödten Diocletian  5923.  sevin  sages3077.] 
*  auch  in  ^Qrjaxog  fromm,  das  Plutarch  aus  &py£  und  dem  orphischen 
cultus  leitet,  das  2. 

**  daneben  Transamunt,  was  zum  altn.  I>rasa  stimmt,  nicht  zum  goth. 
£ras. 

***  oder  ein  andrer  Verfasser  oder  interpolator  dieser  vorrede,  dem  werth 
der  Überlieferung,  wenn  sie  eine  solche  war,  benimmt  es  nichts,  wer  sie 
zuerst  berichtete. 


GETEN  137 

wird*  und  davon  heiszt,  wie  Thörr  den  beinamen  Biörn  führt  und 
wie  der  nordische  könig  der  thierfabel  altvater,  groszvater  genannt 
wird.  Mit  Sif  zeugt  Thörr,  auszer  jener  Thrüd,  einen  ihm  gleichen 
söhn  Loride,  von  welchem  Henride,  Vingepörr,  Vingner,  Modi,  Magi 
abstammen:  die  genealogie  verwirrt  sich  zusehends,  denn  aus  der  edda 
weisz  man,  dasz  Hlörridi  und  Vingpörr  Thors  eigne  namen,  Modi 
und  Magni  (der  starke)  unmittelbar  seine  söhne  sind  (mythol.  s.  170. 
1 72),  Hlörridi  aber  scheint  sich  zu  vergleichen  mit  Loricus,  Lora  oder 
Glora.  anderwärts  (skäldskaparmäl  101)  heiszt  Thörr  föstri  Vingnis 
ok  Hlöru,  des  Vingnir  und  der  Hlöra  zögling,  was  den  Loricus  wie- 
derum beseitigt,  diese  dunkelheit  im  mythus  von  Thörr  ist  recht 
empfindlich,  da  sie  vollständig  und  in  reiner  gestalt  den  wichtigsten 
aufschlusz  gewähren,  und  die  altnordische  sage,  so  dasz  alle  zweifei 
schwänden,  an  getische  oder  thrakische  festknüpfen  könnte.  Ich 
stemple  die  Thraker  nicht  zu  Deutschen,  sondern  suche  nachzuweisen, 
wie  sich,  durch  Vermittlung  der  Geten,  zwischen  Thrakern  und  Ger- 
manen nähere  berührung  annehmen  läszt,  als  man  bisher  einräumte. 

Hier  werden  wenige  noch  in  meine  fuszstapfen  treten  wollen,  die 
neuere  critik  hält  ein  misgünstiges  äuge  über  allem  was  ihre  gewohn-  197 
ten  kreise  stört,  in  welchen  sie  das  meiste  längst  geordnet  zu  haben 
wähnt,  man  sollte  es  aber  dem  Iornandes  dank  wissen,  dasz  er  un- 
schuldig einen  Sprachgebrauch  wahrte,  der  unmittelbar  auf  die  sache 
leitend  den  blick  in  ein  tieferes  alterthum  unseres  volks  offen  liesz, 
als  wir  es  aus  den  nachrichten  bei  Caesar  und  Tacitus  ahnen.  Dions 
Chrysostomus  verlornes  werk  hätte  den  Schleier  höher  gelüftet,  dür- 
fen aber  Geten  und  Daken  für  uns  Deutschen  verwandt  gelten,  so 
werden  unschätzbare  meidungen  bei  Herodot,  Thucydides,  Strabo  und 
Cassius  Dio  in  anderes  licht  treten  und  dem  bisher  fast  bedeutungs- 
losen Thrakien  in  der  geschichte  eine  lebendigere  stelle  sichern. 

Es  ist  bei  diesen  forschungen  das  gröszte  hindernis,  dasz  von 
thrakischer  und  getischer  zunge  keine  denkmäler  vorräthig  sind,  die 
mit  einemmal  zahllose  bedenken  niederschlagen  würden,  wie  günstig 
vorgesorgt  war  durch  Ovids  Verbannung  in  das  ihm  verleidete  Tomi, 
mitten  auf  dem  für  unsere  absichten  ergiebigsten  boden!**  getische 
und  sarmatische  laute  verstand  sein  ohr  zu  unterscheiden  und  er  ver- 
sichert selbst  ein  getisches  gedieht  verfast  zu  haben,  das  freilich 
römische  abschreiber  wenig  anziehen  mochte,  in  einem  drama  hätte 
sich  getische  zwischenrede  eines  Geta  oder  Davus  leichter  bewahrt, 
und  des  Hanno  punischer  monolog  im  Poenulus  ein  trefliches  gegen- 
stück  erhalten. 

Nichts  als  eigennamen  sind  uns  aufbehalten,  deren  deutung,  wenn 
die  lebendige  Sprachkunde  abgeht,   mit  den  gröszten  Schwierigkeiten 

*  darf  hierher  gezogen  werden,  dasz  es  für  un  christlich  und  heidnisch 
galt,  sich  in  bärenhaut  zu  hüllen  ?  mythol.  s.  970  vgl.  KM.  n°  85  und  Biarn- 
hedinn  mythol.  s.  1232. 

**  die  Russen  mit  ihrem  Ovidiopol   haben  nicht  die  rechte  alte  stelle 
getroffen.    Kohls  Südruszland  1,  168. 


138  GETEN 

zu  ringen  hat,  weil  solche  Wörter  an  sich  schon  anomal  beschaffen, 
fremdem  einflusz  und  vielfacher  entstellung  ausgesetzt  sind,  da  beim 
ersten  wurf  meines  Versuchs  nur  wenige  dieser  namen  beachtet  wer- 
den konnten,  so  will  ich  versäumtes  nachholen,  mich  aber  nicht 
anheischig  machen  alle  und  jede  thrakischen  oder  getischen  Wörter 
vorzubringen  und  deutsch  oder  litthauisch  auszulegen,    der  natur  der 

198  sache  nach  kann  dies  deuten  nur  selten  anspruch  auf  Sicherheit  haben 
und  musz  sich  in  den  meisten  fällen  mit  dürrer  Wahrscheinlichkeit 
begnügen. 

Herodot  5,  3,  4  nennt  Fkxai  und  Tgavöoi  zusammen,  welcher 
name  deutsch  klingt,  wenn  man  gr.  TR  auf  goth.  DR  in  driusan 
draus  drusun  [oder  auf  pras  und  prör]  zugibt,  litth.  bedeutet  traiszus 
traszkus  ganz  anderes,  pinguis.  über  die  den  Trausen  beigesellten 
KQfjOtwvaloL  will  ich  nachher  vermuten. 

Auch  die  oft  genannten  Bessi  scheinen  den  Geten  nah  zu  stehn. 
bei  Her.  7,  111  5^ööo/,  mit  der  wichtigen  angäbe:  t&v  ZJatoeov 
döl  ol  7tQocpT]tsvovtsg  tov  Iqov,  doch  über  diese  Hatoou  wage  ich 
noch  nichts  zu  rathen;  das  naocprjxsveiv  musz  freilich  auf  altthraki- 
schen  orphischen  dienst  bezogen  werden,  von  welchem  die  Griechen 
manche  nachricht  hatten.  Noch  später,  als  sich  die  Römer  mit  den 
Thrakern  feindlich  berührten,  galten  die  Btjööol  für  Dionysos  Verehrer 
und  bei  CassiusDio  51,  25  und  34  wird  ein  Ouoloycuoog  @gag  Brjööog, 
i£QEVg*  tov  na,Q  avxolg  Aiovvüov  namhaft  gemacht,  wahrschein- 
lich hängen  damit  die  (s.  140  angeführten)  sacerdotes  pii  («fro^dxot  ?) 
zusammen.  Strabo  schreibt  BsööoL  In  diesem  cultus  liegen  Bessen 
den  Odrysen  näher,  während  die  vorhin  genannten  z/tot  des  Thucy- 
dides  sich  an  die  Daken  schlieszen,  wie  auch  Ovidius  Bessi  Getaeque, 
Bessos  Getasque  (Trist.  III.  10,  5.  IV.  1,  67)  knüpft;  selbst  in  jüngerer 
zeit  finden  wir  bei  Procop  de  b.  goth.  1,  16  einen  Gothen  Bessas  in 
Belisars  dienst,  und  es  heiszt:  6  de  Beööag  ovxog  röxftog  (tev  r\v 
ykvog  xav  in  nalcciov  Iv  &qkktj  comjfievav,  ®£vd£Qi%G)  xs  ovx 
zmOTtotisvav,  tfvixcc  ev&hds  ig  'Itcdlav  sTtrjys  xbv  roT&av  Xzdv** 
zu  Theoderichs  tagen,  der  im  j.  488  aus  altgothischer  heimat  nach 
Italien  zog,  blieben  stamme  in  Thrakien  zurück,  von  welchen  Bessa 
entsprosz,  sicher  ein  abkömmling  jener  alten  den  Geten  verbrüderten 

199  Bessen.  selbst  Leo,  der  457  den  kaiserstul  einnahm,  war  hessischer 
herkunft.***  Baza,  beiname  des  in  Iornandes  eigner  genealogie  auf- 
geführten Gunthigis,  scheint  dasselbe  und  wiese  dann  die  jüngere  goth. 
gestalt  des  namens :  altn.  bedeuten  bassi  und  bessi  einen  baren  (Sn. 
179.  221).  warum  sollte  nicht  der  zu  Alexanders  des  groszen  zeit 
in  Persien  auftretende  Bessus  gleichnamig  sein?  von  diesen  alten 
Bessen  oder  Bässen  her  könnte  der  eigenname  Bassus  frühen  eingang 


*  der  an  den  Alßrjg  oder  Aißvg  zcäv  Xazxcav  IsQevq  bei  Strabo  s.  292 
gemahnt. 

**  bei  Procop  de  b.  pers.  1,  8  merkwürdig  Sßiaag  f.  Beoaaq. 
***  bessica  ortus  progenie.    Iornand.  de  regn.  succ.  p.  m.  58. 


GETEN  139 

in  Rom  gefunden  haben:  Aelius  Bassus  natione  Bessus  findet  sich 
auf  einer  alten  inschrift. 

Bekanntlich  hiesz  die  Donau  für  den  letzten  theil  ihres  laufs, 
von  Axiopolis  in  Moesien  an,  Ister,  und  Iornandes  cap.  12  über- 
liefert: in  lingua  Bessorum  Hister  vocatur.  ich  habe  gewiesen,  dasz 
altn.  istr,  istra  adeps,  arvina,  schwed.  dän.  ister  pinguedo  bedeuten, 
was  sich  für  den  fetten  befruchtenden  ström  eignete ;  aber  das  wort 
scheint  zugleich  dem  gr.  ötsag  6rkaxo§  verwandt,  man  vgl.  den 
begrif  von  arvina  oder  obilije  (s.  63). 

Caesar  6,  25  läszt  die  hercynia  silva  sich  der  Donau  entlang 
erstrecken  ad  fines  Dacorum  et  Anartium,  diese  Anartes  müssen  also 
gleich  den  Daken  nachbarn  der  Germanen  gewesen  sein,  und  auch 
Ptolemaeus  3,  8  zählt  unter  den  bewohnern  Dakiens  zu  allererst  die 
"AvctQxni  auf.  nach  dem  ahd.  einherti  constans  [gr.  4,  1023]  liesze 
sich  ein  goth.  ainhardus  mutmaszen,  und  da  im  altn.  einardr  audax 
das  H  wegfällt,  dürfte  es  auch  in  Anartes  mangeln,  es  wären 
gothisch  ausgedrückt  Ainhardjai.  wie  aber  die  von  Ptolemaeus  3,  5 
an  den  Weichselquellen  aufgeführten  'AvaQtoyQaKxoi  zu  deuten?  ist 
(pQctKTOS  das  altsl.  bräht,  ahd.  präht  allatus? 

Daselbst  hat  Ptolemaeus  auch  KotötoßcoKOi,  die  bei  Cassius  Dio  7 1 , 
1 2  Koötovßcoxoi  heiszen  und  im  j.  174  nach  Chr.  von  den  goth.  Astingen 
verdrängt  wurden.  [Pausanias  10,34.]  beiCapitolinusc.22stehnRoxolani 
Bastarnae  Alani  Peucini  Costoboci  zusammen  und  die  Peucini  sind  alte 
Geten,  Plinius  6,  7  nennt  Costoboci  an  der  Maeotis  rückwärts.  Kost 
Koist  vergleicht  sich  dem  goth.  hauhist,  ahd.  höhist  host,  boci  dem  200 
zweiten  theil  der  germanischen  Triboci;  eine  auffallend  ähnliche  zu- 
sammensetzungerscheint in  dem  angeblich  keltischen  namen  Tolistoboji. 

Aber  auch  die  dakischen  KccvxotJvölol  klingen  hier  noch  mehr 
an  die  germanischen  Chauci  an,  deren  namen  zu  hauhs  excelsus  wie 
zu  ahd.  houc,  altn.  haugr  tumulus  gehören  kann,  der  noch  bei  andern 
dakischen  Völkern  begegnende  ausgang  -ens  gleicht  zwar  dem  lat. 
-ensis,  aber  auch  dem  ahd.  -anso  gramm.  2,  345;  bei  dem  namen 
selbst  kommt  noch  anderes  getische  in  betracht.  Strabo  s.  298  nennt 
einen  heiligen  berg  der  Geten  Kcoyaiovov,  dessen  vielleicht  Statius 
gedenkt,  wenn  er  silv.  III.  3,  168  dem  Germanicus  zuruft: 
haec  est,  quae  victis  parcentia  foedera  Cattis, 
quaeque  suum  Dacis  donat  dementia  montem; 

will  man  ihn  wiederfinden  im  caucalandensis  locus,  altitudine  silvarum 
et  montium  inaccessus  bei  Ammian  31,  5,  wohin  noch  im  jähr  376 
Athanaricus  flüchtete ;  so  wäre  im  alten  cultus  der  Geten  eine  heilige 
statte  nachgewiesen,  die  Jahrhunderte  lang  noch  unter  entschiednen 
Gothen  behauptet  wurde.* 

Eine  der  merkwürdigsten  angaben  begegnet  bei  Plinius  4,11; 
unter  den  zwischen  Haemus  und  Donau  wohnhaften  thrakischen  völ- 


*  Schafarik  s.  395  findet  Caucaland,  ich  weisz  nicht  ob  auch  Cogaeo- 
num  im  siebenbürgischen  Küküllö.  [unten  s.  676.] 


140  GETEN 

kern  nennt  er  in  einem  athem  Moesi,  Getae,  Aorsi,  Gaudae  Clariaeque. 
Getae  und  Gaudae  nebeneinander!  sind  das  nicht  mit  voller  lautver- 
schieb ung  in  gothischer  spräche  Gu]>ai  und  Gautai?  doch  die  unge- 
meine Wichtigkeit  dieser  meidung  kann  erst  in  gehöriges  licht  ge- 
setzt werden,  wann  ich  von  dem  namen  der  Gothen  und  einer  Verschie- 
denheit gothischer  stamme  handle,  die  sich  bis  auf  späte  zeiten  fort- 
erhalten hat.  eben  dadurch  wird  sich  die  deutschheit  beider  Völker 
fast  unweigerlich  ergeben. 

201  Die  Aorsi  sind  jetzt  ein  räthsel;  wie  sie  hier  neben  Geten  an 
der  Donau  genannt  werden,  tauchen  sie  bei  Tacitus  ann.  12,  15 — 20 
am  Bosporus,  bei  Strabo  11  p.  506  am  Tanais,  bei  Ptolemaeus  in 
Sarmatien  auf.  ihr  name  hat  ganz  deutschen  klang  (vgl.  goth.  airzis, 
vairs,  paursis,  ahd.  hirsi,  altn.  hiarsi).  Strabo  stellt  "Aoqöoi  und 
UiQCMEg  wie  Tacitus  Aorsi  und  Siraci  nebeneinander,  und  die  üiqci- 
Ttrjvtj  soll  zwischen  der  Maeotis  und  dem  kaspischen  meer  liegen. 

Noch  ziehen  bei  Plinius  die  thrakischen  Priantae  und  Sithonii  an. 
Priantae  wären  buchstäblich  gothische  frijönds  amici  und  die  Sithonii 
dürfen  zu  den  Sithonen  bei  Tacitus,  ihrem  namen  nach,  gehalten  werden. 

Ich  gehe  nicht  auf  erklär  ung  aller  thrakischen  völkernamen  aus, 
uneinverstanden  mit  Melas  rThracum  una  gens',  und  lasse  bei  Seite 
liegen  was  auszerhalb  meines  gesichtspunkts  fällt.  Gesetzt  aber  unter 
den  thrakischen  lägen  alle  getischen,  unentstellt  und  sicher,  vor  uns 
und  es  herschte  kein  zweifei  mehr  über  der  Geten  und  Gothen  iden- 
tität ;  so  würden  dennoch  viele  dieser  uralten  Wörter  aus  dem  gothi- 
schen  und  später  deutschen  standpunct  der  spräche  nicht  weniger 
dunkel  bleiben,  als  die  überlieferten  namen  entschieden  germanischer 
Völker,  zwischen  die  Aovtovg  und  Ue^ivcovag  setzt  Strabo  s.  290  Zoii- 
{tovg,  Bovtovccg,  Movylltovag  und  Zlißcvovg  in  den  germanischen 
nordosten,  sonst  unerhörte  und  fast  undeutsch  klingende  namen,  die 
man  durch  gewaltsame  und  unerlaubte  verändrung  der  lesart  gerecht 
zu  machen  pflegt ;  man  lasse  sie  unversehrt,  vielleicht  dasz  sie  einmal 
besserer  einsieht  klar  werden*,  wer  hat  uns  schon  im  chattischen 
Libys  bei  Strabo,  im  volksnamen  Usipetes  bei  Caesar,  Usipi  bei 
Tacitus  die  rechte  deutsche  wurzel  aufgezeigt?  wie  viel  räthselhafte 
deutsche  namen  schlieszt   noch    die  geographie   des  Ptolemaeus  ein? 

Auch  von  den  königsnamen  sollen  hier  einige  nicht  übergangen 

202  werden,  auszer  Zalmoxis  ist  schon  Decebalus  gedeutet  worden,  z/oo- 
fu%cdzr]g  wäre  gothisch  geschrieben  Trumahaitja,  obgleich  ich  trums 
firmus  erst  aus  ags.  trum  oder  finn.  tyrmiä  entnehme,  mit  dem  zwei- 
ten theil  vergleichen  liesze  sich  altn.  hetja  heros.  BoLQsßtörag  im 
ausgang  gemahnt  an  Ariovistus,  doch  der  erste  theil  bleibe  noch  un- 
versucht. Dio  51,  26  nennt  drei  getische  könige  'PcoXrjg,  Jouivt, 
ZvQa^ogy  zu  deren   letzterem  fast  jener  volksname  ZÜgcMsg  stimmt. 

*  merkwürdig,  dasz  Tac.  Germ.  43  für  Gothini  die  lesart  Bothini  vor- 
kommt und  in  der  genealogie  des  cod.  vaticanus  neben  gothischen  Völkern 
Butes  als  abkömmlinge  des  Ermenius  (mythol.  Stammtafeln  s.  XXVII. 
Haupts  zeitschr.  1,  562). 


DAKEN  141 

Roles  aber  scheint  mir  sicher  der  bei  Justinus  32,  3  genannte  dakische 
[getische?]  könig  Oroles  [Bessell  75],  aus  dessen  krieg  mit  den  Bastar- 
nen dort  ein  hübscher  zug  [acad.  abh.  51]  vorkommt.  Oroles  gleicht  nun 
dem  litth.  errelis,  lett.  ehrglis,  sl.  orel,  orl  d.  i.  adler  und  taugt  vorzugs- 
weise zum  heldennamen,  wie  unsere  vielen  Aro  Arno  beweisen;  die 
aphaeresis  des  vocals  in  Roles  ist  wie  in  sl.  ralo  rator  (s.  54);  da  auch 
unsere  alte  spräche  gern  mit  L  ableitet,  kann  für  ara,  aro  früher  ein 
Aral,  Arol  gegolten  haben,  wie  es  der  Verwandtschaft  deutscher  sla- 
vischer  und  litthauischer  spräche  angemessen  ist.  in  zlccnv^  dunvyog, 
wobei  der  griechische  gewährsmann  leicht  an  'Icutv£  'Idnvyog  dachte, 
gleicht  der  ausgang  dem  ahd.  hapuh,  ags.  hafoc,  den  eingang  will  ich 
nicht  rathen.  jener  hessische  OvoXoyaiöog  ist  dem  bekannten  rPado- 
ycciöog  ähnlich,  welchen  namen  sich  slavische  und  deutsche  spräche 
anzueignen  recht  haben.  Ovt&vag  bei  Dio  67,  10,  xa  öevtsqu  peta 
<dex£ßaXov  s%<av,  liesze  sich  ungezwungen  aus  goth.  visan  erklären 
und  neben  den  ahd.  mannsnamen  Warin,  Werin  (Graff  1,  930)  setzen. 

Am  schwierigsten  bleiben  Ortsnamen,  weil  sich  ihnen  zumeist  die 
spur  fremder  und  früherer  bewohner  eingedrückt  haben  kann,  die 
menge  dakischer  örter  auf  -dava  scheint  aus  jener  namensform  Davus 
für  Dacus  begreiflich  und  wie  deutsch  klingen  die  ersten  theile  der 
Zusammensetzungen  Argidava,  Nentidava,  Marcodava,  Singidava? 
ZccQ[u&y£&ovoa,  Decebals  ßccö&siov,  kaum  gestaltet  wie  das  gr. 
'Aqs&ovöcc,  mag  vielmehr  den  gen.  pl.  Zccq^l^s  =  goth.  Sarmaize 
Sarmize  gewähren  und  im  namen  der  hauptstadt  den  damaligen  bund 
zwischen  Sarmaten  und  Geten  ausdrücken;  die  peutingersche  tafel 
gibt  Sarmategete,  und  auch  yetovöa  wäre,  wenn  meine  Vermutung  203 
stich  hält,  richtiger  geschrieben.  Den  Bessen  wird  von  Ammian  27,  4 
und  Iornandes  de  regn.  succ.  p.  40  eine  stadt  Uscudama,  das  spätere 
Adrianopel,  beigelegt,  dessen  zweiten  theil  man  dem  ahd.  tuom,  alts. 
dorn  wie  dem  lat.  domus,  sl.  dorn,  ir.  duam  urbs  vergleichen  könnte, 
im  ersten  altn.  ösk,  ags.  vusc  votum  zu  erblicken  wäre  wagstück, 
Obrien  macht  flugs  daraus  Uisgedaimh,  wasserstadt!  wer  für  die 
deutungen  so  fern  stehender  namen  vollen  glauben  forderte,  verstiege 
sich,  da  uns  alle  sichre  künde  des  einfachen  thrakischen  oder 
getischen  sprachstofs  abgeht ;  es  reicht  hin,  in  ihnen  vorerst  die  mög- 
lichkeit  deutscher  klänge  zu  entdecken. 

Bei  so  leidigem  mangel  greift  man  mit  beiden  händen  nach  einer 
auskunft,  die  sich  unansehnlich  aber  unerwartet  dennoch  darbietet. 

In  des  Dioscorides  werke  negl  vXrjg  latQLxijg  sind  neben  grie- 
chischen und  lateinischen  namen  heilkräftiger  kräuter  manche  aus  bar- 
barischen sprachen,  die  dem  samler  aufgestoszen  waren,  verzeichnet, 
darunter,  wenn  ich  keinen  übersehn  habe,  32  oder  vielmehr  33  da- 
kische. Dioscorides,  aus  Anazarbus  in  Cilicien  gebürtig,  lebte  vor  der 
mitte  des  ersten  jh.,  etwa  gleichzeitig  mit  Plinius,  dessen  N.  H.  aber 
erst  nach  des  Dioscorides  buch  geschrieben  scheint,  unter  Claudius 
war  er  schon  in  Italien,  wahrscheinlich  auch  in  Gallien,  Spanien, 
Carthago  und  Aegypten,  da  er  gallische,  iberische,  keltische,  punische 


142  DAKEN 

und  aegyp tische  pflanzennamen  mittheilt ;  aus  dem  abgang  britannischer 
und  germanischer  ist  zu  folgern,  dasz  er  gegenden,  wo  ihm  diese 
vorgekommen  wären,  nicht  betrat.  Dacien  mochte  ihm  dagegen  be- 
kannt sein,  anzunehmen,  dasz  erst  nach  der  besiegung  des  landes 
unter  Trajan  die  dakischen  namen  gesammelt  und  von  andrer  hand 
dem  dioscoridischen  werke  eingeschaltet  worden  seien,  zwingt  kein 
grund;  warum  sollten  nicht  schon  im  ganzen  ersten  jh.  römische 
reisende  über  Illyrien  und  Pannonien  auch  Dacien  besucht  haben? 
allenfalls  lassen  einzelne,  fast  ganz  lateinische  benennungen,  die  für 

204  dakische  gegeben  werden,  schlieszen,  dasz  sie  erst  im  zweiten  jh.  von 
Römern  dort  eingeführt  wurden*,  selbst  in  diesem  fall,  wenn  alle 
dakischen  namen  nicht  von  Dioscorides,  sondern  späterhin  gesammelt 
und  eingefügt  wären,  thut  das  ihrem  belang  für  die  spräche  geringen 
abbruch.  ohne  zweifei  sind  sie  durch  die  abschreiber  oft  entstellt,  und 
es  versteht  sich,  dasz  auch  wo  das  nicht  geschah,  ihre  auslegung 
groszer  Schwierigkeit  unterliegt,  weil  volksmäszige  benennungen  von 
kräutern  und  thieren,  gleich  allen  eigermamen,  in  ein  hohes  alterthum 
zurückfallen  und  kaum  in  einer  neuen  vollständig  gekannten  spräche 
sich  hinreichend  deuten  lassen,  geschweige  in  einer  alten,  ungekann- 
ten.     hier  folgen  alle  nach  der  reihe,  wie  sie  Kuhns  ausgäbe  gewährt. 

1)  2,  143.  ßXrjtov.  rP(jt)^ialoi  ßUtov^,  Aami  ßXrjg.  ein  esz- 
bares  aber  unschmackhaftes  olus,  dem  atriplex,  ahd.  malta  (Graff  2, 
723)  poln.  ioboda,  böhm.  lebeda  verwandt,  eigentlich  aber  amarantus 
blitum.  ßkrjQ  scheint  aus  dem  gr.  verkürzt,  obschon  auch  ein  echt 
dakisches  bles  möglich  wäre. 

2)  2,  209.  ävayaXXlg  ccqqtjv,  %bXiöovlov,  rdXXoi  öcctzuvcc,  Aanoi 
xsqx£qcc<pqcc>v.  scheint  wieder  entstellter  gr.  name,  acpoav  klingt  an 
unsern  namen  der  anagallis  gauchheil,  salus  stultorum,  weil  man  dem 
kraut  kraft  den  Wahnsinn  zu  heilen  beilegt;  eine  hs.  abweichend: 
rdXXoi  xeqk£q,  Jcmol  tovQtt  worin  etwas  wie  unser  thor,  mhd.  töre 
zu  ahnen  kühn  wäre.  [s.  807.  aphron  Plin.  20,  19.] 

3)  2,  211.  %£hdonov  fxhya.  rPa>^aioL  cpdßiovfi,  FdXXoi  %ava, 
Zlo.%01  XQovözdvrj.  hier  ist  ein  echt  dakischer  oder  getischer  aus- 
druck.  wie  in  %tXid6vLov  %sXidc6v  musz  in  crustani  der  begrif  des 
vogels  enthalten  sein,  die  schwalbe  hiesz  demnach  crusta,  was  un- 
verkennbar dem  litth.  kregzde  entspricht,  wovon  kregzdyne  oder 
auch    kregzdel^s     schwalbenkraut    gebildet    wird.      krusta,    kregzd£ 

205  scheint  das  schwirren  des  thiers  auszudrücken**,  leider  entgeht 
uns  der  goth.  name,  den  die  Verdeutschung  des  A.  T.  mehrmals 
dargeboten  hätte,  doch  die  einstimmigen  ahd.  sualawä,  mhd.  swalwe, 
ags.  svaleve,  altn.  svala  nöthigen  nicht  ein  goth.  svalvö  anzunehmen ; 
die  Gothen  könnten  zu  Ulfilas  zeit,  mit  lautverschiebung  gesagt  haben 
hruzdö.   die  Letten  nennen  den  vogel  besdeliga,  das  kraut  besdeligas 

*  3,^6  heiszt  es  von  einer  art  der  ccgiazoXoxloc:  ^ItaXol  xsqqou  fiaXa 
Aaxoi  axplv&iov  %(oqixov,  d.  i.  absinthium  rusticum;  es  kann  ebenwol  von 
den  Griechen  übernommen  sein,  wie  n°  1.  10.  27,  mehr  römisch  scheint  21. 

*  vgl.  skr.  krus'  clamare,  sl.  krastel,  russ.korostel,  poln.  chrosciel  wachtel. 


DAKEN  143 

aztinas,  schwalbenäuglein.  den  Slaven  heiszt  die  schwalbe  lastovitscha, 
russ.  lastotschka,  böhm.  wlastowice  lastowice  lastowka,  poln.  jaskölka, 
das  kraut  russ.  lastovitschnaja  trava,  böhm.  lastowiönjk;  man  brauchte 
für  last-  blosz  klast-  zu  vermuten,  um  Übergang  auf  krast  und  kregzdö 
crusta  zu  finden,  liegt  dem  gr.  %zfod(ov  das  lat.  hirundo  (walach. 
rendurea)  nahe,  so  scheint  an  hirundo  hirudo  wirklich  auch  kregzdS 
crusta  und  hruzdö  zu  rühren;  dasz  aber  die  wurzel  von  hruzdö  euro- 
päischen sprachen  auch  sonst  nicht  fremd  war,  kann  noch  eine  andere 
analogie  lehren.  Wolfram  nennt  die  schwirrende  harfe  nach  dem  vogel 
swalwe  Parz.  623,  20.  663,  17*  und  Homer  Od.  21,  411  läszt  bo- 
gensehne  wie  schwalbe  schwirren,  harpa  selbst  mag  gleich  der  im  körn 
rauschenden  ccqjit]  heiszen,  %slvg,  dem  mythus  von  der  schildkröten- 
schale ungeachtet,  an  %€fodc5v  erinnern,  den  Kelten  ist  nun  cruith, 
crwth,  engl,  crowd  rauschende  harfe,  fiedel  oder  leier,  mlat.  bei  Ven. 
Fortunatus  chrotta,  ahd.  hrottä,  und  später  rotta,  mhd.  rotte,  alt- 
franz.  rote;  dies  hrottä  tritt  dem  gemutmaszten  hruzdö  nah,  sobald 
man  erwägt,  dasz  goth.  uzds  altn.  oddr  entspricht,  hruzdö  also  in  altn. 
hrodda  zu  übersetzen  wäre;  die  ahd.  mundart  hätte  eigentlich  hrortä 
zu  lauten,  hrottä  scheint  aber  ausnahmsweise  zulässig  wie  lottar  für 
altn.  loddari.  Nach  allen  diesen  ergebnissen  wäre  ein  goth.  hruzdö, 
ahd.  hrortä,  hrottä  =  hirundo  ganz  glaublich  und  die  Übereinkunft 
des  dakischen  krusta  höchst  bedeutsam.  Dürfte  man  nun  noch  wagen 
Herodots  KorjötcovaloL  heranzuziehen  und  XsXiÖovlol  zu  deuten  ?  ein 
illyrischer  volkstamm  hiesz  Chelidonier  und  die  anwendung  des  worts  206 
auf  leute  (welchen  bezug  man  auch  darin  suche)  wäre  gerechtfertigt. 

4)  3,  7.  xevzccvQiov.  rPcofialot  yevQiyovyian,  oi  dh  ccvqcc  iiovh- 
ugdöi^,  Jdaou  rovXßrjkd**.  mit  lautverschiebung  wäre  goth.  ]>ulbila 
oder  pulbilö  zu  gewarten,  was  zwar  deutschen  klang  hat,  in  keiner 
unsrer  mundarten  aber  aufzuzeigen  ist.  da  es  manche  arten  der 
centauria  gibt,  läszt  sich  das  kraut  nicht  sicher  nachweisen,  die 
Engländer  verstehn  unter  ihrem  feverfew  (=  febrifugia)  matricaria 
chamomilla,  und  nach  Diosc.  3,  126  hiesz  auch  conyza,  intybus  febri- 
fuga.  Schrieb  der-  samler  nach  römischer  auffassung  rovlßrjßd  für 
&ovXßr]Xd,  was  mir  sehr  wahrscheinlich  wird,  so  gelangt  man  zu  goth. 
dulbüa,  ahd.  tulpila  und  der  wurzel  dilban  =  ags.  de*lfan,  ahd. 
telpan  fodere,  böhm.  dlaubati,  poln.  dlubac  klauben,  und  dulbila, 
dulbilö  ist  ein  mit  der  wurzel  auszugrabendes  kraut,  wozu  die  herba 
multiradix  stimmt,  die  trad.  fuld.  führen  einen  ort  des  namens 
Tulba  an,  bekannt  ist  Tolbiacum. 

5)  3,  11.  dfyaxog.  fPco^aloL  Xdßgovfi  Bevegcg,  oi  öl  xdgdovp 
Bzveqlq,  4dxoL  öxiccQrj.     die   sogenannte  karde  oder  weberkarde,  an 

*  beidemal  ohne  artikel,  als  wärs  eigenname.    auch  Tit.  2946  (Hahn). 

**  ein  seltsamer  zufall,  dasz  in  dem  bekannten  yoz9ixov  bei  Constanti- 
nus  porphyrog.  gerade  der  ausdruck  rovXßsks  vorkommt;  es  wäre  schwer 
zu  rathen,  wie  der  name  irgend  eines  krauts  in  dies  weihnachtslied, 
worauf  ich  im  verfolg  zu  sprechen  kommen  werde,  gehört,  in  unsern 
Volksliedern  bilden  blumennamen  manchmal  den  refrain. 


144  DAKEN 

welcher  feine  stacheln  sitzen,  womit  man  wolle  kratzt,  daher  ahd. 
zeisala,  ags.  tsesel.  da  diese  Verwendung  uralt  ist,  vermute  ich  in 
dem  namen  skiari  bezug  darauf,  goth.  skeirs,  ags.  scir  bedeutet 
lucidus  purus,  skeirjan  klären,  reinigen;  skiuran  aber  heftig  bewegen, 
vinpiskaurö  tixvov,  ahd.  scioro  velociter  impetuose,  scioran  sciaran 
expedire ;  ahd.  sce'ran  tondere  rädere,  ags.  sceoran :  man  müste  den 
dakischen  diphth.  IA  genau  kennen,  um  sich  zu  entscheiden,  auch 
das  equisetum,  mit  dessen  Schäften  man  gefäsze  scheuert,  heiszt  noch 
heute  scheuerkraut,  und  etwas  dergleichen  suche  ich  in  öjuccQtj.  man 
vgl.  auch  Schierling,  ahd.  scerilinc  cicuta. 

207  6)  3,  21.  rJQvyycov.  rPco{ialoL  7tct7iizovXov{i  xccQÖovg,  ot  dl  kccq- 
x£qcu,  z/axot  ömovtzvobI;.  auf  den  ersten  blick  wäre  hier  Zusammen- 
setzung mit  sigu,  und  beim  zweiten  theil  des  worts  könnte  den  Grie- 
chen sein  itvoiq  duft  geleitet  haben:  mit  geringer  änderung  entspräche 
ein  ahd.  sigufnäst,  ags.  sigefhsest,  victoriae  flatus,  victoriam  Spirans, 
das  kraut  heiszt  uns  heute  mannstreue,  doch  schreiben  Strabo  und 
Tacitus  in  den  namen  Ucuyiöxrjg  Zaiyi^i]Qog  Segestes  Segimundus 
kein  K  und  die  vom  eryngium  gehende  sage  leitet  auf  anderes,  nem- 
lich  Plutarch.  sympos.  VII.  2,  3  berichtet:  xal  xb  rjQvyyiov,  o  [uäg 
alyög  dg  xb  öxo^ia  kccßovörjg,  ccjtctv  icplöxaxai  xb  alnohoVj  sei  dies 
auch  misverstand  einer  stelle  bei  Aristoteles  hist.  an.  9,  4:  xav 
d'  alycov  oxav  xig  ^iiäg  kdßfjxcci  xov  rjgvyyov  xb  ccxqov  (eöxi  dl 
ovov  frpil)  cti  aXkai  eöxäöcv  coö7t£Q  [ie[iG)QG)H£vai  nal  ßkhnovöiv  dg 
£%£LV7]v,  womit  Plinius  8,  76  stimmt:  dependet  omnium  (caprarum) 
mento  villus  quem  aruncum  vocant;  hoc  si  quis  apprehensam  ex 
grege  unam  trahat,  ceterae  stupentes  spectant ;  so  gab  es  doch  kräuter 
des  namens  XQccyoiicoycov,  hirci  barbula,  ijgvyyog,  aruncus,  von  denen 
jenes  erzählt  wurde,  darum  scheint  auch  in  sicupnoex  geiszbart 
enthalten;  unser  Wort  ziege  hat  anomales  Z,  wie  aus  dem  nieder- 
deutschen tsege  erhellt,  so  dasz  ahd.  zigä  für  sigä  stehn,  einem 
uralten  wort  mit  S  entsprechen  könnte,  nvo£^  wenn  aus  no£%  ver- 
derbt, gliche  unserm  fahs  und  dem  böhm.  faus,  bart. 

7)  3,  38.  &v{iog.  rPcj^aloi  &ov[iovn,  zJcxkol  {lo&vXct.  da  wil- 
der thymian  dicht  und  niedrig,  wie  mos,  den  rain  bewächst,  so  vergleiche 
ich  ahd.  mios  mies,  ags.  meos,  altn.  mosi,  die  nicht  allein  muscus, 
alga,  sondern  auch  lanugo  terrae  überhaupt  bezeichnen;  mosula  ist 
weitere  ableitung.  russ.  moch,  poln.  böhm.  mech*.  Oder  hallt  in 
mozula  der  schöne  poln.  name  des  thymians  wieder:  macierzanka,  ma- 
cierza  dusza,  mütterliche  seele  ?  [siiszer  athem,  duft,  böhm.  mateH  dauska.] 

208  ^  •*'  ®®'  avrj&ov  xb  £6&l6{1£vov9  ol  dl  noXyidog  .  .  .  Aukqi 
nolnovp.  weder  das  lat.  pulpa,  noch  bulbus,  gr.  ßolßog  schickt 
sich  für  den  begrif  von  dille  oder  fenchel,  sl.  kopr,  litth.  krapai.  ich 
weisz  daher  dies  polpus  nicht  zu  deuten. 

*  mit  rücksicht  auf  die  ähnlichkeit  der  Wörter  &vfioc  mens  und  &v/*o$ 
thymus  liesze  sich  das  poln.  dobrej  mysli,  böhm.dobrä  mysl  =  origanum  vul- 
gare zu  mozula  halten;  doch  wird  das  einfache  mysl  nicht  für  ein  kraut  ver- 
wandt, und  jene  namen  scheinen  aus  dem  deutschen  wolgemut  entsprungen. 


DAKEN  145 

9)  3,  117.  dgte^iöla.  'Pa^aloi  ovcdevna,  ol  de  öegnvllov^ 
ol  de  egßa  geyca,  ol  de  ganiov^  ol  81  re gravccye tcc ,  rdlloi  nove\i, 
Acmoi  £ovoözr].  wäre  dies  wort  nach  dem  gr.  £a)ör^o;  wie  uns  die 
artemisia  sonnwendgürtel,  gürtelkraut  heiszt?  kann  es  aber  deutsch 
sein,  so  rathe  ich  nicht  auf  das  ahd.  dosto  origanum,  lieber  auf  den 
Superlativ  des  goth.  adj.  sves,  ahd.  suäs,  ags.  svses  familiaris,  gratus, 
so  dasz  svösösta  zusammengezogen  svösta  ausdrücken  würde  herba 
gratissima,  familiarissima.  zu  ponem  findet  Diefenbach  celt.  1,  172 
kein  keltisches  wort  und  vergleicht  unser  bück,  dän.  bynke,  schwed. 
gräbo;  die  deutschen  namen  sind  myth.  s.  1161.  1162  verzeichnet, 
litth.  kietczei,  serb.  boshje  drvtze  (gottes  bäumchen). 

10)  3,  135.  oqiuvov  rj^iegov.  Pco/ualoL  ye{iLvdhg,  z/axot  oq(iuc} 
eine  art  salvei,  sichtbar  aus  dem  gr.  namen  gebildet. 

11)  3,  148.  liftoöneQuov.  rPo)^aloi  Kolov^ißa^  <ddxoi  yovoXrjtcc. 
Plinius  27,  74:  nee  quidquam  inter  herbas  majore  quidem  miraculo 
adspexi.  tantus  est  decor,  velut  aurificum  arte  alternis  inter  folia 
candicantibus  margaritis:  tarn  exquisita  difficultas  lapidis  ex  herba 
nascentis.  Diosc.  fügt  hinzu :  ol  de  iqgdyileiav  dtec  ttjv  negl  tb  67ieQ[ia 
l6%vv,  oftev  aal  h^oöneg^iov  g>v6[icc6tccl.  columba  scheint  vertrau- 
licher ausdruck.  man  könnte  yovolrjtcc  in  goth.  kunileta  übertragen: 
kraut  das  sein  geschlecht  läszt  (steine  hervorbringt)?  oder  hätte  gono 
die  bedeutung  des  gr.  yovrj  =  67teg[icc,  Xrjvcc  die  von  Uftog  =  goth. 
lau])s?  aber  es  ist  noch  gefährlich  diese  beiden  Wörter  {laag  lapis 
und  laog)  im  begrif  des  Wachsens  zu  einigen. 

12)  3,  160.  6voßgv%lg.  PopaloL  onaxk,  ol  de  ßgi%LlXard,  ol 
de  Xonta,  ol  de  lovyxivdke^,  Adxoi  ävcaööe^e.  an  feuchter  wilder 
stelle  wachsend,  binsartig,  mit  rother  blute ;  heute  versteht  man  unter  209 
onobrychis  schotigen  hahnenkamm.  ich  will  eine  deutung  wagen, 
ania  kann  sein  ahne  avia,  und  sexe  sahs  eulter  pl.  sahsa,  der  grosz- 
mutter  messer,  wegen  der  zackigen  schoten,  darauf  brachte  mich, 
dasz  die  Polen  für  das  kraut  hahnenkamm  sagen  babie  ze^by,  zahne 
der  alten,  die  Böhmen  babj  zub  für  dentaria.  die  Griechen  nennen 
eine  andere  pflanze  £vgig  nach  JvoöV  messer. 

13)  3,  165.  %a\nai%lxvg.  Papaloi  KvTcginov^,  zldxoi  do%elä. 
niedrigwachsend  mit  gelber  blume  und  harzigem  geruch,  auf  Euboea 
eidrjgfcig  genannt,  lautverschoben  würde  goth.  tagl,  ahd.  zakal  cri- 
nis,  cauda  passen,  nur  weicht  geschlecht  ab  und  Schilderung  der 
pflanze,  ein  ags.  wort  J)äcele  bedeutet  fax  lampas  und  gilt  neben 
fäcele,  weil  dieser  dialect  öfter  J>  und  f  wechselt;  ahd.  fachula  drückt 
taeda  und  pinus  aus,  also  mtvg.  an  ags.  docce  lapathum,  wird  nicht 
zu  denken  sein,  eher  an  litth.  dagys  distel  und  dagillelei,  ein  dorniges 
kraut.   Der  lat.  acc.  Cypripum  ist  wie  der  dor.  Mela^inog  f.  Mekdyaiovg. 

14)  4,  16.  XeL[i(DVL0v.  *Pco[iaioi  ovegdzgovp  viygov^,  ol  die  xw- 
uvvaßovkov{i  zeggai,  rälloL  lov(ißagov[i,  2/cckol  ddxiva.  eine  Wie- 
senblume, bei  Plin.  20,  8  beta  silvestris  genannt,  die  botaniker  ver- 
stehn  darunter  statice  limonium.  ddxiva  darf  man  aber  nicht  anders 
auslegen  als  den  volksnamen  selbst,  also  nur  aus  dags  dies,    das  engl. 

Grimm,  geschichte  der  deutsehen  spräche.  10 


146  DAKEN 

daisy,  bellis  perennis,   war  ags.  däges  eäge,   die  blume  leuchtet  wie 
der  tag  (mhd.  ougebrehender  kle). 

15)  4,  22.  %vgig.  fP(0(ialoi  yXadioXov^  ol  dl  Yql[i  dygeöxBfx. 
/danoi  ontgovg.  über  %vgig  s.  Lobecks  rhem.  p.  293,  £vgov  ist  ein 
messer,  dessen  klinge  dem  schwert  gleicht,  darf  in  aprus  das  lat. 
aper,  ahd.  e'par,  altn.  iöfur  mit  voller  gothischer  endung  ibrus  ge- 
sucht werden?  ags.  eoforfearn  ist  polypodium  und  radiola,  ahd.  epar- 
wurz  carlina. 

16)  4,  30.  dygaöng.  fPcafiaiOL  ygd[i£Vy  ol  dl  döccpohov^  ol  dl 
öayyovivdXs^  ol  dl  ovvtoXccfi,  IöTtavoi  dnagiu,  Adxoi  xoxiaxa.  Ulfilas 
setzt  für  %OQTog  bald  gras,  bald  havi,  gras  ist  herba  pratorum, 
aygcoöxig  feldgras,  quecke,  ags.  cvice  gramen,  engl,  quitchgrass,  tri- 
ticum  repens,  ein  unkraut  (oben  s.  63),  worauf  auch  die  herba  san- 

210guinalis,  gr.  Tcokvyovov,  das  vielknotige  leitet,  litth.  bedeutet  kotas 
den  stengel  am  kraut,  kotiata  sieht  ganz  einer  adjectivischen  neu- 
tralform ähnlich,  wie  goth.  midjata,  sutjata,  und  scheint  eben  auf 
ein  ausgelasznes  gras  bezogen  dessen  eigenschaft  zu  bezeichnen,  gäbe 
es  ein  adj.  hatis  odiosus,  so  wäre  gras  hatjata  leidiges,  schlechtes, 
vgl.  alts.  höti  infensus  und  den  thrakischen  namen  Koxvg.  ich  wage 
keine  änderung,  sonst  liesze  sich  für  kotiata  leicht  etwas  vorschla- 
gen, wodurch  es  goth.  qivata  (vivum  gramen)  nah  käme. 

17)  4,  37.  ßdxog.  'Peofiaioi  öevxig,  ol  61  govßov{i,  ol  dl  fioga 
ßaTLxäva,  Adxoi  ^avxua.  dies  halte  ich  für  das  gr.  yiavxua  auf 
ßdxog  bezogen,  der  weissagende  dorn,  von  irgend  einer  heiligen  Ver- 
wendung desselben,  man  denke  an  xvvogßccxog,  den  hagen  oder 
weiszdorn,  dessen  frucht  ahd.  hiafa,  alts.  hiopa,  ags.  heope  hiesz,  an 
dem  sich  auch  der  zauberkräftige  schlafdorn  bildete,  vgl.  oben  s.  159 
über  das  weissagen  mit  zweigen. 

18)  4,  42.  Ttzvxdcpvllov.  'Pa^aToL  xiyxBfpohov^i,  rdkloi  nep- 
TCsdovXcc,  Adxoi  noojtedovhd.  hier  hätte  man  ein  anderes  wort  er- 
wartet, die  gallische  pempedula  hat  volle  richtigkeit,  pemp  das 
bretagnische  wort  für  die  fünfzahl,  dula  das  welsche  dal,  dail,  ir. 
duille  folium.  dem  quinquefolium  und  dem  gr.  oder  gallischen  aus- 
druck  entspräche  goth.  fimflaufs,  wie  ahd.  finfplat,  ags.  flfleäf,  engl, 
fiveleaf,  böhm.  petiljstek.  da  in  keiner  europ.  spräche  die  fünfzahl 
prop  noch  pro  lautet,  so  musz  in  dem  wort  ein  baarer  Schreibfehler 
walten,  der  sich  auch  durch  gedankenlose  Wiederholung  der  drei 
letzten  silben  pedula  des  gallischen  namens  kundgibt,  an  ein  lat. 
propatula  denke  ich  nicht,  zu  vermuten  wäre  7ti\n7ik(pka%  mimkcp&ovXa, 
falls  unser  blad,  plat  dem  gr.  ntxalov  ganz  nahe  steht,  vgl.  n°  27. 

19)  4,  50.  xgdyiov,  xgayoxEgwg.  rP(o^aloL  xogvovldxa,  ol  dl 
ßitovsvöa,  ddxoi  öcdia.  das  auf  bergen  und  steilen  abhängen  wach- 
sende kraut  heiszt  tgdyiov,  weil  seine  blätter  im  herbst  bockenzen 
(ngoßdllu  xaxd  xo  (p&woTi&gov  xd  cpvXlcc  rgdyov  oö^ijv).  ich  weisz 
nicht,  ob  das  heutige  bockshorn  (ceratoria  siliqua),  eine  hülsen- 
frucht,  dasselbe  ist.  salia  aber  scheint  unmittelbar  das  altn.  selja, 
salix  caprea,  dän.  selie,  ahd.  salaha,  ags.  sealh,  engl,  sallow  und  dem 


DAKEN  147 

lat.  salix  urverwandt,     wie  sich  aus  diesem  saliunca  für  ein  kleine- 211 
res  kraut  bildet,  kann  auch  selja  verschiedenartige  gewächse,   deren 
blättern  bocke  und  ziegen  nachstellen*,  bedeuten,     ahd.  salaha  steht 
geradezu  für  saliuncula  und  Mones  ags.  gl.  201  saliunculas  selas,  dies 
dakische  salia  ist  also  einleuchtend  deutsch. 

20)  4,  69.  uogxvu(iog.  'Pcd/licclol  ivödva,  devxagia,  rdkloi  ßili- 
vovvxicc,  Adxoi  ddleia.  unter  den  mir  bekannten  namen  der  bilisa 
(mythol.  s.  560.  1149),  die  auch  russ.  bjelena,  poln.  bielun,  böhm. 
blen  bljn  heiszt,  ist  kein  zum  dakischen  dielia  stimmender,  litth. 
drign&s,  lett.  drig'genes  bilse,  vgl.  litth.  dilgele'  nessel.  ich  vermute 
ausfall  eines  kehllauts  wie  im  lat.  dies,  goth.  dags. 

21)  4,  72.  6zqv%vov  dlixdxaßov.  'Pcj^alot  ßiööLxdfag,  oi  de 
ccTiolhvagig  [ilvcjq,  oi  de  oipdyn'e^i,  ddxoi  xvxcoXida.  das  dakische 
wort  mag  dem  lat.  cuculus  nachgebildet  sein,  kukukskraut,  nacht- 
schatten,  ahd.  nahtscato,  ags.  nihtscadu. 

22)  4,  92.  axakvtpy},  ol  de  xvldr],  'Pwfiaioi  ovqxUcc,  Jcckol  dvv. 
einsilbig,  also  gewis  echt,  zunächst  läge,  wenn  keine  lautverschie- 
bung  sein  soll,  das  goth.  deina  oder  deinö  in  vigadeina  XQißolog 
Matth.  7,  16,  eine  am  weg  wachsende  stachlige  also  stechende  pflanze, 
wie  die  nessel  sticht  oder  brennt,  das  goth.  sonst  unerhörte  wort 
empfienge  dadurch  willkommne  bestätigung.  ags.  J>ona  palmes,  ahd. 
dono  stimmen  nicht  im  begrif,  aber  im  welschen  ist  dynad  und  da- 
nadien geradezu  name  der  nessel,  Urtica,   [vgl.  abro-tonum.] 

23)  4,  99.  noxafioyeixov ,  fPco[ialoL  ßtjvcu,  cp6hov(.i,  oi  de  eo- 
ßdya,  ol  de  yXccdiaTWQKXii,  <ddxoi  xoccddpa,  rdlkoi  xavQOvx.  eine 
Wasserpflanze,  zu  deren  namen  ich  wenig  zu  halten  weisz.  ags.  hodma 
bedeutet  nubes,  die  wassertragende  (mythol.  s.  308),  litth.  kodis  einen 
wasserkrug;  das  sind  ganz  dünne  faden,  näher  läge  dem  schlusz 
der  hessische  Ortsname  Uscudama. 

24)  4,  118.  dötrjQ  dxxLxbg,  oi  dl  vocp&ccXnov.  'Pa^atoi  iyyvxd- 
fag,  däxoi  Qa&ißidtt.  ein  strauch  mit  purpurblüte  und  rauhen  blät- 
tern, man  glaubt,  Virgils  amellus  (georg.  4,  271),  eine  schöne  blume,  212 
vgl.  Columella  9,  4.  der  name  klingt  deutsch  genug,  altn.  rädabid 
ist  tempus  consultandi,  was  als  blumenname  den  warnenden  sinn 
unsers  'vergiszmeinnicht'  haben  müste;  vielleicht  läge  im  ersten  theil 
des  worts  ahd.  rad,  lat.  rota,  litth.  ratas,  lett.  rats,  aber  für  bida 
wüste  ich  dann  keine  hilfe. 

25)  4,  126.  ßovykcjööov ,  'Po^ialoi  Xoyyaißovß ,  oi  de  Myyovcc 
ßoßovfa  Adxoi  ßovddllcc.  Xoyyccißovn  scheint  nicht  longaevum,  son- 
dern blosze  Verderbnis  aus  lingua  boum.  da  man  auch  ahd.  hrin- 
deszungä  (welsch  tafod  yr  ych)  sagt  und  der  erste  theil  des  daki- 
kischen  worts  gr.  ßov  enthält,  so  mag  der  ausdruck  irgend  einem 
andern  thrakischen  dialect  nachgebildet  sein,  welcher  die  zunge  dalla 
nannte,    wobei  mir  doch  das  nnl.   lel,    Schweiz,   läl  =  zunge,  kehle 


*  denn  der  bock  heiszt  XQayoq  von  xQayct)  =  xgwyo),  weil  er  am  laub 
knuppert  (fressend  knirscht,  oben  s.  35). 

10* 


148  DAKEN 

einfällt:  unser  lallen  bedeutet  mit  der  zunge  stammeln,  lat.  lallare, 
altn.  lalla.  D  und  L  wechseln,  eben  in  dingua  lingua ;  möglich  wäre 
ein  goth.  lallö.  litth.  heiszt  das  kraut  godas,  aber  viele  kräuter 
heiszen  Ochsenzunge. 

26)  4,  132.  xatavdyxfj.  'Pco^aloi  soßa  cpdixkcc,  oi  öl  öccriöxcc, 
oi  öl  'loßig  {idöiovg,  /idxoi  xccQOJtl&ka.  datisca,  obschon  in  die  bo- 
tanik  eingeführt,  wird  doch  in  dacisca  zu  bessern,  also  eigentlich 
dakische  pflanze  sein,  heilkräftiger  art,  da  sie  auch  öafjLva^isvrj  do- 
mitrix  heiszt  und  xatccvdyxrj,  weil  sie  unwiderstehlich  zwingt;  thes- 
salische  frauen  zauberten  damit,  was  bedeutet  Jovis  madius?  darf 
man  in  karo  ahd.  haru  linum  erkennen,  in  pithla  ahd.  fidula,  ags. 
fidele  fidicula?  dann  möchte  auch  die  herba  filicula  vielmehr  fidicula 
sein,  nur  fragt  sich,  ob  die  gestalt  des  krauts  einem  besaiteten  ge- 
räth  ähnlich  sah?  seine  blätter  werden  geschildert  lang  wie  krähen- 
füsze,  und  wenn  es  dorrend  sich  auf  den  boden  streckt,  wie  klauen  eines 
todten  weihen,  ich  werde  jedoch  über  pithla  gleich  anderes  vermuten. 

27)  4,  134.  ttöiavrov.  rPco[iaZoL  xiyMvdfog,  oi  öl  tbqqcci  xaitik- 
lovg,  oi  dl  GovTtSQxlhov^i  teqqccl,  Adxoi  (piftocpfttötka.  hier  ist  eine 
haarige  pflanze,  adiantum  oder  polytrichum,  cincinnus  (woher  cin- 
cinnalis)  oder  capillus,  supercilium  terrae,  auch  bei  uns  frauenhaar, 

213  Marienhaar,  altn.  Freyjuhär,  lat.  capillus  Veneris,  welsch  briger 
Gwener  (mythol.  s.  280).  hält  der  dakische  name  diese  analogie,  so 
könnte  sein  erster  theil  ein  mythisches  wesen  anzeigen,  dessen  locken 
oder  flechten  der  zweite  ausdrückt,  und  (pfttösld  käme  wieder  auf 
jenes  ni&ka  heraus-,  die  aspiraten  scheinen  sich  auf  gr.  weise  zu 
häufen  und  zu  assimiliren.  wie  wenn  man  in  beiden  pflanzennamen 
die  bedeutung  haar  fahren  liesze,  nur  die  von  blatt  suchte?  pithla 
und  phthethela  scheinen  •  dem  gr.  Ttkxakov  nicht  fern  (phtheth  für 
pheth,  wie  Tixohg  für  Ttokig)  und  zwischen  Ttkxakov  und  cpvkkov, 
folium  findet  nahe  berührung  statt,  diese  letzteren  entsprechen  aber 
unserm  blatt,  das  bei  Ulfilas  mangelt,  altn.  alts.  blad,  ahd.  plat, 
mit  versetzten  lauten;  cpvllov  vielleicht  aus  (pftvkkov  =  itiixuXov 
Tcetakov,  wie  cp&vco  =  Tttvco.  in  n°  18  wäre  zu  lesen  TtiymhvXu, 
TUlMp&E&Elcc  oder  etwas  dergleichen. 

28)  4,  149.  ektißoQog  {itlag.  'Pa^ialot  ßsQDctQOv^i  viyQov^i,  oi 
öl  ö«oa/a,  Adxoi  TZQOÖioQva.  veratrum  wie  veratrix  von  verare, 
divinare;  saraca  gleich  andern  bei  Diosc.  angeführten  lat.  kräuter- 
namen  sonst  unbekannt,  die  dakische  endung  -orna  ist  ganz  goth. 
-arna  und  prod  darf  zu  fröj)s  sapiens  gehalten  werden  oder  zu  frajj- 
jan,  prodiorna,  frapjarna  wäre  ungezwungen  das  klug  machende,  den 
verstand  stärkende  kraut,  ähnliches  liegt  in  veratrum  und  stimmt 
zu  der  allgemein  dem  helleborum  beiwohnenden  kraft.  das  russ. 
tschemeritza,  böhm.  Semerice,  poln.  ciemierzyca,  litth.  czemerei  cze- 
mericzei  entspringen  aus  böhm.  cmyr,  poln.  czmer  kriebeln  im  köpf, 
was  dem  niesen  vorangeht. 

29)  4,  171.  dxtrj.  oi  öl  ösvöaov  ccqxtov,  oi  öl  rj[iEQOV}  'Po^iaLOL 
öcctißovxovti,    rdkloL   Cxoßirjv,   Adxoi    ötßcc.     xalanoudtig    e%ovöa 


DAKEN  •  149 

xXddovg,  mit  röhr  artigen  holen  zweigen,  wie  auch  im  ahd.  holuntar 
(Graff  4,  880),  schwed.  hyll,  dän.  hylde,  der  begrif  des  holen  liegt 
und  die  holunderstengel,  mhd.  holre,  zu  pfeifen  geschnitten  werden, 
hiernach  könnten  die  Daken  seba  für  holunder,  andere  mundarten 
denselben  ausdruck  für  röhr  oder  bins  gebrauchen:  altn.  se'f  scirpus 
juncus,  schwed.  säf,  dän.  siv,  ahd.  semid,  semida  carex  für  sebid 
sebida,  mhd.  semt,  noch  heute  in  Ostreich  sebde  neben  semde;  eine 
ags.  Übersetzung  von  Matth.  13,  25.  38  gibt  zizania  durch  äte214 
(wilder  haber  s.  67)  oder  sifde,  schilfgras  für  unkraut.  den  Serben 
ist  zova  sambucus  nigra,  was  der  form  und  bedeutung  von  seba  nah 
kommt.  Das  gallische  skobien  hat  bereits  Diefenbach  celt.  1,  90  im 
welschen  ysgaw,  ysgawen,  cornischen  scauan,  bretagn.  skav  skao 
sambucus  nachgewiesen;  da  nun  im  altschwed.  Alexander  skäf  für 
säf  steht  und  heutige  deutsche  mundarten  den  hollunder  schübiken, 
schibchen  nennen,  so  vermittelt  sich  Urverwandtschaft  zwischen  seba 
und  skobie.  Um  so  wichtiger  wird  uns  dieses  seba,  als  der  den 
baren  heilige  bäum  noch  viel  andere  alterthümliche  beziehungen  hat, 
und  etwan  aufschlusz  über  die  altn.  göttin  Sif,  über  die  Siva  dea 
Polaborum  bei  Helmold  daraus  hervorgehn  kann,  in  altböhm.  glos- 
sen  heiszt  Siva  Ceres  und  slavische  mythologen  erklären  die  lebens- 
göttin  (ziwa),  wie  ich  die  nordische  Sif  mythol.  s.  286  Sibja  Sippa 
vielleicht  unrichtig  deutete. 

30)  4,  172.  %a[ittidxT7] ,  ol  de  eleiog  dxzrj,  ol  de  dygla  axti], 
rPo^aLOt  eßovlovp,  räXloi  dovx&ve,  /idxoi  6X[ia.  das  ahd.  atah 
atuh,  nhd.  attich  hängt  vielleicht  durch  Umstellung  mit  dxtij  zu- 
sammen und  dxrrj  scheint  dxtri  dxxea  sambucus  nigra,  verschieden 
von  ccKtrj  körn,  woher  At][iiJT:eQOg  ccktiJ  Saatkorn,  olma  gleicht  dem 
lat.  ulmus,  it.  olmo,  franz.  orme,  altn.  älmr,  schwed.  alm,  dän.  älm, 
ags.  engl.  ahd.  elm,  nhd.  ulme,  welcher  bäum  freilich  vom  strauch- 
artigen ebulum  abweicht;  da  jedoch  ags.  eilen,  nd.  ellhorn  sambucus 
(mythol.  s.  618),  ir.  ailm  pinus  bedeuten,  scheint  das  wort  auf  ver- 
schiedenartige gewächse  angewandt,  gall.  dukone  kann  ich  nicht 
aufzeigen,  so  keltisch  es  klingt. 

31)  4,  175.  xoloxvvftig.  *Pco/li(xloi  xovxovoßira  ödßduxcc,  Adxoi 
TovrdöTQCc.  läszt  die  runde  kürbisgestalt  an  ahd.  tutto  mamma 
denken?  tovrdotqa  für  ftovcdötgal  die  bildung  -astra  wäre  in 
ägalastra  pica,  in  ramestra  strychnum,  herba  salutaris  (Graff  5,  512. 
Mones  anz.  1835,  95),  in  ganastra  scintilla  (Graff  4,  297). 

32)  4,  182.  a^nelog  {lelaiva,  oi  de  ßovcovicc  yLslaiva^  ol  de 
ßovxodviov,  rPa)[iaioL  ößlatirjvia,  ol  de  ßaxavovxa,  ol  de  ßeuödlxcc, 
Adxoi  JiQiccdrjlK,  ol  de  neygiva.  ein  üppiges  rankenge  wachs,  dessen  215 
römische  namen  unbekannt  oder  verdorben  sind,  dagegen  scheint 
priadela  genau  das  ahd.  friudila,  friedila  amica,  wozu  man  noch  das 
litth.  prietelka,  russ.  prijatelnitscha,  böhm.  prjtelnice,  poln.  przyja- 
ciotka  halte,  zu  vergleichen  wären  auch  die  thrakischen  Priantae 
(oben  s.  20t).  in  einer  glosse  (sumerl.  57,  62)  finde  ich  die  herba 
mercurialis,  'Eq^iov  tiocc,   sonst  parthenium,   verdeutscht  vridelisoge 


150  ■  DAKEN 

d.  i.  friudiles  ougä  und  bei  Mone  8,  405  flos  campi  friedeis  ouge. 
der  volkspoesie  liegt  es  nah,  liebende  mit  Weinreben  zu  vergleichen, 
ein  serbisches  lied  (bei  Vuk  1  n°  555)  hebt  schön  an: 

obvila  se  bela  loza  vinova 
oko  grada  oko  bela  Budima: 
to  ne  bila  bela  loza  vinova, 
vetsch  to  bilo  dvoje  mili  i  dragi. 

diese  rebe  musz  den  Daken  gefallen  haben,  da  auch  pegrina,  der 
andere  name,  aus  goth.  fagrs,  ahd.  fagar  gedeutet  werden  darf  = 
goth.  fagreina,  mit  hinzugetretner  ableitung. 

Auszer  den  dakischen  glossen  theilt  Dioscorides  auch  eine  einzige 
hessische  mit,  die  ich  nicht  übergehn  will,  sie  steht  3,  116  beim 
ßrjxiov.  rPa>nccioi  tovöLldya,  oi  öl  cpccgcpccQian,  ol  de  7tov6TovXdy(D, 
Beööol  döcc.  asa  ist  ohne  zweifei  richtig,  ich  weisz  es  aber  nicht 
zu  deuten,  da  weder  der  begrif  des  pferdehufs  von  des  krauts  ge- 
stalt  (woher  ungula  caballina,  unser  huflattich,  huofblat  Helbl.  3, 
372),  noch  des  hustens  (ßrjl;,  tussis,  woher  tussilago)  von  seiner  heil- 
kraft,  auf  ein  wort  wie  asa  in  unsern  sprachen  leitet,  das  litth.  asa 
bedeutet  handhabe  (lat.  ansa,  vgl.  oben  s.  114)  und  nadelöhr.  asant 
(asa  foetida  und  dulcis,  für  assa,  tosta?)  wird  kaum  gemeint,  gleich 
dunkel  scheinen  die  lat.  farfarus,  farferus  (Festus  s.  v.  farfenum)  far- 
faria,  farfugium  (vgl.  febrifugia  n°  4)  und  pustulago  oder  populago. 
den  letzten  namen  erklärt  Plin.  24, 15  aus  ähnlichkeit  des  pappelblatts. 
man  findet  gr.  auch  %a[icuXsvitr},  %aticci7ttvKf],  was  an  %aiiai%iTv§  reicht. 

Dies  bisher  übersehne  glossarium,  worauf  ich  noch  öfter  zurück- 
216  kommen  werde,  ist,  wenn  man  schon  bloszer  Vermutung  trauen  will, 
das  älteste  denkmal  unsrer  spräche,  da  es  wo  nicht  im  ersten,  sicher 
im  zweiten  jh.  gesammelt  wurde;  niemand  wird  unbillig  fordern, 
dasz  ich  beim  anlauf  solcher  verschollenen  Wörter  nirgend  gestrauchelt 
sei.  Von  Ulfilas,  der  dreihundert  jähre  später  schrieb,  so  weit  wir 
seine  Verdeutschung  heiliger  Schriften  übrig  haben,  sind  auch  die 
pflanzennamen  beinabagms,  vigadeinö,  aihvatundi  gebraucht  worden, 
deren  sinn  lange  zeit  unerforscht  blieb ;  wie  sollten  nicht  in  der  älteren, 
von  einem  ausländer  veranstalteten  wortsammlung  jetzt  unauflösbare 
dunkelheiten  haften.  Sind  nur  sechs  oder  acht  meiner  auslegungen 
wahr,  die  übrigen  mehr  oder  minder  wahrscheinlich,  so  reichen  sie 
vollkommen  hin:  es  bedürfte  keines  andern  beweises,  dasz  Daken  und 
Geten  deutsche,  deutschverwandte  Völker  waren,  alle  übrigen  gründe 
träten  einem  hauptzeugen,  den  fürder  niemand  entfernen  würde,  hinzu. 

Vorzugsweise  in  anschlag  kommen  crustana  tulbela  kotiata  salia 
plun  prodiorna  seba  priadela  pegrina.  unser  ableitendes  -ila  erscheint 
in  tulbela  dochela  priadela  phthethela  caropithla*,  -ula  in  mozula, 
-ana  in  crustana,  -ina  in  dakina  pegrina,  -orna  in  prodiorna,  -astra  in 
tutastra,  -s  des  nom.  sg.  in  bles  aprus,  adjectivisches  -ata  und  -osta 


*  die  Ungleichheit  des  vocals  und  accents  in  rovXßrjXd  nQLaörtXa  do^fAcc 
<p$e9eXd  messe  ich  der  aufzeichnung  und  herausgäbe  bei. 


THRAKER  GETEN  15t 

in  cotiata   zuosta    (vgl.  Costoboci).     merkwürdig   wäre  der    gen.  sg. 
anias,  entweder  goth.  anjös  oder  anjöns. 

Das  allerwichtigste  ist  der  lautverschiebung  abgang,  worüber  im 
verfolg  ausführlicher  zu  reden  sein  wird,  die  dakische  spräche  hielt 
also  damals  ihre  consonanten  noch  auf  der  stufe,  von  welcher  die 
slavische,  litthauische,  griechische,  lateinische  nie  gewichen  sind,  da- 
durch erschwert  und  erleichtert  sich  die  deutung  dieser  Wörter,  weil 
ihr  ein  weiteres  feld  offen  steht,  als  das  enge  gebiet  deutscher  zunge 
allein. 

Ich  stelle  überhaupt  nicht  in  abrede,  sondern  hebe  hervor,  dasz 
ein  nahes  Verhältnis  der  getischen  spräche   zur  litthauischen  (samo-  217 
getischen)  obwalte:  wie  Zalmoxis  zu  szalmas,  Oroles  zu  Errelis,  stimmt 
krusta  krustane  zu  kregzde'  kregzdyne,  und  -elis,  -el$,  -ine  sind  auch 
litth.  bildungen,  wie  der  litth.  nom.  sg.  auf  -s  ausgeht. 

Was  soll  man  sagen  zur  entschiednen  gleichheit  des  welschen 
dynad  mit  övv  Urtica,  in  form  und  bedeutung,  die  genauer  ist  als 
die  des  goth.  deinö?  ist  es  Urverwandtschaft  auch  mit  keltischer 
spräche,  oder  4,  92  z/axot  verschrieben  für  rakkoit 

Das  ergebnis  aller  dieser  forschungen  läszt  sich  nach  drei  stufen 
verschieden  stellen. 

Die  Thraker  und  Geten  sind  den  übrigen  urverwandten  Völkern 
in  Europa  gleich  und  ihre  spräche  darf  aus  deutscher  wie  aus  sla- 
vischer,  litthauischer,  griechischer,  keltischer  mitgedeutet  werden, 
auszerdem  aber  noch  einen  eigenthümlichen  bestandtheil  haben. 

Oder  Thraker  und  voraus  Geten  zeigen  besondere  annäherung 
zu  litthauischer  und  germanischer  zunge;  theile  ihres  volks  sind  un- 
mittelbar in  Litthauer  und  Deutsche  eingegangen. 

Oder  endlich  es  fand  ein  noch  engeres  band  statt  zwischen  nord- 
westlichen Thrakern  d.  i.  Geten  und  östlichen  Germanen  d.  i.  Gothen, 
so  dasz  beide  Geten  und  Gothen  den  deutschen  und  thrakischen 
stamm  vermitteln. 

Das  alles  kann  bestätigung  empfangen,  wenn  wir  die  germa- 
nische spur  höher  im  osten  verfolgen. 


X. 
SKYTHIEN. 


218  Die  Untersuchung  hat  schon  so  oft  in  das  dunklere  alter thum 
greifen  müssen,  dasz  sie  nicht  umhin  kann  nach  Asien  zurück  zu 
gehn.  zwischen  beiden  welttheilen  knüpft  aber  Skythien  ein  festes 
band  und  auf  einen  richtigen  begrif  von  Skythien  und  seinen  be- 
wohnern  haben  wir  vor  allem  das  augenmerk  zu  richten. 

Den  Griechen  war  Skythien  gleich  Gallien  oder  Galatien  ein 
ferngerücktes  unbestimmtes  reich;  wie  unter  Galatern  oder  Kelten 
auch  die  Germanen,  begriffen  sie  unter  Skythen  wiederum  Germanen, 
Sarmaten  und  andere  weiter  im  nordost  gelegene  Völker,  hinter 
Thrakien,  jenseits  der  Donau  begann  Skythenland  und  reichte  in 
ungemessene  weite. 

Von  getischer  und  thrakischer  spräche  ist  gewissermaszen  sky- 
thische  untrennbar  und  schon  Herodot  verflicht  das  alterthum  dieser 
Völker.  Lucian  mag  bei  solchen  unterschieden  nicht  der  vorsichtigste 
und  gewissenhafteste  sein,  doch  waren  ihm  Anacharsis  und  Toxaris 
fest  überliefert.*    in  zwei  dialogen  stellt  er  sie  als  landsleute  (6^0- 

219  ykcSööovg,  onoqxavovg)  auf,  die  ökv&lötI  sich  unterreden  und  beide 
an  Zalmoxis  und  Acinaces  glauben;  nach  dem  concil.  deor.  9  sind 
es  Skythen  und  Geten  die  Zalmoxis  vergöttern,  während  im  dialog. 
verae  hist.  17  Anacharsis  als  Skytha,  Toxaris  als  Thrax  erscheint, 
und  im  Jupiter  tragoed.  42  Skythen  dem  Acinaces,  Thraker  dem 
Zalmoxes  opfern. 

Strabo,  wie  wir  oben  sahen,  läszt  Skythien  zwischen  dem  Tanais 
und  Rhein  sich  erstrecken,  Tacitus  nennt  es  nicht  einmal  in  der  Ger- 
mania, ann.  2,65  verbindet  er  Bastarnas  Scythasque.  Ptolemaeus,  der 
Sarmatien  unmäszig  dehnt  bis  nach  Asien,  schiebt  Skythien  mehr  aus 
Europa  fort,    aber  noch  die  jüngeren  historiker  erkennen  europäisches 


*  Anacharsis  Scythia  bei  Herodot  4,  46.  76,  bei  Strabo  s.  303,  in  Plu- 
tarchs  Symposium  Septem  sapientum  cap.  3  und  im  prolog  des  dritten 
buchs  von  Phaedrus  fabeln,  man  nimmt  an,  dasz  er  01.  47  (592  vor  Chr.) 
nach  Griechenland  kam. 


SKYTHIEN  153 

Skythien  an,  dem  Iornandes  cap.  3  scheidet  die  Weichsel  zwischen 
Germanien  und  Skythien,  und  er  nennt  dieses  cap.  5  mit  recht  Ger- 
maniae  terrae  confinis,  indem  er  seinen  weiteren  umfang  bis  nach 
Asien  angibt;  es  unterliegt  keinem  zweifei,  dasz  auf  der  ganzen  lin- 
ken seite  des  schwarzen  meers  fast  zur  Donau  hin  skythische  Völker 
hausend  angenommen  wurden.  Philostorgios  H.  E.  2,  5  und  Procop 
de  b.  goth.  4,  5  begreifen  unter  dem  alten  namen  der  Skythen  auch 
Gothen  und  Sauromaten. 

Niebuhrs  Vorstellung,  welche  Skythien  blosz  mongolischen  horden 
einräumen  will,  ist  auf  alle  weise  zu  verwerfen.  *  nicht  allein  treten 
die  Mongolen  viel  später  in  der  geschichte  auf  als  die  Skythen,  von 
denen  Herodot  so  ausführliche  und  lehrreiche  nachricht  ertheilt,  son- 
dern diese  Skythen  hängen  auch  unzerreiszbar  zusammen  mit  dem 
groszen  langsamen  zuge  urverwandter  Völker  aus  Asien  nach  Europa,  220 
in  welches  jene  Mongolen  nur  vorübergehend  einbrachen,  offenbar 
waltet  in  Skythien  ein  südasiatisches  element,  das  auch  germanische 
und  sarmatische  bestandtheile  nicht  von  sich  ausschlieszend  neben 
ihnen  zugleich  andere  unbekannte  Völker  in  seinem  dunkeln  schosze 
birgt,  man  hat  anzunehmen,  dasz  erst  hinter  Germanen,  Thrakern 
und  Slaven  die  Skythen  in  bewegung  geriethen  und  nur  ein  theil  von 
ihnen  Europa  erreichte,  der  andere,  weil  Europa  schon  erfüllt  war, 
in  Asien  wohnhaft  blieb,  mit  germanischen  und  sarmatischen  völker- 
namen  verflechten  sich  skythische  dergestalt,  dasz  sie  an  gewissen 
stellen  gar  nicht  gesondert  werden  können.** 

Was  vorerst  den  namen  der  Skythen  angeht,  so  haben  neuere 
forscher***  gemeint  sie  in  den  Tschuden  wiederzufinden.  Schafarik 
s.  238  ff.  gibt  sich  alle  mühe  darzuthun,  dasz  nach  den  lautgesetzen 
griechischer  und  slavischer  zunge  Uxv&rjg  dem  namen  Tschud  ent- 
spreche, womit  bekanntlich  die  Nordslaven  einen  Finnen  bezeichnen: 
was  tschud  ursprünglich  ausdrücke,  wisse  man  nicht,  aus  dem  volks- 
namen  aber  habe  sich  hernach  tschud  für  riese  und  tschudo  monstrum, 
miraculum  entfaltet,  da  zwischen  Griechen  und  Slaven  die  laute  sich 
nicht  verschieben,  hätte  schon,  wenn  man  Übergang  des  öx  in  £  ein- 
räumen wollte,  der  des  6  in  d  bedenken;  doch  unglaublicher  ist,  dasz 
ein  unskythischen  Finnen  vom  slavischen  nachbar  beigelegter  name  für 
die  alten  Skythen  sogar  bei  den  Griechen  allgemein  gegolten  haben 
solle.  Viel  wahrscheinlicher  bleibt  darum  die  längst  vorgeschlagne 
ableitung  aus  der  deutschen  wurzel  skiutan  jaculari,  vom  gebrauch  des 
spers  und  bogens  unter  allen  Skythen,  gerade  wie  viele  germanische 
Völker  nach  den  waffen  heiszen.  zwar  völlig  in  Ordnung  ist  auch  hier 
die  lautfolge  nicht,  denn  dem  goth.  skutja,  altn.  skyti,  ahd.  scuzo 
sollte  gr.  6KvÖ7]g  zur  seite  stehn ;  indessen  kann  irgend  ein  verborgner 


*  gegen  sie  erklärt  sich  auch  AI.  von  Humboldt  in  der  Asie  centrale 
1,  400  und  Zeusz  s.  284. 

**  mit  groszem  fug  sagt  Plinius   4,  25:   Scytharum  nomen  usque  qua- 
que  transit  in  Sarmatas  atque  Germanos. 
***  z.  b.  auch  Rask  (saml.  afhandl.  1,  334). 


154  SKYTHIEN 

gnind  den  abstand  veranlassen  und  bewirkt  haben,  dasz  die  Gothen 
vom  TH  unmittelbar  auf  T  übersprangen,  bedeutende  stütze  empfängt 
aber  diese  ableitung  dadurch,  dasz  die  Griechen  vermutlich  nach  er- 
klärungen,  die  sie  von  Skythen  erhielten,  den  namen  selbst  so  ver- 
standen haben  müssen :  Lucian  im  Tox.  cap.  8  nennt  die  Skythen  aus- 

221  drücklich  to&vblv  äyad'ol,  in  Athen  hiesz  der  gerichtsdiener  oder 
scherge,  wozu  man  Skythen  zu  verwenden  pflegte,  sowol  Uxv^rjg  als 
ro^otrjg  d.  i.  bogenschütz,  und  wiederum  ist  der  eigenname  Tö|«ptg 
bei  Lucian,  der  einen  wahren  Skythen  kennzeichnen  sollte,  kein  echt- 
skythischer*,  sondern  nichts  als  griechische  Übertragung  von  Unv&rjg. 
Diesen  namen  hatten  entweder  germanische,  zuHerodots  zeit  und  früher 
noch  unter  Skythen  hausende  nachbarn  ihnen  beigelegt  und  so  war  er 
auch  zu  Griechen  gelangt,  oder  in  skythischen  urverwandten  dialecten 
haftete  dieselbe  wurzel.  Noch  mehr,  Herodot  4,  10  indem  er  die  sky- 
thische  stammsage  berichtet,  erzählt,  dasz  von  des  Herakles  drei  söhnen 
mit  Echidna  nur  der  jüngste,  namens  Skythes  des  göttlichen  vaters 
bogen  zu  spannen  vermochte  und  darum  erster  könig  wurde,  während 
die  einheimische  sage  (4,  5)  den  jüngsten  söhn  Kolaxais  nennt  und 
statt  des  bogenspannens  den  glühenden  pflüg  aufnehmen  läszt :  aus  dem 
namen  Skythes  bildete  sich  den  pontischen  Griechen  jene  Verschieden- 
heit der  sage,  auch  Plin.  7,57  sagt:  arcum  et  sagittam  Scythen  Jo- 
vis  filium  invenisse  dicunt,  und  Orpheus  Argon.  1078  nennt  wiederum 

TO%0<pOQOVQ  TS    2xv9cCQ,   7110TOVQ  &SQa7tOVTCCQ  *A()t]Oq, 

wir  wissen,  dasz  Skythen,  Geten,  Alanen,  Baiern  und  Schwaben  Ares- 
diener und  Ziowari  hieszen ;  eins  verstärkt  das  andere,  alle  Skythen 
sollen  des  Ares  bogentragende  Schwester  Artemis,  die  zo%6ug  und 
lo%kttiQtt,  heilig  gehalten  haben,  die  herleitung  von  Z%v^iqg  aus 
goth.  skutja  (getisch  skuthia,  skudia?)  ist  also  der  aus  tschud  weit 
überlegen,  und  höchstens  -könnte  man  zugeben,  -dasz  die  Slaven  dieses 
ihnen  dunkle  wort  aus  Skythe  entnommen  und  später  auf  die  Finnen 
angewandt  hätten,  das  finn.  kyttä  venator  selbst  scheint  mit  abge- 
worfnem  S  aus  dem  schwed.  skytte  entlehnt,  aber  die  litth.  Wörter 
szauti    schieszen,    szauditi    oft    schieszen,    szauti    schütze,    szaudykle 

222  weberspule  **  scheinen  verwandt,  und  gewähren  zum  theil  jene  viel- 
leicht organische  media. 

Ich  will  noch  einen  ähnlichen  waffenausdruck,  weil  er  fast  allen 
urverwandten  sprachen  zusteht,  anführen,  das  gr.  öxvzog  bedeutet 
leder  und  lederbezognen  schild,  lat.  scutum  (vgl.  öxvvlg  scutica)  ir. 
sgeith,  bret.  skoed,  litth.  skyda,  sl.  schtschit,  böhm.  stjt,  altböhm.  seit, 
zid.  jedoch  die  deutschen  sprachen  haben  goth.  skildus,  ahd.  seilt 
(für  sciltu),  ags.  scild,  altn.  skiöldr;  wie  ist  das  eingefügte  L  zu  fassen? 
vermutlich  gieng  skildus  hervor  aus  umgesetztem  skidilus,  skidlus,  einer 


*  wie  Böckh  annimmt  C.  I.  2,  112b;  die  gr.  bildung  ist  auch  in  (pdXagiq 
von  (pdXog  und  vielen  weiblichen  Meyagiq,  Tvvöapk,  auszer  solchen  eigen- 
namen  sind  xl&agiq,  xiöagtc,  /udiagig,  adyagiq  weiblich  vgl.  Lobeck  phys.256. 

**  d.  i.  weberschiflade,  lett.  sehaudeklis,  schautawa  von  schaut  schieszen. 


SKYTHIEN  155 

Weiterableitung  des  einfachen  verlornen  skid,  früher  skud.  Ammianus 
führt  14,  11  einen  alamannischen  Scudilo  scutariorum  tribunus  an  (wie 
17,  10  Nestica*,  20,  2  Agilo  gentilium  scutariorum  tribunus);  sie 
waren  keine  schildniacher  (oder  schildmaler,  mhd.  sciltsere)  sondern 
Schildträger  im  römischen  dienst,  scudilo  hiesz  noch  nach  der  alten 
wortform,  woraus  sich  skuldus,  skildus  gestaltete,  dem  skudilo,  skudili 
entspricht  lat.  scutulum  aöntdiov,  wovon  scutulatus  =  altn.  skiöldottr. 
nur  zufällig  aber  gleicht  ein  solcher  scudilo  oder  scutarius  jenem  gr. 
öxv&rjg,  obgleich  beide  fremden  herschern  zur  leibwache  dienten. 

Musz  man  für  öxv&rjg  deutsche  wurzel,  oder  deutscher  spräche 
ganz  nahliegende  zugestehn ;  so  folgt  daraus  uralte  nachbarschaft  deut- 
scher und  griechischer  stamme,  mit  andern  worten,  nichts  ist  glaub- 
licher, als  dasz  Hellenen,  welche  Skythen  so  nannten  (Uxv&ag  "EXkrjvsg 
ovv6{ia(5av}  Herod.  4,  6),  diesen  namen  von  Thrakern  oder  Geten 
hörten,  dasz  mithin  Geten  zwischen  Hellenen  und  Skythen  wohnten, 
und  griechischer  Vorstellung  ganz  natürlich  war  Geten  und  Skythen 
zu  vermengen,  darum  sind  "Jvsuog,  'J%ivdxr]g}  Zdl^ohg  bei  Skythen 
wie  Geten  verehrt.  Thucydides  sagt  2,  96:  slöl  d'  ol  Tkxai  xccl  oi 
tavxr]  (dem  schwarzen  meer)  ö^iogoi  te  tolg  Hv.v%aig  %a\  ofioöxsvoi, 
ndvteg  limoToZoTcci**  Aber  nicht  blosz  auf  den  Pontus  und  Europa 223 
zu  beschränken  sind  diese  völkernamen ;  sie  greifen  tiefer  nach  Asien 
gegen  Medien,  Persien  und  Indien  ein,  d.  h.  unmittelbar  in  die  län- 
der,  aus  welchen  die  grosze  Wanderung  nach  Europa  begann. 

Aus  weitem  umfang  skythischer  länder,  namen  und  brauche  hebe 
ich  was  unsere  deutschen  Verhältnisse  erläutern  kann. 

Nach  Herodot  4,  6  legten  sich  die  Skythen  selbst  den  namen 
UxoIotol  bei;  nirgend  sonst  wird  seiner  gedacht,  doch  4,  78.  79 
erscheint  der  mannsname  2Jxvlr]g  und  Justinus  2,  4  erwähnt  eines 
skythischen  königs  Scolopitus.  jede  deutung  wäre  verwegen,  aber 
jenes  skildus  drängt  sich  doch  auf.*** 

Geten  nennt  Herodot  im  europäischen  Thrakien,  Massageten  weisz 
er  1,  201  ff.  4,  11  als  groszes  tapferes  volk  in  Asien,  ostwärts  vom 
kaspischen  meer,  am  Araxes,  Issedonen  gegenüber,  also  in  armeni- 
schen, persischen  landstrecken,  und  sie  wehren  dem  Cyrus  den  Über- 
gang jenes  stroms.  ihre  königin  wird  Tomyris  genannt,  bei  Justinus 
1,  8  heiszt  sie  Tamyris  und  Scytharum  regina,  bei  Iornandes  cap.  10 
unbedenklich  Tamyris  Getarum  regina.  die  begebenheit  fällt  etwa  in 
das  jähr  545  vor  Chr.,  nur  dreiszig  jähre  vor  jenem  zug  des  Darius 
nach  Thrakien,  und  es  versteht  sich  von  selbst,  dasz  die  thrakischen 
Geten  und  jene  araxischen  Massageten  verschiedne  stamme  waren ;  beide 
können  jedoch  gemeinschaftlichen  Ursprung  haben,  die  Geten  nach 
Thrakien  vorgerückt,  die  Massageten  in  Asien  geblieben  sein.    Noch 

*  =  Torquatus,  torque  ornatus,  von  nest  torques,  woher  nestila  fibula 
und  der  frauenname  Neosta. 

**  über  den  gebrauch  des  bogens  s.  meine  acad.  abh.  s.  33. 
***  wem  fallen  hier  auch  nicht  die  gallischen,  s.  135  anders  ausgelegten 
soldurii  von  selbst  wieder  ein? 


156  SKYTHIEN 

Plinius  6,  17  die  (asiatisch-)  skythischen  Völker  aufzählend  beginnt  mit 
den  bedeutenden  Namen  Sacae,  Masagetae,  Dahae,  Essedones,  und  nicht 
anders  stellt  Strabo  11,  8  Massageten  zu  den  Saken  an  den  Araxes. 
Aber  auch  diese  Massageten  erscheinen  späterhin  in  Europa,  da 
wo  lange  Geten  hausten,  am  Pontus  und  weiter  nordöstlich  unter  dem 
namen  Alanen.    Cassius  Dio  69,  15  sagt  ausdrücklich  von  den  Alanen: 

224  siel  öe  Maööayevcu,  und  Julian  im  j.  363  sein  heer  anredend  von 
Pompejus:  qui  per  Massagetas,  quos  Alanos  nunc  appellamus,  vidit 
Caspios  lacus  (Ammian.  23,  5).*  von  da  aus  müssen  sie  nach  Europa 
tibergegangen  sein  oder  mit  den  pontischen  Geten  sonst  genau  zusam- 
menhängen; unter  den  (europäischen)  Scythen  läszt  Plin.  4,  12  auf 
Geten,  Sarmaten,  Aorsen  die  Alani  et  Rhoxalani  folgen.  Ptolemaeus, 
der  6,  14  im  skythischen  Asien  nordwärts  vom  kaspischen  meer 
Alanen  und  ein  alanisches  gebirg  anführt,  hat  3,  5  im  europäischen 
Sarmatien  skythische  Alaunen,  was  offenbar  in  Alanen  zu  bessern 
ist.  Woher  immer  Lucian  seine  nachrichten  schöpfe,  im  Toxaris  5 1 
tritt  ein  MccxevtTjg  auf:  o^ioöKevog  %ai  o^ioylcaxxog  rolg  lAlavolg 
cov  noiva  yag  xavxa  'Akccvoig  %ai  Euvftaiq'  nlijv  oxi  ov  ndvv  xo^iwötv 
oVAXavoi  coöTtEQ  ol  Uxv&cci,  Alanen  schnitten  ihre  haare  kürzer  als 
Skythen,  sonst  war  beiden  Völkern  spräche  und  waffenart  gemein.  Da 
nun  gegen  ausgang  des  4.  jh.  unsrer  Zeitrechnung  Alanen  nachbarn 
gothischer  Greuthungen  sind  (Ammian.  31,  3),  Alanen  mit  deutschen 
Scyren  Moesien  einnehmen  und  Iornandes  seiest  aus  halbalanischem 
geschlecht  abstammt;  so  zeugt  mir  die  Verflechtung  der  späteren  Ala- 
nen und  Gothen  wiederum  für  die  der  älteren  Massageten  und  Geten. 
Procop  de  b.  vand.  1,  11  stellt  sogar  Massageten  und  Hunnen  gleich, 
doch  der  hier  wie  2,  10  beigebrachte  massagetische  eigenname  Aigan 
läszt  fast  keinen  zweifei  über  des  Volkes  deutschheit. 

Zeusz  s.  293  will  den  namen  Massagetae  für  unzusammenge- 
setzt, blosz  für  abgeleitet  erklären,  was  aber  aus  dem  libyschen  manns- 
namen  Maööccyrjg  bei  Herod.  7,  71  nicht  folgt  und  schon  durch 
®v66ayexcu,  Thyrsagetae  widerlegt  wird.**  anders  bewandt  ist  es 
um  die  EvSQykxai  =  Ev-egyetcu.  Hekataeus  von  Milet  nennt  Maty- 
keten.  das  aber  entscheidet,  dasz  schon  alte  Schriftsteller  einfaches 
Getae  für  Massagetae  gebrauchen. 

An  die  Massageten  gemahnen  sodann  Tyrageten,  skythische  völ- 

225  ker  die  am  Tyras  bis  zum  Ister  hin  niedergesessen  waren.  Strabo 
s.  306.  289  führt  sie  bei  der  getischen  wüste  als  nachbarn  der  Ba- 
starnen auf;  man  könnte  sie  geradezu  für  gewöhnliche  Geten  halten, 
deren  name  nur  durch  den  Tyras  näher  bestimmt  wurde.  Plin.  4, 
1 2  der  alten  Ophiusa  zwischen  Tyras  und  Ister  gedenkend  fügt  hinzu : 
in  eodem  (oppido)  insulam  spatiosam  incolunt  Tyragetae,  Ptolemaeus 
schreibt  TvQccyyhcu.    die  späteren  litthauischen  Samogitae  tragen  die- 


*  Lucan.  Phars.  8,  133:  peterem  cum  Caspia  claustra  et  sequerer  duros 
aeterni  Martis  Alanos. 

**  Arrian  an.  4,  28,  6  hat  einen  indischen  jiaaayhrjg. 


SKYTHIEN  157 

selbe  Zusammensetzung  an  sich.  Gesetzt  der  name  TvQiyhai  und 
Samogetae  habe  den  ursprünglichen  allgemeinen  sinn  von  ykxiqg  zu 
bewahren  gewust;  das  vorkommen  solcher  bildungen  an  dieser  stelle 
bleibt  nichts  desto  weniger  merkwürdig,  germanischer  anklang  war 
in  Thrakien;  ebenso  ist  thrakischer  in  Skythien. 

Wie  die  thrakischen  Geten  tauchen  auch  die  Daken  in  Asien  auf. 
Herodot  1,  126  nennt  ackerbauende  und  weidende  Perser:  akloi  61 
IIsqöcci,  eiöl  o'iSz,  Tlav^ialaloi  ArjQovöicäoi  Fsondvioi.  ovxoi  [ier 
Ttavteg  aQOTrjoeg  blöl,  oi  de  cckloi  vo{iccöeg,  /idoi  Mccqöol  Aqo- 
mxol  UaydouoL.  hier  gehn  mich  blosz  Dai  an.  es  sind  die  skythi- 
schen  dadi,  wie  ihnen  Strabo  die  tkrakischen  z/adt  entgegensetzt, 
zugleich  sind  es  die  thrakischen  z/tot  bei  Thucydides.  um  das  kas- 
pische  meer  pflegen  die  meisten  Skythen  Daae,  die  etwas  östlicheren 
Massagetae  und  Sacae  zu  heiszen.  Auch  römische  schriftsteiler  ken- 
nen sie  fortwährend  in  diesen  sitzen.  Livius  35,  48  nennt  Dahas  Me- 
dos  Elymaeosque  et  Caddusios.  Lucan  2,  296  Dahas  Getasque,  wo- 
bei das  einfache  Getae  =  Massagetae  nicht  zu  übersehn  ist.  Plin. 
6,  17  Sacae  Massagetae  Dahae,  gerade  wie  Strabo  s.  511  am  kas- 
pischen  meer  Adai  Maööayerai  Hctxai.  Tacitus  ann.  2,  3  Arta- 
banus  apud  Dahas  adultus  (a.  16);  11,  8  Gotarzes  Daharum  Hyr- 
canorumque  opibus  auctus  (a.  47);  11,  10  ad  flumen  Sinden,  quod 
Dahas  Ariosque  disterminat.  Ptolemaeus  1,  2  Baktri  Sogdiani  Paropa- 
misii  Dahäe.  Solinus  15  Chalybes  et  Dahae  und  ebenso  Ammian  22, 
8  Dahae  et  Chalybes.  Diese  asiatischen  Dahae  scheinen  nicht  nach 
Europa  vorzudringen,  sondern  ungefähr  nach  dem  ersten  jh.  im 
armenischen  oder  persischen  reich  unterzugehn,  während  die  Massa- 
geten  sich  westwärts  gewandt  und  die  pontischen  Geten  verstärkt  226 
hatten,  war  dies  eine  Ursache,  weshalb  die  Geten  in  Europa  stärkere 
macht  entwickelten  als  die  Daken? 

In  den  mitgetheilten  stellen  des  Strabo  wurden  neben  den  Mas- 
sageten  und  Dahen  auch  Uccxai,  Sacae  als  skythische  anwohner  des 
kaspischen  meers  genannt;  die  Perser  brauchten  den  namen  dieser 
ihrer  nachbarn  für  alle  und  jede  Skythen:  oi  ydo  Ilegöai  ndvtag 
tovg  Uxv&ccg  %akkov6i  ZJdnag.  Herod.  7,  64;  ultra  sunt  Scytharum 
populi,  Persae  illos  Sacas  in  Universum  appellavere  a  proxima  gente. 
Plin.  6,  17;  inde  Asiae  confinia,  nisi  ubi  perpetuae  nives  sedent  et 
intolerabilis  rigor,  scythici  populi  incolunt,  fere  omnes  in  unum  Sacae 
appellati.     Mela  3,  5. 

Unleugbar  traten  der  griechischen  Vorstellung  unter  den  asiati- 
schen Skythen  diese  drei  Völker:  MaööayETcct,  zldai  JEdxai  in  den 
Vordergrund,  einfacher  hätte  sie  die  ersten  Fkxai  genannt,  wäre  der 
name  nicht  für  die  schon  europäischen  Geten  üblich  gewesen,  wie  sie 
Adai  und  Adoi  unterscheiden  muste*. 

Rawlinsons  Scharfsinn  ist   es   neulich  gelungen   die  altpersische 

*  die  gr.  und  lat.  spräche  unterscheidet  den  nom.  pl.  cu  ae  der  ersten 
von  dem  oi  i  der  zweiten  decl.,  in  gothischer  lauten  beide  einförmig  ös. 
aber  wie  die  alten  Dahae  Daci  wurden  auch  die  Getae  Gothi  =  röröoi. 


!58  SKYTHIEN 

keilschrift  ganz  zu  entziffern,  und  auf  den  felswänden  von  Persepolis 
gewinnen  wir  glänzende  bestätigung  herodotischer  angaben.  Darius 
Hystaspes  söhn  selbst  führt  in  seiner  Urkunde  die  namen  der  ihm 
unterworfnen,  der  aufrührerischen  und  mit  gottes  hilfe*  wieder 
besiegten  reiche  auf:  auch  ein  Saka  erscheint,  jedesmal  neben  Tha- 
taghush.  dies  letztere  ist  das  land  der  Uartayv  dca,  welche  bei  Hero- 
dot  3,  91  im  siebenten  ^o^o'g  der  heberolle  des  Darius  vorkommen, 
TH  wird  den  Griechen  zu  ZJ,  wie  Athura  Assyrien  ausdrückt.  Ghush 
aber  und  Ivöai  gemahnen  auffällig  an  unsere  deutsche  form  des 
namens  Gu{)ai  oder  Gupös  für  gr.  Fstai,  das  vorausgehende  Thata, 
227  Satta  im  ersten  theil  der  Zusammensetzung  bliebe  dunkel.  Massageten, 
die  den  Persern  nicht  zinsbar  waren,  können  unter  diesen  Sattagyden 
nicht  gemeint  sein,  wol  aber  ein  verwandter  stamm,  in  der  heberolle 
stehn  ihnen  zur  seite  ravddoioi,  zJccölkcci  wn^AjiaQvxm,  7,  66  folgen 
ravdccQLOi  und  Zlaölaai  auf  Uoydot,  einwohner  der  Sogdiana,  welche 
in  der  keilschrift  Sughda  heiszt  und  unmittelbar  vor  Saka  hergeht, 
auch  nach  allen  andern  meidungen  stiesz  Sogdiana  ans  land  der 
Saken.  die  heberolle  hat  Hd%ai  und  KdöTtioi  im  fünfzehnten,  IJaQ- 
&OL,  Xoqccö^lol,  "Aquol  im  sechzehnten  vopiog,  wie  sie  auch  7,  66 
und  bei  Strabo  11,  8  (s.  513)  verbunden  stehn.  Polybius  10,  48 
stellt  nomadische  'JöTtuöidxcu  zwischen  Oxus  und  Tanais:  das  sind 
wol  'AOTiaöcixai)  reitende  Saken,  denen  er  ausdrücklich  beilegt 
Tts&VEiv  fitza  rc5v  itmcov  slg  %v\v  f  Yqkccviccv.  am  hyrkanischen  oder 
kaspischen  meer,  im  nordwesten  von  Persien  bewegen  sich  alle  diese 
Völkerschaften;  es  fällt  uns  unmöglich  die  gliederung  ihrer  Verhält- 
nisse vollständig  zu  entwirren,  aber  das  scheint  doch  nicht  unhalt- 
bar, dasz  eine  520  jähre  vor  Chr.  eingehaune  schrift  die  älteste  ur- 
kundliche spur  deutscher  Völker  überliefere,  dort  hatten  damals  noch 
verwandte  stamme  heimat,  während  unsre  eigentlichen  vorfahren,  wie 
die  thrakischen  Geten  darthun,  lange  vor  gründung  des  persischen 
reichs  ausgerückt  sein  musten. 

Sogar  die  ältesten  chinesischen  annalisten  der  Hand}oiastie, 
welche  ungefähr  um  den  beginn  unsrer  Zeitrechnung  abgefaszt  sein 
sollen,  scheinen  etwa  165  jähre  vor  Chr.  in  der  gegend  des  kaspischen 
meers  Geten  und  Saken,  als  blondhaarige  blauäugige  Völker  zu  ken- 
ken**.  jene  nennen  sie  Yuetschi,  dann  wieder  Alanen  oder  Yanthsai, 
die  Saken  Hakas,  nach  dem  gangbaren  Wechsel  zwischen  S  und  H.  [hier- 
über Lassen  2,  358.  359.  812.  Dschid  bei  Mesudi.  sitzungsber.  4,  211.] 

Man  ist  bereit  im  zend  und  sanskrit  eine  masse  von  Wörtern  und 
formen  wiederzufinden,  die  slavischen  deutschen  griechischen  lateini- 
schen und  keltischen  gleich  sind,  zaudert  aber  bedenksam  skythische 
228  völkernamen   auf   europäische   anzuwenden,     allein   durch  Skythiens 


*  immer  wiederholt  er:  'Auramazda  mija  upastäm  abara',  Oromazdes 
mihi  opem  ferebat,  und  Vashnä  Auramazdaha',  gratia  Oromazdis. 

**  Klaproth  tableaux  historiques  de  FAsie  p.  168.  172.  174  vgl  AI.  von 
Humboldt  Asie  centrale  1,  515. 


SKYTHIEN  159 

weite  strecken  zogen  sich  zerspreitend  alle  Völker  von  osten  nach 
westen,  und  nichts  haftete  fester  in  ihrer  spräche,  als  gerade  ihre 
namen. 

Wenn  ich  in  den  Gothen  und  Dänen  Geten  und  Daken,  Massage- 
ten  und  Dahen  erkenne,  dürfen  auch  die  Sachsen  des  nördlichen  Cher- 
sonesus  mahnen  an  die  uralten  Saken.  sahs  und  saxum  fallen  gleich 
securis  der  wurzel  secare  zu,  S  ist  angefügt  wie  im  altn.  lios  liosis 
für  liohs  liohsis  =  lux  lucis.  auch  die  zahl  sex  goth.  saihs  ist  sec-s, 
saih-s  (vgl.  seni  wie  deni  aus  seceni,  deceni).  im  persischen  Dage- 
stan oder  Dahestan  am  abhang  des  Kaukasus  nach  dem  kaspischen 
meer  lebt  noch  der  Dahae,  vielleicht  im  östlichen  Sagestan,  Segistan 
der  Sacae  name.     [vgl.  s.  609  f.] 

Einzelne  namen  zu  erheben  und  an  die  spitze  zu  stellen  scheint 
gefährlich,  man  hat  die  Skythen  zu  arischem  oder  medopersischem 
stamm  geschlagen,  ebenso  die  Sarmaten  medopersischen  stamms  ge- 
nannt ;  im  allem  dem  liegt  etwas  wahres.  Herodot  4,  117  legt  aus- 
drücklich den  Sauromaten  beinahe  ^kythische  spräche  zu,  und  Strabo 
s.  724,  indem  er  Ariana  zwischen  Persien  Medien  Bactria  und  Sog- 
diana stellt,  schreibt  deren  ein  wohnern  fast  gleiche  spräche  zu:  elöl 
ycig  ncog  aal  o^ioykojxtot  Jtagä  {iixqov.  dem  Herodot  sind  7,  62 
Mrjäot  die  alten "Aqioi*.  in  jener  keilschriftur künde  des  Darius  heiszt 
Arien  Hariwa  (die^  aspiration  mahnt  an  unsere  lygischen  Harier)  und 
ist  von  Medien  =  Mada  wie  Persien  =  Parsa  geschieden.  Redeten 
nun  die  Sarmaten,  wie  man  annehmen  musz,  slavisch,  so  fordert  die  229 
Verwandtschaft  zwischen  deutscher  und  slavischer  zunge,  dasz  auch 
ein  germanischer  bestandtheil  in  Skythien  obwalte,  was  durch  die 
Geten,  Dahen  und  Saken  bestätigt  wird,  die  Unbestimmtheit  und  weite 
des  skythischen  namens  eignet  sich  also  vorzüglich  für  den  ausdruck 
der  gemeinschaft  dieser  Völker  und  sprachen,  und  in  den  Germanen 
oder  Slaven  ist,  recht  verstanden,  nicht  mehr  oder  weniger  arisches 
oder  medisches  element  als  in  andern  Skythen.  Kelten  in  Skythien 
gibt  man,  so  viel  ich  weisz,  allgemein  zu.  Nicht  uneben  legt  Lucian 
im  Jupiter  trag.  13  dem  Hermes  die  worte  in  den  mund:  eyco  de  ov 
TtohvyXcoööog  £l^ll,  ojöxs  tcul  E%vftaig  Kai  Ukqöaig  Kai  ®Q<x£l  Kai 
KeXxolg  övvbtcc  ktjqvtthv,  er  drückt  dadurch  gewissermaszen  alle 
barbarischen  zungen  skythische,  slavische,  deutsche  und  keltische  aus. 

Sicher  gehört  es  zu  den  unauflöslichsten  Schwierigkeiten  alter 
ethnographie  völkernamen,  die  an  ganz  verschiedener  stelle  vortauchen, 
ohne  dasz  die  geschiente  ihren  Zusammenhang  auswiese,  zu  erklären ; 
so  werden  uns  Aorsi  in  Thrakien,  im  europäischen  und  asiatischen 


*  der  beweis  kann  nicht  fehlen,  dasz  die  medische  spräche  unsere  ur- 
verwandten berühre,  ich  will  hier  nur  eins  anführen.  Herodot  1,  110  er- 
zählt von  einem  weib  namens  Kvvto,  welches  aber  griech.  Übersetzung  des 
medischen  'Enaxd)  war:  xtjv  yag  xvva  xaksovai  onäxa  Mrjöoi.  onaS,  ist 
genau  das  zendische  spä,  dessen  übrige  Verwandtschaft  oben  s.  38  ange- 
geben wurde,    jener  frauenname  gleicht  also  dem  altn.  Hyndla. 


160  SKYTHIEN 

Sarmatien  und  in  Skythien  genannt*,  jene  räthselhaften  Tectosagen, 
die  Caesar  als  gallisches  volk  in  Deutschland  kennt,  Livius  und 
Strabo  durch  Illyrien  und  Vorderasien  einbrechen  lassen,  hat  Ptole- 
maeus  am  Imaus  in  Skythien  und  auch  TexzoodxaL  erinnern  an  die 
Sacae.  seltsam  steht  bei  Polybius  5,  77.  78  Aiyoöaysg  für  Texzoöa- 
ysg,  was  kaum  Schreibfehler  ist,  sondern  über  die  bedeutung  von  Tecto 
aufschlusz  gewähren  könnte,  am  leichtesten,  aber  auch  verkehrtesten 
scheint  es  die  Übereinkunft  solcher  namen  an  verschiedner  stelle  als 
bloszes  spiel  des  Zufalls  abzufertigen;  die  skythischen  rkzai  und  z/aca, 
thrakischen  Tkzai  und  zldoi,  deutschen  Gothen  und  Dänen  bezeugen 
die  möglichkeit  wahrhafter  Völkerverwandtschaft  in  den  entlegensten 
strichen. 

Wie  die  Inder  vier  stände,  priester,  krieger,  werkleute  und 
knechte,  die  Griechen  drei:  ägiözoi,  örjfxov  ävdosg  und  dpäsg,  die 
Perser  drei:  krieger,  ackerer  und  hirten  entfalteten,  unterscheidet 
auch  Herodot  4,  17.  18.  19  aber  an  verschiedner  wohnstätte  Äu'Om 
230  ccQOtrJQEg  (vgl.  4,  52),  die  getraide  bauen,  um  es  zu  verhandeln, 
yeciQyoi,  die  das  land  für  sich  bestellen  und  vo[idÖ8g**.  schon  aus 
ihrer  heimischen  sage,  dasz  ihnen  der  glühende  pflüg  vom  himmel 
niedergefallen  sei,  folgt  ihr  ackerbau;  aber  der  nomadischen  Skythen 
war  die  grosze  mehrzahl,  und  in  bezug  auf  sie  heiszt  es  4,  2:  ov 
yctg  dqozai  slöl  aXKk  vo^iddeg  und  4,  46:  zolöi  ydg  tirjze  äözecc 
{irjzs  rei%£a  $  exziö^iha  äkXcc  (pegeoinoL  lovzsg  ndvzsg  sgoöl  imco- 
zo^ozav,  ^cjovzeg  pr]  an  dgozov  cclX  dno  nzrjveav,  olwjucczd  zk 
6q)i,  rj  sid  tßvyk&v***.  Jenen  am  kaspischen  meer  seszhaften,  zins- 
pflichtigen Skythen  wird  man  den  ackerbau  nicht  streitig  machen, 
aber  die  gegen  norden  und  westen  aufbrechenden  müssen  stufenweise 
entschieden  dem  wandernden  hirtenleben  zugefallen  sein;  bei  Griechen 
und  Eömern,  die  mit  diesen  wandernden  Skythen  zunächst  in  berüh- 
rung  traten,  wurzelte  die  Vorstellung  vom  bogenschieszen  und  wagen- 
haus (cc^a^ocpOQrjzog  olxog)  aller  Skythen  ein: 

campestres  melius  Scythae, 

quorum  plaustra  vagas  rite  trahunt  domos, 

vivunt.  Hör.  carm.  III.  24,  9. 

Scythae  nomades,  quibus  plaustra  sedes  sunt,  sagt  Salust,  d[icc%6ßioi, 
a^d^oixoi  heiszen  sie  den  Griechen.  Nicht  anders,  stelle  ich  mir  vor, 
verwilderten  auch  unsere  voreitern  auf  den  langen  zügen  ihrer  Wande- 
rung, und  lebten  als  krieger  und  hirten,  auszer  wo  sie  sich  bei  dauern- 
der niederlassung,  wie  die  Geten  in  Thrakien,  wieder  dem  landbau 
zuwendeten  und  häuser  aufführten.  Strabo  und  Ptolemaeus  kennen 
am  Pontus  und  an  der  Donau  genug  angelegter  städte.  Aber  noch 
Ammian  schildert  die  Alanen  als  streifende  nomaden  (31,  2)  und  Ovid 


*  man  vgl.  die  skythischen  Alanorsi. 
**  Strabo  11,  2  unterscheidet  vofiädsg,  oxtjvTzai,  ysmgyol. 
***  woher  der  name  aficcgoixoi  Strabo  s.  294.  296.  300. 


SKYTHIEN  161 

bricht  über  die  steppen  der  pontica  tellus  in  klagen  aus  (Pont.  III. 

I.  12): 

tu  neque  ver  sentis  cinctum  florente  Corona, 

tu  neque  messorum  corpora  nuda  vides, 

nee  tibi  pampineas  auetumnus  porrigit  uvas. 

Der  skythische  götterglaube,  wie  ihn  Herodot  in  anziehenden  231 
umrissen  4,  59—62  dargestellt  hat,  kann  offenbar  nicht  für  den  ein- 
stimmigen eultus  aller  der  vielen  Völker  dieses  weiten  landes  gelten, 
sondern  musz  sich  auf  die  nachrichten  gründen,  welche  von  einem 
oder  mehrern  der  ihnen  zunächst  gelegnen  stamme  zu  den  Griechen 
gelangten,  dem  Zusammenhang  nach  scheinen  es  mehr  meidungen  von 
den  nördlicher,  am  Borysthenes  und  Tanais  wohnhaften  Skythen,  als 
von  den  südlich  und  östlich  vom  kaspischen  meer  gesessenen.  Zeusz 
s.  49  legt  mir  darum  zu  groszes  gewicht  auf  das  abweichende  dieser 
skythischen  mythen  von  den  uns  urverwandten;  auch  des  getischen 
glaubens  von  Zalmoxis  ist  hier  keine  spur,  wie  er  doch  zu  Lucians 
zeit  Skythen  und  Geten  beigelegt  ward,  wogegen  Herodot  4,  62  den 
skythischen  schwert  und  Marsdienst  ganz  in  getischer,  alanischer  und 
germanischer  weise  schildert,  da  nun  das  wort  acinaces  sogar  persi- 
scher abkunft  ist,  mag  diese  Verehrung  die  meisten  Skythen  durch- 
drungen haben. 

TaßtTL  für  'Iörirj  oder  Vesta,  die  unter  allen  höheren  wesen  der 
Skythen  die  erste  stelle  einnimmt,  gewährt  jedoch  bedeutsame  fast 
unzweifelhafte  anklänge,  es  war  das  feuer,  die  wärme,  und  die  göt- 
tin  für  dies  heilige  element,  von  der  sanskritwurzel  tap  calere  cremare 
(Bopp  149b.  150»),  woher  tapas  calor  und  lat.  tepere  calere,  tepi- 
dus  =  calidus,  sl.  tepl"  fcQuog,  böhm.  teply,  poln.  cieply,  pers. 
täften  accendere,  calefacere,  täban  splendidus,  lucidus,  täba  sartago. 
gr.  ftaitzuv,  Ttvgl  ftdntuv  mortuum  cremare  II.  21,  323.  Od.  12, 
12.  24,  417,  ein  wort  des  brennalters  und  hernach  übergehend  in 
den  begrif  des  begrabens,  beerdigens,  daher  tdyog  ursprünglich  was 
bustum  (ab  urendo,  comburendo)  und  zsepgee  cinis.  die  lautverschie- 
bung  fordert  für  dieses  T  goth.  TH,  ahd.  D  und  es  gehört  dahin  ags. 
pefian  aestuare,  altn.  pefa  pefja  odorari,  J>efr  odor,  altn.  |>eyr  ventus 
egelidus,  J)ä  terra  egelida,  jräma  egelidari,  tepere,  ags.  J)ävan,  ahd. 
doan;  schön  entfaltet  sich  die  bedeutung  des  altn.  peyr,  alts.  thau, 
ahd.  dau,  ags.  J>eäv  indoles,  mens,  wie  auch  indoles  suboles  incre-232 
mentum  ab  olendo,  olescendo*.  merkwürdig  stimmt  zu  rd(pog  und 
ftdnxuv  das  bei  Graff  unerläuterte  ahd.  chreodiba  der  lex  sal.  74  (si 
quis  hominem  igne  combusserit**),  gewis  altheidnischer  ausdruck  für 
den  leichbrand  und  ein  goth.  hraivajnba  voraussetzend ;  Leos  deutung 
(2,  157)  aus  gal.  teibheadh  ist  abzulehnen,  nicht  anders  bezeichnet 
im  tit.  19  de  incendiis  die  malb.  gl.  andeba,  andebau,  im  tit.  20  das 
einfache  deba  wiederum  incendium  und  auch  hier  schlägt  Leo  (2,  22) 


*  vgl.  finn.  tapa  gen.  tavan  indoles,  mos. 

**  bei  Pertz  4,  7  im  capit.  Childeberti  das  sinnlose  creubeba. 

Grimm,  gefleb.icb.te  der  deutschen  spräche.  1  \ 


162  SKYTHIEN 

mit  der  galischen  auslegung  fehl,  ferner  nehme  ich  zu  dieser  Wur- 
zel das  ahd.  depandorn  rhamnus  (Graff  5,  227),  ags.  J)efeJ>orn,  pife- 
porn,  J3yfeJ)orn  rhamnus,  rubus  und  Jrifel,  jpyfel  Spina,  sentis,  entwe- 
der duftender  dorn  oder  lieber  zum  feuerbrand  dienender.  Das  wich- 
tigste habe  ich  aber  bis  zuletzt  aufgespart  und  ein  ausdruck  unseres 
höchsten  alterthums,  an  welchem  ich  mich  oft  umsonst  versuchte, 
scheint  endlich  befriedigend  aufgehellt  zu  werden,  man  weisz,  wie 
leicht  sich  in  den  wurzeln  unmittelbar  vor  den  labialen  M  entwickelt, 
aus  tepere  scheint  templum,  ursprünglich  heilige  brandstätte,  altar 
gebildet,  aus  ahd.  de'pan  calere  aestuare  stammt  dampf  vapor,  odor, 
jenes  altn.  jjefr;  leicht  also  ist  die  berühmte  Tamfana  oder  Tanfana 
[Haupt  9,  258]  des  Tacitus  die  germanische  göttin  des  her  des  und 
feuers,  Vesta,  rE(5xia,  kurz  sie  ist  die  skythische  Tahiti,  den  Sachsen 
könnte  sie  Thäfene,  den  Gothen  Thapana  Thambana  geheiszen  haben ; 
die  ahd.  wortgestalt  wäre  Dabana,  Dambana;  dasz  Tacitus  mit  der 
tenuis  Tanfana  schrieb,  ist  in  Ordnung,  weil  er  im  anlaut  überall  T 
für  Th  setzt.  Ptolemaeus  nennt  auf  der  taurischen  halbinsel  einen 
ort  Tabana,  Iornandes  cap.  12  einen  dakischen  bergpasz  Tabae. 

Das  skythische  Tahiti  hängt,  wie  dargethan  wurde,  mit  slavischen 

und  deutschen  Wörtern  urverwandt  zusammen,  und  man  wird  es  mir 

nicht  mehr  als  blosze  Verwegenheit  auslegen,    dasz  ich   s.    118   die 

233  skythischen  xoqcchoi,  und  unsere  haragä  nebeneinander  stellte,  warum 

wäre  nicht  noch  anderes  zu  wagen? 

Die  göttliche  HJ  hiesz  den  Skythen  'Ani,  was  zum  goth.  ahva, 
lat.  aqua,  ahd.  aha  wie  zum  goth.  avi,  ahd.  ouwa,  nhd.  aue  d.  i. 
wasserland  gehalten  werden  darf,  um  so  sichrer,  da  jenes  aha  in  alten 
flusznamen  apa,  apha,  afa  lautet,  zweideutiger  mag  sich  Cnov  oculus 
zu  unserm  spähen  und  schauen  verhalten. 

MaQyaQkris  (dann  auch  verkürzt  in  nccgyccgov,  ^dgyaQog)  mar- 
garita  haben  Griechen  und  Römer  geständig,  mit  der  sache  selbst,  von 
den  barbaren  her  überkommen :  nam  id  nomen  apud  Graecos  non  est, 
ne  apud  barbaros  quidem  inventores  ejus  aliud  quam  margaritae.  Plin. 
9,  35.  36.  da  ihnen  die  perlen  aus  dem  rothen  meer  und  Indien  zu 
gelangten  und  das  skr.  marakata,  wenn  es  auch  verwandt  ist,  ^dgay- 
öog  ö^ccQccyöog  bedeutet,  in  keiner  andern  spräche  aber  ein  ähnlicher 
name  erscheint ;  so  darf  man  vermuten,  dasz  er  skythischen  Ursprungs 
war.  nun  aber  ist  das  ahd.  marigrioz,  mhd.  meregriez,  ags.  mere- 
greot  ein  so  verbreitetes  wort  einfacher  bedeutung,  dasz  man  darin 
keine  blosze  assimilation  des  fremden  ausdrucks  für  den  deutschen 
begrif,  wie  sie  sonst  oft  vorkommt,  finden  kann,  sondern  aufzustellen 
hat,  dasz  ihn  die  Griechen  aus  skythischem  munde  vernahmen  und 
beibehielten  (vgl.  mythol.  1169);  dafür  leitet  sich  unser  perle,  ahd. 
perala  aus  ßrJQvXlog. 

Scythis  succinum  sacrium.  Plin.  37,  2,  40.  Schafarik  will  sa- 
trium  lesen  und  das  lett.  sihters  vergleichen,  indessen  lautet  die  ge- 
wöhnliche lettische  form  dsinters,  litth.  gintaras,  gentaras,  russ.  jantar. 


SKYTHIEN  163 

andere  sprachen  vermischen  bernstein  und  perle*  und  beide  läszt 
der  mythus  aus  thränen  entspringen;  darum  stimmt  das  finn.  meri- 
kiwi,  est.  merrekiwwi  d.  i.  meerstein,  obschon  bernstein  ausdrückend, 
wieder  zu  marigrioz. 

Plinius,  dem  wir  die  kenntnis  mehr  als  eines  skythischen  wortes 
zu  danken  haben,  gibt  6,  17  auch  den  skythischen  namen  des  Cau- 234 
casus  Groucasus  an  und  deutet:  nive  candidus;  man  will  darin  fin- 
den skr.  Grävakäsas  (glänzendes  felsgebirg),  nach  Strabo  11,  s.  501 
hiesz  ein  theil  der  nördlichen  kaukasischen  gebirge  Keqccvvicc,  gerade 
wie  unsere  und  die  sla vischen  Donnerberge  (mythol.  s.  153  if.). 

Tanain  ipsum  Scythae  Silin  vocant,  Maeotin  Termerinda,  quo 
significant  matrem  maris.  Plin.  6,  7**.  Silis  hieszen,  wie  Ukert  s.  194. 
196.  238.  355  lehrt,  mehrere  skythische  flüsse;  einen  see  oder  bach, 
aus  dem  sich  ein  ström  ergieszt,  mutter  zu  nennen,  war  alten  wie 
neuen  sprachen  gewöhnlich:  xatiexau  d3  y\  U^ivrj  avxr]  öofrwg  ^tjri^Q 
Tnäviog.  Her  4,  52;  die  anwohner  des  Timavus  nennen  xbv  xoitov 
Ttyyrjv  xai  ^T£o«  ftaläxxrig.  Strabo  5,  214.  Heinrich  der  Lette 
ad  a.  1210  p.  85:  transeunt  flumen  quod  dicitur  mater  aquarum, 
auf  estnisch  emma  jöggi,  mutter  des  bachs,  wie  noch  bei  uns  bach- 
mutter  rinnsal  bedeutet  (Schmeller  2,  545);  in  Maiaxig  selbst  liegt 
der  begrif  von  paia.  frage  bleibt  nur,  wie  das  wort  Temerinda  zu 
verstehn  sei?  läge  in  te  mater,  so  könnte  merinda  für  fortbildung 
von  meri  mare***  gelten,  und  dies  te  gewinnt  bestätigung  aus  dem 
zigeunerischen  dei,  dai  (Potts  Zig.  2,  309)  und  gr.  &eicc  amita. 
Böckh  C.  I.  2,  112  vergleicht  Teme  mit  &apa^aöddag  =  Poseidon, 
welcher  name  wie  'ÖKxa^iaödörjg  Her.  4,  80  laute,  findet  also  in  teme 
mare,  in  rinda  mater,  was  keine  mir  bekannte   spräche  unterstützt. 

In  den  skythischen  stammnamen  'AQJio^a'Cg  Anto^a'Cg   Kola^aig 
waltet  deutlich  dieselbe  ableitung,     der  wir  auch  im  getischen  Zok-     ■ 
[lohg  begegnen  und  dies  0%  musz  gothischem  AHS  oder  AHTS  ent- 
sprechen. 

Herodot  4,  52  beschreibt  eine  bittre  quelle,  die  sich  im  lande 
der  ackernden  Skythen  und  Alazonen  mit  dem  Hypanis  mische :  öxv-  235 
friöxi  [isv  'Elaiinalog,  Tiara  de  xr\v  rEMsqvG)v  ykcoööav  igal  odoL 
beide  Wörter  haben  manchen  anklang:  von  h^av  oder  ejzav,  was  plu- 
ralform sein  musz,  läge  wenig  ab  weder  äyiog,  ööiog,  skr.  atschtschha, 
svatschtschha  purus,  ayiog  aber  könnte  fortleiten  auf  lat.  sacer, 
sanctus,  zend.  spenta,  litth.  szwentas,  lett.  swehts,  sl  svjat"  und 
sogar  goth.  veihs,  finn.  pyhä;  wiederum  wäre  in  Tialog  plural  eines 
wortes  zu  suchen,  das  zu  skr.  patha  via,  gr.  ndrog,  ags.  päd,  ahd. 
pfad  gehörte. 


*  Schott  in  den  abh.  der  Berl.  acad.  1842  s.  361. 
"r**  zufällig  ist  die  ähnlichkeit  des  worts  mit  dem  indischen  bäum  tamarinde. 
***  eine  ags.  Urkunde  (späterer zeit)  hat  die  formel  con  landand  onsirendsß5 
terra  marique,  und  sirende  Beerende  scheint  aus  sse,  wie  merinda  aus  meri 
gebildet. 

11* 


164  SKYTHIEN 

Von  den  barbaren  her  war  den  Griechen  und  Römern  zugedrun- 
gen das  wort  ösiqos  6i>qo$  sirus  für  getraidehöle,  Varro  de  re  rust. 

I,  57  (vgl.  63)  sagt:  quidam  granaria  habent  sub  terris,  speluncas, 
quas  vocant  (SeiQOvSi  ut  in  Cappadocia  ac  Thracia,  und  danach  Pli- 
nius  18,  30:  utilissime  tarnen  servantur  in  scrobibus,  quos  siros 
vocant,  ut  in  Cappadocia  et  in  Thracia.  Curtius  7,  4,  24  von 
Bactrianern  redend :  tritici  nihil,  aut  adinodum  exiguum  reperiebatur. 
siros  vocabant  barbari,  quos  ita  sollertes  abscondunt,  ut  nisi  qui 
defoderunt,  invenire  non  possint.  in  iis  conditae  fruges  erant.  Dasz 
auch  die  Germanen  ihr  getraide  in  die  erde  gruben  bezeugt  Tacitus 
Germ.  16:  solent  et  subterraneos  specus  aperire  eosque  multo  insuper 
fimo  onerant,  suffugium  hiemi  et  receptaculum  frugibus,  ich  denke 
dasz  hierauf  die  ahd.  namen  wintarchasto  und  wintarhouc  gehn,  die 
in  mehr  als  einer  gegend  vorkommen,  es  kann  aber  einfachere  Wör- 
ter gegeben  haben  und  ich  will  einmal  rathen  sisu  in  der  bedeutung 
von  grab  grübe  hole,  wovon  noch  übrig  wäre  ahd.  sisesang  grab- 
lied,  carmen  lugubre,  sisuwa  neniae,  alts.  dädsisas  todtenhügel?  ja 
ahd.  sisimus  ags.  sisemüs  glis  fügt  sich  auf  ein  in  erdhölen  hausen- 
des thier,  sei  es  Siebenschläfer  oder  ratte;  sisu  oder  sisu  gienge  leicht 
über  in  siru.  sehr  auffallend  ist,  dasz  den  Ungarn  sir  grab,  siräsö 
todtengräber,  siralmas  luctuosus,  flebilis  heiszt;  darf  das  finn.  hiiri 
mus  mit  siiri  verglichen  werden? 

Ein  andres  ovo[ia  ßaQßccQMOv  [also  nicht  eben  skythisches] 
nennt  uns  Pollux  10,  165  6xcd[iij  für  IsUpog,  altn.  bedeutet  skälm 
oder  skälma  geradezu  framea  und  nach  Biörn  vagina  gladii,  warum 
236  nicht  gladius?  ich  unterstehe  mich  aber  auch  das  ahd.  scalmo,  scelmo, 
mhd.  schelme  pestis,  pestilentia,  lues  beizubringen,  da  der  Würgengel 
speer  und  schwert  schwingt  oder  seinen  pfeil  entsendet  (mythol.  s. 
1134.  1135),  vgl.  altn.  skelmis  drep  pestis  =  frameae  ictus.  die 
wurzel  ist  skella  tinnire,  ahd.  scellan,  scallan.     [unten  s.  903.] 

Xenophon  (anab.  IV.  7,  15.  16)  indem  er  die  skythischen  Cha- 
lybes  (oben  s.  225)  schildert,  deren  auch  Herodot  gedenkt,  hebt  ihre 
tapferkeit  hervor,  und  dasz  sie  den  überwundnen  feinden  die  köpfe 
abschnitten:  xa\>  dnou^vovTsg  ap  ras  xEcpcdccg  £%ovte$  stcoqevovto. 
dieses  kriegerischen  brauchs  wurde  schon  s.  141  gedacht,    dem  Strabo 

II,  14  p.  531  heiszen  aber  thrakische  Völker,  die  an  Medien  und 
Armenien  grenzen,  ZctQanccQai,  war  er  anoxzyahGxai  oder  xeya- 
KotoyLOL  übersetzt,  ich  weisz  dies  sarapara  aus  keiner  mir  bekannten 
spräche  zu  erläutern,  möchte  aber  para  in  pata  verändern,  wenn  ich 
das  oeorpata  der  folgenden  nachricht  erwäge.  [Bötticher  Arica  s.  52.] 

Tees  dl  '4[ia£6vas  xccXsovöl  Exv&ui  OloQuaza,  dvvaxcu  öl  rö 
ovvo^ia  rovro  xccz  eEkXdda  ylwööav  avÖQoxzovoi'  oloq  yag  xa- 
Uovol  tbv  ävÖQa,  to  dl  ituxa  xtelvstv.  Her.  4,  110.  olog  wäre 
dem  skr.  vira  heros,  lat.  vir,  goth.  vair,  finn.  uros  und  selbst  mit 
"Aqyis  vergleichbar;  an  pata  das  lat.  batuere  zu  halten  scheint  unrath- 
sam.     eine  Variante  führt  aorpata,   wobei  mir  die  Aorsi  einfallen. 

Man  darf  nicht  darauf  ausgehn,   die  wenigen  uns  überlieferten 


SKYTHIEN  165 

skythischen  Wörter  vorschnell  nachzuweisen,  und  was  ich  hier  ver- 
suchte ist  fern  vom  anspruch  auf  Sicherheit;  blosz  das  recht  sollte 
ihnen  angeeignet  werden,  mit  in  den  kreis  unsrer  urverwandten 
sprachen  zu  gehören. 

Im  allgemeinen  waren  die  Skythen,  gleich  den  Germanen  oder 
Slaven  der  vorzeit,  wilde  aber  edle  nomaden,  wie  die  vergleichung 
ihrer  mythen  und  brauche  zeigt.  Lucians  schöne  sagen  von  skythi- 
scher  treue  und  tapferkeit  scheinen  echt  und  unerdichtet;  die  heisze 
pflugschar  der  Skythen,  das  niedersitzen  auf  der  rindshaut,  das  trin- 
ken aus  dem  schädel,  ihr  leichengerüste,  den  hungergürtel,  die  wer- 
wölfe  und  andres  habe  ich  auch  in  unserm  alterthum  angetroffen, 
bemerkenswerth  dünkt  mich,  dasz  Lucian  den  Skythen  die  libation 
oder  weinspende  abspricht:  ov  yag  e&og  rjulv  e7t%elv  tov  olvov,  237 
alla  vßgig  elvcu  doxel  tovto  elg  tov  fteov.  Tox.  45.  auch  die 
germanischen  helden  tranken  minne,  ohne  dabei  auszugieszen,  die 
Litthauer  gössen  aber  aus  (mythol.  s.  52.    Haupt  1,  142.  145). 

Leichtes  kaufs,  wie  mit  den  Geten,  hat  die  neuere  forschung  sich 
auch  mit  den  Skythen  abfinden,  sie  als  unfruchtbar  für  die  geschichte 
der  Völker  und  sprachen  beseitigen  wollen,  beide  sind  aber  ansehn- 
liche glieder  einer  groszen  kette,  aus  welcher  sie  nicht  losgebrochen, 
wenn  schon  in  ihrem  vollen  gehalt  nicht  mehr  erkannt  werden  können. 


XL 
URVERWANDTSCHAFT. 


238  Das  worin  die  groszen  und  herschenden  sprachen  Europas 
untereinander  und  mit  ihrer  gemeinschaftlichen  asiatischen  quelle 
übereinstimmen,  gewahrt  sich  sowol  an  den  wurzeln  als  an  den 
biegungen  ihrer  Wörter,  eine  fülle  von  wurzeln  reicht  schichtenweise 
immer  durch  einen  beträchtlichen  theil  dieser  sprachen  und  es  zieht 
an  den  einflusz  der  lautverhältnisse  auf  die  beibehaltung  oder  ab- 
änderung  solcher  reihen  nach  manigfaltigster  stufe  zu  beobachten; 
beispiele  sind  bei  den  metallen,  dem  vieh  und  getraide  angeführt, 
aber  noch  manche  andere  eingeflochten  worden:  wie  wunderbar  ist 
das  aufblicken  der  namen  lovhog  Julius  juleis  geola  joulo,  oder  des 
hartmänöt  grodinnis  hruden  grudzien,  des  du  dubhlachd  ilbalza,  des 
namens  crusta  kregzde  und,  wenn  ich  recht  behalte,  hruzdö  hrodda. 
Dennoch  steht  diese  allenthalben  reich  entfaltete  gleichheit  oder  ähn- 
lichkeit  der  wörter,  wobei  es  nicht  selten  unmöglich  fällt  Verwandt- 
schaft von  entlehnung  zu  sondern,  an  beweiskraft  dem  viel  inner- 
licheren einklang  der  grammatischen  flexion  nach,  und  man  hat  längst 
dem  grundsatz  gehuldigt,  dasz  diese  letztere  vorzugsweise  über  die 
nähe  oder  ferne  einzelner  sprachen  zu  entscheiden  habe. 

Bei  der  endlosen  und  erstaunenden  manigfaltigkeit  aller  wurzeln 
und  bildungen  leuchtet  aber  ein,  dasz  kaum  irgend  einer  verwandt- 

239  schaft  durch  alle  sprachen  gefolgt  werden  könne,  sondern  sie  hier 
oder  dort  abbrach  leiden  und  einem  Wechsel  räum  geben  müsse,  die 
s.  153  mitgetheilten  formen  des  Wortes  name  reichen  ein  fast  durch- 
greifendes beispiel  dar  und  weisen  gleichwol  auf  doppelte  von  einan- 
der weichende  wurzeln. 

Mit  recht  hat  man  drei  kennzeichen  ermittelt,  welche  in  sämt- 
lichen urverwandten  sprachen,  wo  nicht  unverändert,  doch  höchst 
deutlich  und  eigenthümlich  anzutreffen  sind,  und  füglich  als  Symbol 
derselben  aufgestellt  werden  dürfen,  ich  meine  die  schon  s.  8  an- 
gegebne Übereinkunft  der  zahlen,  persönlichen  pronomina  und  ein- 
zelner formen  des  Substantiven  verbums,  will  aber  noch  ein  viertes 
characteristisches  beispiel  zufügen. 


URVERWANDTSCHAFT 


167 


Alle  Zahlwörter  gelin  aus  von  den  fingern  der  hände,  wie  noch 
jetzt  Völker,  bei  welchen  lebhaftes  gebärdenspiel  gilt,  namentlich 
Italiener,  um  zu  zählen  die  finger  auszustrecken  pflegen,  unser 
Sprichwort  rer  kann  nicht  einmal  fünf  zählen',  fmehr  als  fünf  zählen 
bezeichnet  die  allerniedrigste  oder  eine  höhere  stufe  der  fähigkeit  sich 
auszudrücken,  es  gibt  Völker,  die  sich  mit  einer  hand  begnügend 
nur  bis  zu  fünf  zählen  (die  Griechen  nennens  Ttz\niatßiv)  und  von 
sechs  bis  zehn  die  nemlichen  Wörter  mit  einem  beisatz  wiederholen, 
weit  die  meisten  rechnen  aber  nach  den  fingern  beider  hände  und 
haben  zehn  einfache  unterschiedne  Zahlwörter,  auf  welche  dann  zu- 
sammengesetzte, jene  einfachen  in  sich  enthaltende  folgen,  aus  solchen 
Wiederholungen  der  fünf  und  zehn  zahlen  ergeben  sich  eigenthüm- 
liche  benennungen  für  die  begriffe  15,  20,  30,  60,  100  und  120,  wo- 
von noch  späterhin*.  Hier  ist  es  blosz  um  gleichheit  der  zehn  ersten 
grundzahlen  zu  thun,  die  in  jeder  spräche  unentlehnt  vorhanden  sind. 


I 

II 

in 

IV 

V 

skr. 

eka 

dva 

tri 

tschatvär 

pantschan 

zend. 

a§va 

dva 

thri 

tschathvär 

pantschan 

pers. 

jeki 

du 

sih 

tschehar 

pendsch 

gr- 

* 

Ö.VO 

TQSig 

tsööccQEg 

jievre 

lat. 

unus 

duo 

tres 

quatuor 

quinque 

litth. 

wienas 

du 

trys 

keturi 

penki 

lett. 

weens 

diwi 

trihs 

tschetri 

peezi 

sl. 

jedin 

dva 

tri 

tschetyri 

pjat' 

poln. 

jeden 

dwa 

trzy 

cztöry 

pi^c 

böhm. 

geden 

dwa 

Wm 

ötyrj 

p*t 

goth. 

ains 

tvai 

preis 

fidvör 

fimf 

ahd. 

ein 

zuenß 

drl 

fior 

finf 

ags. 

an 

tvegen 

J)ri 

feover 

fif 

engl. 

one 

two 

three 

four 

five 

altn. 

einn 

tveir 

J>rir 

fiorir 

fimm 

schwed. 

en 

tvä 

tre 

fyra 

fem 

ir. 

aon 

do 

tri 

ceathair 

cuig 

welsch 

un 

dau 

tri 

pedwar 

pump 

armor. 

unan 

daou 

tri 

pevar 

pemp 

VI 

VII 

VIII 

IX 

X 

skr. 

schasch 

saptan 

aschtan 

navan 

daäan 

zend. 

csvas 

haptan 

astan 

navan 

da&an 

pers. 

schesch 

heft 

hescht 

nuh 

deh 

gr. 

H 

mxa 

OXTCO 

evvea 

dkna 

lat. 

sex 

septem 

octo 

novem 

decem 

litth. 

szeszi 

septyni 

asztuni 

dewyni 

deszimt 

lett. 

seschi 

septini 

astoni 

dewini 

desmit 

240 


*  die  transactions  of  the  american  ethnological  society  vol.  1  Newyork 
1845  geben  nach  p.  114  eine  lehrreiche  tafel  amerikanischer  Zahlwörter. 


168 


URVERWANDTSCHAFT    ZAHLEN 


VI 

vn 

vm 

IX 

X 

sl. 

sehest' 

sedm' 

osm' 

devjat' 

desjat 

poln. 

szesc 

siedm 

osm 

dziewi^c 

dziesi^( 

böhm. 

sest 

sedm 

osm 

dewet 

deset 

goth. 

saihs 

sibun 

ahtau 

niun 

taihun 

ahd. 

sehs 

sipun 

ahtö 

niun 

zehan 

ags. 

six 

seofon 

*  eahta 

nigon 

tyn 

engl. 

six 

seven 

eight 

nine 

ten 

altn. 

sex 

sjö 

ätta 

nlu 

tlu 

schwed. 

sex 

sju 

ätta 

nio 

tio 

ir. 

se,  sea 

seacht 

ocht 

noi 

deich 

weisen 

chwech 

saith 

wyth 

naw 

deg 

armor. 

chouech 

seiz" 

eiz 

nao 

dek 

241  Wie  nah  sich  alle  diese  formen  stehn,  fällt  ins  äuge,  und  man  braucht 
nur  die  abweichung  der  dialecte  zu  beobachten,  so  schwinden  schein- 
bare Verschiedenheiten. 

Bei  der  einzahl  zieht  das  N  in  unus  (früher  oenus  oinus)  an  einn 
aon  un  den  blick  auf  sich;  auch  das  preuszische  ains,  litth.  wienas, 
lett.  weens  stimmen  (engl,  one  lautet  wie  uon,  won),  die  gr.  zahl 
zeigt  es  im  neutr.  sv  und  svdexa,  folglich  steht  elg  für  dvg,  evg, 
wie  der  gen.  svog  bestätigt ;  dasz  nun  dies  N  überall  der  ableitung, 
nicht  der  wurzel  gehöre,  scheint  das  sl.  jedin  zu  lehren,  dessen  D 
dem  in  sedm  gleicht,  also  in  andern  sprachen  labialis  sein  dürfte ;  es 
mag  aber  dunkel  bleiben,  welcher  consonant  vor  dem  N  in  unus  ains 
aon  ausfiel.  Benfey  1,  3  nimmt  das  zendische  aöva  6va  für  urgestalt 
und  nähert  ihr  das  homerische  Xu  für  plu  =  flu,  wie  oiog  solus 
stammen  soll  aus  oiFog;  das  skr.  eka  deutet  Bopp  s.  308  aus  Ver- 
bindung des  demonstrativen  e  und  interrogativen  ka,  sl.  jedin  aus  skr. 
ädi  primus,  unus  ains  olog  =  olvog  skr.  demonstrativum  ena;  Holtz- 
mann  (über  den  ablaut  s.  37)  legt  dem  ena  oino  ain  eine  form  wie 
asna  zum  gründe,  wofür  lat.  as  assis  als  unio  und  bini  aus  bisni 
(wie  terni  aus  ter)  geltend  zu  machen  wäre,  ich  möchte  über  diese 
consonanz  wie  das  ihr  folgende  N  den  spruch  noch  offen  erhalten,  es 
wird  dabei  auch  der  anlaut  S  in  semel  simul  singuli  zu  erwägen  sein. 

In  II  und  III  bewahren  alle  diese  sprachen  lingualanlaut ;  nur 
fällt  persisches  sih  für  tri  auf  und  scheint  aus  der  zendischen  aspirata 
thri,  wobei  noch  das  R  schwand,  erklärbar*.  Höchst  merkwürdig 
aber  ist  das  adverbiale  lat.  bis  für  duis,  skr.  dvis,  gr.  öig,  goth.  tvis 
tvizva,  ahd.  zuiro,  mhd.  zwir;  dasselbe  B  zeigt  sich  in  vielen  Zusam- 
mensetzungen, in  biga  biduus  binus  bimus  (vgl.  triga  triduus  trinus 
trimus)  und  in  bellum  für  duellum  Zweikampf  Zwietracht**,  ähnlich 

242  entsprang  lat.  viginti  [Bopp  vgl.  gr.  456]  aus  duiginti***,  gr.  e'faoöi, 

*  im  hindostanischen  lautet  III  tin,  wo  wieder  ti  für  tri. 

**  dem  zweiten  wort  in  bellum  duellum  vergliche  sich  proelium  aus  pro- 
vilium  produilium  (Benfey  2,  223),  vielleicht  auch  das  goth.  aljan  £??Aos, 
ahd.  elian  ellan,  certamen  robur  virtus. 

***  vgl.  vicessis  und  bicessis  =  viginti  asses. 


URVERWANDTSCHAFT  ZAHLEN  169 

episch  hlxoöi,  dor.  ü%an  Ibxati  j&ixati  ßinatL  (Ahrens  p.  279), 
lakoniscli  bei  Hesych  ßsUttti  aus  dvUccn,  ir.  fiche,  gal.  fichead  aus 
duiche  duichead,  skr.  vinsati  (zend.  visati,  pers.  bist)  aus  dvasati 
dvisati;  der  abstand  des  XX  von  II  ist  demnach  uralt,  doch  alle 
deutschen,  litthauischen,  slavischen  formen  lassen  dem  XX  seinen 
lingualanlaut. 

Zu  den  zahlen  IV— X  wäre  viel  anzumerken.  H  statt  S  ist  dem 
zend.  haptan,  gr.  ff  und  snzd  gemäsz,  ein  auch  sonst  unseltner 
Wechsel,  dem  noch  welsches  chwech,  arm.  chouech  angehört,  dem  P 
sind  ergeben  skr.  pantschan,  gr.  nevts,  osk.  pomtis*,  kelt.  pempe, 
litth.  penki,  sl.  pjat',  und  das  lautverschobne  fimf  gegenüber  dem  K 
des  lat.  quinque;  franz.  cinq,  ir.  cuig.  etwas  anders  stellt  sich  das 
Verhältnis  in  der  vierzahl  wo  aeol.  Ttlövgeg  7t8övg£g  7C86övgeg,  osk. 
petora,  welsches  pedwar,  goth.  fidvör  den  lippenlaut  hegen,  lat.  qua- 
tuor,  albanesisches  xcctsq,  litth.  keturi,  ir.  ceathair,  gal.  ceithir  den 
kehllaut,  dessen  ausspräche  leicht  in  das  TSCH  von  tschatvar,  tsche- 
har,  tschetri,  tschetyri,  czUrj  übertritt  und  im  gr.  tsoöaQeg,  Jon. 
TSöötQtg,  dor.  tktOQeg  terogsg  reine  lingualtenuis  annimmt,  so  dasz 
im  IV  alle  consonantorgane  anlauten. 

Was  die  inlaute  betrift,  so  nähert  sich  aeol.  Tte^iTte  für  itkvxz 
und  überall  das  ordinale  ns^intog  dem  keltischen  pempe  (in  pempe- 
dula,  oben  s.  210),  welschen  pump  und  goth.  fimf,  während  rtevte, 
osk.  pomtis  näher  stand  zu  sl.  pjat'  p$t,  und  skr.  pantschan  mitte 
hält  zwischen  %kvxe  und  litth.  penki,  dessen  inlaut  dem  des  lat.  quin- 
que begegnet;  das  reine  T  in  nkvre  stimmt  zu  dem  in  thogsg. 

Gleich  liegen  sich  in  den  zahlen  V  VII  VIII IX  X  skr.  pantschan 
saptan  aschtan  navan  dasan  die  ausgänge  -an,  deren  stelle  im  gr.  tisvts 
ETttcc  6kz(d  Ivvka  dixa  überall  vocal  und  zwar  verschiedenartiger  ein- 
nimmt; die  Zusammensetzungen  öxrccödxtvXog  nsvtadccxtvXog  u.  s.  w. 
bewahren  noch  7tsvrd  otctcc;  weil  diese  spräche  kein  auslautendes  M243 
wol  aber  N  duldet,  darf  man  auf  kein  älteres  Ttevtdv  entdv  schlieszen, 
nur  auf  7ievtd(i  STttd^i,  wie  es  im  ordinalen  eßöo[tog  erscheint,  dazu 
stimmen  auch  die  lat.  Septem  novem  decem  und  septimus  decimus, 
während  nonus  =  novenus  M  in  N  schwächte  und  die  cardinalen 
quinque  und  octo  beider  verlustig  gehn**.  die  litth.  septyni  aszüni 
dewyni  behalten  N,  deszimt  (preusz.  dessimpts)  sogar  M,  ebenso  die  sl. 
sedm'  osm'  altes  M,  doch  devjat  desjat  entrathen  aller  liquida.  unsere 
goth.  sibun  niun  taihun  behaupten  den  ausgang,  in  fimf  und  ahtau 
gebricht  er,  was  bemerkenswerth  zum  gr.  und  lat.  nevte  oxtco,  quinque 
octo  stimmt;  nicht  zu  übersehn  die  länge  der  ultima  von  oxtc?  und 
ahtau,  denn  auch  im  lat.  octo  sollte  der  vocal  lang  auslauten,  doch 
die  dichter  corripieren  schon  und  nur  in  octodecim  octoginta  haftet 
die  länge ;  statt  des  letzteren  auch  octuaginta.    keine  keltische  zunge 


*  woher  der  samnitische  name  Pontius  =  Quinctius. 
**  auch  die  adverbia  septies  novies  decies  legen  das  M  ab  und  stehn 
wie  quinquies  sexies  octiesj  vgl.  den  mannsnamen  Decius  neben  Septimius. 


170  URVERWANDTSCHAFT  ZAHLEN 

hat  solchen  ausgang*,  wie  er  in  allen  urverwandten  der  sechszahl 
abgeht,  der  er  doch  höchst  wahrscheinlich  anfangs  gleichfalls  zu- 
stand, und  die  salischen  chunnas  liefern  uns  in  der  that  neben  VII 
septun  auch  VI  sexan.  diesem  merkwürdigen  sexan  steht  demnach 
altertümlichere  form  zu  als  selbst  dem  skr.  schasch. 

Der  am  sl.  sehest  devjat  desjat,  litth.  dezimt  zutretende  auslaut 
T  gleicht  dem  der  lat.  ordinalien  quartus  (f.  quatuortus)  quintus 
sextus,  der  gr.  tiragtog  nkpjtzog  exrog  evvcctog  öexaxog,  der  goth. 
fimfta  saihsta  sibunda  ahtuda  niunda  taihunda  und  scheint  superlativer 

244natur;  sollte  nicht  das  T  in  dem  cardinalen  nivts  pomtis  pjat',  in 
saptan  Septem  htxa  septyni  seacht  und  in  aschtan  octo  oxreo  aztüni 
ahtau  acht,  die  media  in  eßdopog  öydoog  denselben  grund  haben?  aber 
auch  das  M  oder  N  in  Septem  decem,  septimus  deeimus  u.  s.  w.  sind 
superlativisch**,  in  Septem  und  deszimt  tauschen  M  und  T  die  stelle. 
Man  hat  sich  bemüht  in  den  sinn  der  wurzeln  dieser  zehn  zah- 
len einzudringen,  und  für  pantschan  die  ausgestreckte  hand  mit  fünf 
fingern  von  patsch  extendere  (a  digitis  quinque  extensis),  für  da£an 
beide  hände  mit  zehn  fingern,  von  dal  monstrare  gefunden,  gleich- 
wol  scheidet  eigentlich  der  Perser  pentsch  pugnus,  pendsch  quinque, 
der  Slave  pjast  pugnus,  pjat'  quinque,  der  Pole  pi^sc  pugnus,  pi^c 
quinque,  und  noch  weiter  entfernen  sich  pugnus,  nvyvtj  nv%,  füst 
faust  von  der  fünfzahl;  aber  die  Verwandtschaft  der  Wörter  kann 
doch  gelten  und  im  gemeinen  leben  wird  faust  durch  fünf  finger  um- 
schrieben, noch  unleugbarer  stehn  ddxtvlog,  digitus  und  zeha  (di- 
gitus  pedis)  mit  dexa  decem,  dsUvv^ii  und  zeigen  in  Zusammenhang. 
Einige  andere  zahlen  enthalten  vielleicht  die  begriffe  des  schichtens  und 
häufens  (Pott  1,  276.  277),  wie  umgedreht  die  edda  durch  besondere 
Substantive  den  verein  zweier,  dreier  u.  s.  w.  menschen  ausdrückt 
(rechtsalt.  s.  207).  so  bezeichnet  z.  b.  gallisches  ruta,  engl,  rout, 
mhd.  rotte  (Trist.  6895.  9332)  die  zahl  von  vieren.  In  der  neun- 
zahl scheint  die  Vorstellung  der  neuheit  gelegen,  da  dem  navan  novem 
Ivvia  niun  die  adjeetive  skr.  navas,  lat.  novus,  gr.  vsog,  litth.  naujas, 
preusz.  nauns,  sl.  novy,  goth.  niujis  ganz  nahe  kommen,  zählte  man 
nach  tetraden,  so  hob  mit  neun  die  dritte  tetras  an,  und  auf  solcher 
Wiederkehr  beruhten  die  römischen  nundinae  =  novendinae.  befremd- 
lich scheint  die  ab  weichung  der  sl.  und  litth.  form,  allein  devjat  de- 
wyni  dewini  stehn  sichtbar  für  nevjat  newyni  newini,  wie  das  preusz. 

245  newints  =  litth.  dewintas  zeigt.  Mit  diesen  zehn  grundzahlen  werden 
nun  durch  addition,  multiplication,  einigemale  auch  subtraction  alle 
übrigen  zusammengesetzt,  wobei  wieder  die  sprachen  wunderbar  über- 
eintreffen.    Der  häufige  gebrauch  solcher  Wörter   sucht  jedoch  viel- 

*  doch  im  irischen  seachtmhogha  =  LXX,  ochtmhogha  =  LXXX  bricht 
das  uralte  M  durch  und  erweist  ein  seachtm,  ochtm  statt  seacht,  ocht. 
Bopp  (über  die  celt.  spr.  s.  23)  schlieszt  scharfsinnig  aus  der  nach  seacht 
ocht  naoi  und  deich  stattfindenden  eclipse,  dasz  diese  zahlen  früher  nasa- 
len ausgang  hatten,    [unten  s.  377.] 

**  vgl.  die  irischen  ordinalien  ceathramadh  (quartus)  seachtmhad  (septi- 
mus) naomhadh  (nonus)  deachmhadh  (deeimus)  aonmhadhdeag  (undeeimus). 


URVERWANDTSCHAFT  ZAHLEN  171 

silbigen  formen  auszuweichen  und  gestattet  sich  von  ältester  zeit  an 
starke  kürzungen,  deren  analogie  dem  beweis  der  Verwandtschaft 
nicht  gering  zu  statten  kommt. 

Die  zahlen  XI — XIX  bilden  sich  auf  dem  wege  der  addition: 
skr.  ekäda&an  dvädaäan  trajödaäan  tschaturdaäan ;  zend.  aevanda&an 
dvadaäan  tschatrudaäan ;  pers.  jänzedeh  duäzdeh  sizdeh  tschehardeh; 
gr.  svöexcc  da  dexa  TQLgxcdöexa  TEööccQSSxaldexa  (man  merke  von  XIII 
an  die  einschaltung  des  xa/);  lat.  undecim  duodecim  tredecim  qua- 
tuordecim  (das  von  decem  abweichende  I  der  letzten  silbe  ist  wie  im 
ordinalen  decimus) ;  ir.  aondeag  dodeag  trideag  ceathairdäag  (deag  für 
deich).  Die  Slaven  fügen  die  praep.  na  (auf,  nach)  zwischen  beide 
zahlen:  jedinonadesjat'  dvanadesjat'  trinadesjat',  was  wollautende  aber 
vielsilbige  formen  hervorbringt,  die  sich  in  neueren  sprachen  syncope 
gefallen  lassen,  poln.  jedenascie  dwanascie  trzynascie;  böhm.  gedenäct 
dwanäct  trinäct.  unter  den  romanischen  sprachen  kürzt  die  franz. 
zumal  ab:  onze  douze  treize  quatorze  quinze  seize.  Merkwürdig  ist 
das  analoge  verhalten  deutscher  und  litth.  zunge,  nemlich  schon  die 
goth.  verfährt  für  XIII— XIX  auf  die  eben  dargestellte  weise  und 
'setzt  jpritaihun (?)  fidvörtaihun  fimftaihun  zusammen,  ahd.  drizehan 
fiorzehan,  nhd.  dreizehn  vierzehn*  u.  s.  w.,  ags.  J>reottyne  feovertyne 
u.  s.  w.,  altn.  prettän  fiortän  u.  s.  w.,  schwed.  tretton  fjorton,  dän. 
tretten  horten  u.  s.  w.**,  nur  bei  XI  und  XII  (den  zahlen  die  griech. 
ohne  xat  stehn),  geschieht  anderes.  XI  lautet  goth.  ainlif  gen.  ainlibß, 
ahd.  einlif,  ags.  endleofan,  mhd.  einlef,  nhd.  eüf,  altn.  ellifu,  schwed.  246 
ellofva  elfva,  dän.  elleve ;  XII  goth.  tvalif  gen.  tvalibe,  ahd.  zvelif,  ags. 
tvelf,  mhd.  zwelef,  nhd.  zwölf,  altn.  tölf,  schwed.  tolf,  dän.  tolv.  nicht 
anders  bilden  die  Litthauer  und  zwar  sämtliche  zehner  statt  mit 
deszimt  mit  angefügtem  lika:  wienolika  dwylika  trylika  keturölika 
penkiolika  szeszölika  septinölika  asztünölika  dewinölika;  doch  die  Let- 
ten gehn  nach  sl.  weise  zu  werke,  indem  sie  den  gewöhnlichen  cardi- 
nalien  die  praep.  pa  einschalten:  weenpadesmit  diwipadesmit  (gekürzt 
diwpazmit)  trihspadesmit  (trihspazmit).  Wie  sind  nun  unser  eilf  und 
zwölf  und  die  litth.  zehner  zu  erklären?  früher  hatte  ich  ans  litth.  likti 
superesse,  remanere,  linqui  und  das  goth.  leiban  gedacht,  so  dasz  bei  eilf 
zehn  und  eins  darüber,  bei  zwölf  zehn  und  zwei  darüber  gemeint  wäre 
und  lika,  lif  den  sl.  und  lett.  praep.  na,  pa  gliche,  die  zehnzahl  selbst 
aber  der  kürze  wegen  blosz  in  gedanken  bliebe,  eben  die  Verschieden- 
heit von  lika  und  lif,  welche  in  beiden  sprachen  auf  das  überbleiben 
führt,  schien  meiner  deutung  zuzusagen.***  Da  indessen  alle  zahlbildung 


*  überall  ohne  und,  das  nur  ausnahmsweise  beigefügt  wird :  cdriu  und 
zehen  jar'  Docens  misc.  1,  103.  so  heiszt  es  episch  und  jonisch  övoxaiösxa 
statt  dcoösxcc. 

**  diese  nordischen  -tan,  -ton,  -ten  der  zusammengesetzten  zehner 
wahren  den  alten  N  auslaut,  während  das  einfache  zehn  tiu,  tio,  ti  lautet. 

***  Almqvists  svensk  spräklära  s.  40  will  bei  ellofva  und  tolf  an  lofVe, 
hole  hand  denken:  man  habe  nach  den  zehn  fingern  für  die  ersten  zahlen 
beide  innere  handflächen  für  XI  und  XII  verwendet,    doch  lofve,  altn.  löfi, 


172  URVERWANDTSCHAFT  ZAHLEN 

nur  mit  zahlen  selbst  und  (von  jenen  praep.  abgesehen)  nicht  durch 
andere  Wörter  bewerkstelligt  wird,  so  gebe  ich  Bopps  annähme  den 
Vorzug,  dasz  in  ainlif  tvalif  und  allen  litth.  Zusammensetzungen  mit 
lika  formen  einer  uralten  zehnzahl  erhalten  sind,  auf  welche  die 
Schicksale  des  gewöhnlichen  worts  keinen  einflusz  übten,  im  präkrit 
gilt  alleinstehend  daha  für  skr.  das"an,  in  der  composition  aber  -raha, 
z.  b.  XII  lautet  väraha  —  skr.  dvadaäa,  XVIII  attfäraha  =  skr.  asch- 
tädaia,  aus  D  in  L  (dingua  lingua)  ist  der  Übergang  noch  leichter 
als  in  R,  ja  von  Bopp  §.  319    beigebrachte  hindostanische  formen 

247  schwanken  geradezu  zwischen  D  R  L :  XI  igäreh,  XII  bäreh,  XIII  tireh, 
XIV  tschandeh,  XV  pandreh,  XVI  söleh,  XVII  setreh;  hiernach  führt 
litth.  lika  auf  dika  =  decem,  dexa  zurück  und  das  F  B  in  lif  übe 
mag  sich  wie  in  fimf:  penki  oder  sibun:  seacht  verhalten.  Nicht  allein 
hat  die  entwickelte  theilweise  analogie  des  deutschen  und  litth.  zahl- 
systems,  ihres  hohen  alters  wegen,  für  die  nähe  beider  werth,  son- 
dern die  deutsche  beschränkung  dieser  anomalie  auf  XI  und  XII  be- 
kundet zugleich  duodecimalen  einflusz,  der  noch  anderwärts  vorbricht. 

So  viel  von  den  zehnern;  fragt  sich  um  die  decaden.  das  Sans- 
krit hat  dazu  die  offenbar  aus  daiati  gekürzte  form  sati,  XX  vinsati, 
XXX  trin&at,  XL  tschatvarinsat,  L  pantschaäat,  LX  schaschti,  LXX 
saptati,  LXXX  a£iti,  XC  navati  statt  der  vollen  dvida^ati  trida&ati 
tschat  väradasati  schachdaäati  navadaäati.  analog  sind  e'Uoöv  eXxozl 
ßeixuxL  für  ßlöenau,  TQidxovta  =  TQLccdeitovTa,  tsööaQaKOVTa  —  teö- 
oaQCcdenovta  n.  z.  X.  lat.  viginti,  triginta,  quadraginta,  quinquaginta 
u.  s.  w.  =  bidecinti  tridecinta  quatuordecinta ;  G  für  C  wird  man  leicht 
fassen,  da  der  altlat.  schrift  zur  media  und  tenuis  des  kehllauts  nur 
ein  buchstab  diente  und  Geres  Ceres  ausgedrückt  wurde;  neben  vi- 
gesimus  trigesimus  erhielten  sich  vicesimus  tricesimus.  duodecim 
schied  sich  deutlich  von  viginti  und  tredecim  von  triginta  (tridecinta). 
Noch  stärkere  kürzung  leiden  die  franz.  vingt,  trente,  quarante  und 
sind  gleich  bestimmt  von  douze  treize  quatorze  verschieden.  Die 
irischen  decaden  flehe  (fichid),  triochad,  ceathrachad,  caogad,  seasgad, 
seachtmhogha ,  ochtmhogha,  nochad  müssen  wiederum  auf  ein  ur- 
sprüngliches dodeichad,  triodeichad  u.  s.  w.  rückführbar  sein;  die  ar- 
morischen  ügent  tregont  gleichen  den  lat.  viginti,  triginta.  Die  sla- 
vischen  decaden  sondern  sich  dadurch  von  den  zehnern,  dasz  sie  das 
additionale  na  entbehren:  XX  dvadesjat',  XXX  tridesjat'  u.  s.  w.  ver- 
schieden von  XII  dvanadesjat',  XIII  trinadesjat'.  ebenso  stehn  poln. 
XX  dwadziescia,  XXX  trzydziesci  gesondert  von  dwanascie  trzynascie ; 
die  slavischen  decaden  erfahren  also  keine  kürzung. 

248  Nicht  zu  übersehn  ist  hier  eine  eigenheit  der  poln.  und  böhm. 
spräche,  welche  ihre  decaden  von  50—90  anders  bilden  als  die  von 
10 — 40,  nemlich  poln.  dziesi^c  dwadziescia  trzydziesci  czte"rdziesci, 
böhm.   deset  dwadeet   trideet   ötyrideet,    hingegen   poln.   pi^cdziesi^t 


ags.  löfa  fügt  sich  schon  nicht  zum  goth.  ainlif  tvalif,  und  wie  sollte  da- 
durch ein  unterschied  zwischen  XI  und  XII  möglich  werden? 


URVERWANDTSCHAFT  ZAHLEN  173 

szescdziesi^t  siedmdziesiat  osmdziesiat  dziewi^cdziesiat,  böhm.  padesat 
Sedesat  sedmdesat  osmdesat  dewadesat.  von  dieser  feinen  Unterschei- 
dung zwischen  dziesci  und  dziesi^t,  deset  und  desat  wissen  die  übri- 
gen mundarten  nichts,  selbst  die  altslavische  nicht. 

Auch  unsere  decaden  leiden  keine  kürzung  und  bilden  wiederum 
XX  XXX  XL  L  LX  anders  als  LXX  LXXX  XC,  nemlich  im  goth.  jene 
mit  dem  masc.  tigus,  diese  mit  dem  neutr.  tehund;  es  heiszt  dem- 
nach tvaitigjus  preistigjus  fidvörtigjus  fimftigjus,  für  LX  mangelt  lei- 
der beleg,  doch  mutmasze  ich  saihstigjus.  hingegen  sibuntehund 
ahtautehund  niuntehund.  ahd.  entsprechen  dem  goth.  tigus  zuc,  dem 
goth.  tehund  zo,  so  dasz  es  hiesz  zueinzuc  drizuc  fiorzuc  fimfzuc  sehs- 
zuc,  hingegen  sibunzö  ahtozö  niunzö ;  doch  gilt  der  unterschied  nur  für 
die  ältesten  denkmäler,  später  verwischt  er  sich  und  auch  den  drei 
letzten  decaden  wird  sibunzuc  ahtozuc  niunzuc  gegeben,  wie  mhd. 
überall  zweinzec  bis  niunzec,  nhd.  zwanzig  bis  neunzig,  ohne  unter- 
schied eintreten.  So  viel  ich  sehe,  hieng  die  alte  zwiefache  behandlung 
der  decaden  wieder  am  duodecimalsystem ;  galt  statt  des  hunderts  ein 
groszes  hundert  von  120,  so  war  dessen  hälfte  60,  und  wie  nach  12 
begann  nach  60  andere  zahlweise,  taihun  und  taihund  tehund  ent- 
sprechen lautverschoben  dem  lat.  decem,  gr.  Ö&xcc  und  ahd.  zö  scheint 
aus  zöh  erwachsen ;  tigus  aber  und  zuc  gleichen  lat.  deh,  gr.  de%,  man 
erwäge  jenes  lat.  G  in  viginti  triginta  für  C,  wiederum  aber  verhalten 
sich  tigus  und  tehund,  zuc  und  zö  wie  dziesci  und  dziesiat,  deset  und  desat. 

In  der  alts.  mundart  ist  uns  ein  räthsel  nicht  vollständig  gelöst, 
das  hier  eingreift:  während  XX  tuentig,  XXX  thrltig,  XL  fiartig, 
L  fiftig,  LX  sehstig  lauten,  wird  Hei.  5,  2  LXX  durch  antisbunta, 
15,  19  LXXX  durch  antahtoda  ausgedrückt  und  ebenso  stellt  die 
Freckenhorster  Urkunde  9,  22  neben  fiertig  muddi  gerston  antahtoda 
muddi  havoron* ;  sibunta  ahtoda  erscheinen  als  offenbare  Ordinalzahlen,  249 
ob  auch  cardinales  antsibuntig  antahtig  galt,  weisz  man  nicht,  aber 
aus  solchem  antahtig  ist  ohne  zweifei  das  plattdeutsche  tachentig, 
mnl.  tachtich  bei  Kilian  tachtentich ,  nnl.  tachtig  übrig,  wofür  sogar 
in  einem  nicht  rein  mhd.  denkmal  (Haupt  1,  16)  zachzig  gefunden 
wird,  und  nnl.  volksmundarten  gewähren  tzeventig,  tnegentig  für 
zeventig,  negentig.  Richthofen  weist  952b  aus  Urkunden  bei  Schwar- 
zenberg  tniogentich  tnogentich  auf,  wo  sonst  auch  tseventich  oft  er- 
scheint, man  sieht  klar,  dasz  dies  praefix  von  t-  und  früher  ant- 
wiederum  auf  die  zahlen  70  80  90  eingeschränkt  bleibt,  und  mit  dem 
goth.  tehund,  ahd.  zö  zusammenhängt,  20 — 60  aber  kein  praefix 
empfangen,  wie  ihnen  goth.  tigus,  ahd.  zuc  gebührt. 

Völlig  ins  reine  gebracht  wird  der  unterschied  durch  die  ags. 
decaden,  welche  XX — LX  durch  tventig  prittig  feovertig  fiftig  sixtig 
ausdrücken,  von  LXX  an  aber  hund  vorsetzen  und  (ursprünglich) 
die  Ordinalzahl  beifügen,     hund  bedeutet   decas  und   die  Ordinalzahl 


*  ahtedeg  ahtodoch  in  der  Essener  heberolle  ist  nach  hochdeutscher 
weise  achzig. 


174  URVERWANDTSCHAFT  ZAHLEN 

bezeichnet  den  begrif  der  Vielheit:  LXX  hundseofode,  LXXX  hunde- 
ahtode,  XC  hundnigode,  entsprechend  jenem  alts.  antsibunda  antah- 
toda  antnigunda,  und  ins  lat.  decas  septima,  decas  octava,  decas  nona 
zu  übersetzen,  unorganisch  bildeten  sich  aber  aus  solchen  ordinalien 
cardinalformen,  oder  man  gab  den  allmählich  eingeführten  seofontig, 
eahtatig,  nigontig  (die  den  späteren  ahd.  sibunzuc  ahtozuc  niunzuc 
statt  der  älteren  sibunzö  ahtozö  niunzö  gleichen)  dennoch  das  praefix, 
so  dasz  nun  in  hundseofontig,  hundeahtatig,  hundnigontig  die  decas 
doppelt,  einmal  im  praefix  und  nochmals  im  suffix  bezeichnet  wurde, 
den  nemlichen  pleonasmus  enthält  das  nl.  tachtig  und  jene  tzeventig 
tnegentig  der  volksprache. 

In  den  altn.  decaden  tuttugu  J>riätiu  fiörutiu  fimftiu  sextiu 
sjötiu  ättatiu  nlutlu  hat  sich  jene  goth.  ahd.  alts.   ags.   unterschei- 

250  düng  zwischen  20—60  und  70—90  zwar  nicht  bewahrt,  doch  soll 
hernach  ein  anderer  beweis  für  ihr  Vorhandensein  erbracht  werden, 
auch  stimmt  das  tugu  in  tuttugu  deutlich  zum  goth.  tigjus,  ahd.  zuc, 
das  tlu  der  übrigen  zum  goth.  tehund.  ahd.  zö,  und  man  darf  ver- 
muten, dasz  ältere  strengere  Sprachdenkmäler  prjatigir  fiörtigir  fimtigir 
sextigir  setzten  und  erst  mit  sjötiu  die  andere  form  begannen,  allen 
ordinalien  wird  -tugasta  gegeben,  organisch  sollte  es  nur  bis  60  gelten. 
Die  schwed.  decaden  tjuge  tretti  förti  femti  sexti  u.  s.  w.,  die  dän. 
tive  tredive  fyrgetive  u.  s.  w.  sind  hernach  leicht  zu  verstehn:  das 
schwed.  ti  war  gleich  dem  altn.  überall,  auszer  in  XX,  gedrungen, 
umgekehrt  das  dän.  tive  in  die  übrigen,  was  sich  rechtfertigt,  weil  diese 
Sprache  die  zahlen  70 — 90  durch  die  multiplication  halvfierdsindstive 
firesindstive  halvfemsindstive  schleppend  ausdrückt,  tredive  für  tretive 
ist  ungebührend  weichlich,  einigermaszen  wie  nhd.  dreiszig  für  dreizig. 

Nach  diesen  erörterungen  allen  wird  sich  die  der  hundertzahl 
nicht  verfehlen  lassen,  die  multiplication  zehnmalzehn  liegt  ihr  zum 
gründe  und  der  ausdruck  dafür  leidet  gewaltsame  kürzung. 

Das  skr.  satam,  zend.  satem,  pers.  szad  entspringen  aus  daäan- 
daäatam  daäädasatam;  das  gr.  ixaxov  aus  ösxccöexaxov,  so  dasz  von 
dixatov  nach  abgestreiftem  D  das  E  noch  übrig  blieb  und  aspiration 
empfieng;  von  ev  läszt  sie  sich  nicht  herleiten,  lat.  centum  gieng 
hervor  aus  decendecentum,  litth.  szimtas  aus  deszimdeszimtas,  ebenso 
lett.  simts.  sl.  sto  für  sjato,  soto  seto  (daher  noch  ordinal  sotnja 
setny)  und  dann  für  desjato,  dies  endlich  für  desjadesjato.  ir.  cead  für 
deichdeichad.  Dasz  dem  satam  exarov  centum  szimtas  sto  cead  nicht 
bloszes  desatam  dtxatov  decentum  deszimtas  desjato  deichead  unter- 
liege, sondern  die  decas  nochmals  vorausgedacht  werden  müsse,  folgt 
ausdernothwendig  multiplicierenden  Vorstellung  überhaupt,  dann  aber 
aus  der  analogie  der  zahlen  XX — XC :  ergab  sich  trinsat  aus  tridasati, 
triginta  aus  tridecinta,  so  können  sich  auch  &atam  centum  nur  aus  da- 
sädasatam  decemdecentum  ergeben.  Jeden  zweifei  benehmen  die  deut- 
schen formen,    neben  der  kürzung  hund,  die  dem  äatam  centum  ent- 

251  spricht,  gilt  bei  Ulfilas  zugleich  das  volle  taihuntehund,  welches  genau 
gebildet  ist  wie  sibuntehund  ahtautehund  niuntehund  und  nach  ihnen 


URVERWANDTSCHAFT  ZAHLEN  175 

fortschreitet,  nicht  anders  neben  hunt  das  vollere  zehanzö,  analog  dem 
sipunzö  ahtözö  niunzö;  allmählich  wird  aus  zehanzö  zehanzuc  und 
noch  mhd.  dauert  zehenzic  zänzic  für  100.  jetzt  kann  ich  erst  den 
begrif  des  groszen  hunderts  =120  ganz  klar  machen,  bis  60  wurde 
mit  tigjus,  von  70  —  120  mit  tehund  gebildet,  folglich  musz  der  Gothe 
nach  taihuntöhund  fortgezählt  haben  ainliftehund  =  110,  tvalifte- 
hund  =120  und  die  absonderung  der  einfachen  ainlif  tvalif  von 
pritaihun  erscheint  völlig  angemessen,  geradeso  mutmasze  ich  ahd. 
einlifzö  =  110,  zuelifzö  =  120  und  weiter  alts.  anttegoda  =  100, 
antellifta  =  110,  anttuelifta  =  120*.  ags.  folgt  wirklich  auf  hund- 
nigontig  =  90  ein  hundteontig  =100,  hundendlufontig  =  110,  hund- 
tvelftig  =  120.  altn.  heiszt  es:  niutiu  90,  tiutiu  100,  ellifutlu  110, 
tölftiu  120;  gleichviel  mit  tiutiu  ist  aber  gekürztes  hund,  vgl.  die 
Zusammensetzungen  hundgamall,  hundmargr,  und  wiederum  folgt  aus 
dem  hund  der  für  die  altn.  lautlehre  wichtige  satz,  dasz  tiu  aus 
tihun  =  goth.  taihun  hervorgegangen  sei,  hund  =  tihund  stehe, 
H  und  N  also  hier  in  der  älteren  spräche  gewesen  sein  müssen. 

Erklärung  begehrt  aber  noch  der  auslaut  dieser  offenbar  Sub- 
stantiven bildungen.  das  T  in  satam  centum  exatöv  fand  sich  nicht 
in  dasan  decem  dexa,  wol  war  das  T  von  szimtas  und  sto  bereits 
in  deszimts  und  desjat  vorhanden.  M  und  T  dieses  deszimts  erschie- 
nen vorhin  superlativisch  und  identisch  dem  M  in  decem  septem,  dem 
T  in  septem  octo  quartus  sextus  7ie[i7itog  dexccxog ;  denkbar  wäre, 
dasz  eine  frühere  gestalt  des  skr.  daäan,  lat.  decem  gelautet  habe 
dasat,  da&ant  decent  und  daraus  äatam,  centum  folge,  wie  excczov 
stimmt,  das  -am,  -um,  -ov  ist  der  gewöhnliche  neutralausgang  dieser 
drei  sprachen,  gleiches  gilt  vom  o  des  sl.  sto;  da  die  litth.  ihr  neutr. 
verloren  hat,  faszt  sie  szimtas  männlich,  dem  goth.  neutr.  hund  oder 
tehund  ist,  wie  gewöhnlich,  sein  kennzeichen  abgefallen,  der  pl.  hat  252 
richtig  hunda;  im  ahd.  zö  (für  zöh,  zöhunt?)  scheint  alle  substantiv- 
kraft  erloschen,  das  ags.  hund  gilt  mir  unbedenklich  für  neutral, 
und  ihm  musz  das  alts.  ant  identisch  sein,  dessen  T  durch  das  nl. 
in  tachtig  bestätigt  wird,  und  doch  aus  D  verderbt  oder  das  lat.  T 
in  cent  geblieben  sein  mag;  die  aphaerese  des  H  in  einem  wort,  wo 
lauter  aphaeresen  walten,  kann  nicht  befremden:  das  nl.  -t  hat  sogar 
noch  AN  weggeworfen,  ant  oder  hant  erklärt  sich  nur  aus  tehant, 
welches  tehan  für  tehun  taihun  voraussetzt  und  zumal  ahd.  zehan 
stimmt,  während  umgekehrt  ahd.  neben  der  zahl  zehan  hunt  besteht, 
für  die  zahlen  20—60  bedient  sich  die  goth.  spräche  des  männlichen 
tigus,  pl.  tigjus,  welchem  ahd.  zuc,  zic,  ags.  tig,  altn.  tugr  entspricht; 
im  ausgang  von  tuttugu  (goth.  tvaitigjus)  ist  entweder  der  acc.  pl. 
von  tugr,  oder  eine  alte  sonst  verlorne  nominativform. 

Allein   etwas   anderes   kommt   in   betracht.     nicht  in  rein  ahd., 
geschweige  in  goth.  Sprachdenkmälern  erscheint  eine  fortbildung  des 


*  wäre  irgend  ein  nl.  ttientig  =  100,  telftig  =110,  ttwalftig  =  120 
zu  spüren? 


176  URVERWANDTSCHAFT  ZAHLEN 

wortes  hunt,  so  viel  ich  weisz  liefern  uns  die  glossen  der  Herrad 
zuerst  hundert  für  centum,  nicht  viel  früher  hat  die  Freckenhorster 
urk.  hunderod,  und  schon  im  ältesten  mhd.  finde  ich  allenthalben 
hundert  an  die  stelle  des  einfachen  hunt  getreten,  noch  höher  reicht 
in  den  ags.  gesetzen  hundred  centuria  und  alle  fries.  rechtsbücher 
zählen  mit  hundred,  wie  im  hd.  hundert  ist  nl.  honderd,  engl,  hun- 
dred allgemein  durchgedrungen,  altn.  hundrad  begegnet  bereits  in 
deredda:  fimm  hundrad,  ätta  hundrad,  sjö  hundrad,  Ssem.  43a.  135a; 
schwed.  hundrade,  dän.  hundrede,  wie  zu  deuten  ist  diese  bildung? 
man  denkt  an  centuria  und  centurio  aus  centum,  wofür  ahd.  hun- 
tari,  hunteri  gesagt  wurde  *;  aus  huntari  entspränge  dann  weiter 
huntaröt,  anfänglich  für  centuria,  allmählich  für  centum. 

Stutzig  macht  nur  eine  mit   absieht  noch  unerwähnt  gebliebne 

253  altn.  ausdrucksweise  wiederum  für  die  zahlen  70 — 120:  siraed  ättraßd 
nlraed  tiraed  ellefraed  tölfraed  (unter  welchen  ich  jedoch  siraed  und 
ellefraed  nach  der  analogie  ansetzte,  nicht  gelesen  habe),  wovon  sich 
hernach  die  adjeetive  ättraedr  octogenarius ,  nitraedr  nonagenarius, 
tlraedr  centenarius  bilden,  dabei  ist  sichtbar  die  decas  ausgelassen 
und  ättraed  steht  für  attatiuraed,  tiraed  für  tiutiuraed,  tölfraed  für 
tölftiuraed;  da  nun  tiutiu  gleichviel  mit  hund  war,  liesze  sich  auch 
hundraed  setzen,  aus  welchem  mit  vocalkürzung  hundrad  pl.  hundrüd 
geworden  ist.  auf  gleiche  weise  wäre  das  ags.  hundred  eigentlich 
hundröd,  hundraed,  das  ahd.  hunterot  aber  huntarät  und  raed,  ahd. 
rät,  goth.  reds  enthielte  den  begrif  von  ordo,  T«£tg**. 

In  benennung  der  chilias  zeigt  sich  von  neuem  die  oft  geprüfte 
ähnlichkeit  deutscher,  litthauischer  und  slavischer  zunge.  goth.  Jmsundi 
fem.  pl.  Jmsundjös,  ahd.  düsunta,  auch  fem.  (denn  T.  53,  10  zu  athu- 
sunta),  oft  aber  düsunt  neutral  und  unflectiert,  mit  beigefügtem  gen. 
pl.,  und  so  mhd.  durchgehends  tüsent,  unorganisch  für  düsent,  nhd. 
tausend  für  dausend;  alts.  thüsundig  (auch  ahd.  bei  N.  ps.  67,  18 
düsendig),  mnl.  dusentich,  nnl.  duizend;  ags.  ]aüsend  Julsenda,  engl, 
thousand;  altn.  püsund  neutr.,  schwed.  tusende,  tusen,  dän.  tusinde. 
Biörn  gibt  auch  ein  isl.  J)üsundrud  an.  altsl.  f'isuschtscha,  tysuscb- 
tscha  fem.,  russ.  tysjatscha,  poln.  tysiac,  böhm.  tisje.  lith.  tukstan- 
tis  fem.,  lett.  tuhkstots,  preusz.  tusimtons.  Um  die  herleitung  küm- 
merte sich  schon  N.,  indem  er  ps.  89,  5  düsent  als  Verderbnis  des 
roman.  descent  =  decies  centum  auffaszte,  wozu  der  begrif  vollkom- 
men stimmt,  und  das  bretagn.  dek  kant  ist  auch  so  zu  nehmen,  aber 
jene  formen  scheinen  nicht  leicht  auf  diesem  wege  zu  entspringen, 
denn  wäre  goth.  hund  =  taihuntehund,  so  müste  10X10X10  lau- 

254  ten  taihuntaihuntehund ,   sl.  desjadesjadesjato,    wovon  sich  schon  die 


*  NN  in  hunno  centurio  ist  wie  malb.  chunna.    für  das  ähnliche  de- 
curia  decurio  brauchte  man  aber  zehaninc  zehaningari. 

**  nach  diesem  tölfrsect  oder  groszen  hundert,  welches  120  betrug,  pflegte 
man  im  Norden  zu  rechnen,  zwei  solcher  hundert  machten  240,  drei  360. 
so  heiszt  es  in  der  Olaftryggv.  saga:  f>eir  höfdu  CC  manna  tölfraßd  =  240 
männer,  und  dem  jähr  gab  man  300  und  5  tage  =  365. 


URVERWANDTSCHAFT    ZAHLEN  177 

verschobnen  |>  und  t  in  pusundi,  tysuschtscha  entfernen,  oder  man 
hätte  ihnen  uralte,  dem  begrif  nach  natürliche  Verstümmlung  unter- 
zulegen; auch  mahnt  der  auslaut  ]3usund  an  hund  [unten  s.  552], 
wie  preusz.  tusimton  an  litth.  szimtas.*  Sanskrit  und  zend  geben 
dieser  zahl  den  namen  sahasra**,  hazanra,  worin  ich  noch  unsichrer 
den  stamm  das'an  spüren  würde ;  pers.  hezära.  Gleiches  dunkel  drückt 
den  Ursprung  des  gr.  %lUoi,  lesbisch  %kkXioi,  boeotisch  %tikioi,  dor. 
%rjlioi  (Ahrens  p.  281)  und  lat.  mille,  mile,  welches  in  allen  romani- 
schen sprachen  dauert  und  dem  auch  ir.  gal.  mile,  welsches  mil  ent- 
spricht; wiederum  stimmt  der  ausgang  -ile. 

Über  die  chilias  hinaus  haben  unsere  und  die  meisten  verwandten 
sprachen  keinen  ausdruck  entwickelt ;  auch  das  latein  nicht  für  [ivqiol, 
zendisch  baevare. 

Es  ist  zu  bedauern,  dasz  für  alle  diese  zahlvergleichungen  uns 
die  getischen,  thrakischen  und  skythischen  zahlen  beinahe  ganz  ent- 
gehn.  die  dakische  fünfzahl  war  durch  Übersetzung  des  krautnamens 
7iEvraq)vtäov  dargeboten,  doch  propedula  scheint  verschrieben  oder 
eine  andere  Vorstellung  einzuschlieszen  (s.  2 10).unbez weifelbar  gewährt 
uns  Herodot  das  skythische  arima  für  die  einzahl:  die  'Agi^aöTioi 
sind  ihm  [iovv6(p&cdiioi  3,  116.  4,  13  und  4,  27  wird  ausdrücklich 
erklärt:  agi[ia  yag  'ev  xaleovöi,  ^Ai,  ötiov  de  tov  6(pftal[i6v.  in 
arima  erscheint  nun  das  Superlative  M  der  lat.  ordinalien  septimus 
decimus  wie  der  cardinalien  Septem  novem  decem;  lag  dem  6na  das 
gemutmaszte  asna  zum  gründe,  wie  leicht  könnte  auch  asama,  asima  255 
vorhergegangen  sein,  welchem  arima  entspräche ;  zunächst  stände  ihm 
sl.  jedin.  vielleicht  aber  wäre  arim-aspu  zu  sondern  und  in  aspu  das 
lat.  oculus,  wie  in  asp  equus  enthalten***. 

Die  kenntnis  dieser  einen  skythischen  zahl  steigert  also  nur  das 
verlangen  nach  den  übrigen,  welche  das  Verhältnis  der  Urverwandt- 
schaft manigfach  erläutern  würden. 

Den  hohen  grad  des  annäherns  zwischen  allen  bisher  betrachteten 
sprachen  wird  ein  abstand  der  übrigen  desto  deutlicher  erkennen 
lassen,  welche  ich  darum  aushebe. 


*  merkwürdig  bezeichnet  in  der  lex  Visig.  II.  1,  26.  IX.  2,  1  thyu- 
phadus  den  millenarius  oder  chiliarch,  der  bei  Ulfilas  Jmsundifa£>s  heiszt, 
und  der  stufe  nach  von  dem  centenarius  (Ulf.  hundafa{>s)  absteht,  in  der 
ersten  stelle  IL  1,  26  musz  der  ausdruck  millenarius  eingeklammert  und 
als  blosze  glosse  zu  thyuphadus  angesehn  werden,  thyu  (j>ijus,  fngus,  wol 
zu  unterscheiden  von  tigus  decas)  war  also  wenigstens  den  Westgothen 
eine  nochmalige  kürzung  von  £>usundi,  und  dem  begriff  nach  taihuntaihun- 
taihun  oder  altn.  tiutiutiu;  die  zusammenziehung  könnte  auch  das  TH  für 
T  erklären. 

**  vgl.  das  oben  s.  112  angeführte  sahas  vis,  robur. 
***  lat.  heiszt  der  einäugige  cocles  (Plin.  11,  37,  55  coclites  qui  altero 
lumine  orbi  nascuntur)  wie  goth.  haihs  =  coecus  und  verwandt  scheinen 
sowol  xvxkwxp  als  litth.  aklatis.  Bopps  scharfsinniger  deutung  des  C  und 
H  in  coecus  haihs  aus  skr.  eka  steht  doch  vieles  entgegen,  vgl.  Haupts 
Zeitschrift  6,  14. 

Grimm,  gescMchte  der  deutschen  spräche.  12 


178 


URVERWANDTSCHAFT    ZAHLEN 


I 

II 

III 

IV 

V 

finn. 

yksi 

kaksi 

kolmi 

neljä 

wiisi 

est. 

üts 

kats 

kolm 

nelli 

wiis 

läpp. 

akt 

qwekte 

kolm 

nelje 

wit 

n.  läpp. 

äft 

guoft 

gähn 

njällja 

vit 

syriän. 

ötik 

kyk 

kujm 

njolj 

Vit 

ungr. 

egy 

kettö  • 

härom 

negy 

öt 

bask. 

bat 

bi,  bic 

hiru 

lau 

bost 

VI 

VII 

VIII 

IX 

X 

finn. 

kuusi 

seitsen 

kahdeksa 

yhdeksä 

kymmen 

est. 

kuus 

seitse 

kattesa 

üttesa 

kümme 

läpp. 

kot,  kut 

kietja 

kaktse 

akte 

lokke 

n.  läpp. 

gut 

cecca 

gavttse 

äfttse 

läge 

syriän. 

kvajt 

sizim 

kökjamys 

ökmys 

das 

ungr. 

hat 

het 

nyoltz 

kilentz 

tiz 

bask. 

sei 

zazpi 

zortzi 

bederatzi 

amar 

Hier  ist  entschiedne  ähnlichkeit  zwischen  den  sechs  erst  ange- 
führten sprachen  erkennbar,  deren  nähere  erläuterung  mir  nicht  ob- 
liegt; fast  alles  weicht  aber  von  den  urverwandten  ab,  es  sei  denn, 
dasz  seitsen  sizim  an  Septem,  das  und  tiz  an  das" an  decem  erinnern, 
256  wichtiger  egy  yksi  an  skr.  eka.  allgemein  betrachtet  befinden  wir 
uns  in  einem  ganz  andern  Sprachgeschlecht,  wenn  auch  einzelnes, 
wahrscheinlich  von  undenklicher  zeit  her,  anklingt.  Noch  abgeschied- 
ner  stehn  die  baskischen  zahlen  und  es  scheint  mir  zufall,  dasz  sei 
dem  span.  seis,  hiru  dem  ungr.  härom  gleichen,  für  bedeutsamer 
halte  ich  die  analogie  zwischen  bi  und  dem  lat.  bi,  bis,  so  wie  die 
bezeichnung  der  begriffe  XI,  XII  durch  amaica,  amabi,  deren  erster 
theil  aus  amar  X  besteht;  ica  schiene  demnach  die  einheit  ausge- 
drückt zu  haben  und  unmittelbar  an  skr.  eka  sich  zu  schlieszen. 

Wie  die  finnischen  und  estnischen  decaden  sehr  eigenthümlich 
gebildet  werden,  musz  ich  übergehn,  kann  aber  nicht  unterlassen 
anzuführen,  dasz  wiederum  die  Syriänen  zwischen  20—60  und 
70 — 90  unterscheiden:  20  kyzj,  30  komyn,  40  neljamyn,  50  vitymyn, 
60  kvajtymyn,  hingegen  70  sizimdas,  80  kökjamysdas,  90  ökmysdas. 
ohne  zweifei  hängen  noch  andere  nordöstliche  sprachen  an  diesem 
unterschied,  dessen  grund  also  auch  für  die  unsrigen  ins  tiefste  alter- 
thum  reichen  wird. 

Hundert  heiszt  finn.  sata,  est.  sadda,  läpp,  tjoute  (sprich  tsjoute), 
norw.  läpp,  cuotte  (spr.  tschuotte),  syriän.  sjo,  ungr.  szäz;  bask.  eun. 

Tausend  finn.  tuhansi  (tuhasi,  tuhat,  gen.  tuhannen),  lett.  tuhhat, 
läpp,  tusan,  norw.  läpp,  duhat,  syriän.  sjurs,  ungr.  ezer;  bask.  milla. 

Diese  benennungen  beider  zahlen  scheinen  merkwürdig,  sata  wie 
tschuotte  und  szäz  geradezu  dem  skr.  äatam,  sl.  sto  und  tuhansi, 
duhat  unserm  tausend,  dem  litth.  tukstantis,  poln.  tysiac  zu  begegnen, 
denn  im  finn.  tuhansi  gleicht  H  unserm  S,  wie  sonst  in  vielen  fällen, 
z.  b.  hanhi,  anser,  gans.  das  ungr.  ezer  nähert  sich  dem  zend.  ha- 
zanra,   pers.   hezära.    wie   hat  man,  da  fast  alle  niedern  zahlen  ab- 


URVERWANDTSCHAFT    PRONOMEN 


179 


weichen,  solche  Übereinkunft  der  höchsten  zu  fassen  ?  aus  erborgung, 
weil  sie  im  volk  selbst  nicht  gangbar  waren,  so  drücken  auch  wir, 
eignen  worts  ermangelnd,  myriaden  griechisch,  millionen,  billionen 
romanisch  aus,  und  das  bask.  milla,  vielleicht  das  ir.  mile,  welsche  mil 
mögen  aus  dem  latein  entlehnt  sein,  das  altn.  mfr  für  myrias  scheint  257 
aus  dem  gr. ;  Finnen  und  Lappen  holten  ihr  tausend  und  selbst  hun- 
dert bei  sla vischen  und  deutschen  nachbarn.  eigenthümlich  mag  sich 
jedoch  das  syriän.  sjo  hundert  zu  sjurs  tausend  verhalten  und  von 
neuem  den  Zusammenhang  zwischen  beiden  zahlen  bestätigen. 

Dies  von  den  zahlen;  ich  schreite  zum  persönlichen  pronomen, 
das  in  allen  urverwandten  sprachen  für  die  erste  und  zweite  person, 
wie  für  das  reflexiv  der  dritten  kein  geschlecht  unterscheidet,  weil 
die  gegenwart  des  redenden  und  angeredeten  das  entbehrlich  macht ; 
eben  so  deutlich  wird  das  reflexiv  durch  seine  beziehung.  denkbar 
wäre  gleichwol  ein  geschlechtsunterschied  für  beide  erste  personen 
und  der  ausdruck  desto  sinnlicher;  bekanntlich  hat  ihn  auch  die 
hebräische  spräche  der  zweiten,  nicht  der  ersten,  verliehen;  es  musz 
als  ein  bedeutsames  zeichen  uralter  abstraction  gelten,  dasz  unsere 
sprachen   das  geschlecht   der  zweiten   person  ununterschieden  lassen. 

Meine  betrachtung  schränkt  sich  auf  die  analogien  des  unge- 
schlechtigen  pronomens  ein,  da  die  Verhältnisse  der  geschlechtigen 
pronomina  zu  manigfach  und  verwickelt  sind,  als  dasz  aus  ihnen  die 
Urverwandtschaft  gleich  durchgreifend  dargethan  werden  könnte, 
auch  bedarf  ich  nur  der  vier  in  deutscher  spräche  entwickelten  casus 
im  sg.,  und  lasse  abl.  instr.  und  loc.  so  wie  alle  dual  und  plural- 
formen hier  bei  seite. 

Höchst  characteristisch  ist  nun  alsbald,  dasz  ohne  ausnähme  der 
nom.  sg.  erster  person  vocalisch,  jeder  oblique  casus  dagegen  conso- 
nantisch  anlautet ;  mag  dieser  consonant  ursprünglich  auch  dem  nom. 
gebührt  haben:  er  ist  von  uralters  her  abgefallen: 


skr. 

aham 

mama 

mahjam 

mäm 

zend. 

azem 

mana 

möi 

manm 

gr. 

eyco 

pod 

poi 

ft£ 

aycjv 

Efie&sv 

8(ilv 

lat. 

ego 

mei 

mihi 

me 

litth. 

asz 

man^s 

man 

mane^ 

lett. 

es 

mannis 

mannim 

man 

preusz. 

as 

maisei 

mennei 

mien 

sl. 

az 

mene 

mnje 

mja 

poln. 

ia 

mnie 

mnie 

mie^ 

böhm. 

ga 

mne 

mne' 

m8 

osset. 

äz 

man 

mänän 

mä 

goth. 

ik 

meina 

mis 

mik 

ahd. 

ih 

min 

mir 

mih 

ags. 

ic 

min 

me 

mec 

engl. 

I 

mine 

me 

me 

altn. 

ek 

min 

mer 

mik 

258 


12 


180 


URVERWANDTSCHAFT  PRONOMEN 


ir.  (me)  mo  (damh)  mä 

welsch  (mi)  —  —  mi 

alban.  ov  ovvs  [lova  /liovcc  tiova 

Die  formen  zweiter   person  halten    durchgehends  einen  lingual- 
anlaut  aufrecht,  gehn  aber  sonst  der  ersten  ziemlich  parallel: 


skr. 

tvam 

tava                 tubhjam 

tvam 

zend. 

tum 

tava                 thvöi 

thvanm 

gr- 

öv 

ÖOV   GSxtSV         (501 

OB 

dor. 

tv  xvya 

x&og,  xeovg     toi,  xlv 

xk 

lat. 

tu 

tui                   tibi 

te 

litth. 

tu 

tawe^s               taw 

tawe^ 

lett. 

tu 

tewis                tewim 

tew 

preusz. 

tou 

twaise              tebbei 

tien 

sl. 

ty 

tebe                 tebje 

tja 

poln. 

ty 

ciebie               tobie 

cie 

böhm. 

ty 

tebe                 tobS 

tö 

osset. 

du 

däu                   dävän 

da 

goth. 

bü 

peina                J>us 

Jmk 

ahd. 

du 

dln                   dir 

dih 

ags. 

bü 

J)ln                   J>e 

pec 

engl. 

thou 

thine                thee 

thee 

altn. 

t)ü 

J)in                    ber 
do                     (duit) 

J>ik 

ir. 

tu 

thu 

welsch 

(ti) 

—                     — 

ti 

alban. 

XI,    XlVi. 

xov                  xov 

xov 

In 

der 

dritten  reflexiv   gedachten,    darum    keines  nom.  fähigen 

259  person 

her  seht    der  s 

miaut  S   oder  H,  welche  sich 

auch  sonst  ver- 

treten. 

merkwürdig  gebricht  dies  reflexivum  im  sanskrit  ganz,  musz 

daher  i 

lus  dem  prakrit  ar 

Lgeführt  werden: 

prat 

:r.       — 

se- 

s6                   - 

zend 

— 

he, 

höi        he,  höi           — 

gr- 

— 

7 

OV, 

e&ev     ov               £,  6cp£ 

lat. 

— 

sui 

sibi             se 

litth 

— 

sawe^s          saw             sawe^ 

lett. 

— 

sewim         sew 

preusz.      — 

swaise?       sebbei         sien 

sl. 

— 

sebe            sebje           sja 

poln 

— 

siebie          sobie           sie^ 

böhm. 

sebe            sobe"            s& 

goth 

— 

seina           sis               sik 

ahd. 

— 

sin 

—              sih 

altn. 

— 

sin 

ser              sik 

alban.       — 

ßexi 

ßkxi           ߣx£%e 

auch  die  keltischen  sprachen,  unter  den  deutschen  die  ags.  und  engl, 
entrathen  des  reflexivs  und  ersetzen  es  durch  das  geschlechtige  pro- 
nomen,  wie  die  ahd.  für  den  dat.  thut,  welchem  nhd.  die  aecusativ- 
form  verliehen  wurde. 


URVERWANDTSCHAFT  PRONOMEN  181 

Alles,  bis  aufs  geringste,  scheint  in  diesen  pronominalformen 
geheimnisvoll  und  betrachtenswerth ;  auszer  heftigen,  die  ursprüng- 
liche wortgestalt  verfinsternden  kürzungen  müssen  auch  unorganische 
einflüsse  der  einen  person  auf  die  andere  obgewaltet  haben. 

Einzelne  reihen  laufen  durch  und^  gewinnen  das  ansehn  fester 
regel,  z.  b.  möi  thvöi  höi,  fxov  öov  ou,  {ioL  öoi  ol,  [iE  68  "s\  me  te 
se,  mja  tja  sja,  meina  J>eina  seina,  min  din  sin,  mih  dih  sih;  so 
bald  man  aber  weiter  geht,  hört  die  gleichheit  auf.  man  erwäge  zu 
jenen  folgende:  mei  tui  sui,  mis  ]>us  sis,  mihi  tibi  sibi,  man^s  taw^s 
saw^s.  beinahe  sollte  es  scheinen,  allzugrosze  gleichheit  sei  erst  all- 
mählich eingeführt,  die  Verschiedenheit  vorangegangen. 

Schon  die  älteste  form  des  nominativs  spaltet  sich,  wie  bereits 
angemerkt  wurde,  insofern  das  aham  erster  person  vocalisch  anlautet 
und  von  allen  oliquen  formen  absticht,  während  in  tvam  der  conso-  260 
nantische  anlaut  auch  den  oliquen  zusteht,  diese  auszeichnung  des 
nom.  fich'  reicht  durch  alle  unsere  Sprachverwandtschaft  und  musz 
ihren  tiefsten  grund  haben :  es  war  unnöthiger  das  'ich'  hervorzu- 
heben als  das  au  und  die  spräche  scheint  sich  von  jeher  in  dieser 
abstraction  zu  gefallen ;  weil  die  obliquen  bezüge  gröszere  deutlichkeit 
fordern,  können  sie  des  anlauts  M  nicht  entrathen.  Nach  analogie 
der  zweiten  person  läszt  sich  mutmaszen,  dasz  ursprünglich  auch  in 
der  ersten  das  oblique  M  ebenwol  dem  nom.  gebührte,  folglich  aham 
für  maham  stehe ;  nachzuweisen  aber  ist  es  in  der  geschichte  unsrer 
sprachen  nicht. 

Das  volle  A  in  aham  mama  mahjam  mam  haftet  nirgends  treuer 
als  im  litth.  asz  man^s  man  mane;  die  sl.  mnje  stoszen  den  vocal 
aus.  dünnes  E  herscht  in  aya  ego ;  [te  me,  es,  mec  me,  ek  mer,  mS, 
me.  deutsche  zunge  liebt  I:  ik  mis  mik  (wie  mikils  =  {isyag  maha, 
ist  =  eöri  asti),  allein  schon  die  altpersische  keilschrift  zeigt  mija, 
das  latein  mihi  für  mahjam. 

SZ  und  Z  der  litth.  und  sl.  asz  az  nähern  sich  auffallend  dem 
zendischen  azem,  welches  vermutlich  den  Übergang  des  A  in  E  er- 
zeugte, denn  auch  sl.  G  pflegt  bei  folgendem  I  sich  in  Z  zu  wandeln, 
z.  b.  bog  bildet  den  pl.  bozi,  also  weist  az  auf  azi,  azi  auf  aga. 
litth.  SZ  darf  zu  H  gehalten  werden :  szis  szu  szalmas  deszimt  =  his 
hund  hilms  taihun,  begegnet  auch  dem  K :  szaltas  kalds.  genauer  als 
dem  H  in  aham  entspricht  dem  G  in  ego  lyd  unser  goth.  K,  ahd.  H 
in  ik  ih. 

Den  ausgang  -am  in  aham  tvam,  azem  tum  entbehren  alle  jün- 
geren sprachen.  Überbleibsel  sind  die  zweiten  silben  von  eycov  (für 
iyov)  ayio  ego,  im  ahd.  ihhä  egomet  (Graff  1,  118)  und  im  vermuteten 
sl.  azi  für  aga.  die  apocopen  haben  gewisse  analogie  mit  der  des 
-am,  -an  in  cardinalien. 

Ergänzt  man  aham  in  jenes  maham,  so  haftet  unter  allen  obliquen 
formen  das  H  nur  im  dat.  mahjam  und  lat.  mihi,  so  wie  entsprechen- 
des K  im  goth.  acc.  mik,  ahd.  mih.  um  mahjam  mit  tubhjam  aus- 
zugleichen, hätte  man,  da  in  BH  der  offenbare   dativcharacter  liegt, 


182  URVERWANDTSCHAFT    PRONOMEN 

261  anzunehmen,  dasz  mahjam  aus  mahbhjam  oder  mahabhjam,  mihi  aus 
mihibi  erwachsen,  also  das  H  wurzelhaft  sei.  unser  deutsches  mik 
mec  mih  wäre  dann  höchst  alterthümlich  und  stände  für  mika  mihha 
=  maham,  wie  ik  ih  ihha  =  aham;  im  skr.  mäm  begriffe  sich  die 
kürzung  aus  maham.  aber  nun  wäre  der  folgerung  nicht  auszuweichen, 
dasz  die  organische  form  mik  unorganisch  auf  puk  und  sik  erstreckt 
worden  sei,  in  welchen  der  kehllaut  nicht  aus  der  wurzel  stammen  kann. 

In  zweiter  person  sehen  wir  den  lingualanlaut  die  obliquen  casus 
gleich  dem  nom.  einnehmen  und  sich  nach  dem  gesetz  der  Verschie- 
bung abstufen.  T  bewahrt  unter  den  gr.  dialecten  der  dorische;  um 
so  zulässiger  wird  S,  weil  es  Verwechslungen  mit  dem  demonstrativen 
T  abschneidet,  im  reflexiv  aber  H  herscht*. 

Wurzelhaft  scheinen  in  zweiter  und  dritter  person  nicht  sowol  T 
und  S,  als  vielmehr  TV  SV,  und  aus  vocalisierung  des  V  häufig  U 
entspringend,  tvam  ist  demnach  tva-am  und  erweicht  zend.  tum,  mit 
apocope  des  M  aber  tu  {>u  du,  wobei  die  gr.  und  sl.  neigung  zu  T 
und  Y  nicht  übersehn  werden  darf:  tv  ov  ty.  Der  skr.  dat.  tubhjam 
gieng  hervor  aus  tvabhjam  und  -bhjam  ist  deutlich  casusflexion;  lat. 
tibi  hat  der  analogie  von  mihi  zu  gefallen  sein  U  geopfert  [vgl.  ibi, 
ubi]  und  sollte  tubi  lauten,  und  nicht  anders  wäre  subi  für  sibi  = 
skr.  subhjam  für  svabhjam  zu  behaupten;  beide  finden  im  sl.  tobie 
sobie,  tobe'  sob£  bestätigung.  auch  tebbei  sebbei  stehn  für  tobbei 
sobbei.  das  zendische  thvöi  =  tabhjam  weist  auf  ein  paralleles  hvöi 
für  höi,  wogegen  möi  unmittelbar  aus  mahjam  abflieszt.  ftot  6oi  ol 
sind  beinah  ebenso  zu  fassen,  mis  pus  sis  gewähren  wie  mik  puk. 
sik  das  U  nur  in  zweiter  person,  während  ihm  die  ahd.  mir  dir,  mih 
dih  sih,  wie  die  lat.  mihi  tibi  sibi,  me  te  se  auch  in  zweiter  ent- 
sagen;  der  parallelismus   zwischen  tobie  sobie   streitet  für  £us  sus, 

262  ]?uk  suk,  tubi  subi ;  von  dem  goth.  ausgang  -s  kann  erst  nachher 
die  rede  sein,  geradeso  ist  der  Ellaut  in  meina  peina  seina,  min 
din  sin  durchgedrungen,  während  mei  tui  sui  organisch  sondern. 

Doch  der  wendepunct  aller  deutung  liegt  hier  im  genitiv  und 
in  der  frage,  wie  die   formen  mama  tava   (sava)  auszugleichen  sind? 

Das  erhellt  leicht,  dasz  aus  mama  verdünntes  mana  man^s  mene 
meina  min  hervorgiengen,  aus  tava  taw^s;  tebe  steht  für  tewe  und 
der  dat.  tebje  mag  die  Verwechslung  zwischen  W  und  B  herbeigeführt 
haben,  deren  laut  so  nah  an  einander  grenzt,  da  nun  lateinischem 
sui  oskisches  suveis  entspricht,  darf  ich  auch  tuveis  =  tui  rathen; 
diese  tuveis  suveis  gleichen  dem  litth.  taw^s  sawes  mit  dem  unter- 
schied, dasz  in  jenen  das  V  sich  auch  das  A  in  U  assimiliert  hat; 
wie  den  Osken  mei  lautete?  möchte  ich  wissen,  mei  tui  sui  mag  man 
zu  {lov  6ov  ov  halten,  aber  in  den  gr.  formen  ist  OV  die  gewöhn- 
liche genitivflexion,  also  dem  lat.  I  parallel,  so  dasz  darin  der  lat. 
Organismus  mei  tui  sui  nicht  ganz  erreicht  wird. 


*  die  gemeingriechische  mundart  hat  den  glücklichsten  hang  zur  klar- 
heit.  der  dor.  gen.  xsov,  dat.  toi  tritt  dem  demonstrativen  zov  i«5  allzunahe. 


URVERWANDTSCHAFT  PRONOMEN  183 

Die  Schwierigkeit  von  mama  und  tava  wage  ich  auf  folgende  weise 
zu  lösen,  es  ist  bekannt,  dasz  die  persönlichen  pronomina  reduplication 
lieben  und  für  lat.  me  se  nachdrücklicher  meme  sese  (warum  nicht  für 
te  tete?)  gesetzt  wird*,  sollte  mama  entstehn  aus  wiederholtem  ma 
(für  man,  mama  =  mahmah),  so  liesze  sich  auch  tava  begreifen  aus 
tvatva,  svava  aus  svasva :  der  häufige  gebrauch  dieser  wörter  hätte 
mahmah  in  mama,  tvatva  in  tvava  tava,  svasva  in  svava  sava  verdünnt, 
die  geschichte  der  verbalreduplication  pflegt  noch  erheblichere  kürzungen 
aufzuzeigen.  Zur  bestätigung  kann  ich  einiges  besondere  anführen, 
der  lat.  gen.  sui  gemahnt  an  den  gen.  suis  von  sus;  wie  aber  suis 
dem  goth.  sveinis  entspricht,  würde  sui  dem  goth.  sveina  entsprechen, 
seina  demnach  aus  sveina  entsprungen  sein,  die  lat.  partikel  si  lautet 
auf  oskisch  svai,  was  dem  goth.  sva  oder  sve  nahe  kommt;  es  pflegt 
aber  wiederum  svasve,  ahd.  sösö,  ags.  svasva  gedoppelt  zu  werden: 
weil  nun  diese  partikeln  mit  dem  stamm  des  reflexivs  unleugbar  ver-  263 
wandt  sind**,  wäre  die  reduplication  svasve  der  des  genitivs  svasva 
völlig  analog,  svasva  verdünnte  sich  in  svava  sava  suveis  sui,  aber 
goth.  seina  =  sveina  nahm  wie  peina  aus  dem  stamm  der  ersten 
person  meina  die  unorganische  endung  an,  ungefähr  wie  im  prakrit 
der  gen.  tuma  für  skr.  tava  dem  mama  der  ersten  person  folgt. 

Noch  ein  gröszeres  räthsel  als  mama  tava  sava:  meina  J)eina  seina 
ist  der  dativ  mahjam  tubhjam  subhjam:  mis  J)is  sis;  dieser  ausgang  -s 
hat  in  der  dativflexion  sg.  gar  nicht  seines  gleichen.  Bopp  §.  174 
erblickt  darin  ein  pronominalsuffix,  welches  er  aus  dem  skr.  -sma  leitet ; 
gäbe  die  reduplication  der  dritten  person  keine  einfachere  auskunft? 
entweder  wäre  subhjam  aus  svasvabhjam  entsprungen  und  davon  im 
goth.  dativ  nur  sis  für  sus  übrig,  oder  das  genitivische  svasva  hätte 
den  goth.  dativ  eingenommen?  in  beiden  fällen  drang  das  nur  der 
dritten  person  gebührende  -s  vor  in  die  erste  und  zweite,  wie  umgedreht 
das  -n  in  meina,  das  -k  in  mik  aus  der  ersten  in  die  zweite  und 
dritte?  mir  scheinen  M  in  mama,  V  in  tava,  S  in  sis  anspruch  auf 
gleiche  deutung  zu  haben,  dasz  sich  verschiedne  casusformen  mengen 
lehrt  eben  das  dem  dat.  und  acc.  gehörige  hochd.  sich,  schwed.  sig. 
'  Auch  die  gr.  genitive  und  dative  veranlassen  noch  bedenken, 
statt  des  gewöhnlichen  [iov  öov  ov  entfaltet  sich  i(i8$ev  Csfrev  s&ev, 
das  dem  correlativen  ausgang  %6%sv  to&sv  o&sv  eöcoSsv  avaftev  %tl. 
gleicht  und  den  begrif  von  mir,  von  dir,  von  sich  zu  enthalten  scheint, 
indessen  hat  auch  das  prakrit  neben  den  einfachen  gen.  mama  tuma 
die  weitere  form  madidiha  tudidiha,  die  sich  vielleicht  an  jene  grie- 
chischen schlieszen. 

Der  dorische  dativ  zeigt  nach  Ahrens  p.  251.  252  egiiv  xlv  LVy 
bei  den  Tarentinern  8[iivr]  tivrj,  und  für  ipiv  auszerdem  8^tvya;  es 
ist  nichts  anders  anzunehmen,  als  dasz  diese  dem  litth.  man,  sl.  mnje  264 


*  vgl.  lat.  ipsipsus,  ahd.  selpselpo,  mhd.  selbeselbe. 
**  auch  "va  scheint  verwandt  mit  e  und  lat.  se,  si,  in  der   form  aber 
den  dorischen  dativen  ifilvij  xivri  %v.    Ahrens  p.  251.  252. 


184 


URVERWANDTSCHAFT  PRONOMEN 


gleichenden  formen  aus  der  ersten  person  in  die  beiden  andern  vor- 
geschritten seien,  welchen  statt  des  N  ein  labiallaut  gebührt  hätte, 
diese  übergriffe  dienen  also  zur  bestätigung  der  angenommnen  andern. 

Im  keltischen  haben  sich  blosz  gen.  und  acc.  erhalten  und  dazu 
jener  nur  im  irischen  mo  do,  deren  0  uns  wiederum  einen  Übergang 
aus  zweiter  in  erste  person  kund  thut.  die  aus  dem  acc.  in  den  nom. 
vorgedrungnen  me,  mi,  ti  sind  als  unorganisch  eingeschlossen  wor- 
den, das  haftende  irische  tu  veranlaszte  wahrscheinlich  jenes  me. 
Befremdlich  scheinen  auf  den  ersten  blick  die  irischen  damh  und  duit 
für  mihi  tibi;  man  erkennt  aber  leicht,  dasz  sie  aus  praefigierten 
praepositionen  erwachsen,  also  in  dorne,  do  the  (oder  t£)  aufzulösen 
sind  und  den  englischen  to  me,  to  thee  gleichen;  es  steht  ihnen 
keine  wahre  flexionsnatur  zu  und  ich  habe  sie  eingeklammert. 

Diese  kurze  Untersuchung  wird  hinreichen,  um  die  grosze  Über- 
einkunft der  persönlichen  pronomina  nicht  nur  an  sich  selbst,  son- 
dern auch  in  der  verschiednen  aber  analogen  weise,  wie  sie  aus  einer 
person  in  die  andere  übergreifen,  darzulegen;  ich  stelle  ihnen  noch 
die  der  übrigen  europäischen  sprachen  zur  seite,  deren  abstand  zwar 
ins  äuge  fällt,  dennoch  weit  geringer  als  bei  den  Zahlwörtern  er- 
scheint,    der  sg.  erster  person  lautet: 


265 


finn. 

minä 

minun 

minulle 

•  minun 

est. 

minna 

minno 

minnulle 

minno 

läpp. 

mon 

mo 

munji 

mo 

n.  läpp. 

man 

muo 

munji 

muo 

syriän. 

me 

menam 

menym 

menö 

ungr. 

<§n 

enyim 

en  nekem 

engemet 

bask. 

ni 

nizas 

niri 

ni 

und  der  zweiten: 

finn. 

sinä 

sinun 

sinulle 

sinun 

est. 

sinna 

sinno 

sinnulle 

sinno 

läpp. 

todn 

to 

tunji 

to 

n.  läpp. 

dän 

du 

dunji 

du 

syriän. 

te 

tenad 

tenyd 

tenö 

ungr. 

te 

tiöd 

te  neked 

tegedet 

bask. 

hi 

hizas 

hiri 

hi  . 

Der  vocalanlaut  erster  person  im  nom.  mangelt  und  das  überall  durch- 
geführte M  mag  ursprünglicher  sein,  als  in  den  urverwandten  sprachen, 
kann  also  das  vermutete  maham  für  aham  bestärken,  das  bask.  N 
ist  aus  M  geschwächt,  aber  gleich  durchherschend ;  das  ungr.  en  scheint 
einen  vocal  vorzuschieben  und  ebenfalls  N  für  M  zu  enthalten*.  In 
der  zweiten  person  stimmt  der  finnische  character  S  für  T  ganz  zu 
dem  griechischen  und  das  bask.  H  erklärt  sich  leichter  aus  S  als  aus  T. 


*  die  eigentümlichen  suffixe  M  und  D,  wodurch  der  Unger  mein  und 
dein  ausdrückt  (z.  b.  atyäm  mein  vater,  atyäd  dein  vater,  hügom  meine 
Schwester,  hügod  deine  Schwester)  entsprechen  den  auslauten  der  genitive 
enyim  und  tied. 


URVERWANDTSCHAFT.  IST.  VATER  185 

In  der  flexion  läszt  die  finnische,  lappische  und  baskische  gleich- 
förmigkeit  beider  personen  wiederum  übergriffe  aus  der  ersten  in 
die  zweite  ahnen;  desto  merkwürdiger  ist  die  syriän.  und  ungr.  ab- 
weichung  in  den  formen  menam  und  tenad,  enyim  und  tied,  die  ich 
aber  nicht  näher  zu  deuten  unternehme. 

Da  alle  diese  zuletzt  angeführten  sprachen  überhaupt  kein  ge- 
schlecht unterscheiden,  so  musz  sich  auch  das  Verhältnis  ihres  pro- 
nomens  dritter  person  anders  stellen,  als  bei  uns;  sie  entfalten  kein 
reflexivum,  können  aber  eine  uns  verwandte  form  schon  als  nomina- 
tiv  setzen  und  in  dieser  beziehung  darf  das  H  des  finnischen  hän  = 
is,  ille  dem  Spiritus  asper  des  griech.  reflexivs  und  das  S  des  lap- 
pischen sodn,  sän,  des  syriänischen  sy  =  is,  ille  dem  S  des  lat.  oder 
deutschen  reflexivs  an  die  seite  gestellt  werden,  nicht  anders  ver- 
halten sich  im  geschlechtigen  pronomen  gr.  6  •*;  und  goth.  sa  so. 
dies  alles  näher  zu  begründen  gehört  nicht  hierher. 

Eine  weitere  durchgreifende  gleichheit  aller  urverwandten  sprachen 
läszt  sich  mit  wenigen  worten  darlegen,  die  Übereinkunft  der  dritten 
singularperson  des  Substantiven  verbums,  während  nemlich  die  bei- 
den ersten  personen  oft  schon  nicht  mehr  zusammenstimmen  und  wie  266 
die  personen  des  dualis  und  pluralis  aus  andern  stammen  gebildet 
werden,  hat  sich  das  skr.  asti,  zendische  aäti,  persische  est,  gr.  söxi, 
lat.  est,  goth.  ahd.  mhd.  nhd.  ist,  litth.  esti,  preusz.  ast,  altsl.  iesti, 
poln.  jest,  böhm.  gest  von  der  ältesten  zeit  bis  auf  heute  getreu  er- 
halten, am  getreusten  in  den  zweisilbig  gebliebnen  formen,  in  meh- 
reren neueren  sprachen  hat  sich  jedoch  das  T  abgeschliffen  und  so 
wird  spanisch  blosz  gesagt  es,  alts.  is  (doch  schwankt  Heliand  zwi- 
schen ist  und  is),  ags.  engl,  is,  fries.  is,  mnl.  es,  is,  nnl.  is,  irisch 
is,  welsch  ys  und  dies  S  verhärtet  sich  in  R:  altn.  er,  schwed.  är, 
dän.  er,  wohin  auch  das  lett.  irr  gerechnet  werden  darf,  endlich 
entsagen  einzelne  sogar  dem  S  und  begnügen  sich  mit  dem  bloszen 
vocal,  namentlich  das  ital.  e  und  franz.  est,  worin  die  ausspräche 
das  S  nie,  das  T  nur  zuweilen  hören  läszt;  ebenso  gilt  neben  dem 
serb.  jest,  böhm.  gest  zugleich  ein  abgenutztes  je,  ge. 

Wie  stechen  davon  ab  die  formen  derselben  person  des  Substan- 
tiven verbums  in  den  unurverwandten  sprachen:  finn.  est.  on,  ungr. 
van,  läpp,  le  oder  lse,  baskisch  da!  man  kann  einige  derselben  unter- 
einander näher  bringen,  namentlich  das  finn.  on  auf  olee  zurück- 
führen, und  dem  läpp,  le  das  o  durch  aphaeresis  entzogen  finden. 

Zum  vierten  beispiel,  mit  welcher  wunderbaren  kraft  sich  ein- 
zelne wortreihen  in  den  sprachen,  trotz  allen  abwegen,  den  diese  ein- 
schlugen, dennoch  fast  einförmig  erhalten  haben,  wähle  ich  fünf  aus- 
drücke für  die  einfachsten  Verwandtschaftsverhältnisse,  deren  schöne 
gleichartigkeit  gewis  nicht  ohne  tiefen  grund  ist. 
skr.  pitr  mätr  bhrätr  svasr  duhitä 

zend.  pata  mäta  bräta  khanha  dughda 

pers.  pader  mäder  bräder  khwäher        dokhter 

lat.  pater  mäter  fräter  soror  (filia) 


186 


URVERWANDTSCHAFT  VATER 


madre 
mere 

(aij>ei) 

muotar 

mutter 

mödor 

mother 

muodor 

moeder 

mödir 

moder 

mathair 

(mam) 

mote7 

mähte 

müti 

mati 

mat' 

matka 

matka 

muori 

(äiti,  emä) 

(emma) 

(edne) 

(aedne) 

(anya) 
Am  anschaulichsten  legen  uns  die  deutschen  sprachen  den  paral- 
lelismus  dieser  Wörter  vor,  diesmal  mit  ausnähme  der  gothischen, 
welche,  so  weit  wir  sie  kennen,  mödar  gar  nicht  hat  und  auch  fadar 
nur  selten  gebraucht,  dem  latein  entgeht  ^vydrrjQ,  dem  griechischen 
soror,  allen  litth.  und  sl.  sprachen  der  gleiche  ausdruck  für  pater, 
denn  die  annähme,  dasz  ot'z"  otec  ein  ursprüngliches  pot'z"  potec 
vertreten  scheint  bedenklich,  weil  auch  das  characteristische  R  des 
Schlusses  abgeht  und  kaum  durch  Z  ersetzt  wird,  anders  verhält  es 
sich  mit  dem  ir.  athair,  das  viel  deutlicher  sich  auf  der  linie  mit 
mathair  und  brathair  hält,  vielleicht  also  für  pathair  steht. 

Alle  diese  Wörter  zeichnen  sich  theils  durch  eine  lingualis  in  der 
268  mitte,  theils  durch  das  R  am  ende  aus.  wo  der  linguallaut  mangelt, 
scheint  ihr  ausfall  anzunehmen,  namentlich  im  skr.  svasr,  lat.  soror 
=  sosor  —  suesor  und  finn.  sisar,  die  sich  nach  dem  deutschen  und 
sl.  maszstab  in  svastr,  suestor,  sistar  vervollständigen,  litth.  sessü 
steht  für  sestü.  im  franz.  soeur,  ir.  siur  ist  nicht  allein  T,  sondern 
auch  S  syncopiert,  pere  mere  fröre  entspringen  aus  padre  madre 
fradre,  wie  finn.  muori  aus  muoteri  und  wie  auch  die  nnl.  mundart 
häufig  in  vaer  moer  broer,  die  schwed.  in  far  mor  bror  kürzt,  statt 
des  diminutiven  sorella  begegnet  it.  suora  =  suostra  für  den  begrif 


ital. 

padre 

franz. 

pere 

gr. 

TtvtxriQ 

goth. 

fadar  (atta) 

267  ahd. 

fatar 

nhd. 

vater 

ags. 

fäder 

engl. 

father 

alts. 

fadar 

nnl. 

vader 

altn. 

fadir 

schwed. 

fader 

ir. 

athair 

welsch 

(tad) 

litth. 

(tewas) 

lett. 

(tehws) 

preusz. 

(täws) 

altsl. 

(ot'z") 

russ. 

(otetz") 

poln. 

(ojciec) 

böhm. 

(otec) 

finn. 

(isä) 

est. 

(issa) 

läpp. 

(attje) 

n.  läpp. 

(atzhje) 

ungr. 

(atya) 

fratello 

sorella 

(figlia) 

frere 

soeur 

(fille^ 

(pgat}]Q 

(ccdekqirj) 

&vyccTr]Q    - 

bröpar 

svistar 

dauhtar 

pruodar 

suestar 

tohtar 

bruder 

Schwester 

tochter 

brödor 

sveostor 

dohtor 

brother 

sister 

daughter 

bruodor 

suester 

dohtor 

broeder 

zuster 

dochter 

brödir 

systir 

döttir 

broder 

syster 

dotter 

brathair 

siur 

dear 

brodyr 

chwaer 

(merch) 

brolis 

sessü 

duM 

brahlis 

(mahse) 

(meita) 

brätis 

•  .  . 

duckti 

brat" 

sestra 

d"schtschi 

brat" 

sestra 

dotsch 

brat 

siostra 

cora,  corka 

bratr 

sestra 

dci,  dcera 

(weli) 

sisar 

tytär 

(welli) 

sössar 

tüttar 

(välja) 

(äbba) 

daktar 

(velj) 

(oäbba) 

(nieid) 

(bätya) 

(nöne) 

(leänyka) 

URVERWANDTSCHAFT  VATER  187 

der  nonne,  wie  statt  fratello  frate  für  den  des  mönchs.  der  zen- 
dische,  persische  und  dazu  merkwürdig  stimmende  welsche  guttural- 
anlaut  vertritt,  wie  auch  anderwärts,  den  lingualen  und  das  zweite 
H  in  khanha  khwaher  ersetzt,  wie  sonst  in  diesen  dialecten,  S,  so 
dasz  khanha  offenbar  =  svansa,  khwaher  =  swaser  steht;  nicht 
anders  entspricht  welsches  chwaer  dem  ir.  siur.  in  khanha  trat  noch 
ein  nasales  N  dazwischen,  nord.  döttir  assimiliert  dohtir,  ir.  dear 
ist  zu  ergänzen  deathair,  im  sl.  dschtschi  dotseh  sind  die  ursprüng- 
lichen HT  in  einen  dickeren  zischlaut  übergegangen,  den  das  sl.  organ 
liebt;  die  böhm.  und  noch  mehr  poln.  form  verengen  wieder  das  russ. 
dotseh  in  dei,  co;  das  -ka  in  corka  ist  diminutiv  wie  in  matka  für 
mati,  so  dasz  corka,  böhm.  deerka  etwa  unserm  töchterchen  gleicht, 
das  serbische  wort  lautet  ktji  (oder  wie  man  es  schreiben  wolle), 
das  slovenische  hzhi,  in  Steier  hzher.  auch  die  litth.  lett.  brolis  brahlis 
geben  sich  als  diminutiva  kund  =>  bratelis  brotelis. 

Wo  aber  das  schlieszende  R  dem  nom.  mangelt,  pflegt  es  in  der 
obliquen  flexion  vorzubrechen,  also  bildet  skr.  duhitä  den  acc.  duhi- 
taram,  welcher  dann  mit  pitaram  mätaram  bhrätaram  svasaram  sich 
gleichstellt,  ebenso  empfangen  die  zend.  nominative  pata  bräta  u.  s.  w. 
im  acc.  patarem  brätarem  =  lat.  patrem  fratrem,  ahd.  fataran  pruo- 
daran.  die  litth.  mote  dukt&  haben  den  gen.  moteries  dukteriös, 
acc.  moteri  dukteri;  sessu  bildet  sesseriös  sesseri.  wiederum  sl.  mati 
dschtschi  den  gen.  matere  dschtschere,  acc.  mater'  dschtscher',  böhm. 
mati  dei  den  gen.  matere  deere,  acc.  mater  deer,  und  so  in  den  269 
neueren  dialecten.  nur  dem  sl.  brat,  gen.  brata  mangelt  das  orga- 
nische R  durchaus  in  allen  mundarten,  auszer  der  böhmischen,  die 
schon  dem  nom.  bratr  verleiht  und  das  R  in  der  flexion  aufrecht 
hält,  ältere  litthauische  denkmäler  würden  wahrscheinlich  auch  ein 
brotis  gen.  broteries  zeigen,  wie  das  preusz.  brätis  in  der  Verkleine- 
rung brätrikai  fraterculi  (nom.  pl.)  R  einschaltet,  bemerkenswerth 
scheint,  dasz  oberdeutsche  volksmundarten  das  R  im  nom.  voda  muota 
bruoda  unterdrücken,  oblique  aber  wieder  herstellen. 

Noch  verdient  der  wurzelvocal  rücksicht.  im  zend.  pata,  lat. 
pater,  gr.  7taT7]Q,  ahd.  fatar  dauert  reines  A,  während  hier  schon  skr. 
pitr  Verdünnung  in  I  gestattet,  wie  sie  in  den  lat.  Zusammensetzungen 
Jupiter  Diespiter  Marspiter  gleichalt  erscheint,  umgekehrt  hat  skr. 
svasr  A,  wo  in  svistar  I,  in  sestra  E  gilt,  wie  auch  lat.  soror  eher 
aus  suesor  als  suasor  entspringt,  in  duhitä  (prakr.  duhidä)  dughdha 
ftvyaxriQ  dauhtar  tohtar  dukte  behaupten  alle  U  oder  dessen  Schwä- 
chung 0  und  auch  das  altsl.  (von  mir  durch  "  bezeichnete)  jerr  in 
d"schtschi  führt  auf  U  zurück*.  Neben  diesen  drei  kurzen  vocalen  in 
vater  Schwester  tochter  herscht  in  mätr  bhrätr  langes  A,   welchem 


*  dreisilbig  erscheinen  nur  skr.  duhitä  und  gr.  &vyätriQ:  es  leuchtet 
ein,  dasz  das  I  in  -itä,  das  A  in  -axriQ  genau  denen  in  pitr  und  tiolttiq 
gleichstehn;  über  das  verhalten  des  I)  und  6  im  anlaut  beider  Wörter 
anderswo. 


188  URVERWANDTSCHAFT  VATER 

auch  in  allen  übrigen  sprachen  angemessene  länge  zur  seite  steht, 
erst  das  nhd.  vater  und  mutter  stören  diesen  Organismus:  man  hätte 
umgedreht  vatter  und  muter  annehmen  sollen. 

In  diesen  Wörtern  ist  nichts  auszer  acht  zu  lassen,  wie  geschieht 
es  doch,  dasz  skr.  lat.  gr.  das  T  feststeht,  im  goth.  fadar  gegen  brö- 
par,  im  ags.  fäder  mödor  gegen  brödor  media  und  asp.  unterschie- 
den sind?  und  folgerichtig  im  ahd.  fatar  muotar  gegen  pruodar  te- 
nuis  und  media?  ohne  Ursache  kann  das  nicht  sein,  diese  aber  nicht 
im  kurzen  vocal  von  fadar  und   langen  von  bröpar  gesucht  werden, 

270  da  in  mödor  und  muotar,  ungeachtet  des  langen  vocals  gleichstellung 
mit  fadar  fatar  statt  findet,  im  altn.  fadir  mödir  brödir,  engl,  father 
mother  brother,  nl.  vader  moeder  broeder,  schwed.  vader  moder  bro- 
der hat  sich  der  unterschied  verwischt,  wie  auch  ir.  athair  mathair 
brathair  gleichlauten;  altirisch  schrieb  man  atair  matair  bratair 
(O'Donovan  p.  46). 

In  alts.  Urkunden  erscheinen  Fadar  Bröthar  Mödar  Sustar  nicht 
selten  als  blosze  eigennamen. 

Ohne  zweifei  gibt  es  neben  den  angeführten  fünf  verwandtschafts- 
wörtern  noch  andere  mit  derselben  eigenthümlichkeit :  sie  lassen  sich 
nur  nicht  so  durchgreifend  durch  die  sprachen  aufweisen. 

Skr.  sunu,  goth.  sunus,  ahd.  sunu,  ags.  sunu,  altn.  sonr,  engl, 
son,  litth.  sunus,  preusz.  souns,  sl.  s"in",  russ.  syn",  poln.  böhm. 
syn  zeigen  zwar  groszen  urverwandten  einklang,  entbehren  aber  jenes 
R  in  zweiter  silbe.  gehört  gr.  viög  derselben  wurzel?  die  asp.  stimmt 
zu  S,  dann  würde  sich  fidius  und  filius  (vgl.  span.  hijo,  syriän.  pi 
und  ungr.  fiü)  nähern  dürfen ;  auch  alle  diese  entfalten  kein  R.  Das 
sanskrit  liefert  aber  für  söhn  noch  einen  andern  ausdruck,  nemlich 
putra,  das  zend  puthra,  acc.  puthrem,  welchen  das  lat.  puer  für 
puter?  und  puella  =  puerula  für  puterula?  gleichen,  da  die  begriffe 
söhn  und  knabe,  tochter  und  mädchen  in  einander  aufgehn;  vgl. 
bretagn.  paotr  =  puer,  finn.  poika  puer  und  filius.  ohne  zweifei 
stellt  sich  putra  unmittelbar  zu  pitr  und  pater. 

Dem  skr.  ävasura,  das  mit  svasr  sich  berührt,  entsprechen  gr. 
Bxvgog,  lat.  socer  =  svacer,  goth.  svaihra,  ahd.  suehur. 

dem  skr.  dschämätr  gr.  ya^ß^og,  lat.  gener,  litth.  zentas,  poln. 
zie^c,  böhm.  zet,  russ.  ziat'. 

dem  skr.  devr  gr.  öaiJQ,  lat.  levir  =  devir,  litth.  deweris,  ags. 
täcor,  ahd.  zeihur. 

das  böhm.  neti  neptis  flectiert  ganz  wie  mati  oder  dci  und  bildet 
im  gen.  netere,  im  acc.  neter.  das  verwandte  goth.  nipjo,  lat.  neptis, 
ahd.  niftila  bleiben  ohne  R. 

271  Auch  die  neigung  zu  kosenden  diminutiven  bei  allen  diesen  be- 
nennungen  verdient  hervorgehoben  zu  werden,  denn  auszer  puella 
fratello  sorella  brolis  matka  und  corka  ist  das  finn.  siukku  und  sisko 
anzuführen;  die  Serben  sagen  anrufend  sele!  brale!  male!  Schwester- 
chen, brüderchen,  mütterchen,  und  dies  brale  erreicht  ganz  das  litth. 


URVERWANDTSCHAFT  VATER  189 

brolis.     wie  wenn  in  filius  filia,  figlio  figlia,  fils  fille  das  L  diminutiv 
und  das  D  in  fidius  zu  nehmen  wäre  wie  im  gr.  vlölov?* 

Man  darf  nicht  in  abrede  stellen,  dasz  in  diesen  appellativen 
die  finnischen  und  lappischen  sprachen  den  urverwandten  näher  tre- 
ten, und  es  ist  nicht  glaublich,  dasz  sisar  und  tytär,  sössar  und 
tüttar  oder  läpp,  daktar  erst  spät  deutscher  spräche  abgeborgt 
wurden,  denn  andere  einstimmungen  machen  sich  noch  wichtiger: 
muori  ist  das  schwed.  mor  für  moder,  äiti  das  goth.  aipei,  läpp,  edne, 
und  jenem  goth.  nipjo  övyyEvrjg,  böhm.  neti  neptis  oder  filiola  darf 
mit  gutem  fug  das  finn.  neito  puella,  virgo,  est.  neito  sponsa,  läpp, 
neita  filia  zur  seite  stehn.  das  finn.  veli,  läpp,  välja  begegnet  auf- 
fallend dem  albanesischen  ßskcc  frater,  und  wenn  ich  kühner  vergleichen 
darf,  vielleicht  dem  altn.  götternamen  Vili,  welcher  Odins  bruder  be- 
zeichnet. 

Goth.  atta  mag  sich  lieber  zum  ir.  atair  athair  halten,  als  dasz 
dies  aus  patair  entspränge,  vielleicht  auch  zum  sl.  otec,  sicher  zum 
läpp,  attje,  ungr.  atya;  man  weisz  dasz  der  goth.  name  Attila,  ahd. 
Ezilo  den  Hunnen  gerecht  war  oder  ward,  auch  den  Kirgisen  gilt 
ata,  den  Tataren  atai,  den  Tschuwaschen  atei  und  in  weiter  ferne 
den  Basken  aita  für  vater.  diese  form  verknüpft  also  die  ältesten 
und  entlegensten  Völker  Europas,  nach  dem  äuszersten  nordosten  neigt 
sich  aber  die  goth.  zunge  oft.  Nicht  geringer  ist  darum  die  Über- 
einkunft des  goth.  aipei  mit  finn.  äiti;  auch  ahd.  erhielt  sich  eidi, 
mhd.  eide,  obgleich  selten,  in  der  eingeschränkten  bedeutung  von 
amme,  nutrix.  emä  und  emma  klingt  wieder  an  ahd.  amma  nutrix, 
altn.  amma  avia,  lat.  amita,  bask.  ama  mater,  albanes.  e^is  mater.  272 
Ob  finn.  isä  sich  mit  atta  berühren  könne,   lasse  ich  unentschieden. 

Den  Syriänen  heiszt  der  vater  bati,  auch  den  Russen  in  einigen 
landstrichen  batja,  bat'ka,  batjuschka,  den  alten  Böhmen  batja**, 
den  slavischen  Bulgaren  baschta,  den  karpathischen  Slowaken  batscha, 
wogegen  den  Ungern  bätya  einen  bruder  bezeichnet  und  auch  böhm. 
batjk  batjcek  für  bruder,  batek  für  mutterbruder  begegnet,  weshalb 
Hanka  jenes  batja  bruder,  nicht  vater  auslegt,  in  diesem  fall  könnte 
das  R  nach  B  ausgestoszen  sein,  batja  =  bratja.  Schafarik  (lesefr. 
s.  118)  hält  aber  batja  zu  pater  TtccttfQ,  und  eignet  so  diesen  stamm 
auch  den  Slaven  (B  :  P  wäre  wie  in  bl"cha  pulex). 

Welschem  tad  läszt  sich  gr.  rata,  homerisches  xhxra  II.  4,  412, 
poln.  und  böhm.  tata,  tatek,  tatjk,  alban.  xccts,  litth.  t&tis,  taitis, 
tetaitis,  zigeun.  dad  (Pott  2,  308),  engl,  dad,  daddy  und  aus  deutscher 
volksprache  bairisches  tatt,  tatta,  tatte,  westfäl.  teite  vergleichen, 
darf  bei  solchen  kosewörtern  nach  keiner  lautverschiebung  frage  stehn, 


*  nach  oft  bemerktem  Wechsel  zwischen  D  und  L,  Ovidius  wird  nicht 
viel  anderes  sein  als  Ovilius  und  aus  Aegidius  wird  romanisches  Giles, 
Gilles,  bei  Dio  47,  35  Reim.  s.  515  schwankt  die  lesart  zwischen  Jsxiöioq 
und  AexiXioq. 

**  batjo,  ty  mluwi  k  niem  oteckymi  slowy  (vater,  sprich  zu  ihnen  väter- 
liches wort),  ruk.  kralodw.  p.  72. 


190  URVERWANDTSCHAFT  VATER 

so  mag  auch  der  ahd.  mannsname  Tato  (Graff  5,  381),  ja  der  goth. 
Tötila,  ahd.  Zuozo,  Zuozilo  in  betracht  kommen.  [Haupt  6,  540.] 
litth.  teVas,  preusz.  täws  schlieszen  sich  leicht  an. 

Solchergestalt  fanden,  scheint  es,  die  urverwandten  Völker,  wel- 
chen die  formel  vater  mutter  bruder  Schwester  tochter  zumal  eigen 
war,  bei  ihrem  einzug  in  Europa  schon  andere  ausdrücke  vor,  von 
welchen  sie  einzelne  annahmen,  während  umgekehrt  auch  ihre  be- 
nennungen  hin  und  wieder  zu  den  nachbarn  drangen,  unter  den 
äuszersten  Gothen  namentlich  setzten  sich  atta  und  aij>ei  fest,  so  dasz 
fadar  beinahe,  mödar  vielleicht  ganz  zurückwich;  bei  den  ahd.  stam- 
men aber  konnten  azo  und  eidl  sich  nur  geringen  eingang  verschaf- 
fen, fatar  muotar  blieben  fast  unbeeinträchtigt,  die  Slaven,  obschon 
273  sich  zu  otec  bequemend,  behielten  mati.  auch  hier,  zu  groszem  nach- 
theil entgeht  uns  wieder  vergleichung  der  getischen  thrakischen  sky- 
thischen  Wörter*.  Eine  schwierige  Untersuchung  der  wurzeln,  auf 
die  ich  mich  hier  nicht  einlasse,  hätte  beweise  dafür  zu  bringen, 
dasz  jene  fünf  Wörter  aus  unsern  sprachen  deutbar,  die  andern  for- 
men in  ihnen  dunkel  seien. 

Um  geschlossenheit  und  gehalt  der  urverwandten  sprachen  zu 
bezeichnen  scheinen  die  gewählten  beispiele  hinreichend ;  andere  mögen 
im  verlauf  des  werks  zutreten,  eigentlich,  wenn  sich  der  gegenständ 
erschöpfen  soll,  müsten  alle  bedeutenden  wortreihen  dieser  sprachen 
in  einem  besonderen  buch  umfangen  und  unter  den  hier  eröfneten 
gesichtspunct  gestellt  werden. 


*  doch  s.  234  temerinda  rnater  maris,    und    vielleicht    im    dakischen 
mozula  (s.  207),  litth.  motina,  sl.  mati. 


XII. 
VOCALISMUS. 


Aller  laute  einfache  grundlage  erscheinen  die  vocale  und  erst  274 
an  ihnen  entfaltet  sich  die  macht  der  consonanten.  der  vocal  tönt 
von  selbst,  der  consonant,  um  deutlich  vernommen  zu  werden,  be- 
darf einer  gemeinschaft  mit  dem  vocal;  es  sind  in  der  stimme  alle 
ansätze  zum  consonantlaut  da,  die  an  den  vocal  gefügt  klarheit  er- 
langen,    der  vocal  ruht,  der  consonant  schwebt  und  ergreift  jenen. 

Wie  in  der  spräche  überall*  waltet  auch  für  den  vocalismus 
trilogie.     aus  drei  vocalen  stammen  alle  übrigen. 

Es  ist  ein  gewaltiger  satz,  den  uns  sanskrit  und  gothische  spräche 
zur  schau  tragen,  dasz  es  ursprünglich  nur  drei  kurze  vocale  gibt: 
A  I  U. 

Auf  dem  Verhältnis  dieser  drei  laute  beruht  nicht  nur  ihre  eigne 
erhaltung  oder  abänderung  so  wie  die  zeugung  der  längen  und  diph- 
thonge,  sondern  auch  bildsamkeit,   flexion  und  wollaut  aller  wÖrter. 

Wiederum  ist  von  den  drei  vocalen  A  der  edelste,   gleichsam 
die  mutter  aller  laute,   aus  dem  zunächst  I  und  U  hervorgegangen  275 
sind,  so  dasz  diese  dreiheit,  gleich  jeder  andern,  auf  anfängliche  ein- 
heit  zurückweist. 

A  wird  mit  ofnem  vollem  mund,  I  mit  innerem  halbem,  U  mit 
schlieszendem  gesprochen. 

Nicht  umsonst  beginnt  A  in  allen  alphabeten,  deren  anordnung 
überhaupt  beachtenswerth  scheint;  es  sei  hier  blosz  bemerkt,  dasz  das 
lateinische,  wie  mit  A  anhebt,  mit  U  schlieszt  (da  vxyz  unwesent- 
lich jüngere  zusätze),  folglich  I  beinahe  die  mitte  einnimmt,  zwischen 
A  und  I  ist  E,  zwischen  I  und  U  ist  0  geschaltet,  geradeso  ge- 
langt das  organ  von  A  auf  E  zu  I,  von  I  auf  0  zu  ü. 


*  drei  geschlechter:  masculinum  femininum  neutrum,  drei  numeri: 
singularis  dualis  pluralis,  drei  Personen:  erste  zweite  dritte,  drei  genera: 
activum  medium  passivum,  drei  tempora:  praesens  praeteritum  futurum, 
drei  declinationen  durch  A  I  U. 


192  VOCALISMUS 

Die  Veränderung,  welcher  die  drei  kürzen  unterliegen,  ist  eine 
dreifache,  entweder  wechseln  sie  rein  bleibend,  oder  es  zeugen  sich 
gemischte,  gleichwol  kurz  verharrende  laute,  oder  sie  gehn  über  in 
längen. 

Als  Ursache  solches  wechseis  musz  entweder  ein  nachfolgende]* 
vocal  oder  ein  nachfolgender  consonant  betrachtet  werden,  oder  end- 
lich die  vocaländerung  ergeht  ohne  äuszeren  anlasz. 

Sie  kann  sich  zutragen  entweder  im  Verhältnis  zweier  urver- 
wandten sprachen  nebeneinander,  oder  in  einer  und  derselben  spräche 
zwischen  zwei  dialecten,  oder  in  demselben  dialect  für  verschiedne 
Wörter  und  formen. 

Bei  dem  Wechsel  reiner  kürzen  scheint  mir  als  oberster  grund- 
satz  zu  gelten,  dasz  A  nach  zwei  Seiten  in  I  oder  U  überschlagen 
könne,  I  und  U  untereinander  aber  sich  nie  vertreten,  sondern  immer 
auf  A  zurückzuführen  seien. 

Das  sanskrit  reicht  eine  fülle  von  Alauten  dar,  die  in  den  übrigen 
sprachen  zu  I  und  U  geworden  sind:  skr.  aham  goth.  ik,  skr.  asti 
goth.  ist,  skr.  santi  goth.  sind,  skr.  saptan  goth.  sibun,  skr.  madhu 
goth.  mijms,  skr.  mahat  lat.  magnus  goth.  mikils,  skr.  agnis  lat.  ignis, 
skr.  antas  lat.  intus,  skr.  agnis  litth.  ugnis  goth.  auhns,  skr.  dantas 
litth.  dantis  goth.  tunjms,  skr.  bari  goth.  faur  ahd.  furi,  skr.  -as  lat. 
-us,  skr.  saptan  navan  goth.  sibun  niun,  skr.  santi  lat.  sunt,  skr. 
dschan  goth.  kuni.  zuweilen  ist  aber  auch  im  skr.  die  geschwächte 
276form  un(j  in  ^en  andern  sprachen  A  geblieben  z.  b.  skr.  pitr  lat. 
pater  gr.  jz<m/o  goth.  fadar,  wie  neben  lat.  pater  die  Verdünnungen 
Jupiter  Dispiter  Marspiter  gelten,  deren  laute  gleichstehn  denen  in 
cano  concino,  habeo  inhibeo,  capio  incipio,  caput  occiput,  salio  resilio, 
tango  attingo.  wie  hier  die  ableitungen  I  für  A,  zeigen  andere  U 
für  A :  calco  conculco,  taberna  contubernium,  salsus  insulsus.  dieser 
parallelismus  zwischen  I  und  ü  weist  nothwendig  auf  A  zurück,  lat. 
simul  vergleicht  sich  dem  goth.  sama,  gr.  cc^lcc.  im  goth.  stehn  giba 
nima  brika  truda,  wahrscheinlich  auch  knuda  struda,  auf  einer  reihe ; 
im  ahd.  kipu  nimu  prihhu  tritu  chnitu  stritu  geht  I  durch,  das  goth. 
nahts  ahd.  naht  mindert  sich  in  ags.  niht  engl,  night,  wie  goth.  mahts 
ahd.  mäht  in  ags.  miht  engl,  might  und  goth.  gahts  (framgahts  inna- 
gahts)  in  ahd.  giht  (sungiht),  ahd.  witu  altn.  vidr  steht  neben  ags. 
vudu,  lat.  lingua  =  dingua  neben  goth.  tuggö,  doch  die  franz.  spräche 
hat  sogar  langu  e  aufzuweisen,  neben  litth.  naktis  findet  sich  gr.  vvh, 
lat.  nox  ir.  nochd  welsch  nos  sl.  noschtsch.  einzelne  Wörter  laufen 
durch  alle  drei  vocale*,  wie  skr.  ka  ku  ki  (Bopp  s.  558),  ahd.  ar 
ur  ir,  anti  unti  inti,  -nassi  nussi  nissi,  oder  in  verschiednen  sprachen, 
wie  das  privative  gr.  a-  av-  lat.  in-,  goth.  un-  lautet,  der  goth.  dat. 
pl.  -am  in  dagam  fiskam  wird  ahd.  zu  -um  in  takum  fiscum,  aber  der 
goth.  dat.  pl.  sunum  zu  ahd.  sunim.     die  lat.  Superlative  -imus  ent- 


*  beachtenswerth  die  Spaltung  der  goth.  praep.  ana  und  in,  die  beide 
das  gr.  iv  und  lat.  in  ausdrückt. 


VOCALISMÜS  193 

sprechen  den  skr.  -amas,  doch  neben  optimus  maxinms  galt  früher 
optumus  maxumus  und  die  dat.  pl.  verubus  currubus  scheinen  ur- 
sprünglicher als  die  sie  ersetzenden  veribus  curribus.  die  rechte  ab- 
stufung  ist  A  U  I.  oft  will  der  zufall,  dasz  Verdünnung  eintrat 
oder  nicht,  z.  b.  während  lat.  caper  ags.  häfer  altn.  hafr,  wahrschein- 
lich ahd.  habar  blieb,  wurde  lat.  aper  zu  goth.  ibrs  ibrus,  welches 
aus  ags.  eofor,  altn.  iöfur,  ahd.  e*par  zu  folgern  ist.  Bcdccccp  und 
Ua/Litycov  der  LXX,  Balaam  und  Samson  der  vulgata  heiszen  bei 
Luther  Bileam  und  Simson. 

Ich  erläutere  diesen  Wechsel  reiner  kürzen  nicht  länger,  da  mir  277 
mehr  anliegt  der  trüben  vocale  Ursprung,  wie  ihn  unsere   spräche 
deutlich  enthüllt,  ins  äuge  zu  fassen. 

E  und  0  scheinen  aus  einer  Verbindung  zwischen  A  und  I,  A 
und  U  dergestalt  hervorgegangen,  dasz  das  entspringende  AI  und  AU, 
gegen  die  natur  des  diphthongs,  kürze  festhielt  und  darum  bald  durch 
das  einfache  zeichen  E  und  0  ausgedrückt  werden  konnte. 

Kurzes  E  und  0  kommen  weder  im  sanskrit  noch  in  der  gothi- 
schen  spräche  vor,  gleichwol  hat  letztere  zwar  keinen  umlaut  ent- 
faltet, dennoch  brechungen  des  I  und  U  vor  H  und  R  in  AI  und 
AU  zugelassen.  Viel  weiter  schreitet  die  ahd.  spräche,  ihr  entsteht 
E  auf  zweifache  weise  aus  A  durch  I,  aus  I  durch  A,  hingegen  0 
nur  einmal  aus  U  durch  A.  das  erste  E  nenne  ich  das  umgelautete, 
das  andere  das  gebrochene,  und  beide  müssen  in  der  ausspräche 
merklich  abgestanden  haben,  da  ihr  unterschied  mhd.  und  selbst  nhd. 
noch  nicht  verwischt  ist.  Von  der  goth.  brechung  kann  die  ahd. 
häufig  abweichen,  indem  zwar  goth.  saihvan  fauhö  bairan  bauran  zu 
ahd.  se'han  fohä  pe'ran  poran  stimmen,  allein  goth.  faihu  saihvis  bairis 
paurneins  baurgs  verschieden  sind  von  ahd.  fihu  sihis  piris  durnln 
puruc  und  wiederum  goth.  giban  vigs  itan  von  ahd.  ke'pan  we'c  e'zan. 

Parallel  dem  umlaut  des  A  durch  I  sollte  ahd.  auch  einer  des 
A  durch  U  entsprungen  sein,  diese  lücke  der  theorie  ist  in  altn. 
spräche  ausgefüllt,  wo  bei  nachfolgendem  U  wurzelhaftes  A  in  AU 
gewandelt  wird,  z.  b.  maugr  =  goth.  magus,  daugum  =  ahd.  tacum 
goth.  dagam;  die  jetzt  übliche  Schreibung  und  ausspräche  setzt  aber 
mögr  dögum  für  mogr  dogum  =  maugr  daugum;  altnorwegische 
handschriften ,  z.  b.  die  nunmehr  erwünscht  herausgegebnen  Gula- 
pingslog  gewähren  richtiges  0 :  ol  oll  born  monnom  statt  öl  öll  börn 
mönnum  =  alu  allu  barnu  mannum. 

Mhd.  und  nhd.  vervielfachen  sich  die  umlaute,  indem  von  den 
längen  abgesehn,  neben  A  auch  U  und  das  gebrochne  0  in  Ü  und 
Ö  umlautbar  geworden  sind,  ich  kenne  keine  spräche,  die  sich  des  278 
umlauts  in  solcher  masse  bedient  hätte,  wie  die  hochdeutsche,  mnl. 
und  nnl.  ist  er  weit  eingeschränkter  geblieben,  dagegen  die  brechung 
des  I  und  U  über  das  hochdeutsche  ziel  hinausgegangen,  so  dasz  alle 
heutigen  deutschen  sprachen  eine  überlast  von  unreinen,  sowol  ge- 
brochnen  als  um  gelauteten  vocalen  an  sich  tragen. 

Auszerdem  hat  die  reinheit  des  A  und  U  noch  in  andern  fällen 

Grimm,    geschickte  der  deutschen  spräche.  13 


194  VOÜALISMUS 

einbusze  gelitten,  ohne  dasz  dabei  irgend  einflusz  nachfolgender  vo- 
cale  oder  consonanzen  wirksam  erscheint,  so  gilt  ahd.  0  für  A  in 
holön  arcessere,  fona  de,  giwon  suetus,  zumal  häufig  aber  ags.  Ä 
(fries.  E)  in  Wörtern  wie  däg  dies,  fät  vas,  gen.  däges  fätes,  wo 
jedoch  A  erstattet  wird,  sobald  die  flexion  A  oder  U  zutreten  läszt: 
dagas  daga  dagum,  fatu  fata  fatum;  solche  dat.  pl.  dagum  fatum 
stehn  daher  ab  von  den  altn.  dögum  fötum. 

Hat  man  den  getischen  dakischen  eigen  und  pflanzennamen  E 
und  0  einzuräumen  oder,  nach  gothischem  gesetz,  abzusprechen?  sie 
sind  uns  nur  in  griechischer  fassung  überliefert,  welcher  E  und  0 
allgeläufig  waren.  JHf/föle/fts  Ovsfyvccg  zJexsßcdog  jQO^a%akrjg  lassen 
sich  leicht  zurückführen  auf  Gibaleisis  Vasins  Dakibalus  Trumihaitis ; 
man  erwäge,  dasz  für  Dions  Z£Q[ii&y£&ov6a  schon  Ptolemaeus  das 
bessere  ZaQiii&ykd-ovöa  vorbringt;  noch  un verlegner  wird  auszerhalb 
der  wurzel  0  in  ZdX[io%LQ  machen,  es  gleicht  vollkommen  dem  in 
'4Q7t6%cciQ  Aino^alg  (s.  234)  und  dem  lat.  in  nox  mox.  irrt  meine 
deutung  von  Zd^iCß  nicht,  so  hätte  griechisch  sogar  Zagiufft  ge- 
schrieben werden  sollen.  Im  volksnamen  rhcu  selbst  haftete  bei  den 
Griechen  von  uralter  zeit  her  E,  welches  aus  A  entsprungen  sein  musz, 
da  sich  -yhog  -ykvog  lat.  -getes  genus  (oben  s.  179)  auf  die  skr. 
wurzel  dschan  führen  lassen,  wofür  dem  goth.  idiom  U  gemäsz  war, 
wie  in  kuni  =  genus,  un-  =  a-,  us  =  ex,  so  in  Gupai  =  Getae 
Tkxai  =  rdrca.  ob  nun  die  mit  Griechen  verkehrenden  Geten  in 
ihrem  namen  U  oder  I  vernehmen  lieszen,  ist  kaum  zu  sagen,  A 
mögen  sie  längst  aufgegeben  haben,  doch  aus  dem  I  ist  das  goth.  U 
279  leichter  als  aus  E  zu  begreifen,  das  freilich  griechischem  mund  gerecht 
war,  wie  später  0  in  r6z&oi,  seitdem  die  form  Gupai  oder  Gupans 
übertragen  wurde,  aus  ysvog  in  yovog  gelangte  das  organ  der  Grie- 
chen ohne  mühe.  Dasz  wir  über  den  namen  Bessi  Beööol  nicht  im 
reinen  sind,  lehrt  schon  die  herodotische  form  Brjööot  (s.  198)  und  so 
mag  anderwärts  £  ein  rj  oder  o  ein  10  vertreten,  die  KQrjörcovaloi 
dürfen  beides  Kqsötgwccloi  oder  Kgoörcovalot  werden  (vgl.  s.  206). 
Ein  ähnlicher  gesichtspunct  musz  für  die  pflanzennamen  gerecht  sein, 
das  E  in  phthethela  ist  dem  ersten  in  nkalov  gleich,  das  für  na- 
ralov  steht,  wie  litth.  patalas,  federbett,  bestätigt,  in  den  endungen 
-ela  schwächte  sich  der  vocal  noch  leichter,  das  -r\ka  in  tulbela  pria- 
dela  mag  vielmehr  -ila  sein,  sahsa  setzte  das  gr.  ohr  leicht  um  in 
tfsfa,  wie  ihm  skr.  schasch  äaptan  zu  ff  mxd  geworden  waren,  doch 
seba  scheint  entsprungen  aus  siba.  den  vocallaut  in  pegrima  halte 
ich  zu  dem  in  [isyccg  =  lat.  magnus,  denn  der  Gothe  behauptet  A 
in  fagrs.  reine  vocale  walten  in  salia  dacina  dacisca  aprus  radabida. 
die  0  in  dochela  kotiata  prodiorna  gonolita  olma  mozula  sind  ent- 
weder aus  A  und  U  entstanden,  oder  langem  0  zu  überweisen. 

Viel  weniger  liegt  es  auf  mir  in  einigen  der  angeführten  sky- 
thischen  Wörter  E  und  0  anzufechten  oder  zu  vertheidigen ,  da  der 
weite  umfang  und  die  manigfaltigkeit  skythischer  idiome  diese  laute 
schon  gestattet  haben  kann,  wie  sie  in  benachbarten  alten  sprachen 


VOCALISMUS  195 

eintraten,  wobei  es  gar  nicht  auf  eine  besonderheit  getischer  oder 
gothischer  zunge  ankommt,  in  Temerinda  mag  das  erste  E  lang, 
das  andere  umgelautetes  A  sein  und  die  koqccxoi  lassen  sich  auch  ohne 
dasz  man  kccqccxol  lese  mit  harugä  zusammenstellen,  in  den  meisten 
übrigen  skythischen  eigeimamen  erklingt  voller  und  ungebrochner  vocal. 

Aber  schon  dem  alten  zend  waren  auszer  den  buchstaben  für 
A  I  U  noch  zwei  andere  eigen,  die,  scheint  es,  den  laut  eines  kurzen 
E  und  0  haben  und  ursprüngliches  A  und  U  ersetzen,  z.  b.  in  azem 
ego  skr.  aham,  puthrem  filium  skr.  putram,  hentem  praesentem  skr. 
santam,  erezata  argentum  skr.  radshatam,  mäo  luna  skr.  mäs  und 
verflüchtigt  mau.  vermutlich  walten  consonanteinfiüsse.  aber  es  tritt 
auch  bei  nachfolgendem  i  1  oder  e  den  kurzen  oder  langen  vocalen  vor-  280 
gehender  silben  I  zu,  z.b.  in  nairja  homo,  maidhja  medium  skr.  madhja, 
welches  AI  sowol  der  goth.  brechung  AI  =  I  als  dem  ahd.  umlaut  E, 
den  die  älteste  zeit  noch  mit  AI  EI  bezeichnet,  vergleichbar  stände. 

Noch  weit  häufiger  sind  lateinische  und  griechische  E  und  0  an 
stelle  der  ursprünglichen  A  I  U  gerückt. 

In  vielen  lat.  Wörtern  treten  sich  A  und  E  zur  seite :  arma  iner- 
mis,  barba  imberbis,  annus  perennis,  ars  iners,  aptus  ineptus,  captus 
inceptus,  fastus  profestus,  fallo  refello,  farcio  confercio.  nach  den  drei 
ersten  beispielen  würde  man,  auf  ahd.  weise,  umlaut  annehmen,  den 
jedoch  die  übrigen  widerlegen,  in  perennis  lautet  A  nicht  um,  weil 
es  dann  auch  in  anni  annis  umlauten  würde,  sondern  die  ableitung 
schwächt  den  vocal,  wie  in  ineptus,  wo  die  endung  des  I  ermangelt. 
Gewähren  nun  aber  andere  ableitungen  I  neben  dem  E  der  stamme, 
z.  b.  in  lego  diligo,  teneo  retineo,  tenax  pertinäx,  so  scheint  die  ab- 
leitung bereits  erfolgt,  als  der  stamm  noch  ungeschwächtes  A  hatte, 
so  dasz  taneo  zu  retineo  wie  habeo  zu  cohibeo  sich  verhielten,  diese 
lat.  E  gleichen  also  nicht  unserm  gebrochnen  E,  weil  sie  nicht  aus 
I  entspringen,  und  auch  nicht  unserm  umgelauteten  E,  weil  ihnen 
die  bedingung  des  umlauts  unnöthig  ist.  die  lat.  ego  est  edo  sedeo 
medius  sex  Septem  dens  führen  unmittelbar  auf  skr.  aham  asti  ad  .  . 
sad  .  .  madhja  schasch  saptan  dantas  und  es  liegt  kein  I  oder  U 
dazwischen,  wie  in  den  goth.  formen  ik  ist  ita  sita  midjis  saihs  sibun 
tunJDus.  aber  zuweilen  ist  auch  lat.  I  für  skr.  A  eingetreten,  z.  b. 
mihi  quinque  skr.  mahjam  pantschan,  weshalb  E  in  me  goth.  nrik 
eher  auf  mi  als  ma  zu  bringen  wäre,  über  gr.  sv  Ivtog  (skr.  antas) 
kann  lat.  in  intus  nicht  entscheiden. 

Unter  den  romanischen  zungen  hat  zumal  die  italienische,  nächst- 
dem  die  spanische,  am  wenigsten  die  französische  den  laut  der  lat. 
A  I  U  ausgehalten ;  die  letzte  wimmelt  von  geschwächten  und  ge- 
brochnen vocalen  [besonders  auffallend  I  in  Ol,  frigidus  froid,  mihi 
moi,  tibi  toi],  ja  sie  entsagt  sogar  völlig  der  reinheit  des  U,  wel- 
ches sie  wie  mhd.  nhd.  Ü  ausspricht,  und  ihr  einflusz  scheint  auch 281 
die  nnl.  gleiche  ausspräche  des  U  nach  sich  gezogen  zu  haben.  Hierin 
sticht  das  nnl.  idiom  von  allen  deutschen,  wie  das  franz.  von  allen 
romanischen  ab,  wiewol  auch  altn.  U  heutzutage  auf  Island  wie  Ü  klingt. 

13* 


196  VOCALISMUS 

Gleicherweise  geht  der  Grieche  des  reinen  U  verlustig;  da  aber 
in  wurzeln  und  ableitungen  sein  T  dem  U  der  lat.  litth.  und  goth. 
spräche  gleichsteht,  wird  ihm  ursprünglich  auch  deren  ungetrübter 
laut  gebührt  haben  und  ich  zweifle  nicht,  dasz  im  höhern  alter- 
thum  6v  vno  vtibq  noXv  ftQccovg,  was  diesen  vocal  angeht,  nicht 
anders  klangen  als  lat.  tu  sub  super,  goth.  J)u  uf  ufar  filu,  litth. 
drasus. 

Den  Ursprung  der  gr.  E  und  0  sollte  man  einmal  ausführlich 
untersuchen.  ävs^iog  öxonehog  stimmen  zu  lat.  animus  scopulus, 
deren  flexion  us  überall  dem  gr.  og  und  skr.  as  begegnet  und  sich 
wie  das  0  in  ahd.  hano  zu  goth.  hana  verhält,  gieng  nun  animus 
aus  anamas,  wie  septimus  aus  skr.  saptamas  gr.  sßöopog  hervor? 
und  hat  sich  die  folge  A  I  U  wie  in  unserm  ablaut  darin  erzeugt? 
alle  lat.  Superlative  haben  -imus  -umus  statt  des  skr.  -ama  und  zu 
anamas  stimmt  noch  das  irische  anam  =  anima.  Jene  lat.  Schwäch- 
ungen cano  occino,  calco  conculco  sind  der  gr.  spräche  fremd,  eine 
menge  gr.  E  stellt  sich  unmittelbar  neben  skr.  A:  iyd  eöu  tibqi 
nevre  e$  £7iTcc  dmcc  {isöog  (xsyag  {te&v  neben  aham  asti  pari  pant- 
schan  schasch  saptan  daäan  madhja  mahat  madhu  und  in  diesen  hat 
auch  das  lat.  dem  A  entsagt,  auszer  in  magnus  und  setzt  I  nur  in 
quinque,  der  Gothe  aber  in  ik  ist  fimf  saihs  sibun  taihun  midja  mi- 
kils  und  wahrscheinlich  mijms.  sibun  steht  zu  saptan  wie  animus 
zu  einem  älteren  anamas,  also  darf  auch  ahd.  piru,  goth.  baira  = 
fero  cpega  auf  bhara  weisen. 

0  für  A  entwickeln  gr.  und  lat.  spräche  in  novem  novus  ovis 
oig,  folglich  läszt  sich  auch  E  in  vkog  Gnkog  lat.  specus,  vsxvg  lat. 
nex  auf  ursprüngliches  A  bringen,  was  uns  goth.  naus  gen.  navis 
bestätigt,  anderemal  schwanken  beide  zwischen  0  und  A,  z.  b.  in 
domo  da[ux(x>,  goth.  tamja.  wie  lat.  nox  dem  goth.  nahts  scheint 
mir  auch  mox  dem  mahts  verwandt,  eigentlich  potenter,  hernach  ce- 
leriter  auszudrücken. 
282  Die  litthauische,  rein  lautendes  AIU  noch  genugsam  besitzende 

spräche  hat  gleichwol  E  und  0  auf  eine  unserer  deutschen  ähnliche 
weise  entwickelt,  da  sich  nemlich  aus  E  in  den  ableitungen  I  ergibt: 
gemu  nascor  giminne'  genus,  gerru  bibo  girrauju  poto,  so  gleicht  dies 
E  mehr  dem  I  als  A,  und  szirdis  mehr  dem  goth.  hairtö,  als  gr. 
Ttagditt ,  wenn  schon  ich  nicht  wage  zu  entscheiden ,  ob  esmi  sum, 
edmi  edo,  sedmi  sedeo,  medus  iis&v  dem  skr.  A  oder  goth.  I  näher 
treten,  auch  in  den  Zahlwörtern  k^turi  penki  szeszi  septyni  deszimt 
waltet  E,  doch  in  asz  ego  A,  und  dem  litth.  esti  steht  preusz.  ast 
zur  seite;  errelis  aquila  ist  sl.  or'l",  poln.  orzei,  ahd.  aro.  wabalas 
scarabaeus  klingt  voller  als  ahd.  wibil,  ugnis  schwächer  als  agnis, 
voller  als  ignis  und  stimmt  zum  goth.  auhns  fornax,  sl.  ogn'  ignis. 
in  sunus  begegnet  lauteres  U  dem  goth.  sunus,  ahd.  ags.  sunu,  wie 
in  durrys  porta  dem  ags.  duru,  ahd.  turi;  das  goth.  daur  ist  gebro- 
chen, wie  goth.  dauhtar  ahd.  tohtar  neben  dem  reinen  litth.  dukt&. 
für  A  zieht  diese  spräche  verschiedentlich  0  vor,  z.  b.  in  obolys,  ahd. 


VOCALISMUS  197 

apfal  epfili,  welsch  afall  pl.  efyll,  sl.  jabloko,  rojus  paradisus  sl.  rai, 
ponas  dominus  sl.  pan. 

Aber  viel  öfter  trübt  sich  der  Slaven  A  zu  0:  nos"  nasus  litth. 
nosis,  rosa  lat.  ros  roris  litth.  rasa,  osT'  goth.  asilus,  bos"  nudipes 
litth.  basas,  noschtsch'  goth.  nahts  poln.  noc,  moschtsch'  goth.  mahts 
poln.  moc,  grob"  sepulcrum  litth.  grabas,  rog"  cornu  litth.  ragas, 
oko  oculus  litth.  akis,  orati  arare  litth.  ärti,  more  mare  litth.  mar&s, 
gost'  hospes  goth.  gasts,  vosk"  cera  litth.  vaskas  ahd.  wahs,  voda 
aqua  goth.  vatö.  einzelne  dialecte,  zumal  der  polnische,  sind  diesem 
0  noch  geneigter:  proch  pulvis  sl.  prach"  litth.  parakas,  prog  limen 
sl.  präg",  chiop  servus  sl.  chlapp"  litth.  kalps,  broda  barba  sl.  brada 
litth.  barzda,  krowa  vacca  sl.  krava  litth.  karwe,  mrowka  formica 
sl.  mravii,  grod  urbs  sl.  grad"  goth.  gards,  wohin  auch  die  untrenn- 
bare partikel  roz  gehört,  die  nur  den  Böhmen  ebenso,  allen  übrigen 
Slaven  raz  lautet,  die  Russen  pflegen,  nach  ahd.  art,  den  vocal  durch 
zwei  silben  zu  führen:  porog"  cholop"  boroda  korowa  gorod". 

Was  nun  I  und  U  betrift,  so  scheint  in  deren  Verflüchtigung  283 
die  sl.  spräche  weiter  gegangen  als  eine  der  übrigen  urverwandten, 
indem  sie  sie  häufig  ganz  ausstöszt  oder  blos  jeriert,  d.  h.  besondere 
zeichen  eintreten  läszt,  in  welchen  der  alte  vocal  nachhallt,  es  gibt 
zweierlei  jer,  ein  dünnes  oder  mildes,  welches  ich  hier  durch  '  aus- 
drücke, und  ein  dickes  hartes,  wofür  ich"  setze;  jenes,  dünkt  mich,  ist 
an  die  stelle  von  I,  dieses  an  die  von  U  getreten  [Miklos.  lautl.  71],  wie 
auch  im  russischen  inlaut  jenes  durch  E,  dieses  durch  0  bezeichnet  zu 
werden  pflegt,  st'klo  vitrum  poculum  entspricht  dem  litth.  stiklas,  goth. 
stikls,  altn.  stikill,  ahd.  stihhil  aculeus  apex,  weil  die  alten  trinkhörner 
spitz  waren;  die  Böhmen  schreiben  sklo,  die  Polen  szklo.  nicht  anders 
ist  sr'd'tze,  böhm.  srdce  das  litth.  szirdis,  goth.  hairtö,  ahd.  herzä. 
pr'st"  digitus,  böhm.  prst,  russ.  perst",  litth.  pirsztas,  lett.  pirksts. 
m'gla  nebula,  poln.  mgia,  böhm.  mhla,  litth.  migla,  gr.  ö(Jil%Xr].  vl"k" 
böhm.  wlk  mildern  die  Polen  in  wilk,  die  Litthauer  inwilkas,  die  Russen 
haben  volk"  hergestellt,  es  ist  das  gr.  Ivxog,  wie  goth.  vulfs  das  lat. 
lupus;  Miklosich  bringt  zu  vl"k"  das  skr.  vrka  (oben  s.  56),  welchem 
noch  genauer  sl.  vrag"  =  goth.  vargs  antwortet,  pr'k"  acies  agmen 
ist  das  böhm.  pluk,  poln.  po*k  pulk,  russ.  polk",  litth.  pulkas,  ahd. 
folh,  ags.  folc,  altn.  fölk.  pl"n"  böhm.  plny,  poln.  pefriy,  russ.  polnyi, 
litth.  pilnas,  lat.  plenus;  ableitendes  N  erscheint  erst  im  goth.  fulnan 
fullnan  impleri,  nicht  in  den  einfachen  adj.  fulls,  ahd.  fol,  man  wolle 
denn  LL  aus  NL  leiten.  Beide  jer  zeigen  sich  zumal  auslautend  am 
platz  des  älteren  U  und  I:  os'l"  gleicht  genau  dem  goth.  asilus,  med" 
dem  altn.  miödr,  ags.  medu,  tr'n"  dem  goth.  J>aurnus,  s"in"  dem  litth. 
goth.  sunus,  wogegen  gost'  dem  goth.  gasts  pl.  gasteis,  noschtsch' 
dem  goth.  nahts,  ogn'  dem  lat.  ignis,  wenn  schon,  wie  I  und  U  tau- 
schen, einzelne  dieser  jer  die  stelle  gewechselt  haben  mögen.  Von 
beiden,  dem  dünnen  wie  dem  dicken  jer  sind  aber  in  den  heutigen 
sl.  sprachen  eindrücke  auf  die  vorausgehenden,  zumal  liquiden  conso- 
nanten  übrig,  z.b.  poln.  kon  equus  entspringt  aus  kon',  orze*  aus  or'l", 


198  VOCALISMUS 

284wierzsch  Vertex  aus  vr'ch"  böhm.  wrch,  iza  lacrima  aus  sl"za  böhm. 
slza  serb.  suza,  poln.  sly  malus  aus  z'T'.  da  nun  den  Slaven  wur- 
zelhaftes G  vor  I  in  Z  übergeht  (bog  pl.  bozi)  so  scheint  mir  auch 
az"  ego,  iz"  ex  =  litth.  asz,  isz  eigentlich  az'  iz1  =  azi  izi  für  agi 
igi,  und  az'  ganz  dem  zend.  azem  =  skr.  aham  vergleichbar,  so  wie 
gr.  [liöog  fieööog  aus  medius  erklärlich  wird,  vgl.  sl.  meshdou,  böhm. 
mezy,  poln.  mi^dzy,  serb.  medju  =  inter,  in  medio.  Allerdings  wirkt 
auf  die  vorausgehenden  cons.  I  stärker  ein  als  U  (wie  bei  uns  jenes 
die  vorausgehenden  vocale  umlautet,  nicht-  dieses);  dennoch  wohnt 
sie  auch  dem  U,  nicht  dem  A  bei  und  ich  kann  Bopps  ansieht  nicht 
theilen,  welcher  (vgl.  gramm.  s.  339)  das  harte  jerr  aus  jedem  der 
drei  kurzen  grundvocale  leiten  will. 

Weniger  bedeutet  dabei  das  schwanken  der  neueren  mundarten, 
wenn  sie  den  entflohnen  laut  wieder  herstellen;  so  verwendet  der 
Pole  bald  0  und  U  (polk  puik),  bald  E  oder  I  (serce  pelny  wilk), 
auch  IE  (eiern  wierzch),  am  seltensten  A  (tarn  neben  eiern  =  böhm. 
trn).  Wechsel  zwischen  I  und  E  bietet,  dünkt  mich,  zumeist  das  böhm. 
organ  dar:  hrebec  equus  hrjbe'  pullus  equi,  lCpe  ljpe  melius,  klec 
cavea  kljeka  caveola,  klecati  kljeeti  claudicare,  lepnuti  ljpnuti  hae- 
rere  und  viel  dergleichen. 

Darin  kommt  aber  die  slavische  spräche  mit  der  griechischen 
und  französischen  überein,  dasz  auch  sie  des  reinen  kurzen  U  ent- 
behrt und  es  stets  durch  jery,  d.  h.  ein  dem  harten  jer  nachgesetz- 
tes I  ausdrückt,  beide  zeichen  zusammen  aber  wie  y  oder  ü  lauten 
läszt,  z.  b.  s"in"  filius  =  goth.  litth.  sunus,  r"iba  piscis,  m"isch  mus, 
wo  die  Polen  syn  ryba  mysz  schreiben,  man  unterscheide  davon 
das  immer  lange  U  der  heutigen  Slaven,  welches  aus  altem  OU  er- 
wächst, z.  b.  in  rozum  ratio,  russ.  razum,  altsl.  razoum",  vgl.  litth. 
umas.  weil  aber  das  auslautende  "  kein  solches  I  hinter  sich  hat, 
so  folgt,  dasz  es  auf  lauteres  U  zurückgeführt  werden  müsse. 

Den  keltischen  sprachen  stehn  neben  reinem  A  I  U  auch  E  und 

0,  auszerdem  aber  viele  diphthonge  zu,  die  sich  als  kürzen  umlaute 

285  und  brechungen  auffassen  lassen,    d.  h.   für   das  Verständnis   des  E 

und  0  wichtig  werden,     kein   andrer  vocalismus  scheint   dem  ahd. 

ags.  und  altn.  so  verwandt  wie  dieser  keltische. 

Zumal  klangreich  und  voll  ist  der  irische  und  auf  die  art  und 
weise  unsrer  gebrochnen  laute  fällt  erwünschtes  licht  dadurch,  dasz 
neben  langem  äi  £a  ei  eo  io  iu  öi  üi  ausdrücklich  kurzes  ai  ea  ei  eo 
io  iu  oi  ui  anerkannt  werden.  In  der  flexion  verdienen  besonders  die 
einsilbigen  nomina  aufmerksamkeit,  die  den  kurzen  vocal  des  nom.  sg. 
im  gen.  sg.  und  nom.  pl.  diphthongisieren,  oder  wenn  der  kurze  diph- 
thong  schon  im  nom.  sg.  ist,  ihn  mit  einem  andern  laut  vertauschen, 
neart  virtus  (welsch  nerth)  bildet  den  gen.  neirt  oder  nirt,  fear  vir. 
fir,  ceann  caput  cinn,  sean  senex  seine  senior,  each  equa  eich,  corp 
corpus  cuirp,  torc  aper  tuirc,  crann  arbor  croinn,  fonn  terra  fuinn. 
was  kann  dem  ahd.  anst  gen.  ensti  pl.  ensti  (nach  alter  weise  ge- 
schrieben einsti)  näher  kommen  als  dies  neart  gen.  neirt,  pl.  neirt? 


VOCALISMUS  199 

es  gibt  aber  andere,  die  im  nom.  sg.  kurzes  U,  im  gen.  sg.  und  pl. 
kurzes  0  empfangen:  ucht  pectus  gen.  ochta,  lus  herba  gen.  losa, 
gul  ejulatio  gen.  gola.  U  wird  in  0  gebrochen,  0  in  UI.  Die  flexion 
der  langen  vocale  ergebt  analog  z.  b.  bärd  poeta  hat  den  gen.  und 
pl.  bäird.  Auszerhalb  der  flexion  sind  mir  einzelne  Schwächungen 
des  A  in  U  aufgestoszen :  abhal  malus,  ubhal  malum,  was  dem  litth. 
obolys  gleicht,  wie  ugh  dem  lat.  0  in  ovum. 

Auch  die  welschen  plurale  zeigen  besonders  bei  einsilbigen  Wör- 
tern einen  unserm  deutschen  ähnlichen  umlaut,  A  pflegt  El,  0  aber 
Y  anzunehmen;  mab  filius  pl.  meib,  bardd  poeta  beirdd,  sarff  ser- 
pens  seirff,  gwalch  falco  gweilch,  corf  corpus  cyrf,  com  cornu  cyrn, 
ffon  baculus  ffyrj,  fford  via  ffyrd,  welches  Y  dem  irischen  UI  gleicht, 
naf  Creator,  talch  fragmen  bilden  den  pl.  neifion  teilchion.  hen  alt 
bildet  hyn  hynach  älter,  ser  stella  den  pl.  syr.  geht  bei  zweisilbigen 
der  vocal  letzter  silbe  in  Y  über,  so  wandelt  sich  das  A  der  ersten 
in  E :  afall  malum,  aber  refugium,  maneg  manica  erhalten  efyll  ebyr 
menyg,  was  zum  ahd.  umlaut  des  A  in  E  stimmt,  das  zweisilbige 
dafad  ovis  macht  den  pl.  defaid.  anderes  weicht  ab,  von  dant  dens286 
finde  ich  den  pl.  daint  (nicht  deint)  angesetzt,  von  maen  lapis  meini, 
von  nain  avia  neinoedd,  von  brän  'corvus  brain,  von  troed  pes  (ir. 
troidh)  traed,  von  gwr  vir  gwyr,  von  dwfr  aqua  deifr,  von  croen 
cutis  crwyn  u.  s.  w.,  was  genauere  forschung  wol  erklären  wird,  ich 
bin  im  welschen  der  quantität  der  vocale  unsichrer  als  im  irischen. 

Aus  diesem  Vortrag  über  die  kurzen  vocale  der  urverwandten 
sprachen  ziehe  ich, 

1)  dasz  sich  an  die  trilogie  A  I  U  nur  die  indische  und  go- 
thische  binden,  da  sie  zwar  A  in  I  und  U  abstufen,  nicht  aber  in 
trüben  laut  schwächen,  daraus  erklärt  sich  der  grosze  umfang  die- 
ser vocale  in  beiden  sprachen. 

2)  I  und  U  bricht  die  gothische,  sobald  ihnen  H  und  R  folgen, 
indem  sie  dann  A  vorschiebt,  so  dasz  aih  auh  air  aur,  ohne  beein- 
trächtigung  der  kürze,  entspringen,  das  skr.  guna  erscheint  analog, 
es  schiebt  gleichfalls  A  vor  I  und  U  und  bewirkt  AI  AU,  die  jedoch 
länge  empfangen  und  6  6  ausdrücken,  dennoch  lehren  sie,  wie  der 
goth.  brechung  die  ahd.  E  und  0  gleichen,  und  kürze  wahren. 

3)  recht  im  gegensatz  zum  skr.  und  goth.  schädigt  das  zend 
den  Alaut,  für  skr.  madhjas  maidhjas,  für  skr.  bhrätaram  bhrätarem 
schreibend,  hierzu  stimmt  das  lat.  medius  und  fratrem,  welche  zu- 
gleich zeigen,  dasz  AI  und  E  zusammentreffen,  wie  die  goth.  brechung 
des  I  AI  mit  der  Schreibung  E.  auch  der  ahd.  umlaut  des  A  in  E 
wird  durch  AI  AE  vermittelt,  das  man  in  den  ältesten  denkmälern 
noch  antrift,  z.  b.  caensincli  f.  gensincli,  und  das  selbst  unser  nhd. 
ä  enthält,  an  der  kürze  dieser  AI  AE  E  läszt  sich  so  wenig  zwei- 
feln als  an  der  des  gebrochnen  goth.  AI.  das  ags.  fries.  AE  E  in 
gräf  fovea  stäf  baculus  dal  vallis  =  fries.  gref  stef  del  vollenden 
den  beweis. 

4)  die  goth.  spräche  geneigt  skr.  A  in  I  abzustufen,  die  lat.  in 


200  VOCALISMUS 

E  zu  schwächen,  und  aus  aham  asti  madhjas  daäan  macht  jene  ik 
ist  midja  taihun,  diese  ego  est  medius  decem.  da  nun  die  hoch- 
deutsche und  noch  mehr  die  niederdeutsche  spräche  zendische  und 
gothische  richtung  vereinigt,    d.  i.    sowol  A  umlautet  als   I  bricht; 

287  so  ergeben  sich  in  ihnen  allzuviel  E,  die  wenigstens  durch  die  aus- 
spräche e  und  e'  günstig  von  einander  gehalten  werden. 

5)  in  der  slav.  spräche  herscht  die  Wandlung  des  A  in  0  vor, 
obgleich  sie  nicht  auf  dem  wege  des  altn.  umlauts  durch  U  ergeht; 
I  und  U  pflegen  ihr  aber  häufig  ganz  zu  entgleiten  und  nur  jeriert 
nachzuklingen,  dies  hängt  mit  feiner  ausbildung  des  consonantismus 
zusammen. 

6)  die  keltischen  sprachen  schlieszen  sich  in  Vervielfältigung  und 
practischem  gebrauch  der  brechungen  oder  umlaute  auffallend  an 
die  hochdeutsche,  wozu  auch  die  menge  der  diphthonge  in  beiden 
stimmt,  man  sollte  meinen,  dasz  in  diesem  betracht  einflusz  des 
keltischen  idioms  auf  die  benachbarten  Angelsachsen,  Friesen  und 
Franken  stattgefunden  haben  könne,  zumal  die  inneren  Deutschen 
(Altsachsen  Alamannen  Baiern)  in  Spaltung  der  laute  enthaltsamer 
scheinen. 

7)  vocalischer  wollaut  hängt  von  reinheit  der  drei  kürzen  und 
vom  gleichmasz  der  diphthonge  ab.  da  in  unsrer  spräche  das  diph- 
thongische Verhältnis  hauptsächlich  aus  dem  gesetz  der  ablaute  er- 
hellt, welchem  sich  die  betrachtung  ein  andermal  zuwenden  wird,  so 
will  ich  hier  die  einfachste,  alle  Schönheit  des  lauts  bedingende  grund- 
lage  der  trilogie  A  I  U  näher  ins  äuge  fassen. 

Jeglichem  ohr  wird  aggvus,  itan  mehr  behagen  als  enge,  essen, 
aber  auch  una,  tulipa  mehr  als  üne  tülipe  und  silva  filu  ufar  mehr 
als  hülä  polü  hüper.  unter  allen  europäischen  sprachen,  was  die 
anmut  der  vocale  betrift,  scheinen  mir  die  lateinische  litthauische 
und  gothische  vorzuragen,  und  namentlich  die  griechische  und  sla- 
vische  hinter  sich  zu  lassen;  noch  gröszere  lautreinheit  gewährt  in 
asiatischer  heimat  das  sanskrit. 

Beispiele  zweisilbiger  und  dreisilbiger  Wörter,  nach  allen  mög- 
lichen combinationen ,  sollen  zeugen,  ich  gestatte  mir  nur  für  die 
letzte,  d.  h.  die  flexionssilbe,  einigemal  unsichere  quantität;  zugezogne 
composita  sind  eingeklammert. 

1)  lat.  ala  mala  alga  talpa  parca.  litth.  galas  labas  badas  sawas 
sapnas  alga  banda  tarnas  wardas.  goth.  dvala  mala  sama  ana  hana 
fara  aba  daga  ahma  ahva  taglam  valda  barna  marka. 

288  2)  lat.  cinis  sitis  ignis  piscis  gliscit.  litth.  didis  iltis  pikkis 
smiltis  blindis  szirdis.  goth.  divis  Jrivi  hilis  milij)  visij)  blindis  spin- 
nis  vilpi. 

3)  lat.  humus  tubus  lupus  pullus  currus  multus  fundus  murmur. 
litth.  sunus  suwu  gullu  durru  grubbus  suntu  mudrus.  goth.  sunus 
munum  skulum  bundum  tunpus  huhrus. 

4)  lat.  alit  agit  apis  pandit  scandit.  litth.  dalis  szalis  dravis  akis 
dalgis  balsis  angis  naktis.    goth.  alis  halis  anis  faris  framis  agis  hatis 


VOCALISMÜS  201 

basi  nati  vatin  gavi   havi  gaggis  landis  fahsis  ahmin  batists  balgis 
bagmis  vasti  frastis. 

5)  lat.  malus  apud  latus  agunt  pandunt.  litth.  alu  malu  laku 
allus  saldus  dangus  garsus  aglus.  goth.  magu  magu])  skadus  valus 
sakkus  handu  aglu  aggvus. 

6)  lat.  mina  illa  crista.  litth.  ilgas  smilgas  silpnas  pilnas  piktas 
tinklas  dirwa  kirnas  dirzas  pirsztas.  goth.  qima  hina  ina  iba  skipam 
bida  hita  imma  blinda  trimpa  vilva  stibna  mitaj)  spinnand  fiskam. 

7)  lat.  pilus  simul  minus  cicur  littus  nimbus  tirmus  circum. 
litth.  skinu  immu  skirru  linnus  iszkus  kittur.  goth.  filu  miluks  spi- 
vum  divum  sibun  sidus  vitum  kintus  hliftus. 

8)  lat.  cuba  cubant  juglans  bulla  funda.  litth.  bludas  rumba 
dumblas  durnas  dugnas.  goth.  fula  vula  guma  suman  muna  nuta 
ufar  dumba  vulfa  runsa  fuglam. 

9)  lat.  puppis  pulvis  dulcis  turris.  litth.  krutis  rutis  ugnis 
usnis  bluznis  guszis.  goth.  kuni  funin  lubi  trudis  sutis  fullis  ubils 
ugkis  runsis  unsis. 

10)  litth.  amaras  parakas  nagabas  wabalas  sakalas  wakaras 
adata  patalas  gatawas  asaba  wasara  aszara  allasas  sarmata.  goth. 
dvalana  Amala  Hanala  managans  allana  grabada  habandans  abraba 
balpaba  Bastarna  (andstandan). 

11)  lat.  nitidi  hispidis.  litth.  kikillis  kirminis  pintinnis  (didpil- 
wis).     goth.  minnizin  himinis  kindinis  stiviti. 

12)  lat.  cumulus  tumulus  lupulus  tumultus  nummulus  cucullus. 
litth.  (nubundu)  (sugruwu).     goth.  (undrunnum). 

13)  litth.  aklatis  amalis.  goth.  Amalin  Hanalin  managists  haban- 
dins  (andbahti). 

14)  litth.  (apkalbu)  (apkassu).  289 

15)  lat.  animi  habilis  agilis.  litth.  dagillis  arikis  (atilsis)  knab- 
binnis.     goth.  agisis  aqizi  gadiliggs    atiskis  Attilin   avistris   barniski. 

16)  lat.  annulus  patulus  angulus  angustus.  litth:  (pabundu) 
(pargruwu).     goth.  (andrunnun). 

17)  lat.  maria  anima  aquila  amita  armilla  pallida  madila  Can- 
dida habitans  tranquilla  mantissa.  litCh.  barimas  katilas  arimmas 
asilas  labimmas  dangiszkas  (atbilda)  akstinnas.  goth.  alida  valida 
arida  varida  gramida  tavida  agida  ragina  lagida  matida  batiza  Attila 
baivida  aldiza  JDvastijpa  (andbindan). 

18)  lat.  animus  asinus  agitur  habitus  tacitus  madidus  callidus 
pallidus  candidus  marcidus  ambitus  malignus  maximus  tranquillus 
patribus.  litth.  dabinu  labinu  grandinu  garsinu  (pagirru)  (atimmu) 
addinczus.    goth.  asilus  aggilus  andizuh. 

19)  lat.  tabula  facula  macula  matula  glandula.  litth.  akrutas 
rapukkas  (apkunas)  kalmusas  baltummas  gardummas.  goth.  magula 
harduba  agluba  handugans  (gamunands). 

20)  lat.  tabulis.  litth.  allutis.  goth.  magulin  aftumist  valdufni 
fastubni. 

21)  lat.  nitida,    litth.  bimbirras  brinkinna  kibbirga  kiklikas  (isz- 


202  VOCALISMUS 

drimba).    goth.  himina  mikila  hrisida  sivida  kindina  plinsida  minniza 
(invindans). 

22)  lat.  igitur  nitidus  hispidus  cincinnus  tintinnum.  litth.  ilginu 
kirkinu  (iszrittu).    goth.  (invitum). 

23)  litth.  dimzakas.  goth.  nimada  stilada  gibada  vigana  giban- 
dan  sitandan  izvara  spinnada  blindana. 

24)  lat.  figulus  circulus  Stimulus  vitulus  titulus  singulum.  litth. 
(iszdumbu). 

25)  litth.  pimatis  (didgalwis)  (pirmkatis).  goth.  gibandin  silandin 
sitandin  rinnandin  (iddaljin)  igqaris. 

26)  lat.  (incassum)  (infantum). 

27)  lat.  singulis  circuli  Stimuli,     goth.  midumin  glitmuni. 

28)  lat.  pilula  inula  vitula  fistula  virgula  singula.  litth.  didum- 
mas  itumpas  ilgummas.     goth.  miduma  hinduma  (bibundans). 

290  29)  lat.  lupula  jugula.     litth.  surummas.     goth.  (unhulj>a). 

30)  lat.  lupuli  tutudi  pupugi.     goth.    hulundi  (unsuti)  |>usundi. 

31)  litth.  ubbagas.  goth.  trudada  huljada  juggata  vulpaga  unsara 
sunjaba  (unbarnahs). 

32)  lat.  eulmini  stupidis  ultimis.     goth.  Vulfilins  hulistris. 

33)  goth.  unsaris  ugkaris. 

34)  goth.  ulbandus. 

35)  lat.  eulmina  fulmina.  litth.  buwimmas  lupikkas  kuniszkas 
sudirgsta.  goth.  hugida  juhiza  tulgida  sutiza  ubizva  Vulfila  (usfilma) 
(usqiman)  (uslijja)  (ussigvan). 

36)  lat.  Studium  cubitus  mutilus  stupidus  cupidus  lumbricus 
funditus  ultimus.     litth.  suninku. 

Alle  diese  formein  sind  wollautend,  die  schönsten  aber  welche 
jeden  der  drei  vocale  aufzeigen,  zumal  18,  20,  28,  33,  35;  doch 
scheinen  auch  17,   19  und  13,  23  lieblich. 

Das  latein  meidet  in  dreisilbigen  A  der  penultima  (auszer  in 
fremden  Wörtern  wie  Palladis  baccaris  balsamum),  darum  mangeln 
ihm  10,  13,  14,  23,  25,  26,  31,  34.  dem  litthauischen  gehn  ab  12, 
14,  16,  24,  26,  27,  30,  32,  33,  34,  dem  gothischen  12,  14,  16, 
22,  26,  29,  36,  woraus  wieder  grosze  einstimmung  dieser  beiden 
einleuchtet;  vollständigere  bekanntschaft  würde  noch  einzelne  formein 
nachweisen,  alle  drei  sprachen  entbehren  14  und  26.  ich  habe  die 
mangelnden  wenigstens  in  Zusammensetzungen  aufgezeigt. 

Die  viersilbigen  zu  sammeln,  wäre  bei  ihrer  manigfaltigkeit 
schwer;  es  mag  an  wenigen  genügen,  lat.  animula  animitus  manci- 
pium  carbunculus  nitiditas  nitibundus  mutilandus  cubiculum  dulcissi- 
mum  luscinia;  fünf  silben  haben  calidissima  taciturnitas  aliquantulum, 
sechs  silben  hat  curculiunculus.  litth.  dabinimmas  drawininkas  lud- 
dininkas  apatinnis.  goth.  ubilaba  gadiliggans  unsaramma  managiza 
ufarassus  gudjinassus  hafanana;  nimmt  man  Zusammensetzungen  mit, 
so  vergröszert  sich  die  zahl:  usagida  insandida  usvalida  urrinnandin 
garunnana  bigitandans  andhulida  und  man  gelangt  leicht   auch   auf 

291  fünf  silbige :    anakumbida    andhulidana    lukarnastapa.     Ulfilas    bietet 


VOCALISMÜS  203 

ganze  Sätze  dar,  in  welchen  nur  die  drei  kurzen  volale  walten,  z.  b. 
Joh.  7,  45  uslagida  ana  ina  handuns;  Joh.  7,  49:  atiddja  du  imma 
in  naht  sums  visands. 

Keine  andere  europäische  zunge  vermag  diesen  einfachsten  wol- 
laut  in  solcher  reinheit ;  aber  die  ahd.  mundart  kommt  der  goth.  zu- 
nächst, ja  sie  überbietet  sie  noch  durch  häufigere  bewahrung  des  ab- 
leitenden A,  wogegen  sie  freilich  das  A  der  flexion  oft  in  U  oder  0 
wandelt  und  der  brechung  mehr  umfang  gestattet:  ana  sama,  stilli 
raiti,  hugu  sunu,  aki  apuh,  inan  plintan  pipar,  filu  ipu  pirum  sciluf, 
upar  wuntar  sumar  humpal,  upil  chunni,  adala  danana  wahtala  sualawa, 
mihhilin  himilisc  chisilinc  silapar  mittuli,  katilinc  mammunti  stantanti 
sagitun,  sumarum  fugalum  Fugalinc  chuningis  hugita  wunscili  jun- 
girin  tuttuli.  die  formein  14,  22,  24,  26,  36  werden  ahd.  thunlich: 
hasalum  adalum  Adalunc,  acharum,  himilum  wibilum  distilum  digitum, 
hiruzum  fingarum  wintarum  hugitum  tumphilum ;  viersilbig :  amisala 
nahtigala  sam an unca  und  in  Zusammensetzungen:  gihugita  ungimacha 
unfirslagan  gitubili  intnagili  antlingita.  Die  ahd.  mundart  liebt,  in 
drei  und  mehrsilbigen  Wörtern,  den  vocal  der  vorletzten  mit  dem  der 
letzten  silbe  auszugleichen,  z.  b.  aus  pittar  zu  bilden  pitturu  pittiri 
oder  für  hungarita  zu  schreiben  hungirita.  auf  den  wurzelvocal 
kann  dies  nur  in  so  weit  einflieszen  als  dessen  brechung  aufgehoben 
wird :  de'gan  gidigini,  we'tar  giwitiri,  fogal  fugili ;  aber  statt  wunscili 
könnte  nie  gesagt  werden  winscili,  für  hantilin  nie  hintilln. 

Der  gr.  spräche  sind  alle  U  in  Y  getrübt  und  viele  A  in  E  oder 
0  geschwächt,  dennoch  hat  sie  eine  grosze  zahl  reinlautender  A  und  I 
bewahrt  und  die  formein  1,  2,  6,  10,  13,  17  lassen  sich  im  überflusz 
nachweisen:  aqa  %agd  [idkcc  xaxd  xaxd  dlXd  Tlalkdg  ccvöqcc  [iccxqk, 
xlöl  xiöi  öcpiöi,  xlva  xivd  qpt'Aa,  xdlavxa  dg^axa  <pdQ[iaxcct  dykad 
d^ia^a,  avaxxi  dvögdöi  ndgdahg  aya&lg,  aygia  dönlda  naxglöa 
lidöxiyu  ndfoöxa  xd%iöxa  xdikiöxcc,  seltner  schon  11,  23,  35:  nißcöig, 
linagcc  öxißagd,  xidagig  xiftagig. 

Erwägt  man  nun  ferner,  dasz  in  der  lat.  litth.  und  goth.  spräche 
zu  jenen  drei  kürzen  noch  lange  vocale  und  diphthonge  treten  und  292 
sich  nach  schöner  folge  abstufen;  so  erreicht  der  vocalismus  in  ihnen 
seinen  gipfel. 

Zugleich  musz  aber  nicht  verkannt  werden,  dasz  es  dem  geistigen 
fortschritt  der  spräche  angemessen  war,  von  solcher  höhe  herabzu- 
steigen und  auf  kosten  des  lauts  eine  noch  gröszere  manigfaltigkeit 
geschwächter,  gebrochner,  getrübter  töne  zu  erzeugen,  was  haupt- 
sächlich durch  E  und  0,  so  wie  durch  vielfache  umlaute  und  assimi- 
lationen  bewirkt  wurde,  indem  die  Wörter  weniger  in  den  sinn  fallen, 
werden  sie  anspruchsloser  und  für  die  abstraction  taugender. 

Schon  in  dieser  hinsieht  ist  der  griechischen  spräche  eine  höhere 
Vollendung  und  Verfeinerung  als  der  lateinischen  beizulegen,  sie  hat 
die  glücklichste  mitte  getroffen  und  von  dem  ursprüglichen  wollaut 
nur  so  viel  aufgegeben,  als  nöthig  war,  um  die  freiste  beweglichkeit 
zu  entfalten. 


204  VOCALISMÜS 

Insofern  kann  auch  die  französische  spräche  gewandter  und 
behender  als  die  italienische,  die  englische  ausdrucksvoller  als  die 
schwedische  heiszen,  obgleich  unter  allen  romanischen  und  deutschen 
zungen  die  italienische  und  schwedische  meisten  wollaut  behielten, 
darum  die  singbarsten  blieben.  Der  keltische  vocalismus  trägt,  neben 
vortheilhafter  anläge,  deutliche  spuren  früher  pflege  an  sich.  Dem 
litthauischen  ist  bis  auf  heute  seine  alte  reinheit  zuständig;  diese 
spräche  hat  sich  auch  geistig  beinahe  nicht  geregt:  wenig  mehr 
verarbeitet  mag  die  lettische  sein.  Bei  unvergleichbar  stärkerer 
ausbildung  scheint  den  Slaven  noch  eine  fülle  vocalischen  wol- 
lauts  eigen. 

Der  deutschen  spräche  aufschwung  hat  nicht  die  gunst  der 
griechischen  erfahren,  sondern  ist  langsam  und  mit  Unterbrechungen 
vorgeschritten,  unsere  errungenschaft  würde  zur  althochdeutschen 
anmut  des  lauts  zurückkehren  weder  können  noch  wollen,  so  wenig 
als  die  englische  zur  angelsächsischen,  immer  aber  bricht,  wenn 
auch  weniger  in  abgeleiteten  als  zusammengesetzten  Wörtern,  die  alt- 
hergebrachte trilogie  durch,  z.  b.  mittag  schifmann  umfang  Unfall 
misgunst  manigfalt  dahinunter,  selbst  in  anomalien  wie  nachtigall 
und  bräutigam. 
293  Aber  in  der  geschichte  dieser  vocale,  der  ursprünglichen  trilogie 

und  der  allmählich  hinzutretenden  brechung  und  beumlautung  scheint 
mir  wieder  ein  zeugnis  der  Urgemeinschaft  zu  liegen.  Auch  die  fin- 
nische spräche  ist  klangreich  und  wol] autig;  auszer  dem  A  I  U  hat 
sie  E  0  und  daneben  Ä  Ö  Y  entwickelt,  und  trübe  vocale  stehn  in 
zwei  drei  und  viersilbigen  Wörtern  immer  zusammen,  z.  b.  höylä 
höylätän  hörhäläinen  nytkiä  nytkimätöin,  wie  sich  die  reinen  suchen : 
malata.matalus,  matka  matkustus  matkustaminen ;  allein  es  findet  kein 
Übergang  aus  dem  reinen  in  den  trüben  statt,  keine  rückkehr  aus 
dem  trüben  in  den  reinen,  daher  z.  b.  ranta  littus  räntä  pluvia  nivosa, 
rastas  turdus  rästäs  stillicidum,  harma  canus  härmä  pruina,  harka 
dictum  mordax  härkä  taurus,  rupen  incipio  rypen  voluto  me  ganz 
unverwandt  sind,  weder  ist  also  unser  gewöhnlich  fühlbarer  umlaut, 
noch  jene  ahd.  assimilation  der  vocale  in  dreisilbigen  Wörtern  ver- 
gleichbar, da  diese  nicht  in  die  Wurzelsilbe  dringt. 

Zum  schlusz  will  ich  voraussagen,  wohin  erst  folgende  Unter- 
suchungen zielen,  und  was  einen  unverkennbaren  zug  unserer  spräche 
kund  gibt,  in  den  übrigen,  zumal  den  älteren  ist  der  vocalismus 
manchem  Wechsel  und  mancher  Schwächung  ausgesetzt;  aber  die 
Wirkung  bleibt  eine  blosz  phonetische,  die  flexion  begleitende,  die 
deutsche  spräche  hingegen  strebt  diesen  vocaltausch  dynamisch  zu 
verwenden,  unser  ablaut,  an  sich  dem  skr.  guna  höchst  ähnlich, 
wird  dadurch  ganz  etwas  anderes,  dasz  sich  aus  ihm  ein  wunder- 
bares, die  flexion  aller  starken  verbalwurzeln  beherschendes,  und  von 
da  aus  in  alle  theile  der  spräche  strömendes  gesetz  entfaltete.  Brechung 
und  umlaut,  die  anfangs  auch  nur  phonetische  bedeutung  hatten,  sind 
uns  ebenfalls  unerläszliche  hebel  der  flexion  geworden,     unter  allen 


VOCALISMUS  205 

unsern  mundarten  hat  die  hochdeutsche  diese  richtung  am  deut- 
lichsten an  sich  getragen.  Solcher  kraft  und  Wirksamkeit  des  deut- 
schen vocalismus  an  die  seite  zu  stellen  wüste  ich  nur  eine  noch 
auffallendere  dynamische  anwendung  des  keltischen  consonantismus, 
dessen  spur  sich  anderwärts  namentlich  auch  bei  Slaven  und  Griechen, 
doch  in  weit  geringerem  masze  zeigt. 


XIII. 
DIE  SPIRATION. 


294  Auch  der  consonantisnms  bietet  drei  durchgreifende  trilogien 
dar,  indem  seine  laute  bald  spirantes  liquidae  und  mutae  sind,  die 
mutae  wiederum  bald  labiales  gutturales  linguales,  bald  tenues  mediae 
aspiratae. 

Der  Spiranten  und  liquiden  unterscheiden  sich  jedesmal  viererlei, 
diese  sind  L  M  N  R,  jene  H  S  J  V:  hauchende  sausende  jehende 
wehende;  ich  wage  für  die  bezeichnung  des  J  unser  ahd.  mhd.  jöhan 
je"hen  zu  verwenden,  welches  ein  sanftes  gelindes  sagen,  lat.  ajere, 
goth.  aikan  ausdrückt. 

Unter  diesen  vier  lauten  ist  der  saus  der  stärkste  und  vernehm- 
lichste, zunächst  an  ihn  reicht  der  hauch;  gelinder  ist  der  jehende 
und  wehende  laut. 

Für  den  sausenden  haben  daher  alle  sprachen  einen  buchstab, 
und  er  tritt  vor  vocalen  nie,  vor  consonanten  einigemal  zurück,  die 
drei  andern  bezeichnen  einige  sprachen  gar  nicht  oder  nur  durch 
halbe  buchstaben,  vor  oder  nachgesetzte  und  übergeschriebne  haken 
und  puncte.  so  die  irische  das  in  und  auslautende  H  durch  über- 
gesetzten punct,  wie  die  hebräischen  vocale  unten  punctiert  werden, 
hierher  gehören  auch  die  slavischen  jer  und  jerr,  das  gelinde  und 
harte,  welche  gleichergestalt  nur  in  und  auslautend  vorkommen,  aus 
I  und  U  erwachsen  (s.  283),    und   dem  J  und  V  vergleichbar  sind. 

295  J  und  V  gehn  unmittelbar  aus  den  vocalen  I  und  U  hervor,  unter- 
scheiden sich  also  von  S  und  H;  die  nicht  aus  vocalen  entspringen, 
diesem  gegensatz  zwischen  S  H:  J  V  gleicht  unter  den  liquiden  der 
zwischen  LR:  M  N,  denn  auch  L  und  R  haben,  wie  J  V  halbvocalische 
natur,  während  M  N  wie  S  H  unvocalisch  erscheinen.  Mir  scheint 
die  edlere  art  des  A  auch  hierdurch  bestätigung  zu  empfangen,  dasz 
es  in  keinen  consonant  übergeht,  da  I  und  U  consonantiert  werden 
können,  von  dem  Übergang  des  I  und  U  in  die  Spiranten  habe  ich 
eigens  geschrieben;  bald  folgt  der  consonant  aus  dem  vocal,  bald 
weicht    er   wieder  in   ihn    zurück,      sehr    gewöhnlich   ist,    dasz   aus 


SPIRATION  207 

anlautendem  sva  svi,   hva  hvi,   cva  cvi  geschmolznes  su  hu  cu  ent- 
springen: sue'star  süster,  sue'lla  stille,  schwirren  surren  u.  s.  w. 

Die  griechische  spräche  ermangelt  der  buchstaben,  gewissermaszen 
auch  der  laute  H*JV,  und  ihr  2J  ist  von  geringerm  umfang  als  in 
den  übrigen  sprachen,  allein  ihr  stehn  noch  zwei  zeichen,  der  spiritus 
lenis  und  asper  zu  gebot,  welche,  jenem  irischen  punct  und  slavischen 
jer  entgegen,  nur  anlautend  geschrieben  werden,  der  lenis  hat  aber 
jetzt  gar  keinen  laut  und  drückt  insofern  nur  die  abwesenheit  des 
asper  aus,  so  wie  umgekehrt  das  sl.  oder  russische  jerr  unempfunden 
ist  und  abwesenheit  des  gelinden  jer  anzeigt,  weshalb  auch  die  Serben 
gar  kein  jerr  schreiben,  so  könnte  man  den  gr.  spiritus  lenis  un- 
geschrieben lassen. 

Früherhin  besasz  indessen  die  gr.  spräche  das  digamma,  welches 
durch  /,  das  heiszt  ein  zweifaches  I '  ausgedrückt  und  dem  laut  V** 
oder  vielmehr  einer  verdickung  desselben  entsprach,  wie  sie  schon 
unser  W,  noch  deutlicher  das  romanische  GU  und  welsche  GW  er- 
kennen läszt.  Das  latein,  weil  es  bereits  V  für  die  spirans  hatte, 
verwandte  /  für  seine  aspirata,  welche  griechischem  CD  nahe  kam,  und  296 
die  ausspräche  des  lat.  F  steht  ab  von  der  des  gr.  digamma.  wo 
die  romanische  zunge  anlautendes  deutsches  W  übernahm,  wandelte 
sie  es,  auf  welsche  weise,  in  GU:  guardare  warten,  guastare  vastare 
wuostan,  guerra  werra,  guisa  wisa,  gualdana  woldan,  guanto  wantus; 
die  franz.  Schreibung  behält  GU  noch  vor  E,  I  guerre  guise,  läszt 
es  aber  vor  A  in  reines  G  übergehn:  garder  gant  und  schon  Galli 
scheint  für  Gualli  gesetzt,  wie  es  zu  ahd.  Walah  wird,  welsch  finde  ich 
den  pl.  Gwalwys  the  Gauls,  wie  lautet  der  sg.?  Die  Irländer  pflegen 
F  dem  welschen  GW  entgegenzustellen :  fion  gwin  vinum,  fear  gwyrdd 
viridis,  fear  gwr  vir,  fior  gwir  verus,  faolchon  gwalch  falco,  fionn  albus 
gwen  pulcher  altn.  vsenn,  Gwener  Venus  Veneris.  Welsches  Gwydion 
Gwydien  entspricht  dem  ags.  Vöden,  gerade  wie  die  longobardische 
Schreibung  aus  Wodan  Guodan  machte,  das  niederrheinische,  frän- 
kische Godesberg  Gudensberg  der  franz.  Schreibung  gleicht,  ein  Irlän- 
der hätte  zu  schreiben  gehabt  Faodhann.  welsches  gwydd  kommt 
überein  mit  ir.  fiadh,  altfranz.  gaut,  prov.  gau  gaus,  ahd.  wald. 

Dies  welsche  GW  ist  nicht  zu  übersehn,  wenn  man  das  gr. 
digamma  beurtheilen  will,  weil  gleich  nachher  auch  eine  analogie  der 
hauchlaute  zwischen  welscher  und  griechischer  spräche  überraschen 
wird,  das  digamma  herschte  zumal  im  aeolischen  dialect  (Ahrens  s.  30  ff.) 
und  für  Alolüg  selbst  galt  Faioküg,  d.  h.  die  bunten;  gleich  Britten 
und  Picten  führten  Aeolier  den  namen  der  buntgekleideten,  andere 
beispiele  sind  Fava%,  fdlloL,  MöTtegog  lat.  vespera,  Folvog  lat.  vinum, 
ndelv  lat.  videre,  Folöa    goth.    vait,  ttidog,   /vTotg,  Fvtvg    lat.  vitis 

*  davon  hier  abgesehn,  dasz  sie  H  für  einen  vocal  gebraucht,  wie  die 
slavische  H  für  I. 

**  den  Vlaut  gibt  auch  das  intarifxov  ßav,  welsches  blosz  als  Zahl- 
zeichen gilt,  zu  erkennen;  name  und  grund  des  digamma  scheint  mir  aber 
älter  als  dies  vau 


208  SPIRATION 

ahd.  wida,  fttcdog  vitulus,  Fegyov  ahd.  werah,  fddeö&ca  für  ?jde- 
öftai,  vielleicht  lat.  gaudere?  Fi<5%vg  für  iö%vg,  zumal  auch  die 
pronominalformen  dritter  person  FbQ'Sv  ßol  Fb  für  äftsv  ol  £',  vor 
E  in  ßgrj&g,  einigemal  inlautend  oßtg  lat.  ovis,  ooßdv  lat.  ovum  ir. 
ugh  welsch  wy  f.  gwy,  zlccßog  lat.  Davus,  das  s.  192  vermutete 
Dagus  Dagvus  bestärkend.  wenn  zuweilen  JP  geschrieben  wird: 
ydlloi  yellcu  (Ahrens  s.  31),  ist  das  kein  fehler,  sondern  dem  franz. 

297  G  für  GTJ  entsprechend,  ebenso  begreiflich  entfaltet  sich  anderemal 
B  oder  vocalisches  T  aus  dem  digamma  (Ahrens  s.  34.  38).  gewöhn- 
lich entspricht  es  dem  lat.  V  goth.  V,  einigemal  dem  spiritus' asper 
oder  lat.  H,  allmählich  aber  schwand  es  in  der  ausspräche  und  wurde 
dann  blosz  durch  den  lenis  vertreten,  dem  inlautenden  digamma 
darf  auch  das  goth.  aus  diphthongen  aufsteigende  GG  in  bliggva 
siggva  oder  das  altn.  in  egg  ovum  verglichen  werden,  es  ist  ein 
irrthum  Priscians,  dasz  aeolisches  digamma  überall  den  spiritus  asper 
vertrete,  was  es  nur  ausnahmsweise  thut,  so  wie  diesem  hin  und 
wieder  goth.  V  entspricht. 

Beispiele  des  dorischen  digamma  zählt  Ahrens  s.  40—59  auf, 
darunter  ßsccQ  und  yiccQ  lat.  ver,  ßs^ara  i^dtia,  ttötd  yeöud  lat. 
vestis  goth.  vasti,  ßiöria  Vesta,  ßl%axi  lat.  viginti,  fk%  für  £'£  lat. 
sex;  inlautend  nkeßos  ccißei  für  kUos  dsl  ahl  goth.  aiva,  daftov 
f.  dri'Cov  öd'iov. 

Man  sieht,  dasz  das  digamma  in  der  regel  weht,  zuweilen  aber 
auch  hauchen  und  einigemal  sausen  kann. 

Während  die  gr.  Spiranten  sich  verdünnen  und  verflüchtigen, 
verdichten  und  vergröbern  sich  die  deutschen,  das  goth.  V  wird  zu ' 
ahd.  W,  fast  nach  englischer  ausspräche,  S  häufig  zu  SC  SCH  und  J 
zu  G,  oder  entfaltet  sich  statt  des  früheren  vocalanlauts.  auch  die 
italienische  spräche  hat  jacere  jucundus  jüngere  in  giacere  giocondo 
giungere  verwandelt. 

Umgedreht  pflegt  der  altn.  dialect  J  durchgehends  aufzugeben 
und  V  vor  u  y  6  ce  1  und  r  zu  tilgen ;  es  heiszt  inn  üngr  ok  är  für 
goth.  jains  juggs  juk  jer  und  vaka  bildet  im  praet.  6k,  vinna  vann  im 
pl.  praet.  unno;  lita  und  rlta  stehn  für  goth.  vleitan  vreitan.  aus 
den  eddischen  alliterationen  wie  aus  der  homerischen  scansion  lassen 
sich  also  verlornes  V  und  digamma  rathen.  Ssem.  60a  werden  ordi: 
vinr,  61 a  Vidarr:  ülfs,  61b  reidr:  vega,  62a  reidir:  vegiz,  63b  reidom: 
vegit,  187a  reidan:  vega,  188a  190a  reidir:  vega  gebunden,  in  wel- 
chen stellen  vordi,  vulfs  und  überall  vreidr  erforderlich  ist,  wie  sie 
dem  ags.  vord  vulf  und  vräd  entsprechen,  aber  die  spätere  ausspräche 
und  Schreibung  giengen  über  das  V,  wie  bei  Homer  über  das  digamma 
hinweg. 

298  In  der  mitte  von  Zusammensetzungen  schwindet  der  lenis  ganz, 
der  asper  aber  wirkt  nach,  insofern  er  vorausgehende  tenuis  aspiriert: 
eötia  ecpeöTcog  lörrftu  cccpiörrj^  evöcj  xad'tvdto,  aigm  nE&aLQea, 
auszerdem  geht  er  auch  unter,  z.  b.  alpa  dtaL^og,  vnvog  hvvitviov, 
l'örrjlii,  sviöTTjiu.     U  könnte    so    niemals    wegfallen,   und    auch   das 


SPIRATION   S.   H  209 

digamma  haftet,     die  dorischen    %töaj:oiY.oi   sind    attische    ^iktofnoi 
(Ahrens  p.  43). 

Deutsche  Zusammensetzungen  tilgen  niemals  S  oder  J,  zuweilen 
H  und  V.  schrieb  schon  Strabo  ©ovöv&da  (und  wie  hätte  er  Thur- 
sinhilda  können  anders  hervorbringen?),  so  ist  dem  Iornandes  Sva- 
nielh  für  Svanihild,  dem  Saxo  gr.  Svavilda  für  Svanhilda,  Grimilda  für 
Grimhilda,  dem  schwed.  Volkslied  Brynial  für  Brynhild  einzuräumen, 
aus  der  ags.  Beadohild  macht  die  edda  Saem.  136  Bödvildr  (das  v 
gehört  zu  böd  gen.  bödvar  und  entspricht  dem  ags.  o).  nicht  anders 
wandelt  sich  in  demselben  liede  der  ags.  name  Nidhad  in  Nidadr, 
oder  sonst  ahd.  einherti  in  altn.  einardr  (vgl.  s.  199),  ahd.  llhhamo 
in  altn.  likami ;  weit  öfter  jedoch  haftet  H,  selbst  in  den  eigennamen 
Grimhildr  Alfhildr  Lyngheidr  oder  in  einheri  vanheill  föthvatr  u.  s.  w. 
nur  die  scheinbaren  ableitungen  männlicher  namen  auf  -ar  entspringen 
durchgehends  aus  der  Zusammensetzung  mit  goth.  haris,  z.  b.  Vidär 
ist  ahd.  Wltheri,  Lofar  ahd.  Lobaheri,  Sigar  ahd.  Sigiheri,  Giafar  ahd. 
Ge'baheri,  andere  habe  ich  bei  Haupt  3,  142.  143  gesammelt.  Aus- 
fallendes V  oder  W  liegt  allen  mannsnamen  auf  -ulf  oder  -olf  (gramm. 
2,  330)  und  vielen  auf  -old  (2,  333)  zum  gründe;  die  lat.  bildung 
-oaldus  -oarii  hat  V  in  0  gewandelt,  bekannt  sind  altn.  dögurdr,  Si- 
gurdr  aus  dagverdr  Sigverdr  =  Sigferd  f.  Sigfrid.  ahd.  iowiht  niowiht 
wurden  bald  in  ieht  nieht,  iht  niht  gekürzt,  ahd.  mittawechun  mhd. 
mitichun  mitechon  mitichen  Griesh.  2,48.  Tundal.  44,  27.  MB.  27,  90. 

Auslautendes  S  tilgen  zwar  viele  sprachen,  zumal  in  flexionen, 
doch  keine  spräche  ist  mir  bekannt,  die  inlautendes  S  mit  solcher 
leichtigkeit  vor  consonanten  schwinden  liesze,  wie  die  französische: 
lle  insula  it.  isola,  Bäle  Basel  it.  Basilea,  male  masculus  it.  mascolo, 
meler  miscere  it.  mescolare,  maitre  magister  it.  maestro,  apre  asper  299 
it.  aspro,  fröne  fresne  fraxinus,  guöpe  vespa,  vßpre  vespera  u.  s.  w. 
wozu  man  das  altröm.  poesna  coesna  f.  poena  coena  halte,  anlau- 
tendem ST  SP  schiebt  der  Franzose  E  vor,  um  dann  das  S  fallen 
zu  lassen:  etre  stare,  ecrire  scribere,  eternuer  sternutare,  man  könnte 
sagen,  der  saus  sei  hier  in  den  vocal  aufgelöst:  das  erlöschen  des 
S  gleicht  dem  des  H  in  analogen  fällen  und  bestätigt  die  verwandte 
natur  beider  Spiranten. 

Für  diese  musz  ich  nun  noch  näher  ihren  merkwürdigen  Wechsel 
unter  einander  geltend  machen,  der  in  einigen  sprachen  stark,  in 
andern  gering  vortritt,  sanskrit  latein  deutsche  slavische  und  irische 
spräche  pflegen  S  zu  setzen,  wo  zendische  persische  griechische  und 
welsche  H;  im  deutschen  tauchen  nur  hin  und  wieder  spuren  des 
H  neben  S  auf,  characteristisch  wird  aber  der  unterschied  zwischen 
sanskrit  und  zend,  zwischen  latein  und  griechisch,  zwischen  irisch 
und  welsch;  der  Übereinkunft  griechischer  und  welscher  spräche  im 
digamma  begegnet  vollkommen  die  im  H,  und  wie  dort  dem  G  hängen 
sie  hier  dem  H  an,  d.  h.  gutturallauten.  ebenso  eigenthümlich  ist 
es  Griechen  und  Welschen  anlautendes  R  zu  aspirieren  und  dem  lat. 
quinque,  franz.  cinq,  ir.  cuig  entgegenzusetzen  ni\mz  pump. 

Glimm,  geschichte  der  deutschen  spräche.  \  \ 


210  SPIRATION    S.    H 

Es  zieht  mich  an  das  Verhältnis  von  S  und  H  in  zahlreichen 
beispielen  auszuführen. 

Das  pronomen  dritter  person  skr.  sa  sä  lautet  im  zend  hö  ha, 
gr.  6  rj,  goth.  sa  so,  ags.  se  seo,  altn.  sä  sü  und  dem  ir.  se  steht 
welsches  e  für  he  entgegen,  nicht  anders  waltet  im  lat.  goth.  ahd. 
altn.  litth.  sl.  reflexiv  S,  im  gr.  H;  mit  dem  aussterben  des  ags. 
und  engl,  reflexivs  mag  aber  im  Zusammenhang  sein,  dasz  neben  ags. 
demonstrativ  se  seo  das  eigentliche  pron.  dritter  person  he  heo  lautet, 
dessen  H  durch  alle  casus  und  geschlechter  läuft,  im  alts.  he  ledig- 
lich den  nom.  masc.  ergreift,  während  das  fem.  siu  behält  und  die 
obliquen  casus  H  abstreifen,  der  niederländische  dialect  hat  S  blosz 
dem  nom.  acc.  sg.  fem.  gelassen,  dem  masc.  H  verliehen,  der  frie- 
sische gleich  dem  ags.  allenthalben  H  angenommen,     auf  demselben 

300  gründe  ruht  das  H  des  altn.  hann  hun  und  der  neunord.  sprachen, 
wo  im  deutschen  pronomen  H  vortritt,  begegnet  es  der  welschen  weise ; 
in  den  hochdeutschen  mundarten  ist  es  nicht  der  fall,  auch  finn.  se  ille. 

Zum  skr.  saptan  treffen  lat.  Septem,  goth.  sibun,  litth.  septyni, 
sl.  sedm,  ir.  seacht;  zum  zend.  haptan  pers.  heft,  gr.  hittd.  hier 
hat  auch  das  welsche  saith  skr.  sahasra  zend.  hazanra  pers.  hezara 
(s.  254). 

Skr.  sara,  lat.  sal,  goth.  salt,  ahd.  salz,  ir.  salan,  sl.  sol',  poln. 
sol,  böhm.  sül,  litth.  surus  salsus  (sonst  wird  für  sal  gesagt  druska) 
suditi  salire,  lett.  sahls,  finn.  suola,  est.  sool,  läpp,  salte.  hingegen 
gr.  cclg,  welsch  hal  balan;  wenn  in  Deutschland  Salzquellen  den 
namen  Hall  Halle  führen,  scheint  das  keltischer  einflusz,  den  salz- 
flüssen  steht  S  zu  (mythol.  s.  1000)  und  schon  Strabo  s.  291  gewährt 
JJdlccQ',  Leo  (bei  Haupt  5,  511)  leitet  das  H  von  dem  phonetischen 
übertritt  des  ir.  S  in  SH  ab,  welches  SH  wie  H  gesprochen  werde; 
doch  dieser  der  irischen  spräche  eigne  lautwechsel  braucht  uns  nicht 
die  nähe  des  S  und  H  anderwärts  zu  deuten,  wie  der  mythus  den 
geschmack  des  meerwassers  aus  hinein geworfnem  salz  erklärt  und  die 
see  überall  die  salzige  flut  heiszt,  ist  aus  dem  gr.  masc.  alg  das 
fem.  für  den  begrif  des  meers  entsprungen  und  ir.  bezeichnet  saile 
see  oder  seewasser.  aber  auch  die  bitterkeit  der  thräne  rührt  aus 
dem  salz  her  (mythol.  s.  531),  die  thräne  beiszt  (ddxQV  goth.  tagr, 
lat.  lacryma  verwandt  mit  Öaxslv)  und  unmittelbar  das  sl.  sl"za, 
böhm.  slza  zu  sol'  salz,  im  poln.  iza  ist  einmal  die  Spirans  abge- 
streift und  nur  aus  der  nachwirkung  auf  L  erkennbar. 

Skr.  upa  und  upari  entsprechen  dem  goth.  uf  und  ufar,  lat. 
sub  super,  gr.  v%6  vnsQ.  man  erklärt  sich  sub  super  aus  dem  vor 
upa  upari  tretenden  praefix  sa  (Benfey  1,  284),  welchem  der  sp. 
asper  gleichgilt.  ir.  ist  suas,  welsch  uwch,  oder  wie  andere  schrei- 
ben yuch  super,    gr.  vmiog  lat.  supinus. 

Lat.  simul,  goth.  sama,  gr.  cfyta,  pers.  hem.  im  skr.  sam  und 
saha  für  den  begrif  mit,  aus  welchem  saha  und  einem  vermuteten 
sahum  Benfey  1,  386    das   gr.  %vv  Cvv   und  lat.  cum  leitet,    woran 

301  sich   ahd.   ham    (gramm.  2,  752)    schlösse.       dies    alles   bleibt   noch 


SPIRATION   S.    H  211 

zweifelhaft,  offenbar  aber  lassen  sich  ct{ia  und  övv,  cum  und  ga  nicht 
unmittelbar  zusammenstellen. 

Bei  Homer  überwiegt  noch  öyg  dem  vg,  und  er  sagt  övßcjtrjg 
övßoöiov,  allmählich  aber  drang  vg  durch,  lat.  sus,  ahd.  sü  u.  s.  w. 
(s.  36.  37).  zu  vg  fügt  sich  pers.  khük  und  welsches  hwch,  woher 
das  engl,  hog  entlehnt  scheint,  man  wolle  denn  das  deutsche  haksch 
(s.  36)  anschlagen,    vawa  eigentlich  wilde  sau,  hernach  hyaena. 

Ir.  seabhac  falco,  welsch  hebog,  wozu  die  deutschen  s.  49  auf- 
gezählten formen  stimmen ;  doch  scheinen  mir  jetzo  seabhac  wie  hebog 
urverwandt  und  unentlehnt.  aber  ich  gehe  nun  weiter  und  verknüpfe 
damit  auch  die  namen  des  falken:  sucelino  sakalas  sokol  scheinen 
das  S  und  K  von  seabhac  zu  enthalten  und  ableitendes  L  anzuhängen, 
während  im  lat.  falco,  ir.  faolchon  Übergang  aus  der  gutturalis  in 
labialis  stattfindet,  also  ein  gr.  digammiertes  ßdkxwv  zu  gewarten 
wäre,  welchem  das  welsche  gwalch,  altn.  valr  gleichsteht,  dies  alles 
wird  durch  das  spätere  cpal%(i)v  und  span.  halcon  bestätigt;  aus  dem 
alter  der  formen  ergibt  sich  das  der  falkenjagd  von  neuem.  Den 
berühmten  heldennamen  Gwalchmai  deutet  Davies  brit.  mythol.  s.  199 
the  hawk  of  may,  lady  Guest  im  mabinog.  1 ,  118  Gwalchmai  ap 
gwyar  the  hawk  of  battle,  aus  Gwalchmai  entsprang  das  romanische 
Gavain  Gauvain  Galganus  Walganus,  Wolframs  Gäwän,  mnl.  Walewein. 

Ir.  saileog,  lat.  salix,  ags.  sealh,  ahd.  sahala,  altn.  selja,  dakisch 
öccUa  (s.  210).  welsch  helygen,  gr.  eUxr]  nicht  blosz  weide,  sondern 
auch  epheu,  wahrscheinlich  noch  auf  andre  kräuter  ausgedehnt;  wel- 
sches helogan  ist  apium  graveolens,  helyglys  epilobium  Weiderich. 

Skr.  Sürjas  gott  des  lichts  (R  :  L  wie  in  sara  sal)  vgl.  svar 
coelum,  lat.  sol,  litth.  saul^  lett.  saule,  sl.  sf'n'tze,  goth.  sauil,  ags. 
sigil,  ahd.  sugil,  altn.  söl,  ir.  solas  lux.  zendisch  hvare,  gr.  rjfoog, 
welsch  haul  pl.  heuliau,  den  Tschuwaschen  khvel.  zu  den  Hformen 
rechne  ich  auch  das  ags.  hveol  hveohl,  altn.  hiol,  weil  die  sonne  als 
leuchtendes  rad  dargestellt  wird  (mythol.  s.  664)  und  wie  im  etrusk. 
usil,  sabin.  ausel  H  und  S  mangeln,  kann  auch  im  altn.  jol,  goth.  302 
jiuleis  der  begrif  des  rads  oder  der  sonne  liegen,  jiuleis  und  lat.  Ju- 
lius den  monat  der  (winter  oder  sommer)  Sonnenwende  meinen  (oben 
s.  107).  auch  der  Übergang  aus  hveol,  engl,  wheel,  nnl.  wiel  in 
fries.  fial  ist  nach  allen  seiten  gerecht,  wie  wir  eben  in  falco  F  H 
und  S  wechseln  sahen. 

Marcellus  burdegalensis  (oder  auch  empiricus),  leibarzt  Theodos 
des  groszen,  hat  uns  in  seiner  schrift  de  medicamentis  cap.  3  den 
keltischen  namen  des  klees  aufbehalten*:  visumarus,  was  sichtbar 
zum  ir.  seamar  und  seamrog  stimmt,  woraus  die  Engländer  shamrock 
machen;  es  ist  der  dreiblätterige  klee  und  bis  auf  heute  symbol  des 


*  medici  antiqui.  Venet.  1547  p.  90a;  er  führt,  gleich  Dioscorides,  noch 
andere  (zwölf)  gallische  pflanz ennamen  an,  cap.  10  p.  101a  herba  proserpi- 
nalis  quae  gallice  gigarus  appellatur;  radicem  symphyti,  quod  halum  gallice 
dicunt;  cap.  11  p.  101b  serpillum  herbam,  quam  Galli  gilarum  dicunt  u.  s.w. 

14* 


212  SPIRATION   S.    H 

irischen  volks,  das  an  die  hüte  geheftet  wird*,  aber  anch  altn.  war 
smäri  trifolium  album,  in  Jütland  sagt  man  smäre.  vi  in  visumarus 
scheint  bloszes  praefix,  dessen  sinn  ich  nicht  sicher  nachweise,  vgl. 
ir.  uis  humilis,  oi  ovis.  die  welsche  spräche  kennt  kein  dem  semar 
entsprechendes  wort,  sie  nennt  den  klee  meillionen.  ich  vergleiche 
aber  das  ahd.  hemera,  welches  verschiedne  kräuter  gentiana,  helle- 
borus,  aconitnm  glossiert  und  dem  litth.  czemerei,  russ.  tschemeritza 
(s.  213)  nahe  kommt. 

Lat.  serpo  gr.  egnco.  skr.  sarpa,  lat.  serpens  gr.  SQnezog.  Ver- 
wandtschaft mit  vermis  vaurms  krimi  tscherv  s.  172  vermutet. 

Lat.  sarpere  putare:  'sarpere  apud  antiquos  purgare'  undfsarpta 
vinea'  hat  Festus.  sarmentum  virgula  putata.  sl.  sr'p",  böhm.  srp, 
poln.  sierp  falx.  gr.  ccQnrj  yoQTi?]  (s.  105).  ebenso  gehört  unser 
sichel  zu  secare,  litth.  piautuwas  zu  piauti  und  der  achte  monat 
heiszt  den  Litthauern  piutis  rugpiutis  (s.  99)  wie  den  Slaven  srpen 
303sierpien  (s.  95).  läge  der  hauptbegrif  in  ccQ7ir]  srp,  so  dürfte  man 
das  krumme  sich  durch  die  halme  schlängelnde  geräth  zurückleiten 
auf  8Q71ELV  serpere,  vgl.  ccqttoc&lv  rauben,  gleichsam  abschneiden. 

Litth.  sarmata,  sl.  sramata  ignominia,  sl.  sramiti  IvxqS'jiuv,  skr. 
sri  erubescere.  ahd.  härm  contumelia  injuria,  ags.  hearm  calumnia 
damnum,  altn.  harmr  damnum  luctus,  vgl.  oben  s.   172. 

Skr.  svapnas,  lat.  somnus  f.  sopnus  svapnus,  sopor  f.  svapor, 
ahd.  sve'ban,  altn.  sve'fn  somnium,  sofa  =  svefa  dormire,  mhd.  ent- 
sweben  sopire,  litth.  sapnas  lett.  sapnis  somnium,  ir.  suan  somnus, 
sl.  s"n"  somnus,  russ.  son",  böhm.  poln.  sen  gen.  snu,  serb.  san  gen. 
sna,  sl.  s"pati,  böhm.  spati,  poln.  spac  dormire.  gr.  vnvog  somnus,  vnag 
sopor,  evvTivLOV  somnium,  welsch  hün  somnus  levis,  hepian  dormire 
und  aus  beiden  zusammengesetzt  hephun  somnus,  hunell  somnus  levis. 

Skr.  svädus  fem.  svädvi,  lat.  suavis  f.  suadvis,  goth.  sutis  f. 
svßtis,  ags.  svete  engl,  sweet,  ahd.  suozi,  nhd.  süsz.  gr.  fjdvg.  gehört 
das  ir.  saimh  hierher?  dasz  skr.  svädus  aus  su  bene  und  ad  edere 
stamme  bezweifle  ich.  auf  slad"k"  dulcis  ykvxvg  werde  ich  hernach 
kommen. 

Lat.  senex  gen.  senis,  senior,  senium,  goth.  sineigs,  sinista,  bürg, 
sinistus,  mlat.  siniscalcus  seniscalcus,  famulorum  senior,  vgl.  goth. 
sinteins  aeternus,  lat.  semper,  ahd.  sin-,  ir.  sean  senex.  welsch  hen 
senex,  hyn  senior. 

Skr.  sämi,  lat.  semi,  ahd.  sämi,  ags.  säm.  gr.  rjfu.  im  kelt.  sl. 
litth.  entspricht  nichts. 

Lat.  sedeo,  goth.  sita,  ahd.  sizu.  sl.  sjesti  sjadu,  poln.  siedziec, 
böhm.  sedeti,  litth.  se'd&ti.  gr.  itp)  e&ncu  fut.  edovnai,  edog  sÖqcc 
sedes  goth.  sitls. 

Skr.  svidjami  lat.  sudo.  ags.  svät,  ahd.  sveiz,  altn.  sveiti  sudor. 
gr.  LÖQCog. 

Lat.  sorex,  gr.  vga^,  finn.  hiiri  mus  vgl.  s.  235. 


Lappenberg  über  Irland  (in  der  allg.  encycl.)  s.  llb. 


SPIRATION    S.    H  213 

Lat.  sulcus,  ags._  sulh  (oben  s.  56.  57).  gr.  oXnog  von  sknco. 
ohne  spirans  cUa£  avla^. 

Lat.  sylva  silva  gr.  vhf\,  lat.  saltus,  finn.  salo,  vgl.  mit  gr.  aXöog.  304 
H  auch  im  ahd.  holz  lignum  silva,  ags.  holt  lucus,  altn.  holt  aspre- 
tum,  saltus.    andrer  wurzel  als  das  folgende. 

Lat.  salio,  salto,  gr.  allofiai,  lat.  saltus  al^ia.  ahd.  salzön,  ags. 
saltian  saltare,  nach  dem  latein? 

Lat.  socer,  goth.  svaihra,  ahd.  sue'hor,  gr.  s%VQog. 

Goth.  saian  saisö,  altn.  sä  söa  seri,  ahd.  säan  sähan  säwan,  ags. 
sävan,  lat.  serer e  f.  sesere,  litth.  seju  s&ti,  sl.  sjejati,  poln.  siac,  ir. 
siolaim  silim,  welsch  hau,  hadu  sero.  lat.  semen,  ahd.  sämo,  sl. 
sjemja,  poln.  siemi^,  litth.  sekla,  ir.  siol,  welsch  hil  progenies, 
haden  saat. 

Ir.  seisge  carex,  engl,  sedge.    welsch  hesgen. 

Ir.  seile  lat.  saliva,  gr.  öiaXov,  welsch  haliw. 

Ir.  sealgam  venari.    welsch  hei,  helg. 

Ir.  seafaid  vaccula,  scheint  dem  ags.  heafor,  engl,  heifer  (s.  32) 
verwandt;  das  welsche  wort  finde  ich  nicht. 

Ir.  sior  continuus.  welsch  hir  continuus  longus,  vgl.  vorhin  bei 
senex  ahd.  sin-. 

Ir.  sion  tempestas.    welsch  hin,  vgl.  huan  sol. 

Ir.  samhra  sol,  aestas.  da  sonst  samh  =  sabh  steht,  fällt  viel- 
leicht das  welsche  haf  hefin  aestas  in  die  vergleichung.  ahd.  sumar 
(oben  s.  73). 

Ir.  sanas  salutatio,  nuncius.    welsch  hanes  relatio 

Ir.  saith  examen  apum.  welsch  haid,  vgl.  e6{i6g  und  selbst 
examen,  franz.  essaim. 

Diesen  beispielen  des  anlautenden  S  :  H  lieszen  sich  manche  andere, 
bis  auf  die  Sakae  und  Hakas  (s.  227)  zufügen;  ich  will  auch  einige 
inlaute  dafür  beibringen. 

Skr.  asi  lat.  es,  goth.  is,  zend.  ahi.  skr.  asmai,  zend.  ahmäi,  goth. 
imma  f.  isma.  skr.  asmi,  zend.  ahmi,  gr.  eft^ii  aus  s6[il,  litth.  esmi, 
sl.  jesmi,  goth.  im  f.  ism.  zu  diesem  H  geneigt  die  finnische  spräche, 
indem  sie  von  mesi  vir  den  gen.  miehen  bildet  und  zwischen  mesi 
und  mehi  mel,  mesiläinen  und  mehiläinen  (ungr.  meh)  apis,  tisma  und 
tihma  stillicidium  schwankt,  ihr  hanhi  anser  entspricht  dem  lat.  wort, 
das  für  hanser  steht  und  dem  ahd.  gans,  skr.  hamsa  cignus,  ihr  tuhansi 
unserm  tausend  (s.  256).  S  und  H  verschieben  sich  aber  in  otso 
fronto  =  ursus  und  ohto,  in  otsa  ohta  frons,  in  neitsy  neihty  virgo.  305 

Man  fühlt,  wie  leicht  in  solchen  inlauten  saus  und  hauch  wech- 
seln, aus  goth.  vaurhta  entspringt  vaurstv  opus  f.  vaurhtv,  finn.  lehti 
folium  stelle  ich  unmittelbar  zu  sl.  list,  und  ahd.  mist  geht  hervor  aus 
mihst,  goth.  maihstus  von  der  wurzel  meihan,  lat.  mejere.  ags.  suhtria 
fratruelis  halte  ich  zu  altn.  systrüngr*.    wie  sich  die  gemination  s^l 


*  jüngere  Wechsel  zwischen  beiden  Spiranten  im  mhd.  tasten  aus  tau- 
ten? testier  und  tehtier,  forest  und  foreht.    Haupt  6,  8. 


214  SPIRATION    V.    S 

imma  aus  lopi  isma  ergab,  scheint  auch  l'rtTtog  aus  Xöieog  (s.  30) 
deutbar,  die  nord.  mundart  liebt  mahts  ahtau  dauhtar  puhtus  zu 
wandeln  in  mättr  ätta  döttir  pötti.  noch  leichter  muste  im  inlaut 
das  digamma  schwinden. 

Wie  im  anlaut  J  und  V  schwanden,  wurde  schon  s.  297  gesagt, 
gleich  oft  fällt  anlautendes  H  weg  und  der  gr.  asper  wandelt  sich  in 
lenis.  die  romanische  spräche  pflegt  H  in  deutschen  Wörtern  meisten- 
teils zu  tilgen,  umgekehrt  es  "vor  den  reinen  vocal  zu  schieben; 
dies  ist  auch  der  mnl.  mundart  allenthalben  eigen.  Die  von  Busbek 
in  der  Krim  vernommnen  Überbleibsel  goth.  spräche  haben  ael  f. 
hallus,  sno  f.  hano,  iel  f.  heil.  Etwas  länger  widersteht  S,  doch  ist 
das  goth.  uf  für  suf  ein  altes  beispiel  der  aphaeresis.  wir  sahen  poln. 
iza  aus  slza  entspringen.  Die  Finnen  leiden  im  anlaut  keine  doppelte 
consonanz  und  machen  aus  schwed.  skalk  skön  skepare  skräddare: 
kalki  kaunis  kippari  kraatari  u.  s.  w.,  wozu  sich  jene  französische 
tilgung  des  S  vor  mutis  halten  läszt.  Alle  H  vor  L  N  R  V  sind  der 
späteren  deutschen  spräche  entfallen  und  die  wurzeln  dadurch  so  ent- 
stellt, wie  es  diese  finnischen  Wörter  nach  abgelegtem  S  sein  können. 
Auch  der  welschen  spräche  entgeht  verschiedentlich  das  anlautende 
H  oder  S:  uwch  superf.  huwch,  elech,  elestyr  vexillum  mali,  ir.  si- 
lastar.  schwankt  aber  schon  die  lateinische  zwischen  haruspex  aru- 
spex,  hepar  und  epar,  Hedui  und  Aedui,  so  darf  die  gänzliche  aphae- 
306rese  des  H  in  der  italienischen  nicht  verwundern. 

Wir  sahen,  dasz  in  der  regel  Spiritus  asper  dem  lat.  S  zur  seite 
steht,  wie  der  lenis,  früheres  digamma  vertretend,  lat.  und  goth.  V 
entspricht:  äötv  skr.  västu,  hccg  lat.  ver,  egyov  ahd.  we'rah,  eö&ijg 
lat.  vestis  goth.  vasti,  tg  lat.  vis,  hcdög  vitulus,  kea  altn.  vidja  vimen, 
vidir  salix,  ahd.  wida,  lat.  vitis  rebe,  olxla  goth.  veihs  lat.  vicus, 
olvog  vinum  goth.  vein,  'Evbtol  Veneti.  natürlich  aber  mengen  sich 
auch  beide  Spiritus  und  sönsga  sötIcc  vöcSq  sind  vespera  vesta  vatö 
wie  s&og  goth.  sidus,  ahd.  situ,  dg  und  ev  stehn  neben  unus  und 
wienas  (s.  241).  aus  demselben  grund  pflegt  zwar  welsches  GW 
irisches  F  neben  sich  zu  haben,  ausnahmsweise  kann  aber  auch  wel- 
sches H  dem  F  entsprechen:  hunan  ipse,  ir.  feinn;  darum  mag  viog 
sowol  mit  sunus  als  mit  filius  sp.  hijo  verwandt  sein  (vgl.  s.  271). 
der  asper  in  stsgog  findet  im  sl.  vtoroi  wehenden  laut,  sonst  aber 
reinen  vocal  neben  sich  (s.  138).  ein  merkwürdiges  beispiel  der  Ver- 
wandtschaft zwischen  anlautendem  S  und  V  gewährt  das  lat.  sinister 
und  ahd.  winistar  altn.  vinstri.  Inlautenden  Wechsel  zwischen  wehen- 
dem und  hauchendem  laut  gewahre  ich  in  ahd.  mundartig  verschiednen 
denkmälern  zuweilen,  nicht  häufig,  für  goth.  saian  saijan  serere  setzen 
einige  säwan,  andere  sähan,  ebenso  für  goth.  siujan  suere  einige 
siuwan,  andere  siuhan;  weitere  beispiele  sind  gramm.  1,  885.  886 
aufgezählt,  die  spirans  könnte  auch  ganz  wegbleiben,  die  Angelsachsen 
neigen  zu  V :  blävan  sävan  mävan  f.  ahd.  plähan  sähan  mähan.  anders 
zu  fassen  ist  wenn  H  und  W  im  ahd.  lihan  leh  liwan,  sihan  seh 
siwan,  se'han  sah  se'wan  tauschen:   hier  zeigt  die  goth.  form  leih  van 


SPIRATION  RH  215 

laihv  lihvan,  saihvan  sahv  saihvan,  dasz  ahd.  im  praes.  und  praet. 
der  wehende,  im  part.  der  hauchende  laut  ausfiel,  aber  in  sehr  vielen 
fällen  auszerdem  wird  inlautendes  V  unterdrückt. 

Wie  der  Grieche  jedem  vocalanlaut  einen  Spiritus  lenis  oder  asper 
vorausschickt,  liebt  der  Slave  jehenden  und  wehenden,  statt  des  goth. 
im  is  ist,  lat.  sum  es  est  hat  er  jesm'  jesi  jest',  für  ita  itis  itij)  edo 
edis  edit  aber  jam  jasi  jast',  für  ains  unus  jedin,  und  wenn  ik  ego  307 
altsl.  noch  az  lautete,  lautet  es  russ.  poln.  serb.  ja,  slovenisch  jes 
jest.  oko  oculus,  ucho  auris  drückt  der  Slovene  voko  vuho  aus.  auch 
das  altn.  jurt  herba  =  urt,  würz  und  jastr  ramus  =  goth.  asts 
schlagen  hier  ein. 

Weder  der  griechische  noch  welsche  anlaut  ertragen  nacktes  R, 
sondern  fügen  ihm  stets  die  spirans  zu,  in  und  auslautend  bleibt  R, 
auszer  wo  es  sich  im  griechischen  verdoppelt:  dann  empfängt  das 
erste  den  lenis,  das  andere  den  asper:  aggrjv  vir,  JtoggcD  porro;  vor 
aspiraten  hält  sich  R  rein:  ägftgov,  Ttog&yiog,  nogcpvga.  Diesem 
RH  entspricht  in  andern  zungen  baares  R,  z.  b.  gädil;  radix;  gadiog 
goth.  rajiiza  facilior;  <Sa£  racemus;  welsch  rhi,  ir.  riogh,  righ,  lat. 
rex,  goth.  reiks;  gedrj  lat.  rheda,  ahd.  reit,  altn,  reid;  q£G)  goth. 
rinna  curro.  Einigemale  tritt  ihm  in  andern  mundarten  B  oder  lat. 
F  vor:  gccdivog  aeol.  ßgccdtvog,  gdxergov  und  ßgccuergov,  grjyvvpLi 
goth.  brika,  lat.  frango,  giysa  lat.  frigeo,  goth.  friusa.  anderemal 
scheint  sich  aus  der  sprians  vorgesetztes  E  zu  entfalten:  gvo^ica  und 
egvG),  gs^to  egdco,  egv&gog  goth.  rauds,  litth.  ruddas,  lat.  rutilus, 
welsch  rhudd.  Nur  ausnahmsweise  mag  ihm  ahd.  HR  gleichen:  ga%ig 
ahd.  hrucki  altn.  hryggr. 

Denn  in  der  regel  ist  goth.  ahd.  altn.  ags.  HR  so  wie  überhaupt 
H  Verflüchtigung  der  aspirata  CH,  also  CHR  dem  gr.  KP  lat.  CR  an 
die  seite  zu  stellen,  wovon  im  verfolg  näher  zu  handeln  sein  wird. 

Dem  welschen  RH  steht  aber  auch  anlautendes  LL  zur  seite, 
dessen  ausspräche  sp.  11  und  poln.  1  erreicht  und  aus  assimilation 
oder  Unterdrückung  einer  muta  entspringt,  vgl.  llaeth  lac  neben  blith 
und  ir.  bleacht;  lliw  color  species  ags.  bleo  bleov;  Hais  vox  ir.  blacht 
vgl.  sl.  glas;  llaw  llawf  manus  palma,  ir.  lamh  manus,  goth.  löfa  altn. 
löfi  manus,  altn.  glöfi  chirotheca  ags.  glöfa  engl,  glove,  ir.  lamhan; 
llawr  llor  pavimentum,  ags.  flör  engl,  floor;  anderemal  entspricht  es 
aber  dem  reinen  L  andrer  sprachen:  llaes  liber  solutus,  goth.  laus 
ags.  leäs;  llafn  llefhyn  folium  goth.  laubs  ags.  leäf;  Hin  linum  llian 
vestis  lintea;  llunio  creare  formare,  ahd.  liuni  fere,  mhd.  lüne  indo- 308 
les,  altn.  lund  indoles,  finn.  luonto  indoles  natura,  luon  formo  creo. 
Sp.  LL  vergleicht  sich  dem  lat.  PL  FL  CL  und  it.  PI  FI  CHI:  llaga 
plaga,  llano  planus,  Ueno  plenus,  llorar  plorare,  lluvia  pluvia,  llama 
flamma,  llamar  clamare,  llave  clavis,  zuweilen  dem  einfachen  L: 
llosco  luscus:  llevar  it.  levare.  Das  poln.  i  hat  sich  reine  liquida 
gegenüber  in  den  übrigen  sl.  mundarten:  iania  cerva  sl.  lan',  litth.  lon&; 
lono  sinus  sl.  lono;  iaka  pratum  böhm.  lauka,  litth.  lanka.  Deutsche 
HL  scheinen  mit  allen  diesen  affectionen  des  L  nicht  übereinzutreffen. 


216  SPIRATION 

Die  reine  spirans  S  tritt  über  in  H,  H  ins  digamma,  dies  in 
V,  F  wie  sich  S  in  R  vergröbere  soll  gleich  gezeigt  werden,  unter 
allen  vier  Spiranten  hat  S  in  flexion  und  Wortbildung  der  spräche 
die  gröszte  bedeutung,  es  fällt  stärker  und  fühlbarer  ins  gehör  als 
H  V  und  J  und  tritt  als  R  noch  mehr  hervor. 

Höchst  merkwürdig  erzeigt  sich  die  neigung  der  zendischen 
griechischen  und  welschen  spräche  zum  H,  GG  und  GV  gegenüber 
dem  S  und  V  des  sanskrits,  lateins  und  aller  andern  deutschen  sla- 
vischen  litthauischen  sprachen  so  wie  der  irischen,  auch  das  finnische 
verräth  hang  zu  H. 

Erwäge  ich  den  einflusz  des  H  und  R  auf  die  brechung,  so 
scheint  mir  auch  die  reinhaltung  des  A  I  U  mit  der  dauer  des  S 
zusammenzuhängen. 


XIV. 
DIE  LIQUATION. 


Den  namen  der  liquiden  verdienen  L  R  M  N,  weil  sie  noch  309 
etwas  von  der  natur  des  vocals  an  sich  tragen  und  zwischen  den 
stummen  consonanten  flieszen,  daher  auch  häufig  die  stelle  wechseln. 
R  und  L  heiszen  im  sanskrit  halbvocale  und  werden  den  Spiranten  J 
und  V  an  die  seite  gesetzt,  auch  in  unsern  europäischen  sprachen 
geht  L  über  in  I  und  U,  es  wird  gleichsam  in  den  vocallaut  geschmolzen ; 
R  aber  entspringt  in  der  mitte  von  vocalen.  M  entfaltet  sich  vor  labia- 
len, N  vor  gutturalen  und  lingualen  wiederum  aus  vocalen.  im 
sanskrit  gehören  hierher  anusvära  und  visarga,  NGr  und  H.  einzelne 
sprachen,  wie  die  chinesische,  meiden  den  harten  laut  des  R  durchaus, 
umgekehrt  die  armenische  und  zendische  das  L. 

Auch  das  ist  ein  zeichen  der  flüssigen  natur  des  R,  dasz  die  Spi- 
rans S  zu  R  wird,  der  sausende  laut  zu  einem  summenden  surrenden, 
wie  die  Engländer  sagen,  buzzing  sound.  unsre  spräche  scheint  den 
allmählichen  eintritt  dieser  Wandlung  gut  zu  zeigen,  im  gothischen  hat 
sie  noch  gar  nicht  statt,  bereitet  sich  aber  dadurch  vor,  dasz  S  inlau- 
tend bei  zutretenden  flexionen  oder  anhängen  Schwächung  in  Z  erfährt, 
das  nicht  gleich  dem  ahd.  Z,  sondern  als  blöderes,  dickeres  schwir- 
rendes S  auszusprechen  ist*.  Niemals  kann  der  anlaut  S  gefährdet 
werden.  Am  seltensten  erscheint  dies  Z  nach  A,  auszer  wo  noch  ein  310 
consonant  vorhergeht:  ans  anza,  jpans  J>anzei,  marzja,  oder  folgt: 
gazds,  razda,  Azdiggs,  auch  wenn  langer  vocal  drückt:  usana  uzön, 
azets;  nicht  aber  würde  für  basi  kasa  geschrieben  werden  bazi  kaza. 
häufiger  ist  es  nach  I  U,  vor  langen  vocalen  und  consonanten :  is  izös 
izai  ize,  pis  pizei,  im  -iza  der  comparative,  riqis  riqiza,  izvis,  mizdö, 
barizeins,  visan  vizön,  Jms  puzei,  jus  juzei,  us  uzuh,  tus  tuzverjan, 


*  in  der  sanskritgrammatik  (Bopp  §.  31)  heiszt  freilich  S  ein  dumpfer, 
R,  folglich  goth.  Z,  ein  tönender  laut,  vgl.  Pott  2, 17.  mir  tönen  und  flieszen 
Z  und  R,  aber  summend,  schwirrend,  S  saust  rein  und  hell.  Z  bindet  sich 
mit  media  (razda),  S  mit  tenuis  (ist,  lustus). 


218  FLÜSSIGE  R 

huzd,  in  den  gen.  -aizös  -aize,  in  ais  aizis,  hais  haizis  lampas  (blosz 
der  dat.  pl.  haizam  Joh.  18,  3),  dius  diuzis,  slöpa  saizlep,  in  den 
comparativen  -öza,  in  airzja,  fairzna.  alle  verba,  deren  wurzel  auf 
S  ausgeht,  halten  es  fest  durch  die  tempora :  visa  vas  vesum,  lisa  las 
lesum,  kiusa  kaus  kusum.  R  für  S  zeigt  sich  nur  in  den  assimila- 
tionen  urruns  urreisan  für  usruns  usreisan,  wo  nicht  uzruns  uzreisan 
geschrieben  wird,  als  ältere  spur  des  R  zu  erwägen  bleibt  vairpa  fio, 
das  zu  visa  gehört  wie  fio  zu  fui,  und  vielleicht  aus  visada  entsprang? 
fio  musz  erwachsen  aus  facior  ficior.  ich  habe  den  grund  noch  nicht 
entdeckt,  warum  die  übliche  passivflexion  -ada  bei  vairj)a  ein  J>a  an- 
nimmt [vairjja  ist  verto],  es  wäre  von  groszem  werth,  wenn  wir  die 
gestalt  dieses  worts  aus  noch  früherer  zeit  erfahren  könnten;  gewis 
aber  musz  die  abweichung  vom  gewöhnlichen  passivum  sehr  alt  sein, 
da  das  scheinbare  activum  ablaut  zeugte.  Von  dieser  merkwürdigen 
ausnähme  abgesehn  sind  in  goth.  spräche  alle  S  und  R  scharf  unter- 
schieden :  asans  messis  arans  aquilae,  vas j an  vestire  varjan  prohibere, 
basi  bacca  baris  hordeum,  ais  aes  air  mane  gazds  xbvtqov  gards  olxog. 

Wie  nun  leibliche  Umwandlung  an  einzelnen  gliedern  beginnend 
sich  immer  weiter  ausdehnt,  so  sehn  wir  auch  in  der  hochd.  spräche 
diese  R  fortschreiten,  goth.  basi  kas  nasjan  sind  ahd.  zu  peri  char 
nerran,  goth.  is  mis  J)us  veis  jus  zu  e'r  mir  dir  wir  ir,  goth.  mais  ais 
311  dius  ausö  raus  zu  m£r  er  tior  örä  rör  geworden,  alle  flexionen  im 
weiblichen  adj.  gen.  dat.  sg.  und  gen.  pl.  aller  geschlechter,  alle 
comparative  haben  R,  desgleichen  die  nom.  sg.  masc.  plinter  und  die 
pl.  eigir  lempir  loupir  huonir;  doch  starke  verba  behaupten  S  im 
praes.  und  I.  III  sg.  praet.  ind.,  nehmen  aber  R  in  II  sg.  praet. 
ind.,  im  ganzen  pl.  und  ganzen  praet.  conj.  an:  wisu,  was  wäri  was 
warum;  liusu,  los  luri  lös  lurum;  chiusu,  chös  churi  chös  churum; 
vriusu;  vrös  vruri  vrös  vrurum;  risu,  reis  riri  reis  rirum;  man  kann 
sagen,  dasz  die  einsilbigen  formen  des  praet.  S  behaupten,  die  zwei- 
silbigen, gleichviel  ob  kurzer  oder  langer  vocal  vorausgehe,  R  setzen, 
doch  andere,  sonst  ganz  gleiche  verba  halten  noch  durchgehends  S 
aus,  namentlich  farwisu,  farwas  farwäsi  farwas  farwäsum  (gramm. 
1,  866);  nisu,  nas  näsi  nas  näsum;  chrisu,  chras  chräsi  chras  chrä- 
sum.  Mhd.  lise,  las  lsese  las  läsen;  genise,  genas  genaese  genas 
genasen  (aber  oft  auch  leere  lären,  gensere  genären);  überall  wise,  was 
wsere  was  wären;  gise,  jas  jsese  jas  jäsen;  krise,  kras  krsese  kras  kräsen 
und  daneben  krlse,  kreis  krise  kreis  krisen;  brise,  breis  brise  breis 
brisen;  rise,  reis  rise  reis  risen  (daneben  rir  rirn);  kiuse,  kos  kür 
kos  kurn;  niuse,  nös  nur  nös  nurn;  vriuse,  vrös  vrür  vrös  vrurn. 
Nhd.  behauptet  sich  S  in  lesen,  genesen,  hingegen  hat  R  in  war,  gor, 
kor,  fror  auch  I.  III  sg.  praet.,  ja  in  gären  frieren  selbst  die  praesens- 
form  ergriffen,  während  kiesen  fortbesteht,  und  auszer  verwesen  auch 
das  subst.  wesen  dem  S  treu  bleiben.  Aus  Visurgis,  ahd.  Wisuraha 
ward  allmählich  Werrahe  Werre. 

Leicht  kann  man  diese  forschung  auch  auf  die  übrigen  deutschen 
sprachen   erstrecken;'  unter  ihnen   allen  ist   es  die  nordische,  welche 


FLÜSSIGE  R  219 

dem  R  am  meisten  nachgegeben  hat.  der  einzige  gen.  sg.  masc.  und 
neutr.  erster  decl.  hält  das  -s  der  flexion:  dags  barns,  doch  männ- 
liche gen.  der  zweiten  und  dritten  empfangen,  gleich  allen  weiblichen 
-ar:  belgr  belgjar,  sonr  sonar  =  goth.  balgs  balgis,  sunus  sunaus. 
Im  verbum  aber  empfängt  die  IL  III  sg.  praes.  einförmiges  -r,  ja  die 
neunord.  sprachen  theilen  es  allen  drei  personen  zu.  lesa  las  läsum, 
risa  reis  risum,  friosa  fraus  frusum,  giosa  gaus  gusum,  wahren  S,  312 
doch  findet  sich  frurum  und  kiosa  kaus  kurum;  überall  bis  ins 
praesens  vera  var  värum.  einzelne  ältere  denkmäler  zeigen  noch  es 
für  er,  vas  für  var.  der  pl.  hat  erum  erud  ero  (und  zuweilen 
blosz  ro). 

Einigemal  sprieszt  ahd.  und  mhd.  solch  ein  R  zwischen  zwei 
vocalen  auf.  pim  pist  ist  bildet  den  pl.  pirum  pirut  pirun  und  grlan 
scrlan  splan  machen  das  praet.  grei  griri  grei  grirum,  screi  scriri 
screi  scrirum,  spei  spiri  spei  spirum.  und  hierher  gehören  auch  die 
bei  GrafF  2,  556  unverstandnen  biruwis  habitaveris  0.  II.  7,  18, 
biruun  habitaverunt  0.  IV.  4,  59  praeterita  von  büan  habitare, 
welches  mit  bim  bist  birum  nah  verwandte  verbum  0.  stark  flectiert 
haben  musz,  etwa  folgendermaszen :  praes.  büu  büis  büit,  pl.  büen 
büet  büent,  praet.  biru  biruwi  biru,  pl.  biruum  biruut  biruun.  praet. 
conj.  biruwi  biruwis  biruwi,  obgleich  noch  einzelnes  unsicher  bleibt, 
namentlich  könnte  auch  der  pl.  ind.  biruwum  biruwut  biruwun  lauten. 
0.  accentuiert  das  i:  biruuuis  biruun,  wie  sonst  im  diphthong  iu: 
iuih  iuer  driuuon.  gleich  jenem  birum  scrirum  aus  bium  scrium 
ergibt  sich  biru  biruwi  biru  aus  biu  biuwi  biu,  welches  starke  praet. 
ich  dem  vermutlichen  goth.  bauan  baibö,  altn.  byggja  biö  an  die 
seite  setze,  mitten  im  diphthong  IU  erhebt  sich  R,  aus  goth.  speiva 
praet.  spaiv  pl.  spivum  hätte  sich  vielleicht  auch  spizvum  =  ahd. 
spirum  erheben  können. 

Wie,  liesze  sich  nun  doch  andrer  aufschlusz  über  das  goth.  pro- 
nomen  jus  izvara  izvis  gewinnen,  als  ich  mir  einbildete,  da  ich  dies 
wort  zuletzt  untersuchte?  izvara  dem  altn.  idvar  gleichzustellen  hatte 
guten  schein;  doch  natürlicher  kann  aus  dem  nom.  jus,  der  für  ius 
steht,  mit  zwischenkeimendem  Z  und  Wandlung  des  U  in  V  vor  nach- 
folgendem vocal,  izvara  izvis  entspringen,  izv  gleicht  dem  ahd.  iru 
in  biruwis  spirun  aufs  haar,  wie  aber  neben  spirun  andere  spiwun 
spiuwan  sagen,  hat  sich  auch  ahd.  iuwar  behauptet:  es  wäre  nicht 
unmöglich,  dasz  einzelne  ahd.  denkmäler  dafür  iruar  irwar?  gewährten, 
der  goth.  nom.  jus  konnte  kein  Z  entfalten,  weil  I  zu  J  geworden  war 
und  kein  vocal  nachfolgte,  der  U  in  V  gewandelt  und  ZV  erzeugt  313 
hätte,  welches  demnach  nur  für  die  obliquen  casus  eintrat. 

Da  goth.  Z  auf  reines  S  zurückweist,  was  auch  ubizva  =  ahd. 
opasa,  ags.  efese  bestätigt,  so  scheint  mir  Z  in  izvara  izvis  dem  S 
in  unsara  unsis  identisch  und  beiden  das  lat.  S  in  nostri  vestri  ver- 
gleichbar, nicht  anders  begehrt  das  R  in  pirum  scrirum  ein  ursprüng- 
liches S,  welches  noch  in  dem  imp.  pis  mhd.  bis  esto  oder,  um  einen 
kühneren  satz  auszusprechen,  im  ganzen  verbum  visan  vas  haften  mag. 


220  FLÜSSIGE  ß 

ich  werde  anderweit  ausführen,  dasz  die  wurzel  visan  aus  der  älteren 
Wurzel  entsprossen  ist,  die  unser  B  in  bin,  das  lat.  F  in  fui  fio  her- 
gegeben hat. 

Z  tragen  an  sich  die  goth.  gazds  Stimulus,  razda  loquela,  mizdö 
merces,  huzds  thesaurus  und  vielleicht  das  gemutmaszte  hruzdö  daki- 
sche  crusta  hirundo,  welchen  ahd.  kart  rarta  hört,  vielleicht  hrorta 
gegenüberstehn.  man  begreift,  dasz  sich  neben  misdö,  ags.  meord, 
gr.  niö&og,  sl.  mzda  ahd.  mieta,  wie  iuwar  neben  izvara,  mit  unent- 
faltetem  surrlaut,  darbietet;  ist  doch  den  Slaven  auszer  mzda  zugleich 
m"ito  eigen,  altn.  aber  entspricht  dem  ZD  DD  in  rödd  (neben  raust) 
haddr  oddr  broddr;  vielleicht  in  hrodda  hirundo?  edda,  die  urmutter, 
führt  sie  auf  izdö  (Vesta  "Sör/a)?  oder  steht  sie  näher  zu  a]>ei  eids 
(s.  271)?  es  könnte  verwegen  vom  finn.  isä  auf  izdö,  von  izdö  sogar 
auf  airj>a,  wie  von  visada  auf  vairj>a  gelangt  werden,  auf  die  mütter- 
liche e'rda  und  die  doppelbildung  edda  und  iörd  vertrügen  sich  zu- 
sammen wie  mizdö  und  mieta.  hierher  scheint  auch  die  schwankende 
gestalt  der  ahd.  partikel  edo  eddo  erdo  (Graff  1,  147)  goth.  aij)])au, 
und  vielleicht  widar  wirdar  (Graff  1,  635)  gehörig. 

Man  hat  bei  entwicklung  des  Z  aus  S  immer  fortbildung  der 
ursprünglichen  wortform  mit  S  in  flexion,  suffix  und  Zusammensetzung 
anzuschlagen,  welche  von  der  schärfe  des  S  die  aufmerksamkeit  des 
redenden  ablenkt  und  es  vernachlässigen  und  vergröbern  läszt.  aus 
diesem  grund  kann  kein  anlautendes  S  in  R  verderbt  werden,  so  ent- 
springt aus  is  izös  izai,  aus  jus  juzei,  aus  J>ans  jsanzuh,  aus  ans  anza 
314  (Luc.  6,  41.  42),  aus  mais  maiza,  aus  mins  minznan,  aus  us  uzuh 
uzeta  uzön,  während  die  schon  im  nom.  sg.  oder  der  ersten  person 
festgehaltnen  zweisilbigen  hansa  oder  pinsa  auch  vor  jeder  andern 
flexion  haften,  einigemal  mögen  die  Schreiber  straucheln;  so  würde  1 
Cor.  8,  13  mims  carnem  richtiger  scheinen  als  mimz,  Marc.  6,  8  ais 
als  aiz?  doch  beidemal  folgt  ein  vocalanlautendes  anderes  wort,  des- 
sen einwirkung  möglich  wäre. 

Jenem  ahd.  aufsteigen  des  R  zwischen  vocalen  stehn  in  gewisser 
weise  tilgungen  des  R  gegenüber,  die  jedoch  verschiedner  art  sind, 
ahd.  waso  cespes  franz.  gazon  scheint  entsprungen  aus  wraso,  wie 
noch  heute  in  einigen  gegenden  wrase  fräse  vernommen  wird,  das  nhd. 
rasen  geht  umgekehrt  aus  aphaeresis  des  W,  wie  sie  in  der  regel  statt 
hat,  hervor,  gerade  so  erwuchs  ahd.  hreigiro  (Graff  4,  799),  mlat. 
hairo,  franz.  heron,  mnl.  heiger  ardea  aus  hreigiro,  ags.  hrägra,  nhd. 
reiher  (vgl.  Graff  2,  443).  unser  nhd.  weit  stammt  aus  mhd.  werlt, 
ahd.  weralt;  doch  das  fries.  wrald  wrauld  rauld  bestätigt  den  Über- 
gang aus  wrase  in  rase,  war  scollo  gleba  ursprünglich  scrollo,  wie 
nhd.  auch  schrolle  gehört  wird  ?  ahd.  spioz  mhd.  spiez  altn.  spiot  ent- 
behren das  im  ags.  spreot  nnl.  spriet  haftende  R.  bekannt  sind  nhd. 
fodern  (das  einige  auf  lodern  reimen),  bef Odern  f.  fördern  befördern 
und  köder  f.  kerder  ahd.  querdar  esca;  ähnlich  ahd.  skerdar  und 
skedar  cardo  (Graff  6,  543).  im  ags.  sprecan  spräc  wurde  R  schon 
frühe  getilgt  und  specan  späc  gesetzt  (Kembles  urk.  2,  133),  was  im 


FLÜSSIGE  R  221 

engl,  speak  speach  durchdrang,  im  mnl.  doghen  pati,  alts.  adogean 
ist  R  verschluckt,  wie  das  ags.  adreogan  lehrt  und  die  Verwandtschaft 
mit  tragen  ertragen,  alle  bisher  gegebnen  beispiele  der  tilgung  zeigten 
jedoch  genuines  R,  kein  adulterines,  aus  S  entsprungnes.  ein  solches 
aber  wird  ausgeworfen  im  alts.  linön  discere,  das  überall  für  lirnön, 
ahd.  lirnen  steht,  lirnen  entspringt  aus  leran  docere  goth.  laisjan  und 
würde  goth.  lisnan,  liznan  (wie  minznan  minui)  lauten. 

Unter  allen  urverwandten  sprachen  zeigt  in  Wandlung  des  S  zu 
R  keine  gröszeren  einklang  als  die  lateinische.  Cicero  ad  fam.  9,  21  315 
sagt  von  Papirius  Crassus,  der  336  j.  vor  Chr.  consul  war:  qui  pri- 
mum  Papisius  est  vocari  desitus,  und  Pomponius  Digest.  I.  2,  36  von 
Appius  Claudius  (consul  307  und  296  vor  Chr.) :  R  literam  invenit,  ut 
pro  Valesiis  Valerii  essent  et  pro  Fusiis  Furii.  mit  dieser  erfindung 
wird  es  wenig  mehr  auf  sich  haben  als  mit  der  der  monatsnamen 
Julius  und  Augustus  durch  Caesar  und  Octavius  (s.  77);  im  vierten 
fünften  jh.  vor  Chr.  mochte  man  in  einzelnen  namen  das  R  dem  alten 
S  vorziehen,  das  die  ausspräche  gewis  schon  in  andern  Wörtern  hatte. 
Livius  3,  8  schwankt  zwischen  Veturius  und  Vetusius  (schon  462  vor 
Chr.),  Festus  s.  v.  Aureliam  meldet,  dasz  auch  die  Aurelii  früher 
Auselii  hieszen.  folgende  Wörter  hatten  altes  S :  asa  für  ara,  ausum* 
für  aurum,  ausis  für  auris,  sosor  f.  soror,  fasena  f.  harena  arena,  hesi 
f.  heri,  fesiae  f.  feriae,  fusvus  f.  furvus,  lases  f.  lares,  muses  f.  mures, 
nases  f.  nares,  wie  nasus  blieb,  quaeso  f.  quaero,  ruse  f.  rure,  spusius 
f.  spurius ;  dann  die  flexionen  des  comp,  majoses  f.  majores,  meliosibus 
f.  melioribus,  plusima  f.  plurima  und  wie  noch  jetzt  arbos  pignus 
lepos  gilt,  flectierte  man  arbosem  pignosa  leposes,  helusa  f.  holera. 
pasus  f.  parus  aus  passer  zu  folgern,  auch  in  andern  sprachen  rühren 
meise  und  sperling  aneinander,  fesa  f.  fera  durch  goth.  dius,  flos 
flosis  durch  das  sabinische  Flusa  f.  Flora  (s.  113)  bestätigt,  mos  mosis 
analog  zu  volgern.  die  Übereinkunft  mit  der  goth.  weise  folgt  klar 
aus  aes  aeris :  ais  aizis  und  magis  major,  minus  minor :  mais  maiza, 
mins  minniza.  im  ags.  blösma  zeigt  sich  die  spirans  von  flos  flosis, 
im  goth.  blöma,  ahd.  pluomo  nicht,  anderes  lehrt  auch  die  Zuziehung 
der  übrigen  sprachen,  z.  b.  ros  rosis  folgt  aus  litth.  rasa,  sl.  rosa, 
hausio  hausi  f.  haurio  aus  altn.  ausa  haurire  und  vielleicht  goth.  haus- 
jan  audire.  Besonders  zu  achten  ist  auf  die  entfaltung  des  R  in  der 
lat.  conjugation.  aus  dem  S  in  sum  sumus  sunt  für  esum  esumus 
esunt  entspringt  R  in  eram  eras  erat  =  esam  esas  esat,  ero  eris  erit 
=  eso  esis  esit,  und  gerade  so  in  amarem  aus  amasem.  dieser  Wechsel 
gleicht  dem  in  was  warum,  chös  churum.  das  altn.  R  in  erum  erud 
ero  entspricht  dem  esumus  esut  esunt  und  die  kürzung  ro  dem  sunt. 
Doch  alle  lat.  R  ergeben  sich  nur  nach  vocalen,  nie  wie  das  goth.  Z  316 
auch  nach  consonanten*. 


*  erwäge  ich  sum  für  esum,  sunt  für  esunt,  goth.  sind  für  isind  und 
das  goth.  asans  messis  neben  dem  lat.  aestas;  so  könnte  ahd.  sumar  und 
kelt.  samh  (s.  73)  mit  aphaeresis  stehn  für  asumar,  oder  welchen  vocai 
man  ergänze,    vgl.  visumarus  s.  302. 


222  FLÜSSIGE  R 

Dagegen  erscheint  die  gr.  spräche,  welche  ihr  anlautendes  R  noch 
durch  die  spirans  schärft,  diesem  inlautenden  schwirrenden  R  ziemlich 
abhold,  wenn  ÖQOöog,  wie  es  allen  anschein  hat,  zu  jenem  ros  rosa 
rasa, 'aber  auch  zum  goth.  driusan  cadere  gehört,  in  welchem  das  DR 
ausnähme  von  der  lautverschiebung  macht;  so  erhalten  wir  dadurch 
einsieht  in  seine  wurzel:  es  ist  der  fallende,  triefende,  vgl.  goth.  drus 
7itG)öt,g  und  ags.  dreore,  altn.  dreyri  gutta,  zumal  sanguinis.  Doch 
steht  deutlich  &Yjq  für  &rjg,  wie  goth.  dius  lehrt  und  xXcoQog  darf 
sich  mit  flos  floris  vergleichen  *.  Öfter  ist  die  gr.  spirans  getilgt,  wie 
in  jenem  ahd.  bium  scrium  für  bisum  scrisum  und  hernach  birum  scri- 
rum ;  so  fasse  ich  gr.  [ivg  [A,v6g  f.  [ivöog,  was  lat.  mus  musis,  ahd. 
müs  müsi  erreicht:  das  thier  heiszt  so  vom  stehlen,  mausen  und  uvco 
[ivöG)  blinzen**,  vielleicht  {iVBa  und  {ivötrjg  (vom  geheimen  raunen) 
fallen  hinzu,  in  [ivfa  wäre  der  Übergang  in  summendes  Z.  Noch 
mehr  leuchtet  die  tilgung  ein  in  den  comparativen,  deren  superl.  U 
behauptet,  weil  er  an  dem  folgenden  T  stütze  fand.  nXüov  also  steht 
für  nteiöov  nkeltpv,  superl.  jzMötog,  welche  dem  lat.  plus  pluris  = 
plusis  und  plurimus  —  plusimus,  dem  altn.  fleira  =  fleisa,  flestr  ge- 
nau entsprechen,  nicht  anders  verhält  sich  tiütpov  (hier  deutlich  Z) 
zum  goth.  maiza,  und  erwuchs  aus  nsyl^av,  wie  der  superl.  {isyiötog 
=  goth.  maists  behielt,  das  adv.  \iaka  ist  f.  [idyakcc  und  fiäXXov 
f.  (icdiov,  dies  f.  ixayaXiov  \LayaMtpv.  blitpv  f.  bXiyitpv  hat  das 
317  comp.  S,  der  superl.  oXiyiötog  ist  nicht  unregelmäszig,  sondern  voll- 
kommen, gleichergestalt  beschaffen  ist  es  um  rjdlov  =  goth.  sutiza 
rjÖLörog  =  sutists,  xcdUcov  ndXfaötog,  manche  entfalten  SS  durch 
assimilation  des  comp.  S  mit  der  wurzel:  XQccvvg  xgdööav  f.  xoa- 
zi^cav  KQaxiöTog,  ßgadvg  ßgaööcov  f.  ßgaditfiav  ßgadtötog,  ßa&vg 
ßdööcov  f.  ßadt^cov  ßccftiötog,  na%vg  Ttdoöav  f.  7ia%it,(Dv  %d%i6xogj 
ykvxvg  ylvööcüv  f.  ylvKiQov  yXvxiöxog,  xa%vg  ftdööcov  f.  xayitpiv 
xdyiGxog.  statt  des  dor.  xgdoöcov  hat  die  attische  form  xqblööcov, 
wo  das  EI  sich  verhält  wie  in  pet£cov  f.  [luyifyjov  ^eyl^cov.  Auszer 
solchen  comparativen  enthalten  die  häufigen  verba  auf  -igco  unser 
goth.  Z  und  vergleichen  sich  den  deutschen  auf  -isön. 

Bei  Litthauern  und  Slaven  offenbart  sich  geringe  oder  gar  keine 
neigung  das  reine  S  in  R  umzusetzen,  litth.  asa  entspricht  dem  lat. 
ansa  und  goth.  ans,  rasa  dem  ros,  nosis  dem  nasus.  auksas  ==  aurum 
ausum  schiebt  dem  S  einen  kehllaut  vor,  den  diese  spräche  insgemein 
liebt  und  auch  vor  SZ  verwendet  in  pauksztis  avis,  auksztas  augustus, 
anksztas  angustus.  erwägung  fordert  kregzde'  hirundo  (s.  204).  basas 
nudipes  ist  das  sl.  bos",  busu  ero  stimmt  nicht  nur  zu  diesem  lat. 
wort,  sondern  auch  zu  dem  im  ahd.  pirum  erwachsenden  R.  der  gr. 
comparation  gleicht  aber  die  sl.  auf  -?i:  mnii  minor,  bolii  major,  wor- 
über noch  viel  zu  sagen  wäre,     bemerkenswerth  wird  das  sl.   nesu 


*  der  lakonische  dialecthat  imauslautPfür.2'.  Ahrens  dial.  dor.  p.  71  ff. 
**  vgl.blinzelmaus;  das  eddische  miskorblindiSa^m.  52a  scheint  zu  ändern 
in  myskiblindi  oder  myslablindi. 


FLÜSSIGE  R.  L  223 

fero,  nesti  nositi  ferre  zu  litth.  neszu  neszti  (sprich  neschu  neschti), 
welches  SZ  einigermaszen  an  goth.  Z  mahnt;  lett.  nessu  nest.  in  den 
litth.  flexionen,  namentlich  auch  der  Steigerung  bleibt  lauteres  S  ge- 
hegt. Nicht  anders  im  sl.  klas"  arista,  glas"  vox,  nos"  nasus,  bos" 
nudus,  rosa  ros,  nositi  nesti  ferre.  Häufig  bei  Polen  und  Böhmen 
(nicht  den  übrigen  Slaven)  ist  ein  schwirrendes  RZ,  das  seinem  laut 
nach  zum  goth.  Z  gehalten  werden  mag,  aber  ganz  anders  entspringt, 
nemlich  aus  einwirkung  der  dünnen  vocale  i  e  ie  y  auf  echtes  R: 
rzeka  fluvius,  böhm.  reka,  sl.  rjeka;  rzezba  bildwerk,  böhm.  revba; 
grzyb  fungus  böhm.  hHb;  trzmiel  apis  terrestris,  böhm.  cmel;  krzywy 
curvus  böhm.  kriwy;  poln.  trzy  tres  böhm.  trj  u.  s.  w.  die  aus- 
spräche dieses  rz  r  ist  ein  gelindes  seh,  dem  franz.  j  nah,  und  r  klingt 
nur  leise  mit,  den  Polen  beinahe  gar  nicht,  es  ist  also  ein  in  s  oder 
seh  gemildertes  r,  das  oft  anlauten  kann,  während  goth.  z  umgekehrt  318 
aus  reinem  s  entsprang,  und,  wie  lat.  r  aus  s,  niemals  anlautet. 
Gieng  ir.  siur  (s.  267)  hervor  aus  sisur? 

Die  s.  254  ausgesprochne  mutmaszung,  dasz  skythisches  arima  für 
asima  stehn  könne,  ist  viel  zu  unsicher,  um  daraus  zu  folgern,  dasz 
liquation  des  S  in  R  unter  Skythen  im  gang  gewesen  sei.  Füglicher 
darf  man  das  inlautende  dakische  Z  in  Ovefyvccg  und  Zccg^e  (s.  202) 
zum  goth.  Z  halten,  vielleicht  das  in  ^lo^ovka  (s.  207),  sichrer  das 
2J  in  KQOVözavri  (s.  204). 

Indessen  entfaltete  sich  auch  schon  im  sanskrit  R  vor  V  aus  S, 
was  unserm  goth.  zv  begegnet,  man  übersehe  nicht  das  schwindende 
R  im  hindostanischen  tl  (s.  241). 

Die  Tschuwaschen  setzen  häufig  R,  wo  in  andern  türkischen 
sprachen  S  waltet,  ob  das  bask.  nizas  niri,  hizas  hiri  (s.  264.  265) 
angezogen  werden  darf,  mögen  andere  entscheiden. 

Dem  rauhen  R  gegenüber  ist  L  ein  milder  weicher  laut,  des- 
sen halbvocalische  natur  gleichwol  mit  der  des  R  grosze  ähnlich- 
keit  hat,  daher  auch  diese  beiden  liquiden  oft  untereinander  tau- 
schen. 

Bei  diesem  Wechsel  scheint  bald  R  bald  L  der  ursprüngliche  laut, 
jenes  im  ahd.  grian  gannire  mhd.  glien,  im  alts.  fruobara  solamen, 
ahd.  fluobara,  im  skr.  sara  lat.  sal  (s.  300),  im  skr.  sarva  lat.  solum 
(s.  71),  im  skr.  äru  ahd.  hlosen,  im  skr.  grdh  cupere  goth.  gredus 
fames  ahd.  krät  aviditas  sl.  gladd"  fames  russ.  golod  poln.  giod 
böhm.  hlad;  sl.  glad1'  vox  gleicht  dem  litth.  grasas  fama.  unsicher 
bin  ich  des  ahd.  chirihha  ags.  cyrice,  sl.  tzr'k'V,  das  bei  N.  chilecha 
und  noch  heute  in  der  Schweiz  chilche  lautet,  wie  dort  bilacha  f. 
birke  gehört  wird  (Tobler).  statt  des  lat.  circus  könnte  auch  goth. 
kelikn  nvQyog  und  uvcjyaiov  (hochgewölbter  saal)  verglichen  werden, 
lat.  fulvus  und  furvus  scheinen  verwandt,  obwol  jenes  dem  flavus, 
dies  dem  ater  näher  ist;  oder  rührt  furvus  an  ruscus?  ahd.  brün 
glossiert  furvus  und  fulvus.  Sicher  wurde  aus  Ulfilas  Urfilas  (s.  183)319 
verderbt,  wobei  mir  der  heute  in  Frankreich  bekannte  name  Orfila 
einfällt;  berühren  sich  vrka  (s.  56)  und  Xvxog  sl.  vlk,  so  schiene  R 


224  FLÜSSIGE  R.  L 

älter,  und  im  deutschen  beiderlei  gestalt,  vargs  und  vulfs,  entwickelt, 
ich  werde  darauf  zurückkommen,  in  silubr  silapar  srebro  sirablas 
mag  L  älter  sein,  weil  es  aus  dem  noch  älteren  D  in  sidabras  leichter 
folgt  (s.  9.  11).  velbljud  verbljud  werbludas  wechseln  (s.  42).  ver- 
tagra  scheint  dem  veltagra  vorauszugehn  (s.  38)  und  auch  Arrian 
de  venat.  cap.  3  schreibt  ovtQtQayog.  s.  118  habe  ich  die  Zusam- 
menstellung harugä  hörgar  xdoaxot  und  alces  gewagt;  jetzt  ist  es 
zeit  hinzuzufügen,  dasz  goth.  alhs  ahd.  alah  ags.  ealh  (mythol.  s.  58) 
dem  lat.  arx  entsprechen  mögen,  ja  ags.  ealgian  genau  bedeute  arcere 
defendere  tueri  und  für  homerisches  sEQyuv  hgystv,  sonst  auch  dgyuv 
attisch  gelte  sHgyeiv.  Da  lat.  lis  litis  aus  stlis  stlitis  gekürzt  ist,  liegt 
es  unfern  das  ags.  strid  ahd.  strit  nhd.  streit  zu  vergleichen,  und 
ich  weisz  nicht,  welchem  hier  der  rang  gebührt,  lat.  coriandrum 
milderte  ahd.  ausspräche  in  chullantar  (Graff  4,  389),  dem  Spanier 
ward  lilio  zu  lirio.  ahd.  finde  ich  nur  smielan  subridere,  mhd.  schwan- 
ken smielen  und  smieren,  in  der  heldensage  Helene  und  Herche,  doch 
echter  scheint  in  diesem  namen  R  (mythol.  s.  232)  und  die  edda  hat 
Herkja,  die  Vilk.  saga  Erka.  Dasz  in  der  wortableitung  beide  liqui- 
den einander  vertreten,  bedarf  blosz  weniger  beispiele:  ahd.  mur- 
murön  und  murmulön,  mhd.  martersere  und  martelsere. 

Italienischem  organ  schmilzt  L  in  I  vor  a  o  u,  es  war  ihm  noch 
nicht  weich  genug  und  wird  aus  halbem  zu  ganzem  vocal:  bianco 
fiato  fiamma  piano  fiore  fiume  f.  blanca  flato  flamraa  piano  flore  flume, 
doch  vor  e  i  haftet  es  mit  vortretendem  g:  egli  meglio  figlio  moglie; 
diese  spräche  wandelt  auch  anlautendes  J  in  Gl  gia  jam,  giogo  jugum, 
giugno  junius.  Der  Spanier  liebt  J :  hijo  filius,  hija  filia,  mejor  melior, 
viejo  veglio,  espejo  speculum.  im  anlaut  wird  L  verdoppelt  und  die 
muta  weggeworfen :  llama  llamar  llano  =  ital.  fiamma  chiamar  piano 
(s.  308).  der  neapol.  dialect  tauscht  einigemal  L  mit  R:  frato  f. 
flato,  prebba  f.  plebe. 
320  Hieraus  begreift  man  das  schwinden  oder  zutreten  des  L  vor  I 

im  anlaut.  lilium  wird  it.  zu  giglio,  Julius  aber  zu  luglio,  serbische 
dialecte  wandeln  jelen  cervus  in  ljeljen  und  den  frauennamen  Jelena 
in  Ljeljena.  Bei  allen  Slaven  entspringt  jaz"ik",  poln.  jezyk,  böhm. 
gazyk  aus  ljaz"ik",  wie  litth.  li&zuwis,  lat.  lingua,  und  die  abkunft 
dieser  Wörter  aus  lizati,  litth.  laiziti,  lat.  lingere  zeigt.  Auf  solche  weise 
scheint  ahd.  lepara,  ags.  lifer,  altn.  lifr  erklärbar  aus  jepara,  lat.  epar 
hepar,  franz.  lierre  aus  hedera.  Die  heutige  schwedische  ausspräche 
läszt  L  vor  I  gar  nicht  vernehmen :  ljus  lautet  jus,  ljuf  juf. 

Der  Schmelzung  in  U  ist  unter  allen  romanischen  sprachen  die 
französische  meist  ergeben,  so  oft  an  das  L  ein  consonant  rührt:  Gau- 
lois  chaume  paume  aune  taupe  chaud  saut  faux  maux  f.  Gallus  cala- 
mus  palma  alna  talpa  calidus  saltus  falsus  malus;  eux  ceuxyeux  mieux 
vieux  f.  eis  cels  oeils  miels  viels;  fou  doux  poux  f.  fols  doles  polcs. 
rein  auslautendes  A  bleibt :  mal  val  cheval,  die  Verbindung  der  praep. 
a  mit  dem  L  bringt  nur  dann  au  zu  wege,  wenn  das  folgende  nomen 
consonantisch  anlautet.    Auch  der  neapolit.  dialect  hat  meuza  f.  milza, 


FLÜSSIGE    SL.    SV  225 

smiuzo  f.  smilzo.  In  deutscher  zunge  bildet  die  niederländische  mund- 
art  au  aus  al,  ou  aus  al  und  ol,  wie  gramm.  1,  292.  300.  321 
erörtert,  und  dabei  musz  einflusz  französischer  nachbarschaft  ange- 
schlagen werden. 

Von  den  slavischen  sprachen  ist  es  die  südlichste  und  weichste, 
die  serbische,  welche  das  L  der  übrigen  vocalisiert.  im  auslaut  macht 
sie  0  daraus,  läszt  aber  bei  folgendem  a  der  flexion  das  L  aufwachen : 
bijo  fem.  bijela,  mio  fem.  mila,  kotao  cacabus  gen.  kotla  und  häufig 
in  den  participien  pisao  f.  pisal,  fem.  pisala,  preo  fem.  prela.  von 
selo  pagus  bildet  sich  seoski  paganus.  da  wo  dem  L  schon  o  vor- 
ausgieng,  wird  dies  dann  verlängert :  vö  bos,  sokö  falco  für  vol  sokol, 
so  sal,  der  gen.  lautet  vola  sokola  soli.  Inlautendes  L  aber  erweicht 
sich  vor  anrührendem  cons.  in  U:  dug  debitum,  Bugarin  Bulgarus, 
munja  fulgur,  pun  plenus,  suntze  sol,  vuk  lupus,  stup  columna,  tu- 
tschem  tundo,  muzem  mulgeo,  suza  lacrima  für  dlg  Blgarin  mlnja 
pln  slntze  vlk  stlp  tlzem  (tl"ku)  mlzem  slza.  das  puno  plenum  gleicht 
dem  it.  piano  planum  und  wie  bei  den  Niederländern  musz  wieder  321 
in  betracht  kommen,  dasz  die  Serben  an  Italien  grenzen,  dubok 
profundus  führt  Miklosich  s.  17.  21  zurück  auf  dl"bu  scalpo,  das 
litth.  dubbas  und  selbst  goth.  diups  fordern  vergleichung ;  die  andern 
Slaven  haben  glubok,  poln.  gieboki,  böhm.  hluboky. 

Dies  Verhältnis  des  L  :  V  leitet  uns  wieder  in  die  deutschen  und 
älteren  sprachen  und  gibt  anlasz  zu  einigen  aufschlüssen. 

Es  begegnet  ein  goth.  slavan  tacere,  das  keiner  andern  deutschen 
zunge  eigen  offenbar  dem  lat.  silere  entspricht,  dessen  sil  :  sl  sich 
umgedreht  verhält  wie  in  lat.  scire  und  goth.  saihvan  sc  :  sih.  hin- 
gegen stimmt  das  dem  Gothen  abgehende  ahd.  suigen  mhd.  swigen 
ags.  svigian  sichtbar  zum  gr.  öiyäv  und  dem  damit  zusammenge- 
setzten öicrnäv  =  öifcojcav,  wo  recht  deutlich  das  digamma  GV 
zeigt,  wie  aber,  sollten  nicht  SL  und  SV  in  beiden  formen  sich  aus- 
gleichen? die  liquation  des  L  in  V  mag  sogar  auf  Verlängerung  des 
wurzelvocals  gewirkt  haben,  dasz  das  V  in  slavan  der  wurzel  fremd 
ist  lehrt  silere,  ob  ihm  G  in  suigen  gleichstehe,  oder  dies  gar  dem 
kehllaut  in  tacere  goth.  pahan  ahd.  dagen  vergleichbar  sei?  soll 
hier  dahingestellt  bleiben. 

Nicht  anders  scheint  SL  im  goth.  slöpan  dormire,  ags.  slsepan, 
ahd.  släfan  identisch  dem  SV  im  skr.  svap,  altn.  sofa  =  svSfa  und 
den  übrigen  s.  303  angeführten  Wörtern,  freilich  blieb  die  lautver- 
schiebung  des  P  in  slöpan  släfan  zurück,  da  sie  noch  in  sue"ban  svöfa 
vorschritt,  den  Angelsachsen  allein  stehn  beide  verba  slsepan  slep 
und  svefan  sväf  nebeneinander  zu. 

In  der  altböhmischen  mater  verborum  bei  Hanka  8b  findet  sich 
die  glosse :  feronia,  dea  paganoruoi,  zuoba.  die  römische  Feronia  war 
göttin  der  freigelassenen,  in  ihrem  tempel  empfiengen  entbundne 
knechte  den  hut  der  freiheit.  suoba,  denn  so  musz  genauer  geschrie- 
ben werden,  bedeutet  also  freiheit  und  stimmt  zu  dem  unter  Russen, 
Polen  und  Böhmen  noch  allgemein  gangbaren  sl.  svobod'  liber,  svo- 

Grimm,  geschickte  der  deutschen  spräche.  1 5 


226  FLÜSSIGE    SL.   SV 

boda  libertas.  in  Böhmen  hört  man  hin  und  wieder  sloboda,  die 
322Slovenen  schwanken  zwischen  svoboda  und  sloboda,  den  Serben  gilt 
nur  sloboda  für  freimut,  mut.  richtig  stellt  Miklosich  svoboda  unter 
svoi  Ydwg,  sui  juris,  liber,  B  scheint  entsprungen  wie  im  gen.  des 
reflexivs  sebe*. 

Mit  einem  mal  geht  hier  ein  licht  auf  über  zwei  berühmte,  ich 
glaube  bisher  unverstandne  volksnamen,  die  in  alle  meine  Unter- 
suchungen greifen.  Sueven  und  Slaven  scheinen  ganz  dasselbe  wort. 
Caesar  Strabo  Tacitus  Ptolemaeus  schreiben  Suevi  Horißoi  ZJovrjßoi. 
Doch  ein  hauptstamm  der  Germanen  sollte  gleich  geheiszen  haben  mit 
den  Slaven,  die  uns  zwar  urverwandt,  aber  auch  stets  von  uns  verschie- 
den sind?  ich  will  mich  erklären,  der  name  Suevi  scheint  allerdings 
slavisch  und  bedeutet,  wie  wir  eben  sahen,  freie ;  er  wurde  deutschen 
nachbarn  von  Sarmaten  im  osten  beigelegt,  wie  im  westen  von  Beigen 
oder  Galliern  der  name  Germanen,  späterhin  mögen  Slaven  dieselbe 
schöne  benennung  entweder  für  sich  selbst  gewählt  oder  von  deut- 
schen nachbarn  zurückempfangen  haben,  und  nach  einer  seltsamen 
ironie  gieng  von  unterjochten  Slaven  begrif  und  name  der  knechtschaft 
aus  (sclavi,  ital.  schiavi),  da  im  wort  ursprünglich  die  der  freiheit 
gelegen  hatten**.  Umgekehrt  wandten  die  Deutschen  ihren  volksnamen 
Vandali  Vindili  in  der  form  Veneti  Yinidi  Winidi  allmählich  auf  sla- 
vische  nachbarn  an  (s.  171),  die  deutschen  Sueven  aber  behielten  diesen 
namen  bei  und  verhärteten  ihn  blosz  in  goth.  Svebös  (?)  ahd  Suäpä  ags. 
Svsefas,  wie  schon  gr.  üoijßoi  für  Suevi  geschrieben  wurde,  unter 
südlichen  Slaven  scheint  die  benennung  Sloveni  hauptsächlich  zu  wur- 
323  zeln,  gerade  wie  sie  sloboda  dem  svoboda  vorziehen.  Die  Byzantiner 
Procop,  Agathias  u.  s.  w.  setzen  E%Xaßou  2J%kaßr]V0L  mit  dem  allmäh- 
lich auch  bei  lat.  Schriftstellern  eingeschobnen  C  Sclavi  Sclaveni, 
welches  jedoch  die  sl.  Schreibung  wieder  ausstiesz.  Unzulässig  scheint 
es  den  namen  Slovenen  aus  slava  gloria***  oder  slovo  verbumf,  oder 
einem  unbekannten  Ortsnamen,  wie  Schafarik  meint,  zu  leiten,   auch 


*  die  Finnen  ihrer  neigungnach  anlautendes  S  vor  V  wie  vor  L  und  andern 
consonanten  tilgend,  haben  vapaa  liber,  suijuris,  vapahdusliberatio,  die  Esten 
wabba  liber  wabbedus  libertas;  einleuchtend  entsprechen  vapahduswabbadus 
dem  sl.  svoboda.  den  Finnen  scheinen  diese  Wörter  und  begriffe  durch  die 
Slaven  zugeführt,  wie   den  Lappen  frije  frijewuot  durch  die  Scandinaven. 

**  man  müste  denn  svoi  proprius  im  sinn  von  andern  angehörig  nehmen, 
wie  auch  der  söhn  suus  des  vaters  ist. 

***  in  den  mit    slav  zusammengesetzten    eigennamen   böhm.   Buhuslaw 
Miloslaw  Radoslaw  tilgt  der  Serbe  das  L:  Bogosav  Milosav  Radosav. 

f  Miklosich  s.  10  setzt  denSlovjentz  als löyiog,  distinctaloquelapraeditus 
demVlach"  balbus  undNjemetz  mutus  entgegen,  wol  mag  einvolk  denfrem- 
dennachbar  sich  als  unredenden,  seiner  spräche  unmächtigen  darstellen,  kaum 
sich  selbst  als  unredendes,  da  ihm  diese  gäbe  zu  natürlich  erscheinen  musz, 
um  hervorhebens  zu  bedürfen,  auch  bezeichnet  Vlach"  schwerlich  den  stam- 
melnden, sondern  ist  das  deutsche  Walah  =  Gallus;  welschen  heiszt  uns  fremd, 
unverständlich  reden.  Im  namen  der  Slaven  ist  a  dem  ahd.  ä  —  goth.  e  ge- 
mäsz,  was  mir  die  zurücknähme  des  worts  aus  deutschem  mund  bestätigt, 
wenn  schon  nachher  auch  das  ursprüngliche  o  von  svob  sich  geltend  machte. 


FLÜSSIGE  L.   R  227 

unsre  Sueven  hieszen  nicht  nach  dem  flusse  Suevus,  dieser  vielmehr 
nach  ihnen,  merkwürdig  findet  sich  ein  berg  Sevo  Suevo  (mythol. 
s.  337),  bei  Ptolem.  6,  14  tä  öovrjßa  oorj  neben  akava  oqtj  genannt, 
wie  er  6,  5  skythische  Alanen  und  Suovenen  (Uovoßrjvoi)  auf  diese 
öovrjßa  OQ7]  folgen  läszt.  in  den  Suovenen  erkennt  Schafarik  gültig 
Slovenen,  schlägt  aber  dabei  nicht  die  namen  Suevi  und  Slovi  an. 
die  fortbildung  -eni  -ini  ist  wie  in  rstrjvoi  Gothini.  Zugleich  be- 
stätigt dies  Verhältnis  überhaupt  uralten  verkehr  zwischen  Germanen 
und  Sarmaten.  der  von  diesen  auf  jene  ausgegangne  name  kam  ihnen 
im  verlauf  der  zeit  wieder  und  in  beide  formen  theilten  sich  beide 
Völker  dergestalt,  dasz  der  name  Sueven  bei  uns  enger,  der  name 
Slaven  unter  unsern  nachbarn  allgemeiner  wurde. 

Noch  ein  beispiel  des  wechseis  zwischen  SV  und  SL  scheint 
svädus  fjövg  suavis  =  suadvis  (s.  303)  abzugeben  gegenüber  sl. 
slad"k",  böhm.  slad'ky,  poln.  siodki.  das  litth.  saldus  lett.  salds  324 
haben  für  L  andere  stelle,  wie  dulcis  neben  ykvxvg,  welche  beide 
nah  verwandt  sind  (wie  ykevnog  und  öevnog  most  und  vorhin  glubok 
und  dlubok).  schwerer  einigen  sich  dulcis  und  slad"k";  dulcis  aus 
udcis  vudcis  svudcis  sludcis? 

Endlich  entspricht  das  ags.  svade  vestigium,  fries.  swethe  swithe 
terminus  dem  sl.  sljed"  vestigium,  poln.  slad,  böhm.  sied,  vgl.  altn. 
slödi  callis.  kein  zweifei,  dasz  sich  noch  andere  SV  :  SL  ergeben 
werden  (vgl.  suovitaurilia  mit  solitaurilia). 

Welche  von  beiden  formen  ist  aber  für  die  ältere  zu  halten?  da 
sich  im  skr.  svapnas  und  svadus  zeigen,  svoboda  edler  und  dem  svoi 
näher  ist  als  sloboda,  auch  Suevus  dem  Slavus  der  zeit  nach  voraus- 
geht, gebe  ich  dem  V  das  höhere  alter,  aus  der  spirans  entspringt 
die  liquida,  wie  aus  dem  S  das  R.  Umgekehrt  ist  L  älter  als 
die  romanische,  niederländische  und  serbische  auflösung  in  I  oder  U. 

Bisher  wurde  die  beschaffenheit  des  L  und  R  für  sich  erwogen ; 
die  folgenden  betrachtungen  gehn  auf  beide  zusammen. 

Beide  haben  in  den  sprachen  für  die  Wortbildung  grosze  gewalt 
und  kommen  fast  den  vocalen  I  und  U  gleich,  aus  welchen  wir  sie 
oft  hervorgehn  sahen,  während  S  und  H  auch  hier  wieder  an  A  ge- 
mahnen. 

Die  flexion  scheinen  L  und  ursprüngliches  R  wenig  oder  gar  nicht 
zu  bestimmen,  desto  mehr  einflusz  auf  sie  üben  M  N  und  S,  das  in 
R  übertritt,  denn  alle  R  der  flexion  sind  aus  S  entsprungen.  Für 
die  historische  forschung  bleibt  es  höchst  wichtig,  die  echten  oder 
alten  R  von  den  aus  S  erwachsnen  zu  sondern. 

Hervorstechende  eigenthümlichkeit  der  slavischen  zunge  ist  das  L 
der  activen  participia  praeteriti,  welchem  ich  etwa  das  ableitende  L 
der  deutschen  oft  aus  verbis  stammenden  adjectiva  vergleiche  z.  b. 
ahd.  e'zzal  äge'zzal  släfal  sprangal  u.  s.  w.  doch  mangelt  ihnen  die 
verbalkraft  der  sl.  participien. 

Die  auszerordentliche  Flüssigkeit  des  L  und  R  zeigt  sich  recht  an 
ihrer  unstäten  stelle  zwischen  den  stummen  consonanten  und  man  musz  325 

15* 


228  FLÜSSIGE   L.   R 

beachten,  welche  verschiedne  neigung  hierbei  die  verwandten  sprachen 
kund  geben. 

Unsere  spräche  liebt  es  diesen  liquiden  den  wurzelvocal  voran- 
gehn,  die  slavische  folgen  zu  lassen,  die  lat.  litth.  und  meisten  übri- 
gen halten  es  darin  meist  mit  der  deutschen,  nicht  mit  der  slavischen. 
das  ganze  Verhältnis  fordert  reichliche  beispiele. 

Elbe  poln.  Laba  böhm.  Labe,  das  lat.  Albis  läszt  ein  goth.  Albs 
vermuten,  ahd.  Alp.  ahd.  alpiz  mhd.  elbez  altn.  älft  ags.  älfet,  sl. 
lebed'  poln.  iab^dz  böhm.  labut.  dem  namen  des  flusses  wie  des  Vo- 
gels ist  das  lat.  albus  identisch,  der  see  Ladoga  in  Ruszland  heiszt 
altn.  Aldeiga  (fornm.  sog.  12,  259),  vgl.  finn.  aalto,  altn.  alda  unda, 
sl.  ladija  navis. 

heim  altn.  hiälmr  goth.  hilms,  get.  £cd[iog  öoqcc,  litth.  szalmas, 
sl.  schljem"  TtSQwscpaXcda,  böhm.  slem  ornatus  muliebris.  halm  altn. 
hälmr,  sl.  slama  poln.  sioma.  aus  poln.  tiomacz  böhm.  tlumac,  wird 
deutsches  dolmetsch,  goth.  fulls,  litth.  pilnas,  lat.  plenus,  gr.  nUog, 
sl.  pl"n". 

silber  ags.  seolfor  altn.  silfr,  sl.  srebro.  darf  man  sich  getrauen 
goth.  silba  ahd.  se'lpo  ags  selfa  altn.  siälfr  mit  jenem  svoj  Suevus  und 
Slavus  (s.  322)  zu  vergleichen?*  bei  Homer  heiszen  die  Troer  avxoi 
gegenüber  den  bundsgenossen  (II.  11,  220).  litth.  silpnas  debilis,  sl. 
sljep"  coecus.  goth.  vulfs  ahd.  wolf,  lat.  vulpes,  sl.  vl"k".  lett.  kalps 
servus,  sl.  chlap"  poln.  chiop.  litth.  galwa  caput,  sl.  glava  poln. 
glowa.  lett.  zilweks  homo,  sl.  tschlovjek"  poln.  cziowiek  böhm.  clowek. 
skr.  palita,  gr.  nokiog,  lat.  pallidus,  ahd.  falo  falawes,  ags.  fealo, 
altn.  fölr,  litth.  palwas,  sl.  plav",  böhm.  plawy,  poln.  piowy. 

goth.  dulgs  debitum,  sl.  dl"g"  poln.  d*ug  böhm.  dluh,  Miklosich 
s.  25  leitet  ab  von  dr'shati  tenere,  ich  habe  das  ahd.  tolc  vulnus 
altn.  dölgr  hostis  und  den  volksnamen  Dulgibini  verglichen,  andrer 
wurzel  scheint  sl.  dl"g"  [laxQog,  poln.  dlugi  böhm.  dlauhy,  skr. 
dirghas  longus,  dem  Miklosich  s.  23  mit  fug  das  litth.  ilgas  zur  seite 
326  setzt,  nun  gehe  ich  weiter  und  nehme  lat.  longus,  goth.  laggs  ahd. 
lanc  für  tlongus  (wie  latum  f.  tlatum)  J)laggs  dlanc,  in  welchen  allen 
sich  der  nasallaut  eingeschoben  hat,  tlogus  tlagus  würde  dem  dlug 
nahe  treten,  ilgas  für  dilgas  stehn.  also  reihen  sich  dirghas  dilgas 
dlug  tlongus  J)laggs,  wobei  ich  die  stufe  des  lat.  und  deutschen  ab- 
gefallnen  linguallauts  unentschieden  lasse. 

milch  goth.  miluks  ahd.  miluh  ags.  meolc  altn.  miölk,  sl.  mljeko 
poln.  böhm.  mleko.  dem  lat.  lac  lactis  scheint  wieder  aphaeresis  zum 
gründe  zu  liegen  und  nach  mulgere  sl.  ml"sti  litth.  inilszti  melken 
wäre  früheres  mlac  melac  anzusetzen,  oder  weist  gr.  yaku  yakavxog 
anderes?  mulgere  ist  gr.  dfislyetv.  Benfey  2,  358  nimmt  yalcty 
ylay  =  fikay.  das  ir.  bleacht  blocht,  welsche  blith  f.  blicht? 
gehn  leicht  in  die  labialis  über,  aber  daneben  gilt  welsches  laeth,  ir. 
lacht. 


poln.  böhm.  sobek  egoist,  selbsüchtig. 


FLÜSSIGE   L.   R  229 

goth.  skalks  ahd.  scalh  ags.  scealc  servus,  altn.  skälkr  nequam 
woher  finn.  kalki;  vielleicht  mit  sl.  slouga  servus  poln.  siuga  böhm.  sluha 
eins,  welches  Miklosich  s.  82  zu  slouti  stellt,  wie  cliens  cluens  zu  cluere 
fällt,  sichrer  ist  ahd.  folh  ags.  folc  altn.  fölk  agmen  populus,  litth. 
pulkas,  sl.  pl"k"  acies,  castra,  poln.  po*k  pu<tk,  böhm.  pluk  pik,  gr. 
7iol%og,  aeol.  öl%og  st.  des  üblichen  o%Xo$,  dem  wieder  anlaut  fehlt, 
es  könnte  digamma  stattgefunden  haben,  wozu  lat.  vulgus  stimmt. 

gold  sl.  zlato  (oben  s.  9).  goth.  valdan  ahd.  waltan  ags.  vealdan 
altn.  välda,  litth.  waldyti,  sl.  vlasti  vladjeti.  goth.  kalds  ahd.  ehalt 
ags.  ceald  altn.  kaldr,  lat.  gelidus,  sl.  chlad",  poln.  chiod  kühle, 
serb.  mit  alphaeresis  lad,  Miklosich  s.  101  verzeichnet  chlad  aura 
(kühle  luft),  was  nichts  zu  thun  hat  mit  skr.  hräda  strepitus.  litth. 
saldus,  lat.  dulcis  wurden  schon  vorhin  s.  323  zu  sl.  slad"k"  gestellt, 
preusz.  maldas  juvenis,  sl.  mlad"  tener,  poln.  miody  böhm.  mlady 
juvenis.  zu  goth.  halts  ags.  healt  ahd.  halz  fügt  sich  lat.  claudus, 
diesmal  mit  slavischer  lautstellung.  poln.  sledz  böhm.  sied'  halec 
entsprechen  dem  altn.  sild  schwed.  all,  das  litth.  silke7  lett.  silkis 
aber  dem  lat.  wort  nach  dem  Wechsel  von  S  und  H,  denn  der  name 
des  fisches  stammt  von  älg. 

goth.  arms  brachium,  ahd.  arm  altn.  armr,  das  gleiche  lat.  armus  327 
gr.  ägfiog  drücken  oberarm  und  schulter  aus;  sl.  ramo  ramja  nume- 
rus poln.  rarni^.  da  sich  in  der  flexion  ramene  ramena  (wie  von  imja 
imene  imena)  entfaltet,  könnte  litth.  ranka  armus,  sl.  ruka  manus 
böhm.  ruka,  poln.  noch  nasal  r^ka,  aus  zusammenziehung  des  dimi- 
nutiven ramenka  =  ärmlein,  hand  herrühren,  vgl.  altn.  ermi,  ahd. 
ermilo  manica,  lat.  armilla  brachiale,  gleichwol  läszt  sich  auch  ranka 
auf  das  litth.  rinkti  colligere  zurückführen*. 

altn.  maur  formica,  schwed.  myra  dän.  myre  mnl.  miere,  pers. 
mür,  finn.  muurainen,  gr.  {ivQnrj£,  sl.  mravii,  pol.  mrowka  böhm. 
mravenec  und  brabenec,  wie  auch  in  gr.  mundarten  ßvQ{ia£  f.  ^ivg^ii]^. 
skr.  durva  gramen  cespes,  ahd.  zurba  ags.  turf  altn.  torf,  -sl.  trava 
gramen,  litth.  karwe  vacca,  sl.  krava  poln.  krowa.  ags.  forma,  litth. 
pirmas,  goth.  fruma  wie  lat.  primus,  sl.  prvi'i  poln.  pierwszy.  ahd. 
härm  ags.  hearm  altn.  harmr,  sl.  sramata  poln.  sromota  (vgl.  s.  172. 
303),  zu  erwägen  auch  nnl.  schroom  metus  schromen  metuere  tremere, 
insofern  zittern  und  zagen  mit  sich  schämen  verwandt  ist.  ahd.  car- 
mula  in  der  lex  Bajuv.  2,  3  für  seditio,  sl.  kramola.  lat.  dormire 
sl.  drjemati  dormitare,  ahd.  troum  somnium  ags.  dreäm  alts.  dröm 
jubilum,  vgl.  mythol.  s.  1098.  aus  lat.  marmor  macht  das  böhmische 
organ  mramor,  das  mährische  bramor. 

goth.  J>aurnus  ahd.  dorn  altn.  jaorn,  sl.  tr'n"  spina,  poln.  tarn 
und  eiern,  goth.  qairnus  ags.  eveorn  altn.  qvern,  litth.  girnos,  sl. 
shr"n"v"  (vgl.  s.  67),  böhm.  zerna.  goth.  kaum  ahd.  chorn  ags.  com, 
sl.  zr'no  poln.  ziarno,  litth.  zirnis,  lat.   granum,   franz.   grain.    litth. 


*  ähnlich  steht   aQyos  aQyvgoq  argentum   zu  skr.  radschatam,  zend. 
erezatam. 


230  FLÜSSIGE   L.   R 

warnas  corvus  warna  cornix  lett.  wahrna,  sl.  vran"  und  gavran"  cor- 
vus,  vrana  cornix.  böhm.  wrana  und  hawran,  poln.  wrona  und 
gawron.  welsch  bran  pl.  brain  cornix,  ir.  bran  corvus.  sowol  sl. 
vran"  als  ir.  bran  bedeuten  im  adj.  zugleich  niger,  folglich  geht 
328  auch  mlat.  brunus  ruscus,  ahd.  prün  ags.  brün  furvus  in  vergleichung. 
aus  den  labialen  wäre  leichter  Übergang  in  gutturale  und  im  lat. 
corvus  cornix  verhalten  sich  die  liquiden  zum  ahd.  hraban  altn.  hrafn 
ganz  wie  in  warna  und  wrana. 

ahd.  charl  vir  maritus,  altn.  karl  vir  senex,  ags.  carl  cearl 
masculus,  zugleich  war  Karl  häufiger  eigenname  und  Karls  des  groszen 
macht  drückte  seinen  nachfolgern  und  dem  fränkischen  reich  die  be- 
nennung  Karlinge  und  Kerlinger  auf.  wie  aus  Caesar  der  begrif  des 
kaisers  gieng  aus  Karl  den  Slaven  würde  und  name  des  königs  her- 
vor: sl.  kral  poln.  krol  russ.  korol',  ungr.  kiräly,  litth.  karalus  (lett. 
aber  kehninsch  nach  könig). 

goth.  paurban  J>arf  J>aurbum  egere  [unten  s.  902],  J>arbs  egens 
J>arba  egestas  }>arba  mendicus,  J>aurfts  necessitas.  ahd.  durfan  darf 
durfum  (für  durpan  darp  durpum)  egere,  darpo  egens  darpa  privatio, 
dürft  opus  necessitas.  finn.  tarvet  gen.  tarpeen  opus  necessitas,  tar- 
peinen  opus  habens,  tarvitsen  egeo;  est.  tarwis  necessarius  tarwidus 
necessitas  tarwitama  egere.  läpp,  tarbahet  indigere  tarbo  necesse 
tarbek  opus  tarbahet  indigere.  sl.  trjebje  jest'  opus  est,  trjebovati 
indigere  trjebiti  purgare  trjeba  sacrificium  libatio  templum.  poln. 
trzeba  böhm.  treba  opus  est,  treba  sacrificium.  poln.  potrzeba  böhm. 
potreba  necessitas,  wozu  man  ahd.  pidarpi  pidirpi  utilis  necessarius 
und  unser  bedarf  egeo  halte.  Miklosich  s.  96  trennt  die  begriffe 
trjeba  opus  und  trjeba  sacrificium,  wie  mich  dünkt,  unrichtig :  opfer 
ist  das  heilige  werk,  die  höchste  nothdurft  und  reinigung.  gehört 
der  litth.  gott  Potrimpos  zu  potreba  (s.  121)  und  liesze  sich  ein 
patrimpa  —  potrjeba  aufweisen  oder  als  früher  in  der  spräche  vor- 
räthig  annehmen,  so  folgte  daraus  auch  das  einfache  trimpa  =  trjeba. 

finn.  varpulainen  varpuinen  passer,  est.  warblane,  litth.  zwirblis 
lett.  swirbulis,  sl.  vrabii  russ.  vorobei  poln.  wrobel  böhm.  wrabec, 
serb.  vrabatz,  ungr.  veräb.  lat.  sarpere,  gr.  ccqtctj  falx,  sl.  sr'p" 
poln.  sierp'  böhm.  srp. 

goth.  vargs  inimicus,  condemnatus,  vargjan  damnare,  ags.  vearh 
lupus,  damnatus,  vergan  damnare,  verhdo  damnatio,  ahd.  warac  dam- 
natus,  exsul,  wargida  damnatio,  altn.  vargr  lupus,  homo  sacer,  skr. 
329vrka  lupus,  zend.  vereka,  sl.  vrag"  inimicus,  serb.  vrag  diabolus, 
poln.  wrog  inimicus,  böhm.  wrah  inimicus,  diabolus.  beim  teufel 
treffen  alle  diese  begriffe:  wolf  feind  und  verdammter  zusammen, 
mythol.  s.  941.  948. 

litth.  turgus  forum,  lett.  tirgus,  schwed.  torg,  sl.  tr"g",  poln. 
targ,  böhm.  trh.  altn.  myrkr  obscurus,  sl.  mrak"  caligo,  poln.  mrok, 
böhm.  mrak.  litth.  parakas  pulvis,  sl.  prach",  poln.  proch.  ags.  beorc 
betula,  ahd.  piricha,  altn.  biörk,  litth.  berzas,  russ.  bereza,  poln. 
brzoza,   böhm.  briza.     ahd.  farah,   ags.  fearh,  lat.  porcus,  litth.  par- 


FLÜSSIGE  L.    R  231 

szas,  finn.  porsas,  poln.  prosi$,  böhm.  prase  (oben  s.  37).  ahd.  furicha, 
nhd.  furche,  sl.  brazda,  poln.  brozda,  vielleicht  für  prazda,  wie  lat. 
porca  zu  porcus  stimmt  (s.  57). 

ahd.  part,  ags.  beard  barba,  altn.  bard  ala  margo  labrum,  litth. 
barzda  barba,  lett.  bahrsda,  sl.  brada  poln.  broda*.  ahd.  fürt  vadum, 
ags.  ford,  sl.  brod".  goth.  gards  domus,  ahd.  kart,  sl.  grad"  urbs, 
poln.  grod.  lat.  merda  stercus,  eigentlich  foetor,  skr.  mrd,  sl.  smrad", 
russ.  smerdeti  foetere,  litth.  snrirdeti  foetere,  smirdas  homo  foetidus. 
mhd.  bartmänet  (s.  85),  sl.  gruden,  poln.  grudzien  (s.  95).  goth. 
hairda  grex  ahd.  herta,  sl.  tschrjeda,  poln.  trzoda.  goth.  hairtö  ahd. 
herzä,  litth.  ^szirdis,  lett.  sirds,  skr.  hrd  f.  krd,  ir.  croidhe,  lat.  cor 
cordis,  gr.  xijg,  xagöt'a,  sl.  sr'd'tze,  böhm.  srdce,  poln.  serce.  litth. 
serrada  mittwoche  nach  dem  sl.  srjeda  sreda  medium,  poln.  sroda,  die 
Russen  unterscheiden  sreda  medium  und  sereda  dies  Mercurii. 

mlat.  curtus,  it.  corto,  franz.  court,  ahd.  churz  curz,  sl.  kratf'k" 
poln.  krotki  brevis.  verschieden  aber  goth.  hardus,  ahd.  herti,  nhd. 
hart,  gr.  xgarvg  xgartgög.  lat.  mors  mortis,  mori  mortuus,  goth. 
maurf>r  ahd.  mordar  homicidium,  litth.  mirti  mori,  sl.  mrjeti  mori, 
mor"  pestis,  mr'tv"  mortuus. 

lat.  vertere,  nhd.  wirtel  verticillus,  sl.  vr'tjeti  vratiti  vertere,  litth. 
wirwe"  laqueus.  goth.  aurts  herba  aurtigards  hortus,  altn.  urt  und 
jurt  herba  urtagardr  hortus,  schwed.  ort  und  örtagärd,  finn.  yrtti 
herba  yrttitarha  hortus,  ags.  vyrt  herba  vyrtgeard  hortus,  engl.  330 
wortyard  und  ortyard  orchard,  ahd.  würz  herba  Wurzipurc  Herbipolis, 
goth.  vaurts  radix  (vgl.  finn.  juuri  altn.  rot  radix)  ahd.  wurza  wur- 
zala  radix;  sl.  vr't"  hortus  und  vr'tograd"  hortus. 

lat.  porrum  f.  porsum,  gr.  ngdöov,  serb.  pras.  ahd.  hirsi  milium, 
sl.  proso.  litth.  garsas  fama,  sl.  glas"  vox,  gr.  yXaööa  lingua,  dia- 
lectus.    litth.  pirsztas  digitus,  sl.  pr'st",  böhm.  prst. 

Die  beispiele  zeugen  sattsam,  einzelne  sprachen  treiben  beiderlei 
richtung  weiter,  namentlich  liebt  die  ags.  den  wurzelvocal  dem  R 
vorauszusenden,  statt  des  goth.  rinnan  rann  runnum  setzt  sie  irnan 
arn  urnon,  statt  brinnan  brann  brunnum  birnan  barn  burnon,  statt 
brunna  burna,  wie  noch  heute  bei  uns  born  neben  brunne  gilt,  statt 
brunjö  thorax  ahd.  prunnä  altn.  brynja  braucht  sie  byrne,  vgl.  sl.  br"nija 
thorax,  russ.  bronja,  poln.  bron  arma.  ebenso  verhalten  sich  fruma 
primus  ags.  forma,  goth.  gras  gramen  ags.  gärs,  ahd.  hros  equus  ags. 
hors,  ahd.  chresso  nasturtium  ags.  cerse,  goth.  priskan  triturare  ags. 
J>erscan,  ahd.  frisc  recens  ital.  fresco  ags.  ferse,  ahd.  brestan  rumpi 
ags.  berstan  nhd.  bersten,  ahd.  frist  spatium  temporis  ags.  first,  ahd. 
hrust  ornatus  bellicus  ags.  hyrst,  ahd.  frost  algor  ags.  forst;  ja  das 
englische  ist  hin  und  wieder  auf  diesem  wege  noch  vorgeschritten, 
indem  es  ags.  brid  pl.  briddas  pullus  in  bird,  ags.  pridda  in  third, 
ags.    erat   currus  in   cart   wandelte,     third  stimmt  zum    lat.  tertius, 


*  B  in  barba  zum  D  der  andern  Wörter  scheint  sich  zu  verhalten  wie 
in  verbum:  goth.  vaurd,  ahd.  wort;  litth.  wardas,  lett.  wahrds. 


232  FLÜSSIGE  L.    R 

bird  und  brid  weisz  ich  aus  keinem  deutschen  dialect  zu  erklären, 
von  brut  fetus  proles,  ahd.  pruot,  ags.  bröd  engl,  brood  ist  es  ver- 
schieden. Dem  sächsischen  organ  scheint  die  Verschiebung  des  vocals 
überhaupt  behaglich,  wie  bis  auf  heute  in  Niedersachsen  bernen  verde 
versch  für  brennen  friede  frisch  u.  a.  m.  vernommen  wird,  aus 
sächsischer  quelle  gieng  in  die  altn.  sage  Sigurdr  =  Sigverdr  Sigverd 
Sigferd  f.  Sigfrid;  Fertilia  legt  die  Vilk.  saga  c.  13  aus  Fridssela. 
Umgekehrt  stellt  die  altn.  spräche  einigemal  das  R  voran:  ragr 
timidus  f.  argr,  ras  anus  f.  ahd.  ars,  ags.  ears.  käme  altn.  rot  radix 
jenem  urt  herba  nahe,  wie  goth.  aurts  dem  vaurts,  finn.  juuri  dem 

331  yrtti?  ich  treffe  sogar  ags.  rot  radix  engl,  root  an  auszer  dem  häu- 
figeren vyrt  herba;  radix  gddt^  und  gifa  aeol.  ßgi^a,  digamm.  ßgt^a 
weisen   auf  skr.   vridh    und  ridh  crescere,  ja  auf  viridis  und  virere. 

Unter  den  romanischen  sprachen  finde  ich  nur  die  neapolitanische 
zuweilen  das  R  vorausschieben:  fremmare  f.  fermare,  vregara  f. 
vergara. 

Diese  gegensätze  sind  characteristisch  und  höchst  beachtenswerth. 
lautverbindungen  wie  lat.  almus  palma  culmus  vulpes  vulgus  mulgeo 
algeo  armus  serpo  parcus  porcus  artus  mortis,  gr.  alyog  ßcdßig 
[io?>7trj  ccqtoq  aQ7tr},  litth.  ilgas  silpnas  pirmas  warnas  girnos  parszas, 
oder  wie  nhd.  halm  halb  silber  balg  milch  volk  walten  arm  darm  erbe 
darf  arg  mark  art  bart  und  eine  menge  solcher,  die  unserm  ohr  wol 
lauten,  widerstehn  dem  Slaven,  der  in  entsprechenden  Wörtern  die 
liquida  von  dem  folgenden  consonant  sondert  und  dem  wurzelvocal 
vorsetzt,  er  zieht  formen  wie  slama  ramo  mleko  vladjeti  trjeba 
brada  vor,  die  ihre  consonantische  kraft  dem  anlaut  der  wurzel  zu- 
wenden, während  sie  jene  in  den  auslaut  legen,  wie  jene  mehr  dem 
reim,  würden  die  sla vischen  mehr  der  alliteration  zusagen.  Oft  aber 
deutet  bloszes  jerr  des  geschwundnen  vocals  stelle  an  und  die 
böhmische  Schreibung  läszt  ihn  ganz  unbezeichnet  in  pik  wlk  slza 
pln  trn  trh  srdce  u.  s.  w.,  wo  der  Pole  ihn  unslavisch  vor  die  liquida 
rückt:  pulk  wilk  pelny  tarn  eiern  ziarno  sierp'  serce  pierwszy. 

Das  noch  weichere  russische  organ  pflegt  aber  beide  weisen  zu 
vereinigen  und  die  liquida  zwischen  zwei  vocale  zu  fügen,  wodurch 
das  wort  eine  silbe  mehr  empfängt:  soloma  moloko  molodoi  boroda 
gorod  korova  vorobei  muravei.  ebenso  verfährt  das  zend  in  vereka 
lupus,  erezata  argentum,  die  lat.  spräche  in  calamus  gelidus,  die  gr. 
in  aald^iri  neda^r],  die  litth.  in  karalus  parakas,  die  lettische  in 
swirbulis,  vorzüglich  aber  die  ahd.  in  silapar  miluh  (auch  goth.  silubr 
miluks)  walah  charal  aram  daram  haram  darapa  warac  farah  puruc 
furicha  piricha  u.  s.  w.  Lat.  Hercules  rückt  die  in  rHQaxXrjg  vor- 
stehende liquida  hinter  den  vocal. 

332  Diese  dreifache  gestalt  derselben  Wörter  klärt  nicht  selten  am 
besten  über  ihre  beschaffenheit  auf.  dem  lat.  lac  lactis,  franz.  la.it 
scheint  unser  milch  ferner  zu  liegen,  aus  moloko  und  mleko  erhellt, 
dasz  ihm  vornen  etwas  mangelt  und  das  welsche  blith  neben  laeth 
weist  auf  das  ir.  bleacht  (neben  lacht),  dessen  B  dem  M  nahverwandt 


FLÜSSIGE   L.   R  233 

ist  (ßvQpYil,  nvQ{nril),  im  gr.  yldxtog  ydlaxtog  aber  mit  G  wechselt, 
der  nom.  ydXa  büszt  die  auslautenden  consonanten  ein.  unwahr- 
scheinlich also  wird  der  s.  32  vermutete  Zusammenhang  des  ga-  mit 
der  wurzel  gaus,  wie  denn  auch  ydla  für  die  milch  jedes  thiers  gilt, 
nicht  blosz  der  kuh.  hatte  sich  dem  Griechen  etwa  digammiertes  paka 
gebildet,  so  war  der  Übergang  in  ydXa  leicht,  und  ßdlavog  gleicht 
dem  lat.  glans.  in  den  keltischen  sprachen  tauschen  B  V  und  M 
allenthalben  gesetzmäszig. 

Manigfalte  benennungen  des  wolfs  lösen  sich  in  einheit;  dasz 
einzelne  auf  verwandte  thiere  übergehn,  verschlägt  nichts,  die  liquida 
schwankt  zwischen  R  und  L,  die  muta  zwischen  gutturalis  und  labialis, 
die  anlautende  spirans  wird  zuweilen  getilgt,  wandle  man  kvxog 
in  ßolvKog,  lupus  in  vulupus;  auf  der  stelle  sind  sie  dem  sl.  vlk,  poln. 
wilk,  litth.  wilkas,  goth.  vulfs  nahgerückt  und  altn.  ülfr  hat  sich  gerade 
so  seines  V  entäuszert.  in  der  labialis  stimmen  lat.  und  deutsche, 
in  der  gutturalis  gr.  litth.  und  sl.  zunge.  die  lat.  hat  auszer  lupus 
das  vollere  vulpes  =  vulupus  für  den  fuchs  behalten,  wie  die  unsere 
neben  vulfs  zugleich  vargs  für  eine  besondere  beziehung  des  fried- 
losen verurtheilten  feindlichen  wolfs,  und  dasselbe  vrag  drückt  den 
Slaven,  neben  vlk,  den  bösen  feind  aus,  im  hintergrund  liegt  der 
begrif  des  grausamen  thiers.  vargs  und  vrag  sind  doch  offenbar  die 
echteste  älteste  benennung  des  thiers,  skr.  vrka,  zend.  vereka  und 
pers.  wieder  mit  Übergang  ins  verwandte  G  gürk.  demselben  kehl- 
laut  begegnen  wir  aber  auch  in  lat.  spräche  und  sogar  zweimal,  in 
hirpus  und  hircus.  hirpus  bezeichnet  in  sabinischer  oskischer  mundart 
den  wolf,  wie  Festus  und  Servius  bewähren,  ja  ein  sabinischer  stamm 
hiesz  Hirpi,  weil  den  einwandernden  ein  wolf  führer  geworden  war, 
oder  nach  andrer  sage  sie  wölfe  gejagt  hatten  und  gleich  wölfen 
raubten,  d.  h.  im  sinn  des  deutschen  ausdrucks  friedlos  waren,  hir- 
cus hingegen  drückte  den  Sabinern,  oder  vielleicht  andern,  bock  aus 
und  geht  in  fir cus  =  f£QXog  über,  was  unmittelbar  an  vrka  rührt.  333 
da  lat.  caper  im  gr.  xaTCQog  den  wilden  eber  bedeutet  (s.  35.  36) 
und  auf  den  teufel  des  mittelalters  wolf,  eber  und  bock  angewandt 
werden  (mythol.  s.  947.  948);  so  läszt  sich  die  gleichheit  der  Wörter 
kaum  in  zweifei  ziehen,  die  ungr.  benennung  des  wolfs  lautet  farkas, 
was  sich  freilich  aus  fark  cauda,  vielleicht  aber  richtiger  aus  jenem 
gürk  und  vereka  ableiten  läszt  und  nirgends  den  abstracten  sinn  des 
sl.  vrag  annimmt,  den  welschen  namen  blaidd,  bretagn.  bleiz  mag 
man  zum  sl.  wlk  bringen  und  B  :  W  wie  in  brän  wrana  warna  fas- 
sen; doch  das  ir.  faolchu  liegt  ab  und  ist  zusammengesetzt  aus  faol 
wild  und  cu  hund.  unsere  thierfabel  stellt  vortrefflich  das  gebannte 
raubthier  des  waldes  dar,  und  lehrt  die  nähe  des  wolfs  und  fuchses. 

Auszer  dem  erörterten  beinahe  regelmäszigen  vorrücken  des  L 
und  R  treten  zuweilen  noch  auffallendere  Wechsel  ein,  die  sich  aus 
ihrer  flüssigkeit  begreifen,  so  wandelt  der  neapol.  dialect  clero  in 
crelo,  febre  in  freve,  dietro  in  reto,  vetro  vitro  in  vrito,  petra  pietra 
in  preta,  wo  das  der  muta  nachstehende  R  vor  sie  geschoben  wird. 


234  FLÜSSIGE    M.   N 

s.  222  vermute  ich,  dasz  skildus  aus  skidlus  entsprungen  sei,  eben 
weil  unsere  spräche  liebt  die  liquida  auf  den  wurzelvocal  folgen  zu 
lassen,  xecpdkr]  skr.  kapäla  ags.  heafela  leiden  vielleicht  vergleichung 
mit  sl.  glava  golova  litth.  galwa;  gr.  öinalog  6t,q)l6g  blinzelnd  schei- 
nen mir  das  sl.  sljep"  coecus  und  litth.  silpnas  debilis.  dasz  auch 
sljep  zumal  auf  blinzen  geht,  ersehe  ich  aus  böhm.  slepice,  einer 
poetischen  benennung  der  henne,  denn  die  naturgetreue  thierfabel 
nennt  den  hahn  Chanteclins,  den  mit  blinzelndem  äuge  singenden, 
und  Leo  malb.  gl.   1,  129  deutet  schon  chanaswido  hiernach. 

Soviel  von  L  und  R,  kürzer  sein  kann  ich  über  M  und  N,  durch 
deren  beider  unmittelbares  nebeneinanderstehn  im  aiphabet  schon 
ihre  nahe  Verwandtschaft  vorbestimmt  scheint;  wie  aber  M  den  rang 
vor  N  hat  und  ein  stärkerer  laut  ist,  der  in  N  geschwächt  zu  wer- 

334  den  pflegt,  steht  ihm  schon  graphisch  ein  strich  mehr  zu,  und  es 
bindet  sich  mit  labialen,  N  mit  gutturalen  und  lingualen,  die  wiederum 
den  labialen  nachstehn. 

Dasz  in  den  endungen  und  flexionen  N  auf  älteres  ursprüngliches 
M  zurückgeführt  werden  müsse,  lehrt  die  geschichte  unsrer  spräche 
allenthalben,  den  mhd.  dichtem  ist  gestattet  auslautendes  M  in  N 
zu  wandeln,  um  es  auf  organisches  N  zu  reimen  (gramm.  1,  386); 
niemals  aber  umgekehrt,  viele  flexionen  erfahren  bleibend  diese 
Schwächung,  das  goth.  M  aller  dat.  pl.  beginnt  schon  ahd.  N  zu 
werden,  ebenso  das  M  der  prima  pl. ;  aber  alle  acc.  sg.  masc.  zeigen 
bereits  goth.  -ana,  ahd.  -an,  ags.  -ne  statt  des  lat.  -m,  alle  deutschen 
subst.  haben  im  acc.  sg.  -m  eingebüszt,  es  heiszt  goth.  sunu  filium, 
magu  puerum,  ahd.  fateran  patrem,  wie  gr.  thxtbqcc  statt  des  skr. 
pitaram.  dem  deutschen  neutr.  fehlt  der  ausgang  des  skr.  -am,  lat. 
-um  allgemein,  der  gr.  ist  in  -ov  geschwächt,  die  goth.  pronomina 
bilden  den  acc.  ina  ]Dana  hvana,  ahd.  in  den  huen,  ov  zov,  lat.  eum 
quem,  statt  des  lat.  acc.  sg.  fem.  eam  illam  bonam  zeigen  die  gr. 
schon  Tjjv  Ttcckrfv  (xslatvav.  in  den  zahlen  Septem  novem  decem  be- 
hauptet die  lat.,  in  sedm  osm  die  sl.  spräche  den  ausgang  M,  wo 
im  skr.  schon  saptan  aschtan  navan  da£an  steht;  dagegen  aham  und 
tvam,  azem  und  tum,  mahjam  und  tubhjam  (s.  257.  258)  in  den 
übrigen  sprachen  M  zu  N  schwächen  oder  völlig  abstreifen,  skr. 
mama  mei  wird  im  zend  zu  mana  u.  s.  w.  im  gr.  ovo^ia,  ir.  ainm 
(s.  153)  steht  NM  für  MN. 

Anlautendes  oder  wurzelhaftes  M  scheint  nur  selten  dem  Über- 
gang in  N  ausgesetzt,  ein  beispiel  bietet  die  prohibitivnegation  skr. 
mä,  pers.  me,  gr.  pij,  die  schon  lat.  zu  n6  geworden  ist,  und  sich 
von  der  einfachen  negation  skr.  na,  pers.  ne,  goth.  ni,  sl.  ni  scheidet 
(gramm.  3,  744).  da  die  prohibition  ihrem  begrif  nach  stärker  ist 
als  die  blosze  Verneinung,  so  mag  sie  mit  recht  ein  nachdrücklicheres 
M  begehren.  Im  bask.  pronomen  sahen  wir  ni  für  mi,  im  ungr.  en 
für  em  eintreten  (s.  265).  Bekanntlich  heiszt  die  frucht  ^sömlov 
lat.  mespilum  schon  mlat.  nespila,   it.  nespola,   sp.   nispola  nespera, 

335  franz.  nefle,  ahd.  mespila  und  nespila,  poln.  nieszpuika,  böhm.  nyspule, 


FLÜSSIGE   M.    N  235 

ungr.  naszpolya,  nhd.  hat  man  mispel  hergestellt,  zu  madidus  hält 
sich  unser  ahd.  naz,  goth.  nats.  Im  böhm.  mraw  mos  dauert  M,  die 
übrigen  sl.  sprachen  haben  nrav,  poln.  narow,  wäre  das  M  ursprüng- 
licher und  lat.  mos  moris  verwandt,  so  läge,  wenn  dies  aus  mosis 
entspringt  (s.  315),  zugleich  beleg  für  den  Wechsel  des  sl.  S  und 
R  vor. 

Für  diese  beiden  liquiden  ist  nun  der  wichtige  grundsatz  auf- 
zustellen, dasz  in  Svurzeln,  die  mit  einer  labialis  schlieszen  M,  in 
solchen,  die  auf  gutturalis  oder  lingualis  ausgehn,  N  vor  der  muta 
aufsteigen  könne,  sie  gleichen  dem  zwischen  zwei  vocalen  entstehen- 
den S,  das  in  R  geschwächt  wird. 

Meine  academische  abhandlung,  welche  sich  den  Ursprung  von 
diphthongen  an  der  stelle  wegfallender  stummer  consonanten  zum 
gegenständ  nimmt,  ist  auch  auf  beispiele  jener  MB  NG-  ND  einge- 
gangen, insofern  daneben  zugleich  diphthonge  gezeugt  wurden,  häufig 
aber  ergibt  sich  liquida  vor  muta  ohne  dasz  diphthonge  im  spiel  sind 
oder  aufgewiesen  werden  können. 

Die  sl.  spräche  musz  diesen  drei  formein  abspenstig  sein  aus  der 
vorhin  bei  L  und  R  entwickelten  Ursache:  wie  kein  L  und  R  mag 
sie  auch  kein  M  und  N  hinter  dem  wurzelvocal  entfalten,  nur  der 
poln.  dialect,  aus  welchem  auch  dort  die  meisten  ausnahmen  genom- 
men wurden  (s.  331),  gewährt  hier  oft  einen  nasallaut,  der  den  vor- 
stehenden vocal  afficiert  und  ohne  M  oder  N  geschrieben  zu  sein, 
diesen  sehr  nahe  kommt. 

So  ergeben  sich  poln.  dab  quercus,  d^bina  quercetum,  zab  dens, 
b^bel  bulla,  b^ben  tympanum,  p^pek  umbilicus,  glejria  profunditas, 
bak  onocrotalus,  laka  pratum,  m^ka  martyrium,  r^ka  manus,  trad 
lepra,  M^d  error,  s^d  Judicium,  madry  prudens,  kat  angulus,  g^s 
anser,  gasie^  anserculus,  welche  nach  deutscher  ausspräche  lauten  domb 
dembina  bonk  trond  gens  u.  s.  w.  den  übrigen  Slaven  bleibt  aber  dies 
M  und  N  fremd  und  die  böhmischen  Wörter  sind  dub  zub  bubel  buben 
pupek  hlaubka  bauk  lauka  muka  ruka  trud  blud  saud  maudry  kaut  hus 
hause ;  im  schwanken  zwischen  U  und  AU  könnte  eine  leise  annäherung  336 
an  den  flüssigen  laut  gefunden  werden.  In  entsprechenden  litth.  Wör- 
tern tritt  aber  dieser  offen  auf,  laka  wird  lanka,  Lech  Lenkas,  r^ka 
ranka,  tysi^c  tukstantis;  doch  in  einigen  unterbleibt  er*:  muka  cru- 
ciatus,  mudrus  alacer,  was  dem  ahd.  muntar  entspricht,  wie  ich  ge- 
sucht habe  dab  dub  dem  goth.  timbr,  ahd.  zimpar  zu  vergleichen,  die 
deutlich  das  gr.  ösvögov  sind,  von  ÖBfico  ===  timrja.  poln.  we_giel  böhm. 
uhel  ist  unser  winkel  und  lat.  angulus.  nicht  anders  stehn  ge^s  und 
hus  dem  ahd.  gans  gegenüber,  trad  trud  ist  das  goth.  J>ruts,  welches 
aus  Jxrutsfill  cutis  leprosa  gefolgert  werden  kann;  k^t  entspricht  so- 
wol  nhd.  nnl.  kant,  als  litth.  kampas  und  zambas,  auf  ähnliche  weise 


*  auch  der  Lette  pflegt  N  zu  tilgen,  für  litth.  ranka  tinklas  langas 
wandu  szwentas  hat  er  rohka  tihkls  lohgs  uhdens  swehts. 


236  FLÜSSIGE   M.    N 

vermitteln  sich  dantas  dantis  zant  und  sub  z^,b  (s.  115)*.  M  vor 
labialen  haben  viele  litth.  deutsche  und  lat.  wörter.  litth.  bamba 
umbilicus  (jenes  poln.  p^pek),  wambras  labeo,  gumbas  colica,  dumples 
follis,  tempiu  extendo,  kumpas  curvus;  sprachgemäsz  wäre  jenes  pa- 
trimpa  f.  poln.  potrzeba  (s.  328),  aus  dubus  cavus  entfaltet  sich  isz- 
dumbu  excavor,  wie  aus  lat.  cubo  accumbo  goth.  anakumbja,  aus 
Xaßelv  XafjißdvG).  dem  skr.  abhi  litth.  api  steht  gr.  afupl  lat.  ambi 
ahd.  umpi  ags.  ymbe  zur  Seite,  gr.  xcocpog  ist  alts.  häb  häf,  ahd. 
hamf,  goth.  hanfs;  zu  welschem  du  niger  gehört  ir.  dubh,  altn.  daufr 
obscurus  und  surdus,  ahd.  toup  und  tump,  goth.  dumbs,  ahd.  tim- 
par  timbar  obscurus. 

Für  Tahiti  Tanfana  Tamfana  und  templum  wurde  s.  231  die 
wurzel  tap  angenommen,  welcher  auch  altn.  dampi  vapor,  ahd.  damf 
entsprieszen.  eben  dahin  gehörig  scheinen  das  welsche  tan  ignis 
tanfa  explosio  vapor,  ir.  teinn  ignis;  im  welschen  tanfaen  feuerstein 
erwächst  aber  F  aus  Zusammensetzung  von  tan  mit  maen  lapis. 

Auffallend  zeigt  die  goth.  spräche  neben  NS  in  ans  trabs,  ansts 
amor,  bansts  horreum,  gansja  praebeo,  hansa  cohors,  Sansala  (Waitz 
337  Ulf.  43),  mins  minus,  plinsjan  saltare  poln.  plasac,  |>insan  trahere, 
runs  cursus,  suns  statim,  hunsl  sacrificium  entschiedne  neigung  zu 
MS  in  folgenden,  groszentheils  schwierigen  Wörtern,  amsa  Luc.  15,  5 
ci){iog  humerus,  kein  fehler  für  ahsa,  da  skr.  ansa  denselben  begrif 
ausdrückt  und  lat.  ansa  handhabe,  zugleich  axis.  mims  caro  (vor  aiv 
I  Cor.  8,  13  mimz),  poln,  mi^so,  sl.  mjaso,  böhm.  maso,  litth.  miesa, 
alban.  mischa,  skr.  mansa;  im  begrif  verschieden,  der  form  nach  ähn- 
lich sind  das  lat.  mensa,  goth.  mes,  ahd.  mias,  sp.  mesa.  auszer  svumsl 
piscina,  von  svimman  natare,  kommt  Joh.  9,  11  svumfsl  vor,  M  scheint 
F  gelockt  zu  haben**;  ebenso  beurtheile  ich  ahd.  amfsla  amphsla 
für  amsla  amisala  (Graff  1,  254).  stände  für  gramsts  festuca  hramsts, 
so  liesze  es  sich  deuten  hramfsts  =  hrafsts  =  xctQ(pog  xagitlg  von 
hramjan  figere.  J>ramstei  locusta  führe  ich  auf  primman  saltare  zu- 
rück: thes  thra,mm  imu  an  innan  möd,  Hei.  152,  20  das  herz  hüpfte, 
schlug  ihm  heftig;  die  heuschrecke  wird  aber  in  allen  deutschen 
sprachen  die  springende  genannt,  der  erdwühlende  hamster  hiesz 
ahd.  hamistro  hamastro,  was  die  glossatoren  mit  dem  kornschädigen- 
den curculio  mengen;  sollte  dies  wort  entspringen  aus  hamfstro  von 
hamf  =  xcocpog  und  eigentlich  auf  den  blind  und  taub  geglaubten 
maulwurf  gehn  ?  da  hamf  den  fehler  jedes  sinnes  auszudrücken  scheint ; 
beide  thiere,  talpa  und  cricetus,  heiszen  erdmaus,  feldmaus.  Aus  alts. 
thimm  obscurus  entfaltet  sich  ein  gleichbedeutiges  thimstar,  mnl. 
dimster,  und  nach  ausgestosznem  M  diphthongisches  thiustri,  ags.  pystre, 
welchem  jedoch  dim  (statt  J)im)  zur  seite  steht;  dem  thimstar  aber 
gleicht  ahd.  finstar.     ahd.  winistar   sinister   scheint  ähnlich  gebildet. 

*  Wechsel  zwischen  MP  und  NT  im  goth.  sinteino,  lat.  semper,  ahd. 
simplum,  alts.  simbla  simla;  neixne  und  nsvxe  (s.  242). 

**  wie  im  franz.  humble  humilis,  ensemble  =  insimul,  sp.  hambra  fames, 
hembra  femina. 


FLÜSSIGE    M.   N  237 

Zu  thim  und  dim  halte  man  skr.  tamas  caligo,  sl.  t'ma,  böhm. 
tma,  im  adj.  temny  poln.  ciemny,  litth.  aber  tarn sus  caliginosus  und 
tamsa  caligo,  die  jenem  dimster  nahe  treten,  vgl.  ahd.  dunchal. 

Der  ortsname  Minden  entspringt  aus  Mimidun  Mimithun. 

Unter  allen  deutschen  sprachen  ist  die  altn.  dem  ausstosz  des  333 
M  und  N  vor  P,  K,  T  am  geneigtesten  und  pflegt  dann  muta  zu 
doppeln:  kappi  pugil,  ags.  cempa,  ahd.  chempho;  stappa  calcitrare, 
nhd.  stampfen;  frakki  vir  fortis,  ahd.  Francho;  J>akka  grates  agere, 
ahd.  danchön  vgl.  poln.  dziek  =  dank;  döckr  obscurus,  ahd.  dunchal; 
batt  ligavi,  ahd.  pant;  vöttr  chirotheca  mlat.  wantus,  franz.  gant. 
bei  NS  unterbleibt  die  doppelung,  aber  der  vocal  wird  verlängert:  äs 
trabs  goth.  ans;  gas  anser  ahd.  kans;  bäs  horreum  goth.  bansts. 
MB  NG-  ND  hingegen  erhalten  sich  meistentheils. 

Da  N  im  altn.  auslaut  häufig  wegfällt,  z.  b.  ä  1  für  goth.  ana  in 
steht,  und  der  infinitiv  auf  a,  oder  die  tertia  pl.  praet.  auf  u  statt 
goth.  an  un  ausgehn;  so  lag  es  nahe  auch  der  tertia  pl.  praes.,  die 
goth.  -and,  ahd.  -ant,  ags.  -ad  lautet,  bloszes  -a  zu  geben. 

Ebenso  meiden  die  Slaven  M  oder  N  vor  stummem  cons.  in  der 
zweiten  silbe.  dem  lat.  columba  entspricht  sl.  goljab,  böhm.  holub, 
poln.  goiab. 

Das  latein  hat  die  fülle  von  M  und  N  vor  stummen  consonanten 
da,  wo  weder  sanskrit  noch  slavische  spräche  sie  entfalten,  äatam 
und  sto  finden  sich  neben  centum  und  hund  (s.  251);  sl.  vjetr",  litth. 
w&tra  neben  lat.  ventus,  goth.  vinds;  skr.  asis  neben  lat.  ensis;  skr. 
radschatam,  zend.  erezata  neben  argentum.  In  der  bewegung  latei- 
nischer verbalflexion  wird  oft  sichtbar,  wie  die  liquida  auftritt  oder 
schwindet,  die  praesentia  rumpo  frango  findo  hegen,  die  praeterita 
rupi  fregi  fidi  lassen  sie.  in  brika  brak,  breche  brach  mangelt  sie 
auch  uns.  da  die  reduplicationen  der  alten  form  anhängen,  so  folgt 
aus  tango  pango  pungo  tundo  scindo,  tetigi  pepigi  pupugi  tutudi  scidi 
f.  sciscidi,  dasz  der  unflüssige  ausdruck  dem  flüssigen  vorausgieng. 
goth.  teka  taitök,  stauta  staistaut,  fahan  faifah,  hahan  haiha  sind 
ganz  ohne  N,  standan  stöj)  hat  es  wieder  nur  im  praesens,  dem 
ahd.  stantan  stuont  gieng  ein  älteres  stuot  voraus,  und  fangan  fiang, 
hangan  hiang  sind  jünger  als  fahan  fio  (?),  hähan  hio  (?),  welche 
praet.  noch  durch  die  mhd.  vie  hie  gewährt  erscheinen,  altn.  feck 
nimmt  im  pl.  fengum  an. 

Wie  die  einzelnen  mutae  untereinander  tauschen,  können  sie  es  339 
auch  in  Verbindung  mit  M  und  N,  z.  b.  Tie^ne  pump  fimf  ist  = 
Ttivte  penki;  timbr  =  öevögov  (s.  336);  lambo,  kama  Ikkacpu,  ahd. 
lafu  luof  berührt  sich  mit  lingo,  A£f#G>,  ahd.  lecchöm,  sl.  liziu,  litth. 
laizau  und  das  aus  dieser  wurzel  geleitete  lingua  li&zuwis  zeigt  im 
poln.  j^zyk  (s.  320)  annäherung  zu  N.     mit  dingua  stimmt  tuggö*. 


*  it.  conte,  sp.  conde  entspringt  aus  comite  nach  wegfall  des  vocals, 
conto  aus  computo;  franz.  ante  tante  aus  amita,  it.  sentiero  franz.  sentier 
atffc  semita. 


238  FLÜSSIGE   M.    N 

Dies  tuggö  lehrt  in  Schreibung  und  ausspräche  wie  sich  NG 
entwickelte;  auch  das  gr.  iT7  musz  ursprünglich  dicker  gelautet 
haben,  bevor  es  völlig  NG  wurde.  Aber  wie  die  goth.  spräche  GG 
aus  G  zeugte,  liesz  sie  auch  DD  aus  D,  und,  die  theorie  musz  es 
vorläufig  glauben,  BB  aus  B  hervorgehn,  welche  GG  DD  BB  allmäh- 
lich übergiengen  in  NG  ND  MP.  goth.  aggvu  ist  ahd.  enki,  goth. 
siggva  ahd.  sinku  singu,  also  darf  für  goth.  manariggvs  mitis  ahd. 
entweder  manarinc  oder  manariuwi  (wie  für  triggvs  triuwi)  gesucht 
werden.  Der  beispiele  für  DD  sind  wenige,  goth.  vaddjus  =  ahd. 
want,  für  iddja  machte  ich  ital.  andai  geltend,  dem  BB  entgeht 
jeder  goth.  beleg;  die  sich  ebnende  weichende  meerflut  könnte  ibba 
ibbö  geheiszen  haben,  wie  ags.  ebba  ebbe,  und  ahd.  rathe  ich  auf 
impo  impä.  das  anklingende  impi  apis,  examen  apum,  zeigt  uns  ein 
der  wurzel  apis  zugewachsnes  M,  vgl.  a{iq)i  umpi  aus  skr.  abhi. 

Zusammensetzung  kann  N  in  M  wandeln,  wenn  labiales,  M  in 
N,  wenn  linguales  und  gutturales  anrühren:  lat.  imberbis  impubes, 
concedo  contendo;  ahd.  umpiderpi  (Graff  5,  217.  218)  umbiruah  (Graff 
2,  378)  impiz  prandium  (Graff  3,  231)  nhd.  ambosz  f.  ahd.  anapöz; 
ahd.  spambette  (Graff  3,  51)  mhd.  spanbette.  Parz.  790,  21.  aus 
gleichem  grund  wechseln  MP  und  NT  in  empfangen  empfinden  ent- 
gehn  entdecken,  viel  dergleichen  gewähren  verschrumpfte  eigen- 
namen:  Bamberg  für  Babenberc,  Lampert  Gumpert  f.  Lantperht 
Guntperht,  Limburg  f.  Lintpurc 
340  In  die  abgründe  der  Wortforschung  stürzt  es  aber  dem  Ursprung 

solcher  M  und  N  nachzuspüren,    die  zwischen  vocalen  aufwachsen, 
ohne  dasz  stumme  consonanten  im  spiel  sind. 

Wie  verhält  sich  N  im  goth.  meina  peina  seina  neben  mei  tui 
sui?  ich  habe  es  s.  262  aus  dem  M  in  mama  gedeutet  und  die  ab- 
weichung  des  tava  von  mama,  wie  des  tebe  sebe  von  mene  ange- 
zogen, um  die  unorganische  ausdehnung  des  N  auf  peina  seina  glaub- 
lich zu  machen,  aber  die  analogie  der  deutschen  und  lat.  formen 
ist  bedeutsam  und  gilt  auch  für  die  possessiva :  das  N  der  franz.  mon 
ton  son  stimmt  ganz  zum  deutschen  min  din  sin,  während  die  it. 
mio  tuo  suo  sich  noch  ans  lat.  meus  tuus  suus  schlieszen.  Vom  N 
in  unus  ains  wienas  s.  241. 

Aus  sus  suis,  övg  övog,  sü  stiwl  werden  durch  N  sl.  svinia,  goth. 
svein  abgeleitet.  Zum  seltnen  ortet  ötlov  gehört  das  in  deutscher 
zunge  allgemein  verbreitete  stains  stein,  zum  lat.  apis,  it.  ape,  franz. 
abeille  das  ahd.  pia,  welchem  pini  entsprieszt;  die  aphaeresis  in  pia 
scheint  bestärkt  durch  die  it.  nebenform  pecchia  und  das  sl.  ptschela, 
poln.  pszczoia  böhm.  wcela.  welchen  goth.  namen  man  vermuten 
darf?  bizva?  nach  dem  ags.  beo,  altn.  bf  und  der  analogie  von  izvis 
zu  eov,  iu.  litth.  bitte,  keins  der  übrigen  Wörter  kommt  dem  wol- 
laut  des  ahd.  bei. 

Fragt  es  sich  nach  dem  slavischen  und  deutschen  gegensatz  in 
bezug  auf  voranstehn  oder  nachfolgen  der  liquida  auch  bei  M  und  N, 
so  erscheint  er  hier  weit  seltner  als  vorhin  bei  L  und  R.    entweder 


FLÜSSIGE   L.    N  239 

stimmt  in  beiden  sprachen  die  folge  der  laute  z.  b.  in  gnjezdo  nest, 
snjeg"  snaivs  nix,  oder  die  sl.  Wörter  mangeln  uns,  z.  b.  smri  draco, 
dno  fundus.  Zu  gewahren  ist  aber  der  unterschied  in  tma  caligo, 
tamsus  und  dimster;  poln.  mnie  böhm.  mne,  goth.  meina  mei;  mnog" 
goth.  manags;  mnii  minor,  goth.  minniza.  sollte  nicht  noga  pes  un- 
mittelbar das  ahd.  ancha  crus  sein,  wovon  anchala  talus,  altn.  ökull 
abstammt?  auch  eninchil  enkel  nepos,  sl.  vnouk",  poln.  wnejk  zu  er- 
wägen. Eine  merkwürdige  ahd.  Umstellung  scheint  Notkers  neimen 
für  meinen. 

Wechsel  zwischen  L  und  N  im  reinen  anlaut  der  wurzel  ist  341 
schwer  aufzuweisen,  man  führt  nach  Varro  7,  87  lympha  und  nympha 
an;  die  vv^iq)7j  ist  heilige  wasserfrau,  nicht  das  element.  litth. 
lakstzingala  scheint  ahd.  nahticala.  in  Verbindung  mit  andern  con- 
sonanten  findet  der  tausch  statt:  ahd.  sliumo  f.  sniumo  cito;  snegil- 
melo  f.  slegimelo  (Graff  2,  713),-  nhd.  knoblauch  f.  kloblauch;  die 
Serben  sagen  mlogi  f.  mnogi.  das  ags.  cild,  engl,  child  ist  alts.  kind. 
in  ableitungssilben  werden  noch  mehr  beispiele  vorkommen:  lat.  asi- 
nus  goth.  asilus,  ahd.  esil,  ahd.  Organa  und  schon  orgela,  nhd.  orgel 
(Graff  1,  468);  ahd.  scarno  scerninc  cicuta  und  scerilinc  (Graff  6, 
533.  550);  ahd.  chumin  chumil  (Graff  4,  399)  nhd.  kümmel.  roma- 
nische beispiele  sammelt  Diez  1,  235.  Wichtiger  ist  das  verhalten 
der  laute  zwischen  skr.  anjataras,  litth.  antras,  goth.  anpar,  ahd. 
andar  und  alis,  ahd.  ali  eli-,  lat.  alius,  gr.  ätäog. 


XV. 
DIE  STUMMEN. 


342  Gegenüber  den  wehenden  und  flüssigen  consonanten  stehn  die 
stummen,  welche  den  eigentlichen  festen  bestandtheil  der  spräche 
bilden:  auf  ihnen  beruht  seinem  wesen  nach  der  consonantismus.  in 
den  Spiranten  und  liquiden  liegt  noch  etwas  von  der  vocalischen  natur ; 
man  kann  sagen,  dasz  zu  ihnen  die  mutae  sich  verhalten,  wie  zu  den 
vocalen  überhaupt  die  consonanten.  stumm  heiszen  sie,  weil  sie  für 
sich  selbst  nicht  ertönen,  erst  durch  zutritt  der  vocale  oder  wenig- 
stens der  Spiranten  und  liquiden  vernehmbar  werden,  dann  aber  einen 
sehr  bestimmten  und  entschiednen  laut  von  sich  geben. 

Nirgend  waltet  das  trilogische  gesetz  der  spräche  unverkennbarer 
als  in  diesen  stummen  consonanten ;  da  sie  sich  nach  drei  Organen 
jedesmal  dreifach  abgestuft  entfalten,  es  sind  ihrer  folglich  neun, 
und  ihre  anzahl  tritt  sowol  den  drei  urvocalen  als  den  zu  je  vier 
erscheinenden  Spiranten  und  liquiden  bedeutsam  entgegen,  die  volle 
organische  ausstattung  einer  spräche  beträgt  hiernach  gerade  zwanzig 
laute. 

Die  drei  in  anschlag  kommenden  Sprachwerkzeuge  sind  lippe 
kehle  und  zunge,  wie  sie  schon  die  Ordnung  des  gr.  alphabets  er- 
kennen läszt,  in  welchem  auf  A  unmittelbar  B  G  D  folgen,  damit 
anzuzeigen,  dasz  nach  dem  edelsten  aller  laute  diese  drei  als  die 
wichtigsten  der  übrigen,  gleichsam  als  die  grundlage  der  consonanten 

343  anzusehn  seien.  Das  im  lat.  aiphabet  die  dritte  stelle  des  G  ein- 
nehmende C  war  anfänglich  kein  andrer  buchstab  und  empfieng  erst 
misbräuchlich  die  bedeutung  des  gr.  K,  nachdem  für  G  ein  abge- 
ändertes zeichen  eingeführt  worden  war.  näheres  gehört  in  die  ge- 
schiente der  schrift.  hier  sei  nur  angemerkt,  dasz  auch  das  goth. 
aiphabet  die  organische  reihe  des  phönizischen  hebräischen  griechi- 
schen für  diese  vier  ersten  laute  festhält,  das  cyrillische  und  glago- 
litische der  Slaven  durch  einschaltung  des  V  nach  B  stört,  auszer 
acht  lasse  ich  hier  die  abweichende  Ordnung  des  sanskritalphabets*. 


*  das  armenische  läszt  auf  A  statt  B6D  folgen  PKT;  es  ist  aber, 
wie  seine  36  buchstaben  kundgeben,  von  der  alten  einfachen  Ordnung  ge- 
wichen. 


STUMME  241 

Im  sanskrit  scheidet  man  aber  auch  zwischen  guttural  und  pala- 
tal,  zwischen  lingual  und  dentallauten ,  insofern  einzelne  mehr  vom 
gaumen  als  der  kehle,  mehr  von  den  zahnen  als  der  zunge  hervor- 
gebracht werden,  spirantes  und  liquidae  treten  dann  nicht  gesondert 
vor,  vielmehr  sind  sie  theils  den  stummen  zugeordnet,  theils  als  halb- 
vocale  aufgeführt,  von  welchen  zuletzt  noch  Zischlaute  getrennt  wer- 
den. So  nothwendig  diese  gliedrung  für  das  sanskrit  selbst  erscheint, 
enthalte  ich  mich  dennoch  sie  für  meine  zwecke  zu  verwenden,  um 
so  mehr,  da  auch  griechische  grammatiker  dentales  linguales  und 
palatinae  zerlegen  und  anders  austheilen.  über  die  labiales  kann 
kein  zweifei  obwalten.  Es  ist  vollkommen  begründet,  dasz  sich  ihnen 
M,  den  andern  stummen  hingegen  N  näher  anschliesze,  wie  die  vor- 
ausgehende Untersuchung  dargethan  hat;  ebensowenig  läszt  sich  ver- 
kennen, dasz  die  zunge  mit  L,  die  zahne  mit  E  und  S  zu  schaffen 
haben,  welche  laute  von  den  Sanskritisten  weder  den  dentalen  noch 
lingualen  überwiesen  sind.  Die  Spiranten  und  liquiden  vorweg  und 
für  sich  abzuhandeln  fruchtete  gleichfalls. 

Bei  jeder  der  angegebnen  drei  äuszerungen  stummer  consonanz 
finden  nun  drei  stufen  statt,  nach  welchen  man  tenues,  mediae  und 
aspiratae  zu  unterscheiden  pflegt,  tenues,  die  den  festesten  und  zugleich 
dünnsten,  mediae,  die  den  weicheren,  aspiratae,  die  den  mit  einer 344 
spirans  versetzten  laut  enthalten*,  ich  lasse  die  hergebrachten  namen, 
obschon  sie  mir  nicht  fügen,  da  die  folge  der  stufen  die  unrichtige 
ist.  alles  zeugt  dafür,  und  der  verfolg  wird  es  bewähren,  dasz  die 
mediae  grundlage  des  stummen  mitlauts  seien,  weshalb  aufgestellt 
werden  musz  BDG,  PTK,  PHTH  CH.  hiernach  stehn  die  me- 
diae vornen,   nicht  in  der  mitte,   und  ihre  benennung   scheint   un- 


Wie  einzelnen  sprachen  die  jüngere  entfaltung  der  vocale  E  und 
0  abgeht,  andere  L  oder  R  entbehren  oder  ausschlieszlich  eine  spirans 
begünstigen,  die  andere  vernachlässigen;  so  gibt  es  auch  solche,  die 
eine  stufe  der  stummen  consonanten  oder  gar  zwei  derselben  nicht 
haben,  das  griechische  und  deutsche  besitzen  alle  drei,  am  vollkom- 
mensten das  griechische;  einzelne  unserer  dialecte,  namentlich  der 
niederländische  und  niederdeutsche  überhaupt,  gehn  jedoch  des  TH  und 
fast  des  CH  verlustig,  hierzu  stimmt  merkwürdig  das  latein,  welchem 
gleichfalls  CH  und  TH  mangeln  und  F  oder  PH,  so  häufig  es  anlautet, 
im  inlaut  nur  geringen  umfang  hat:  auszer  scrofa  sulfur  und  offa 
werden  wenig  Wörter  aufzuweisen  sein;  scapha  scyphus  raphanus 
orphanus  amphora  sind  aus  dem  griechischen,  suffio  sufflo  assimilieren 
subfio  subflo.  Dem  litthauischen  entgeht  die  aspirata  ganz,  dem  sla- 
vischen  ist  nur  CH,  nicht  PH  und  TH  eigen,  das  finnische  beschränkt 
seine  stummen  consonanten  auf  P  K  T  und  zeigt  weder  media  noch 
asp.,  woraus  grosze  einfachheit  des  finn.  consonantismus  hervorgeht; 


*  den  Griechen  heiszen  die  aspiratae  aroixsTa  daoea,  die  tenues  \pikd, 
und  zwischen  solchen  rauhen  und  kahlen  liegen  die  psoa. 

Grimm,  geschichte  der  deutschen  spräche.  16 


242  STUMME    K.    P.    T 

rechter  gegensatz  zur  griechischen  fülle*,  im  slavischen  waltet  ein 
reichthum  an  zischern,  dem  des  sankrit  vergleichbar,  wundersam 
ist  aber  die  keltische  manigfaltigkeit  des  wechseis,  welchem  die  con- 
sonanzanlaute  durch  den  vorangehenden  auslaut  unterworfen  werden. 
345  Der  aspiration  ist  ein  weiterer  Spielraum  zu  gestatten,  als  ihn 

die  aufgestellte  lautordnung  angewiesen  hat.  warum  sollten  des  Spi- 
ritus blosz  die  tenues  fähig  erscheinen?  auch  die  mediae  fügen  sich 
ihm  in  der  altsächsischen,  theilweise  noch  der  niederländischen  spräche, 
im  keltischen  nicht  allein  mediae,  sondern  auch  die  liquidae,  was 
beachtenswerthe  analogie  zwischen  Kelten  und  Westdeutschen  gründet. 

Gleich  den  vocalen,  Spiranten  und  liquiden  unterliegen  auch  die 
mutae  einem  manigfachen,  für  die  geschichte  der  spräche  lehrreichen 
Wechsel. 

Wiederum  trägt  er  sich  zu  sowol  zwischen  verschiednen  urver- 
wandten sprachen,  als  auch  in  den  mundarten  einer  und  derselben 
spräche,  ja,  gleich  dem  umlaut  und  der  brechung  (s.  275),  innerhalb 
der  lautverhältnisse  und  flexionen  einer  einzelnen  spräche.  Und  wie 
der  gebrochne,  umgelautete,  abgeläutete  vocal  fühlbarer  und  reger 
wirken,  als  die  erst  aus  vergleichung  mehrerer  sprachen  erkennbare 
Schwächung  des  A  in  U  und  I;  so  erscheinen  auch  die  engeren  ge- 
setze  des  consonantischen  wandeis  für  jede  spräche  eingreifender  als 
die,  welche  sich  in  dem  weiteren  kreis  der  alle  sprachen  umfassen- 
den Urgemeinschaft  kundgeben. 

Das  gegenwärtige  capitel  wird  diese  letzteren  voraussenden  und 
an  die  erörterung  der  Spiranten  und  liquiden  reihen,  lautabstufung 
(so  will  ich  den  inneren  consonantwechsel  nennen)  und  lautver- 
schiebung  bleiben  den  folgenden  capiteln  aufbehalten. 

Vor  allem  angeregt  findet  sich  die  forschung  zu  untersuchen, 
welche  gunst  einzelne  sprachen  bestimmten  Organen  des  stummen 
mitlauts  erweisen?  sei  es  in  ganzen  durchgreifenden  richtungen  oder 
nur  hier  und  da. 

Das  wichtigste  Verhältnis  in  dieser  beziehung,  dünkt  mich,  ist 
das  der  frage  und  antwort,  wie  es  sich  hauptsächlich  in  den  corre- 
lativpartikeln  darlegt. 

Die  frage  will  nicht  nur  durch  den  ton,  sie  musz  auch  durch 
346 bestimmte  consonanten  hervorgehoben  sein,  dasz  sie  nicht  überhört 
werde,  gleich  entschieden  hat  ihr  die  antwort  mit  dem  anlaut  eines 
andern  organs  zu  entsprechen. 

Für  beide,  frage  und  antwort  scheint  ursprünglich  die  media 
nicht  gerecht;  es  bedarf  dazu  der  regeren,  unruhigeren  tenuis. 

Das  sanskrit,  zend,  latein,  litthauische ,  slavische,  irische  und 
finnische  fragen  mit  K,  antworten  mit  T,  wogegen  das  griechische, 
oskische,  welsche  zeigendem  T  der  antwort  fragendes  P  zur  seite  stellen, 
einzelne  lat.  und  gr.  fragwörter  entbehren  jedoch  der  characteristischen 


*  ausnähme  macht  das  inlautend  aus  S  entfaltete  D :   esi  prior  eden, 
susi  lupus  suden,  käsi  manus  käden. 


STUMME    K.   P.    T  243 

teimis.  auch  die  deutsche  spräche  fragt  ursprünglich  mit  kehllaut  und 
antwortet  mit  Zungenlaut,  aber  beide  sind  von  der  stufe  der  tenuis 
herabgetreten,  was  bald  gänzlichen  wegfall  der  gutturalis  nach  sich  zieht. 

skr.  kas  kä  kirn?  zend.  kas*  kä  kat?  lat.  quis  quae  quid  (quod)? 
litth.  kas  kä?  ir.  cia  cä?  goth.  hvas  (hvö)  hva?  ahd.  huer  (huiu) 
huaz?  später  mit  abgeworfnem  kehllaut  wer  was?  finn.  ku?  und 
verstärkt  kuka?  kunka?  läpp,  kä?  und  kutte?  sl.  k"to  quis,  gen. 
kogo,  im  neutr.  tsch'to  quid?  poln.  kto  quis?  co  quid?  böhm.  kdo? 
co?  das  blosz  im  nom.  sg.  masc.  neben  K  auftauchende  T  gilt  für 
demonstrativen  zusatz,  kto  gleichsam  wer  das? 

gr.  rlg  rlg  xi  für  nig  nig  itl;  wie  in  der  vierzahl  veööaQeg  für 
7rE06ccQsg  (s.  242).  osk.  pis?  im  neutr.  pid?  (Mommsen  s.  114)  pid- 
pid  =  quidquid,  bei  Festus  pitpit,  und  pud  =  quod.  welsch  pwy? 
quis,  pa?  quid. 

skr.  kataras?  lat.  uter?  für  cuter  quuter?  jon.  xotSQog;  goth. 
hvajjar?  ahd.  hue'dar,  dann  we'dar?  finn.  kumpi?   gr.  nötsgog; 

nicht  anders  verhalten  sich  die  übrigen  frage  Wörter,  z.  b.  skr. 
kutra?  lat.  ubi  f.  cubi  quubi?  litth.  kur?  goth.  hvar?  ahd.  huar? 
war?  goth.  hvaiva?  ahd.  huio?  wio?  sl.  kako?  litth.  kaipo?  lat. 
cur?    gr.  nov ;  Jtcog; 

Dieser  richtung  des  K  und  P  begegnet  nun  auch  in  der  vier- 
zahl das  lat.  quatuor,  litth.  keturi,  ir.  ceathair  und  welsche  pedwar, 
auszer  dasz  sich  hier  goth.  fidvör  ahd.  fior,  osk.  petora,  aeol.  7tsöv- 
gsg  dem  lippenlaut  gesellen,  teööageg  dem  Zungenlaut  bequemt,  skr.  317 
tschatvär,  sl.  tschetyri,  lett.  tschetri  hingegen  den  zwischen  zunge 
und  gaumen  liegenden  laut  TSCH  annehmen. 

In  der  fünfzahl  sehn  wir  lat.  quinque,  ir.  cuig  sich  zu  welschem 
pump  gr.  Tts^TCS  Ttevre,  osk.  pomtis  wie  in  den  fragwörtern  verhal- 
ten, diesmal  aber  skr.  pantschan,  litth.  penki,  sl.  pjat',  goth,  fimf 
auf  der  seite  des  lippenlauts.  Auch  im  litth.  dwylika  gegenüber 
goth.  tvalif,  und  in  ähnlichen  Zusammensetzungen  (s.  246)  treten 
diese  K  und  F  auf. 

Am  reinsten  wahren  also  lat.  irische  und  welsche  spräche  in 
diesen  beiden  zahlen  den  durch  die  fragenden  laute  ihrem  organ  ein- 
geprägten unterschied;  alle  andern  weichen  hier  oder  dorthin  aus. 

Sonst  aber,  in  manchen  einzelnen  Wörtern,  verkehren  sich  diese 
lautverhältnisse ;  es  bleibt  anziehend  ihren  Wechsel,  wo  er  sich  auch 
finden  möge,  zu  verfolgen. 

Die  gutturalis  steht  fest  in  vrka  vrag  vargs,  vielleicht  hircus, 
dann  in  lv%og  vlk  wilkas,  die  labialis  dagegen  in  vulpes  lupus  vulfs 
und  etwan  in  blaidd  (s.  333);  an  der  einen  oder  andern  form  hängen 
sogar  verschiedne  und  neben  einander  gültige  bedeutungen.  das  P  in 
lupus  vulpes,  war  es  dem  oskischen  sabinischen  element  gemäsz,  und 
hätten  andre  stamme  der  römischen  spräche  K  zutragen  können,  die 
ihr  auch  hircus  brachten?  hirpus  war  freilich  oskisch,  doch  soll  hir- 
cus fircus,  wenn  die  künde  nicht  triegt,  zugleich  sabinisch  sein. 

Bekannt  ist  der  wechselnde  kehl  und  lippenlaut  im  namen  eines 

16* 


244  STUMME   K.    P 

andern  thiers.  neben  lat.  equus,  zu  welchem  goth.  aihvus  oder  aihvs, 
alts.  ehu,  altn.  ior,  ir.  each  stimmen,  mutmaszt  man  ein  oskisches 
epus  und  gr.  snog,  wovon  die  rosgöttin  Epona  und  'Eneiog,  des  tro- 
janischen rosses  schmied,  genannt  sein  sollen,  das  finn.  hepo  hielt 
ich  s.  30  hinzu,  die  geminata  in  innog  (und  nach  dem  etym.  magn. 
474  auch  %%xog)  scheint  aber  zunächst  entsprungen  aus  Yönog,  nach 
dem  pers.  med.  ispa,  zend.  aäpa  und  so  zum  skr.  asva,  litth.  aszwa, 
welschen  osw  lenkend;   die   beiden  letzten  sprachen  haben   es  blosz 

348  für  den  begrif  der  stute  festgehalten,  das  deutsche  HV,  lat.  CV  stände 
folglich  =  SV  (SHV);  oder  will  man  l'xxog  aus  LKfog  deuten? 

Auch  in  goth.  ahva,  ahd.  aha,  lat.  aqua,  walach.  apa  und  in 
altdeutschen  flusznamen  -afa  -apa  scheinen  gutt.  und  lab.  zusammen- 
zutreffen,   hier  weist  die  sanskritform  ap,  kein  aäv,  vgl.  'Atcl  s.  233. 

Dem  verhalten  der  laute  in  equus  und  hepo  epus  gleicht  aber 
das  in  sequor  und  87tco  sko^icu  (S  und  spir.  asp.  nach  dem  s.  299 
dargelegten  gesetz)  und  nicht  zu  übersehn  sind  die  aoristformen  eöitov 
Giiuv  öncjv,  weil  sie  jene  berührung  zwischen  equus  und  ispa  a&pa 
anschaulich  machen. 

Nur  auf  diesem  wege  mag  gestattet  sein  vorzudringen  in  das 
dunkel  der  Verwandtschaft  zwischen  lat.  scire  =  secire*  sequire 
(sequi),  goth.  saihvan,  skyth.  <5%ov  (s.  233)  lat.  spicere  ahd.  spehön 
und  skr.  akschi  oculus.  selbst  die  lat.  sagax  und  -spex  rücken  zu- 
sammen. 

Dem  lat.  jecur  jecoris  und  (jecinus)  jecinoris  entspricht  die  skr. 
doppelform  jakrit  und  jakan,  pers.  dsheger;  mit  lippenlaut  hat  die 
gr.  spräche  rJ7iccQ  jJTtarog,  was  auch  in  lat.  epar  und  hepar  aufge- 
nommen ward,  im  litth.  pl.  kepenos  mag  K  das  J  vertreten,  und 
jepen  dem  jecinus  oder  jakan  gleichen;  lett.  aknis  =  jaknis.  ahd. 
le'para,  ags.  lifer,  altn.  lifr,  wie  es  scheint,  für  j epar a  (s.  320);  gerade 
so  armenisch  leart  für  jeart?  welsch  afu  oder  blosz  au.  sl.  jatra, 
böhm.  gatra,  poln.  watroba  mit  Vorschub  des  T  in  jakrit  und  leart 
und  ausstosz  des  K  oder  P.  Statt  des  welschen  pasc  ostern  sagt 
man  ir.  caisc. 

Diesem  Wechsel  zwischen  P  und  K  sollte  ein  paralleler  zwischen 
B  und  G  entsprechen,  der  aber  selten  wahrgenommen  wird;  ich  hielt 
s.  326  bleacht  zu  yläur  und  ßdlavog  zu  glans. 

Ungleich  häufiger  tauschen  PH  und  CH,  so  wie  das  aus  CH  er- 
weichte H.  altlat.  galten  fasena,  fircus,  fostis,  fostia,  fordeum,  foedus 
für  harena  (arena),  hircus,  hostis,  hostia,  hordeum,  hoedus  und  zum 

349  kehllaut  fügen  goth.  gasts  ahd.  käst,  ahd.  kersta  gersta  (s.  65)  goth. 
gaitsa  gaitei  ahd.  keiz  (s.  35.  36);  vielleicht  duldet  harena  vergleichung 
mit  ags.  ceosel,  ahd.  chisil.  lat.  fei  ist  gr.  %oXrj,  ahd.  kalla  galla; 
lat.  fundo  fudi  gr.  %e<x)  %v8riv}  goth.  giuta  ahd.  kiuzu;  lat.  flos  floreo 
verwandt  mit  J}>6y\  ^/Iwpog,  vielleicht  mit  lat.  helvus,  das  R  =  S 
sprieszt  in  diesen  Wörtern   wie  im  ags.   blövan  blösma,   vgl.  %Qvöog 


*  Haupts  Zeitschrift  6,  2. 


STUMME    CH.    F.    PH.    TH  245 

(s.  13).  dem  sp.  organ  wandeln  sich  fast  alle  lat.  F  in  H:  fatmn 
hado,  falco  halcon,  farina  harina,  facere  hacer,  foenum  heno,  filius 
hijo.  Zu  jenem  flos  und  %X6og  schickt  sich  nun  ganz,  dasz  in  den 
reali  di  Francia  Fiovo  für  Ohio  vis  Louis  gesetzt  wird*  und  seine 
söhne  Fiore  und  Fiorello  heiszen,  wie  schon  alte  hss.  Flodouechus 
Flotharius  für  Chlodouechus  Chlotharius  darbieten ;  Flodoardus  remen- 
sis  schrieb  sich  so,  und  der  Übergang  in  Frodoardus  machte  sich  leicht, 
mit  allem  fug  hält  Wackernagel  mlat.  floccus  froccus,  franz.  froc  und 
frac  zum  ahd.  hrocch,  nhd.  rock,  it.  fianco,  franz.  flanc  zu  ahd.  hlancha 
lancha  lumbus,  taille,  wo  der  leib  gelenk  ist**,  denn  des  wortes 
eigentliche  bedeutung  war  catena  articulus,  altn.  hleckr,  schwed.  länk. 
hiernach  gewinnt  es  allen  schein ,  dasz  zu  fairguni  der  'Egxvviog 
ögvfiog  (s.  177),  die  Hereynia  silva  (s  166)  gehöre  (Haupt  2,  558), 
ja  Fairguneis  und  Perkunas  dürfen  sich  vielleicht  dem  Hercules  nähern. 

Inlautendes  FT  ist  hochdeutscher  zunge,  CHT  niederländischer 
gemäsz:  kraft  kracht,  schaft  Schacht,  luft  lucht,  klafter  lachter  u.  s.  w., 
obwol  einzelne  CHT  jener  aufgedrängt  wurden,  Schlucht  f.  schluft, 
nichte  f.  niftel,  sachte  neben  sanft.  N 

Auch  P  und  T  ersetzen  einander,  ein  beispiel  gibt  nsövgzg 
und  x&ööagsg,  petora  und  tstogeg  (s.  242).  das  finnische  pimiä 
obscurus  gehört  zum  skr.  tamas,  sl.  t'ma  und  deutschen  dim  thim 
(s.  337).  Inlautend  entspricht  lat.  nepos  neptis  ahd.  nefo  niftila, 
altn.  nefi  dem  böhm.  neti  (s.  270)  goth.  ni]3Jis  altn.  nidr. 

Eben  so  stehn  sich  sonst  gegenüber  PH  und  TH.  ahd.  finstar  350 
jenem  thimstar  dimstar.  aeol.  cptjg  lat.  fera,  gr.  &tjg  goth.  dius  ahd. 
tior,  woneben  sl.  zvjer'  litth.  zweris  (oben  s.  28).  lat.  fumus,  gr. 
&v[iog,  litth.  dumai,  goth.  dagms?  (vgl.  dauns)  ahd.  toum,  womit 
wieder  sl.  zv'njeti  sonare,  zvon'tz'  tintinnabulum,  litth.  zwanas  lat. 
sonus  vergleichbar,  da  sich  duft  wie  schall  durch  die  luft  schwingen, 
lat.  fores,  gr.  &vga,  goth.  daurö  ahd.  turl  tör,  sl.  dvY,  litth.  durrys, 
lett.  durris  und  durwis,  ir.  doras  dorus,  skr.  dvära.  lat.  fistulare 
wahrscheinlich  eins  mit  sl.  zvizdati  övgit,uv.  Merkwürdig  schwankt  in 
einzelnen  Wörtern  die  ags.  und  altn.  mundart  zwischen  F  J),  ags.  fengel 
und  pengel  rex:  visa  fengel  Beov.  2800.  hringa  J>engel  Beov.  3013. 
manna  pengel  Csedni.  188,  24  und  ebenso  altn.  fengill  und  pengill; 
altn.  fön  und  f>ön  lamina  Cornea ;  lat.  facula,  ahd.  fachala  fax,  lampas, 
ags.  JDäcele;  ahd.  fihala  fila  lima,  ags.  feol,  altn.  J>iÖl,  schwed.  dän. 
fil,  litth.  piela,  pelyczia,  poln.  pilnik. 

Alle  diese  lauten  vor  vocalen  an.  goth.  ]xL  ]dK  entsprechen  aber 
auch  ahd.  alts.  FL  FR:  J)laihan  ahd.  flehan,  J)liuhan  ahd.  fliohan 
plauhs  fuga;  lat.  flaccus  goth.  plaqus;  goth.  jjrafstjan  consolari, 
jprafsteins  TzagdxXrjoig,  ags.  frefrian  consolari,  fröfor  solatium,  alts. 
fruobrian  consolari,  fruobra  solamen,  ahd.  fluobiran  consolari,  fluobara 


*  Wackernagel  bei  Haupt  2,  556. 

**  im  gesät  nie  ämeizen,  diu  bezzers  gelenkes  pflac,  dan  si  was  da  der 
gürtel  lac.  Parz.  410,  2.    als  ein  ämeize  gelenket.  806,  26. 


246  STUMME    DD.    GG.   T.   S 

consolatio.  Lobe  stellt  jprafstjan  mit  unserm  trösten  zusammen,  wel- 
ches aber  zu  goth.  trausti  und  trauan  gehört,  es  bleibt  auch  im 
Verhältnis  von  JDrafstjan  :  fruobrian  noch  dunkelheit,  und  ich  weisz 
aus  andern  sprachen  dies  seltsame  wort  nicht  aufzuhellen,  ahd.  fra- 
vali,  ags.  frävel  procax  kann  kaum  verwandt  sein. 

Auch  für  den  inlautenden  Wechsel  sind  beispiele  da.  lat.  rufus 
ruber  und  rubere,  skr.  rudhira,  gr.  SQV&gog,  ir.  ruadh,  welsch  rhudd, 
litth.  ruddas,  goth.  rauds,  ahd.  rot,  ags.  read,  vgl.  lat.  rutilis.  lat. 
über  und  ubertas,  skr.  udhas,  gr.  ov&uq,  litth.  udroja,  ahd.  ütar 
(drözinta  ütir  distenta  ubera.  Haupt  5,  329),  nhd.  euter,  ags.  üder. 
351  wie  hier  B  :  D  scheinen  sie  auch  in  barba  :  bart,  verbum  :  wort 
(s.  329).   bis  für  duis,  bellum  für  duellum  sind  s.  241  angeführt. 

Zuletzt  in  betracht  kommt  der  Wechsel  zwischen  lingual  und 
gutturallauten.  hierher  würde  das  gr.  zig  zählen,  wer  es  lieber  aus 
xtg  als  aus  Tilg  leiten  will,  auf  gleiche  weise  verhält  es  sich  mit 
riööageg  zezogsg. 

Anderwärts  erläutert  habe  ich  die  merkwürdigen  Übergänge  des 
goth.  DD  in  altn.  GG.  tvaddje  und  wahrscheinlich  baddje  entspricht 
dem  altn.  tveggja  beggja;  vaddjus  murus  dem  altn.  veggr,  so  dasz 
schon  aus  altn.  egg  ovum  goth.  addi,  wenn  ihm  andere  gewähr  ent- 
gienge,  gefolgert  werden  darf. 

Bisher  wurde  der  Übergang  der  mutae  aus  einem  organ  in  das 
andere  dargestellt;  es  bleibt  noch  ihr  Wechsel  mit  Spiranten  und 
liquiden,  ihr  ausfall,  zuletzt  aber  ihre  abstufung  in  einem  und  dem- 
selben organ  zu  betrachten. 

Wie  lat.  P  undB  inlautend  zu  V  erweiche  zeigt  die  franz.  spräche 
allenthalben :  rapa  rave,  ripa  rive,  faba  f eve,  faber  fevre,  habere  avoir, 
debere  devoir;  nach  liquiden  aber  haftet  muta:  talpa  taupe,  alba 
aube,  herba  herbe,  umgekehrt  pflegt  die  deutsche  spräche  W  in  B 
zu  verstärken:  mhd.  fal  falwes,  gel  gelwes,  far  farwe,  garwe  mille- 
folium,  herwe;  nhd.  falb  gelb  färb  färbe  garbe  herb.  Tübingen  hiesz 
mhd.  Tüwingen  Wh.  381,  27,  welcher  name  entweder  aus  Twingen 
(Stalin  1,  510.  2,  441)  oder  aus  tuniwenga  (Graff  5,  148)  entsprang*, 
ganz  regelmäszig  verhalten  sich  im  finnischen  hepo  he  wen,  lipu  liwun, 
arpa  arwan  u.  s.  w. 

Übergänge  des  T  in  S  sind  zumal  griechischer  spräche  eigen, 
nicht  nur  die  anlaute  ov  ö8  ötjuegoi*,  wo  dem  aeolischen  und  dori- 
schen dialect  noch  zv  zs  zy^ibqov.  blieb,  bezeugen  es,  sondern  auch 
inlautend  erscheint  dies  S  in  der  ganzen  tertia  pl.,  wo  siöi  yrjoi  aus 
svzi  (öbvzl)  cpavzi  hervorgehn  und  alle  -äot  aus  -avzi,  alle  -olöl  aus 
-ovzi.  vavöia  Seekrankheit,  att.  vavzla  und  auch  lat.  neben  nausea 
nautea.  Inlautendes  TT  erweicht  zu  SS:  ngazzo  ftalazzu  xizza 
Kizzog  iiiUzza  r^zza  in  jroaööcö  ftulaötia  xtööa  xiööog  [lehööct 
rfüda. 


*  vgl.  den  unsichern  ort  Tivinwang  Tiunang  bei  Stalin  1,  288.  344.  381. 


STUMME    S.    D  247 

Gleich  wichtig  ist  S  für  D*.  lat.  medius  goth.  midja  gr.  [isöog.  352 
skr.  veda  vidmas,  lat.  vidi  vidimus,  goth.  vait  vitum,  gr.  olöa  l'fytsv 
=  Löfiw,  vgl.  l'öccöi  'fot][ii  und  od^irj  oöfifj.  lat.  esca  für  edca ,  wie 
sl.  iad  cibus,  iato  esca  von  iasti  edere.  auch  skr.  asis,  lat.  ensis 
scheint  mir  von  der  wurzel  ad  edere,  weil  das  seh  wert,  gleich  der 
flamme,  zehrt  und  friszt,  ahd.  blzanti  suert  0.  IV.  13,  43.  blzentön 
suerton  0.  I.  19,  10;  zwar  bildet  das  lat.  edo  nur  esum  und  estum 
f.  editum,  wie  aber  von  tundo  umgekehrt  tusum  und  tunsum,  könnte 
auch  ensum  gegolten  haben.  Nicht  anders  bezieht  sich  mensis  skr. 
mäsa  sl.  mjesetz  auf  metiri  goth.  mitan,  weil  der  mond  die  zeit 
miszt;  in  fi?jv  goth.  möna,  ahd.  mäno  fiel  das  S  ab.  zugleich  erhellt, 
dasz  in  mitan  so  gut  wie  in  itan  die  lingualis  wurzelhaft  sei. 

Noch  in  deutlicherem  Zusammenhang  stehn  lat.  audio  und  auris 
=  ausis,  goth.  ausö,  litth.  ausis,  aber  auch  goth.  hausja,  ahd.  hörru 
und  lat.  haurio  hausi,  weil  das  hören  schöpfen,  einschöpfen  der  worte. 
wie  dem  auris  ausö  der  kehlanlaut  mangelt  er  gerade  dem  altn.  ausa 
haurire,  ausa  haustrum,  ahd.  ösan  haurire  und  exhaurire  vastare, 
womit  ödi  vastus  vaeuus  otiosus  facilis  unmittelbar  verwandt  ist, 
welchem  jedoch  goth.  und  ags.  aspirata  zusteht:  goth.  auf>s  au]yja 
vastus,  ags.  eäde  facile  forte,  ahd.  odo  forte  saltem  aut,  mit  der 
nebenform  edo  eddo,  ags.  odde,  goth.  aij){)au,  lat.  aut  greifen  hier 
wundersam  ein  und  ergeben  noch  andere  berührungen,  deren  ich  mich 
jetzt  überhebe,  blosz  das  sei  nicht  vorbeigelassen,  dasz  im  ahd. 
erdo  =  e'ddo,  edo  das  nemliche  goth.  Z  auftaucht,  dem  wir  in  razda 
mizdö  huzd  begegneten  (s.  3 1 3),  das  folglich  auf  goth.  aizdau  izdau  = 
aippau  deutet  und  wieder  an  das  S  oder  R  in  ausö  auris  hausjan 
hörran  klingt,  ohne  zweifei  gehört  also  das  goth.  azets  facilis,  azö- 
taba  facile  zu  ahd.  ödi,  ags.  eäde,  engl,  easy,  und  wie  mit  facilis 
facultas  hängt  mit  eäde  altn.  audr  opes  und  ags.  eädig  opulentus, 
ahd.  ötac  zusammen,  goth.  audahafts. 

Treffend  bestätigen  dies  alles  die  romanischen  zungen,  besonders  353 
die  provenzalische.  aus  unserm  ödi  ösi  eäde  auj>s  azßts  (aus  welchem 
derselben  ist  schwer  zu  sagen)  haben  sie  das  prov.  ais  aize,  franz. 
aise  und  andere  bei  Raynouard  gesammelte  Wörter,  welche  den  be- 
grif  des  leichten  angenehmen  enthalten ;  nicht  übersehn  werden  darf 
prov.  azaut  placens  gratiosus,  wie  goth.  azets  ijövg  verdeutscht.  Nicht 
anders  stehn  lat.  audire  laudare  alauda  videre,  it.  udire  lodare  lodola 
vedere  gegenüber  prov.  auzir  lauzar  alauza  vezer,  und  mit  ausge- 
stosznem  cons.  franz.  oir  louer  alouette  (altfranz.  aloe)  voir,  sp.  oyr 
loar  ver,  für  alauda  blieb  aloda  alondra.  lat.  fidelis  it.  fidele  prov. 
fizels  sp.  fiel,  diese  syncopen  mahnen  an  pium  pirum,  iu  izvis  = 
altn.  idur  idr?  schwed.  eder  er. 

Noch  leichter  fallen  muste  Umtausch  von  TH  und  S,  da  schon 
einfaches  H  Übergang  in  S  zeigte,  anlautend  steht  dor.  6iog  ötd 
öklco  6uv  67JQL0V  für  &eog  &w  fthlca  &elv  &7]Qiov,   bei  Thuc.  5,  77 


*  vgl.  finn.  esi  mesi  käsi  susi:  eden  meden  käden  suden  (s.  344). 


248  STUMME   TH.    D.   L 

6c5  <5lg)  öv^icitog  f.  tov  fcov  %"u{iaTog,  und  oft  inlautend  'Aödva 
nccQösvog  f.  *A%y]vr\  naQftsvog.  örjQiov  aber  beleuchtet  uns  das  sl. 
zvjer,  litth.  zw&ris  (s.  28.  350).  wie  nahe  reicht  die  ausspräche  des 
gr.   0  und  ags.  altn.  TH  an  den  sausenden  laut. 

Auflösungen  stummer  kehllaute  in  H  tragen  sich  oft  in  allen 
sprachen  zu.  eine  menge  H  für  CH  wird  hernach  die  lautverschie- 
bung  darlegen:  unsere  spräche  hat  fast  allgemein  der  organischen 
asp.  CH  entsagt  und  dafür  H  angenommen. 

Den  Böhmen  mangelt  der  laut  G.  denn  das  ursprüngliche  G  der 
übrigen  Slaven  wandeln  sie  in  H,  und  wo  sie  G  schreiben,  sprechen 
sie  J.  die  Küssen  umgekehrt  entbehren  das  H  und  drücken  es  in 
deutschen  namen  durch  G  aus. 

Mit  flüssigen  consonanten  treten,  so  viel  ich  sehe,  fast  nur  mediae 
in  Wechsel,  keine  tenues,  selten  aspiratae  (abgesehn  von  der  deutschen 
lautverschiebung) . 

Hauptsächlich  in  betracht  kommt  hier  ein  Übergang  des  D  in 
L,  dessen  meiste  beispiele  längst  aufgefallen  sind. 

Aus  älterem  dingua,  wozu  goth.  tuggö,  ahd.  zunkä  stimmt,  gieng 
354  hervor  lingua,  welchem  litth.  li^zuwis  (s.  320)  gleicht,  aus  ddxgv 
daKQV^a,  goth.  tagr,  ahd.  zahar,  dacrima  und  lacrima.  aus  darfe, 
sl.  djever,  poln.  dziewierz,  böhm.  dewer,  litth.  deVe'ris,  skr.  devr, 
ags.  täcor,  ahd.  zeichur  das  lat.  levir.  für  ddq>vrj  galt  aeol.  Xacpvrj 
(Ahrens  s.  85);  man  bringt  jenes  zu  decpa,  und  sucht  im  netzen  den 
begrif  des  reinigens:  dann  könnte  auch  laurus  zu  lavare  fallen,  von 
demselben  lavare  und  lotus  lautus  leitet  sich  lautia,  wofür  nach 
Festus  dautia  galt,  feierliches  mahl,  wie  lautus  und  lautitia  auf  pracht 
der  mahlzeiten  gieng;  mir  fällt  das  goth.  dauhts  epulae  und  serb. 
datja  convivium  funebre  ein,  obschon  das  goth.  wort  un verschoben 
ist  und  vielleicht  daups  lauten  sollte,  was  an  dau]DS  mortuus  reicht, 
goth.  addi  adi  ovum  lettisch  ola. 

Zweifelhaft  bleibt  lat.  lignum  zur  skr.  wurzel  dah  brennen  ge- 
halten, da  es  von  lego,  wie  tignum  von  tego  rühren  könnte,  noch 
mehr  bedenken  macht  die  vorgeschlagne  ableitung  des  goth.  leik 
corpus  ahd.  llh  vom  skr.  deha  (Graff  2,  2),  das  goth.  letan  ahd.  läzan 
vom  skr.  da  dare.  auch  cadaver  bringt  Bopp  zu  skr.  kalevara.  bei 
den  Zahlwörtern  sahen  wir  -lif  und  -lika  dem  -daha  entsprechen 
(s.  246). 

Inlautend  begegnen  einander  lat.  odor  olor  und  olere:  odefacit 
dicebant  antiqui  ab  odore  pro  olfacit.  Festus.  möglich  wäre  sogar 
Verwandtschaft  zwischen  odor,  welchem  die  gutturalis  abgefallen  sein 
könnte,  und  ags.  hvätan,  ahd.  huäzan  flare  spirare.  dabei  ist  zu 
erwägen  olus  und  holus,  olesco  adolesco  adoleo  suboles  proles  und 
die  gr.  otpy  öd&Öa  od^irj  oö^itj.  des  duftens  grünens  und  Wachsens 
begriffe  treffen  sich  in  unserm  würz,  das  herba  olus  und  aroma  (ge- 
würz)  ausdrückt. 

Kühn  scheint  es  olor,  den  singenden  schwan,  aus  äoidog  mdog 
zu  deuten,    wie   die  singende   lerche    arjödv  hiesz.     aus   olöa  lÖ^sv 


STUMME   D.    L.    N  249 

oder  der  schwankenden  quantität  von  oöoöa  adoöa  begriffe  sich  etwa 
das  kurze  O.  wenigstens  mtiste  nachgewiesen  werden,  dasz  ein  gr. 
dichter  den  kvxvoq  ccotdog  nannte. 

'Odvööavg  '  Odvöevg  wird  lat.  zu  Ulysses  Ulixes,  tuskisch  üluxe. 
die  abkunft  des  namens  von  6öv06o{im  (Od.  19,  409)  lenkt  wieder 
auf  odium,  goth.  hatis,  ahd.  haz. 

Smielan  (s.  319)  scheint  das  gr.  fiEiöäv. 

Skr.  madhus,  litth.  medus,  lett.  meddus,  ags.  meodu,  altn.  miödr,  355 
ahd.  me'to,  mhd.  me'te,  sl.  med",  gr.  ns&v  unterschieden  von  {ish 
{iskitoc,  lat.  mel  mellis.  die  begriffe  von  berauschendem  getränk, 
meth  und  honig  flieszen  in  diesen  Wörtern  zusammen,  auch  finn. 
heiszt  der  honig  mesi  gen  meden,  die  biene  mesiläinen  wie  gr.  ^iikiöoa 
und  skr.  madhupa  d.  i.  mel  bibens. 

Litth.  sidabras,  lett.  sudrabs  stehn  gegenüber  goth.  silubr,  ahd. 
silapar,  sl.  srebro,  preusz.  sirablas  (oben  s.  9.  11).  fidius  und  filius, 
Ovidius  Ovilius,  Decidius  Decilius  wurden  s.  271  verglichen,  aus 
Aegidius  ward  Gilius,  Gilles  (Gilies  Roth.  3945). 

Wenn  in  einzelnen  dieser  Wörter  D  organischer  scheint  als  L, 
z.  b.  in  dacrima,  wegen  der  s.  300  vorgetragnen  abkunft,  oder  in 
Odysseus,  dessen  sage  offenbar  von  Griechen  oder  Etruskern  zu 
Römern  kam;  so  ist  anderemal  die  Lform  durchsichtiger,  z.  b.  in 
lingua,  das  doch  zu  lingere  lambere  kti%tiv  laigön  und  lecken  gehört, 
in  madhus  und  mel,  fiffru  und  {isfa  ist  der  Wechsel  von  uralter  zeit 
her  begründet*. 

Ähnlich  dem  Übergang  des  D  in  L  ist  der  des  DD  in  LL :  goth. 
vaddjus  ahd.  wal  walles,  lat.  vallum;  vielleicht  goth.  iddja  verwandt 
mit  ahd.  illan,  ilan?  vgl.  daddjan  und  ftr(lv,  wallön,  wadalön  und 
für  LL  DL  gleich  lat.  sella  f.  sedla,  franz.  seile  f.  ags.  sadol,  altn. 
milli  f.  midli.  Wie  wenn  sl.  pasti  oder  padati,  cadere,  part.  praet. 
padal,  sich  berührte  mit  ahd.  fallan,  ags.  feallan,  altn.  falla,  welches 
der  goth.  spräche  völlig  abgeht?  noch  näher  steht  dazu  das  litth. 
pulti,  lett.  pult. 

Höchst  selten  scheinen  D  und  N  zu  tauschen,  ein  merkwürdiges 
beispiel  lieferte  devjat  dewintas  für  nevjat  newintas  (s.  244);  neben 
perdice  sagen  die  Italiener  gewöhnlich  pernice.  beider  consonanten 
Verwandtschaft  aber  folgt  schon  daraus,  dasz  sich  inlautend  N  vor 
lingualen,  wie  M  vor  labialen  einfindet  (s.  339),  weshalb  auch  der  356 
anlautende  Wechsel  zwischen  B  und  M  ergeht:  sl.  brabenec  :  mravi, 
bramor  :  marmor. 

Dem  ausfall  sind  unter  allen  stummen  consonanten  wiederum  die 
mediae  zumeist  ergeben,  vorzugsweise  dasselbe  D,  dessen  Übergang  in 
die  flüssigen  S  und  L  eben  erörtert  wurde,  die  harten  und  scharfen 
tenues  und  aspiratae  leisten  stärkeren  widerstand,  pers.  mei  vinum  ent- 
sprang aus  medi  =  madhu.  einzelne  mundarten  begünstigen  zusehends 


*  unterschieden  von  dem  Wechsel  ist  die  abgestreifte  lingualis  in  Ion- 
gus  —  sl.  dlug  (s.  325). 


250  STUMME 

die  syncope  des  inlautenden  D,  namentlich  die  französische  und  nie- 
derländische, beispiele  aus  der  letzten  sind  gramm.  1,  308.  309  mit- 
getheilt.  eine  menge  lat.  T  erweichten  sich  in  roman.  D  und  schwan- 
den dann  im  franz.  gänzlich;  man  wird  sichrer  dazu  die  ital.  oder 
span.  form,  als  die  lat.  halten :  pere  mere  frere  voir  croire  rire  proie 
soie  soif  louer  muer,  it.  padre  madre  frate  vedere  credere  ridere  preda 
seta  sete  lodare  mutare.  vedere  credere  ridere  lodare  lauten  auch  sp. 
ver  creer  reir  loar,  und  seta  sete  bereits  seda  sed,  woraus  sich  die 
franz.  tilgung  begreift,  aber  auch  G  ist  getilgt  in  lire,  sp.  leer,  it. 
leggere  und  faire  sp.  hazer,  it.  far.  Zuweilen  fällt  die  lingualis  nicht 
weg,  sondern  assimiliert  sich  dem  folgenden  R  :  parrain  sp.  padrino, 
marraine  sp.  madrina,  larron  sp.  ladron,  pierre  sp.  piedra,  perron 
acervus  lapidum,  mlat.  petronus,  lierre  hedera,  sp.  yierro,  altfranz. 
ledro,  verrons  it.  vedremo,  fourrage  mlat.  fodragium.  dies  RR  aus 
DR  ist  ein  gegensatz  zum  altn.  DD  aus  RD  (s.  313),  gleicht  aber 
dem  LL  aus  DL.  der  grund  weshalb  sich  weder  merre  f.  mere,  noch 
maraine  f.  marraine  bildete,  musz  im  gewicht  der  folgenden  silbe 
liegen,  it.  trovatore,  sp.  trovador  wandelte  sich  in  altfranz.  trou- 
verres.    TR  wird  nicht  assimiliert,  wie  quatre  autre  u.  a.  zeigen. 

Welchen  ausfall  in  deutscher  spräche  B  G  D  erfahren,  welche 
diphthonge  aus  zusammengerückten  vocalen  dadurch  entspringen  und 
wie  sich  M  und  N  zu  der  labialis  gutturalis  und  lingualis  gesellen, 
habe  ich  eigens  abgehandelt,  am  seltensten  scheint  B  unterdrückt, 
doch  wären  reiche  beispiele  vorhanden,  wenn  die  Vermutung,  dasz 
ahd.  rehto  aus  goth.  raihtaba  erwachsen  sei  (gramm.  3,  110),  sich 
historisch  bewähren  liesze. 


XVI. 
DIE  LAUTABSTUFUNG. 


Bis  hierher  hat  sich  gezeigt,  wie  einzelne  stumme  consonanten  357 
der  zeit  oder  mundart  nach  einander  vertreten;  solcher  Wechsel  be- 
gründete nur  ausnahmen,  höchstens  besondere  richtungen,  er  fiel  der 
gewohnheit  einer  spräche  oder  ihrem  Verhältnis  zu  benachbarten  an- 
heim.  ob  Xvnog  oder  lupus,  6v  oder  tu,  nsvts  oder  quinque,  da- 
cryma  oder  lacrima  gesprochen  wurde,  das  war  nun  einmal  dem  idiom 
durch  seine  anläge  verliehen  und  hieng  nicht  weiter  mit  der  innern 
beweglichkeit  seiner  laute  zusammen.  Wichtiger  ist  es,  dynamisch, 
gleich  dem  vocalumlaut,  wirkende  regeln  zu  erkennen,  nach  welchen 
sich  die  consonanz  einer  jeden  spräche  stimmt  und  abstuft.  Dort 
schwankt  der  laut,  wie  bei  vocalschwächung,  gleichsam  wild  und  ab- 
sichtslos; hier  erscheint  die  änderung  des  consonants,  wie  umlaut  und 
brechung,  gezähmt  und  fruchtbar. 

Dies  spiel  oder  dieser  Wechsel  der  consonanten  kann  schon  durch 
ihre  stelle  bedingt  sein,  anlaut  hält  die  stufen  jedes  organs  am 
reinsten  und  treusten,  inlaut  ist  geneigt  es  zu  erweichen,  auslaut  zu 
erhärten. 

Oft  aber  walten  einflüsse  anderer  laute,  entweder  vorausgehender 
oder  folgender,  in  diesem  fall  wirkt  der  bestimmende  laut  rückwärts, 
in  jenem  vorwärts,  bei  rückwirkungen  stimmt  die  kraft  des  folgenden 
lauts  den  vorausgegangenen  nach  sich;  bei  vorwirkungen  unterwirft 
sich  der  folgende  dem  einflusz  des  vorstehenden  lauts.  rückgängiger  358 
einflusz  trägt  sich  ungleich  häufiger  zu  als  vorgängiger;  im  vocalismus 
wurden  umlaut  und  brechung  nur  rückwärts,  nie  vorwärts  gewirkt, 
dieser  rückgang  läszt  sich  dem  grundsatz  des  reims,  der  vom  letzten 
auslaut  an  zurückdringt,  vergleichen. 

Vocalwechsel  durch  umlaut  hieng  blosz  von  andern  vocalen, 
brechung  von  vocalen  und  consonanten  ab.  consonantwechsel  wird 
in  der  regel  durch  anstoszende  consonanten,  zuweilen  auch  durch  vocale 
bewirkt,  so  durchdringen  sich  vocalismus  und  consonantismus.  selbst 
darin  offenbart  sich  analogie,  dasz  der  den  tausch  verursachende  con- 


252  LAUTABSTLTFÜNG 

sonant  weggefallen  sein  kann  gleich  dem  vocal,  von  welchem  umlaut 
und  brechung  abhiengen. 

Das  latein  ist  keusch  und  enthaltsam  in  seinen  consonanten  wie 
in  seinen  vocalen.  die  aspiration  ist  ihm  wenig  entfaltet  (s.  344), 
media  und  tenuis  stehn  rein  gesondert:  rabidus  und  rapidus,  nego  und 
neco,  ad  und  at,  cadus  und  catus  weichen,  der  ausspräche  wie  ihrem 
Ursprung  nach,  ganz  von  einander,  anlautende  media  und  tenuis 
können  sich  nie  vertreten,  und  kein  vorausgehender  laut  äuszert 
darauf  irgend  einflusz.  sobald  aber  im  inlaut  media  an  eine  folgende 
tenuis  oder  spirans  stöszt,  wandelt  sie  sich  selbst  in  die  entsprechende 
tenuis  ihres  Organs;  sobald  im  fortgang  der  flexion  oder  Wortbildung 
jene  tenuis  wieder  entfernt  wird,  kehrt  ursprüngliche  media  zurück, 
nubo  nupsi  nuptum,  glubo  (glupsi)  gluptum,  scribo  scripsi  scriptum, 
labor  lapsus;  ago  egi  actum,  lego  legi  lectum,  rego  rexi  rectum,  im 
lingualorgan  scheidet  aber  dann  die  media  völlig,  weil  TT  und  TS 
noch  härter  wäre  als  DT  DS:  edo  edi  esum,  video  vidi  visum,  ludo 
lusi  lusum,  laedo  laesi  laesum,  odi  osum,  rado  rasi  rasum,  fundo  fudi 
fusum,  mando  mandi  mansum,  tundo  tutudi  tusum,  mordeo  momordi 
morsum,  statt  ettum*  vittum  lutsi  luttum  u.  s.  w.  Einigemal  steht 
die  assimilation  SS:  cedo  cessi  cessum  f.  cetsi  cettum,  sedeo  sedi 
359sessum  f.  settum,  jubeo  jussi  jussum  für  jupsi  juptum,  wie  aus  iste 
ipsus  ital.  stesso  ward,  der  analogie  von  grex  gregis,  rex  regis,  lex 
legis  gemäsz  wäre  zu  schreiben  aps,  scrops  scrobis,  nups  nubis,  allein 
es  gilt  abs  scrobs  nubes.  in  der  lingualreihe  verhalten  sich  praes 
praedis,  obses  obsidis,  incus  incudis,  pecus  pecudis  wie  laesi  laedo, 
sessum  sedeo ;  man  fand  wieder  zu  hart  praets  praedis,  pecuts  pecudis. 
in  Zusammensetzung  assimilieren  sich  die  partikeln  ob  sub  ad  dem 
folgenden  anlaut.  ex  steht  zu  ec  wie  abs  zu  ab.  statt  apud  findet 
»ich  wol  auslautend  geschrieben  aput. 

Viel  reicher  entfaltet  hat  sich  die  griechische  verstufung  allein 
schon  dadurch,  dasz  alle  aspiratae  vollständig  wirken.  Hauptgesetz 
ist,  dasz  media  tenuis  und  asp.  den  anstoszenden  consonant  jedes  an- 
dern organs  ihrer  stufe  gleich  machen,  folglich  nur  ßd  nt  cp&,  yd 
xr  %&  neben  einander  gelitten  sind  und  fein  unter  sich  abwechseln: 
BTttd  sßdofjLog  Ecp&/](i£gog,  ygatpa  ygdßdt]v  yqaivtog  ygctcpfi'Eig,  rvura 
rvcp&rjöoucci ,  ugvitzto  Ttgvßdrjv  xgvnxog  XQvepftetg,  övXXa^ißdvcj 
6vXh]ßörjv,  oktco  oydoog  offirffiegog,  Xü%&  Xiydriv,  Xsyco  XkXExzai 
Xsxtqov  eXs%&7]v,  7tXsxco  itXkydr\v  TtXEyftug.  auch  vor  2J  entwickelt 
sich  tenuis,  für  nö  k6  gelten  aber  die  eignen  buchstaben  t/j  und  £: 
ygayco  ygdtyco,  xvtcxg)  tvxjjco,  Xeyo  Xs^co,  ßQ£%<a  ßgt&g.  wäre  jenes 
lat.  ps  für  bs  zulässig  geworden,  so  hätte  sich  auch  das  zeichen, 
wie  x  für  es,  eingefunden.  Es  gibt  viel  gr.  anlaute  ßd  %z  (pft  xr 
##•,  die  der  lat.  und  deutschen  spräche  fremd  sind:  ßöilliov  ßdsXvgog 
ntalgco  ntec^  ntegov  (p&dvca  y&siga)  (p&ovog,  KTccoyiai  ktelvw  nvvnog 


*  folglich  steht  esca  f.  etca  =  edica,  estur  f.  ettur  =  editur. 


LAÜTABSTÜFÜNG  253 

%fta{icd6g  %&SQ  x&cov,  für  yd  findet  sich  nur  ydovnog.  da  aus  den 
anlauten  nz  und  %&  die  lingualis  zuweilen  wegfällt  und  für  nzofog 
nzole^og  %d analog  nohg  notepog  %a[i7jk6g  gelten,  darf  man  auch  zu 
den  übrigen  formein  Wörter  anderer  sprachen  auf  blosze  labialis  und 
gutturalis,  ohne  dasz  lingualis  folgte,  halten,  mit  Tizegov  stimmt 
zwar  ahd.  fe'dara,  aber  auch  sl.  pero,  mit  %%ig  lat.  heri  =  hesi, 
hesternus,  goth.  gistra,  mit  ffiapakoq  %a\ial  lat.  humilis  humi  und 
vielleicht  goth.  gavi.  ßösco  ist  das  lat.  pedo,  die  rückwirkung  des 
D  wandelte  P  in  B. 

Wie  yQatyc)  yganzog,  Xe^co  lexzog  zum  lat.  nupsi  nuptus,  rexi 
rectus  stimmen,  entspringt  auch  beim  anstosz  einer  lingualis  an  360 
folgendes  S  und  T  vereinfachter  Slaut,  und  die  lingualis  schwindet. 
Neben  eldevcti  Idelv  oiÖa  (in  zweiter  person  ol6&cc)  erscheinen  cl'öo- 
Hai  elöccfirjv  und  das  abgeleitete  iör]{ii,  selbst  das  adj.  Yöog  uöog 
aequalis,  similis  ist  der  form  nach  völlig  das  lat.  part.  visus,  da  sich 
die  begriffe  des  Sehens,  scheinens  und  gleichens  anrühren;  von  stdo^ai 
videor  wird  IL  2,  791  tföazo  videbatur  ganz  für  glich  gebraucht, 
gerade  so  verhält  sich  das  goth.  galeiks  opoiog  ahd.  gilih  aequalis 
similis  zu  galeikan  videri,  placere  und  leik  6c5[M)c,  ahd.  llh  corpus 
d.  i.  species,  visum,  ahd.  gillchi  species,  gilichnissa  imago.  wie  visus 
aus  vistus,  musz  auch  toog  aus  lözög  oder  lö&og  gedeutet  werden. 
Nicht  anders  beurtheile  man  folgende  beispiele :  ada  aöa  aGo^icu, 
deldco  dsiöa  tdeiöa  öetöo^iac,  rjöco  rjäo^ai  f]6cc^rjv  ijö&rjv  tfö&rJGoucci, 
eög)  eöo[iccl  söfric),  bei  dichtem  auch  höfta.  für  ET  zieht  das  gr. 
organ  E®  vor,  und  da  olö&a  dem  goth.  vaist  wie  dem  lat.  vidisti 
entspricht,  eö&rjg  dem  goth.  vasti,  lat.  vestis;  so  hat  man  fug,  in 
solchen  E®  =  ET  den  beweis  für  das  gemutmaszte  lat.  ettum 
vittum  lutsi  =  esum  visum  lusi  zu  finden,  in  welchen  fällen  ET  von 
EQ  abstehn,  z.  b.  in  eözl  sözla,  bedürfte  noch  eigner  Untersuchung, 
fällt  durch  G#  licht  auf  das  goth.  rj)  in  vairjsa  (s.  310)?  die  geminata 
EE  für  ET  ergibt  sich  oft  (s.  317). 

Die  gr.  spräche  läszt  aber  diesen  lautwechsel  nicht  blosz  im  in- 
nern  der  wörter,  sondern  auch  bei  der  Zusammensetzung,  ja  zwischen 
einzelnen  in  der  rede  aneinander  gereihten  Wörtern  ergehn,  wenn  der 
stumme  consonant  von  einem  mit  dem  Spiritus  asper  beginnenden  wort 
berührt  wird,  der  Spiritus  fliegt  in  die  voranstehende  muta  über  und 
wandelt  sie  in  aspirata.  so  entspringen  scprmsgov  £(p&?jnsQog  de%rj(ie- 
gog  avd-tfueQog  vv%&t]ii8QOV  sq)lözrj^iL  ä(pi6Zf]{il  und  viele  andere, 
die  praepositionen  ano  kni  avzi  werden  auf  diesem  wege  zu  dcp  ecp 
av&  und  die  negation  ovx  wandelt  sich  in  ov%.  für  vvxza  oXfjv 
entspringt  vvyß?  oXrjv,  die  zurückgreifende  aspiration  kann  sich  nicht 
an  dem  z  begnügen,  sondern  musz  auch  das  vorherstehende  x  er- 
greifen, noch  kühner  ist,  wenn  sie  sogar  einen  vocal  überspringt:  361 
f&OL^ättov  f.  zb  L{iduov,  cpgovQog  f.  Jtgoogog,   q)Qoi{iiov  f.  ngoolfiiov. 

Doppelte  ten.  und  med.  mag  der  Grieche,  nicht  asp.,  er  bindet 
dann  ten.  und  asp.  zusammen:  Ea7C(pa)  Bdx%og  Tizftiov,  xawftcctyai 
7iocz8&ccv8  kürzen  die  dichter  in  Kccz^dx^ai  xuz&avs.    erst  später  und 


254  BA.UTABSTUFÜNG 

in  fremden  namen  steht  Maft&ulog  Ma%%ä  f.  Mar&alog  Motx%a. 
hierher  auch  Föxftoi  (s.   179).* 

Aus  gleichem  grund  wird  in  der  reduplication  die  asp.  durch 
ten.  vertreten:  (pcdva  nscpayxa,  (pvco  necpvxcc,  %cclqg)  y.s%(XQr]xa, 
%gcio[ji(U  KSXQfjUM,  ftällco  xmrila,  ftvqöxa  %k%vr\Y,a,  während  lat. 
falle-  fefelli,  goth.  faha  faifah,  wahrscheinlich  auch  Jplaiha  paiplaih 
zulässig  ist. 

Das  gr.  idiom,  welches  zwei  asp.  verschiednen  organs  in  einer 
silbe  gern  hat,  meidet  sie  in  zwei  auf  einander  folgenden  [Buttmann 
gr.  1,  77],  und  entzieht  bei  inlautender  aspirata  dem  anlaut  den 
Spiritus,  oder  anders  ausgedrückt :  es  ertheilt  Wörtern  mit  unaspiriertem 
anlaut  und  inlautender  aspirata  den  spiritus,  so  bald  durch  den 
Wechsel  der  flexion  die  inlautende  asp.  wegfällt.  %%&  bildet  das  fut. 
e^oa  und  neben  fyjp,a  steht  8%ig,  ebenso  neben  tq£%(o  -frof^ojufw  und 
&QEx.xixög.  der  grundsatz  bezieht  sich  zumal  auf  wörter,  in  welchen 
T  und  @  tauschen:  xayvg  frccööcov  f.  ta%i£(X)V,  recytj  tdyog  STdcprjv 
&CCJITG)  ftdilHD,  verschieden  davon  Tacpco  (stupeo)  hatpop  T£&rj7ict, 
rgeepco  ftQSipG),  &ql£,  TQi%6g  tQt%eg  #ot£/,  tl&r][ii  &?J0G>  ftiöftai  &BLVUI 
fteöiiog,  aber  dor.  rsk^iög.  in  to£#<ö  läuft  die  wurzel  durch  alle 
drei  stufen,  da  auch  öeögo^ia  und  öga^iov^iaL  gelten,  wir  sehn  in 
allen  diesen  Wörtern  den  abgeänderten  laut  (das  &)  aus  der  mitte  bis 
in  die  spitze,  immer  aber  rückwärts  vordringen,  dasz  die  unaspirierte 
form  hier  die  ursprüngliche  sei,  folgt  aus  vergleichung  von  e%tLV  mit 
goth.  aigan,  TQk%eiV  mit  "jsragjan  und  rdcpog  mit  tabiti  (s.  231).  die 
gehäufte  aspiration  im  dakischen  (piftoyfteftsld  (s.  212)  ist  griechi- 
scher weise  entgegen. 

Bei  der  deutschen  consonantverstufung  müssen  inlaut  und  auslaut 
gesondert  werden  von  dem  anlaut. 
362  Der  inlaut  hütet,  wenn  nicht  andere  consonanzen  anrühren,  die 

echte  form,  der  auslaut  pflegt  sie  aber  häufig  aufzugeben,  was  einen 
der  lat.  und  gr.  spräche  unbekannten  Wechsel  begründet,  doch  betrift 
er  blosz  die  media ;  denn  ten.  und  asp.  bleiben,  wo  sie  stattfinden, 
ungeändert. 

Goth.  B  und  D  wandeln  sich  auslautend  in  die  asp.  F  und  TH: 
giba  gaf  gif,  graba  gröf  graf,  hlaibis  hlaif,  Jriubis  Jriuf ;  beida  baij) 
bei]?,  biuda  bau{)  biuj),  bidja  baj),  fadis  fap,  sedais  sej),  liuhadis 
liuhaj),  födi]?  födida.  doch  schwankt  die  Schreibung,  und  gestattet 
auch  B,  D  in  grob  baid  u.  s.  w.  media  des  kehllauts  bleibt  fast 
überall  unverletzt:  liga  lag,  steiga  staig,  biuga  baug,  vigis  vig,  dagis 
dag;  ohne  zweifei,  weil  hier  die  eigentliche  asp.  abgieng  und  durch 
die  spirans  H  vertreten  wird;  nur  ausnahmsweise  tritt  diese  im 
Wechsel  ein  bei  aih  aigum. 

Ähnlich,  doch  etwas  abweichend  gestaltet  sich  die  goth.  Ver- 
änderung der  inlautenden  muta,  wenn  sie  an  andere  cons.  rührt, 
von  welchen  blosz  S  und  T  in  betracht  kommen. 


*  diesem  T  0  vergleichbar  scheint  ahd.  PPH,  CCH  und  alts.  PB,  TD 


LAUTABSTUFüNG  255 

Das  -s  des  nom.  sg.  wandelt  vorausgehendes  B  und  D  bald  um 
in  F  und  TH,  bald  nicht,  man  findet  laufs  laubis,  hlaifs  hlaibis,  aber 
auch  hlaips  und  piubs.  faps  fadis,  seps  sedais,  fröps  frödis,  allein 
schwankend  saps  und  sads  sadis,  immer  göds  gödis.  diese  ten.  und 
asp.  vor  dem  -s  müssen  also  im  laut  schwer  zu  unterscheiden  ge- 
wesen sein.  Gr  unterliegt  gar  keinem  Wechsel:  dags  dagis,  megs 
megis. 

Vor  dem  T  der  secunda  praet.  wandeln  sich  P  und  B  in  F;  K 
und  G  in  H;  T,  D  und  TH  in  S:  scapja  sköft,  hlaupa  hleihlauft, 
graba  gröft,  skaba  sköft,  skiuba  skauft,  brika  braht,  vaka  vöht, 
gasaka  gasöht,  teka  taitöht,  liga  Iaht  (?),  biuga  bauht,  beita  baist, 
giuta  gaust,  sita  säst,  mita  mast,  haita  haihaist,  löta  lailöst,  vait  vaist, 
möt  möst,  beida  baist,  bitja  bast,  qipa  qast,  leij>a  laist.  für  einzelne 
wurzeln  entspringt  Zweideutigkeit,  z.  b.  sköft  kann  rasisti  oder  creasti 
von  skaba  oder  skapja,  baist  momordisti  und  exspectavisti  von  beita 
oder  beida  ausdrücken,  oft  mangeln  belege,  aber  die  theorie  musz 
walten,  sich  also  auch  auf  die  fälle  erstrecken,  wo  der  muta  noch  363 
eine  liquida  vorausgeht,  für  hilpa  trimpa  vairpa  salta  gastalda  binda 
falpa  vairpa  ist  die  II.  praet.  anzusetzen :  halft  tramft  varft  saisalst 
gastaistalst  banst  faifalst  varst.  Möglich  wären  auch  assimilationen 
des  ST  in  SS,  so  dasz  von  qij>a  oder  sita  diese  person  qass  und  sass 
statt  qast  säst  lauten  dürfte,  ganz  wie  von  vait  vaist  das  schwache 
praet.  vissa  f.  vista  gebildet  wird;  nur  musz  dann  kurzer  vocal  vor- 
hergehn,  nach  langem  haftet  ST,  wie  mösta  und  vaist  lehren. 

Analog  mit  diesen  formen  laufen  die  substantiva  auf  -t:  gifts  von 
giba,  gaskafts  von  skapja,  gagröfts  f.  gagreifts  von  greipa,  mahts  von 
mag,  slauhts  von  slaha,  andbahds  von  bak  (s.  133.  134),  laists  von 
lais,  gaviss  junctura  von  gavida  jungo,  mipvissei  conscientia  von  vait, 
qiss  von  qipa,  afstass  von  afstanda  afstöp,  dessen  zweite  person  wol 
nur  afstöst  lautete,  mahts  zeigt,  dasz  auch  mäht  für  magt  gelten 
müsse,  obschon  wieder  fragifts  und  fragibts  schwanken,  so  dasz  man 
für  liga  auch  lagt  statt  Iaht  annehmen  dürfte.  Wie  geläufig  aber  dem 
goth.  organ  ST  war,  folgt  daraus,  dasz  sich  NST  für  NT  entfaltete 
in  ansts  brunsts,  weshalb  auch  die  zweite  person  anst  und  branst 
für  ant,  brant  zu  vermuten  ist.  dagegen  kommen  andanumts  und 
qumps  von  niman  und  qiman  vor,  nicht  auf  ahd.  weise  numfts  qumfts, 
weshalb  denn  die  sec.  praet.  namt  qamt  gelten  musz. 

Es  leuchtet  ein,  dasz  diese  goth.  FT  HT  ST  im  grundsatz  zu  den 
lat.  PT  CT  und  S  (=  ST),  den  gr.  UT  KT  Z  (2J&)  stimmen,  die 
aus  B  G  D  entsprangen,  goth.  hafts  raihts  sind  das  lat.  captus  rec- 
tus,  und  dasz  visus  i'öog  aus  vistus  latog  stammen,  wird  durch  das 
goth.  vissei  Btörjöig  =  vistei  bestätigt,  viss  certus  =  vists  begegnet 
nicht  bei  Ulf.,  darf  aber  aus  ahd.  wis,  altn.  viss  sicher  geschlossen 
werden,  mit  sedeo  sessum  f.  setsum  kommt  altn.  sess  sella  f.  sest 
überein.  ähnliche  auflösungen  des  ST  in  SS  und  S  sind  allenthalben 
wahrzunehmen:  goth.  ahd.  ist,  ags.  is  (s.  266);  goth.  svistar,  sl.  se- 
stra,    litth.   sessü,    finn.    sisar,    lat.    soror  =  sosor   (s.    267);    goth. 


256  LAUTABSTÜFUNG 

gistra,  lat.  heri  f.  hesi  neben  hesternus;  gr.  ööteov,  sl.  kost',  lat.  os 
364ossis;  warum  sollten  nicht  visum  osum  von  video  odi  auf  vistum 
ostum  leiten?  ahd.  ist  muosa  aus  muosta  goth.  mösta  erwachsen 
und  wista  westa  wissa  wessa  schwanken. 

Nun  werden  sich  auch  einzelne  S  fassen  lassen,  die  aus  andern 
lingualen  entsprungen  sind,  aber  nur  entspringen  konnten,  wenn  man 
annimmt,  dasz  hinter  ihnen  noch  ein  nachher  ausfallendes  T  folgte, 
von  vleitan  videre  stammt  andavleizns  facies  f.  andavleistns.  von 
biudan  mandare  buzns  mandatum  f.  bustns,  ags.  bysen,  alts.  ambusn 
=  goth.  anabusns*.  von  usbeidan  exspectare  usbeisns  longanimitas, 
f.  usbeistns.  von  vreij>an  ags.  vridan  torquere  vräsen  torques,  ahd.  reisan 
nodus  f.  vrästen,  ahd.  reistan ;  die  goth.  form  hätte  vraizns  zu  lauten. 

Zu  viel  räum  würde  kosten,  wollte  ich  diese  goth.  lautabstu- 
fung  auch  durch  die  übrigen  deutschen  sprachen  führen,  so  lehr- 
reich einzelne  abweichungen  werden  könnten,  im  ganzen  herscht  die- 
selbe regel. 

Weit  mehr  liegt  es  mir  an  eine  andere  aufzuweisen,  die  allen 
bisher  erörterten  entgegensteht  und  wovon  weder  in  goth.  noch  gr. 
und  lat.  spräche  eine  spur  ist.  statt  des  rückwärts  gehenden  ein- 
flusses  zeigt  sie  uns  einen  vorwärts  greifenden. 

Nicht  alle  ahd.  dialecte  geben  ihn  kund,  sondern  nur  der  aleman- 
nische, wie  er  zu  Sanctgallen  durch  Notkers  und  seiner  genossen 
sorgfältige,  wenn  schon  nicht  überall  gleiche  Schreibung  verzeichnet 
ist.  dieser  lautwechsel  musz  aber  im  Süden  Deutschlands  weiter 
ausgebreitet  gewesen  sein,  da  er  hin  und  wieder  noch  bei  mhd.  dich- 
tem vorbricht. 

Das  gesetz  ist  folgendes,  von  dem  auslaut  werden  anlautende 
liquidae  spirantes  und  aspiratae  niemals  abgeändert,  wol  aber  tenues 
und  mediae.  lautet  ein  wort  auf  vocal  und  liquida  aus,  so  musz  me- 
365  dia,  lautet  es  auf  Spirans  oder  muta  aus,  so  musz  tenuis  folgen,  der 
vocalische  und  flüssige  auslaut  schont  den  nächsten  anlaut,  der  hau- 
chende und  stumme  greift  ihn  an. 

Dem  gemäsz  wird  gesagt:  eina  bindun,  diu  bluoma,  du  bist, 
dero  boumo,  demo  buoche,  jungen  boumes,  min  bruoder,  er  begrifet; 
aber  ih  pin,  dingolih  pinde,  sih  pergent,  des  poumes,  sines  pruoder, 
gab  pilde,  liuf  paldo,  üf  poume,  sälig  pin,  sundig  pluot,  chad  pringen, 
nicht  pildes,  sint  pilde,  daz  puoch,  üz  prähta. 

eina  geba,  diu  geba,  du  gibest,  demo  golde,  dero  gewalto,  snel- 
len  ganges,  din  guot,  er  gehaltet;  hingegen  ih  kesiho,  sih  kebe,  noh 
cnuhtig,  ouh  cnöto,  des  coldes,  alles  kähes,  gab  cold,  üf  kuldinemo, 
üf  kange,  manig  cot,  ward  keboten,  waz  kewalto,  daz  cold,  üz  kieng, 
iz  kerno. 


*  sollte  das  ags.  hyseg  occupatus,  engl,  busy,  mnl.  besech,  nnl.  bezig 
eigentlich  ausdrücken:  qui  mandatum  exsequitur?  so  dasz  bysegian,  engl, 
busy  hiesze  einen  beschäftigen,  einem  etwas  gebieten,  auftragen,  wie  wenn 
das  prov.  besonh,  franz.  besoin,  it.  bisogno,  opus  negotium  necessitas 
gleichen  Ursprung  hätte? 


LAUTABSTUFUNG  257 

Bei  den  lingualanlauten  erscheint  aber  eine  Schwierigkeit  und 
abweichung.  die  analogie  der  labialen  und  gutturalen  fordert,  dasz 
auch  in  allen  der  goth.  media  D  entsprechenden  Wörtern  derselbe 
Wechsel  zwischen  med.  und  ten.  eintrete,  also  demo  dage,  du  däte, 
der  dag,  den  deil,  ein  dier  entgegengesetzt  würde  den  formen  ih 
tuon,  des  tages,  des  teiles,  manig  tiure,  daz  teta.  allein  hier  haftet 
immer  die  tenuis  und  es  heiszt  auch  demo  tage,  du  täte,  der  tag, 
der  teil,  ein  tier,  einemo  tiuren. 

Wol  aber  wird  der  Wechsel  angewendet  auf  die  der  goth.  asp. 
TH  antwortenden  anlaute,  welche  aus  D  in  die  tenuis  T  zurückspringen, 
man  schreibt  demnach:  demo  dritten,  demo  diete,  dero  dingo,  diu 
dierna,  filo  dürft,  du  daz,  in  dih,  er  diccho;  dih  tritten,  ih  tih,  eines 
tritten,  wlb  tiu,  sälig  tiet,  mag  ter,  mag  taz,  ward  tanne,  ist  turft, 
daz  ting,  waz  tes.  offenbar  stehn  diese  letzten  T  den  vorher  ange- 
führten K  und  P  ungleich,  denn  cold  und  puoch  haben  die  goth. 
med.  gulj),  böka  zur  seite,  tih  und  taz  die  goth.  asp.  Jmk,  pata. 
eben  so  wenig  läuft  das  D  in  dih  dierna  ding  dem  Gr  und  B  in  got 
gold  buoch  bluomo  parallel,  da  diese  der  goth.  med.  guj)  gulj)  böka 
blöma  gleichstehn,  dritto  daz  der  goth.  asp.  pridja  jpata. 

Mich  dünkt,   diese  Störung  des  lautverhältnisses  wurde  hervor- 366 
gerufen  dadurch,  dasz  ahd.,  nach  der  strenge,   keine  media  für  das 
lippen  und  kehlorgan  vorhanden  war,    deren  analogie  das  D  hätte 
folgen  können,    jener  für  die  ten.  gültige  Wechsel  warf  sich  darum 
bei  den  Zungenlauten  auf  die  media. 

Auszer  den  noch  getrennt  an  einander  stoszenden  Wörtern  werden 
durch  diese  notkerische  regel  die  inlaute  vieler  Zusammensetzungen 
bestimmt,  z.  b.  es  heiszt  ebenbilde  und  werltpilde,  himilbüwo  und  erd- 
püwo,  foreboto  und  waltpoto,  fiurgot  und  erdcot,  sedelgang  und  üf kang, 
Eberger  und  Nötkßr,  sigegebo  und  spuotkebo,  widemdiu  und  gotestiu. 

In  den  eingang  des  satzes  pflegt  N.  immer  tenuis,  nicht  media 
zu  stellen,  die  tenuis  ist  ihm  also,  nach  ahd.  weise,  mit  recht  eigent- 
licher laut,  der  sich  nur  vor  vocalen  und  liquiden  in  die  alte  med. 
erweicht,  das  gilt  jedoch  blosz  für  das  verhalten  seiner  labial  und 
gutturallaute ;  bei  den  lingualen  ist  Notkers  media  der  ahd.  media 
gemäsz. 

Da  der  Wechsel  unablässig  durch  die  ganze  rede  fortgeht,  so  • 
gewinnen  dieselben  Wörter  bei  veränderter  Stellung  stets  verschiedne 
gestalt,  und  die  abweichenden  auslaute  können  im  anlaut  media  oder 
tenuis  häufen,  z.  b.  der  satz:  smähes  tinges  kerönt  turh  lustsami 
würde  mit  geringer  änderung  heiszen:  smähero  dingo  gerötun  durh 
lustsami. 

Dasz  Notkers  gesetz  nicht  aus  der  luft  gegriffen  war,  sondern 
auf  feiner  beobachtung  der  wirklichen  spräche  ruhte,  ergibt  sich  da- 
her, dasz  es  noch  zwei  Jahrhunderte  später  bei  Wolfram,  dem  sprach- 
gewaltigsten aller  mhd.  dichter,  also  nicht  einmal  in  Schwaben,  son- 
dern in  Baiern  unverkennbar  ist.  ohne  zweifei  wird  es  schon  vor 
Notkers  zeit  in  landstrichen,  wo  die  strenge  ahd.  lautregel  gemildert 

Grimm,  geschickte  der  deutschen  spräche,  17 


258  LATJTABSTUFUNG 

wurde,  sogar  reiner  gewaltet  haben;  die  gröberen  aufzeichnungen 
der  Sprachdenkmäler  wüsten  es  nur  nicht  zu  fassen. 

Es  greift  auch  in  den  handschriften  der  wolfrainischen  gedichte 
nicht  mehr  durch  und  ist  zumal  in  einigen  texten  des  Parzival  zu 
spüren.  Auszerdem  beschränkt  sich  der  Wechsel  fast  auf  die  labial- 
367  laute:  ob  prünne  805,  21.  zwelf  pröt  190,  10.  21.  truoc  pein  157,  27. 
lanc  prünez  252,  30.  mac  porgen  324,  9.  ich  pin  24,  25.  152,  4. 
171,  14.  188,  29.  219,  15.  265,  26.  324,  19.  340,  17.  521,  1.  543, 
1.  672,  23.  ich  pat  158,  19.  ich  pringe  218,  9.  noch  paz  241,  29. 
stet  pl  253,  30.  mit  pägenden  247,  15.  hundert  pette  229,  28.  ver- 
wüestet  pürge  194,  17.  ez  prach  192,  2.  daz  pristet  172,  19.  daz 
pluotec  807,  21.  des  planken  811,  19.  gleich wol  folgt  noch  häu- 
figer schon  die  media:  ich  bin  457,  3.  fuoters  bin  458,  18.  hast  be- 
twungen  198,  11.  mich  bellben  193,  28.  des  bleip  191,  5.  reit  bi 
189,  15  u.  s.  w. 

Für  den  kehllaut  gebricht  es  ganz  an  beispielen,  wahrscheinlich 
weil  im  anlaut  auch  die  ahd.  aspirata  mhd.  durch  die  tenuis  vertreten 
wird,  diese  also  nicht  ohne  Verwirrung  zugleich  die  media  ersetzen  kann. 

Überreste  des  notkerschen  lingual  wechseis  haften  nur  in  dem 
demonstrativpronomen  und  den  ihm  verwandten  partikeln:  vert  tä  4, 
1.  unt  tes  161,  24.  verlos  ten  161,  4.  daz  tu  198,  11.  daz  ter  161, 
17.  195,  29.  erz  tö  161,  8.  hiez  ter  162,  6.  reitz  ter  161,  17.  doch 
haben  die  meisten  hss.  media. 

Mhd.  Zusammensetzungen  hegen  P  und  K  für  B  und  G,  niemals 
aber  T  für  D,  und  oft  ist  dann  die  sie  verursachende  vorausgegangne 
tenuis  ausgefallen,  deren  Wirkung  dauert,  wie  wenn  der  umlaut  zeu- 
gende vocal  abgestreift  wurde,  quecprunne,  halsperc,  ampaere,  enpran, 
wiltpraete,  Hilprant,  orpicke  Rol.  180,  21  f.  quecbrunne,  halsberc, 
antbsere,  entbran,  wiltbraete,  Hütbrant  f.  Hildebrant,  ortbicke.  höch- 
kezit  Parz.  216,  14,  burcräve,  enkän  Nib.  880,  4,  enkelten,  enkiezen, 
enkurten,  enkegen,  Blicker,  Stricker,  statt  höchgezit,  burcgräve,  ent- 
gän,  entgelten,  entgiezen,  entgurten,  entgegen,  Blitger,  Stritger.  nie 
habe  ich  volctegen,  swerttegen  f.  volcdegen  swertdegen  gelesen.  In 
nhd.  eigennamen  dauern  formen  wie  Hilpert  Eupert  Elspet  statt 
Hildbert  Rudbert  Elsebet,  oder  in  gemeiner  spräche  wilpert  f.  wild- 
brät wildbret.  Analog  scheint  der  Ursprung  der  formen  enpfinden 
enpfähen  enpfarn  enpfüeren  f.  entfinden  entfallen  u.  s.  w.,  wo  das  T 
368 eine  Verstärkung  des  folgenden  F  in  PF  wirkte;  nhd.  empfinden, 
empfangen  aber  entfahren  entführen. 

Auch  nnl.  wird  ein  gewisser  einflusz  des  auslauts  auf  den  anlaut 
wahrgenommen,  der  jedoch  wirkliche  anlehnung  oder  Zusammensetzung 
zweier  Wörter  begehrt,  nicht  von  dem  losen  worte  her  eintritt,  eng- 
anschlieszende  tenuis  asp.  und  spirans  wandeln  das  folgende  D  in  T: 
alstu,  dustaen,  uptie,  metter,  entie,  entaer,  nochtan  f.  als  du,  dus  daen, 
up  die,  met  der,  ende  die,  ende  daer,  noch  dan,  zumal  die  anlehnung 
des  vom  artikel  dat  übrigen  -t  :  torp  =  tdorp,  dat  dorp,  tac  =  tdac, 
dat  dac  tectum,  überall  demnach,  wo  D  dem  goth.  TH  entspricht,  so 


LAUTABSTUFUNG  259 

dasz  dieser  wandel  zwischen  D  und  T  ganz  mit  Notkers  regel  stimmt. 
B  und  G  erfahren  keinen  Umtausch  in  P  und  C;  wol  aber  V  in  F: 
tfolc,  tfelt,  tfenin,  ontfaen,  mesfal  f.  dat  volc,  dat  velt,  dat  venin, 
ontvaen,  mesval,  so  dasz  mnl.  F  härter  als  V  gewesen  sein  musz. 

Diese  hochdeutschen  und  niederländischen  ein  Wirkungen  auslau- 
tender auf  die  anlautenden  consonanten  bilden  einen  bedeutsamen 
Übergang  zu  dem  ähnlichen,  nur  ungleich  vollständiger  entfalteten 
keltischen  lautsystem,  das  sich  solches  wechseis  in  groszer  fülle  höchst 
eigenthümlich  bemächtigt  hat.  alle  seine  scheinbaren  räthsel  werden 
dadurch  gelöst,  dasz  man  die  änderung  des  anlauts  von  dem  voran- 
gehenden oder  vorangegangnen  auslaut  abhängig  macht,  in  den  meisten 
fällen  ist  aber  der  laut,  welchem  die  eigentliche  kraft  den  Wechsel 
hervorzubringen  beiwohnte,  längst  geschwunden  und  nur  mühsam 
auf  historischem  wege  zu  ermitteln. 

Dem  keltischen  consonantismus  stehn  alle  stufen  der  media,  te- 
nuis  und  aspirata  zu  gebot,  ja  die  aspiration  noch  weit  voller  als 
den  meisten  übrigen  urverwandten  sprachen. 

Der  irische  Wechsel  stellt  sich  folgendermaszen  dar: 
P       BP       PH  C     GC     CH  T     DT     TH 

B       MB      BH  G     NG    GH  D    ND    DH 

F       BHF    FH  S     TS     SH 

in  der  ersten  reihe  jedes  organs  erscheint  der  wurzelhafte,  in  der 
zweiten  der  durch  eclipsis,  in  der  dritten  der  durch  aspiration  ver-  369 
änderte  laut,  die  ausspräche  der  consonanten  erster  reihe  hat  kein 
bedenken,  in  der  dritten  lautet  PH  etwas  dicker  als  F,  TH  wie 
bloszes  H,  dessen  Verwandtschaft  mit  S  uns  vielfach  auftaucht.  BH 
hat  beinahe  den  sanften  laut  unseres  W,  vielmehr  den  des  alts.  BH, 
dessen  Schreibung  in  V  schwankt.  GH  und  DH  sind  im  anlaut 
nicht  zu  unterscheiden  und  gleichen  unserm  J.  aber  der  laut  von  FH 
schwindet  ganz  und'SH  klingt  wieder  wie  TH. 

Den  namen  eclipsis  haben  die  graminatiker  gewählt,  weil  der 
wurzellaut  durch  den  vorgetretnen  verdunkelt  werde,  in  der  that 
lauten  BP  GC  DT  MB  ND  BHF  TS  völlig  wie  B  G  D  M  N  BH  T  und 
es  scheint  pedantisch,  das  nicht  ausgesprochne ,  oft  dahinter  unaus- 
sprechliche P  C  T  B  D  F  S  angeblicher  klarheit  halben  anzufügen; 
einige  trennen  es  noch  dazu  durch  einen  lästigen  strich,  den  ich  wenig- 
stens hier  spare,  auch  schreiben  in  gleichem  fall  die  Welschen*  nur 
b  g  d  m  n  statt  des  irischen  bp  gc  dt  mb  nd ;  der  laut  ist  wirklich  in 
b  g  d  m  n  übergegangen,  die  irische  Schreibung  scheint  blosz  historisch 
zu  rechtfertigen,  für  sie  redet,  dasz  in  NG  das  mit  der  liquida  fest 
verbundne  G  beharrt,  auf  gleiche  weise  waren  auch  MB  und  ND 
geknüpft,  die  allmählich  ihre  muta  abstieszen.  bedeutsam  mahnen  diese 
drei  parallelen  formen  MB  NG  ND  an  die  im  deutschen  inlaut  aus 
B  G  D  hervorgehenden  MB  NG  ND,  an  das  poln.  ab  a^d  —  amb  and 


*  [auch  die  Gaelen  lassen  den  eclipsierten  buchstaben  weg  und  schrei- 
ben einfach,     doch  haben  sie  ts.    ts  nur  beim  artikel,  int  s  — .] 

17* 


260  LAÜTABSTUFUNG 

(s.  335),  und  auch  die  irischen  mögen  als  inlaute  angesehn  werden, 
da  sie  durch  vortritt  anderer  auslaute  entspringen,  für  BP  GC  DT 
setzen  einige  PP  CC  TT,  was  sich  zum  schweizerischen  bbränte  gga- 
bla  pfrau  statt  die  bränte,  die  gabel,  die  frau  (Stalders  dialect.  s.  76) 
halten  liesze. 

Alle  diese  consonantwechsel  hängen  ab  von  vorausgehenden  Wör- 
tern; fragt  sich  von  welchen? 

Der  irische  bestimmende  artikel  ist  an,  welcher  dem  litth.  pro- 
nomen  ans  ana,  dem  sl.  on"  ona,  dem  goth.  jains  jaina,  dem  ahd. 
ener  eniu,  dem  altn.  inn  in  buchstäblich  entspricht,  seiner  anwendung 
nach  dem  franz.  le  la  =  lat.  ille  illa.  durch  seinen  einflusz  auf  den 
anlaut  der  folgenden   nomina  wird  an  zu   einem  behelf  für  unter- 

370  scheidung  beider  geschlechter  und  zugleich  des  nom.  vom  gen. 

Hier  schlägt  die  einfache  regel  voll  groszer  Wirkung  ein,  dasz 
der  nom.  sg.  zum  gen.  pl.,  hingegen  der  nom.  pl.  zum  gen.  sg.  ana- 
logie  zeige*,  empfängt  nun  der  nom.  sg.  masc.  durch  den  artikel 
andern  anlaut  als  der  weibliche,  so  scheiden  sich  auch  ihre  obliquen 
casus,  der  artikel  selbst  ändert  sein  an  im  weiblichen  gen.  sg.  und 
nom.  pl.  beider  geschl.  in  na. 

Yocalanlautenden  männlichen  subst.  [Odonovan  71]  schiebt  der 
artikel  im  nom.  ein  T;  weiblichen  im  gen.  H  vor,  welches  H  beide, 
männliche  und  weibliche  auch  im  nom.  pl.  empfangen,  iasg  fisch, 
an  tiasg  der  fisch,  an  eisg  des  fisches,  na  heisg  die  fische;  ean  vogel, 
an  tean  der  vogel,  an  ein  des  vogels,  na  hein  die  vögel,  na  nean 
der  vögel;  aran  brot,  an  taran  das  brot,  an  aran  des  brots;  easbha 
mangel,  an  easbha  der  mangel,  na  heasbha  des  mangels,  na  heasbodha 
die  mangel,  na  neasbhadh  der  mangel;  oigh  mädchen,  na  hoigh  des 
mädchens,  na  hoigh  die  mädchen,  na  nogh  der  mädchen.  der  gen. 
pl.  vocalanlautender  subst.  schaltet  immer  N  vor. 

Allen  männlichen  subst.  mit  muta  [Zeusz  230]  verleiht  der  artikel 
im  gen.,  allen  weiblichen  im  nom.  sg.  aspirata;  in  beiden  geschlechtern 

371  aber  hat  der  nom.  pl.  ursprünglichen,  der  gen.  pl.  eclipsierten  anlaut. 
pus  lippe,  an  pus  die  lippe,  an  phus  der  lippe,  na  pus  die  lippen, 
na  bpus  der  lippen;  bard  dichter,  an  bard  der  dichter,  an  bhaird 
des  dichters,  na  baird  die  dichter,  na  mbaird  der  dichter;  fir  mann, 

*  das  gesetz  greift  viel  weiter  und  zeigt  sich  auch  unabhängig  vom 
artikel  in  anlaut  und  umlaut: 
nom.  sg.  bean  frau  nom.  pl.  mnä  n.  sg.  bard  pl.  baird 

gen.  sg.  mnä  gen.  bean  gen.  baird  bard 

und  beherscht  es  nicht  wunderbar  die  romanische  flexion? 

prov.  nom.  sg.  amics  pl.  amic  altfranz.  amis  ami 

acc.  amic  acc.  amics  ami  amis 

prov.  nom.  sg.  bels  pl.  bei  altfranz.  biaus  biau 

acc.  bei  bels  biau  biaus 

diese  romanischen  formen  entspringen  allerdings  aus  lat. 

amicus  amici  bellus  belli 

amicum  amicos  bellum  bellos 

doch  wie  herrlich  nutzte  der  sprachgeist  die  erlöschende  form  zu  neuer 
frischer  regel,  und  waltete  dabei  nicht  keltisches  gefühl? 


LAUTABSTUFUNG  261 

an  fir  der  mann,  an  f hir  des  manns,  na  fear  die  männer,  na  bhfear 
der  männer;  cu  hund,  an  cu  der  hund,  an  chuin  des  hundes;  cos 
fusz,  an  cos  der  fusz,  an  chois  des  fuszes,  na  cos  die  füsze,  na  gcos 
der  füsze ;  gort  feld,  an  gort  das  feld,  an  ghort  des  feldes,  na  ngort 
der  felder;  trean  held,  an  trean  der  held,  an  threin  des  helden,  na 
trein  die  helden,  na  dtrean  der  helden;  tonn  welle,  an  tonn  die  welle, 
an  thonn  der  welle,  na  tonntha  die  wellen,  na  dtonntha  der  wellen; 
drubh  wagen,  an  drubh  der  wagen,  an  dhrubh  des  wagens,  na  drubh 
die  wagen,  na  ndrubh  der  wagen. 

Beispiele  weiblicher:  ploc  wange,  an  ploc  die  wange,  na  pluice 
der  wange,  na  pluice  die  wangen,  na  bploc  der  wangen ;  bean  frau, 
an  bhean  die  frau,  na  hean  der  frau,  na  bean  die  frauen,  na  mbean 
der  frauen;  fearnog  erle,  an  fhearnog  die  erle,  na  fearnog  der  erle, 
na  fearnog  die  erlen,  na  bhfearnog  der  erlen ;  colam  taube,  an  cholam 
die  taube,  na  colaime  der  taube;  cailleach  hexe,  an  chailleach  die 
hexe,  na  gcailleach  der  hexen;  cluas  ohr,  an  chluas  das  ohr,  na  cluas 
des  ohrs,  na  cluas  die  ohren,  na  gcluas  der  ohren;  glac  hand,  an  ghlac 
die  hand,  na  glac  der  hand,  na  glac  die  hände,  na  nglac  der  hände; 
tir  land  =  lat.  terra,  an  thir  das  land,  na  tire  des  landes,  na  tire 
die  länder,  na  dtire  der  länder;  daif  trank,  an  dhaif  der  trank,  na 
daif  des  tranks,  na  daif  die  tränke,  na  ndaif  der  tränke. 

Die  mit  S  haben  das  eigne,  dasz  der  artikel  vor  ihnen  überall 
eclipse  fordert,  wo  sonst  aspiration  [Odonovan  70].  männliche  setzen 
demnach  ihren  artikel  so:  sal  ferse  =  altn.  hcell,  ags.  hei,  an  sal  die 
ferse,  an  tsal  der  ferse;  sruth  gelehrter,  an  sruth  der  gelehrte,  an 
tsruith  des  gelehrten,  beispiele  weiblicher :  sron  nase,  an  tsron  die  nase, 
na  srone  der  nase;  slat  ruthe,  an  tslat  die  ruthe,  na  slaite  der  ruthe; 
suil  äuge,  an  tsuil  das  äuge,  na  suile  des  auges.  da  der  pl.  in  kei-  372 
nem  geschlecht  aspiration  leidet,   so  bleibt  das  S  im  pl.  unversehrt. 

Durch  leicht  erklärliche  fortwirkung  geht  auch  auf  die  den  subst. 
nachgesetzten  adjectiva  [Odonovan  344]  die  eclipse  über:  an  fear  trean 
der  starke  mann,  na  bhfear  dtrean  der  starken  männer ;  an  aül  ard 
die  hohe  klippe,  nan  aill  nard  der  hohen  klippen. 

Da  mit  dem  gen.  pl.  die  possessiva  ar  noster,  bhar  (bhur)  vester 
nahe  zusammenhängen,  ist  nicht  zu  verwundern,  dasz  nach  ihnen 
und  nach  dem  gen.  pl.  a  =  eorum  eclipse  stattfindet:  bad  boot,  ar 
mbad  unser  boot;  bard  dichter,  ar  mbard  unser  dichter;  cos  fusz, 
bhur  gcosa  eure  füsze;  dann  nachkommen,  ar  gclann  unsre  nach- 
kommen ;  tir  land,  bhur  tdir  euer  land ;  tonn  welle,  ar  tdonna  eure 
wellen ;  doigh  hofnung,  a  ndoigh  deren  hofnung.  der  gen.  sg.  a  ejus 
(masc.  und  fem.)  wirkt  dagegen  aspiration :  pian  dolor,  a  phian  ejus 
dolor ;  bo  vacca,  a  bho  ejus  vacca ;  fuil  sanguis,  a  f huü  ejus  sanguis ; 
cos  pes,  a  chos  ejus  pes;  ceann  caput,  a  cheann  ejus  caput;  toil 
voluntas,  a  thoil  ejus  voluntas;  doras  porta,  a  dhoras  ejus  porta; 
sal  calx,  a  shal  ejus  calx;  suil  oculus,  a  shuil  ejus  oculus;  mathair 
mater,  a  mhathair  ejus  mater. 

Auf  die  verbalform  wirken  verschiedne  vorgesetzte  partikeln  eclipse, 


262  LAUTABSTÜFUNG 

namentlich  fragendes  an  ob,  go  dasz,  da  ob,  iar  nach,  nocha  nicht, 
z.  b.  a  bhfuil  tu?  bist  du?  an  gceilir  hehlst  du?  von  ceilim  celo; 
go  gceilir  dasz  du  hehlest;  da  gceilfinn  wenn  ich  hehlte;  iar  geeilt 
nach  dem  hehlen;  nocha  geeilim  ich  hehle  nicht;  ba  erat,  da  mbadh 
si  esset. 

Einzelne  partikeln  haben  gleiche  Wirkung  vor  Substantiven:  bliad 
annus,  a  mbliadhna  hoc  anno;  trasta  huc  usque,  go  dtrasta;  cein  pro- 
cul,  a  geein;  eul  tergum,  a  geul  a  tergo;  troid  pes,  a  dtraide  stante 
pede;  fior  verus,  Iar  bhfior  verissimus;  ceann  caput,  a  geeann  in  ca- 
pite;  dail  oecursus,  a  ndail  obviam;    an  tigh  domum,  a  dtigh  domi. 

Merkwürdig  ist,    dasz   die  zahlen  VII— X   den  folgenden  conso- 

nant  verdunkeln,  nicht  I — VI.     [vgl.   ordinale.     Odonovan  345.]     es 

373heiszt  aon  chos,   dha  chois,   tri  cosa,   ceitre  cosa,  sC  cosa,  hingegen 

seacht  geosa,   ocht  geosa,   noi  geosa,   deich  geosa.     seacht  gcaoirigh 

sieben  schafe,  ocht  mbliadhna  acht  jähre,  von  caor,  bliadh. 

Im  welschen  [Spurrell  131]  stellt  sich  der  Wechsel  so  dar: 
P     B     PH     MH  C     G      CH     NOH  T     D     TH     NH 

BMF  G    NG  W  D     N     DD 

statt  MH  scheint  die  theorie  zu  fordern  MPH,  für  NH  NTH  und  P  T 
ausgefallen,  wie  neben  M  und  N  die  media  B  und  D.  dem  irischen 
Übergang  des  F  in  BHF,  des  S  in  T  gleicht  hier  nichts,  wogegen 
eclipse  des  M  in  F  stattfindet,  welches  in  der  ausspräche  dem  ir. 
BHF  gleichsteht. 

Wurzelhaftes  P  kann  also  hier  in  drei  laute  überlaufen,  in  B 
PH  und  MH  (z.  b.  pen  haupt  in  ben  phen  mhen),  C  in  G  CH  NCH 
(cän  lied  in  gän  chän  nchän;  cär  freund  in  gär  chär  nchär),  T  in 
D  TH  NH  (tad  vater  in  dad  thad  nhad);  wogegen  wurzelhafte  media 
nur  zwei  laute  erreicht:  B  M  und  F  (bara  brot,  mara  fara;  braich 
arm,  mraich  fraich),  G  NG  und  W  (gwr  mann,  ngwr  wr)  und  D  N 
DD  (duw  gott,  nuw  dduw;  dyn  person,  nyn  ddyn). 

Hält  man  welsche  zu  den  ir.  formen,  so  ergibt  sich  beider  ana- 
logie.  welsches  braich  mraich  fraich  =  ir.  brac  mbrac  bhrac;  wel- 
sches gwr  ngwr  wr  =  ir.  fir  bhfir  fhir;  welsches  duw  nuw  dduw  = 
ir.  dia  ndia  dhe.  dasz  ir.  F  dem  welschen  GW  entspricht,  wurde 
schon  s.  306  gesagt,  dem  GW  schlosz  sich  vornen  leicht  N  an.  oft 
aber  verdeckt  sich  die  gleichheit,  wenn  eine  änderung  des  wurzel- 
lauts  das  wort  in  andere  reihen  wirft;  manche  vocalanlautige  irische 
haben  in  welscher  spräche  consonanten  empfangen,  z.  b.  aran  brot 
ist  welsches  bara,  iasg  fisch  welsches  pysg,  athair  vater  welsches  tad; 
das  letzte  läszt  sich  aus  irischem  an  tathair  der  vater  leiten. 

'Auch  die  bedingungen  des  welschen  wechseis  weichen  ab.  der 
artikel  lautet  vor  consonanten  y  und  hat  keinen  einflusz  auf  sie:  y 
brenin  der  könig  (nicht  y  frenin).  desto  stärkeren  üben  vorgesetzte 
possessiva:  pen  head,  ei  ben  his  head,  ei  phen  her  head,  fy  mhen 
my  head;  bara  bread,  ei  fara  his  bread,  fy  mara  my  bread;  cär  friend, 
ei  gär  his  friend,  ei  chär  her  friend,  fy  nchär  my  friend;  can  song, 
374  ei  gan  his  song,  ei  chan  her  song,  fy  nchan  my  song ;  garth  a  ridge, 


LAUTABSTUFUNG  263 

ei  ngarth  his  ridge,  ei  warth  her  ridge;  gwas  servant,  ei  ngwas  his 
servant,  ei  was  her  servant;  tad  father,  ei  dad  his  father,  ei  thad 
her  father,  fy  nhad  my  father;  duw  god,  ei  dduw  her  god,  fy  nuw  my 
god.  doch  mag  einiges  schwanken,  welch  groszer  unterschied  aber  vom 
irischen  brauch,  wo  das  a  his  und  her  bedeutet,  und  in  beiden  fällen 
aspiriert,  während  das  welsche  ei  his  eclipsiert,  ei  her  aspiriert. 

Die  Zahlwörter  anlangend,  so  aspirieren  tri  und  chwech:  tri 
chär  drei  freunde,  chwech  chär  sechs  freunde,  pump  und  deg  eclip- 
sieren:  pum  mlynedd  fünf  jähre,  deng  mlynedd  zehn  jähre  statt  pump 
blynedd,  deg  blynedd.  hier  leiden  die  Zahlwörter  rückwärts  änderung, 
dem  pump  wird  sein  auslaut  genommen,    in  deg  geht  nasallaut  ein. 

Armorischer  Wechsel: 

PBF  KGCH  T     D     Z 

B  V  G  CH  DZ 

wobei  vorzüglich  das  Z  für  welsches  TH  und  DD  wahrzunehmen  ist. 
M  in  V  gilt  gleichfalls. 

Hier  lautet  der  artikel  ar  (vor  lingualen  ann)  und  hat  gleich 
dem  irischen  kraft  den  cons.  des  subst.  zu  ändern,  doch  auf  ver- 
schiedne  weise:  peden  priere,  ar  beden  la  priere;  ker  ville,  ar  ger 
la  ville;  töen  toit,  ann  döen  le  toit;  bäz  bäton,  ar  vaz  le  bäton; 
göz  taupe,  ar  chöz  la  taupe. 

Einige  possessiva  wirken  eclipse,  andere  aspiration:  penn  tete, 
da  benn  ta  tete,  va  fenn  ma  tete,  hC  fenn  sa  tete,  hö  fennou  leurs 
tetes;  va  breur  mon  frere,  hö  preur  votre  frere;  da  dreid  tes  pieds, 
va  zreid  mes  pieds;  ki  chien,  va  chi  mon  chien. 

Partikeleinflüsse:  deiz  tag,  pe  zeiz?  welcher  tag?;  kleiz  link,  a 
gleiz  links;  deou  recht,  a  zeou  rechts;  bäg  boot,  dre  vag  im  boot; 
glaz  blau,  peuz  chlaz  ziemlich  blau;  mad  gut,  re  vad  zu  gut.  be- 
sonders in  der  conjugation:  bezinn  ero,  ra  vezinn  ut  sim;  pedinn 
rogabo,  ra  bedinn  ut  rogem;  bezez  esses,  pä  vezez  cum  esses;  kär 
amat,  ne  gär  non  amat. 

Einflüsse  der  zahlen:  bara  brot,  daou  vara  zwei  brote,  derv.an375 
eiche,  diou  zerven  zwei  eichen,  merch  mädchen,  diu  verch  zwei  mäd- 
chen,  ki  hund,  tri  chi  drei  hunde,  ti  haus,  tri  zi  drei  häuser,  penn 
köpf,  pevar  fenn  vier  köpfe,  plach  mädchen,  peder  flach  vier  mädchen, 
bioch  kuh,  pemp  pioch  fünf  kühe,  ki  hund,  nao  chi  neun  hunde,  gad 
hase,  d£k  kad  zehn  hasen.  aber  ohne  einflusz  sind  die  zahlen  chouech 
seiz  eiz  (6.  7.  8). 

Gleich  den  irischen  ändern  auch  die  armorischen  adjective  neben 
dem  subst.  ihren  laut:  ar  belek  mäd  der  gute  priester,  ar  veleien 
vad  die  guten  priester;  ar  paotr  bräz  der  grosze  knabe,  ar  baotred 
vräz  die  groszen  knaben. 

Von  besondrer  Wichtigkeit  scheint  die  verschiedne  behandlung 
des  zweiten  worts  der  Zusammensetzungen  in  diesen  drei  sprachen*. 

Die  irische  pflegt  es  zu  aspirieren,  nicht  zu  eclipsieren.   sie  aspi- 

*  zu  diesem  verhalten  der  Zusammensetzungen  musz  das  tilgen  des 
spiritus  in  der  mitte  von  compositis  genommen  werden  (s.  298). 


264  LAUTABSTÜFTJNG 

riert  sogar  nach  liquidem  auslaut  des  ersten  worts:  milbhior  honig- 
wasser,  tiobarbhior  brunnenwasser,  beide  von  bior  wasser;  belbhinn 
mundsüsz  von  binn  dulcis;  cammhuin  krummrücke,  name  eines  vogels; 
camshuileach  krummäugig,  schielend;  banfhile  dichterin,  von  nie  dich- 
ter; morbheinn  groszer  berg,  von  beinn  gipfel;  morfhear  groszer  mann; 
trenfhear  mächtiger  mann;  muirbhran  seerabe;  muirgheilt  meerweib, 
von  geilt;  fionchaor  Weintraube,  von  caor  beere;  dobharchu  wasser- 
hund,  otter,  von  cu  hund;  fionghal  geschlechtsmord ,  von  gal  mord. 
um  so  mehr  nach  mutis :  ardbheinn  hoher  gipfel,  woher  die  silva  ar- 
duenna,  die  Ardennen;  ardshagard  hoherpriester ;  ardchios  hauptab- 
gabe,  von  cios  tributum;  deigbheangutefrau;  deighdhuine  gutermann; 
cocbhran  dohle;  leathchos  halbfusz  d.  i.  einfüszig;  glasmhuir  grünes 
meer;  ceartmheadhon  centrum;  von  meadhon  mitte,  doch  die  lingua- 
len T  und  D  leiden  nach  liquidis  keine  aspiration,  sondern  bleiben 
unverändert:  brandubh  rabenschwarz;  glunndubh  knieschwarz;  ceann- 
376  trean  hauptstark;  ceanndana  von  dana  frech,  ich  finde  auch  mactire 
söhn  des  landes,  wie  die  dichter  den  wolf  nennen,  nicht  macthire. 

Das  zweite  welsche  wort  erfährt  aber  nach  liquiden  häufig  eclipse, 
nicht  aspiration:  coelbren  losz,  holz  zum  wahrsagen,  von  pren  holz; 
mangän  feine  blute,  von  cän;  mangoed  feines  holz,  von  coed;  brenin- 
bysg  königsfisch,  von  pysg,  wahrscheinlich  der  königlichen  tafel  vor- 
behalten; brenindy  königshaus,  von  ty;  tanfaen  von  maen  (s.  336); 
morgad  Seegefecht,  von  cad;  morgant  seabrink,  von  cant;  morben  Pro- 
montorium, von  pen;  morbysg  meerfisch;  gorboeth  valde  calidus  von 
poeth;  dwrgi  otter,  von  ci,  jenes  ir.  dobharchu;  morgi  meerhund,  ein 
fisch.  Nach  mutis  aber  aspiration:  coegfran,  der  eitle  rabe  =  dohle, 
ir.  cocbhran;  coegfalch  eitelstolz,  von  balch;  coegddal  stockblind,  von 
dall;  mabddall  blindgeboren;  mabddysg  tutela  puerorum;  mabwraig 
virago,  von  gwairg  virgo.  Auch  findet  sich  asp.  nach  liquidis :  bre- 
ninfraint  regis  Privilegium,  von  braint;  manddarnau  feine  stücke,  von 
darn;  manddaill  zartes  laub,  von  dail;  manwyn  feiner  schmerz,  von 
gwyn;  manwythen  feine  ader,  von  gwythen;  morfarch  seepferd,  von 
march ;  morfil  seethier,  von  mil ;  morfran  seerabe,  von  bran,  ir.  muir- 
bhran; morwennol  meerschwalbe,  von  gwennol;  morwiber  von  gwiber 
vipera;  mawrddrug  groszes  übel,  von  drwg;  mawrfryd  groszmut,  von 
bryd.  mit  dem  präfix  gor  =  super  werden  eine  menge  wörter  ge- 
steigert, einzelne  aber  nach  verschiedner  bedeutung  bald  aspiriert,  bald 
eclipsiert:  pwyll  impulse,  reason,  wit,  gorphwyll  madness,  gorbwyll 
intimation;  pwys  state  of  rest,  pressure,  weight,  gorphwys  repose, 
gorbwys  dependance;  pen  head,  beginning  or  end,  gorphen,  conclu- 
sion*,  gorben  preeminence.     folgende  sind  nur  aspiriert:  trwm  gra- 


*  den  namen  gorphenhaf  deutete  ich  s.  103  stärke  des  sommers,  weil  die 
cornische  forin  gorephan  bietet  und  phan  dem  welschen  hefin  sommer  gleich 
schien;  da  aber  in  haf  (eigentlich  fülle)  der  begrif  des  sommers  ausgedrückt 
wird,  kann  er  nicht  auch  in  phen  liegen,  und  gorphenhaf  scheint  entweder 
schlusz  oder  gipfel  des  sommers,  vielleicht  wäre  an  efan  lauf,  bewegung  zu 
denken? 


LAUT  ABSTUFUNG  265 

vis,  gorthrwm  pergravis ;  tywys  dux,   gorthy  wys  summus  dux ;  gwag  377 
vanus,  gorwag  vanissimus;  gwar  mansuetus  =  goth.  qairris,  gorwar 
valde  mansuetus. 

Auch  die  armorischen  composita  schwanken  zwischen  eclipse  und 
aspiration,  z.  b.  dourgi  otter  =  welsch  dwrgi ;  mörvran  =  mörfran. 
dies  idiom  läszt  sogar  lose,  wenn  nur  im  sinn  verbundne  Wörter  auf 
einander  wirken,  wenn  das  erste  weiblich  ist:  pöan  benn  dolor  capi- 
tis, pöan  galonn  dolor  cordis. 

Mahnen  diese  keltischen  composita  an  unser  ahd.  ebenbilde  und 
werltpilde  (s.  366)?  diese  Verschiedenheit  der  anlaute,  je  nachdem 
andere  wörter  vorausgehn,  an  Notkers  regel?  auch  er  würde  nach  den 
cardinalzahlen  abwechseln,  z.  b.  zwei  bleter,  driu  bleter,  fior  bleter, 
fünf  pleter,  sehs  pleter,  siben  bleter,  ahto  bleter,  niun  bleter,  zehen 
bleter  schreiben,  der  Wechsel  zwischen  na  fear  und  na  bhfear  (spr. 
na  vear)  gleicht  er  nicht  dem  mnl.  zwischen  tfolc  und  volc,  tfelt  und 
velt  (s.  368)? 

Nur  ist  des  deutschen  wechseis  Ursache  immer  klar  und  in  Ver- 
schiedenheit der  auslaute  nachgewiesen,  während  der  keltische  zwar 
auch  vom  anstosz  vorhergehender  Wörter  abhängt,  aber  eigensinnig  un- 
ter scheinbar  gleichen  umständen  bald  einzutreten,  bald  nicht  einzutre- 
ten pflegt,  bei  Notker  tauschen  die  mutae  rein  phonetisch,  überall 
wo  die  bedingung  dazu  eintritt;  die  keltische  spräche  macht  hingegen 
von  ihrer  regel  dynamischen  gebrauch  (s.  293)  und  weisz  durch  sie 
wichtige  unterschiede    der   casus   und  geschlechter  zu  verdeutlichen. 

Wie  der  sprachgeist  insgemein  alle  willkür  meidet  und  seine  ge- 
heimen triebe  oft  verbirgt ;  sollte  nicht  jener  eigensinn  blosz  schein- 
bar, und  der  vorangehende  auslaut,  wo  er  unbegreiflich  wirkt,  ver- 
stümmelt sein,  so  dasz  er  in  seine  volle  gestalt  zurückgeführt  leicht 
begriffen  würde?  die  praxis  der  spräche  hielt  an  den  Wirkungen 
fest  und  liesz  deren  Ursache  schwinden. 

Aus  dem  einflusz  der  irischen  zahlen  seacht  ocht  naoi  und  deich 
schöpfte  Bopp  die  folgerung,  dasz  ihnen  von  haus  aus  die  endung  -n 
gebühre  (vgl.  oben  s.  243)  und  in  diesem  N  ihre  kraft  beruhe,  den  378 
nächsten  anlaut  zu  ändern;  weshalb  die  organisch  vocalschlüssigen 
andern  zahlen  solche  Wirkung  nicht  äuszern.  in  den  nicht  ganz  hierzu 
stimmenden  welschen  und  armor.  zahlen  scheint  die  ir.  regel  etwas 
entstellt. 

Anderes  gestatteten  die  vocalanlautigen  subst.  zu  folgern,  das  N 
vor  ihren  gen.  pl.  scheint  nicht  sowol  füllung  des  hiatus,  sondern 
dem  artikel  zuständig,  na  nean,  na  niasg,  na  nogh,  na  neasbhadh  also 
sind  eigentlich  nan  ean,  nan  iasg,  nan  ogh,  nan  easbhadh,  und  da- 
durch erklärt  sich  nun  auch  vor  mutis  die  eclipse  im  gen.  pl.,  na  bpus 
na  bploc  na  gcluas  na  dtrein  na  dtire  stehn  für  nam  pus  nam  ploc 
nan  cluas  nan  trein  nan  tire,  was  aber  na  bus  na  bloc  na  gluas  na 
drein  na  dire  gesprochen  wird,  bei  wurzelhafter  media  konnte  die 
liquida  des  artikels  sich  noch  enger  an  die  muta  des  nomens  schlieszen, 
statt  nan  baird  nan  bean  nan  gort  nan  glac  nan  drubh  nan  daif  ergab 


266  LAÜTABSTÜFÜNG 

sich  engeres  nambaird  nambean  nangort  nanglae  nandrubh  nandaif, 
was  man  pedantisch  schreibt  na  rabaird  oder  gar  na  m-baird,  da  es 
doch  in  der  gleitenden  ausspräche  zu  namaird  namean  nanrubh  nanaif 
wurde;  nangort  nanglae  blieben. 

Dasz  der  männliche  artikel  im  gen.  sg.,  der  weibliche  im  nom. 
sg.  aspiriert,  der  männliche  im  nom.  sg.,  der  weibliche  im  gen.  un- 
aspiriert läszt,  leitet  Bopp  her  aus  früherem  vocalischen  ausgang  der 
aspirierenden,  aus  früherem  -s  der  nicht  aspirierenden  form,  dies 
scheint  das  vermutlich  aus  S  hervorgegangne  H  zu  bestätigen,  wel- 
ches dem  gen.  sg.  weiblicher  nomina,  die  auf  vocal  anlauten,  und 
dem  nom.  pl.  beider  geschlechter  vorgeschoben  wird,  na  heasbha  ist 
also  nah  easbha  =  nas  easbha,  und  vor  diesem  nas  haftet  unverwan- 
delte  muta  in  na  pluice  na  bean  u.  s.  w.  Den  Vorschlag  T  in  an 
tiasg,  an  taran  hat  man  wiederum  zu  fassen  als  ursprünglichen  aus- 
gang des  männlichen  artikels  ant  iasg,  ant  aran  [Zeusz  230],  welches 
ant  Bopp  aus  ans  deutet,  womit  jedoch  der  Wechsel  zwischen  an  sal 
und  an  tsal,  an  tslat  und  na  slaite  (s.  371)  nicht  recht  übereintrift. 
379  Mir  fällt  ein,  ob  nicht  ant  aus  häufung  beider  demonstrativstämme 

an  =  litth.  anas,  t  =  litth.  tas  zu  leiten  sei?  wie  die  altn.  spräche, 
nur  in  umgedrehter  folge  sä  inn,  pess  inns  (gramm.  4,  379.  431), 
die  mnl.  de  gone  (4,  447)  verknüpft,  auch  gliche  das  vorgesetzte 
T  in  taran  tiasg  dem  vorstehenden  D  in  derda  dougen  dandern  dander 
(4,  370.  372).  wo  das  T  steht,  oder  hinter  dem  an  früher  gestan- 
den haben  musz,  unterbleibt  die  aspiration,  und  muta  ändert  sich 
nicht;  ebenso  könnte  sie  im  gen.  sg.  fem.  ein  weggefallnes  -s  ge- 
hindert haben,  die  auslaute  T  oder  S  hemmen  also  aspiration  und 
eclipse,  vocalauslaut  ruft  aspiration  und  eclipse,  der  auslaut  N  eclipse 
hervor.  Man  kann  sagen,  vocal  und  liquida  wirken  auf  den  folgenden 
cons.  erweichend,  muta  erhält  ihn  unverändert,  recht  verstanden  ist 
das  auch  erfolg  der  notkerschen  regel,  welche  nach  vocal  und  liq. 
den  folgenden  cons.  weich,  nach  muta  hart  verlangt,  dem  ahd.  organ 
ist  freilich  der  harte  laut  regel,  der  weiche  ausnähme  und  in  sofern 
kann  angenommen  werden,  dasz  auslautende  muta  den  anlaut  ändere, 
vocal  und  liq.  aber  unangegriffen  lasse,  wo  der  keltische  anlaut  un- 
geändert  haftet,  darf  im  auslaut  muta,  wenn  sie  mangelt,  früher  vor- 
handen geglaubt  werden. 

Was  man  aber  auch  von  diesen  deutungen  urtheile  (und  das  Ver- 
hältnis der  welschen  und  armor.  spräche  zur  irischen  führt  grosze 
Schwierigkeit  mit  sich);  das  factische  Vorhandensein  der  keltischen 
lautwechsel  ist  in  der  geschichte  unsrer  urverwandten  sprachen  eine 
der  eigenthümlichsten  erscheinungen,  und  fernerer  forschung  werth. 
Zumal  räthselhaft  scheint  der  eintritt  oder  nichteintritt  des  wechseis 
nach  denselben  partikeln,  wenn  sich  die  bedeutung  ändert,  oder  der 
welsche  unterschied  zwischen  gorben  und  gorphen.  hier  wird  es  fast 
unmöglich  die  Verschiedenheit  der  wirkung,  dem  buchstab  und  dem 
sinn  nach,  von  einem  ausgefallnen  laut  abhängig  zu  machen. 

Es  verdient  alle  aufmerksamkeit,  dasz  der  irische  vortritt  des  T 


LAUT  ABSTUFUNG  267 

und  H  vor  vocalen,  so  wie  der  Wechsel  zwischen  S  und  TS  (sprich  T) 
den  beiden  übrigen  sprachen  mangelt,  statt  des  ir.  athair  aran  und 
iasg  erscheint  welsches  tad  bara  und  pysg,  und  wie  athair  dem  atta  380 
(s.  271),  aran  dem  gr.  ägtog,  begegnet  pysg  dem  lat.  piscis,  goth. 
fisks,  tad  dem  lat.  pater  goth.  fadar.  tiasg  aber  vermittelt  piscis, 
wie  tathair  tad  und  pater.  ir.  tir  =  lat.  terra  könnten  wiederum  zu 
goth.  airpa  ahd.  erda  stehn  gleich  dem  tad  zu  athair,  man  erwäge 
fälle  wie  olyog  n6l%og  (s.  326)  und  ähnliche.  Ir.  sron  nasus  ist 
unverkennbar  das  gr.  glv  oder  Qtg  nach  dem  Wechsel  zwischen  S  und 
H*;  ich  vergleiche  ihm  aber  auch  den  sl.  namen  des  elefanten  slon" 
d.  i.  nasutus,  mit  Wechsel  des  R  und  L.  der  artikulierten  form  an 
tsron  (spr.  tron)  entspricht  offenbar  das  welsche  trwyn,  altn.  triona 
rostrum,  schwed.  dän.  tryne  und  ich  möchte  auch  das  mhd.  drüzzel, 
nhd.  rüssel  hinzu  und  rostrum  f.  trostrum  nehmen,  ir.  sreanga  ver- 
gleicht sich  unserm  sträng,  ir.  sreamh  dem  ags.  stream,  ahd.  ström, 
die  artikulierte  form  tsreamh  (spr.  treamh)  zugleich  dem  mhd.  trän, 
so  manigfach  kreuzen  sich  diese  laute.  Was  is